Donnerstag, 5. März 2026
Zum Ende der islamischen Republik Iran
Gilles Keppel sagt wie es ist.


Monsieur Kepel, wie würden Sie die Ereignisse rund um den Irankrieg beschreiben – als einen Wendepunkt in der Geschichte des Nahen Ostens?
Es ist wirklich ein neues Kapitel, das hier aufgeschlagen wird. Dieses Kapitel begann 1979 mit der islamischen Revolution, die grundstürzend war, weil sie den Beginn des radikalen politischen Islams markierte.

… der eine neue Art von Terrorismus in die Welt trug.
Ja. Es ist außerdem wichtig, sich daran zu erinnern, dass es seinerzeit zu jenem Bündnis zwischen Islamismus und Linksextremismus kam, dessen Nachhall wir gerade heute noch in unseren Universitäten hören und in Frankreich auch sonst beobachten können, beispielsweise in dem Bündnis zwischen La France insoumise und den Muslimbrüdern. Denn 1979 war auch der Zeitpunkt, an dem die marxistischen Kategorien von Frantz Fanon, dem Autor von „Die Verdammten dieser Erde”, vom Sohn des Ajatollahs ins Persische übersetzt wurden, und zwar übersetzt in koranische Kategorien.
Es gab also eine Art Verschmelzung zwischen dem politischen Vokabular des Marxismus und dem religiösen Vokabular des Islams?

Ja, und dass man die ganze Sache damals „islamische Revolution” nannte, war in diesem Sinne völlig gerechtfertigt. Diejenigen, die die Ajatollahs damals begleiteten, die Marxisten, landeten meistens im Gefängnis oder wurden gehängt. Dennoch kam es zu dieser Art antiimperialistischer Tendenz der islamischen Revolution, und das erklärt, warum es auch heute möglich ist, dass sich die Solidarität mit Gaza und mit der Hamas in der Unterstützung der europäischen extremen Linken für den angeblich von Zionisten und Imperialisten bombardierten Iran niederschlägt.

Wenn das Kapitel der islamischen Revolution jetzt aber an sein Ende kommt, wie Sie sagen, bedeutet das zwangsläufig, dass wir auch das Ende des iranischen Regimes als solches erleben werden?
Die außergewöhnliche Stärke der israelischen und der amerikanischen Geheimdienste, die imstande waren, nahezu die gesamte iranische Führung zu lokalisieren und zu bombardieren, ist beeindruckend. Aber sie ist auch an Grenzen gestoßen, denn die Maschinerie der Revolutionsgarden funktioniert weiter – nach der Fassungslosigkeit über den Tod von Khamenei am ersten Tag hat Iran am zweiten Tag seine Fähigkeit zur Gegenwehr gezeigt.
Neu und auffällig waren vor allem die iranischen Angriffe auf die arabischen Nachbarn am Golf.
Und dort insbesondere auf Bahrain und auf Dubai. Diese etwas künstliche Welt der Influencer, der Menschen, die keine Steuern zahlen und in der Sonne leben, ist plötzlich zusammengebrochen. Das Modell der Ölmonarchien, die in einer Art verzauberter Zwischenwelt leben, hat seine extreme Fragilität gezeigt. Gerade erst habe ich gelesen, dass die Iraner Rechenzentren angegriffen haben, weil in den Ländern am Golf mit ihrer billigen Energie sehr viele Rechenzen¬tren angesiedelt sind, darunter auch chinesische. Die Iraner stören also die gesamte kybernetische Funktionskette. Das ist völlig neu und scheint von Amerikanern und von Israelis nicht vorhergesehen worden zu sein.


Die Frage ist wohl, wie lange Iran das durchhalten kann.
Das iranische Regime verfügt meiner Meinung nach nicht mehr über viele Ressourcen, da es sich mit den Unruhen im Januar von seiner Bevölkerung abgeschnitten hat.

Es gab schon früher Proteste in Iran.
Ja, aber die Menschen, die nach der Ermordung von Mahsa Amini im Jahr 2022 protestierten, waren moderne, liberale Frauen und Kurden, die ohnehin nicht zur Basis des Regimes zählten. Im Januar indes protestierte die kleine Mittelschicht, die von der Umverteilung der Öleinnahmen lebte und durch Finanzspekulationen der Banken und Revolutionsgarden ruiniert worden ist. Mit ihnen hat das Regime seine soziale Basis verloren. Es hält sich jetzt nur noch durch diesen Staat im Staat, den die Revolutionsgarden bilden.

(Anmerkung des Che: Basis des Regimes waren unter anderem die Bazaris, also die Markthändler. Auf die stützte sich einst auch das Schah-Regime, und die Erosion seiner Macht zeigte sich zuerst am Verlust der Bazaris)


Bislang verfügen sie über genügend Ressourcen, um der amerikanisch-israelische Offensive vorübergehend die Stirn zu bieten.
Es ist nicht sicher, dass das ewig so bleiben wird. Denn ein weiterer wichtiger Punkt ist der Ölmarkt. Die Straße von Hormus ist zwar blockiert. Die Blockade hat bislang aber keine großen Auswirkungen auf die westlichen Verbraucher, wohl allerdings auf China, weil ein großer Teil der chinesischen Gasimporte aus Iran stammt.
Die eigentliche Herausforderung beginnt wohl an dem Tag, an dem das System der islamischen Revolutionsgarden erschöpft sein wird. Nicht nur die arabischen Nachbarstaaten fürchten, dass Iran auseinanderbrechen könnte.
Es gäbe dann keinen Iran als solchen mehr, sondern ein Mosaik aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Als Benjamin Netanjahu das iranische Volk vor ein paar Tagen zum Aufstand aufrief, hat er sie aufgezählt: die Belutschen, die Aserbaidschaner, die Kurden, die Araber. Für die Region ist ein Iran, der aus kleinen Fürstentümern besteht, sehr gefährlich. Netanjahus Logik lautet hingegen: Wenn diese kleinen Fürstentümer sich gegenseitig bekämpfen, können sie nicht Israel angreifen. Diese Frage der Fragmentierung stellt sich. Noch sind wir nicht so weit, aber der Trend geht in diese Richtung.
Jahrzehntelang ging von Iran und seiner „Achse des Widerstands“ eine Ideologie aus, eine Denkweise, die die Welt in Gut und Böse teilte und mit der sich sehr viele Menschen nicht nur in Iran, auch in Syrien, Libanon und Irak identifizierten.
Ja, aber die Revolutionsgarden selbst haben keine Ideologien, sie sind pragmatisch, sie verdienen Geld. Die Ideologie ist das, was die Bevölkerung zusammenhält. Es wird immer Frauen im Tschador geben, die demonstrieren, und einen Nachrichtensprecher, der weint, wenn er im iranischen Staatsfernsehen den Tod von Khamenei verkündet – das war eine Reverenz an die Frömmigkeit des schiitischen Volkes. Aber ich glaube, dass die Ideologie ihre Kraft verloren hat.
So schnell? Sie ist über Jahrzehnte gewachsen und tief verwurzelt.
Aber es ist nicht mehr viel von ihr übrig. Der Widerstand ist tot. Seltsamerweise haben sich die Huthis im Jemen nicht bewegt, sie wurden nicht aktiviert. Die Hizbullah hat vage angegriffen und den Israelis einen Vorwand geliefert, sie zu liquidieren. Syrien existiert nicht mehr. Die Hamas betreibt nur noch begrenzten Terrorismus in Gaza und wartet darauf, dass sie an der Reihe ist. Die Einzigen, die derzeit noch ein wenig aktiv sind, sind die pro-iranischen schiitischen Milizen im Irak. Ich denke, dass die ideologische Dimension, die sehr wichtig war und mit dem 1979 entstandenen Islamo-Gauchismus aufgebaut wurde, zusammengebrochen ist. Heute bleibt nur noch die Fähigkeit der Revolutionsgarden, für eine gewisse Zeit Schaden anzurichten, von der sie hoffen, dass diese Zeit so lang dauern wird, bis die Amerikaner sagen: „Stopp. Wir hören auf, weil es Trump zu viel kostet und er sonst die Midterm-Wahlen verlieren könnte.“
Wie bewerten Sie die Möglichkeit eines Regimewechsels, etwa der Rückkehr des Sohnes des Schahs?
Die Frage ist, ob die Revolutionsgarden zusammenbrechen oder ob es unter den Wächtern Leute gibt, die verhandeln – und die versuchen, so viel Macht wie möglich zu behalten, um die Rückkehr des Schah-Sohnes zu verhindern. Er ist in der Exil-Diaspora sehr beliebt. Ich bin mir derzeit nicht sicher, wie beliebt er in Iran ist. Aber das wird sich zeigen.
Gilles Kepel gilt als einer der führenden Nahostexperten


https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gilles-kepel-sieht-iran-krieg-als-ende-der-islamischen-revolution-110847469.html

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Mittwoch, 4. März 2026
Fünf Parteien aus Rojhilat gründen Allianz gegen iranisches Regime
Fünf kurdische Parteien aus Rojhilat haben eine gemeinsame Allianz gegen die Islamische Republik Iran angekündigt. Ziel sei der Sturz des Regimes, das Selbstbestimmungsrecht der Kurd:innen und eine demokratische Neuordnung.



Fünf maßgebliche kurdische Parteien aus Rojhilat (Ostkurdistan) haben die Gründung der „Koalition der politischen Kräfte Kurdistans in Iran“ bekannt gegeben. Ziel des Bündnisses ist nach eigenen Angaben die Bündelung der politischen Kräfte im Kampf gegen die Islamische Republik Iran sowie die Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts der Kurd:innen. Zu den Mitgliedern gehören die Demokratische Partei Kurdistans-Iran (PDK-I), die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK), die Organisation Xebat (Khabat), die Freiheitspartei Kurdistans (PAK) sowie die Komala-Fraktion der Werktätigen Kurdistans. Der Zusammenschluss ist nach längeren Gesprächen und Abstimmungsprozessen zustande gekommen.

„Ziel ist der Sturz der Islamischen Republik“

In der Gründungserklärung der Allianz betonen die Parteien: „Die politische und nationale Bewegung der Kurd:innen in Rojhilat führt seit Jahrzehnten einen organisierten und kontinuierlichen Kampf gegen Autoritarismus und die zentralistische Diktatur, um ihre nationalen und politischen Rechte durchzusetzen.

Auch nach der Revolution von 1979 und der Machtübernahme der Islamischen Republik blieb Kurdistan ein zentrales Zentrum des Widerstands gegen das unterdrückerische Regime. In dieser Zeit hat Kurdistan einen hohen Preis für seinen Kampf gezahlt: Es wurde ihm Krieg aufgezwungen, zahlreiche politische Führungspersönlichkeiten wurden hingerichtet oder ermordet, tausende Aktivist:innen und Kämpfer:innen kamen ums Leben oder starben in Gefängnissen. Kurdistan wurde militarisiert und als besetzte Region behandelt; es wurde unter einer Politik der Repression, Ausplünderung und Unterdrückung verwaltet.



Mitwirkung an der Gestaltung neuen Irans

Wir, die unterzeichnenden politischen Parteien, haben die ‚Koalition der politischen Kräfte Kurdistans in Iran‘ gegründet. Aufbauend auf unserer Geschichte des Widerstands und angesichts der Notwendigkeit, auf die gegenwärtige politische Lage in Iran zu reagieren – in einer Situation, in der die Islamische Republik jegliche politische Legitimität verloren hat, jedoch von der Zersplitterung der oppositionellen Kräfte profitiert –, haben wir unsere Kräfte in Kurdistan gebündelt und eine politische Allianz bekanntgegeben.

Diese Allianz entstand nach einer Phase des Meinungsaustauschs und praktischer Zusammenarbeit im ‚Zentrum für Dialog und Kooperation‘. Ihr zentrales Ziel ist es, die politische Bewegung der Kurd:innen in Iran zu stärken, Kurdistan und seiner politischen Bewegung ein größeres politisches Gewicht im Kampf gegen die Islamische Republik zu verleihen, die Rechte und Freiheiten der Bevölkerung Kurdistans zu sichern und an der Gestaltung eines zukünftigen Iran mitzuwirken.

Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts des kurdischen Volkes

Unser gemeinsames Hauptziel ist der Sturz der Islamischen Republik Iran, die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts des kurdischen Volkes sowie der Aufbau einer nationalen und demokratischen Struktur in Rojhilat auf Grundlage des politischen Willens der kurdischen Nation. In dieser Phase unterstützen wir die landesweiten Proteste und Kämpfe aller Völker in Iran gegen die Islamische Republik.

Wir betonen die Notwendigkeit einer politischen und praktischen Koordination zwischen den politischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen Rojhilats sowie mit politischen und zivilgesellschaftlichen Kräften in anderen Teilen des Landes. Während wir die Entstehung einer demokratischen und inklusiven Übergangsphase befürworten, beruht jede Zusammenarbeit oder Allianz mit anderen Kräften auf der Anerkennung der nationalen Rechte der Völker, der Akzeptanz demokratischer Prinzipien und der Ablehnung jeglicher Form von Diktatur.

Ziele: Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung

Innerhalb dieser Allianz bekennen wir uns zum Schutz der Umwelt, zu sozialer Gerechtigkeit, zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern, zur Gewährleistung freier Wahlen sowie zur Sicherung der grundlegenden Rechte aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften Kurdistans. Ebenso betrachten wir es als unsere Pflicht, für die Errichtung eines demokratischen und säkularen politischen Systems in Iran einzutreten, das die Rechte aller nationalen und religiösen Gruppen garantiert.

Wir sind überzeugt, dass politische Einheit, gemeinsames politisches Handeln und koordinierter praktischer Widerstand heute mehr denn je Voraussetzung dafür sind, die Position der Kurd:innen in den sich ständig wandelnden politischen Konstellationen Irans zu stärken. Daher sind wir bereit, mit allen politischen Parteien und Kräften außerhalb unserer Allianz zusammenzuarbeiten, und laden zugleich alle Menschen Kurdistans ein, sich an dieser Allianz zu beteiligen.“


https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-50416

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Dienstag, 24. Februar 2026
Hol den Punk aus dem Schrank!
Bersarin hat einen äußerst umfangreichen und sehr lesenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte des Punk verfasst und operationalisiert inwiefern dieser mit Protestbewegungen in der Vergangenheit verknüpft gewesen ist; daraus werden Schlussfolgerungen für Gegenwart und Zukunft abgeleitet denen ich nicht zustimme, wobei ich auch einigen anderen Aspekten dieses Beitrags widerspreche.

https://bersarin.wordpress.com/2026/02/14/punk-is-dead-punk-is-not-dead-zwischen-avantgarde-und-museum

Es beginnt schon einmal mit Definitionsfragen über den Gegenstand selber. Sowohl was den Punk angeht als auch die Hippies als subkulturelle Bewegung fasst er diese Begrifflichkeiten viel weiter als ich das tue. Die Gesamtheit der bunt gekleideten, langhaarig und im Falle der Männer meist auch langbärtig auftretenden Angehörigen einer durch Sex and drugs and rock´n roll geprägten Jugend- und Junge-Erwachsenen-Subkultur in zeitlicher Abfolge vor den Punks als Hippies zu bezeichnen, das geht nicht. Neben den Hippies gab es die Yippies und die Freaks, die keineswegs mit den Hippies gleichgesetzt werden können. Jim Morison, der Leadsänger der Doors, machte sich in einem Song über die Hippies lustig, deren Lebensstil er verachtete.

„Your ballroom days are over, baby
Night is drawing near
Shadows of the evening
Crawl across the year

Ya walk across the floor with a flower in your hand
Trying to tell me what no one understands
Trading your hours for a handful of dimes
Gonna′ make it, baby, in our prime

Come together one more time
Get together one more time.“


Hippie-Musik -das war aus dem Verständnis der eigenen Zeit heraus Greatful Dead, Jefferson Airplane, The Mamas and the Papas, Melanie, Scott McKenzie, Janis Joplin, schon Jimi Hendrix nicht mehr – erst recht nicht die Doors. Die Ära der Hippies war im Übrigen auch schon vorbei, als ab 1975 die Punks zu einer dominierenden Subkultur wurden.

Ich würde auch die Einstürzenden Neubauten und Palais Schaumburg nicht unter Punk subsummieren. Palais Schaumburg ist New Wave oder auch Neue Deutsche Welle, die Einstürzenden Neubauten sind ebenso wie Kraftwerk, Eloy, Tangerine Dream, Amon Düül oder 3Mustafa3 sehr schwer zu kategorisieren, mir fiele allenfalls Experimental oder Avantgarde dazu ein.

Ich kann mich erinnern, dass wir ägyptischen Freunden, gläubigen Muslimen, in Kairo und noch dazu im Ramadan diesen Song vorspielten und simultan auf Englisch übersetzten:

Erstes Geschoss:
Hier leben die Blinden
Die glauben was sie sehen
Und die Tauben
Die glauben was sie hören
Festgebunden auf einem Küchenhocker
Sitzt ein Irrer, der glaubt
Alles was er anfassen kann
(seine Hände liegen im Schoss)
Auf ins nächste Geschoss:
Welches, oh Wunder! nie fertiggestellt
Nur über die Treppe erreicht werden kann
Hier lagern Irrtümer, die gehören der Firma
Damit kacheln sie die Böden
An die darf keiner ran

Viertes Geschoss:
Hier wohnt der Architekt
Er geht auf in seinem Plan
Dieses Gebäude steckt voller Ideen
Es reicht von Funda- bis Firmament
Und vom Fundament bis zur Firma
Im Erdgeschoss:
Befinden sich vier Türen
Die führen
Direkt ins Freie
Oder besser gesagt. in den Grundstein
Da kann warten wer will
Um zwölf kommt Beton
Grundsteinlegung!
Gedankengänge sind gestrichen
In Kopfhöhe braun
Infam oder katholisch violett
Zur besseren Orientierung

Dachgeschoss:
Es hat einen Schaden
Im Dachstuhl sitzt ein alter Mann
Auf dem Boden tote Engel verstreut
(deren Gesichter sehen ihm ähnlich)
Zwischen den Knien hält er ein Gewehr
Er zielt auf seinen Mund
Und in den Schädel
Durch den Schädel
Und aus dem Schädel heraus
In den Dachfirst
Dringt das Geschoss

Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Lüge, Lüge
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut

EPILOG

Untergeschoss:
Dies ist ein Keller
Hier lebe ich
Dies hier ist dunkel
Feucht und angenehm
Dies hier ist ein Schoss.

Darüber diskutierten wir dann ganz entspannt miteinander, und unsere ägyptischen Freunde fragten uns, wenn wir an keinen Gott glaubten was denn für uns die universelle Antwort auf die großen Fragen wäre, und wir erwiderten: 42. Später schenkten wir Mohamed eine Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“ und hatten viel Spaß miteinander.
Was waren das für Zeiten, was haben wir seither verloren!

Über die Weltuntergangsstimmung von damals schreibt Bersarin Dinge, die wahr und zugleich falsch sind. Es ist richtig, dass unsere heutige Situation in Europa im Gegensatz zu den späten Siebzigern und frühen Achtzigern tatsächlich bedroht ist und die damalige Sicherheitslage vergleichsweise idyllisch war, was die Weltuntergangsstimmung von damals absurd erscheinen lässt. Das ist faktisch völlig richtig und erklärt vor allem nicht, dass damals Risiken wie Atomkrieg, Super-Gau, Waldsterben und despotischer Computerstaat bis hin zur Somatisierung verinnerlicht wurden.

Und andererseits ist diese Wahrnehmung sozial blind. Während heute in sehr vielen Branchen ein Jobüberangebot herrscht und wir einen durchwegs entspannten Arbeitsmarkt haben zogen damals die geburtenstarken Jahrgänge in einen Arbeitsmarkt der am Kollabieren war. In den späten Siebzigern herrschte im gesamten Westen Stagflation, die Gleichzeitigkeit von Stagnation und Inflation, und in der BRD in den Jahren 1979 – 1982 Nullwachstum. Es gab erheblich weniger freie Arbeitsplätze als Arbeitsuchende. Angesichts der Lebenssituation „Mit 16 arbeitslos“ erschien no future als realitätsnahe Beschreibung der eigenen Berufsperspektive. DAS war die Matrix der mit Atomkriegsängsten und Ähnlichem aufgeladenen Endzeitstimmung. Man schaue sich nur einmal die Biographie eines Klaus Jürgen Rattay an um dafür ein Gefühl zu bekommen.
Nun weiß ich aus Gesprächen und Mails mit Bersarin von ihm dass er einen Zugang zur Realität hat der sich von meinem grundsätzlich unterscheidet, da für ihn keine Objektivität und keine feststehende Wahrheit im Zentrum, sondern Haltungen, Relationen und Stile eher im Vordergrund stehen. Obwohl ich das weiß erscheint mir seine Conclusio vollends absurd.

„Rebellion und Widerstand heute sind konservativ. Freilich nicht in der Weise, daß sie etwas Altes wiederherstellen oder etwas Vergangenes bewahren wollte, sondern als Protest gegen die bestehende Gesellschaft und gegen einen linken Zeitgeist, so wie dies Teile des Punk in den 80er Jahren und davor auch der 1968er-Bewegung gegen den Zeitgeist ihrer Jahre praktizierten – gegen eine deutlich konservativere Gesellschaft. Heute geht es darum, gegen einen progressivem Mainstream im Kulturbetrieb und als politischer Überbau mitsamt seinem Journalismus zu rebelllieren.“ - Abgesehen davon, dass das Überbauphänomene sind die mit dem, was eine Gesellschaft ausmacht, nämlich dem Klassenwiderspruch und wie Klassenherrschaft umgesetzt wird nichts zu tun haben erscheint mir eine solch apodiktische Setzung monströs. Hätte er geschrieben „Ich war mal links und verstehe mich heute aus bestimmten, für mich sehr dezidiert begründbaren Motiven als konservativ“ wäre das plausibel. Hier aber wird die eigene biographische Entwicklung nebst ihren Begründungen als quasi historische Tatsache der ganzen Gesellschaft übergestülpt – eine Kombination aus verkürzter politischer Analyse, Narzissmus und Egozentrik, so, wie das auch schon Momorulez betrieben hatte. Eine Art Polit-Autismus.

Es erscheint mir auch äußerst fragwürdig, wie sich denn Kritik an Mietwucher, Wohnungsnot, Billigjobs und Behördenschikanen konservativ begründen ließe – oder gar Kritik an entfremdeter Arbeit.

In einer Zeit, in der durch internationale Abkommen festgelegt ist, dass deutsche Kommunalbetriebe ihre Aufträge für Onlineportale international ausschreiben müssen und dann indische Billigpixler den Auftrag bekommen statt deutscher Werbeagenturen ist das neoliberale Regime vollendet. Kritische linke Journalisten haben hier die Hofnarrenrolle. Wobei das, was in den öffentlich-rechtlichen Medien oder der Massenpresse so als kritisch und links firmiert dies gar nicht ist.

Für mich bedeutet Kritik stets Kritik am Kapitalismus. Schlüsselerlebnis war für mich ein Treffen linker Gruppen in Bremen im Herbst 1990, am Vorabend der Zweiten Golfkriegs, wo es darum ging, was für Widerstandsperspektiven für die Linke es noch gäbe.

Das Impulsreferat hielt Frank Borris von der Redaktion der Materialien für einen Neuen Antiimperialismus. Er begann mit einem Überblick der Praxis linker Proteste in der BRD seit der „Kampf dem Atomtod“ – Bewegung in den 1950ern bis (zum damaligen) heute, um dann am Beispiel von Verena Stephans Roman „Häutungen“ zu erläutern, wie linke Belletristik sich von einer ursprünglich auf politische Kämpfe bezogenen Ausrichtung sich mehr und mehr zu Innerlichkeit und Nabelschau entwickelt hätte und eine „Rückkehr zum Konkreten“ forderte. Zum Schluss kam er zu der These, dass es anders als in den Sechzigern und Siebzigern nur noch wenig Möglichkeiten zu einem widerständigen Aussteigertum gäbe und wir alle irgendwie in der kapitalistischen Gesellschaft mitmachen müssten, die Korruption habe aber ihre Grenzen. Sehr viele Jobs seien für Linke ein No Go.

Nun begannen wir für uns selber eine Art kategorischen Imperativ der Jobwahl im Kapitalismus zu entwickeln, Borris-Line genannt. Für die Meisten gehörte dazu, dass akzeptable Jobs Tätigkeiten für NGOs, Alternativjobs in mitarbeitergeführten Kollektivbetrieben, als InvestigativjournalistInnen, in Forschung und Lehre, im pädagogischen und heilenden und pflegenden Bereich und als GenossInnen vertretende RechtsanwältInnen seien, sicher nicht als Angestellte in der „freien Wirtschaft“. Als ich nach Promotion und Weiterbildung zum Mediengestalter Marketingmanager für eine Softwarefirma wurde musste ich mich als „Verräter“ bezeichnen lassen. Ich möchte lieber nicht wissen, was die Leute von damals zu meiner heutigen Tätigkeit in der Finanzbranche sagen würden. Dabei sehe ich es durchaus als eine soziale Aufgabe an, kleinen Leuten zu ihrem Eigenheim zu verhelfen oder durch Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherungen gegen Schicksalsschläge abzusichern. Dennoch gilt für mich auch immer noch: Identifizieren darf ich mich mit einer Arbeit im Kapitalismus nicht. Irgendwie fühle ich mich über die 25 Jahre, die ich in der Wirtschaft arbeite, immer noch wie ein Agent auf feindlichem Territorium. Für viele meiner alten Mitstreiter bin ich ein Opportunist.

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Samstag, 10. Januar 2026
Solidarität mit den Aufständischen Irans
Auch wenn es mir gar nicht gefällt, welche Rolle der Sohn des Schah da spielt. Im Iran, da wird geschossen - und trotzdem demonstriert.

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Freitag, 28. November 2025
Ich bin ein alter 81er
68er sind noch nicht einmal mehr meine großen Schwestern. Das ist definitiv eine andere Generation. Zwar hatte ich 1968 aus der Perspektive des Vierjährigen im Fernsehen mitbekommen, vor allem den Vietnamkrieg und den Einmarsch der Panzer in Prag und als drittes Hauptevent die Apolloflüge, und das alles prägte mich nachhaltig. Meine Mutter musste mir ein Schild "Frieden in Vietnam" malen und wir spielten Demo. Natürlich konnte ich politische Dinge damals noch nicht begreifen, aber so eine Art rudimentäres politisches Bewusstsein hatte ich ehe ich lesen und schreiben konnte, und als Teenager lebte ich, obwohl wir Endsiebziger hatten in einem 68er-Horizont.

Meinen politischen Kickoff brachte dann das Jahr 1981: Brokdorf, Häuserkämpfe in Hamburg, Bremen, Berlin und Göttingen und ja, auch Braunschweig und Hannover, die Friedensbewegung. Ich sah das damals alles als einen großen Zusammenhang und hoffte, dass aus all diesen Teilbereichskämpfen eine große revolutionäre oder zumindest staats- und gesellschaftsreformerische Bewegung werden würde.


https://www.youtube.com/watch?v=lbPBaO4AcbI&list=RDlbPBaO4AcbI&start_radio=1

In Äquidistanz zu NATO und Ostblock hofften wir gar, dass es im Zusammenhang mit der Bewegung für ein atomwaffenfreies Europa und der krisenhaften Entwicklung in der DDR, die der Kreis dem ich mich bewegte im Gegensatz zur großen Mehrheit der westdeutschen Gesellschaft und auch im Gegensatz zur westdeutschen Linken damals sah eine deutsche Wiedervereinigung unter neutralistischen Vorzeichen geben könnte. Eine Art Synthese aus dem Besten beider Welten. An den 68ern kritisierten wir ihre Inkonsquenz, ihren Frieden mit dem System. Wir waren nicht cool, distanziert und ironisch wie andere Teile der Boomer-Generation angeblich waren, aber auch nicht gefühlsüberschwänglich, soft und naiv wie die Gleichaltrigen im Mainstream der Friedensbewegung - Friedenswichser, wie wir die nannten - sondern dachten strategisch und vernetzten uns mit anderen Systemgegnern der Antikriegsbewegung von der DDR bis Kanada sowie mit linksradikalen Gruooen im Ausland, der türkischen Devrimci Yol, der kurdischen PKK und PUK, später der mexikanischen EZLN, was einem von uns eine Stasiakte einbrachte die bis heute in der Lubjanka verwahrt wird. Hafenstraße, Wackersdorf, Startbahn West und Antifaarbeit vor Ort, das waren unsere Kampffelder. Die legalistische Linke war uns zu brav, die RAF zu unmenschlich, wir hatten aber Sympathien für die Revolutionären Zellen.

https://www.google.com/search?q=youtube+ton+steine+scherben+der+traum+ist+aus&sca_esv=97489801d6bab3ce&sxsrf=AE3TifOl9QN9pW9lzFaYLud-4vIZL1CmXg%3A1764352032054&source=hp&ei=IOApabWdAZqMxc8PvMLi6A8&iflsig=AOw8s4IAAAAAaSnuMEVAIX0dRyzypYRw1uw-zipoQ3V1&oq=Yotube+Ton+Steine+&gs_lp=Egdnd3Mtd2l6IhJZb3R1YmUgVG9uIFN0ZWluZSAqAggEMgcQABiABBgNMgcQABiABBgNMgYQABgWGB4yBhAAGBYYHjIGEAAYFhgeMgYQABgWGB5Ig6oBUABY4npwAHgAkAEAmAF6oAG4CqoBBDE3LjG4AQHIAQD4AQGYAhKgAoILwgIKEC4YgAQYJxiKBcICChAjGIAEGCcYigXCAgsQABiABBixAxiDAcICERAuGIAEGLEDGNEDGIMBGMcBwgIIEAAYgAQYsQPCAg4QABiABBixAxiDARiKBcICBBAjGCfCAgUQABiABMICCxAuGIAEGMcBGK8BwgIHECMYsQIYJ8ICDxAuGIAEGLEDGIMBGAoYC8ICBRAuGIAEwgIIEC4YgAQY1ALCAg8QABiABBixAxiDARgKGAvCAgwQABiABBixAxgKGAvCAgkQABiABBgKGAvCAggQABgIGA0YHpgDAJIHBDE3LjGgB4KyAbIHBDE3LjG4B4ILwgcIMC4xNC4zLjHIBzE&sclient=gws-wiz#fpstate=ive&vld=cid:d34fc786,vid:GuH8ueJe6jI,st:0
Popkulturell irgendwo zwischen Hippies, Punks und Rockern, das waren für uns keine Gegensätze sondern Synthesen. Dass Rechte uns Anarchorocker nannten traf es gut.

Theoretisch waren unsere Diskurse auf hohem Niveau und brachten es zu akademischen Weihen, waren aber genau deswegen für die Massen der linken Szene viel zu abstrakt, um nachvollziehbar zu sein. Eine Mischung aus Dependenztheorie, Antiimperialismus, der sogenannten Anderen Arbeitergeschichte englischer Provinienz, italienischem Operaiismus, Adorno, Foucault und Bourdieu. Einer von uns ist damit Professor geworden - in Tel Aviv.

Ein jäher Schock war der Tod von Conny,

https://che2001.blogger.de/stories/2908060/

der uns dazu brachte, breite antifaschistische Bündnisse mit dem DGB zu suchen, und in der Folge antirassistische Arbeit, die eher den Charakter ehrenamtlicher aufsuchender Sozialarbeit hatte als den militanter Kämpfe. Doch jederzeit auf der Straße wenn es Ausschreitungen von rechts gab, auch bewaffnet, das waren wir immer.

https://www.youtube.com/watch?v=W0RXIVO4GyM

Erst nach 2000 verließ ich diese Szene allmählich, auch wenn einige Verbindungen auch heute noch halten.
Still wild at heart after all these years.


https://www.youtube.com/watch?v=g8iI7ZI0xwo&list=RDMM&start_radio=1&rv=W0RXIVO4GyM

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Donnerstag, 22. Mai 2025
Schönes Wort, wiederentdeckt
"Blackblockologie"

https://che2001.blogger.de/stories/833504

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Samstag, 22. März 2025
Solidarität mit der türkischen Demokratiebewegung!
Freiheit für Imamamoglu!

Yasasin demokratik cumhuriyet!

Biji komara demokratik!

https://www.gmx.net/magazine/politik/protesten-tuerkei-entlaedt-lang-angestauter-frust-40797032


https://www.youtube.com/watch?v=h5MPXC9Og0M

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Montag, 16. Dezember 2024
Aus der Abteilung "Nichts ist so geschmacklos wie die Wirklichkeit": Advent einmal anders, oder nützliche Weihnachtsgeschenke für das kurdische Volk in perversen Zeiten










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Sonntag, 15. Dezember 2024
Erdogans Proximiliz SNA marschiert gegen Rakka und Kobane
Mit ungeheurer Brutalität geht die halb islamistische und halb faschistische Miliz gegen die Menschen in der kurdisch dominierten, aber multiethnischen Defactorepublik Rojava vor - schlimmer als die Russen in Butcha.
Zivilisten die Köpfe abzuschlagen und diese auf Zaunpfähle zu spießen, das ist ihre Handschrift. Aber die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) treten ihnen entschlossen entgegen. In the flash of this moment, you are the best of what we are. Don´t let them stop you now, Rojava!

https://www.rosalux.de/news/id/52871/rojava-unter-beschuss

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Montag, 9. Dezember 2024
Hayat al Sham! Biji Azadiya Syriya!
Es war 1982, da erzählte mir mein aus Syrien stammender Mitschüler Riad vom Massaker von Hama. Da hatte die syrische Luftwaffe eine eigene Stadt bombardiert, es folgten Artillerie- und Panzerangriffe und Razzien von Todesschwadronen. Seither habe ich die von der Weltöffentlichkeit wenig beachteten Staatsmassaker in Syrien auf dem Schirm. Und nun hat dieses scheußliche Regime fertig, plopp, ist es weg. Meine Freude ist mit den feiernden syrischen Menschen.

https://www.youtube.com/watch?v=dzW4F9LKYhU

https://www.youtube.com/watch?v=Xamp5KLCE04

https://www.youtube.com/watch?v=Kvek60dvq50

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