Mittwoch, 4. Februar 2026
Neue Empfehlungen zur Krebs-Prävention; jeder Zweite bekommt Krebs; Bewegung hilft bei Darmkrebs; morgendliche Immuntherapie ist besser
Dr. Susanne Heinzl, medscape

03. Februar 2026


Krebs: Neue Empfehlungen zur Prävention
Krebs in Deutschland: Fast jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens
Krebssterblichkeit: Vorhersagen für Europa
NSCLC: Prospektiv gezeigt – eine morgendliche Immuntherapie wirkt besser
Kolorektalkarzinom: ESMO empfiehlt strukturierte Bewegung als Behandlungsmethode
Nierenzellkarzinom: Stuhltransplantation verbessert Wirkung der Immuntherapie
Multiples Myelom: OS-Daten mit Cilta-Cel vielversprechend
Krebs: Neue Empfehlungen zur Prävention
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die 5. Auflage des Europäischen Kodex gegen Krebs in The Lancet und in zusammengefasster Form online publiziert. Er enthält wissenschaftlich belegte Empfehlungen, mit denen sich das persönliche Krebsrisiko senken lässt, und richtet sich erstmals auch direkt an politische Entscheidungsträger.

Neu ist, dass der Kodex nun 14 statt 12 Regeln umfasst und Umweltverschmutzung ausdrücklich als Krebsrisikofaktor benennt. Empfohlen werden unter anderem mehr Bewegung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt mit dem Auto sowie der Verzicht auf offene Feuerstellen in Innenräumen. 2 Ratschläge betreffen speziell Frauen: möglichst langes Stillen nach der Geburt und ein zurückhaltender, zeitlich begrenzter Einsatz von Hormonersatztherapien in den Wechseljahren nach ärztlicher Beratung.


Außerdem fordern die Wissenschaftler im Kodex gesetzliche Maßnahmen, damit gesunde Entscheidungen im Alltag leichter fallen. Genannt werden höhere Steuern auf Tabak- und Nikotinprodukte, auf Alkohol, auf sehr zuckerhaltige Lebensmittel und auf stark verarbeitetes Fleisch. Kampagnen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz sollten ebenfalls eine höhere Priorität bekommen.

Empfohlen wird zudem der Ausbau von Impfprogrammen gegen Hepatitis B und gegen humane Papillomaviren. Politische Maßnahmen sollen den Arbeitsschutz für Menschen verbessern, die im Freien oder mit krebserregenden Stoffen arbeiten, und durch vorausschauende Stadtplanung die Luftqualität erhöhen, etwa indem Bildungseinrichtungen nicht an stark befahrenen Straßen entstehen.

Die Deutsche Krebshilfe und das Deutsche Krebsforschungszentrum fordern, dass Deutschland seine Präventionspolitik stärker an diesen Empfehlungen ausrichtet.


Krebs in Deutschland: Fast jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens
Anlässlich des Weltkrebstages am 4. Februar 2026 veröffentlicht das Robert Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin aktuelle Zahlen zu Krebsinzidenz und -sterblichkeit in Deutschland.

Laut Krebsregister haben Ärzte im Jahr 2023 bundesweit 517.800 Krebserkrankungen diagnostiziert, davon 276.400 bei Männern und 241.400 bei Frauen. Etwa die Hälfte aller Fälle betraf Prostata (79.600), Brustdrüse (75.900), Lunge (58.300) sowie Kolon und Rektum (55.300). Rechnet man den Anstieg durch die Zunahme älterer Personen in der Bevölkerung heraus (Altersstandardisierung), ist die Neuerkrankungsrate bei Männern und Frauen weiterhin leicht rückläufig. Sie betrug im Jahr 2023 bei Männern 418 und bei Frauen 347 Fälle pro 100.000 Personen.

Die Krebssterberaten sind altersstandardisiert in den letzten 25 Jahren bei Männern um 31% und bei Frauen um 21% gesunken. Im Jahr 2023 starben in Deutschland laut Todesursachenstatistik 229.000 Menschen an Krebs (123.000 Männer und 106.000 Frauen).



Die 4 häufigsten Diagnosen waren bösartige Tumoren...

der Lunge (45.000),
des Dick- und Enddarms (22.700),
der Bauchspeicheldrüse (19.400),
der Brustdrüse (18.700).
Aus den jährlichen Inzidenzraten lässt sich berechnen, dass im Lauf des Lebens fast jeder 2. Mann (49%) und mehr als 2 von 5 Frauen (43%) an Krebs erkranken, wobei es jede 6. Frau und jeden 7. Mann vor dem 65. Lebensjahr trifft. Medscape hat einen eigenen Beitrag zum Thema veröffentlicht.

Krebssterblichkeit: Vorhersagen für Europa
Aktuelle, in den Annals of Oncology veröffentlichte Schätzungen gehen davon aus, dass die Krebssterblichkeit in der Europäische Union auch im Jahr 2026 insgesamt weiter sinkt – mit 2 Ausnahmen: Pankreaskarzinome bei Frauen in der EU sowie Kolonkarzinome bei Frauen im Vereinigten Königreich.


Die Forscher erstellen seit dem Jahr 2011 jährliche Prognosen. Für das Jahr 2026 erwarten sie rund 1.230.000 Krebstodesfälle. Das entspricht altersstandardisierten Raten von 114,1 Fällen pro 100.000 Männern (-7,8% gegenüber den Jahren 2020-2022) und 74,7 pro 100.000 Frauen (-5,9%). In den 5 bevölkerungsreichsten EU-Staaten und in der EU insgesamt zeigen sich bei den meisten häufigen Krebsarten rückläufige Trends. Die Ausnahme bleibt Bauchspeicheldrüsenkrebs bei Frauen. Auch im Vereinigten Königreich entwickeln sich die Sterberaten überwiegend günstig, außer bei Darmkrebs von Frauen.

Beim Lungenkrebs setzt sich der deutliche Rückgang der Sterblichkeit bei Männern fort. Bei Frauen stabilisieren sich die Raten in der EU und in den 5 größten Mitgliedstaaten bei etwa 12,5 pro 100.000, mit Ausnahme von Spanien, wo ein Anstieg um 2,4% erwartet wird. Ein Rückgang zeigt sich bei Frauen nur unter 65 Jahren, während in höheren Altersgruppen weiterhin ungünstige Entwicklungen beobachtet werden.

NSCLC: Prospektiv gezeigt – eine morgendliche Immuntherapie wirkt besser
In über 20 retrospektiven Studien haben Forscher eine Verbesserung der Wirksamkeit von früher am Tag verabreichten Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) im Vergleich zur späteren Applikation nachgewiesen. Eine Metaanalyse von 13 retrospektiven Studien bei verschiedenen Tumorentitäten zeigte, dass sich das OS und das PFS bei Patienten, die ICI als Mono- oder Kombinationstherapie früher am Tag im Vergleich zur später erhielten, nahezu verdoppelten. Nun hat eine internationale Arbeitsgruppe mit deutscher Beteiligung zu dieser Fragestellung eine prospektive Studie in Nature Medicine publiziert.

In der randomisierten Phase-3-Studie LungTIME-C01 erhielten 210 therapienaive chinesische Patienten mit fortgeschrittenem, nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) die ersten 4 Zyklen einer Immunchemotherapie vor bzw. nach 15 Uhr.


Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 28,7 Monaten betrug das PFS (primärer Endpunkt) bei früher Therapie 11,3 Monate, bei später Behandlung 5,7 Monate (HR 0,40, p < 0,001). Das mediane OS betrug 28,0 Monate bei früher und 16,8 Monate bei später Therapie (HR 0,42, p < 0,001). Auf die frühe Therapie sprachen 69,5% der Patienten, auf die späte Gabe 56,2% an. Immunbedingte Nebenwirkungen unterschieden sich zwischen den beiden Gruppen nicht.

Weitere Analysen ergaben, dass in der frühen Gruppe mehr CD8+-T-Zellen im Blut zirkulierten und dass das Verhältnis von aktivierten zu erschöpften CD8+-T-Zellen höher war als in der späten Gruppe. Dies könnte die höhere Wirksamkeit der Therapie in dieser Gruppe erklären. Allerdings müssen diese Mechanismen zum Zusammenhang von zirkadianem Rhythmus und Wirkung der ICI weiter untersucht werden.

Kolorektalkarzinom: ESMO empfiehlt strukturierte Bewegung als Behandlungsmethode
Ein Express-Update der ESMO-Leitlinien, publiziert in ESMO Open, empfiehlt bei Patienten mit lokalisiertem Kolonkarzinom körperliche Bewegung mit Teilnahme an strukturierten Programmen. Die Empfehlung basiert auf den Ergebnissen der CO.21 Colon Health and Lifelong Exercise Change (CHALLENGE)-Studie, die auf dem ASCO-Kongress 2025 vorgestellt (Medscape hat berichtet) und parallel im NEJM publiziert wurde.


Nierenzellkarzinom: Stuhltransplantation verbessert Wirkung der Immuntherapie
Die italienische Phase-2a-Studie TACITO, veröffentlicht in Nature Medicine, liefert überzeugende Beweise dafür, dass die Stuhltransplantation (FMT) die Wirksamkeit von Immuntherapien bei Patienten mit fortgeschrittenem metastasiertem Nierenzellkarzinom (mRCC) verbessern kann.

45 nicht vorbehandelte Patienten mit mRCC, die mit Pembrolizumab plus Axitinib behandelt worden waren, erhielten randomisiert entweder eine Spender-FMT (d-FMT) oder ein Placebo (p-FMT). Primärer Endpunkt war das PFS nach 12 Monaten. Nach 1 Jahr war bei 70% der Patienten in der d-FMT-Gruppe die Erkrankung nicht fortgeschritten – im Vergleich zu 41% in der Placebo-Gruppe. Allerdings war dieser Unterschied statistisch nicht signifikant (p = 0,053).

Das mediane PFS, ein sekundärer Endpunkt, war mit 24,0 vs. 9,0 Monaten signifikant unterschiedlich (HR 0,5, p = 0,035). Im d-FMT-Arm sprachen 52%, im Kontroll-Arm 32% auf die Immuntherapie an. Das Gesamtüberleben war mit 41 Monaten im Verum- und 28,3 Monaten im Kontroll-Arm unterschiedlich, allerdings war auch dieser Unterschied nicht signifikant.

Nach Aussage der Autoren stützten die Ergebnisse die Sicherheit und potenzielle Wirksamkeit der selektiven Spender-FMT zur Verbesserung der ICI-basierten Therapie bei mRCC, was weitere Untersuchungen rechtfertige.


Multiples Myelom: OS-Daten mit Cilta-Cel vielversprechend
Eine aktuelle Analyse der Phase-3-Studie CARTITUDE-4, publiziert von Prof. Dr. Hermann Einsele, Würzburg, und Kollegen in The Lancet Oncology, zeigt: Die einmalige Infusion von Ciltacabtagen Autoleucel (Cilta-Cel) bei Patienten mit Lenalidomid-refraktärem multiplem Myelom (MM) verlängert das OS im Vergleich zur Standardtherapie signifikant (HR 0,55, p = 0,0009). Diese Ergebnisse legen nahe, CAR-T-Zell-Therapien bereits nach dem 1. Rezidiv einzusetzen.

In der offenen, randomisierten, internationalen Studie wurden 419 MM-Patienten mit 1 bis 3 Vortherapien zwischen Juli 2020 und November 2021 randomisiert mit einer Infusion von Cilta-Cel (n = 208) oder der Standardtherapie (n = 211) aus Pomalidomid/Bortezomib/Dexamethason oder Daratumumab/Pomalidomid/Dexamethason behandelt.

Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 15,9 Monaten war in der 1. Analyse das mediane PFS in der Cilta-Cel-Gruppe nicht erreicht, in der Vergleichsgruppe lag es bei 11,8 Monaten (HR = 0,26). In der zweiten Zwischenanalyse mit einer medianen Nachbeobachtungszeit von 33,6 Monaten wurde das mediane PFS mit Cilta-Cel weiterhin nicht erreicht (HR 0,29). Das mediane OS war mit Cilta-Cel (95%-KI = nicht auswertbar bis nicht auswertbar) und mit der Standardtherapie (95%-KI = 37,7 Monate bis nicht auswertbar) nicht erreicht (HR = 0,55, p = 0,0009).


Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 traten bei 14% in der Cilta-Cel-Gruppe und 37% in der Standardtherapie-Gruppe auf, von Nebenwirkungen vom Schweregrad 4 waren 75% bzw. 56% der Patienten betroffen. Meist handelte es sich um Anämien und Neutropenien.

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