Dienstag, 24. Februar 2026
Hol den Punk aus dem Schrank!
Bersarin hat einen äußerst umfangreichen und sehr lesenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte des Punk verfasst und operationalisiert inwiefern dieser mit Protestbewegungen in der Vergangenheit verknüpft gewesen ist; daraus werden Schlussfolgerungen für Gegenwart und Zukunft abgeleitet denen ich nicht zustimme, wobei ich auch einigen anderen Aspekten dieses Beitrags widerspreche.

https://bersarin.wordpress.com/2026/02/14/punk-is-dead-punk-is-not-dead-zwischen-avantgarde-und-museum

Es beginnt schon einmal mit Definitionsfragen über den Gegenstand selber. Sowohl was den Punk angeht als auch die Hippies als subkulturelle Bewegung fasst er diese Begrifflichkeiten viel weiter als ich das tue. Die Gesamtheit der bunt gekleideten, langhaarig und im Falle der Männer meist auch langbärtig auftretenden Angehörigen einer durch Sex and drugs and rock´n roll geprägten Jugend- und Junge-Erwachsenen-Subkultur in zeitlicher Abfolge vor den Punks als Hippies zu bezeichnen, das geht nicht. Neben den Hippies gab es die Yippies und die Freaks, die keineswegs mit den Hippies gleichgesetzt werden können. Jim Morison, der Leadsänger der Doors, machte sich in einem Song über die Hippies lustig, deren Lebensstil er verachtete.

„Your ballroom days are over, baby
Night is drawing near
Shadows of the evening
Crawl across the year

Ya walk across the floor with a flower in your hand
Trying to tell me what no one understands
Trading your hours for a handful of dimes
Gonna′ make it, baby, in our prime

Come together one more time
Get together one more time.“


Hippie-Musik -das war aus dem Verständnis der eigenen Zeit heraus Greatful Dead, Jefferson Airplane, The Mamas and the Papas, Melanie, Scott McKenzie, Janis Joplin, schon Jimi Hendrix nicht mehr – erst recht nicht die Doors. Die Ära der Hippies war im Übrigen auch schon vorbei, als ab 1975 die Punks zu einer dominierenden Subkultur wurden.

Ich würde auch die Einstürzenden Neubauten und Palais Schaumburg nicht unter Punk subsummieren. Palais Schaumburg ist New Wave oder auch Neue Deutsche Welle, die Einstürzenden Neubauten sind ebenso wie Kraftwerk, Eloy, Tangerine Dream, Amon Düül oder 3Mustafa3 sehr schwer zu kategorisieren, mir fiele allenfalls Experimental oder Avantgarde dazu ein.

Ich kann mich erinnern, dass wir ägyptischen Freunden, gläubigen Muslimen, in Kairo und noch dazu im Ramadan diesen Song vorspielten und simultan auf Englisch übersetzten:

Erstes Geschoss:
Hier leben die Blinden
Die glauben was sie sehen
Und die Tauben
Die glauben was sie hören
Festgebunden auf einem Küchenhocker
Sitzt ein Irrer, der glaubt
Alles was er anfassen kann
(seine Hände liegen im Schoss)
Auf ins nächste Geschoss:
Welches, oh Wunder! nie fertiggestellt
Nur über die Treppe erreicht werden kann
Hier lagern Irrtümer, die gehören der Firma
Damit kacheln sie die Böden
An die darf keiner ran

Viertes Geschoss:
Hier wohnt der Architekt
Er geht auf in seinem Plan
Dieses Gebäude steckt voller Ideen
Es reicht von Funda- bis Firmament
Und vom Fundament bis zur Firma
Im Erdgeschoss:
Befinden sich vier Türen
Die führen
Direkt ins Freie
Oder besser gesagt. in den Grundstein
Da kann warten wer will
Um zwölf kommt Beton
Grundsteinlegung!
Gedankengänge sind gestrichen
In Kopfhöhe braun
Infam oder katholisch violett
Zur besseren Orientierung

Dachgeschoss:
Es hat einen Schaden
Im Dachstuhl sitzt ein alter Mann
Auf dem Boden tote Engel verstreut
(deren Gesichter sehen ihm ähnlich)
Zwischen den Knien hält er ein Gewehr
Er zielt auf seinen Mund
Und in den Schädel
Durch den Schädel
Und aus dem Schädel heraus
In den Dachfirst
Dringt das Geschoss

Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Lüge, Lüge
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut

EPILOG

Untergeschoss:
Dies ist ein Keller
Hier lebe ich
Dies hier ist dunkel
Feucht und angenehm
Dies hier ist ein Schoss.

Darüber diskutierten wir dann ganz entspannt miteinander, und unsere ägyptischen Freunde fragten uns, wenn wir an keinen Gott glaubten was denn für uns die universelle Antwort auf die großen Fragen wäre, und wir erwiderten: 42. Später schenkten wir Mohamed eine Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“ und hatten viel Spaß miteinander.
Was waren das für Zeiten, was haben wir seither verloren!

Über die Weltuntergangsstimmung von damals schreibt Bersarin Dinge, die wahr und zugleich falsch sind. Es ist richtig, dass unsere heutige Situation in Europa im Gegensatz zu den späten Siebzigern und frühen Achtzigern tatsächlich bedroht ist und die damalige Sicherheitslage vergleichsweise idyllisch war, was die Weltuntergangsstimmung von damals absurd erscheinen lässt. Das ist faktisch völlig richtig und erklärt vor allem nicht, dass damals Risiken wie Atomkrieg, Super-Gau, Waldsterben und despotischer Computerstaat bis hin zur Somatisierung verinnerlicht wurden.

Und andererseits ist diese Wahrnehmung sozial blind. Während heute in sehr vielen Branchen ein Jobüberangebot herrscht und wir einen durchwegs entspannten Arbeitsmarkt haben zogen damals die geburtenstarken Jahrgänge in einen Arbeitsmarkt der am Kollabieren war. In den späten Siebzigern herrschte im gesamten Westen Stagflation, die Gleichzeitigkeit von Stagnation und Inflation, und in der BRD in den Jahren 1979 – 1982 Nullwachstum. Es gab erheblich weniger freie Arbeitsplätze als Arbeitsuchende. Angesichts der Lebenssituation „Mit 16 arbeitslos“ erschien no future als realitätsnahe Beschreibung der eigenen Berufsperspektive. DAS war die Matrix der mit Atomkriegsängsten und Ähnlichem aufgeladenen Endzeitstimmung. Man schaue sich nur einmal die Biographie eines Klaus Jürgen Rattay an um dafür ein Gefühl zu bekommen.
Nun weiß ich aus Gesprächen und Mails mit Bersarin von ihm dass er einen Zugang zur Realität hat der sich von meinem grundsätzlich unterscheidet, da es für ihn keine Objektivität und keine feststehenden Wahrheit im Zentrum stehen, sondern Haltungen, Relationen und Stile eher im Vordergrund stehen. Obwohl ich das weiß erscheint mir seine Conclusio vollends absurd.
„Rebellion und Widerstand heute sind konservativ. Freilich nicht in der Weise, daß sie etwas Altes wiederherstellen oder etwas Vergangenes bewahren wollte, sondern als Protest gegen die bestehende Gesellschaft und gegen einen linken Zeitgeist, so wie dies Teile des Punk in den 80er Jahren und davor auch der 1968er-Bewegung gegen den Zeitgeist ihrer Jahre praktizierten – gegen eine deutlich konservativere Gesellschaft. Heute geht es darum, gegen einen progressivem Mainstream im Kulturbetrieb und als politischer Überbau mitsamt seinem Journalismus zu rebelllieren.“ - Abgesehen davon, dass das Überbauphänomene sind die mit dem, was eine Gesellschaft ausmacht, nämlich dem Klassenwiderspruch und wie Klassenherrschaft umgesetzt wird nichts zu tun haben erscheint mir eine solch apodiktische Setzung monströs. Hätte er geschrieben „Ich war mal links und verstehe mich heute aus bestimmten, für mich sehr dezidiert begründbaren Motiven als konservativ“ wäre das plausibel. Hier aber wird die eigene biographische Entwicklung nebst ihren Begründungen als quasi historische Tatsache der ganzen Gesellschaft übergestülpt – eine Kombination aus verkürzter politischer Analyse, Narzissmus und Egozentrik, so, wie das auch schon Momorulez betrieben hatte. Eine Art Polit-Autismus. Es erscheint mir auch äußerst fragwürdig, wie sich denn Kritik an Mietwucher, Wohnungsnot, Billigjobs und Behördenschikanen konservativ begründen ließen – oder gar Kritik an entfremdeter Arbeit.

In einer Zeit, in der durch internationale Abkommen festgelegt ist, dass deutsche Kommunalbetriebe ihre Aufträge für Onlineportale international ausschreiben müssen und dann indische Billigpixler den Auftrag bekommen statt deutscher Werbeagenturen ist das neoliberale Regime vollendet. Kritische linke Journalisten haben hier die Hofnarrenrolle.

Für mich bedeutet Kritik stets Kritik am Kapitalismus. Schlüsselerlebnis war für mich ein Treffen linker Gruppen in Bremen im Herbst 1990, am Vorabend der Zweiten Golfkriegs, wo es darum ging, was für Widerstandsperspektiven für die Linke es noch gäbe.

Das Impulsreferat hielt Frank Borris von der Redaktion der Materialien für einen Neuen Antiimperialismus. Er begann mit einem Überblick der Praxis linker Proteste in der BRD seit der „Kampf dem Atomtod“ – Bewegung in den 1950ern bis (zum damaligen) heute, um dann am Beispiel von Verena Stephans Roman „Häutungen“ zu erläutern, wie linke Belletristik sich von einer ursprünglich auf politische Kämpfe bezogenen Ausrichtung sich mehr und mehr zu Innerlichkeit und Nabelschau entwickelt hätte und eine „Rückkehr zum Konkreten“ forderte. Zum Schluss kam er zu der These, dass es anders als in den Sechzigern und Siebzigern nur noch wenig Möglichkeiten zu einem widerständigen Aussteigertum gäbe und wir alle irgendwie in der kapitalistischen Gesellschaft mitmachen müssten, die Korruption habe aber ihre Grenzen. Sehr viele Jobs seien für Linke ein No Go.

Nun begannen wir für uns selber eine Art kategorischen Imperativ der Jobwahl im Kapitalismus zu entwickeln, Borris-Line genannt. Für die Meisten gehörte dazu, dass akzeptable Jobs Tätigkeiten für NGOs, Alternativjobs in mitarbeitergeführten Kollektivbetrieben, als InvestigativjournalistInnen, in Forschung und Lehre, im pädagogischen und heilenden und pflegenden Bereich und als GenossInnen vertretende RechtsanwältInnen seien, sicher nicht als Angestellte in der „freien Wirtschaft“. Als ich nach Promotion und Weiterbildung zum Mediengestalter Marketingmanager für eine Softwarefirma wurde musste ich mich als „Verräter“ bezeichnen lassen. Ich möchte lieber nicht wissen, was die Leute von damals zu meiner heutigen Tätigkeit in der Finanzbranche sagen würden. Dabei sehe ich es durchaus als eine soziale Aufgabe an, kleinen Leuten zu ihrem Eigenheim zu verhelfen oder durch Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherungen gegen Schicksalsschläge abzusichern. Dennoch gilt für mich auch immer noch: Identifizieren darf ich mich mit einer Arbeit im Kapitalismus nicht. Irgendwie fühle ich mich über die 25 Jahre, die ich in der Wirtschaft arbeite, immer noch wie ein Agent auf feindlichem Territorium. Für viele meiner alten Mitstreiter bin ich ein Opportunist.

... link (0 Kommentare)   ... comment