Donnerstag, 23. Mai 2013
Schattenseiten des Blogfeminismus
Vorweg: Ich will sicher nicht ins gleiche Horn stoßen wie gewisse linksliberale Feminismusdisser oder gar Maskulinisten. Dennoch finde ich bedenkenswert, was da aktuell so an Kritik an aktuellen Erscheinungsformen des Blogfeminismus und der Radical-CW-Ideologie formuliert wird.

Istina (aka Samir Sellami und Frederik Tidé schreibt:

http://istinalog.net/2013/05/21/die-schattenseite-des-empowerments/


und die nette Bitch macht ihren sehr straighten lustbetonte-Powerfrau-gegen-Larmoryanz-Standpunkt klar:

http://netbitch1.twoday.net/stories/404101826/

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Diese ganzen Jammerelsen gehen mir sowas von auf die Eierstöcke. Feminismus bedeutet für mich eine Kampfposition für Frauenrechte, aber das sich aufregen über Blicke von Tüpen oder N-Wort-Debatten, sorry, das ist Kinnerkacke. Ich weigere mich, diese Leute als Erwachsene wahrzunehmen.

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jetzt mal fies: hast Du nicht die kultische Verehrung für anitipatriarchalische Lesben in ehemals linken Kreisen, wie Du es oft schildertest, gegen eine kultische Verehrung für netbitch eingetauscht? Die Powerfrau? Ich selber bin da ganz anspruchlos. Und bin damit ganz zufrieden, wenn das Weibchen dieselbe Anspruchslosigkeit akzeptiert, sprich ab und zu zum Kuscheln vorbeikommt, und wenn es sein muss, dann kommt es sogar zum Sex. - Eine lästige Angelegenheit.

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Von kultischer Verehrung kann in keinem dieser Fälle die Rede sein.

Die Tatsache, dass in autonomen Kreisen ganz bestimmte Lesben, nämlich solche, die in radikalfeministischen Frauenzusammenhängen organisiert waren als unkritisierbar und eine Art moralische Institution galten hat eher etwas mit einem aus Antidiskriminierungsdenken resultierenden besonderem Respekt vor Marginalisierten zu tun.
Momos Umgangsweise mit Qwertzu macht ziemlich deutlich, was das für Mechanismen sind.
Wobei Netbitchs Verhältnis zu denen nochmal ein ganz Anderes ist, die war ja selbst in diesen Frauenzusammenhängen aktiv.

Mit Anspruchslosigkeit ist mir nicht zu kommen, und Sex lästig zu finden, auf die Idee käme ich nicht.

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aber wenn Du sone Freundin hättest, bei der solche ideologisch motivierten Verbote aus gesundheitlichen Gründen ohnehin gelten, würdest Du darüber auch anders denken. Aus uraltem Geschlecht stammend, mit Oberklasse-SS-Vergangenheit, aber verarmt, mehrfach behindert (Inzucht?), aber trotz all der Brust-Krebs-Operatrionen, zwar verschämt, aber immernoch gigantisch, und mit wohlgeformten Po (dass der schön sei, darauf musste ich sie erst aufmerksam machen), seit dem 15. Lebensjahr Morphinabhängig, wegen diverser Fehloperationen die Behinderungen betreffend (also chronische Schmerzen) - all das hat mich gelehrt, dass Sex kein Leistungssport ist.

Wie überhaupt mal ne Prinzessin mir steckte: Zweige mit ner Behinderung werden sowieso aus der Erbfolge ausgeschlossen. Da hülfen auch keine 150-Jahre währenden juristischen Streitigkeikten mehr weiter, sonst hätte ich sie ja geheiratet.

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Oooooooops!

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ja, Che, Du scheinst mich zu verstehen ... Es lässt sich aber noch toppen: wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs durch die Mutter (seit der Kindheit), und der Onkel griff dann auch mal zu, mit 16 im Frauenhaus, dann Street Live, aber eben deutlich überdurchschnittlich intelligent, beste Auszeichnung im Vorstudium Psychologie, gescheiterte lesbische Beziehungen ...

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Das macht mich jetzt gerade ein wenig fassungslos. Verglichen damit waren meine durchaus oft unglücklichen bzw. problematischen Liebschaften einfach und unkompliziert gestrickt, bzw. die Bedingungen waren dies. Wobei ich, was Sex angeht, eher simpel gestrickt und ziemlich unmittelbar triebhaft bin.

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@>Die Tatsache, dass in autonomen Kreisen ganz bestimmte Lesben, nämlich solche, die in radikalfeministischen Frauenzusammenhängen organisiert waren als unkritisierbar und eine Art moralische Institution galten hat eher etwas mit einem aus Antidiskriminierungsdenken resultierenden besonderem Respekt vor Marginalisierten zu tun.<


Das war es nicht alleine. Diese Bewegungslesben galten deshalb als in einer imaginären Frauenbewegungshierarchie höher stehend, weil sie die konsequenteren Feministinnen waren, da sie gar nicht erst Beziehungen mit Männern hatten. Lesbisch sein galt als die eigentlich konsequente Lebensweise für Femnistinnen. Das ging so weit, dass mitunter lesbische Lebensabschnitte oder besser gesagt Beziehungen mit Frauen frei erfunden wurden, um besser dazustehen. Das war für mich aber eine Momentaufnahme aus einem konkreten Frauenzentrum, das es schon lange nicht mehr gibt.

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Da treffen wir uns mal wieder: Ob meine Szeneerfahrungen verallgemeinerbar sind weiß ich nicht. Das hatte ich ja auch schon bei der Distelfliege geschrieben - erstmal sind das nur subjektive und persönliche Erlebnisse.

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Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, dass Maedchenmannschaft & Umfeld etwas irritierend wirken können auf feministische Frauen, welche eher heterosexuell orientiert sind.

Wenn bereits bloße Anwesenheit von Kleinfamilien ("heteronormative Performance") oder ein wechselseitig respektierender heterosexueller Umgang zwischen den Geschlechtern ("Hetenperformance") dazu führt, intensiv bekrittelt zu werden:

...dann sind das eben nicht die Kämpfe und Schwerpunkte, welche "durchschnittliche" linke feministische Frauen interessieren.

Vor ein paar Jahren gab es mal einen öffentlichen Vortrag von einigen Feministinnen auf einem Bloggerkongress über okayes Flirten. Spannendes Thema, wie ich finde. N Lantzsch war auch dabei, als Dozentin, und wirkte dabei (meine Interpretation) höchstgradig irritiert.

Ich behaupte mal, so wie sich MM und Umfeld in den letzten Jahren weiter entwickelt haben, würden sie heutzutage eher einen sehr ausführlichen Vortrag darüber halten, welche Erwartungen sie an "Allies" richten, und inwiefern sie sich durch "heteronormative Performances" in ihrem, ähm, ungemein fortschrittlichen Dasein belästigt fühlen...

(okay: jetzt habe ich genug gelästert - aber ernsthaft, ich glaube, dass die inzwischen ausgesprochen queerfeministische und eher verbiestert-akademische Ausrichtung von MM & Co - vorsichtig vormuliert - reichlich speziell ist)

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Und im Übrigen bin ich der Meinung, Du solltest meine Mails beantwortern.

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Che, schreib doch mal
einen eigenen Artikel über diese Mailgeschichte. Irgendwas sitmmt da nicht. Mich würde interessieren, was. Wer schreibt wann, wer schreibt was, wer warum nicht, Hintergründe, Emotionen, Wallungen.

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Kann nicht sagen...
daß mich das nicht auch interessieren würde! aber nach meinen eigenen strengen Maßstäben zur Besprechung von Persönlichem/Konflikten in der Netzöffentlichkeit, die ich hier schon nannte, kann ich mich dieser Aufforderung am Ende nicht anschließen :)

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@N Lantzsch war auch dabei, als Dozentin, und wirkte dabei (meine Interpretation) höchstgradig irritiert. - wieso ist eine Person, die vor allem selber sehr der Anleitung und Belehrung bedürfte, immer überall als Dozentin dabei?

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Nix da
Es ist einfach so, dass ich mit dem an sich in Mailverkehr stehe, er warum auch immer aber gerade die für mich wichtigen Mails nicht beantwortet. Und solange er Zeit und Energie hat, hier Kommentare zu schreiben, die auch willkommen sind, reibe ich ihm jedesmal unter die Nase, dass ich seine Antworten lesen will.

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ostentativ-verschämter Nichthinguck
da bin ich irgendwo beim deutlichen jain. es gibt so unendlich viele schöne Frauen, dass ich manchmal schon fast dazu neige religiös zu werden. ich kenne es aber auch noch aus Schulzeiten, wie KLassenkameradinnen sich über die "Antarrer" unterhieltn. Ne WG-Mitbewohnerin berichtete, dieses Phänomen betreffend, von dem Kerl, dem sie dann in der U-Bahn solage auf die Eier starrte, bis der endlich errötete. Meine Mutter, ehem. Grundschullehrerin, berichtete, dass sie es nicht besonders charmant fand, wie sie bei einem Elternabend von dem einen "mit den Blicken ausgezogen"wurde.

Auf der anderen Seite lebe ich im Speckgürtel, wo es aber trotzdem noch ein paar günstige Wohnungen gibt, und die Exemplare des weiblichen Geschlechts, die hier rumlaufen, sind fast durchweg sehr sehr schön, gepflegt und immer geschmackvoll gekleidet. Ok., manchmal sind sie modisch etwas nachlässig, dann zumeist aus anthroposophie-like-linksliberalem Haushalt, - ja, hier gilt es noch als unfein, um sein 2 Millionen Grundstück einen Riesenzaun oder gar ne Mauer zu errichten.

Es sind allerdings fast alles eher Mädchen, denen ich manchmal direkt nachschaue, mich schamlos umdrehe. Aber was kann ich dafür, wer in dieser Gegend n Job und/oder geheiratet hat, ist vielleicht mal mit dem Porsche-Kinderwagen und ansonsten sowieso mit dem Auto unterwegs. Hier gibt es im öffentlichen Raum nur Omas und Schulmädchen oder eben sehr junge Frauen.

Und ich möchte es wiederholen: (fast) immer ohne Geschmackliche Fehlleistungen gekleidet. Haare gut gemacht usw. Nie prollig aufgemacht. Ich glaube aber eine Beobachtung gemacht zu haben: in der Stadt scheint frau eher verschiedenen Modediktaten zu unterliegen; scheint sich eher "züchtig" zu kleiden. Sie sind da ja auch viel mehr Blicken ausgeliefert. Ich beobachtete da mal eine Frau an einem heißen Sommertag in der S-Bahn, entsprechend luftig gekleidet, deren verschwitztes Gesicht nicht nur von dem heißen Tag sondern auch ihrem offenkundigen Genervtsein von allzuvielen Blicken zeugte. Natürlich "lümmelte" ich da "mit den Augen" (Arno Schmidt) nicht weiter rum. Aber hier bin ich manchmal geradezu erschrocken von soviel Schönheit, dass ich es kaum noch wage, hinzuschauen. Nur ein kurzer schüchterner Seitenblick. Und manchmal ernte ich einen fast interessierten Zurückblick oder ein Fast-Lächeln auf mein Lächelversuch, von einem dieser Mädels so um die 20, die hier völlig unbekümmert herumwuseln. Und mehr will ich ja auch gar nicht.

Zwar setzte ich mir im Sommer oftmals eine Sonnenbrille auf, damit es nicht so offenkundig ist, jedoch versuche ich mich u.A. aus den genannten Gründen durchaus zu zügeln, es ist eben immer auch eine Frage der Erziehung und des Respekts, ob ich jemanden nun lediglich als Objekt sehe oder eben als eine schöne, vor Jugend strotzende Person. Pornographischer Blick geht gar nicht! Außerdem wohne ich im Vorstadt-Dorf, und
Anonymität ist nicht gegeben

Ich habe aber über meine Schamlosigkeit nachgedacht, als ich davon hörte, dass in linken Kreisen Leuten selbst vorgeschrieben worden sein soll, wie zu gucken, oder besser nicht zu gucken sei. Aber wenn hier nur Omas und Opas und sehr junge und schöne Frauen rumlaufen, wer soll die, von denen mir manchmal 10 bis ca.15 am Tag übern Weg laufen, denn bitteschön sonst angucken? Ich meine jetzt nicht Minderjährige, wie sie zwei Stadtteile weiter, etwas prolliger, rumlaufen und die jeden Scheiß mitmachen: mit Hotpants und krebsrotem Farbton der Beine, weil, Haarentfernung muss in dem Alter schließlich sein.

Ich experimentiere jetzt wieder mehr mit ostentativ-verschämtem Nichthingucken. Und das ist echt der Renner. Ich bin sowieso ein schüchterner Typ und mir rutscht jedesmal, wenn ich einkaufen gehe, so etwa mindestens dreimal das Herz in die Hose. Früher habe ich mich, einfach dem Refex folgend, fast immer umgedreht, aber einen genervten Blick o.Ä. habe ich noch nie ernten müssen. Triebunterdrückung stand, was dies betrifft, nicht auf dem Programm. Inzwischen, niemand wird schließlich jünger, ist es dieser ostentativ-verschämter (fast) Nichthinguck: Sich selbst zum Objekt machen, was ich ehrlicher finde - entweder man wird beachtet oder nicht - ist mittlerweile meine Art und Weise geworden, weiblicher Schönheit zu huldigen.

Ich habe es aber auch erlebt, wie zwei junge Punk-Mädchen gerade im Begriff waren, aus dem Bus auszusteigen, und den beiden Girlies, gerade vom Shopping kommend, die mädchenhaft-hübsch in ihrer Art, sich zu kleiden, sich, wie es dann klar wurde, im Ergebnis ausschließlich männlichen Wünschen nachkommend darboten, denen also die Punkmädchen unverhohlen ihre Verachtung und Belustigung über sowas zeigten. Diese Erlebnis hat mich ein Stück weit geheilt.

In Italien glaubte ich i.d. 80ern die Beobachtung zu machen, dass die Frauen ganz gut darauf vorbereitet waren, natürlich fast ausnahmslos elegant gekleidet, angeschaut zu werden, und dies wohl auch z.T. zumindest genossen, wodurch sie, so vermutete ich, eine eigentümliche Würde auszustrahlen schienen, die in Deutschland, wie es aussah, unbekannt. Wie es allerdings in Italien mit der Emanzipation Frau aussieht - dazu müsste jemand anderes etwas sagen; vermutlich ist es damit nicht gerade zum Besten bestellt.

PS: und die Frau - ehrlicher wäre es gewesen, zu sagen dass sie meine Freundin war -, von der ich oben berichtete, zog sich immer betont androgyn-unsexy an, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, dass sich einige Männer an der scheinbaren Hilflosigkeit eine Gehbehinderten aufgeilten oder zudringlich wurden, was ihr Angst einflöste. Andererseits trampte sie nach Berlin, kaschierte mit ihrer Jacke nach Möglichkeit ihre sonst sehr gut erkennbaren Brüste - und in dieser Jacke, in der Innentasche, hatte sie ne geladene Waffe!

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Nichthingucken kann ich gar nicht, Verschämtheit ist mir fremd, dazu bin ich viel zu extravertiert. Ich bin eher so der Typ, der mit ausgebreiteten Armen auf andere zugeht. Wenn ich eine halbe oder ganze Stunde in Berlin oder Hamburg mit der U-Bahn unterwegs bin kann es gar nicht anders sein als dass ich da mit zwei oder drei verschiedenen Leuten ins Gespräch komme, und die Gespräche sind meistens interessant (auf die Weise u.a. Leute aus Argentinien, Südkorea und dem Yemen kennengelernt und interessante Dinge über deren Länder erfahren). Als Journalist, Dozent und Handelsvertreter bin ich darauf angewiesen, kontaktfreudig zu sein, ja, Kontakter sein ist mein Job. Schüchtern sein hieße in meinem Job so viel wie sich den Kopfschuss geben.

Ich war kürzlich auf einem Sekt- und Büffetempfang, so die Sorte, wo mit dem Porsche Cabrio vorgefahren wird, und da waren viele schöne, spannende und starke Frauen unterwegs. Ich ließ meinen Blick wandern, hoffe, nicht auf die nervend-aufdringliche Art, weiß das nicht so genau, sehe mich ja nicht von außen, und bekam ja auch Resultate: Eine Frau lächelte mich erst freundlich an, wandte sich kurz darauf aber genervt ab - da hatte ich wohl einen Augenblick zu lange geguckt - eine fing ostentativ an mit dem Hintern zu wackeln (Abwehr durch Flucht nach vorn?), mit vier weiteren kam ich ins Gespräch, und bei zweien folgten Verabredungen.

Btw.

Auf der Straße allerdings fällt mir sehr häufig auf, dass viele Frauen von vornherein mit niedergeschlagenem Blick durch die Gegend gehen, und da überkommt mich dann so ein ambivalentes Gefühl, bestehend aus der Eigenwahrnehmung meiner Privilegien, dem Bedauern darüber, dass jemand sich genötigt fühlt, überhaupt den Blick niederzuschlagen, und dem Wunsch, niemanden zu belästigen. Es ist schon ein Unterschied, ob ich mich in einer Umgebung bewege, die als Spielwiese markiert ist - Parties, Empfänge, Bälle und Ähnliches - oder auf dem Bürgersteig unterwegs bin.


Was die Netbitch da schilderte, nämlich sich laut über die Anmacher lustig zu machen und dabei auch noch selbst Spaß zu haben scheint mir aber eine sehr gute Art zu sein, mit Hinterhergepfeife, Penetrierblicken o.ä. umzugehen.

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Hyper-Narzissmus
Eigentlich waren die folgenden Überlegungen, die ich in einer Mail an Che formulierte, eher nicht-öffentlicher Natur. Da Che aber meinte, ich solle das doch öffentlich zur Diskussion stellen, tue ich das hiermit:
Moin Che,

ich bin mir nicht mehr ganz so sicher, ob wir das wirklich alles schon damals in den 80er Jahren erlebt haben. Langsam habe ich den Verdacht, daß das eine ganz grundsätzlich neue Qualität hat. Das ist allerdings mehr so ein Bauchgefühl als stichhaltig zu begründendes Wissen.

Allerdings hat eine Bemerkung von highoncliches bei mir eine Hypothese getriggert, die ich für vielleicht nicht ganz an den Haaren herbeigezogen halte. Es ist die Bemerkung: "Aber da der öffentliche Raum meist durchquert wird, um etwas zu erledigen, sollte es keine großen Hürden geben, ihn zu betreten." Die Hypothese: Es handelt sich um eine Generation, die keinerlei Verständnis mehr von "öffentlichem Raum" hat. Öffentlicher Raum ist für sie nicht ein Ort, wo man unerwartete und gerade dadurch interessante und aufregende Begegnungen machen kann. Für sie ist der öffentlicher Raum vielmehr etwas, was man gezwungenermaßen gelegentlich durchqueren muß, das man aber am besten meidet, weil es vollgestellt ist mit unbekannten Dingen, mit denen man konfrontiert werden könnte. Und das wird als unglaublich bedrohlich empfunden.

Soziologisch ließe sich das dadurch erklären, daß es sich um eine Generation von Einzelkindern handelt, die auf einmal zum ersten Mal mit der Welt konfrontiert wurde. Schon von klein an wurden sie von Mutti mit dem SUV zum Kindergarten und zur Schule gebracht etc. pp. Von ihren Eltern sind sie, so gut es ging, von der bösen Außenwelt, abgeschirmt worden. Und jetzt sind sie nicht mehr in der Lage, damit umzugehen, daß sie im realen Leben nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Sondern nur ein beliebiges Individuum unter vielen anderen und daß es Individuen gibt, die andere (oder überhaupt) Erfahrungen gemacht haben, und deshalb gewisse Dinge anders sehen als sie selbst.

Und so wird jede andere Meinung, die im öffentlichen Raum geäußert wird, sofort als Angriff auf das eigene Ich gewertet, weil sie es nicht gewohnt sind, daß es in ihrem Universum etwas gibt, das ihnen Widerstand leistet. Und deshalb meidet man den öffentlichen Raum, schafft sich mit Hilfe von "trigger-warnungen" "safe places", in denen man, wie schon zu seligen Kinderzeiten, die Definitionsmacht hat. Das schon manisch zu nennende Löschen von Blog-Kommentaren, wenn diese eine auch nur minimal abweichende Position einnehmen, paßt genau in dieses Schema.

Philosophisch gesprochen: Sie sind Subjekte, denen nicht nur jeglicher Objektbezug fehlt (was klassischer Narzissmus wäre), sondern die vor allem, was Nicht-Ich ist, in Panik verfallen.

Um einen Begriff für dieses Verhalten zu prägen: Ich würde das Hyper-Narzissmus nennen.
Das ist natürlich alles etwas ins Blaue hinein spekuliert, aber vielleicht ergibt sich daraus ja eine Diskussion.

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Also kindlich finde ich die Reaktionweisen von momorulez über lantzschi bis zweisatz allemal. Und auch eigentlich längst nicht mehr politisch.

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AB, das ist eine sehr interessante Deutung, eine andere kam von einem Bekannten, der das ähnlich kritisch sieht. Er meinte, es könnte auch einfach sein, dass wir hier die selbstverstärkenden Effekte von Filterblasen-Kommunikation erleben.

Diesen antiemanzipatorischen Effekt des Netzes hätte Evgeny Morozov in anderen Zusammenhängen (911-Konspirologen, UFO-Gläubige etc.) mal beschrieben. Vielleicht ergibt sich ja aus Deiner und seiner Aussage eine Schnittmenge?!


http://www.spiegel.de/netzwelt/web/netzkultur-der-tod-des-cyberflaneurs-a-814236.html


http://www.youtube.com/watch?v=Ah_T9cg-J6s


http://www.taz.de/!64756/

http://www.ted.com/talks/evgeny_morozov_is_the_internet_what_orwell_feared.html

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Ich tippe auf den Filterblasen-Effekt. Eine "Generation der Einzelkinder" sehe ich eher nicht.

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Das mit der Filterblase schließt sich nicht nur nicht aus, sondern ergänzt sich meines Erachtens. Warum bewegen sich diese Figuren denn ausschließlich in ihrer Filterblase? Weil sie den öffentlichen Raum fürchten. Cocooning würde ich da als weiteres zusätzliches Stichwort in die Runde werfen.

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OK, Filterblase wäre da also schon Wirkung und nicht Ursache. Was Selbstverstärkung dann ja nicht ausschließt. Passt schon irgendwie.
Ich würde mich nur schwer damit tun, mich gleich auf die Makroebene zu begeben und irgendwelche Generationen zu konstruieren. Die Blogosphäre taugt nicht als Repräsentant des RL.
Damit will ich nicht bestreiten, dass es solche Menschen, wie von Dir beschrieben, generell gibt. Vielleicht ticken bestimmte Blogger tatsächlich so. Aber da jetzt einen bestimmtes Millieu (siehe SUV) als Ursache zu identifizieren, finde ich dann doch etwas kurz gegriffen.

Will ich jetzt zwar nicht ernsthaft unterstellen, aber:
Wenn eins ein bisschen an der These dreht, kann eins auch n lustiges gängiges 68er-Bashing draus basteln, geht es doch um Menschen denen in der Kindheit offenbar "keine Schranken" gesetzt wurden, also anti-autoritär erzogen oder sowas. ;-)

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@alterbolschewik:

Ich sehe da auch keinen grundsätzlichen Widerspruch, sondern ein plausibles Nebeneinander verschiedener Faktoren. Allenfalls von der Fixierung auf Einzelkinder würde ich etwas weg wollen. Meine Frau, meine frühere Lebensgefährtin und auch meine langjährige Jugendliebe sind allesamt Einzelkinder, die aber nicht entfernt so ticken, wie Du es beschreibst. Entscheidender als die Frage, ob oder wieviele Geschwister im Spiel sind, scheint mir eher ein ganz bestimmter überbehütender Erziehungsstil zu sein, der das Kind mit all seinen realen und scheinbaren Bedürfnissen derart in den Mittelpunkt rückt, dass ein Bewusstsein für Außenwelt und daraus resultierende Widersprüche sich bei ihm erst gar nicht so recht entwickeln kann.

Gleichwohl scheint mir das als Erklärungsansatz für bestimmte Phänomene aber auch zu einfach gestrickt zu sein. Es nur darauf zu reduzieren, dass die Erziehung Tyrannen produziert (wie es in einem populären Ratgeber zum Thema heißt) blendet Marginalisierungserfahrungen und deren Wirkungen völlig aus. Das fand ich ja an dem von Che verlinkten Beitrag so interessant, die Frage nach dem Umschlagspunkt, ab dem das Bemühen um Empowerment umschlägt in ein Gefangenbleiben in Negativität. Wenn wir das wirklich verstehen wollen, können wir nicht so tun, als hätten wir es überspitzt gesagt nur mit verzogenen Gören zu tun, die es mit dem Erwachsenwerden nicht auf die Reihe kriegen.

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Wenn wir es nur mit verzogenen Gören zu tun hätten, die es mit dem Erwachsenwerden nicht auf die Reihe kriegen gäbe es keinen Grund für diesen Diskussionsthread.

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Übrigens, mal zum Begriff Performance und performen in diesem Kontext
Der Begriff ist in der Sprachtheorie einigermaßen klar definiert, wobei allerdings Butler ihn auf spezielle weise gebraucht. Da der Begriff allerdings im Französischen außerhalb der Gendertheorie soviel wie inszenieren, aufführen und im Amerikanischen jede Art von Output (performance kann auch die PS-Leistung eines Motors sein) bedeutet sind da viele Missverständnisse möglich. Ich finde den Butlerschen Gebrauch ja durchaus sehr sinnvoll (Sprache, die Definitionen von Realität erst herstellt und sich so ihre Realität erst selber schafft, der Sprechakt als Form von Herrschaft), aber nicht immer und in jeder Situation und generalisierbar (der erste Zwist mit Momorulez um den Gebrauch von "Sich selbst neu erfinden" bei Hartmann drehte sich genau darum). Hingegen habe ich den Eindruck, dass das Wort performance in bestimmten Kreisen eher so ein Jargonwort ist, das signalisieren soll "ich gehöre dazu".

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