"IHR SEID ENTTÄUSCHT, WEIL ICH DERSELBE GEBLIEBEN BIN
Ihr habt meine Unabhängigkeit für Loyalität gehalten. Das war euer Fehler.
Die Hamas ist eine Terrororganisation. Die israelische Regierung ist rechtsradikal und handelt völkerrechtswidrig. Palästinensische Zivilisten sind keine Hamas-Terroristen. Israelische Zivilisten sind keine Verlängerung der Regierung Netanjahu. Die Geschichte dieses Konflikts begann weder am 7. Oktober 2023 noch mit der Gründung der Hamas. Das alles sind für mich miteinander vereinbare Feststellungen.
Offenbar habe ich damit etwas geradezu Ungeheuerliches getan: Ich habe mehrere Tatsachen gleichzeitig betrachtet.
Seitdem werde ich von zwei Seiten misstrauisch beäugt, beschimpft und beleidigt. Für die einen bin ich Antisemit, weil ich die israelische Regierung kritisiere, ihre Verbrechen benenne und die Staatsgründung Israels mitsamt Nakba, Vertreibung und Besatzung nicht als makellose Heldengeschichte erzähle. Für die anderen bin ich offenbar Zionist, Genozidverteidiger oder irgendeine weitere Vokabel aus dem politischen Beschimpfungsautomaten, weil ich die Hamas als Terrororganisation bezeichne und mich weigere, den 7. Oktober nachträglich in eine missverstandene Form folkloristischen Widerstands umzudeuten.
Beide Seiten sind enttäuscht von mir.
Und ich frage mich ernsthaft: Was habt ihr eigentlich von mir erwartet?
Dass ich plötzlich eine Fahne auswähle und anschließend nur noch die Toten der anderen Seite sehen kann? Dass ich Terrorismus verharmlose, sobald seine Täter sich auf Palästina berufen? Dass ich Kriegsverbrechen übersehe, sobald sie von einem Staat begangen werden, der sich auf sein Existenzrecht und seine Sicherheit beruft? Sollte ich mein Urteilsvermögen am Eingang abgeben und mich anschließend einer Mannschaft anschließen, deren Aufgabe darin besteht, die eigenen Verbrechen sprachlich zu verkleinern und die gegnerischen möglichst großflächig zu beleuchten?
Falls das eure Vorstellung von mir war, habt ihr meine Texte offenbar mit bemerkenswerter Ausdauer missverstanden.
Ich habe immer analytisch geschrieben. Ich betrachte einen Vorgang, prüfe die bekannten Tatsachen, suche nach Widersprüchen und ziehe daraus meine Schlüsse. Meine einzelnen Prüfschritte sind häufig beinahe binär: Ist eine Behauptung wahr oder falsch? Ist eine Handlung vertretbar oder unvertretbar? Gibt es einen historischen Zusammenhang oder wird gerade ein handlicher Ausschnitt verkauft? Wird derselbe moralische Maßstab auf alle Beteiligten angewendet oder dient Moral lediglich als Vereinswappen?
Aus diesen einzelnen Fragen entsteht ein komplexes Gesamtbild. Die Tiefe liegt in den Zusammenhängen. Die Klarheit liegt in den Antworten.
Genau deshalb folgen mir viele Menschen. Zumindest dachte ich das.
Inzwischen zeigt sich, dass manche meine Denkweise lediglich so lange schätzten, wie sie beim gewünschten Ergebnis ankam. Wenn ich ihre politischen Gegner zerlegte, galt ich als klarsichtig, mutig und unabhängig. Jetzt richtet sich derselbe Blick auf ihre eigenen Überzeugungen, und plötzlich soll genau diese Unabhängigkeit ein moralischer Defekt sein.
Ich habe mich nicht verändert. Mein Gegenstand hat sich verändert.
Ich lege an die Hamas denselben Maßstab an wie an jede andere Organisation, die Zivilisten ermordet, verschleppt und Terror als politisches Instrument einsetzt. Ich lege an die israelische Regierung denselben Maßstab an wie an jede andere Regierung, die zivile Opfer produziert, internationales Recht missachtet und ihre Gewalt mit einem grenzenlos dehnbaren Begriff der Selbstverteidigung rechtfertigt. Ich verweigere beiden Seiten den Anspruch, ihre Opfer als Blankoscheck für die eigenen Taten zu benutzen.
Das ist keine Neutralität. Es ist auch keine Äquidistanz. Ich sitze nicht irgendwo in der Mitte und verteile aus Höflichkeit an beide Seiten dieselbe Menge Kritik. Ich beurteile jede Handlung für sich. Terror bleibt Terror. Ein Kriegsverbrechen bleibt ein Kriegsverbrechen. Ein totes Kind gewinnt keine andere moralische Bedeutung durch die Sprache, Religion oder Flagge seiner Eltern.
Ich lebe weder in Israel noch in Gaza. Ich verfüge über keine persönliche Kriegserfahrung aus dieser Region, keine familiäre Geschichte dort und keinen geheimen Zugang zur absoluten Wahrheit. Ich habe historische Quellen, dokumentierte Ereignisse, politische Entscheidungen und das sichtbare Handeln der Beteiligten. Mehr steht einem Menschen aus Deutschland seriös kaum zur Verfügung. Daraus bilde ich meine Meinung. Mit dem Blick von außen, den ich immer hatte.
Gerade dieser Blick scheint nun das Problem zu sein.
Die einen erwarteten, dass ich aus dem Terror der Hamas irgendwann doch noch Widerstand mache. Die anderen erwarteten, dass ich jede Handlung der israelischen Regierung als bedauerliche Notwendigkeit akzeptiere. Beide wollten keine Analyse. Sie wollten eine Loyalitätserklärung. Eine moralische Dauerkarte für ihren jeweiligen Block, am besten mit eingeschränkter Sicht auf die eigenen Verbrechen.
Ich liefere sie nicht.
Wer Juden mit Netanjahus Regierung gleichsetzt, betreibt dieselbe geistige Verwüstung wie jemand, der Palästinenser mit der Hamas gleichsetzt. Millionen Menschen werden dabei zu bloßen Verlängerungen politischer Führungen und bewaffneter Organisationen erklärt. Ihre individuellen Ansichten, ihr Widerstand, ihr Leid und schließlich auch ihr Tod verschwinden in einer Mannschaftswertung.
Dann wird jeder getötete Israeli zum Argument für die israelische Regierung und jeder getötete Palästinenser zum Argument für die Hamas. Die Toten erhalten nachträglich politische Mitgliedsausweise. Widerstand zwecklos. Sie sind schließlich bereits tot und können der Vereinnahmung kaum widersprechen.
Mit dieser Art des Denkens kann ich nichts anfangen.
Wer mir deshalb Antisemitismus vorwerfen will, darf gehen. Wer mir Terrorismusbefürwortung unterstellen will, darf ebenfalls gehen. Ihr müsst mir keine privaten Rechtfertigungsromane schicken, keine letzten Worte verkünden und mich anschließend blockieren, bevor ich antworten kann. Entfolgen genügt. Still, heimlich und gern ohne Zeremonie.
Eure Enttäuschung sagt wenig über meine Haltung aus. Sie verrät vor allem, welche Form von Gefolgschaft ihr euch von mir erhofft habt.
Ihr dachtet, mein Blick von außen richte sich ausschließlich auf eure Gegner. Ihr habt meine analytische Unabhängigkeit für persönliche Loyalität gehalten. Solange meine Schlüsse zu eurem Weltbild passten, war ich einer von euch. Jetzt entdeckt ihr, dass ich nie einer von euch war.
Ich war die ganze Zeit derselbe.
Der Bedienungsfehler lag bei euch. Die Anleitung lag offen daneben"
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20. Juli 2026
Ein 42-jähriger Mann mit einer kompletten Querschnittlähmung ab dem 4. Halswirbel kann dank eines neuartigen Hirn-Computer-Systems wieder selbstständig essen, ein rohes Ei greifen, ohne es zu zerdrücken, und sogar die Hand seiner Schwester spüren. Möglich macht dies ein System, das US-Forscher als „Double Neural Bypass" bezeichnen – eine doppelte neuronale Umgehung, die Bewegungsabsichten direkt aus dem Gehirn ausliest und gleichzeitig verlorenes Tastempfinden zurückbringt. Bemerkenswert ist, dass ein Teil der erzielten Verbesserungen selbst dann bestehen bleibt, wenn das System ausgeschaltet ist. Veröffentlicht wurde die Studie in Nature Medicine.
Brain-Computer-Interface lässt gelähmten Mann wieder fühlen und greifen
Der Patient Keith Thomas zusammen mit dem Forschungsteam der Feinstein Institutes for Medical Research von Northwell Health. Über mehrere Monate hinweg arbeitete das Team eng mit ihm zusammen, um die Bewegungsfähigkeit sowie das Tastempfinden in seinem Arm und seiner Hand teilweise wiederherzustellen.
„Ich sehe das Hauptziel der Studie im Nachweis der grundsätzlichen Machbarkeit des Ansatzes einer per Brain-Computer Interface (BCI) kontrollierten Orthese mit biomimetischer sensibler Rückmeldung“, erklärt Prof. Dr. Rüdiger Rupp vomUniversitätsklinikum Heidelberg gegenüber dem Science Media Center Germany. „Es geht aus meiner Sicht weniger darum, zu zeigen, dass ein Nutzer mehr Unabhängigkeit bei Alltagsaufgaben gewinnt.“
Zu einer ähnlichen Bewertung kommt Prof. Dr. Surjo R. Soekadar, Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Das Besondere an dieser Arbeit ist nicht eine einzelne technische Innovation, sondern die intelligente Kombination mehrerer Ansätze zu einem therapeutischen Gesamtsystem.“ Erstmals seien ein invasives Brain-Computer-Interface, Rückenmarksstimulation, sensorisches Feedback und lernende Algorithmen so miteinander verknüpft worden, dass sie sich gegenseitig ergänzen könnten.
Innovative Hilfe bei verschiedenen Krankheitsbildern
Der Bedarf an innovativen Technologien ist jedenfalls groß: Weltweit leben Millionen Menschen aufgrund von Rückenmarksverletzungen, Schlaganfällen oder anderen neurologischen Erkrankungen mit erheblichen Bewegungs- und Gefühlsstörungen. Und mehr als die Hälfte aller Rückenmarksverletzungen führt zu einer Tetraplegie, also zu einer Lähmung von Armen und Beinen.
Menschen mit einer solchen Verletzung nennen nahezu übereinstimmend ein Ziel als höchste Priorität: die Beweglichkeit von Händen und Armen zurückzugewinnen – noch vor der Fähigkeit, zu gehen oder die Kontrolle über Blase und Darm zu haben.
Experimentelle Therapieansätze bei Querschnittslähmung
Schutz des Rückenmarks (Neuroprotektion): Medikamente sollen in der akuten Phase Entzündungen und weitere Nervenschäden begrenzen, um möglichst viel funktionsfähiges Gewebe zu erhalten.
Förderung der Nervenregeneration: Wirkstoffe sollen regenerationshemmende Proteine blockieren und so das Nachwachsen von Nervenfasern im Rückenmark unterstützen.
Zelltherapien: Stamm- oder Nervenzellen sollen geschädigtes Gewebe ersetzen oder die Regeneration durch Wachstumsfaktoren und entzündungshemmende Effekte fördern.
Technische Unterstützung (Neurotechnologien): Elektrische Stimulation, Exoskelette und Gehirn-Computer-Schnittstellen sollen verlorene motorische Funktionen unterstützen oder teilweise wiederherstellen.
Kombinierte und personalisierte Therapien: Künftig könnten biologische und technische Ansätze kombiniert werden, da einzelne Verfahren bislang nur begrenzte Erfolge zeigen.
Besonders schwierig ist die Situation bei einer kompletten Rückenmarksverletzung. In diesen Fällen sind unterhalb der Schädigungsstelle weder willentliche Bewegungen noch irgendeine Form von Empfindung möglich. Eine relevante funktionelle Erholung gilt bislang als äußerst selten.
Genau für diese Patientengruppe entwickelte ein Team um Chad Bouton vom Feinstein Institutes for Medical Research in New York ein System, das 2 zentrale Probleme angeht: den Verlust der Bewegungsfähigkeit und des Tastempfindens.
Frühere Studien hatten gezeigt, dass sich mithilfe einer Hirn-Computer-Schnittstelle Bewegungsabsichten direkt aus der Hirnrinde auslesen und in elektrische Muskelstimulationen umsetzen lassen. Auf diese Weise konnten selbst bei kompletter Tetraplegie wieder gedankengesteuerte Handbewegungen erzeugt werden. Diese Systeme hatten jedoch einen entscheidenden Nachteil: Es fehlte jegliche Form sensorischer Rückmeldung. Ohne Tastsinn ist ein fein abgestimmtes Greifen kaum möglich. Zudem boten die bisherigen Ansätze keine Möglichkeit, eine dauerhafte Erholung der Nervenfunktion anzustoßen.
Wie das System im Gehirn und Rückenmark arbeitet
Der „Double Neural Bypass" kombiniert 2 implantierte Elektrodensysteme im Gehirn mit einer gezielten elektrischen Stimulation des Rückenmarks und der Hirnrinde.
Das Modell half dabei, 5 winzige Hirnimplantate präzise zu platzieren, um Bewegung und Tastsinn wiederherzustellen. Bild: Feinstein Institute for Medical Research
Im primären motorischen Kortex – jener Hirnregion, die Bewegungen plant und einleitet – implantierten die Forscher 2 Mikroelektroden-Arrays. Diese zeichnen kontinuierlich die Aktivität einzelner Nervenzellgruppen auf. Ein künstliches neuronales Netzwerk wertet die Signale in Echtzeit aus und erkennt daraus die Absicht des Patienten, die Hand zu öffnen oder zu schließen.
Parallel dazu wurden im primären somatosensorischen Kortex, der für die Verarbeitung von Berührungsreizen zuständig ist, weitere Elektroden-Arrays implantiert. Über diese Elektroden kann gezielt elektrischer Strom in die Hirnrinde geleitet werden. Dadurch entstehen beim Patienten künstliche Tastempfindungen an exakt definierten Fingerpositionen, beispielsweise an der Daumen- oder Zeigefingerkuppe.
Ergänzt wird das Hirnimplantat durch eine nichtinvasive transkutane Rückenmarksstimulation. Dabei erfolgt die elektrische Stimulation über eine elektronisch steuerbare Elektrodenmatte, die auf dem Nacken und dem oberen Rücken aufliegt. Die Stimulation richtet sich gezielt an bestimmte Nervenwurzeln der Halswirbelsäule und erhöht die Erregbarkeit der dortigen Nervenschaltkreise.
Damit vereint das System 2 unterschiedliche Funktionsprinzipien: Zum einen ersetzt es während der Nutzung unmittelbar verlorene Bewegungs- und Tastfunktionen. Zum anderen verfolgt es einen therapeutischen Ansatz, der echte biologische Erholungsprozesse fördern soll – also Verbesserungen, die auch dann bestehen bleiben, wenn das System nicht mehr aktiv ist.
Der Patient und sein langer Weg
Studienteilnehmer war ein 42-jähriger Mann, der sich 13 Monate zuvor bei einem Tauchunfall eine komplette Rückenmarksverletzung auf Höhe des 4. und 5. Halswirbels zugezogen hatte. Seitdem bestand unterhalb von C4 ein vollständiger Ausfall des Tastempfindens und ab C5 eine komplette motorische Lähmung. Er konnte weder seine Hände zum Gesicht führen noch Gegenstände halten. Auch jede Form der Wahrnehmung an Unterarmen und Händen war verloren gegangen.
In der 1. Phase der Studie, die mehr als ein Jahr gedauert hat, untersuchten die Forscher zunächst, welche Verbesserungen sich allein durch die transkutane Rückenmarksstimulation erzielen ließen, bevor das Hirnimplantat eingesetzt wurde.
Bei der Ellenbogenbeugung, also einer eher körpernahen Bewegung, führte die alleinige Rückenmarksstimulation bereits nach 15 Wochen zu einer deutlichen und statistisch signifikanten Kraftsteigerung: rechts um 61% und links um 25% gegenüber dem Ausgangswert. Nach insgesamt 35 Wochen hatten sich diese Werte sogar auf 86 beziehungsweise 62% erhöht. Dadurch war der Patient erstmals wieder in der Lage, seine Hand selbstständig bis zum Gesicht zu führen und sich zu berühren.
Für die Handmuskulatur und das Tastempfinden zeigte die Rückenmarksstimulation allein jedoch keinerlei messbaren Effekt. Gerade in den am stärksten betroffenen, körperfernen Bereichen reichte dieser Ansatz also nicht aus. Für eine Wiederherstellung der Handfunktion war offensichtlich ein direkter Zugang zum Gehirn erforderlich.
Wie die Hand wieder greifen lernt
Nach der Implantation der Hirnelektroden konnte der Patient seine zuvor vollständig gelähmte Hand durch seine Gedanken wieder öffnen und schließen.
Dazu wurden Elektrodenpflaster auf dem Unterarm eingesetzt, die die jeweils benötigten Muskeln elektrisch stimulierten. Gleichzeitig erfassten Kraftsensoren in der Handfläche die tatsächlich ausgeübte Greifkraft. Diese Informationen wurden über die Elektroden im somatosensorischen Kortex wieder an das Gehirn zurückgeleitet und dort als künstliches Tastgefühl wahrgenommen.
In einer besonders eindrucksvollen Demonstration griff der Patient auf diese Weise die Hand seiner Schwester und konnte dabei tatsächlich spüren, dass er sie festhielt – obwohl seine Hand zuvor vollständig gelähmt und gefühllos gewesen war.
Da die elektrische Muskelstimulation allein nicht zu genügend Kraft geführt hat, ergänzte das Forschungsteam das System mit einer leichten, per 3D-Druck hergestellten Handorthese. Über ein künstliches Sehnensystem unterstützt sie gezielt die Beugung von Zeige- und Mittelfinger und wird ebenfalls direkt durch die aus dem Gehirn ausgelesenen Signale gesteuert.
Mit dieser Kombination konnte der Patient wieder einige Aufgaben im Alltag bewältigen. So war er in der Lage, selbstständig zu trinken oder zu essen – Fähigkeiten, die für Menschen mit einer kompletten hohen Tetraplegie bislang als unerreichbar galten.
Feinfühliges Greifen dank lernfähiger Software
Besonders schwierig war, die Greifkraft so präzise zu steuern, dass auch empfindliche Gegenstände sicher gehalten werden konnten. Eine direkte Übersetzung der Hirnsignale in Muskelstimulation führt häufig dazu, dass der Patient entweder zu fest oder zu schwach zugriff. Um dieses Problem zu lösen, entwickelten die Forscher eine Software, die 2 künstliche neuronale Netzwerke miteinander kombiniert.
Wie wirkungsvoll dieser Ansatz ist, zeigte ein Versuch mit leeren Eierschalen. Mithilfe der zusätzlichen Kraftregelung gelang dem Patienten in 87% der Durchgänge ein erfolgreiches Greifen, ohne die Eierschale zu beschädigen. Ohne diese intelligente Regelung lag die Erfolgsquote lediglich bei 27%.
War zusätzlich die künstliche Tastrückmeldung über die Hirnrindenstimulation aktiviert, konnte der Patient bei verbundenen Augen außerdem nahezu immer korrekt erkennen, ob sich überhaupt ein Gegenstand in seiner Hand befand. Ohne diese sensorische Rückmeldung entsprach seine Trefferquote dagegen nahezu dem Zufall.
Wenn das Gefühl auch nach dem Abschalten bleibt
Der vielleicht bemerkenswerteste Teil der Studie betrifft jene Effekte, die über die eigentliche Nutzung des Systems hinaus bestehen blieben. Ziel der Wissenschaftler war es, das verlorene Tastempfinden am rechten Handgelenk dauerhaft wiederherzustellen. Sie entwickelten eine Methode, die sie als „kortikales Spiegeln" bezeichnen.
Dabei wird das räumliche Aktivitätsmuster im somatosensorischen Kortex, das normalerweise beim Beobachten oder Vorstellen einer Berührung entsteht, gezielt durch elektrische Hirnstimulation nachgebildet. Dieses künstlich erzeugte Aktivitätsmuster wird anschließend wiederholt mit einer transkutanen Rückenmarksstimulation und mit einer Vibrationsreizung der Haut gekoppelt. Die Forscher wollten so die natürlichen Mechanismen der neuronalen Plastizität gezielt aktivieren und den Wiederaufbau sensorischer Funktionen fördern.
Nach Abschluss dieser kombinierten Behandlung zeigte sich tatsächlich eine deutliche Verbesserung des Tastempfindens. Am rechten Handgelenk konnte der Patient erheblich schwächere Berührungsreize wahrnehmen und ihre Position genauer bestimmen als vor der Behandlung. Diese Verbesserung erwies sich auch in einem strengen statistischen Test als signifikant und blieb über mehr als 2 Monate bestehen – obwohl die Stimulation längst beendet war.
Auch bei einer weiteren Untersuchungsaufgabe zeigte sich dieser Effekt. Dabei wurden definierte Druckreize auf verschiedene Bereiche der Hand ausgeübt. Am behandelten rechten Handgelenk erkannte der Patient die Berührungen anschließend mit einer Genauigkeit von 81% – deutlich besser als an vergleichbaren, unbehandelten Handregionen.
Parallel dazu erfassten die Forscher die Aktivität des Gehirns. Dabei zeigte sich, dass die entsprechenden Signale nicht unmittelbar nach der Behandlung wieder abnahmen. Stattdessen nahm die Aktivität im somatosensorischen Kortex sogar noch bis zu 92 Minuten nach Ende der eigentlichen Stimulation weiter zu. Dies spricht dafür, dass die Behandlung tatsächlich kurzfristige Plastizitätsprozesse im Gehirn angestoßen und nicht lediglich einen vorübergehenden Effekt erzeugt hat.
Grenzen und Ausblick
„Für diesen einzelnen Patienten sind die erzielten Alltagsfunktionen, etwa selbstständiges Trinken und Essen, eindrucksvoll und persönlich bedeutsam", kommentiert Prof. Dr. Simon Jacob von derTechnischen Universität München (TUM). „Wichtig ist jedoch die Unterscheidung: Die länger anhaltende motorische Verbesserung betraf die bereits teilweise erhaltene Ellenbogenbeugung und trat während der Rückenmarkstimulation und dem Training auf.
Jacob: „Eine eigenständige willkürliche Handbewegung wurde nicht wiederhergestellt; für das Greifen waren weiterhin die implantierte Schnittstelle, elektrische Stimulation beziehungsweise eine motorisierte Orthese erforderlich. Auch die anhaltende sensorische Verbesserung beschränkte sich auf einen Bereich am Handgelenk, während an Daumen und Fingern keine wiederhergestellte natürliche Sensibilität nachweisbar war.“
Hinzu kommt, dass der „Double Neural Bypass" derzeit noch ein hochkomplexes Forschungssystem ist, dessen Einsatz ein erfahrenes Team aus Spezialistinnen und Spezialisten erfordert. Für eine breite klinische Anwendung müssen daher noch zahlreiche technische Herausforderungen gelöst werden. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wie sich die Stimulationsparameter künftig automatisch an individuelle anatomische Unterschiede verschiedener Patienten anpassen lassen.
Als wesentlicher Vorteil des entwickelten Systems gilt, dass sowohl die Rückenmarks- als auch die periphere Muskelstimulation nicht invasiv erfolgen. Anstelle chirurgisch implantierter Elektroden kommt eine transkutane Stimulation über die Haut zum Einsatz. Dadurch sinkt das operative Risiko erheblich und die Chancen steigen, den Ansatz künftig auch auf andere neurologische Erkrankungen – etwa den Schlaganfall – zu übertragen.
Insgesamt liefert die Arbeit nach Einschätzung der Autoren einen Machbarkeitsnachweis dafür, dass sich Hirn-Computer-Schnittstellen, gezielte Rückenmarksstimulation und elektrische Muskelstimulation zu einem integrierten System kombinieren lassen, das nicht nur während der Anwendung verloren gegangene Funktionen ersetzt, sondern zugleich biologische Erholungsprozesse anstoßen. Sollte sich ihr Ansatz in weiteren Studien bestätigen, könnte er den Weg zu einer neuen Generation neuroprothetischer Therapien ebnen, die Menschen mit schweren Rückenmarksverletzungen mehr Selbstständigkeit zurückgeben.
Quelle: Medscape
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Immer wieder bemerkenswert was für ein Problem die mit dem Thema sexuelle Diversität haben, deutet darauf hin, dass sie ihrer Geschlechtsidentität alles andere als sicher sind.
Es ist doch faszinierend, wie der sexuelle Dekonstruktivismus, der sich seit Butlers Gender Troubles und dem linguistic turn entwickelt hat so interpretiert wird.
Biologie und Medizin: Das biologische Geschlecht (Sex) wird durch Chromosomen, Hormone und Anatomie bestimmt. Die Biologie erkennt an, dass diese Merkmale nicht immer eindeutig männlich oder weiblich sind. Bei intergeschlechtlichen Menschen (auch Variationen der Geschlechtsentwicklung genannt) stimmen diese Faktoren nicht mit der klassischen Zweiteilung überein. Abweichende Chromosomensätze (wie XXY, YY oder X0) oder hormonelle Besonderheiten belegen ein biologisches Spektrum. Dabei steht nicht die Tatsache in Frage, dass zum Kinder zeugen und kriegen männliche und weibliche Partner Voraussetzung sind, sondern vielmehr sind neben dieser Grundeinteilung noch eigenständige Varianten vorhanden, so, wie es unterschiedliche Blutgruppen gibt.
Soziales Geschlechte im Sinne der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften (Gender): Hierunter fällt die Geschlechtsidentität und die soziale Rolle. Psychologie, Soziologie und Gender Studies erforschen, wie sich Menschen definieren und wie Geschlechterrollen gesellschaftlich konstruiert sind. Da Identität und soziale Dynamiken höchst individuell sind, geht die Wissenschaft hier weit über zwei Kategorien hinaus.
Anthropologie und Geschichte: Historische und völkerkundliche Studien zeigen, dass das Konzept von "mehr als zwei Geschlechtern" in vielen Kulturen seit Jahrhunderten existiert.
Ethnologen stellten bei exotischen Ethnien in Papua-Neuguinea oder Sibirien fest, dass es dort bis zu 7 Geschlechter gibt, weil Transen, Schwule, Lesben und sehr alte Menschen als eigenständige Geschlechter angesehen werden, für die es auch eigene grammatikalische Genera und eigene Fürwörter gibt.
Die queere Szene hat diesen Aspekt mit Begeisterung aufgegriffen, da solche ethnologischen Erkenntnisse die eigenen Diversitätsvorstellungen wissenschaftlich zu bestätigen schienen. Hierbei wurde aber völlig außer Acht gelassen, dass das bei den indigenen Völkern nichts mit Freiheit im Sinne von "die eigene Rolle neu erfinden" zu tun hat, denn auch bei mehr als zwei Geschlechtern werden die Rollen oft so rigide definiert wie in der heterosexistischen Bipolarität im Patriarchat, nur halt ausgefächerter. Transen zum Beispiel werden in den meisten dieser archaischen Gesellschaftsordnungen immer Schamanen, Schwulen und Lesben werden besondere Aufgaben zugewiesen die damit zusammenhängen dass sie mit der Nachkommensreproduktion nicht beschäftigt sind.
Das ganze Thema der Mehrgeschlechtlichkeit geriet durch die postkonstruktivistische Philosophie aus dem Spezialdiskurs der Ethnologie und der Alltagsgeschichte in die Öffentlichkeit der queerfeministischen Szene und wurde dort mit einer Bedeutung aufgeladen, die ihm eigentlich nicht zukommt, mit hineinprojiziertem Sehnsuchtspotenzial.
Die radikale Rechte kolportiert das Thema dann auf ihre Weise, macht aus mehr als 2 möglichen Geschlechtern, etwa im Sinne von genetischen Sondergruppen einerseits und andererseits Nichtbinär, Transsexuell, Transgender, Travestie-Schwulen und Butch-Lesben, was ganz verschiedene Kategorien durch- und nebeneinander sind behauptete 37 oder gar 300 Geschlechter und verfolgt diese rein projizierte, in der LGBTQ-Welt oder der Linken sooo gar nicht vorhandene Geschlechterkonstruktion mit geiferndem Hass.
Dieser wiederum ist für mich nur erklärbar mit einer tiefsitzenden Angst, die eigene, rigide-spießig-heterosexistische Rollendefinition sei gar nicht so stabil, tief im Inneren stecke vielleicht eine Tunte, man muss auch an Freuds Kastrationskomplex denken.
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Heidi Moawad, MD
Kreatin gilt als Nahrungsergänzungsmittel für den Muskelaufbau. Doch inzwischen rückt eine weitere Indikation in den Fokus: das Gehirn. Wissenschaftler untersuchen, ob Kreatin die mentale Gesundheit fördern und möglicherweise sogar vor Demenz schützen kann. Angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten wäre das ein vielversprechender Ansatz – vorausgesetzt, die Präparate erweisen sich als sicher und wirksam.
Welche Rolle spielt Kreatin in den Muskeln?
Unser Körper produziert Kreatin in der Leber und in den Nieren. Aminosäure-Vorstufen nimmt er über die Nahrung auf – unter anderem aus Fleisch und Gemüse. Rund 95% des Kreatins werden als Phosphokreatin in Muskelzellen gespeichert. Dort sorgt es dafür, dass der Energieträger Adenosintriphosphat (ATP) bei körperlicher Belastung rasch wieder zur Verfügung steht. Deshalb gehören Kreatinpräparate seit Jahren zu den beliebtesten Nahrungsergänzungsmitteln im Kraftsport und im Fitnessbereich.
Wie Kreatin unser Gehirn beeinflussen könnte
Kreatin wird nicht nur in der Leber und den Nieren, sondern auch im Gehirn und in der Netzhaut gebildet. An diesem Prozess ist das Enzym Guanidinoacetat-Methyltransferase beteiligt, das besonders stark in Gliazellen vorkommt. Neben Erkenntnissen über die Biosynthese und den Stoffwechsel von Kreatin verdichten sich die Hinweise darauf, dass das Molekül im Gehirn wichtige Funktionen erfüllt.
Die Vermutung, Kreatin könne womöglich das Gehirn schützen, geht auf die Beobachtung zurück, dass ein Kreatinmangel oder eine gestörte Kreatinfunktion die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Defekte im Gen des Kreatintransporters (CRT, SLC6A8) führen zu einem Mangel an Kreatin im Gehirn und verursachen schwere neurologische Symptome. Das Krankheitsbild wird als Kreatin-Transporter-Mangel bezeichnet. Wie es im Detail zu den neurologischen Störungen kommt, haben Forscher bislang nicht vollständig geklärt. Eine wirksame Behandlung gibt es derzeit nicht.
Kreatin ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich. In wissenschaftlichen Studien kommt am häufigsten Kreatinpulver zum Einsatz, das in Wasser gelöst wird und dessen Bioverfügbarkeit am besten untersucht ist. Darüber hinaus sind Kreatinpräparate auch als Tabletten, Kapseln oder Fruchtgummis erhältlich.
Die entscheidende Frage ist, ob Supplemente den Kreatingehalt im Gehirn tatsächlich erhöhen. Einige kleinere Studien am Menschen sprechen dafür. Der Anstieg fällt jedoch deutlich geringer aus als in der Skelettmuskulatur. Die Autoren einer Übersichtsarbeit schreiben, dass Kreatinpräparate bei gesunden Erwachsenen die Stimmung, die kognitive Leistungsfähigkeit und den Schlaf verbessern könnten. Die beobachteten Effekte waren bei Frauen insgesamt stärker als bei Männern. Als mögliche Erklärung vermuten Wissenschaftler, dass Frauen von Natur aus über geringere körpereigene Kreatinspeicher verfügen als Männer.
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photo of Kann Kreatin das Gehirn vor Demenz schützen?
Eine Studie aus dem Jahr 2026 mit 29 gesunden Erwachsenen mit Schlafentzug wiederum hat ergeben, dass die Einnahme von 0,2 g Kreatin-Monohydrat pro kg Körpergewicht die durch Schlafmangel verursachte Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit um bis zu 12% abmildert. Für einen Erwachsenen mit einem Körpergewicht von rund 68 kg entspricht das einer täglichen Dosis von etwa 14 g Kreatin.
Kreatin zur Behandlung neurologischer Erkrankungen
Dass Kreatinpräparate bei gesunden Menschen positive Effekte zeigen könnten, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch bei Erkrankungen des Gehirns wirksam sind. Doch es gibt immer mehr Hinweise, dass Kreatin bei einigen neurologischen Erkrankungen als ergänzende Therapie Potenzial haben könnte.
Einer in Nutrients veröffentlichten Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 zufolge könnte eine Kreatinsupplementierung dazu beitragen, bestimmte Beschwerden nach einer traumatischen Hirnverletzung oder einer Gehirnerschütterung zu lindern.
Auch als möglicher Therapieansatz bei der Alzheimer-Krankheit wird Kreatin untersucht – sowohl zur Linderung von Symptomen als auch mit Blick auf einen möglichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Im Rahmen einer einarmigen Pilotstudie mit 20 Patienten mit Alzheimer erhielten die Teilnehmer 8 Wochen lang täglich 20 g Kreatin-Monohydrat. Die Behandlung ging mit einem Anstieg des gesamten Kreatingehalts im Gehirn sowie mit moderaten Verbesserungen in kognitiven Tests einher.
Ist Kreatin auch für gesunde Erwachsene sinnvoll?
Ob Kreatinpräparate gesunden Menschen einen Nutzen bringen, wurde bislang nicht eindeutig belegt. Zwar gilt Kreatin als gut verträglich. Es wird seit Jahren zur Unterstützung von Training und Muskelaufbau eingesetzt. Dennoch lassen sich mögliche Sicherheitsbedenken derzeit nicht vollständig ausschließen. Hinzu kommt, dass es bislang weder einheitliche Dosierungsempfehlungen noch verbindliche Richtwerte für die Einnahme gibt.
Trotz dieser Limitationen könnte ein Versuch mit Kreatin für gesunde Erwachsene oder Menschen mit leichten kognitiven Beschwerden sinnvoll sein. Die bisherigen Studien deuten darauf hin, dass Kreatin kurzfristig die geistige Leistungsfähigkeit verbessern könnte – auch wenn die Ergebnisse nicht konsistent sind. Hinweise auf einen nachhaltigen Schutz vor kognitivem Abbau gibt es dagegen bislang nicht.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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https://www.youtube.com/watch?v=pXXyEkwQdVw&list=RDpXXyEkwQdVw&start_radio=1
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08. Juli 2026
Der Küchenschwamm zählt zu den am häufigsten verwendeten Reinigungsutensilien im Haushalt – und gleichzeitig zu den am stärksten unterschätzten Infektionsquellen. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigt, dass sich pathogene Bakterien wie Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus selbst aus geringsten Ausgangskeimzahlen innerhalb weniger Tage massiv vermehren. Weder unangenehmer Geruch noch Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche liefern dabei verlässliche Hinweise auf die tatsächliche mikrobielle Belastung. Details sind im Journal of Food Protection nachzulesen [1][2].
Küchenschwämme bleiben als Infektionsquelle häufig unbeachtet
Lebensmittelbedingte Infektionen verursachen weltweit erhebliche gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 600 Millionen Menschen durch kontaminierte Lebensmittel. In der öffentlichen Wahrnehmung geht es meist um Ausbrüche in Großküchen, Restaurants oder lebensmittelverarbeitenden Betrieben. Tatsächlich entsteht jedoch ein erheblicher Teil dieser Infektionen im privaten Haushalt – dort, wo Hygienefehler oft unbemerkt bleiben.
Genau deshalb warnt das BfR vor klassischen Küchenschwämmen. Ihre poröse Struktur, die dauerhaft hohe Feuchtigkeit und anhaftende Speisereste schaffen ideale Bedingungen für das Wachstum zahlreicher Mikroorganismen. Frühere Untersuchungen hatten bereits hohe Keimzahlen in Küchenschwämmen nachgewiesen. Die nun veröffentlichte Studie geht jedoch deutlich weiter: Erstmals analysierten Wissenschaftler systematisch, wie sich relevante lebensmittelassoziierte Krankheitserreger in einem bereits von typischen Haushaltsbakterien besiedelten Schwamm verhalten und wie hoch das tatsächliche Risiko einer Weiterverbreitung ist.
Bakterien vermehren sich massiv
Die Forscher kontaminierten sterile Küchenschwämme zunächst mit einem für Haushalte typischen Mikrobiom. Anschließend brachten sie definierte Mengen von Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus auf die Schwämme auf. Mithilfe mikrobiologischer Kulturverfahren, metagenomischer Analysen sowie konfokaler Lasermikroskopie verfolgten sie die Entwicklung der Erreger über einen Zeitraum von 14 Tagen. Das Studiendesign ermöglichte damit eine detaillierte Analyse des mikrobiellen Zusammenlebens innerhalb eines Schwammmodells.
Bereits sehr geringe Ausgangskeimzahlen genügten, damit sich die Bakterien dauerhaft etablieren konnten. E. coli und Salmonella Enteritidis erreichten innerhalb weniger Tage Populationen von bis zu 10⁹ koloniebildenden Einheiten pro Schwammabschnitt. Die vorhandene Haushaltsmikrobiota verhinderte diese Entwicklung nicht. Vielmehr bot der Schwamm ein stabiles mikrobielles Ökosystem, das den Krankheitserregern langfristig günstige Lebensbedingungen verschaffte.
Ein anderes Verhalten zeigte Staphylococcus aureus. Dieses Bakterium vermehrte sich deutlich langsamer und erreichte niedrigere Keimzahlen. Dennoch überlebte auch S. aureus den gesamten Untersuchungszeitraum und blieb nachweisbar. Gerade dieser Befund besitzt klinische Relevanz, da S. aureus hitzestabile Enterotoxine bilden kann, die selbst nach dem Absterben der Bakterien Lebensmittelvergiftungen auslösen. Schon vergleichsweise geringe Bakterienzahlen können unter geeigneten Bedingungen eine relevante Toxinproduktion ermöglichen.
Austrocknung verringerte das Risiko keineswegs
Viele Verbraucher gehen davon aus, dass ein trockener Schwamm hygienisch unbedenklich sei. Die Untersuchung widerlegt diese Annahme jedoch eindrucksvoll: Während einer 3-tägigen Austrocknungsphase verloren die Krankheitserreger ihre Lebensfähigkeit praktisch nicht. Der Schwamm fungierte selbst ohne sichtbare Feuchtigkeit weiterhin als stabiles Reservoir für pathogene Mikroorganismen.
Diese Beobachtungen erklären, warum selbst vermeintlich trockene Küchenschwämme ein relevantes Übertragungsrisiko darstellen. Offenbar verbleiben im komplexen Porensystem ausreichend feuchte Mikrohabitate, die den Erregern Schutz vor Austrocknung bieten. Gleichzeitig erschwert die tief liegende Besiedlung eine vollständige Reinigung oder Desinfektion des Materials.
Krankheitserreger gelangen mühelos auf Küchenoberflächen
Besonders praxisrelevant ist auch der Nachweis der Kreuzkontamination. Bereits leichter Druck auf kontaminierte Schwämme genügte, um erhebliche Mengen lebender Krankheitserreger auf typische Küchenoberflächen zu übertragen. Dabei registrierten die Forscher bis zu 100.000 koloniebildende Einheiten pro Kontaktfläche. Diese Belastung blieb über den gesamten Untersuchungszeitraum nahezu konstant bestehen.
Gelangen die Erreger zunächst auf Arbeitsflächen, Schneidebretter oder Spülbecken, können sie anschließend leicht auf Lebensmittel, Hände oder Küchenutensilien übertragen werden. Besonders kritisch ist diese Situation bei verzehrfertigen Lebensmitteln, die nicht mehr erhitzt werden. Schon geringe Keimmengen können unter günstigen Bedingungen eine Infektion auslösen oder das Erkrankungsrisiko deutlich erhöhen.
Fehlender Geruch bedeutet keineswegs fehlende Keimbelastung
Die Studie räumt zudem mit einer weiteren weit verbreiteten Fehlannahme auf. Während des gesamten 14-tägigen Beobachtungszeitraums entwickelten die untersuchten Schwämme weder einen auffälligen Geruch noch sichtbare Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche. Gleichzeitig enthielten sie hohe Konzentrationen lebensmittelassoziierter Krankheitserreger. Die Forscher konnten keinen Zusammenhang zwischen der Keimbelastung und dem äußeren Erscheinungsbild feststellen.
Diese Beobachtung widerspricht dem Verhalten vieler Verbraucher. Häufig wird ein Küchenschwamm erst nach Wochen ausgetauscht, wenn er unangenehm riecht oder sichtbar verschmutzt erscheint. Aus mikrobiologischer Sicht stellt diese Strategie jedoch ein erhebliches Risiko dar. Ein optisch sauberer Schwamm kann bereits Milliarden von Bakterien enthalten und diese bei jeder Benutzung weiterverbreiten. Weder Geruch noch Aussehen eignen sich daher als zuverlässige Entscheidungshilfe für einen notwendigen Wechsel.
Moderne Untersuchungsmethoden liefern ein detailliertes Bild der Keimbesiedlung
Die Arbeit ging noch einen Schritt weiter. Das Forschungsteam kombinierte klassische mikrobiologische Anzuchtmethoden mit metagenomischen Analysen sowie Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung und konfokaler Lasermikroskopie. Dadurch ließ sich erstmals dreidimensional darstellen, wie sich verschiedene Bakterienarten innerhalb der Schwammstruktur organisieren.
Die mikroskopischen Aufnahmen zeigten, dass sich Mikroorganismen keineswegs gleichmäßig verteilen. Stattdessen bilden sie dichte bakterielle Cluster und Biofilm-ähnliche Strukturen, die tief in den Poren des Schwamms liegen. Diese Mikrohabitate schützen die Erreger vor Austrocknung und erschweren ihre Entfernung erheblich.
Gleichzeitig identifizierten Wissenschaftler eine stabile Kernmikrobiota, die über den gesamten Untersuchungszeitraum erhalten blieb. Krankheitserreger integrierten sich in dieses bestehende mikrobielle Netzwerk, anstatt verdrängt zu werden. Dieses Ergebnis könnte erklären, warum selbst wiederholtes Ausspülen oder kurzfristiges Trocknen die hygienische Situation kaum verbessert.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kleinkinder und Immunsupprimierte
Damit stellen kontaminierte Küchenschwämme für viele Menschen eine potenzielle Infektionsquelle dar. Zwar verlaufen lebensmittelbedingte Infektionen bei den meisten gesunden Erwachsenen selbstlimitierend. Dennoch verursachen bakterielle Gastroenteritiden jedes Jahr zahlreiche Krankenhausaufenthalte. Vor allem ältere Menschen, Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere sowie Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Immunfunktion tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe.
Dazu zählen beispielsweise Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen, Tumorerkrankungen, nach Organtransplantationen oder unter immunsuppressiver Therapie. Für diese Personengruppen besitzt die Vermeidung häuslicher Infektionsquellen einen besonders hohen Stellenwert. Bereits vergleichsweise geringe Keimmengen können hier schwerwiegende Erkrankungen verursachen.
Fazit: Mit einfachen Maßnahmen Infektionsrisiken verringern
Die aktuelle Untersuchung des BfR zeigt, dass Küchenschwämme weit mehr sind als harmlose Alltagsgegenstände. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sie sich zu stark besiedelten mikrobiellen Reservoiren, in denen sich lebensmittelassoziierte Krankheitserreger dauerhaft etablieren können.
Gerade bei älteren Menschen oder chronisch Erkrankten kann bereits die Beachtung einfacher Hygienemaßnahmen einen wichtigen Beitrag zur Infektionsprävention leisten. Das BfR empfiehlt, Küchenschwämme regelmäßig auszutauschen – spätestens jedoch nach dem Kontakt mit rohem Geflügel oder anderen potenziell stark kontaminierten Lebensmitteln. Lässt sich ein sofortiger Austausch nicht umsetzen, kann eine thermische Behandlung mit Wasser über 70 °C für mindestens 2 Minuten die Keimzahl deutlich verringern.
Generell sind Reinigungsutensilien zu bevorzugen, die schneller trocknen und sich regelmäßig bei mindestens 60 °C in der Wasch- oder Spülmaschine reinigen lassen. Bürsten oder Mikrofaser-Tücher schnitten in früheren Untersuchungen hinsichtlich der Keimbelastung besser ab.
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https://www.youtube.com/watch?v=oY_a-HjdiOE&list=RDoY_a-HjdiOE&start_radio=1
https://www.bing.com/videos/riverview/relatedvideo?q=+this+land+is+your+land+so+take+your+bullshit&&mid=3514FD50C64DF31418953514FD50C64DF3141895&churl=https%3a%2f%2fwww.youtube.com%2fchannel%2fUCb4PXbobGVpThYu2gb4_X6g&FORM=VRDGAR
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https://www.afd-gutachten.de
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"Berichte wie kürzlich die von Dunja Hayali sowie Thomas Reichart und immer wieder in der ARD die Kommentare von Sophie von der Tann befeuern einen sowieso schon in Deutschland sich immer stärker ausbreitenden Antisemitismus, der inzwischen nicht mehr nur von rechts, sondern ebenfalls aus dem muslimisch-migrantischen und aus dem linken Milieu kommt. Solche Formate, solche „Journalisten“ sind des Antisemitismus freiwillige Helfer und in Abwandlung eines Marx-Satzes geht das so: Sie wissen es und sie tun es auch! (Bei von der Tann habe ich zuweilen den Eindruck, daß sie bei der ARD als Pressesprecherin von Hamas und Hisbollah in einem angestellt ist.)
Da dasselbe Phänomen nicht nur beim ZDF, sondern auch in anderen Medien existiert und keine Absprachen zwischen diesen Akteuren vorliegt, ist die Grundlage dieser Form des Antisemitismus eine Ideologie, namentlich Wokeness.
Sämtliche woken Ideologien, namentlich die postkoloniale Ideologie, Critica Race Theory Ideologie, Queer Theory Ideologie, Gender Ideologie und Intersektionalismus beinhalten einen antisemitischen Kern und haben einen positiven Bezug zu radikalen Islamofaschisten." -----
Da werden aber selbst eigens gezüchtete Suchhunde zum Aufspüren von Antisemitismus ihn dort nicht finden. Es ist ja durchaus richtig und äußerst kritisierenswert, dass ein Großteil der Linken und dessen, was einmal grün-alternative Szene hieß auf dem Islamismus-Auge blind ist und sich gegenüber islamistischem und antizionistischem Terror abwiegelnd, appeasend, beschwichtigend oder schlicht hilflos darstellt aus einem falsch verstandenen Antirassismus und falsch verstandenem Antiimperialismus heraus. Gleichfalls ist es ebenso bedauerlich wie beschämend, dass über den Nahost-Konflikt per Häppchennahrung berichtet wird, ohne Hintergrundanalyse.
Dahinter aber ein bewusst antisemitisches Ticket zu wittern halte ich allerdings für völlig in die Irre führend. Und somit ist der Autor dieser Sottisen etwa da angekommen, wo vor so 15 Jahren ein Momorulez mal stand, der hinter allem, was seinen ästhetischen, popkulturellen und politischen Intentionen sich entgegensetzte Homophobie witterte.
Wer einen Hammer hat betrachtet die ganze Welt als Nagel.
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AfD änderte noch mal das Wahlprogramm beim Bürgergeld und Arbeitslosengeld
Das Bürgergeld ist Wahlkampfthema – auf Kosten von Bürgergeld-Beziehern. Die AfD hat nunmehr noch einmal ihre Forderungen zur Grundsicherung bzw. dem Bürgergeld im Wahlprogramm geändert.
Grundsicherung erst nach zehn Jahren Beiträgen
Die AfD will nicht nur das Bürgergeld abschaffen und durch eine „aktivierende Grundsicherung“ ersetzen, sondern auch den Zwang zur Arbeit trotz Sozialleistungen deutlich verschärfen.
Bei der Grundsicherung plant die AfD: Wer kein deutscher Staatsbürger ist, hat erst Anspruch darauf, wenn er zehn Jahre sozialversicherungspflichtig beschäftigt war.” Im Klartext: Wer keinen deutschen Pass hat, muss zwar, laut AfD Steuern und Sozialabgaben zahlen, hat aber über viele Jahre bei Hilfebedürftigkeit nicht einmal Anspruch auf das Existenzminimum.
So erklärte die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel gegenüber NTV: „Um es klar zu sagen: Für ausländische Bürger in unserem Land wird es keine Sozialleistungen mehr geben. Das werden wir streichen.“
Zwangsarbeit bei Bürgergeld
Wer Grundsicherung bezieht, muss zudem laut AfD nach sechs Monaten „gemeinnützige Arbeit“ leisten. Zusätzlich zu diesem Arbeitszwang will die AfD den nach dem Existenzminimum berechneten Regelsatz für alle Empfänger der Grundsicherung kürzen, und damit generell unter das Existenzminimum drücken, denn der Regelsatz ist nach einem festen Schlüssel am Existenzminimum ausgerichtet.
Die AfD geht hier über die CDU / CSU hinaus, die ebenfalls noch stärkeren Druck auf Leistungsberechtigte ausüben will, als es bereits der Fall ist und plant, das Bürgergeld durch eine „Neue Grundsicherung“ ersetzen. Im Unterschied zur AfD fordert die Union allerdings keine generelle Zwangsarbeit für Bezieher dieser Sozialleistung nach sechs Monaten.
Verschärfung beim Arbeitslosengeld
Arbeitslosengeld ist keine staatliche Sozialleistung, sondern eine Sozialversicherungsleistung. Erwerbstätige zahlen also in die Arbeitslosenversicherung ebenso ein wie in die gesetzliche Rentenversicherung und in die Krankenversicherung, um so im Fall der Erwerbslosigkeit, bei Krankheit oder in der Rente die jeweilige Gegenleistung zu erhalten.
Laut AfD soll ein Anspruch auf Arbeitslosengeld erst nach drei Jahren Beiträgen gelten und nicht nach einem Jahr. Wer erwerbstätig ist ist und seinen Job verliert, rutscht, nach dem Plan der AfD, viel schneller ins Bürgergeld, das jetzt bereits niedriger ist als Arbeitslosengeld.
Da die AfD das Bürgergeld unter das Existenzminimum drücken will, gerieten Menschen, die ihre Arbeit verlieren, viel schneller direkt unter das Existenzminimum, wenn sich die Rechtsextremen durchsetzen würden.
https://www.youtube.com/@GegenHartzTV
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Und andererseits wiederholte sie nur, was sie im Juni 2007 anderen PalästinenserInnen angetan hatte: Die Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen erfolgte mit Überfällen, Entführungen und Massenmorden, die sich gegen die Fatah richteten. Die Fatah-Elite in Gaza wurde physisch ausgelöscht, und zwar inklusive ihrer Familien, mit all jenen Akten der Vergewaltigung, Folter, Entführung und deren zynischer Zurschaustellung, die an Yom Kippur 2023 zum Einsatz kamen. Nur kümmerte sich damals keine Weltöffentlichkeit darum.
Ein Überlebender hat nun ein wichtiges Buch geschrieben. Ich zitiere die Webseite von Thalia
»Manchmal fühle ich mich wie der einsamste Palästinenser auf der Welt.«
Hamza Abu Howidy erzählt uns vom Aufwachsen im Gaza der 2000er Jahre, von seiner Familie, besonders seinem Vater, der ihm beim Muschelsammeln die großen Lektionen des Lebens beigebracht hat, aber auch von den blutigen Kämpfen zwischen Fatah und Hamas, direkt vor seiner Haustür, und wie sehr das Leben in Gaza von Terror geprägt war. Jahre später protestiert er gegen die Hamas und wird festgenommen, gefoltert und muss fliehen. Heute zählt er zu den wichtigsten politischen Stimmen aus der palästinensischen Exilgemeinde, dabei lässt er sich weder von pro-israelischer noch pro-palästinensischer Seite vereinnahmen. Ein sehr persönliches Buch, das Hoffnung und Plädoyer zugleich für eine demokratische und friedliche Lösung des Nahostkonflikts ist.
»Ein Blick auf eine Welt, die uns oft verschlossen bleibt. Die Wucht seiner Sprache trifft mitten ins Herz.« Güner Balci
»Eine atemberaubende, mitreißend geschriebene Lebensgeschichte.« Meron Mendel
»Ein Buch, das schmerzt, aufklärt und trotz allem Hoffnung eröffnet.« Hamed Abdel-Samad
»Eine der wichtigsten politischen Stimmen aus der palästinensischen Exilgemeinde.« Ulrich Gutmair, taz
https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1076815249?ProvID=10907022&gad_source=1&gad_campaignid=16653699811&gbraid=0AAAAADwkCX46AuXGIT5_84r1dZsRa5p8H&gclid=CjwKCAjwuuPRBhAnEiwA2Ji8evmi9CeT5lMiAPzK3ZzUfc8Cbqf9tuIJASx4SoZQ6vs6lXYc6EtTihoCA_8QAvD_BwE
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22. Juni 2026
New Orleans – Der experimentelle Triple-Agonist Retatrutid hat in der Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 bei Menschen mit Typ-2-Diabetes (T2D) zu einer signifikanten Senkung des HbA1c-Werts und zu einer ausgeprägten Gewichtsreduktion geführt.
Auch bei Menschen mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes erwies sich das Medikament als wirksam. In der TRIUMPH-1-Studie führte Retatrutid nicht nur zu einem erheblichen Gewichtsverlust, sondern verbesserte auch Kniegelenkschmerzen bei Arthrose sowie Symptome einer obstruktiven Schlafapnoe. Darüber hinaus wurden in beiden Studien günstige Veränderungen kardiovaskulärer Risikofaktoren beobachtet.
Beide Studien wurden auf den wissenschaftlichen Tagungen der American Diabetes Association (ADA) 2026 vorgestellt [1]. Die Ergebnisse von TRANSCEND-T2D-1 sind gleichzeitig in The Lancet veröffentlicht erschienen [2]. Die Daten von TRIUMPH-1 wurden kurz vor der ADA-Tagung erhoben und noch nicht publiziert.
Wie wirkt Retatrutid?
Retatrutid ist ein sogenannter Dreifach-Agonist. Er aktiviert gleichzeitig die Rezeptoren für die Hormone GLP-1, GIP und Glukagon. Dadurch werden Appetit und Nahrungsaufnahme verringert, die Insulinausschüttung verbessert und der Energieverbrauch erhöht. Diese Kombination führt zu einer deutlichen Gewichtsabnahme und einer verbesserten Blutzuckerkontrolle. Retatrutid wird einmal wöchentlich als Injektion verabreicht.
Übergewicht sei die Ursache von mehr als 200 Erkrankungen, betonte Ania Jastreboff, leitende Prüfärztin der TRIUMPH-1-Studie, Professorin für Medizin und Pädiatrie an der Yale School of Medicine sowie Direktorin des Yale Obesity Research Center in New Haven. Bislang würden diese Folgeerkrankungen jedoch meist isoliert behandelt. Die nun vorgestellten Ergebnisse zeigten, welches Potenzial in einer gezielten Behandlung der Adipositas liege. Eine wirksame Gewichtsreduktion könne die Gesundheit in vielen Bereichen gleichzeitig verbessern und Menschen mit Adipositas sowie ihren Begleiterkrankungen neue Perspektiven eröffnen, erklärte Jastreboff.
TRANSCEND-T2D-1: „Verblüffender“ Gewichtsverlust
An der 40-wöchigen, randomisierten, doppelblinden Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 nahmen 537 Patienten mit unzureichend kontrolliertem Typ-2-Diabetes teil. Sie hatten einen HbA1c-Wert zwischen 7,0% und 9,5% und wiesen einen BMI von mindestens 23 kg/m² auf. Alle Teilnehmer erhielten nur Lebensstil-Interventionen, sprich Empfehlungen zur Ernährung und zur Bewegung. Sie wurden im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid in Dosierungen von 4 mg, 9 mg oder 12 mg beziehungsweise auf Placebo randomisiert.
Die wichtigsten Ergebnisse hatte Hersteller Eli Lilly bereits im März 2026 bekannt gegeben.
Die mittlere Veränderung des HbA1c-Werts gegenüber dem Ausgangswert betrug unter Retatrutid 4 mg -1,69% (n = 134), unter 9 mg -1,86% (n = 133) und unter 12 mg -1,94% (n = 136). In der Placebogruppe (n = 134) lag die entsprechende Reduktion bei -0,81%. Zudem erreichten unter Retatrutid deutlich mehr Patienten HbA1c-Zielwerte von < 7,0%, ≤ 6,5% und < 5,7% als unter Placebo.
Auch beim Körpergewicht zeigte sich ein deutlicher Effekt. Ausgehend von einem mittleren Ausgangsgewicht von 96,9 kg sank das Gewicht unter Retatrutid um 11,5% bei 4 mg, um 13,9% bei 9 mg und um 15,3% bei 12 mg. In der Placebogruppe betrug die Gewichtsabnahme lediglich 2,6%. Unter der höchsten Dosierung entsprach dies einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 16,6 kg, der bis zum Ende des Behandlungszeitraums anhielt.
„Das ist geradezu verblüffend“, sagte Harpreet Singh Bajaj, leitender Prüfarzt der Studie und Leiter der Abteilung für endokrine und metabolische Forschung bei Centricity in Brampton, Kanada. „Ein derart ausgeprägter Gewichtsverlust bei Patienten mit Typ-2-Diabetes wurde in einer Phase-3-Studie bislang mit keinem anderen Medikament beobachtet. Wir wissen, dass Menschen mit Diabetes im Durchschnitt weniger Gewicht verlieren als Menschen ohne Diabetes.“
Auch Naveed Sattar, Professor für kardiometabolische Medizin an der Universität Glasgow, zeigte sich beeindruckt: „Uns wird zunehmend klar, dass wir Adipositas bei Typ-2-Diabetes wesentlich konsequenter behandeln müssen. Retatrutid könnte hier neben Semaglutid und Tirzepatid ein weiteres wichtiges Instrument darstellen.“
TRIUMPH-1: Gewichtsverlust von bis zu 30%
In die Phase-3-Studie TRIUMPH-1 wurden 2.339 Erwachsene eingeschlossen, die ebenfalls im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid (4 mg, 9 mg oder 12 mg) oder Placebo randomisiert wurden.
Zusätzlich umfasste die Studie 2 Basket-Studien: eine mit 574 Teilnehmern mit Kniearthrose sowie eine weitere mit 243 Personen mit mittelschwerer bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe. Eine Basket-Studie untersucht die Wirkung eines Medikaments gleichzeitig in mehreren Patientengruppen mit unterschiedlichen Begleiterkrankungen oder klinischen Merkmalen innerhalb eines gemeinsamen Studienprotokolls.
Bereits veröffentlichte Ergebnisse nach 80 Wochen zeigten, dass Teilnehmer der 12-mg-Gruppe durchschnittlich 28,3% ihres Körpergewichts beziehungsweise rund 32 kg verloren. In der Placebogruppe lag die Gewichtsabnahme bei lediglich 2,2 %. Insgesamt erreichten 45,3 % der Teilnehmer einen Gewichtsverlust von mindestens 30 %.
2 Drittel der Patienten (65,3%) unter der höchsten Dosierung erreichten einen BMI von unter 30 kg/m² und lagen damit nicht mehr im Adipositas-Bereich. Darunter befand sich auch mehr als ein Drittel der Teilnehmer mit schwerer Adipositas zu Studienbeginn (BMI ≥ 40 kg/m²). Unter der 9-mg-Dosis verloren die Teilnehmer durchschnittlich knapp 26% ihres Körpergewichts, absolut etwa 29 kg.
In der 104-wöchigen Verlängerungsphase reichte der Gewichtsverlust von 19,2% unter 4 mg bis zu 30,3% unter 12 mg Retatrutid, was etwa rund 38,6 kg entspricht. Fast alle Teilnehmer verloren mindestens 5% ihres Körpergewichts, mehr als 85% verloren mindestens 15%, und mehr als ein Viertel erreichte sogar eine Gewichtsabnahme von mindestens 35%, berichtete Jastreboff.
Die Analysen zu Arthrose und Schlafapnoe ergaben ebenfalls deutliche Verbesserungen. So reduzierte Retatrutid die Schmerzwerte auf der WOMAC-Schmerzskala bei Patienten mit Kniearthrose um bis zu 4,3 Punkte beziehungsweise 73,1% gegenüber einem Ausgangswert von 6,0 Punkten. Gleichzeitig sank der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe um bis zu 36,1 Ereignisse pro Stunde (-60,6%) gegenüber einem Ausgangswert von 58,6 Ereignissen pro Stunde.
Verbesserungen kardiovaskulärer Risikofaktoren
Auch bei den kardiovaskulären Risikofaktoren zeigte Retatrutid in beiden Studien günstige Effekte. In der TRIUMPH-1-Studie sanken nach 80 Wochen die Triglyceridwerte um bis zu 41,0%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 24,2%, der systolische Blutdruck um 12,3 mmHg und der Taillenumfang um 24,1 cm.
Ähnliche Verbesserungen wurden in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bereits nach 40 Wochen beobachtet: Hier gingen die Triglyceride um bis zu 39,6%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 19,8%, der systolische Blutdruck um 6,4 mmHg und der Taillenumfang um 12,4 cm zurück.
Neues Sicherheitssignal: Harnwegsinfektionen
Das Nebenwirkungsprofil entsprach insgesamt dem anderer Inkretin-basierter Therapien. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen gehörte Übelkeit, die in der TRIUMPH-1-Studie bei bis zu 42,4% der Patienten unter 12 mg und in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bei bis zu 26,5% der Patienten unter derselben Dosierung auftrat.
Weitere häufige Nebenwirkungen waren Durchfall, Verstopfung und Harnwegsinfektionen. Die meisten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer ausgeprägt und gingen im Verlauf der Behandlung zurück.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Auftreten von Harnwegsinfektionen. Diese wurden in der TRIUMPH-1-Studie bei 7,5-8,8% der mit Retatrutid behandelten Frauen beobachtet, verglichen mit 5,3% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 lagen die entsprechenden Raten bei 0,7-2,9% gegenüber 0,0% unter Placebo.
„Wir wissen noch nicht, woran das liegt, aber möglicherweise spielt der Hydratationsstatus eine Rolle“, sagte Jastreboff „Frauen sind grundsätzlich anfälliger für Harnwegsinfektionen. Denkbar wäre auch ein Zusammenhang mit häufigerem Geschlechtsverkehr infolge des Gewichtsverlusts. Da es sich um einen neuen Befund handelt, werden wir dies genauer untersuchen, sobald weitere Daten vorliegen.“
Die Abbruchraten aufgrund von Nebenwirkungen lagen in TRIUMPH-1 bei 4,1%, 6,9% beziehungsweise 11,3% unter Retatrutid 4 mg, 9 mg und 12 mg gegenüber 4,9% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 betrugen die entsprechenden Raten 2,2%, 4,5% und 5,1% gegenüber 0,0% unter Placebo.
Ist mehr Gewichtsverlust immer besser?
Sattar mahnte trotz der beeindruckenden Ergebnisse zur Vorsicht. „Wir müssen lernen, behutsam vorzugehen. Die Frage ist, ob wir bei einzelnen Menschen Schaden anrichten, wenn die Gewichtsreduktion zu rasch erfolgt.“ Möglicherweise, so Sattar, könnte auch das neue Signal hinsichtlich der Harnwegsinfektionen mit einer ausgeprägten Diurese zusammenhängen. „Wir benötigen weitere Daten, um die Sicherheit vollständig beurteilen zu können.“
Auch die unabhängige Kommentatorin Alice Y.Y. Cheng von Trillium Health Partners und der Universität Toronto zeigte sich beeindruckt vom Ausmaß der Gewichtsreduktion: „Ein Gewichtsverlust von 30% ist eine außerordentlich beeindruckende Zahl, wie wir sie mit einer medikamentösen Therapie bislang noch nie gesehen haben.“
Gleichzeitig warnte sie vor einer einseitigen Fokussierung auf die Höhe der Gewichtsreduktion: „Ist mehr immer besser? Ist mehr immer notwendig? Ist mehr immer richtig? Die Antwort lautet 3-mal nein. Nicht jeder Mensch benötigt oder wünscht eine Gewichtsabnahme in diesem Ausmaß. Die entscheidende Frage sollte vielmehr sein: Geht es um Gewichtsverlust oder um gesundheitliche Vorteile?“
Zugleich verwies Cheng auf die praktische Umsetzung: „Wir können hervorragende Therapien entwickeln. Entscheidend ist jedoch, dass sie die Menschen erreichen, die sie benötigen.“ Und weiter: „Patienten müssen Zugang zu dem Medikament haben, es anwenden können, es vertragen und langfristig bei der Therapie bleiben. Dafür tragen wir alle Verantwortung.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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16. Juni 2026
Extreme Hitze belastet Herz, Lunge, Nieren und Gehirn, erhöht das Risiko für Frühgeburten und führt zu mehr Krankenhausaufnahmen. Neue Daten zeigen zudem einen deutlichen Anstieg von Krankmeldungen während Hitzewellen. Experten fordern deshalb konsequente Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen.
Hitzewellen werden zur neuen Normalität
Ende Mai erlebte Europa die 1. Hitzewelle dieses Jahres. Nun stehen die nächsten heißen Tage bevor. Experten erwarten für das Jahr 2026 erneut einen überdurchschnittlich warmen Sommer. Auch die Vereinten Nationen prognostizieren einen weiteren klimawandelbedingten Temperaturanstieg. Sie rechnen in den kommenden 5 Jahren mit neuen Rekordwerten.
Mit steigenden Temperaturen nehmen nach Einschätzung von Klimaforschenden auch Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen zu. Diese stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar und fordern die Gesundheitssysteme zunehmend heraus. Die gesundheitlichen Folgen von Hitze zeigen sich sowohl in einer erhöhten Hitzemortalität als auch in einer steigenden Hitzemorbidität.
Die tatsächlichen Auswirkungen sind jedoch schwer zu erfassen, da Hitze nur selten als unmittelbare Ursache von Erkrankungen oder Todesfällen erkannt wird. Deshalb stützt sich die Forschung auf statistische Modellierungen. Das Robert Koch-Institut (RKI) kalkulierte beispielsweise, dass im vergangenen Jahr in Deutschland rund 2.500 Menschen infolge von Hitze gestorben sind.
Erstmals liegen inzwischen auch Zahlen zur hitzebedingten Morbidität vor: Bereits nach einem einzelnen Tag mit Temperaturen über 30 °C steigt die Zahl der Krankmeldungen um 3,5%. Nach 5 aufeinanderfolgenden Hitzetagen sind es 5%, nach 7 Tagen sogar 10,8%.
Hitzemortalität und Hitzemorbidität
Mittlerweile liegen belastbare epidemiologische Schätzungen zur hitzebedingten Morbidität und Mortalität in Deutschland vor, bestätigt Dr. Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, gegenüber dem Science Media Center (SMC). „Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont Schneider.
Temperaturbedingte Todesfälle werden deutlich zunehmen, wenn keine wirksamen Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden, warnt Prof. Dr. Martin Röösli, Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Er verweist dabei auf die Ergebnisse einer großen Studie, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde.
Die hitzebedingte Morbidität ist in Deutschland bislang deutlich weniger erforscht als die hitzebedingte Mortalität. Nach Einschätzung von Dr. Veronika Huber vom Department of Conservation Biology and Global Change in Sevilla gibt es bisher keine veröffentlichten statistischen Schätzungen zur Gesamtzahl hitzebedingter Krankenhauseinweisungen in Deutschland.
Dennoch stehen zahlreiche Indikatoren zur Verfügung, um die gesundheitlichen Folgen von Hitze abzubilden. Dazu zählen Krankenhauseinweisungen, Besuche in Notaufnahmen, Rettungsdienst-Einsätze, ambulante Arztkontakte, Daten zur Arbeitsunfähigkeit sowie Register zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, betont Huber.
Hitze belastet Herz, Lunge und Nieren stark
„Extreme Hitze belastet das Herz-Kreislauf-System stark, da durch Gefäßerweiterung der Blutdruck sinkt und das Herz schneller und kräftiger pumpen muss“, erklärt Schneider. Bei Menschen mit Vorerkrankungen steigt dadurch das Risiko für Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen.
Gleichzeitig führen verstärktes Schwitzen und Flüssigkeitsverluste zu Dehydratation und Elektrolytstörungen, wodurch Kreislaufkollapse und Thrombosen begünstigt werden. Bestimmte Medikamente wie Diuretika oder Betablocker können diese Risiken zusätzlich verstärken. Besonders gefährdet sind zudem Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes oder neurologischen Erkrankungen.
Hinzu kommt, dass hohe Temperaturen häufig mit erhöhten Ozon- und Feinstaubbelastungen einhergehen. Diese reizen die Atemwege und können Exazerbationen von COPD oder Asthma auslösen.
Hohes Risiko für ältere, vorerkrankte und pflegebedürftige Menschen
„Ältere, gebrechliche Menschen stellen mit weitem Abstand die relevanteste Risikogruppe bei Hitzebelastungen und Hitzewellen dar. Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung während Hitzewellen ist fast ausschließlich auf diese Personengruppe zurückzuführen“, betont Prof. Dr. Kilian Rapp, ärztlicher Leiter der Akutgeriatrie und Leiter der Forschungsabteilung Geriatrie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine erhöhte Hitzesterblichkeit zählen laut Rapp ein hohes Alter, ein niedriger Sozialstatus, Suchterkrankungen, Mobilitätseinschränkungen, pulmonale, kardiovaskuläre oder gerontopsychiatrische Erkrankungen sowie die Einnahme von Beruhigungsmitteln. Auch das Wohnen in höheren Stockwerken oder ein Leben allein erhöhen das Risiko. „Als schützende Faktoren zeigten sich die Verfügbarkeit einer Klimaanlage, der Zugang zu Transportmitteln und eine erhaltene Selbstpflegefähigkeit“, erklärt Rapp.
Gehirn und Nervensystem leiden
Hitze belastet auch Gehirn und Nervensystem auf vielfältige Weise. Studien zeigen, dass hohe Temperaturen die Funktion von Nervenzellen verändern, oxidativen Stress und Entzündungsprozesse im Gehirn fördern sowie die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen können, berichtet Dr. Ameli Breuer, Assistenzärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité Berlin sowie Sprecherin der Arbeitsgruppe Neurologie bei KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.
Hohe Temperaturen erhöhen das Schlaganfallrisiko. Bei Parkinson und Multipler Sklerose kann es zu einer Verschlechterung der Symptome kommen. Auch bei Epilepsie und Migräne gibt es Hinweise darauf, dass Hitze Anfälle beziehungsweise Beschwerden verstärken kann.
Bei Menschen mit Demenz ist extreme Hitze mit einer höheren Zahl von Krankenhausaufnahmen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. „Aus neurologischer Sicht ist Hitze daher längst kein Zukunftsproblem mehr. Die Auswirkungen sind bereits heute im klinischen Alltag sichtbar und werden mit fortschreitendem Klimawandel voraussichtlich weiter zunehmen“, sagt Breuer.
„Bei Hitze können wir uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer, teilweise sogar aggressiv“, erklärt Dr. Sebastian Karl, Assistenzarzt in der Arbeitsgruppe Hirnstimulationsverfahren an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des ZI Mannheim. Aus psychologischer Sicht wirkt Hitze als Stressfaktor. Dadurch stehen für zusätzliche Belastungen weniger Bewältigungskapazitäten zur Verfügung, sodass Menschen schneller gereizt reagieren. Darüber hinaus gibt es auch biologische Effekte. So kann Hitze kleinste Entzündungsprozesse im Gehirn fördern, und wichtige Botenstoffe können aus dem Gleichgewicht geraten.
Die Auswirkungen auf Kinder werden unterschätzt
Kinder reagieren besonders empfindlich auf Umweltbelastungen wie Hitze, Luftverschmutzung oder Extremwetterereignisse. Ihr Körper befindet sich noch in der Entwicklung, sie verbringen mehr Zeit im Freien und sind im Verhältnis zu Erwachsenen körperlich aktiver. Zudem weisen sie eine höhere Atemfrequenz auf, betont Dr. Marie Standl, Leiterin der Forschungsgruppe Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. „Die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für Kinder werden bislang unterschätzt“, sagt sie.
Kinder und Jugendliche gelten bei Hitze als besonders vulnerable Gruppe, da ihr Thermoregulationssystem im Vergleich zu gesunden Erwachsenen noch nicht vollständig ausgereift ist und sie sich daher schlechter an hohe Temperaturen anpassen können. Sie produzieren pro Kilogramm Körpergewicht mehr metabolische Wärme.
Vor allem im Säuglings- und Kindesalter verfügen sie über eine größere Körperoberfläche im Verhältnis zum Körpergewicht, wodurch sie mehr Wärme aus der Umgebung aufnehmen. Gleichzeitig besitzen sie ein geringeres Blutvolumen und eine niedrigere kardiale Auswurfleistung. Wie Privatdozent Dr. Dirk Holzinger, leitender Arzt der Rheumatologie an der Klinik für Kinderheilkunde III des Universitätsklinikums Essen und Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG, bestätigt, gibt es „Hinweise auf eine erhöhte Hospitalisierungsrate von Kindern und Jugendlichen an sehr heißen Tagen“.
Erhöhtes Risiko für Frühgeburten
Dass extreme Hitze während der Schwangerschaft den Körper erheblich belastet und mit gravierenden Risiken verbunden ist, betont Prof. Dr. Petra Arck von der Experimentellen Feto-Maternalen Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Hohe Temperaturen führen zu Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Problemen und beeinflussen die Durchblutung der Gebärmutter. Dadurch kann der Verlauf der Schwangerschaft unmittelbar beeinträchtigt und das Risiko für Komplikationen erhöht werden.
Prof. Dr. Anke Diemert von der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am UKE verweist darauf, dass zahlreiche Studien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Hitzestress und Frühgeburten zeigen. Untersuchungen des UKE belegen, dass extreme Hitze mit Temperaturen von über 30 bis hin zu 35 °C über mehrere aufeinanderfolgende Tage das relative Risiko für Frühgeburten erhöhen kann.
Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne
Bislang verfügen etwa 20% aller Kommunen über Hitzeaktionspläne. Die meisten Bundesländer haben ihren Kommunen inzwischen vorgegeben, solche Konzepte in den kommenden Jahren – meist bis 2030 – vorzulegen, erklärt Prof. Dr. Clemens Becker, Abteilungsleiter der Geriatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Becker erinnert zudem daran, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gesetzlich verpflichtet sind, Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne vorzuhalten und kontinuierlich weiterzuentwickeln. „Das Problem sind vor allem ältere Menschen, die allein leben. Diese müssen durch Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt geschützt werden.“
Dr. Kerstin Kammerer, Vorstandsmitglied und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologische Forschung e.V. in Berlin, verweist auf bestehende Musterhitzeschutzpläne, etwa den des Aktionsbündnisses Hitzeschutz Berlin für Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen. Umfassende Informationen zum Umgang mit Hitze bietet außerdem der Hitzemaßnahmenplan für stationäre Einrichtungen der Altenpflege des LMU-Klinikums.
Schneider A, Röösli M, Huber V, Standl M, Kammerer K geben an, keine Interessenkonflikte zu haben.
Karl S gibt an, mehrere wissenschaftliche Publikationen zu den Zusammenhängen von menschengemachten Umweltveränderungen und psychischer Gesundheit verfasst zu haben. Er ist Mitherausgeber des Buchs „Psychiatrie in Zeiten globaler Umweltkrisen“ und Autor des Buchs „1-Minuten-Strategie Hitze“. Neben seiner klinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Stadtrat in Stuttgart für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Holzinger D gibt an, Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. zu sein.
Rapp K, Breuer A, Arck P, Diemert A, Becker C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.
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"Die Tagesschau verheimliche die Wahrheit – das jedenfalls behauptet Nius-Chef Julian Reichelt über Deutschlands Top-Nachrichtensendung in der ARD. Normalerweise streut sein Portal nur im Netz Verschwörungstheorien. Plötzlich aber lässt er die Berliner U-Bahnen und Busse mit seiner kruden Botschaft beschriften: „Morgens um 6 schon wissen, was einem abends um 8 verschwiegen wird“. Sogar ein besonders auffällig bedruckter Doppeldecker-Bus fährt Reichelts Irrsinn durch die Hauptstadt.
Dass ausgerechnet die als modern und fortschrittlich bekannten Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihre Werbeflächen für Reichelts hetzerische Schwurbelbotschaften hergeben, schockt uns und Tausende Berliner*innen. Also handeln wir. Und zwar schnell und eindeutig.
Unser Slogan heißt „Morgens um 6 schon Lügen & Hetze verbreiten“ – denn dafür steht Nius wirklich.[3] Wir fahren mit dem Spruch auf einem LKW tagelang dem BVG-Bus hinterher, der Satz leuchtet auf einem riesigen LED-Bildschirm. Auffälliger geht’s nicht. Natürlich kommt unser LED-Truck in die Medien – und in den sozialen Medien dreht er ebenfalls große Runden. Schließlich wird der BVG unsere Aktion so unangenehm, dass sie die Nius-Hetze stoppt. Erfolg!
Fakt ist: Wir konnten Reichelts Fake News im öffentlichen Raum nur stoppen, weil wir nicht gezögert haben. In kürzester Zeit standen Plan und Logistik, in wenigen Stunden hatten wir LKW und Riesenbildschirm organisiert. Campact kann das, weil wir Unterstützer*innen ... haben. Menschen, die uns schnell agieren sehen wollen."
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Ein Mädchen namens Atefeh Sahaaleh wurde auf den Marktplatz geführt. Sie war sechzehn Jahre alt. Ein Kran wartete. Der Richter, der sie verurteilt hatte – derselbe Mann, der auch Staatsanwalt, Mullah und Leiter der Stadtverwaltung war –, legte ihr die Schlinge selbst um den Hals.
Atefeh hatte ihre Kindheit damit verbracht, von jedem System im Stich gelassen zu werden, das sie hätte schützen sollen. Ihre Mutter starb, als sie fünf Jahre alt war. Ihr Bruder ertrank kurz darauf. Ihr Vater wurde drogenabhängig. Ab dem neunten Lebensjahr wurde sie wiederholt von älteren Männern in ihrer Gemeinde missbraucht. Als die iranische Sittenpolizei schließlich auf sie aufmerksam wurde, geschah dies nicht, um sie zu schützen. Sie sollte verhaftet werden – wegen „Verbrechen gegen die Sittlichkeit“.
Sie wurde viermal verurteilt. In ihrem letzten Prozess schrie sie den Richter an, dass sie das Opfer und nicht die Täterin sei. Protestierend riss sie sich das Kopftuch vom Kopf. Der Richter sagte später, sie habe sich „in der Öffentlichkeit entkleidet“.
Er reiste persönlich nach Teheran, um die Genehmigung für ihre Hinrichtung einzuholen. Innerhalb einer Woche kehrte er zurück. Er legte ihr selbst die Schlinge um den Hals.
Die Behörden gaben ihr Alter mit 22 Jahren an. Ihre Geburtsurkunde wies 16 Jahre aus.
Keine große Zeitung berichtete darüber. Keine internationale Organisation griff rechtzeitig ein. Der Marktplatz verstummte. Die Welt drehte sich weiter.
Eine Journalistin namens Asieh Amini hörte ein Gerücht über den Vorfall und ließ es nicht mehr los.
Asieh war in der Provinz Mazandaran im Norden Irans aufgewachsen – derselben Region wie Neka – in einer Familie von Lehrern und Lesern, in einem Haushalt, in dem Bücher und Gedichte zum Alltag gehörten. Sie hatte sich ihre journalistische Karriere Jahr für Jahr mühsam aufgebaut und sich in einem Berufsfeld behauptet, das Frauen kaum Raum bot, bis sie Redakteurin und eine Stimme geworden war, der die Menschen zuhörten. Sie lernte. Sie gab nicht auf. Sie stieg auf.
Und dann, im Jahr 2004, erhielt sie einen Hinweis auf ein Mädchen, das gehängt worden war. Asieh ging der Sache nach. Was sie aufdeckte, war nicht einfach nur die Geschichte einer Hinrichtung – es war die Geschichte eines Kindes, das jahrelang missbraucht, als Opfer verfolgt und schließlich von eben jenem Gericht hingerichtet worden war, das es hätte schützen sollen. Sie versuchte, die Geschichte zu veröffentlichen. Sie stieß auf Widerstand. Doch sie gab nicht auf, bis die Geschichte endlich gedruckt erschien.
Das war erst der Anfang.
Kurz darauf erfuhr sie von Leyla – einer jungen Frau mit der geistigen Entwicklung eines achtjährigen Kindes, die ihr Leben lang von den Menschen um sie herum ausgebeutet und missbraucht worden war und nun im Todestrakt saß, verurteilt zur Steinigung. Asieh reiste ins Gefängnis. Sie sammelte Dokumente und Zeugenaussagen. Ihre Recherchen gingen über die Grenzen Irans hinaus und erreichten Regierungen und Organisationen weltweit. Der norwegische Ministerpräsident schrieb direkt an den iranischen Präsidenten. Der internationale Druck wuchs.
Leyla erhielt ein neues Verfahren. Sie wurde aus der Todeszelle geholt und in die Obhut einer Organisation gegeben, die sie endlich schützen sollte. Sie erhielt Privatunterricht, lernte Lesen und Schreiben und war zum ersten Mal in ihrem Leben von Menschen umgeben, die ihr helfen und nicht schaden wollten. Atefeh bekam diese Chance nie. Leyla schon.
2006 erfuhr Asieh, dass Steinigungen weiterhin im Geheimen durchgeführt wurden – offiziell verboten, aber trotz des Gesetzes fortgesetzt, da manche Richter glaubten, einer höheren Instanz als dem Parlament unterstellt zu sein. Sie war Mitbegründerin der Kampagne „Stoppt die Steinigung für immer“, die sich der Dokumentation von Fällen, der Sammlung von Beweisen und der Aufdeckung dieser verborgenen Praxis widmete. Die staatlichen Medien griffen sie an. Die Behörden leugneten alles. Der Druck wuchs mit jedem Monat.
2007 wurde sie bei einer Demonstration gegen die Inhaftierung einer Mitstreiterin verhaftet. Sie verbrachte fünf Tage im Evin-Gefängnis – einer der berüchtigtsten Haftanstalten Irans –, bevor sie freigelassen wurde. Sie kehrte nach Hause zurück und schrieb weiter.
Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009, als die Repression gegen Aktivisten zunahm und ihre Telefone überwacht und ihre Bewegungen verfolgt wurden, traf Asieh die Entscheidung, die viele iranische Journalisten und Schriftsteller treffen mussten: Sie ging.
Sie nahm ihre Tochter Ava und zog nach Norwegen. Sie begann ein neues Leben in einer Sprache, die sie nicht sprach, in einem Land, das sie nicht kannte, fernab von all den Geschichten, über die sie ihr Leben lang berichtet hatte. Sie schloss ihr Masterstudium ab. Sie veröffentlichte Bücher und Gedichte. Sie setzte ihre Menschenrechtsarbeit aus dem Exil fort, denn die Arbeit hört nicht auf, nur weil sich der Ort ändert.
Atefeh Sahaaleh war sechzehn Jahre alt. Ihr Name wäre beinahe in Vergessenheit geraten – begraben unter einem gefälschten Alter in einem Gerichtsdokument, vergessen auf einem Marktplatz im Norden Irans.
Asieh Amini entschied, dass das nicht hinnehmbar war.
Sie hätte die sicherere Geschichte wählen können – die, die weder Überwachung noch Verhaftung noch Exil nach sich zog. Stattdessen wählte sie diese. Und dann die nächste. Und die darauffolgende. Jahrelang wählte sie die Geschichten aus, die alle anderen lieber ignorierten.
So sieht es aus, wenn jemand beschließt, dass Schweigen keine Option mehr ist.
Irgendwo, eine Frau namens Leyla lernte dadurch lesen.
Und ein Mädchen namens Atefeh, dem keine zweite Chance gegeben wurde, ist nicht vergessen.
Gefunden auf und zitiert nach Red Dot
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Dennoch, zu aktuellen Debatten hier mal ein paar ganz nüchterne Fakten:
1990: Im Zuge der 2+4 Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung sichern die USA zu, keine NATO-Truppen dauerhaft in Osteuropa zu stationieren. Dabei wird nicht über den Status von Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrages gesprochen.
1991: Nach einem misslungenen Militärputsch in Moskau bricht die UDSSR in 15 Einzelstaaten auseinander.
1991: In der Folge wird der Warschauer Pakt aufgelöst, dessen früheren Mitglieder sind damit bündnisfrei.
1991: Polen beantragt die Mitgliedschaft in der NATO.
1994: Im Budapester Memorandum garantiert Russland die Grenzen der Ukraine, die dafür ihre Atomwaffen abgibt.
1997: Russland stimmt in der NATO-Russland-Grundakte der NATO-Osterweiterung zu.
1999: Polen, Tschechien und Ungarn treten der NATO bei.
2004: Litauen, Lettland und Estland werden Mitglieder der NATO. Putin gratuliert den baltischen Staaten zum Beitritt und erklärt, die Russische Föderation habe hinsichtlich der NATO-Osterweiterung keine Sicherheitsbedenken.
2022: Putin nennt die NATO-Osterweiterung als Grund seiner "Militärischen Spezialoperation" gegen die Ukraine.
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05. Juni 2026
Vitamin D, Kalzium oder die Kombination beider Mittel schützen ältere Menschen offenbar kaum vor Knochenbrüchen und Stürzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im BMJ veröffentlichte Auswertung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse von Dr. Olivier Massé, Abteilung für Pharmazie, CIUSSS du Nord-de-l'Île-de-Montréal, Québec, Kanada, und seinen Kollegen.
Fast ein Drittel der Menschen ab 65 Jahren stürzt jedes Jahr. Das führt häufig zu Knochenbrüchen, Schmerzen, verringerter Lebensqualität und manchmal auch dazu, dass sich die Betroffenen in stationäre Pflege begeben müssen. Die Prävention von Stürzen und Knochenbrüchen hat daher weltweit Priorität.
Mehrere frühere Evidenzüberprüfungen hatten ergeben, dass weder Kalzium- noch Vitamin-D-Präparate zu einer Verringerung von Knochenbrüchen führen, die Ergebnisse zur kombinierten Einnahme sind uneinheitlich. Dennoch empfehlen viele Ärzte und Leitlinien Vitamin-D-Präparate (mit oder ohne Kalzium) zur Knochengesundheit, und die Verschreibungen haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen.
Evidenz aus 69 Studien mit über 150.000 Erwachsenen
Massé und seine Kollegen werteten die Ergebnisse von 69 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 153.902 Erwachsenen aus, in denen die Wirkung von Kalzium- oder Vitamin-D-Präparaten – oder einer Kombination aus beidem – auf die Verringerung der Anzahl von Knochenbrüchen und Stürzen im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung untersucht wurde.
Nachdem man sich auf klinisch relevante Schwellenwerte geeinigt hatte, stellten die Forschenden fest, dass die Einnahme von Kalziumpräparaten (Evidenz von mittlerer Sicherheit aus 11 Studien; 9.067 Teilnehmer), Vitamin-D-Präparaten (Evidenz von hoher Sicherheit aus 36 Studien; 92.045 Teilnehmer) oder einer kombinierten Supplementierung (Evidenz von hoher Sicherheit aus 15 Studien; 51.126 Teilnehmer) kaum oder gar keinen Einfluss auf das Auftreten von Knochenbrüchen hatte.
Auch die Einnahme von Kalzium, Vitamin D oder einer Kombination aus beiden schien kaum oder gar keinen Einfluss auf bestimmte Frakturen, wie beispielsweise Hüftfrakturen, oder auf Stürze zu haben.
Ergebnisse stützen eine routinemäßige Supplementierung nicht
Massé und seine Kollegen weisen darauf hin, dass einige Analysen nur eine geringe Anzahl von Studien und Teilnehmern umfassten; daher sollten diese Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden. Sie gelten möglicherweise nicht für Personen mit bestimmten Knochenerkrankungen oder für diejenigen, die medikamentös gegen Osteoporose behandelt werden. Allerdings blieben die Ergebnisse auch nach weiteren Analysen mit entsprechenden Adjustierungen konsistent.
Die Forschenden schließen daraus, dass die Ergebnisse „eine routinemäßige Supplementierung mit Kalzium oder Vitamin D sowie eine kombinierte Supplementierung zur Vorbeugung von Knochenbrüchen und Stürzen nicht stützen“. Sie empfehlen Ärzten, Leitliniengremien und Aufsichtsbehörden, „ihre allgemeinen Empfehlungen zur Kalzium- und Vitamin-D-Supplementierung vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse neu zu bewerten“.
In einem begleitenden Editorial betonen Dr. Jennifer Pillay vom Alberta Research Centre for Health Evidence der Universität Alberta, Kanada, Dr. Donna Reynolds von der Universität Toronto und Guylene Thériault von der Universität Montreal, dass Erkenntnisse aus strengen und statistisch aussagekräftigen Studien benötigt würden, um Empfehlungen für die Nahrungsergänzung in Risikogruppen zu untermauern.
In der Zwischenzeit schlagen sie vor, den Fokus und die Finanzierung auf Maßnahmen zu verlagern, die nachweislich einen sinnvollen Beitrag zur Prävention von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen leisten, wie beispielsweise Gleichgewichts- und Krafttraining, sowie auf Maßnahmen, die Elemente wie Bewegung, Gefahrenbewertung oder Aufklärung kombinieren und auf das individuelle Risiko zugeschnitten sind.
Kommentar des Verfassers: Eine gute Unfallversicherung, die eine Unfallpflegerente beinhaltet ist essentiell.
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