Samstag, 6. Oktober 2012
Über den linken Moralismus von Sexualität und Gender, oder wie schwer es ist von der Rolle zu kommen
All die Auseinandersetzungen mit Momorulez und um die Mädchenmannschaft, das Gendercamp, RS und das Nobordercamp haben mir eine Sache schmerzlich klar gemacht: Das Thema Rollenverhalten, sowohl auf Genderfragen bezogen als auch hinsichtlich Rassismus, ist in der akadenmischen Linken immer noch genauso kompliziert und mit derart vielen Tabus und rigiden Moralisierungen aufgeladen wie ich das aus den 80ern und schlimmer noch 90ern kenne, und ein lockeres Verhältnis zur Sexualität hat diese Linke sicher nicht.

Zwischenspruch: In den frühen 80ern war das definitiv anders, da wurde quergevögelt was das Zeug hielt. Zwischenspruch Schluss. Das ist einerseits verständlich: Es ist nicht einfach, Alternativen zu den Lebensentwürfen der Normalos zu entwickeln, und anders leben kann sehr anstrengend werden. Andererseits greifen dann auch allzuhäufig, wenn Auseinandersetzungen um Sexismus, Homophobie oder Grenzverletzungen geführt werden Mechanismen, die eher mit religiösen Praktiken und eben auch einer puritanischen oder katholischen Moral zu tun haben als mit rationalen linksemanzipatorischen Kriterien. Dabei muss ich allerdings sagen, dass ich nicht so sehr viele sehr junge Linke kenne. Die meisten Linken mit denen ich zu tun habe sind so 35 bis 50, und da haben sich mit moralischem Rigorismus geführte Genderdebatten im Allgemeinen herausgewachsen, und die Jungantifas um 20 die ich so kenne erlebe ich auf Demos oder aktionsbezogenen Plena, weiß aber nicht, was bei denen intern so abgeht. Oder es sind Leute aus der Kletterszene, und die sind weder moralisch noch prüde. Und auch ganz allgemein viel sozialkompetenter als so manche Diskursnervensägen, was sich auf dem auf Leben und Tod aufeinander angewiesen sein zwangsläufig ergibt.


Ich mache jetzt ein Fass auf: Da ich nicht weiß wie das in linken Zusammenhängen heute aussieht erzähle ich mal wieder von früher, beschreibe erlebte Strukturen und bitte dann mal das kommentarfreudige Publikum, Stellung zu nehmen, ob es Ähnliches heute noch gibt oder ob die eigenen Erfahrungen von dunnemals oder dazwischen ähnlich oder völlig anders sind.


In den linken Lebenswelten die mal meine Heimat waren gestaltete sich so im Zeitraum 1988-2000 zumindest bei den Heteros/ras der szeneöffentliche Umgang mit Körperlichkeit schwierig. Aus dem Anspruch, feministische, antipatriarchale, egalitäre Prinzipien zu leben wurde ein Rigorismus, der teilweise stark selbstrepressive Züge annahm. Da sich die Szene anders kleidete als der bürgerliche Geschmack es vorsah, so eine bunte Mischung aus Hippie-Punk- Rasta- Biker- und Survivaloutfit, war zugleich klar, was gar nicht ging. Linke Frauen hatten keinen Chic zu tragen, höchstens etwas, das "Kampfchic" genannt wurde, z.B. Schweizer Armeejacke oder Lederjacke, Minirock, Strumpfhosen und High-Heel-Dr. Martens. Riotgirls wie die junge Netbitch setzten da vielleicht noch einen drauf, indem sie das sommers mit Strapsteilen und nabelfreiem Top kombinierten, aber die ihren Feminismus durch Kleidung zum Ausdruck bringende Durchschnittslinke trug eher Schlabber-Kapuzi (die Dinger heißen heute Hooddies, der Begriff war uns damals aber unbekannt), und schulter- und nabelfrei ins JUZI zu gehen wurde schon als Provokation angesehen, die eindeutig gegen die Szenemoral verstieß.

Ich wohnte zu der Zeit in einer WG mit einer jungen Dolmetscherin zusammen, schön wie ein Model und auch entsprechend aufgemacht. Die ging mit High Heels und Lippenstift auf ein Plenum, und voll finsterer Verachtung sagte ein Genosse: "So, wie die aussieht, kriegt die nichts auf die Reihe!". Wenn linke Frauen stark an Männern hingen, stärker, als es den eigenen feministische Wertvorstellung entsprach, so wurde damit von vielen Genossinnen nicht etwa mit Verständnis, sondern mit Verachtung reagiert "wer sich selbst über Männer definiert ist keine Feministin". Ansprüche, die über die Familienblümchensexstandardmentalität hinausgingen wurden nicht einfach als anzustrebende Ideale gesetzt, sondern als Zwänge, denen Genüge getan werden musste, es stand auch ein Leistungsanspruch dahinter. Insgesamt ergab diese Denke informelle Hierarchien, in denen diejenigen oben standen, die nach szenemäßigem Wertverständnis "am Weitesten" waren. Gute Karten hatte da, wer sexuelle Praktiken hatte, die möglichst weit vom Missionarsstellungssex abwichen (aber bei Heten bitte kein BDSM, die galten dann gleich als zu therapierende Perverse). Als eine Frau, die bis dahin als Lesbe gelebt hatte, plötzlich mit einem Mann zusammen war, sogar einem ziemlichen Macho, wurde dies als Rückschritt in ihrer Entwicklung angesehen. Und viele linke Heteromänner, ich auch, suchten sich ihre sexuellen Kontakte vorsichtshalber außerhalb der Szene.

Ich hatte Anfang der 90er das Heidenglück, nach meinem Bruch mit zwei früheren Bezugsgruppen in ganz neue Zusammenhänge hineinzugeraten in denen diese rigiden Maßstäbe keine Gültigkeit hatten oder doch nur eingeschränkt, z.T. ironisiert wurden. Und insbesondere die von Flüchtlingen geprägten waren da dann für mich geradezu heilsam. Nun, so aus zeitlicherDistanz betrachtet frage ich, ob es so etwas wie geschildert immer noch oder schon wieder gibt.

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