Donnerstag, 29. Januar 2026
Ernährungstrends auf dem Prüfstand: Was bringen Omega-3-Fettsäuren, Keto-Diäten und Intervallfasten wirklich?
Fabienne Rigal, Medscape

29. Januar 2026


Paris – Ob Supplemente mit Omega-3-Fettsäuren, ketogene Diäten oder intermittierendes Fasten – viele Ernährungstrends versprechen schnelle Erfolge für Gewicht, Herz und Stoffwechsel. Doch bei den Journées européennes de la Société française de cardiologie (JESFC 2026) wurde klar: Entscheidend sind wissenschaftliche Belege – und diese sind oft deutlich ernüchternder als Versprechen von Anbietern. In einer Fachsession präsentierten Experten den aktuellen Stand der Forschung.

Omega-3-Fettsäuren: Wissenschaftler raten zu ausgewogener Ernährung
Dr. François Paillard, Kardiologe am Zentrum für kardiovaskuläre Prävention des Universitätsklinikums Rennes, ging der Frage nach, welche Rolle Omega-3-Fettsäuren tatsächlich in der Herz-Kreislauf-Prävention spielen. Dabei stellte er zunächst klar, dass vor allem 3 Omega-3-Fettsäurderivate relevant sind: ALA, EPA und DHA.

ALA (Alpha-Linolensäure) findet sich in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinsamen, Walnüssen, Chiasamen oder Rapsöl. Daneben gibt es die beiden „marinen“ Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), die vor allem in fettem Seefisch wie Lachs, Makrele oder Hering sowie in Fischöl enthalten sind.


Wer regelmäßig Fisch isst – idealerweise 2 Fischmahlzeiten pro Woche, darunter mindestens eine Portion fetten Fisch – kann nach aktueller Datenlage mit einer moderaten Senkung kardiovaskulärer Ereignisse rechnen. Auch die Gesamtsterblichkeit scheint in diesem Zusammenhang niedriger zu sein als bei Menschen mit niedrigerem Konsum.

Deutlich negativer fällt sein Fazit für Nahrungsergänzungsmittel aus: Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren in niedriger Dosierung, also etwa 1 g pro Tag, ist für die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen weitgehend wirkungslos. Eine mögliche Ausnahme könnten Menschen sein, die überhaupt keinen Fisch verzehren oder durch Nahrungsergänzungsmittel zumindest einen Mangel ausgleichen.

Hochdosis-Omega-3-Supplemente: Nutzen möglich – aber nicht ohne Risiko
Bei hochdosierten Präparaten ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Paillard verwies darauf, dass mehrere randomisierte Studien positive Effekte einer EPA-Supplementierung gezeigt hätten.


Vor diesem Hintergrund seien auch Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zu verstehen: Experten schlagen auf dem Evidenzniveau IIa vor, bei ausgewählten Hochrisiko-Patienten Omega-3-Fettsäuren in Erwägung zu ziehen – konkret eine hochdosierte EPA-Therapie mit 2-mal 2 g pro Tag zusätzlich zur Statin-Therapie. Das gilt vor allem bei Personen mit erhöhten Triglyzeridwerten zwischen 1,5 und 5,6 mmol/l, deren Werte trotz Statinen nicht ausreichend kontrolliert werden.

Gleichzeitig warnte Paillard vor Gefahren, die häufig unterschätzt werden: dem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern. Zwischen der Einnahme von EPA und DHA und diesem Risiko bestehe offenbar eine U-förmige Beziehung, so der Experte. Während eine Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren über natürliche Nahrungsquellen tendenziell eher mit einem sinkenden Risiko verbunden sei, könne es unter hochdosierter Supplementierung ansteigen. Genau deshalb, so Paillard, sei eine sorgfältige Auswahl geeigneter Patienten entscheidend, wenn eine Hochdosistherapie in Betracht gezogen werde.

Keto-Diät und intermittierendes Fasten überzeugen kaum
Im 2. Teil der Session standen aktuelle Diättrends wie die ketogene Ernährung („Keto“) und „Low Carb“ im Fokus. Gemeint ist damit ein Ernährungskonzept, das stark kohlenhydratreduziert ist, ohne jedoch zwingend Fett, Eiweiß oder die Gesamtkalorienmenge zu begrenzen. Das Grundprinzip ist keineswegs neu: Es reicht bis in die 1970er-Jahre zurück, als der Ansatz unter dem Namen Atkins-Diät populär wurde und bereits kurz darauf in JAMA kritisch diskutiert wurde. Inzwischen liegt mit einem Cochrane Reviewauch eine umfassende Auswertung zur Evidenz vor.


Prof. Dr. Claire Carette, Ernährungsmedizinerin und Diabetologin am Pariser HEGP, wies auf eine methodische Herausforderung hin: In der Ernährungsmedizin ließen sich randomisierte Studien praktisch nie doppelblind durchführen. Dieses strukturelle Problem müsse bei der Interpretation aller Diätstudien grundsätzlich mitgedacht werden.


Insgesamt zeigen die Daten, dass eine ketogene Ernährung langfristig zu keiner besseren Gewichtsabnahme führt als andere Diätformen. Es gibt auch keine überzeugenden Hinweise auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Damit wird die häufig geäußerte Behauptung, Keto sei grundsätzlich „gefährlich fürs Herz“, zumindest durch die aktuelle Evidenz nicht gestützt. Dennoch schneiden in vielen Untersuchungen hinsichtlich Blutzuckerparametern und metabolischer Kontrolle mediterrane Ernährungsmuster besser ab.

Carette machte außerdem deutlich, dass die wissenschaftliche Diskussion oft Idealformen von Diäten betrachtee, während die eigentliche Hürde meist im Alltag liege: Die langfristige Adhärenz sei bei nahezu allen restriktiven Ernährungsformen schlecht; hohe Abbruchraten seien in Studien ein wiederkehrendes Problem.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Atkins-Diät, die häufig mit einer deutlich reduzierten Ballaststoffzufuhr einhergeht. Das könnte langfristig mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Zusammenhang stehen.


Intermittierendes Fasten: Bei Übergewicht keine Vorteile in großen Studien
Auch das intermittierende Fasten wurde auf dem Kongress eher kritisch eingeordnet. Das Konzept zielt darauf ab, das tägliche Zeitfenster für die Nahrungsaufnahme zu verkürzen. Allerdings existieren dafür sehr unterschiedliche Varianten und Protokolle, was die Studienlage zusätzlich schwer vergleichbar macht.

Für Menschen mit Übergewicht oder Adipositas zeigen große Studien, unter anderem veröffentlicht in JAMA Internal Medicine und im NEJM, keinen klaren Vorteil – weder beim Gewichtsverlust noch bei wichtigen metabolischen Parametern.

Bei Menschen mit Diabetes könnten sich dagegen durchaus kardiometabolische Verbesserungen abzeichnen, etwa bei bestimmten Risikomarkern oder sogar bei der linksventrikulären Auswurffraktion. Carette mahnte jedoch zur Vorsicht: Viele dieser Ergebnisse basieren auf Studien mit kurzer Laufzeit und mit vergleichsweise kleinen Teilnehmerzahlen, sodass ihre Aussagekraft begrenzt bleibt. Belastbare Langzeitdaten fehlen.

Einen breiteren Überblick liefert ein im NEJM publizierter Review, der insgesamt vor allem 2 Ernährungsmuster bewertte werden: Die mediterrane Ernährung weist die robusteste Evidenz für positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit auf, während die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) vor allem in der Behandlung des Bluthochdrucks gut untersucht wurde. Carette erinnerte auch daran, dass restriktive Ernährungsformen grundsätzlich Risiken bergen, etwa ein erhöhtes Auftreten von Essstörungen oder ein problematischem Essverhalten.


Zucker bleibt Zucker: Entscheidend ist die Menge – nicht die Moral
Zum Abschluss der Session richtete Dr. Kévin Seyssel, Ernährungsberater aus Corbas bei Lyon, den Blick auf die oft emotional und moralisierend geführte Social-Media-Debatte rund um Zucker. Formate wie „No sugar challenge“ oder die Darstellung von Zucker als regelrechter „Teufel“ seien aus seiner Sicht vor allem populistisch – und wissenschaftlich meist viel zu grob vereinfachend. Statt dramatischer Botschaften plädierte Seyssel daher für einen pragmatischen Umgang und eine Orientierung an etablierten, evidenzbasierten Empfehlungen.

Als Maßstab nannte er unter anderem die Leitlinien der WHO: Bei einer täglichen Energiezufuhr von 2.000 Kilokalorien sollte die Zuckeraufnahme 50 g pro Tag nicht überschreiten. Und die französischen Behörde ANSES (Agence nationale de sécurité sanitaire de l'alimentation, de l'environnement et du travail) rät, täglich rund 30 g Ballaststoffe aufzunehmen.

Jenseits dieser vergleichsweise moderaten Orientierungswerte sei eine gewisse Skepsis gegenüber Panik machenden Botschaften angebracht, insbesondere, wenn sie mit Schuldzuweisungen arbeiteten und mehr moralischen Druck erzeugten als wissenschaftlich fundierte Orientierung zu bieten, gab Seyssel zu bedenken.

https://deutsch.medscape.com/viewarticle/ern%C3%A4hrungstrends-dem-pr%C3%BCfstand-was-bringen-omega-3-2026a100024i?ecd=WNL_mdplsfeat_260129_mscpedit_de_etid8065251&uac=389796AZ&impID=8065251

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