Sonntag, 30. September 2007
Die bucklige Verwandtschaft
Mein Neffe, der hier mitliest, kam heute vom Set seines ersten Films. Bin gespannt, wie das weitergeht. Meine ihm gegenüber 16 Jahre jüngere Nichte kommt gerade in das Alter, in dem Jugendliche sich politisieren und Distinktionsmerkmale wichtig finden und läuft jetzt in schwarz und mit Palituch rum. Die Familientradition wird also gewahrt ;-)

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9 : 1 !
Werder forever!

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Französische Lebensart
Dabei denkt man normalerweise an teure Weine, Sommertrüffel, Chateaubriand à la Bourgogne, Weinbergschnecken, Baguette, Brioches und Café au Lait, alles Dinge, die ich sehr schätze, aber das hier gehört ebenso dazu. Très sportive, toujours!


http://www.gulliver.it/modules.php?name=gulli_itinerari&file=photo_gallery&id_gita=10682

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Hässliche Linke
Ich habe alle möglichen linken Milieus und Szenen erlebt, mit manchen war ich einverstanden und mit anderen nicht, unwidersprochen bleibt von mir eh keine Umgebung, in der ich mich gerade befinde, aber die wichtigsten Szenen, in denen ich mich bewegt habe, zeichneten sich zumindest durch Coolität und eine gewisse Hippness aus, ob das nun die Lederjacken-Autonomen bis hin zur Haudruff-Antifa waren, akademisch-intellektuelle Salonlinke mit einem zumeist wunderbar schrägen Humor, dadaistische Anarchos oder Flüchtlings mit Guerrilla-Hintergrund. Kürzlich, bei einer Veranstaltung anlässlich des 11.09., stieß ich aber auf ganz andere Linke, teils DKP, teils MLPD, teils durch ihr eigenes Elend nachträglich politisierte Langzeitarbeitslose, und was da mit feierlichem Ernst und humorfreiem Pathos an verschwörungstheoretischem Mumpitz vorgetragen wurde (Flugzeuge von der CIA in die TwinTowers ferngelenkt, Traditionslinie bis zurück zu Pearl Harbour, was auch schon eine bewusste Opferung gewesen sei, Gleiwitz als Modell für die bewusste Schaffung von Präzedenzfällen als Regelfall der US-Außenpolitik - und natürlich nur der USA) war ebenso schlimm wie, ich werde jetzt mal ätzend, die Tatsache, dass die betreffenden Leute alle auch noch scheiße aussahen. Wenn die Linken, denen Statler oder z.B. auch Modeste bisher begegnet sind, von der Sorte waren, verstehe ich allmählich bestimmte Standpunkte. ;-)

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Die Frau auf der Straße
Sie ist eine ausgesprochene Schönheit mit langen blonden Haaren, braungebrannt, aber in dem Gesicht der unbekannten Frau, die mir da entgegenradelt, steht tiefe Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit. Die ist wohl wörtlich zu nehmen, denn auf ihrem linken Jochbein zeichnet sich der Schatten eines tiefsitzenden Hämatoms ab. Ich fürchte, ich weiß leider sehr richtig zu deuten, was das bedeutet.

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Hier hat Waldorf völlig Recht
http://www.antibuerokratieteam.net/2007/09/29/bussgelder-brutal-rauf/#comments

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Donnerstag, 27. September 2007
Zu Burma
oder Birma oder Myanmar oder wie immer sich dieser halb drawidische und halb monkhmerische Begriff auch sonst ausspricht: Eines der bizarrsten Regime der Welt (mit China befreundete Militärdiktatur, die weniger den Mao-Zedong-Ideen als der Astrologie frönt und von Alkoholikern gelenkt wird) ist dabei zu fallen. Wünsche ich mal freien Fall und den gegen das Regime Kämpfenden alles Gute. Immerhin konnte in diesem Land bisher jedeR seine freie Meinung sagen. Genau einmal.

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Dienstag, 25. September 2007
Die Demo als gesellschaftliches Ereignis
Früher, in meinen Zeiten als Reisechaot, war ich dermaßen häufig auf Demos, dass die zu einem festen Bestandteil meines gesellschaftlichen Lebens geworden waren. Unvergesslich ist mir da zum Beispiel eine dieser großen bundesweiten Kurdistan-Demos in den tiefen Neunzigern. Auf der Hinfahrt mussten wir durch mehrere Polizeisperren, zig Autos wurden durchsucht, nur meines nicht - es war viel zu neu und zu schön für einen Chaotenwagen, und statt Anti-AKW-Sonne, Brecht-Zitaten, Che-Bild oder Syndikalistenstern prangte auf der Heckscheibe der Umriss der Insel Usedom im Sylt-Style. Sie winkten uns brave Bürger durch, und im Kofferraum lagen dann die Gerätschaften, die sie nicht finden sollten. Auf dem Anmarsch zur Demo wurde ich dann, obwohl vermummt, von einem ARD-Redakteur begrüßt, der über die Demo berichtete, man kannte sich halt. Nach der eigentlichen Demo und vor der Abschlusskundgebung legte ich die Vermummung ab, steckte die Sonnenbrille ein und zog das Kapuzi aus und stand dann da mit Armschienen und Ellenbogenschützern, also sichtbar passiv bewaffnet, und plauderte mit einer Kurdin, die wir drei Jahre vorher per Soliaktion aus einem Folterknast freibekommen hatten, ganz entspanntes Plaudergespräch im Sonnenschein auf einer Kreuzung. Dann kam eine BePo-Beamter daher, der mich privat kannte. Eigentlich hätte er mich wg. meines Körperschutzes festnehmen müssen, aber mein Gott, wir hatten voriges Wochenende zusammen gegrillt. So hielt ich auch mit dem ein gemütliches Schwätzchen. Insgesamt war das eine Demo, aus der ohne Weiteres eine Straßenschlacht hätte werden können, für mich war das an dem Tag aber eher ein gesellschaftliches Ereignis in der Art einer Familienfeier.

Anderer Art war eine Wackersdorf-Demo 1985, bei der ein SEK-Beamter einen von uns festnehmen wollte und wir ihn daran hinderten, indem wir ihn zu viert festhielten. Ich war an sich gerade dabei, ein Brot zu essen und so hielt ich mit der Rechten den Cop fest , während ich in der Linken die Stulle hielt und kaute. Schließlich erklärte er sich bereit, nichts zu machen und wieder abzuhauen, wenn wir ihn losließen. Ich dachte mir gar nichts dabei, ich hatte einfach Hunger, erfuhr später aber, wie saucool das gekommen war. Weniger cool war die Nie-wieder-Deutschland-Demo 1990, als die Polizei grundlos eine völlig friedliche Demo zusammenprügelte und ich dabei in der ersten Reihe ging. Es endete so, dass ich bäuchlings auf dem gußeisernen Gitter eines öffentlichen Klos lag, ein Pressefotograf mir ins Gesicht knippste und ein Mann, der auf meinem Rücken lag, windelweich geprügelt wurde. Auf der Rückfahrt zeigten sich dann die Jüngeren, auch und gerade die Frauen, voll offensichtlichem Stolz ihre frischverbundenen Blessuren. Um ein Haar hätten wir noch eine Prügelei mit Eintracht-Hools angefangen. Zu Hause gab es dann, wie meist nach solchen Anlässen, eine rauschende Party, die sehr laut war. Haue-Demos waren damals so etwas wie gefährliche Bergtouren oder Segeltörns bei schwerem Wetter.

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Selbstmordversuch vor Publikum
taz nord vom 24.09.2007


Eine kongolesische Asylbewerberin hat versucht, sich in der
Ausländerbehörde in Syke zu erhängen. Bis zu 15 Menschen sollen
zugesehen haben. In den letzten Jahren haben sich mehrere Flüchtlinge in
der Bremer Umlandgemeinde das Leben genommen

VON CHRISTIAN JAKOB



Roland Springborn kann es immer noch nicht glauben: Als der Mitarbeiter
einer Arbeitsloseninitiative am vorvergangenen Freitag gegen zehn Uhr
das Verwaltungsgebäude des Landkreises Diepholz in Syke betrat, sah er,
wie eine Afrikanerin versuchte, sich mit ihrem Schal an einem in
Kopfhöhe an der Wand angebrachten Heizkörper zu erhängen. "Zehn bis
fünfzehn Personen standen um sie herum und haben zugesehen - aber kein
Einziger hat was unternommen," sagt Springborn. Er selbst schritt ein
und löste den Schal der um sich schlagenden Frau, eine junge
Russlanddeutsche kam ihm zu Hilfe und hielt die Afrikanerin fest. "Die
Frau war völlig außer sich und warf sich mehrfach auf den Boden", sagt
Springborn. "Wir haben sie dann ins Treppenhaus geführt und versucht sie
zu beruhigen." Sie habe dabei immerzu von ihrem Mann gesprochen,
erinnert sich Springborn.

Kongo-Flüchtlinge

Bei der Afrikanerin handelt es sich um eine Asylbewerberin namens B. aus
dem Kongo. Beate Jürgens, zuständige Sachbearbeiterin bei der
Ausländerbehörde in Syke, schildert den Sachverhalt wie folgt: "Frau B.
kam an dem Morgen unangemeldet in mein Büro, fragte, wo ihr Mann sei und
schrie dabei. Weil ich noch einen anderen Besucher hatte, sagte ich ihr,
sie solle auf dem Flur warten. Später hörte ich dann laute Geräusche,
lief hinaus, und sah nur noch, wie der Herr Springborn mit Frau B. auf
einer Sitzgruppe landete."

Die Eheleute B. kamen vor zehn Jahren als Asylbewerber nach Deutschland
und lebten abwechselnd in Syke und Bremen. Ihre drei Kinder waren bei
den Eltern des Ehemannes im Kongo geblieben. Seit der Trennung des
Paares vor einigen Jahren ist die HIV-positive B. in Bremen gemeldet.
Die Abschiebung der beiden wurde aus humanitären Gründen immer wieder
ausgesetzt. Da Herr B. straffällig geworden sein soll, soll sich die
Ausländerbehörde schließlich zum Vollzug der Abschiebung entschieden haben.

Es ist unklar, ob B.s Ehemann, der an dem Morgen zwei Stunden zuvor zu
einen Termin in der Ausländerbehörde erschienen war, in Abschiebehaft
genommen wurde oder flüchtete. Die Ausländerbehörde verweigert hierzu
die Angabe - "aus Datenschutzgründen".

Brigitte Jäckel ist Mitarbeiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes in
Syke. "Als die Sache mit Frau B. im Hausflur passiert ist, wurde ich
dazugerufen. Sie hat geschrien, geweint, gezetert und wollte, dass man
ihr die Ausweispapiere ihres Mannes aushändigt. Das war natürlich
unmöglich." Sie habe versucht, B. zu beruhigen und anschließend die
Angelegenheit mit der Sachbearbeiterin Jürgens besprochen. Daraufhin
habe man B. geraten, sich an die für sie zuständige Ausländerbehörde in
Bremen zu wenden. "Man kann sich doch nicht so erpressen lassen," sagt
Jäckel. Die Ausländerbehörde sei dem Ehepaar immer wieder
entgegengekommen, das Verhalten des Ehemannes sei letztlich Ursache der
geplanten Abschiebung.

Roland Spingborn hat in der Zwischenzeit wegen unterlassener
Hilfeleistung Anzeige gegen Unbekannt erstattet, weil keiner der
Umstehenden B. an der versuchten Erdrosselung gehindert hat.

Rom verbrannte sich selbst

Der Selbstmordversuch von B. ist nicht der erste Fall dieser Art in
Syke. Am 15. November 2002 übergoss sich der serbischstämmige
Roma-Flüchtling Lata Aradinovic im Foyer des Syker Rathauses mit Benzin
und zündete sich an. Augenzeugen zufolge hatte Aradinovic anschließend
vergeblich versucht, sich auf einer Toilette des Rathauses zu löschen
und starb am folgenden Tag an den Verbrennungen. Aradinovic hatte mit
der Selbstverbrennung gegen seine drohende Abschiebung nach Serbien, die
Zustände in seiner Asylbewerberunterkunft und die Behandlung seiner
Familie durch die Behörden protestieren wollen. Die Familie Aradinovic
war dem niedersächsischen Flüchtlingsrat zufolge von der
Ausländerbehörde schikaniert worden, um Aradinovic zu zwingen, sich bei
der jugoslawischen Botschaft Passpapiere für seine Abschiebung zu
beschaffen. Dies war der Familie jedoch nicht möglich, da sie keinen
Nachweis über die jugoslawische Staatsangehörigkeit besaß.

Nach Angaben von Pro Asyl soll sich der Syker Bürgermeister an dem
Trauermarsch für den Flüchtling beteiligt und dort gesagt haben, dass
"Herr Aradinovic selbst an allem Schuld" war.

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Montag, 24. September 2007
Trauer um Marcel Marceau
Da ist ein Großer von uns gegangen.

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Herzlichen Glückwunsch an Werder!
Es gibt doch noch Gutes auf der Welt!

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Megacool und saugeil
finde ich die Tatsache, dass der Experimentaljazzer Bernd Friedmann sich den Künstlernamen Burned Fried Man zugelegt hat.

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Fujimori
Eine der widerlichsten Gestalten des Neoliberalismus wurde gerade der peruanischen Justiz übergeben. Ich kann sagen, dass ich mich darüber freue.

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Samstag, 22. September 2007
Sehr zu empfehlen
Heute abend ab 23.05 im Deutschlandradio: Schwerpunktabend Palästina.

Im Kino (besonderer Tipp für Modeste und Netbitch): Nosnoi Dostor 2 "Wächter desTages".

Im Museum: Kunstmuseum Wolfsburg,Die Erweckung der Leere. Der Einfluss der japanischen Kunst auf die europäische Moderne.

Ab November: Die Jeff Wall-Ausstellung im Deutschen Guggenheim Museum in Berlin.

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Meine Lieder
Angeregt durch die aktuelle Diskussion auf Shifting Reality möchte ich ganz gerne zwei Songtexte präsentieren, die meiner Meinung und Weltsicht sehr entsprechen, der eine aktuell und von Pink, der andere über 20 Jahre alt und von Bruce Cockburn.


Also, hier in eigener deutscher Übersetzung:


Pink, Dear Mr.President
Lieber Herr Präsident
Kommen Sie und gehen Sie mit mir spazieren
Lassen Sie uns feststellen
Wir sind einfach zwei Leute
Mein Lieber und Sie sind nicht besser als ich
Ich möchte Ihnen gerne ein paar Fragen stellen
Mein Herr, falls wir ehrlich miteinander sprechen können.

Was fühlen sie, wenn Sie all die Obdachlosen auf den Straßen sehen?
Für was beten Sie nachts bevor Sie schlafen gehen?
Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?
Sind Sie stolz?
Wie schlafen Sie, während der Rest von uns weint?
Wie träumen Sie, wenn eine Soldatenmutter keine Chance hat, lebewohl zu sagen?
Wie können Sie gehen mit einem so hochmütigen Kopf?
Können Sie mir überhaupt in die Augen sehen
Und mir sagen warum?

Lieber Herr Präsident
Waren Sie ein einsamer Junge?
Sind Sie ein einsamer Junge?
Wie können Sie sagen:
„Kein Kind wird vernachlässigt?“
Wir sind nicht dumpf und wir sind nicht blind
Sie sitzen alle in Ihren Zellen
Während Sie den Weg zur Hölle pflastern.

Welche Art von Vater würde die Rechte seiner eigenen Töchter beseitigen?
Und welche Art von Vater würde seine eigene Tochter hassen wenn sie lesbisch wäre?
Ich kann mir nur vorstellen was die First Lady zu sagen hätte!
Sie sind einen langen Weg dahergekommen
- von Whiskey und Kokain!

Wie schlafen Sie während der Rest von uns weint?
Wie träumen Sie wenn eine Mutter keine Chance hat lebewohl zu sagen?
Wie können Sie gehen mit einem so hochmütigen Kopf?
Können Sie mir überhaupt in die Augen sehen?

Lassen Sie mich etwas über harte Arbeit erzählen.
Leichtlohn mit einem Baby unterwegs.
Lassen Sie mich etwas über harte Arbeit erzählen.
Ihre Häuser wieder aufbauen nachdem die Bomben sie beseitigt haben.
Lassen Sie mich etwas über harte Arbeit erzählen.
Ein Bett errichten aus einem Packen Lumpen.
Lassen Sie mich etwas über harte Arbeit erzählen!
Harte Arbeit!
Harte Arbeit!
Sie wissen nichts über harte Arbeit!
Harte Arbeit!
Harte Arbeit!
Wie schlafen Sie nachts?
Wie können Sie gehen mit einem so hochmütigen Kopf?
Lieber Herr Präsident, Sie werden nie mit mir spazieren gehen…
Oder würden Sie?


Bruce Cockburn, If I Had a rocket launcher

Hier kommt der Helikopter – das zweite Mal heute
Alle rennen auseinander und hoffen, dass er vorbeifliegt
Wie viele Kinder sie ermordet haben kann allein Gott sagen
Und wenn ich mit den Überlebenden spreche über Dinge, die viel zu furchtbar sind, um sie mitzuteilen
Wenn ich einen Raketenwerfer hätte, ich würde es vergelten.

Ich glaube nicht an den Wert von bewachten Grenzen.
Ich glaube nicht an Generäle und ihre stinkenden Folterstaaten.

Am Rio Lacantun warten Hunderttausend darauf, dem Hunger zum Opfer zu fallen, oder auf ein noch weniger humanes Ende
Weint um Guatemala
Mit den Leichen in jeder Toreinfahrt.
Wenn ich einen Raketenwerfer hätte, ich würde nicht zögern.


Ich will jede Stimme wecken – zumindest muss ich es versuchen,
Wann immer ich darüber nachdenke, steigen mir Tränen in die Augen.
Verzweifelte Situationen hallen vom Schrei der Opfer wieder.
Wenn ich einen Raketenwerfer hätte.,.,.Einige Hurensöhne würden sterben.

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Donnerstag, 20. September 2007
Die Freiheit und der Hindukusch
Auf dem Grünen-Parteitag konfrontierte die Basis die Parteispitze endlich wieder mit urgrünen Positionen, nämlich der Ablehnung deutscher offensiver Kriegseinsätze, genauer: Der Ablehnung bestimmter Einsätze. Diese aus dem klassischen Pazifismus entlehnte
Grundhaltung ist sehr ehrenwert und zeigt, wie wenig die offizielle Afghanistan-Politik, zumindest aber ihre von den NATO-Partnern eingeforderten Konsequenzen an der Basis sind. Nun ist dieses ganze Vorgehen auch bei der deutschen Normalbevölkerung, anders als bei der politischen Klasse, generell unpopulär, dies aber im Schnitt wohl aus weniger ehrenwerten Gründen. Den Meisten dürfte Afghanistan am Arsch vorbei gehen, und ich befürchte, vielen Deutschen, gerade und besonders im Osten, ließe sich Zustimmung für Bundeswehreinsätze dort abgewinnen, wenn man statt humanitärer Begründungen sagen würde: "Bevor die Afghanen als Flüchtlinge und Asylbewerber zu uns kommen, erschießen unsere Soldaten sie bei sich Zuhause". Nun, was der Mob denkt, der, siehe Mügeln, mehrheitsfähig sein könnte, erfüllt mich mit Grausen, und ich sehne mich nach der Zeit zurück, als der Bundeswehr mit Rücksichtnahme auf die NS-Vergangenheit Out-of-Area-Einsätze generell verboten waren. Nicht, weil ich an eine deutsche Kollektivschuld glaube, sondern, weil ich generell gegen Out-of-Area-Einsätze irgendwelcher Truppen bin. Mit der Bundeswehr war sozusagen ein Anfang gemacht; ich hätte gerne eine Welt, in der kein Staat in entfernten Gebieten offensive Truppeneinsätze durchführen darf.

Von daher gehe ich weiter als die grüne Basis:



Keine fremden Truppen in Deutschland - keine deutschen Truppen im Ausland!

Raus aus der NATO - rein ins Vergnügen!

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Dienstag, 18. September 2007
Barschel und Stammheim
20 und 30 Jahre später scheint sich wieder zu bestätigen, dass die Realität in Wirklichkeit ganz anders ist. Dass selbst Kohl heute einen Mord an Barschel für möglich bis wahrscheinlich hält, ist ebenso bemerkenswert wie diese Passage aus dem SPIEGEL von letzter Woche: "Selbst ein juristisches Gutachten, in dem das Stuttgarter Justizministerium die Frage untersucht, welche Vorgänge heute noch als geheim oder nicht geheim eingestuft werden, wird geheim gehalten. Keine Frage, es gibt hier einiges, was auch heute noch, aus welchen Gründen auch immer, geheim bleiben soll."

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Sonntag, 16. September 2007
Mein 11. September
Ich erlebte den 11.09.2001 folgendermaßen: Wir saßen im Team zusammen und gestalteten eine neue Broschüre, die wenige Tage später auf einer Pressekonferenz präsentiert werden sollte. Die L. war für die Grundinformationen zuständig, ich machte Text und die Scribbles für´s Layout, D. lieferte Bildmaterial, S. das Endlayout und die Druckvorstufe. Im Radio kam ein Bericht, demzufolge zwei zweimotorige Kleinflugzeuge in die Türme des World Trade Centers eingeschlagen waren. Wir dachten an Cessnas und Pipers, die vielleicht ein paar Büros verwüstet hatten, und ich meinte "Das waren sicher ein paar islamistische Kittelbrenner". "Der hat aber einen Kittel am brennen" war für uns ein Ausdruck wie "der ist wohl bescheuert". Was wirklich los war, bekam ich erst zuhause mit, als alle vor dem Fernseher saßen und entsetzt das Geschehen verfolgten. Quälend langsam konnten wir in Echtzeit dem Zusammenbruch der Türme zusehen. In der Folgezeit dann Nachdenklichkeit, in den Medien war von Armut in der Dritten Welt die Rede, Leute kauften sich den Koran, man versuchte zu verstehen, was da geschehen war. Auf der anderen Seite Broder im Deutschlandfunk, der von unversöhnlichem Hass sprach und den Islam in Kollektivhaftung für die Attentate nahm. Erstmals erschien er mir als der fanatische Pöbler, als den ich ihn nur noch wahrnehme und als der er mir vorher noch nie in Erscheinung getreten war.

Das erste Plenum. Alle waren betroffen, entsetzt, die Frage lautete "Wie kann sich die Linke dazu verhalten? Was ist unsere Position?" Einer der absoluten Hardcore-Typen sagte, die Linke hätte ein derartiges Attentat nie zustande gebracht, eine antiimperialistische Stoßrichtung hätte diese Aktion ja schon gehabt. Workinglasshero schrie ihn an, was denn an einer Bewegung antiimperialistisch sein sollte, die Afghanistan ins die Barbarei geführt hätte, er wäre froh, wenn die Russen noch da wären, dann gäbe es da zumindest Frauenrechte, es wäre nur sehr ironisch, dass die USA diese Spinner aufgerüstet hätten. Ich meinte, antiimperialistisch wäre nur, was sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung richte, aber kein Massenmord an Unschuldigen und Wehrlosen. Da erwiderte der Typ, das Ganze sei so entsetzlich, dass er nur zynische Sprüche von sich geben könnte, um das Ganze nicht an sich heranzulassen. Es waren wohl Viele ziemlich wirr an diesem Abend.

Ich schrieb dann ein Papier, in dem ich die Taliban als fleischgewordene Kriegsneurose und Bin Laden&Co als durchgedrehte Upperclasssöhne bezeichnete und das reale Geschehen mit dem Oliver-Stone-Film "Ausnahmezustand" verglich. Irgendwo las ich die Bezeichnung "Gucci-Guerrilla" für Leute vom Schlag Bin Ladens, wodurch ich erstmals von der Existenz dieses Labels, von dem ich mir später auch Accessoires zulegte, erfuhr. Dann kam die Phase der paranoiden Verschwörungstheorien, die in Kreisen von Hizbollah bis DKP wohl weiter gepflegt werden.

Wie die Linke mit alldem umgehen soll ist mir bis heute unklar, obwohl ich meine, alle Ursachen zu kennen.

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Samstag, 15. September 2007
Löschung
Ein Link zu einer als satirisch daherkommenden Fascho-Webseite wurde hier gelöscht, nachdem mich geschätzte Kommentatoren darauf hinwiesen, was sich hinter der scheinbar lustigen "Satire" verbirgt.

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Freitag, 14. September 2007
Balou sagt, wie es ist
Und das übernehme ich mal wörtlich:

Randnotiz: Angst
Angst ist eines der entscheidenden Mittel der Herrschaft in totalitären Systemen. Der Stalinist und der Faschist leben von der Fähigkeit Angst zu erzeugen und zu verbreiten.

Manch einer ist versucht, dieses Prinzip auf Klein-Bloggersdorf zu übertragen. So glaubt dann ein Napalm Libertärer und Möchtegern Lutscher vom großen Arthur möglicherweise, er sei im Besitz dieser Fähigkeit, der Fähigkeit Angst zu erzeugen. Dem ist definitiv nicht so. Hier kommt es dann zur klassischen Verwechselung einer ausgesprochenen “Leck mich am Arsch” Einstellung mit Angst und führt zwangsläufig dazu, dass ein Nick, Nack oder Nuck seine Grenzen völlig falsch einschätzt

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Abschiebungen in den Irak wiederaufgenommen
Der Ausstieg von Zagros aus den Abschiebungen in den Irak war leider nur von kurzer Dauer - nur eine Woche nach der Verkündung des Ausstiegs aus dem Abschiebegeschäft hat Zagros diesen mit sofortiger Wirkung widerrufen. Anscheinend hat die Bundespolizei Druck gemacht, angeblich werden auch heute Abend schon wieder Leute mit Zagros in den Irak abgeschoben.

Mehr Infos folgen demnächst, Neuigkeiten zur Kampagne gegen Abschiebungen in den Irak immer auf: http://irak.antira.info/

Eine gute Adresse für Protestfaxe, -briefe etc:


ALIRAQ Aviation-Travel GmbH
GSA Zagros Air
Wilhelm-Leuschner Str. 7
60329 Frankfurt am Main
Deutschland

fly@zagros.eu
info@irak-reisen.com

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Montag, 10. September 2007
Den trockensten Spruch hatte am Schluss dann der Nörgler
http://shiftingreality.wordpress.com/2007/09/08/mutterkreuz-fur-eva/#comment-1620

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Au weia, Frau Herman!
Je mehr ich erfahre, was über die Einzelheiten der Äußerungen Eva Hermans bekannt wird, desto schlechter wird mir. Michael Fürst ist durchaus zuzustimmen, wenn er sagt: "Wenn sie diesen verquasten Unsinn so gesagt hat, spricht das für ein sehr schlichtes Gemüt und ist historisch unverantwortlich. Dieses schlichte Gemüt zeigt sie auch in ihren Büchern. Ich hätte Zweifel, ob sie mit diesem historischen Defizit noch als NDR-Moderatorin tragbar ist.", ebenso gmx.news:

Handelt es sich bei Eva Hermans Aussagen wirklich nur um ein "schlichtes Gemüt" und einer naiven Verharmlosung der NS-Zeit ("Hitler, ein durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker"), oder trägt sie tatsächlich Sympathien für die nationalsozialistische Gesinnung? Wie spiegel.de berichtet, hätte die Ex-"Tagesschau"-Sprecherin im März beinahe einen Vortrag beim Österreichischen Freiheitlichen Parlamentsklub, einer Unterorganisation der rechtsnationalen FPÖ, gehalten. Kurzfristig sagte sie dann aber doch ab.

Wie gesagt: Au weia!

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Sonntag, 9. September 2007
Politische Grundbegriffe I
Wie angekündigt, habe ich ein wenig im Brunnner/Conze-Koselleck, dem Lexikon der politischen Grundbegriffe, geschmökert und dabei im Wesentlichen meine bisherigen Positionen bestätigt gefunden. Historiker sind gründliche und genaue Menschen, und so handelt es sich um ein Zuschlagewerk im handlichen Schrankformat, gegen das Lexika wie Brockhaus oder Enyclopaedia Britannica so etwas sind wie Disneys Lustige Taschenbücher. Zu Schlagworten wie "Liberalismus", "Konservatismus", "Sozialismus" oder "Rasse" finden sich Begriffserklärungen mit einem Volumen zwischen 5 und 30 Seiten. Der Begriff "Rätekommunismus" findet sich dort nicht, interessanterweise ist dort aber die Kritik Otto Bauers, des Vordenkers der Austromarxisten, am Leninismus wiedergegen, und sie deckt sich teilweise mit der Kritik der Rätekommunisten. Demzufolge habe Marx den Sozialismus als die nächst höhere Entwicklungsstufe der Gesellschaft nach dem Kapitalismus begriffen, die sich nur in den höchstentwickelten kapitalistischen Ländern ereignen könne. Aus diesem Grunde habe Marx seinen Wohnsitz in London, der damals modernsten, zivilisiertesten Stadt der Welt genommen. Dass der Sozialismus ausgerechnet in Russland, der rückständigsten Gesellschaft Europas, hätte realisiert werden sollen, musste demzufolge scheitern, musste auch ein dem Marx´schen Denken wesenfernes bürokratisches Monster gebären, denn die Voraussetzungen für den Sozialismus _ Aufklärung, Industrialisierung, Demokratie, bürgerlichee Zivilgesellschaft -waren ja alle gar nicht vorhanden. Unter diesem Gesichtspunkt wären die Sowjetunion, China, Vietnam, Kuba eigentlich keine sozialistischen Gesellschaften im marx´schen Sinne, sondern Modernisierungsdiktaturen, die versucht hätten, den Vorsprung der kapitalistischen Staaten mit künstlicher Entwicklung ("Staatskapitalismus") aufzuholen. Kein Wunder, dass das schief gehen musste.


Zum Begriff Liberalismus fand ich eine recht kontroverse Darstellung, derzufolge das Eineinsfallen von Freimarkt/Freihandelsvorstellungen und politischem Liberalismus ("klassischer Liberalismus") nur im 19. Jahrhundert als gegeben angesehen werden kann. Im 20. Jahrhundert hat der Wirtschaftsliberalismus hingegen eine Sonderentwicklung genommen. Zielt eine Politik auf niedrige Steuern, wenig regulierte Märkte, eine niedrige Staatsquote und geringen Staatsinterventionismus ab, dann spricht man auch dann von einer liberalen Wirtschaft, wenn der Staat überhaupt nicht liberal, sogar autoritär und repressiv ist. Umgekehrt werden eine wenig repressive Rechts- und Innenpolitik, großzügig gewährte Minderheitenrechte, aufgeklärte Sexualpolitik etc. auch dann als liberale Poltik bezeichnet, wenn die Wirtschaft eines Staates überhaupt nicht liberal ist. Wirtschafts- und politischr Lberalismus klaffen also seit dem 20. Jahrhundert auseinander, bzw. sind zwei verschiedene Begrifflichkeiten, die nicht zwangsläufig miteinander zu tun haben, die sich gegenseitig decken können, aber nicht müssen. Als Neoliberalismus werden dann die liberalen Strömungen der Nachkriegszeit bezeichnet, wie sie durch Eucken, Röpke, Popper, Albert, Topitsch, Dahrendorf und Hayek begründet wurden und als Hauptströmung der Ordoliberalismus ausgemacht. Der Begriff Neoliberalismus, wie ich ihn hier als Ordnungs- und entwicklungspolitisches bzw. auch betriebswirtschaftliches Modell aufgeführt habe

http://rebellmarkt.blogger.de/stories/898796/comments/899104

findet sich dort nicht, wäre aber zumindest anhand der vorgenommenen Unterscheidung zwischen politischem und wirtschaftlichem Liberalismus aus dieser herleitbar. Mir fällt hierzu ein, dass ich den Begriff "Neoliberalismus" mit dieser Sinngebung zum ersten Mal Anfang der 1990er gelesen habe, und zwar ausschließlich bezogen auf Südamerika. Bis dahin kannte ich als Terminus hierfür nur den Begriff Postfordismus.

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Chavez muss nachlegen
um die Qualitäten seiner prominenten Kritiker zu erreichen: http://gebloggtewelten.de/2007/09/08/da-muss-chavez-nachlegen

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Ivo im Wunderland
By Lysis und X-Berg: http://lysis.blogsport.de/2007/09/07/ivo-im-wunderland/

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Der Siegeszug der chinesischen Grammatik
In den 1970ern war blödsinnigerweise Mao Ze Dong beim autoritär-staatsfixierten Teil der damaligen Linken sehr populär, und dementsprechend verbreiteten sich politische Parolen, deren kaputte Grammatik darauf zurückzuführen war, dass es sich um wörtliche Übersetzungen aus dem Chinesischen ins Deutsche handelte. Dies holt uns nun wieder ein, nämlich in den Bedienungsanleitungen von Kameras und elektronischen Geräten. Maos später Sieg?

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Der Anarchismus der Meere
Ich lernte gerade, das das wohl meistgefürchtetste Meeresraubtier, nämlich der Weiße Hai, sich nicht nur nicht zähmen lässt, sondern fast das einzige Tier ist, das in der Gefangenschaft mit Sicherheit stirbt. Damit bekommt eine allerdings anders geschriebene alte Anarcho-Parole neue Bedeutung: Hai sein-frei sein-Terror muß dabei sein.

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Samstag, 8. September 2007
Adornos Absage an den Historismus
Die in der deutschen Geschichtswissenschaft lange Zeit dominierende Historische Schule ist von zwei Paradigmen geprägt, die sie mit anderen Schulen in der Geschichtswissenschaft nicht gemeinsam hat: Dem Bestreben, keine Werturteile zu fällen und Geschichte möglichst objektiv beurteilen zu wollen, mit einem an die Naturwissenschaften angelehnten positivistischen Wertfreiheitsbegriff, und zum Anderen dem Bestreben, das Handeln historischer Entscheidungsträger psychologisch zu erklären, was eine gewisse Empathie zur Voraussetzung hat. Die Anwendung der Dithey´schen Hermeneutik auf Karl den Großen oder Cäsar stellt aus moderner Sicht kein Problem dar, da kann man sagen "völlig andere Zeit mit völlig anderen Wertvorstellungen". Die beiden Weltkriege stellten die hermeneutische Betrachtungsweise dann aber in eine derartige Rechtfertigungsnot, dass mit der Debatte um deutsche Schuld der Übergang von der Historischen Schule als dominante Richtung der Geschichtswissenschaft in Deutschland zur Historischen Sozialwissenschaft eingeleitet wurde. Dieser Prozess, der mit der Fischer-Kontroverse Anfang der 1960er um die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg begann, sollte sich über Jahrzehnte fortsetzen, da Alltags-Geschlechter- und Umweltgeschichte, kaum dass die Historische Sozialwissenschaft sich durchgesetzt hatte, dieser dieDeutungshoheit streitig machten bzw. das sozialhistorische Paradigma anders definierten. Dazu kam die noch junge Rezeption der Englischen wirtschafts/sozialhistorischen Schule (Hobsbwam/Mason) und der wissenschaftstheoretischen zwischen Weber, Lévy-Strauss und Foucault verorteten Französischen Mentalitätsgeschichte der Annales. Mitten in der Fischer-Kontoverse erteilte Adorno der historistischen Sichtweise eine schallende Ohrfeige, deren Deutlichkeit und Realitätsbezogenheit wenig zum Image Adornos als weltfremdem Grübler, der ein wenig vom Wiesengrund abgehoben sei passt. "Wogegen der durch seine Gesundheit erkrankte Menschenverstand am empfindlichsten sich sträubt, die ormacht eines Objektiven über die einzelnen Menschen, in ihrem Zusammenleben so wie in ihrem Bewusstsein, das lässt täglich kraß sich erfahren. Man verdrängt jene Vormacht als grundlose Spekulation, damit die Einzelnen die schmeichelhafte Täuschung, ihre mittlerweile standartisierten Vorstellungen wären die im doppelten Sinn unbedingte wahrheit, bewahren können vor dem Verdacht, es sei nicht so und sie lebten unterm Verhängnis. In einer Epoche, die das System des objektiven Idealismus so erleichtert abschüttelte wie die objektive Wertlehre der Ökonomie, sind Theoreme erst recht aktuell, mit denen ein Geist nichts anfangen zu können behauptet, der seine eigene Sekurität und die der Erkenntnis sucht im Vorhandenen als der wohlgeordneten Summe unmittelbarer Einzeltatsachen der gesellschaftlichen Institutionen oder der subjektiven Beschaffenheit ihrer Mitglieder. Der Hegelsche objektive und schließlich absolute Geist, das ohne Bewusstsein der Menschen sich durchsetzende Marxische Wertgesetz ist der ungegängelten Erfahrung evidenter als die aufbereiteten Fakten des positivistischen Wissenschaftsbetriebs, der heute ins naive vorwissenschaftliche Bewusstsein sich verlängert; nur gewöhnt dieser, zum höheren Ruhm von Objektivität der Erkenntnis, den Menschen die Erfahrung der realen Objektivität ab, der sie, auch in sich selbst, unterworfen sind... Wohl wäre es töricht, mit erkenntnistheoretischer Finesse wegzudisputieren, daß, wenn unterm Hitlerschen Faschismus bei einem Abweichenden um sechs Uhr morgens die Staatspolizei läutet, das unmittelbarer zu dem Individuum ist, dem es widerfährt, als die vorausgegangenen Machinationen der Macht und die Installierung der Parteiapparatur in allen Zweigen der Verwaltung.. Dennoch hängt das factum brutum des behördlichen Überfalls, mit dem der Faschismus dem Einzelnen auf den Leib rückt, von all jenen fürs Opfer entferntere und im Augenblick gleichgültigen Momenten ab. Bloß die armseligste Stoffhuberei könnte,unterm Titel wissenschaftlicher Akribie, dagegen sich blind machen, daß die Französische Revolution, so abrupt manche ihrer akte erfolgten, dem Gesamtzug der Emanzipation des Bürgertums sich einfügte. Sie wäre weder möglich gewesen noch gelungen, hätte es nicht 1789 die Schlüsselstellungen wirtschaftlicher Produktion bereits okkupier und de Feudalismus und seine absolutistische spitze, die zuzeiten mit dem bürgerlichen Interesse koaliert war, überflügelt...Wahrscheinlich waren alle bürgerlichen Revolutionen vorentschiden durch den historischen Aufschwung der Klasse und hatten eine Beimischung von Ostentation, die in der Kunst als klassizistisches Dekor nach außen drang. Gleichwohl hätte jener Zug an der historischen Bruchstelle kaum sich realisiert ohne die akute absolutistische Mißwirtschaft und die Finanzkrise, an der die physiokratischen reformer unter Ludwig XVI. scheiterten...Sogar die Zurückgebliebenheit der Produktivkräfte der einen Klasse ist nicht absolut sondern einzig relativ auf die Fortgeschrittenheit der anderen. Nicht zuletzt darum nähert nähert, wie bereits in Hegel und Marx, die Geschichtphilosophie ebenso der Geschichtsschreibung sich an, wie diese, als Einsicht von der der Faktizität verschleierte, aber diese bedingende Wesen, bloß noch als Philosophie möglich ist. Auch unter diesem Aspekt ist Dialektik keine wekltanschauliche Spielart, keine philosophische Position...Wie die Kitik der angeblich ersten philosophischen Begriffe zur Dialektik treibt, so wird sie von unten her gefordert." (Negative Dialektik, S. 293 ff.)

Hier bekommt der Begriff des Nichtidentischen eine konkrete, auf gesellschaftliche Verhältnisse bezogene Funktion, die weit enger fassbar ist als in der begriffsgeschichtlichen Herleitung bzw. Reflektion wie etwa hier: http://www.blogfrei.de/metalust/2007/09/heute_hier_morgen_da_lief_gera.html

Ist in der Hegel´schen Philosophie der Weltgeist als eine abstrakte Größe gesetzt, die sich im Schaffen des Menschen realisiert (Selbstverwirklichung in der Selbstverdinglichung), für die Junghegelianer also die Industrialisierung die Verwirklichung des Weltgeistes unter den konkreten Gegebenheiten eines bestimmten Zeitalters, womit die malochenden Arbeiter in der Industrie dann sozusagen eine individualisierte Form sind, in der der Weltgeist (moderner gesprochen: Die historische Haupttendenz einer Epoche) zu sich kommt, kritisierte Marx die heteronom, entfremdete Form, in der dies geschieht. Der vom Bürgertum als Arbeiter identifizierte, auf seine Rolle beschränkte Proletarier ist ebenso nichtselbsbestimmt wie der klassenbewusste Proletarier, der sich mit dieser Rolle identifiziert und auf seine Arbeit stolz ist, selbst wenn er um Partizipation und Verbesserung seiner Stellung kämpft. Das Nichtidentische wird hier bei Adorno zur Gegenposition: Keine Rolle mehr zu akzeptieren, die eigenen Wünsche, Ziele und Träume entgegen dem bisher historisch Gewordenen oder darüber hinaus zu realisieren, ist einerseits die radikalste mögliche Konsequenz, andererseits das Einzige, was als Gegenposition zu einer restlos dem Diktat der jeden Lebensbereich organisierenden Industriegesellschaft noch möglich ist. Hier, und nur hier, liegt bei Adorno ein utopischer Gehalt.

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Der Mutterwitz
Die Sprüche meiner Mutter sind ja besser als jede Comedy. Bei einem Anruf aus meinem Urlaub erwiderte sie auf "Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wieviele Apfelbäume es im Vinschgau gibt!" "Gut, dann stelle ich mir das nicht vor."

Als ich mal meinte, ich hoffte, dass sie mir noch möglichst lange erhalten bliebe, kam "jemand muss ja schließlich die Suppe kochen, wenn Du hier bist." Als ich daraufhin meinte, dass ich sie für einen der wertvollsten Menschen hielte, die ich kenne, kam als Antwort "Das geht mir natürlich runter wie Öl. Übrigens gibt es von Biskin da eine neues Olivenöl, das wäre was für Dich."


Und kürzlich erzählte ich, dass ich nur zweimal im Leben von einer Wespe gestochen wurde, einmal als Kind und einmal mit 30, da meinte sie "Dann wird die Wespe sich wohl gefreut haben, dich wiederzuerkennen."

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Samstag, 8. September 2007
Die Schönheit des alltäglichen Lebens
Aaah, wenn ich mir diese Pretiosen des eigenen Gartens anschaue, kann ich nur diejenigen bedauern, die Solches nicht kennen. Ich habe zwar Lebenssituationen gehabt, in denen ich tatsächlich arm war, aber eine gewisse Naturnähe war immer vorhanden. Die Spontivilla lag an einem Park mit Teich, und mein Zimmer hatte eine tennisplatzgroße Terrasse, die spätere WG eine Dachterrasse usw. Was ich heute habe, würde ich so ohne Weiteres nicht tauschen wollen.







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Bürgerkriegserklärung
Die Meisten kennen Heinz Rudolf Kunze ja nur als Schnulzensänger, dabei hat der vor 1984 Songs gemacht, die ich subversiv nennen würde, und rangierte vor "Dein ist mein ganzes Herz" in einer ähnlichen Liga wie TonSteineScherben, Swinging Mescalero und Einstürzende Neubauten. Aber auch in der letzten Zeit hat er, wenig beachtet, Texte produziert, die an die alte Qualität anknüpfen.
Einer seiner stärksten Texte ist der hier:

Bürgerkriegserklärung
Armeen von Anschmiegsamen
Armadas von Anverwandlern
gegen die Horden des Mittuns
Sturmtrupps von Spielverderbern
Geschwader von Vereinzelungskämpfern

Gegen die Meuten der Gedemütigtwerdenwoller
Stehgreifvögel
gegen den Pöbel
Schaumschlagfertige
gegen den Abschaum

Wenn bei Fernsehgewinnspielen
wieder die Frage gestellt wird
wer Fußballer ist
Franz Beckenbauer
oder Donald Duck

Rufen Sie an
faxen Sie mailen Sie
schicken Sie eine SMS
mit der Antwort Donald Duck
Donald Duck natürlich

Wer sonst
überfluten Sie den Sender
mit der Antwort Donald Duck
bis er zusammenbricht
bis die Redakteure wahnsinnig werden

Und sich aus den Fenstern stürzen
antworten Sie überhaupt auf jede Frage
nur noch mit Donald Duck
außer natürlich
wenn nach Donald Duck gefragt wird

Bringen Sie dieses Gebäude
in dem wir tot gehalten werden
zum Einsturz
und wenn Politiker
Abscheu und Empörung äußern

Bei der Hinrichtung unschuldiger Geiseln
überschütten Sie alle Zeitungen
mit jubelnden Leserbriefen
Hurra
die Schweine sind tot

Bis sich die Journalisten erbrechen
das eigene Papier auffressen
und daran ersticken
wer hat gesagt daß man die Welt nicht ändern kann
wir können die Welt ändern

Gewaltlos
respektlos und ohne Taktgefühl
für den Rhythmus der Vernichter
werden Sie Situationist und passen Sie endlich
nirgendwo mehr hinein aber gut auf alles auf

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