Donnerstag, 15. Januar 2026
Unterschiedliche Betrachtungsweisen zu Horkheimer und Adorno
Dies ist eigentlich eine Antwort auf eine Frage von ARE auf einen Kommentar zu verschiedenen Adorno-Interpretationen, aber zu schade um in der Kommentarsektion herumzuliegen, daher hier als eigenständiges Posting.

Also, zunächst mal Krahl und Reiche: Krahl war Vorsitzender des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) während der 67er-69er Unruhen, Reimut Reiche ein Soziologe, Psychologe und Psychoanalytiker, der die Lehre Wilhelm Reichs (dissidente Form der Psychoanalyse, welche die sexuelle Befreiung und die subversive Energie des Orgasmus in den Focus stellte) mit der Kritischen Theorie verband. Krahl und Reiche waren der Auffassung, dass man, wenn man die Dialektik der Aufklärung, die Studien zum autoritären Charakter und die Negative Dialektik gelesen hätte eigentlich zum Staatsfeind werden müsste. Sie leiteten als Konsequenz der Kritischen Theorie daraus eine Art freudomarxistisch begründeten Anarchismus ab.

Adorno und Horkheimer wehrten sich gegen diese Vereinnahmungen und gegen die Besetzung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung mit gerichtlichen Schritten. Darauf reagierten Krahl und Reiche (und andere 68er) mit dem Vorwurf, sie fielen hinter die eigenen Positionen zurück und bewiesen die Dialektik der Aufklärung, nämlich das Zurückschlagen der Aufklärung in Reaktion an den eigenen Personen, indem sie als an ihrer privilegierten Stellung hängende bürgerliche Professoren diese Stellungen verteidigten statt sich denen anzuschließen, die Konsequenzen aus der Theorie ziehen und diese in die Praxis umsetzen würden. Adorno entzog sich dieser Debatte mit dem Hinweis, er habe ein Theoriegebäude entwickelt, wie habe er ahnen können, dass dieses eines Tages mit Molotow-Cocktails in die Tat umgesetzt werden sollte.

Ich finde diese Kritik an Horkdorno zumindest herrlich dialektisch und in Grundzügen berechtigt, aber andererseits auch eine unheimliche Hybris, anzunehmen, dass die 68er-Revolte die "Ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung" darstellen sollte, die laut Dialektik der Aufklärung die einzige Macht sei, die die fortwährende Pervertierung der Aufklärung ins Regressive aufheben könne.

Ein anderer Vertreter der Kritischen Theorie, Herbert Marcuse in den USA ging hingegen direkt ein Bündnis mit der dortigen Studenten- Hippie- Bürgerrechts- und Antivietnamkriegsbewegung ein und postulierte "Die große Weigerung", die von Kriegsdienstverweigerung bis hin zum völligen Aussteigertum reichen konnte als sowohl einzig mögliche als auch historisch notwendige Form der Rebellion. Die Beatnik- Hippie- Alternativbewegungen erschienen Marcuse als neues historisches revolutionäres Potenzial jenseits der Arbeiterklasse.

Völlig anders ausgerichtet ist die Adorno-Rezeption Stephan Grigats. Grigat ist einerseits ein sehr guter Adornokenner und vielleicht der größte Adornit überhaupt. Seine Adornobegeisterung geht so weit, dass er von Adorno komponierte Musikstücke auf dem Klavier spielt. Seine Interpretation der Kritischen Theorie kann man vielleicht als deren Judaica-Variante bezeichnen: Er betont sehr stark die jüdische Herkunft Adornos und rechnet seine Theorien zum jüdischen Beitrag der westlichen Kultur, obwohl Adorno kein religiöser Jude war und sich erst unter dem Eindruck der Shoah überhaupt fürs Judentum zu interessieren begann. Der Adornosche Kategorische Imperativ, dass Auschwitz nie wieder sein dürfe und dass dem alles legitime politische Handeln zu folgen habe wird von ihm als direkte Legitimation der Politik Israels, auch direkt von israelischen Militärschlägen gebraucht.

Grigat setzt einen Gegensatz von Kritischer Theorie und Linker: Erstens sei die Linke in ihrer Vorstellung eines fortschrittlichen Verlaufs oder Ausgangs der Geschichte, eines Erreichens des Kommunismus chiliastisch und positivistisch ausgerichtet, die Kritische Theorie hingegen grundsätzlich positivismuskritisch.

Zweitens sei die Linke seit den Sechzigern mit ihrer Unterstützung der PLO und anderer palästinensischer Widerstandsgruppen in der Grundtendenz antisemitisch, die Kritische Theorie hingegen DIE profunde Antisemitismus-Kritik überhaupt.

In einer Publikation des Ca ira-Verlags, die sich auf die Schrift "Mit den überkommenen Vorstellungen radikal brechen" der Freiburger autonomen Studis-Bolschewiki bezog, in der eine Revision grundsätzlicher linker Inhalte gefordert wurde nahm Grigat für sich in Anspruch, diese Kritik mitentwickelt zu haben, obwohl die Veteranen der autonomen Studis sich dagegen verwehrten, dass ihre Publikationen von Antideutschen ausgeweidet wurden.
In diesem Zusammenhang polemisierte Grigat gegen die Materialien für einen neuen Antiimperialismus scheinbar ohne diese je gelesen zu haben - er bezeichnete eine Redaktionsgruppe als tendenziell antisemitisch, deren Geschichte auf eine Auseinandersetzung mit den antisemitischen Annäherungen des klassischen Anttiimperialismus zurückgeht und die mit "Revolte gegen die Vernichtung. Der Aufstand im Warschauer Ghetto" die erste deutschsprachige Berichterstattung eines jüdischen Teilnehmers dieses Auftstands publiziert hatte.

Der Begriff der Linken bei Grigat ist äußerst problematisch: Es kann nicht die Rede davon sein, dass DIE Linke insgesamt israelfeindlich ausgerichtet sei. Dass gilt für das moskautreue Lager der Kommunisten vor der Perestroika und für Altantiimperialisten, deren extremste Form die RAF war, zu denen aber auch weltweit linke Organisationen wie die meisten kommunistischen Parteien und beispielsweise der ANC gehören. Diese Feindstellung macht sich an einer Wahrnehmung Israels als kolonialistischer Siedlerstaat fest und an besonderen Frontstellungen der Siebziger und frühen Achtziger Jahre, als Israel eine inoffiizielle
Allianz mit rechten Regimen wie Pinochet-Chile, Videla-Argentinien, Apartheid-Südafrika und Schah-Iran gebildet hatte.

Bezogen auf die Bundesrepublik Deutschland war diese Linke bis auf Splittergruppen schon historisch, als Grigat noch studierte. Die nicht parteiförmige linke Szene in Deutschland ist mehrheitlich nicht am Marxismus-Leninismus orientiert, es gibt dort viel mehr Anarchisten als Marxisten, ansonsten Feministinnen, Radikalökologen und mindestens zur Hälfte der Gesamtlinken Menschen ohne geschlossenes Weltbild. Die Mehrheit zumindest der westdeutschen Linken handelt primär aus emotionaler Betroffenheit von irgendeinem Unrecht, die Betroffenheit wird sogar als eigene Kategorie thematisiert: "Die großen Betroffenen leben nicht in deutschen Kiezen oder Unistädten, sondern im globalen Süden oder Städten wie Amsterdam, wir können uns nur solidarisch auf sie beziehen", O-Ton eines Plenums.

Und das ist nun schon seit etwa 40 Jahren so. Die Linke, an der Grigat sich abarbeitet existiert zumindest in Deutschland schon lange nicht mehr.
Ich selbst hatte mich während meines Studiums und zuletzt im Promotionsverfahren, innerhalb des Rigorosums mit dem Zusammenhang zwischen den Elementen des Antisemitismus und den Studien zum autoritären Charakter auseinandergesetzt.

Diesen analysierte ich als ambivalent und kohärent zugleich. Einerseits sind die Untersuchungen in den USA, die anhand der F-Skalen-Sätze nachwiesen, dass die Anfälligkeit für faschistische Ideologeme "in judenreinen Gegenden" so verbreitet war "wie selbst in Hollywood" ein Nachweis dafür, dass die US-Bevölkerung in ihren inneren Charakterstrukturen in keinerlei Hinsicht liberaler, demokratischer, ungefährdeter durch die totalitäre Versuchung war als die deutsche. Andererseits gab es doch sehr spezifische Unterschiede, und nicht nur, weil der Faschismus in den USA nicht an die Macht gelangt war. So etwas wie den tough guy gab es in Deutschland nicht, ebenso wie in den USA völkisch-romantische Vorstellungen keine große Rolle spielten und US-Rechte, die maximale persönliche Freiheit für sich forderten mit einem Führerstaat nichts anfangen konnten. In Deutschland waren Juden das Hauptziel falscher Projektion und Opfer des Rassismus, in den USA erst in weit zurückgeschobener zweiter Linie, im Vordergrund standen die Schwarzen, wobei es allerdings auch antisemitische Angriffe von Schwarzen in Harlem gegen mit Wall Street assoziierte Juden gegeben hatte . Horkheimer betonte, dass der eigentliche Angriff den Arbeitern gelte, die Projektion erfolgte, um für die Massen einen Sündenbock zu schaffen.
In "Elemente des Antisemitismus" in der "Dialektik der Aufklärung" wurde spezifisch die Genese des Antisemitismus in Deutschland geschildert. Dennoch gibt es eine gemeinsame Matrix, eine gemeinsame Vorurteilsstruktur die den Autoren zufolge wie eine kollektive paranoide Psychose funktioniere, außerhalb der die ihr folgenden aber nicht geisteskrank wären, also eine Psychose auf der gesellschaftlichen und gerade nicht der individualpsychischen Ebene.

"Die Wut entlädt sich auf alle ohne Schutz. Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt". Dialektik der Aufklärung, Fischer Ausgabe 1984, S. 154.

Damit liefern die Studien zum autoritären Charakter und die Elemente des Antisemitismus in ihrer Kombination eine archetypische Grundstruktur, eine Art Blaupause zur Analyse von gruppenbezogenem exterminatorischen Menschenhass an sich. Die Genozide an den Armeniern, Kurden, Tutsi, die ethnischen Säuberungen im jugoslawischen Bürgerkrieg werden analysierbar als Anwendungen eines strukturellen Antisemitismus.

Diese Analyse, die ich während des Jugoslawienkriegs schrieb, traf auf sehr positive Aufnahme am Historischen Seminar und der Fakultät für Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen wie auch bei Antirassismusgruppen und geradezu Schaum vorm Mund bei Antideutschen, für die Antisemitismus und sonstiger Rassismus als völlig getrennt und unvergleichbar gelten.

Ich erlebte Reaktionen, die Haltungen offenbarten, die auf eine Art "Höherwertigkeit" der Opfer des Antisemitismus gegenüber sonstig Rassifizierten hinausliefen. Worauf ich mutmaßte, dass es dann darum ginge, hinsichtlich Antisemitismus die hohe Moral zu predigen, sich selbst aber zuzugestehen, auf Migranten rassistisch herabzusehen.

Ich hatte das schon mal, dass ich das Horkheimer-Zitat "Wer vom Faschismus spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen" postete und dann einer von denen damit kam, von einem seriösen Linken sei nicht klassenkämpferische oder antirassistische Agitation zu erwarten, sondern, vom eigenen Land ausgehend, die Demaskierung der "Appeaser", und Horkheimer hätte sein Zitat in dem Sinne gemeint, dass der Faschismus die negativste Form sei, in der der Kapitalismus zu sich selber komme, und das sei schon etwas anderes, als das "plakative Gebrüll", als das ich dieses Zitat gebrauchen würde. Die waren zeitweise systematisch dabei, jeden konkrete gesellschaftliche Machtverhältnisse kritisierenden Aspekt der Kritischen Theorie in eine abstrakt-quasitheologische Metaphorik umzuformulieren, und dann wabern da Identisches und Nichtidentisches wie der Hegel´sche Weltgeist, der in Völkern und Nationen zu sich selber kommt. Es ist eine Schande, was die aus der Kritischen Theorie gemacht haben.

Dann gibt es noch Adorno-Rezeptionen, die darauf hinauslaufen Adorno politisch zu entschärfen.

Etwa Herbert Schnädelbach, der das Adornosche Gesamtwerk als kulturpessimistisch bewertete. Der Schlusssatz der Elemente des Antisemitismus "Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen" scheint für ihn nicht zu existieren, für Schnädelbach ist das Geschichtsbild der Dialektik der Aufklärung ein hoffnungsloses. Die Person Adorno schildert er als einen l´art pour l´art Ästheten, der in der kontemplativen Betrachtung des Kunstwerks seine Erfüllung findet und deshalb gegen jede Form von angewandter Kunst ist. Diese Sichtweise nenne ich Hirnschrumpfung.

Ich bin mit Martin Jay, dessen Buch "Dialektische Fantasie" ich als Einführungslektüre zur Thematik dringend anempfehle der Auffassung, dass die Kritische Theorie eine der Hauptströmungen der Neuen Linken darstellt.

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Ah danke, sehr erhellend! Muss ich aber dreimal lesen um mich da richtig reinzufinden.

Wie erklärt das heutige Massensolidarisierungen mit der Hamas bzw. der PLO, wenn dieser linke Antisemitismus keine erste Geige mehr spielt?

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Mit einem anderen linken Unfug
nämlich dem Opferkult. Egal, ob vergewaltigte Frauen, mißbrauchte Kinder, gegessene Tiere oder unterdrückte Völker - wer Opfer ist hat Recht, und zwar unhinterfragt. Und die Pali-Organisationen betreiben eine hochprofessionelle Opferinszenierung.

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Eine Opferrolle vorwärts
wie dazu weiland gedrostet wurde.

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