Donnerstag, 15. Januar 2026
Faktencheck Omega-3-Fettsäuren – für wen sind sie sinnvoll?
Evidenz, Indikationen und Grenzen einer Supplementation
Michael van den Heuvel, Medscape

15. Januar 2026

Omega-3-Fettsäuren in Form von Nahrungsergänzungsmitteln sind nicht automatisch für jede Person sinnvoll. Zwar ist ihr gesundheitlicher Nutzen bei verschiedenen Erkrankungen wissenschaftlich gut belegt – allerdings zeigt sich dieser Effekt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Entscheidend sind dabei vor allem eine ausreichend hohe Dosierung sowie der Einsatz als Ergänzung zu einer bereits etablierten Standardtherapie.

Für Menschen ohne Erkrankung, die Omega-3 lediglich zur allgemeinen Gesundheitsprävention einnehmen möchten, ist die Studienlage bislang nicht überzeugend genug, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.

Keine Einzelsubstanz, sondern eine heterogene Stoffgruppe
Mittlerweile zählen Omega-3-Fettsäuren zu den am besten untersuchten bioaktiven Lipiden der Ernährungs- und Präventivmedizin. Dabei handelt es sich um keine einzelne Substanz, sondern um eine Gruppe strukturell verwandter mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Sie alle haben ihre 1. Doppelbindung – vom Methylende (ω-Ende) aus gezählt – am 3. Kohlenstoffatom. Diese chemische Definition erklärt den Namen.


Für Menschen sind vor allem 3 Omega-3-Fettsäuren wichtig: die kurzkettige α-Linolensäure (ALA) sowie die langkettigen marinen Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). ALA kommt überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinöl, Rapsöl oder Walnüssen vor, während EPA und DHA fast ausschließlich in fettreichen Meeresfischen und Mikroalgen zu finden sind.

ALA gilt als essenziell, da sie vom menschlichen Organismus nicht synthetisiert werden kann. EPA und DHA können theoretisch aus ALA gebildet werden. Nur geschieht diese Umwandlung beim Menschen in geringem Umfang: Weniger als 5% der aufgenommenen ALA wird zu EPA und weniger als 1% zu DHA konvertiert. Aus physiologischer Sicht gelten EPA und DHA als bedingt essenziell, da eine ausreichende Versorgung über die Ernährung allein häufig nicht erreicht wird.

Ernährung und Versorgung
Die European Food Safety Authority (EFSA) empfiehlt eine Zufuhr von mindestens 250 mg EPA + DHA pro Tag. Dieser Wert bezieht sich jedoch auf die Ernährung und nicht auf die pharmakologische Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.


In westlichen Industrienationen liegt die Zufuhr mariner Omega-3-Fettsäuren häufig unter den empfohlenen Werten. Dennoch gilt: Eine niedrige Aufnahme allein ist kein Beweis für einen behandlungsbedürftigen Mangel. Fachgesellschaften sprechen sich gegen die generelle Supplementierung aus.

Kardiologie: belegter Nutzen – aber nur in klaren Settings
Studien zur Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel zur Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Unterschiedliche Dosierungen und Darreichungsformen in Studien erschwerten die Interpretation.

Zur Bewertung ist die REDUCE-IT-Studie wichtig: Bei Hochrisikopatienten mit Hypertriglyzeridämie trotz Statintherapie hat die Gabe von 4 g Icosapent-Ethyl (hochreines EPA) täglich die Zahl schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 25% verringert. Neuere Analysen bestätigen, dass der Nutzen von Icosapent-Ethyl über verschiedene LDL-C-Ausgangsbereiche hinweg konsistent bleibt.


Was steckt dahinter? Forscher haben zumindest in Tiermodellen gezeigt, dass Icosapent-Ethyl eine ausgeprägte hemmende Wirkung auf die Blutplättchenfunktion besitzt. Dieser Effekt wird über die Cyclooxygenase-1 (COX-1) in Thrombozyten vermittelt. Er könnte erklären, warum IPE in klinischen Studien mit einer Reduktion des kardiovaskulären Risikos assoziiert ist.

Omega-3-Fettsäuren können etablierte Therapien wie Statine, Blutdruckmedikamente oder die Thrombozytenhemmung aber nicht ersetzen, sondern kommen – wenn überhaupt – als Ergänzung zum Einsatz. Gerade bei höheren Dosierungen ist auch eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken erforderlich. So zeigt eine Metaanalyse ein geringfügig erhöhtes Blutungsrisiko bei der Einnahme hochdosierter, gereinigter EPA-Präparate. Darüber hinaus diskutieren Forscher einen dosisabhängigen Anstieg des Risikos für Vorhofflimmern unter Omega-3-Supplementen.

Rheumatologie: Möglicher Benefit als Add-on
In der Rheumatologie ist der Nutzen von Omega-3-Fettsäuren vor allem als ergänzende Maßnahme zur Modulation entzündlicher Prozesse plausibel. Eine Metaanalyse bei Patienten mit rheumatoider Arthritis deutet darauf hin, dass eine Omega-3-Supplementierung Entzündungsparameter, die Krankheitsaktivität sowie bestimmte Lipidmarker günstig beeinflusst. Allerdings ist die Aussagekraft der Daten durch eine hohe Heterogenität der Studien eingeschränkt, insbesondere im Hinblick auf Dosierung, Behandlungsdauer und gewählte Endpunkte.

Medizinisch ist die Abgrenzung eindeutig: Omega-3-Fettsäuren sind in der Rheumatologie keine krankheitsmodifizierenden Medikamente. Sie können weder strukturelle Gelenkschäden verhindern noch etablierte Therapien wie Methotrexat oder Biologika ersetzen.

Forschung: Neurologie im Fokus
Jenseits der Rheumatologie und der Kardiologie rücken Indikationen aus der Neurologie und Psychiatrie in den Fokus. Bei Depression deuten die verfügbaren Daten auf statistisch signifikante, insgesamt jedoch eher moderate Effekte hin, wobei eine Dosis-Wirkungs-Beziehung diskutiert wird.

Für kognitive Endpunkte wiederum zeigen neuere Analysen, dass die Ergebnisse stark von der untersuchten Population, dem jeweiligen Ausgangsstatus und der eingesetzten Dosierung abhängen. Ein verlässlicher und klinisch relevanter Nutzen für alle Personen lässt sich daraus bislang nicht ableiten.

Fazit für die Praxis: Evidenz mit Grenzen
Die Daten zeigen: Omega-3-Fettsäuren sind weder Allheilmittel noch grundsätzlich entbehrlich. Der klinische Nutzen ist indikationsabhängig – am überzeugendsten bei Hypertriglyzeridämie/Hochrisiko (insbesondere hochreines EPA) und adjuvant bei entzündlichen Beschwerden (z. B. RA). Gleichzeitig müssen unerwünschte Effekte in die Nutzen-Risiko-Abwägung einfließen.

https://deutsch.medscape.com/viewarticle/omega-3-fettsaeuren-supplementation-chancen-grenzen-2025a10010gg?ecd=WNL_mdplsfeat_260115_mscpedit_de_etid8030095&uac=389796AZ&impID=8030095

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