Donnerstag, 16. April 2026
Verlangsamen Multivitamine das Altern? Wohl kaum...
F. Perry Wilson, MD, MSCE

16. April 2026

Eine neue Studie sorgt für Schlagzeilen: Tägliche Multivitamine sollen die biologische Alterung verlangsamen. Doch Prof. Dr. F. Perry Wilsons kritischer Blick auf die Daten zeigt: Der Effekt ist minimal – und existiert möglicherweise gar nicht. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert.

"Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.

Momentan sorgt eine neue Studie für Schlagzeilen – immerhin handelt es sich um eine randomisierte Studie. Ihr Ergebnis: Die tägliche Einnahme eines Multivitamins soll die biologische Alterung deutlich verlangsamen.

Doch es gibt ein Problem. Wer die Studie tatsächlich im Detail liest, erkennt schnell: Diese Multivitamine bewirken im Grunde so gut wie nichts.

Beobachtungsstudien mit Bias; randomisierte Arbeiten ohne Effekt
Ich stehe Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln seit Jahren eher kritisch gegenüber. Meiner Ansicht nach ist ein Großteil der Beobachtungsstudien durch den sogenannten Healthy-User-Effekt verzerrt: Menschen, die regelmäßig Vitamine einnehmen, haben häufig auch in anderen Bereichen einen gesünderen Lebensstil. Auch zeigen randomisierte Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln überwiegend keine überzeugenden Effekte.


Allerdings leben wir in einer Zeit schneller persönlicher Angriffe. Bevor mir also jemand vorwirft, ich würde im Interesse der Pharmaindustrie argumentieren, sei erwähnt: Bei der Studie, über die ich heute sprechen werde, untersuchten Forscher das Präparat Centrum Silver – damals produziert von einem Joint Venture zwischen Pfizer und GlaxoSmithKline.

Die COSMOS-Studie: Kakao, Vitamine und hohe Erwartungen
Die betreffende Arbeit erschien im renommierten Fachjournal Nature Medicine. Sie ist eine Subanalyse der COSMOS-Studie, der „Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study“.

Wer in dem Bereich arbeitet, kennt diesen Namen vermutlich. COSMOS sollte ursprünglich klären, ob Kakao – oder ein Bestandteil davon – vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Finanziert wurde die Studie unter anderem vom Süßwarenhersteller Mars. Der primäre Endpunkt fiel jedoch negativ aus. In einigen sekundären Analysen fanden sich zwar Hinweise auf mögliche kardiovaskuläre Vorteile von Kakao. Doch ein klarer Effekt ließ sich nicht belegen.


Die Studie umfasste auch einen Multivitamin-Arm. Genauer gesagt handelte es sich um ein 2×2-faktorielles Studiendesign: Ein Teil der Teilnehmenden erhielt ein Multivitamin plus Placebo, ein anderer ein Kakao-Supplement plus Placebo. Eine 3. Gruppe bekam sowohl Multivitamin als auch Kakao, während eine 4. Gruppe 2 Placebos erhielt. Solche faktoriellen Designs gelten als elegante Methode, um gewissermaßen 2 Studien zum Preis von anderthalb durchzuführen.

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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Die COSMOS-Studie hat inzwischen eine ganze Reihe weiterer Analysen hervorgebracht. Dazu gehört auch die COSMOS-Mind-Studie, die darauf hindeutete, dass die Einnahme eines Multivitamins möglicherweise positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zeigen könnte. Der Kardiologe Dr. Chris Labos hat zu dieser Arbeit allerdings einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, der diese Ergebnisse deutlich relativiert.

Untersuchung der Alterung anhand epigenetischer Marker
In der aktuellen Auswertung wird die Studie nun genutzt, um einen anderen Aspekt zu untersuchen: das Altern selbst – genauer gesagt das Altern, gemessen anhand epigenetischer Alterungsuhren. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff?


Im Grunde verändert sich unsere DNA im Laufe des Lebens ein wenig. Dabei geht es weniger um Variationen im eigentlichen genetischen Code – auch wenn sich im Laufe der Zeit durchaus einige Mutationen ansammeln können.

Entscheidend sind vielmehr kleine chemische Gruppen, die sich an DNA-Strang anlagern, insbesondere Methylgruppen. Man kann sie sich ein wenig wie Staub vorstellen, der sich im Laufe der Jahre langsam auf einem Kaminsims absetzt. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese Markierungen an – und mehrere Forschungsgruppen konnten zeigen, dass ihr Muster erstaunlich gut mit dem tatsächlichen Lebensalter eines Menschen korreliert.

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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Natürlich ist diese Korrelation nicht perfekt. Manche Menschen haben gewissermaßen mehr „Staub auf dem Kaminsims“ ihrer DNA, als es ihr tatsächliches Alter vermuten ließe, andere weniger. Mehrere Studien zeigen jedoch, dass die Differenz zwischen chronologischem und biologischem Alter klinische Bedeutung haben kann, etwa in Hinblick auf ein erhöhtes Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.

Das Problem: Während es für das kalendarische Alter nur eine einzige Referenz gibt – schließlich sind sich alle einig, wie viele Tage ein Jahr hat –, existieren verschiedene epigenetische Uhren. Im Grunde handelt es sich dabei um Algorithmen, die auf unterschiedliche Weise trainiert wurden. Sie verarbeiten ähnliche, aber nicht identische Datensätze und liefern am Ende eine Zahl. Diese Ergebnisse stimmen nicht immer überein. Wie stark sie voneinander abweichen können, wird gleich noch deutlich. Doch zunächst ein Blick auf die Grundlagen der Studie.

Von den rund 21.000 Teilnehmenden der ursprünglichen COSMOS-Studie wurden 958 Personen zufällig ausgewählt, bei denen DNA-Methylierungsanalysen durchgeführt wurden und die die Qualitätskontrollen bestanden. Durch die Randomisierung der Gesamtstudie verteilten sich auch in dieser Teilgruppe die vier Behandlungsarme relativ gleichmäßig.

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Die untersuchte Gruppe ähnelt stark der Gesamtpopulation der großen COSMOS-Studie: überwiegend ältere Menschen mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 70 Jahren, rund die Hälfte davon Frauen. Eine Besonderheit dieser Analyse ist allerdings, dass Personen ausgeschlossen wurden, die innerhalb des 2-jährigen Studienzeitraums Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs als neue Diagnose erhalten haben.


Damit sollte sichergestellt werden, dass die Ergebnisse tatsächlich „gesundes Altern“ widerspiegeln und nicht durch den Einfluss einer neu auftretenden Krankheit verzerrt werden. Allerdings widerspricht dieses Vorgehen einem meiner epidemiologischen Grundsätze: „Du sollst deine Analyse nicht von Informationen abhängig machen, die erst in der Zukunft entstehen.“ In diesem Fall wollen wir darüber hinwegsehen.

Zu 3 Zeitpunkten, zu Beginn der Studie sowie nach einem und nach 2 Jahren, wurde bei allen Teilnehmenden das biologische Alter bestimmt. Dafür nutzten die Forscher gleich 5 verschiedene Algorithmen, die auf DNA-Methylierungsdaten basieren.

Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Daten. Denn während man bei einer „Uhr“ normalerweise eine sehr präzise Messung erwartet, trifft das auf epigenetische Alterungsuhren nur eingeschränkt zu.

Das zeigt sich etwa in Streudiagrammen, in denen die Ergebnisse verschiedener epigenetischer Uhren miteinander verglichen werden. Betrachtet man zum Beispiel das biologische Alter nach der Horvath-Methode im Vergleich zur GrimAge-Methode, entsteht eine große Punktwolke. Ein solches Muster deutet darauf hin, dass diese Verfahren trotz des Begriffs „Uhr“ offenbar nicht exakt dasselbe biologische Phänomen messen.


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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
20 verschiedene Hypothesen im Fokus
Betrachtet man die neue Analyse im klassischen Schema von Exposition und Ergebnis, wird die Struktur der Studie klarer. Es gibt 2 Expositionen: zum einen ein Kakao-Extrakt (finanziert von Mars), zum anderen das Multivitaminpräparat Centrum Silver (damals von Pfizer und GlaxoSmithKline produziert). Beide Interventionen wurden den Teilnehmern zufällig zugewiesen. Methodisch ist das Design zunächst einmal sauber.

Auf der Ergebnis-Seite stehen 5 verschiedene epigenetische Alterungsuhren. Allerdings wurden diese nicht nur einmal gemessen, sondern zu 2 Zeitpunkten – nach einem Jahr und nach 2 Jahren. Eine einfache Rechnung zeigt daher, dass insgesamt 2 × 5 × 2, also 20 verschiedene Hypothesen, getestet werden. Eine klar definierte primäre Hypothese oder ein einzelner primärer Endpunkt wird jedoch nicht angegeben.

Wer sich durch das Supplement der Studie arbeitet, findet tatsächlich alle diese 20 Analysen im Detail aufgelistet. Genau dort tauchen sie auf – sämtliche getesteten Kombinationen.


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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Von diesen zwanzig Tests überschreiten nur 2 die übliche Schwelle für statistische Signifikanz, also mit einem p-Wert von unter 0,05. Diese Grenze bedeutet: Wenn man 20 statistische Tests durchführt, ist es durchaus zu erwarten, dass mindestens einer davon allein durch Zufall „signifikant“ ausfällt. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, dass 2 oder mehr solcher scheinbar positiven Ergebnisse rein zufällig auftreten, bei rund 26%.

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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
In der Studie zeigten sich 2 statistisch positive Zusammenhänge zugunsten der Multivitamin-Gruppe. Teilnehmer, die zufällig der Einnahme eines Multivitamins zugeteilt wurden, wiesen nach 2 Jahren eine geringere Veränderung der epigenetischen Alterungsmarker „PhenoAge“ und „GrimAge“ auf als die Placebogruppe. Konkret stieg der PhenoAge-Wert in der Multivitamin-Gruppe im Durchschnitt um etwa 0,4 Jahre weniger als bei den Personen ohne Supplement.

Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren. Die Daten weisen eine erhebliche Streuung auf, sodass der Unterschied von 0,4 Jahren statistisch lediglich einem Effekt von 0,08 Standardabweichungen entspricht. In der wissenschaftlichen Forschung gelten Effekte unterhalb von 0,2 Standardabweichungen als sehr klein. Zudem ist nicht sicher, ob der beobachtete Unterschied tatsächlich real ist oder lediglich durch multiple Vergleiche entstanden sein könnte – also dadurch, dass viele statistische Tests gleichzeitig durchgeführt worden sind.

Das Problem der multiplen Vergleiche
Die Autoren der Studie geben selbst an, ihre Analysen nicht für multiple Vergleiche korrigiert zu haben. Ihre Begründung lautet, dass die verschiedenen epigenetischen Uhren miteinander korreliert seien und daher nicht wie vollständig unabhängige Messungen behandelt werden sollten.


Dieses Argument ist jedoch wissenschaftlich umstritten. Zum einen sind diese Marker nicht so stark miteinander korreliert, wie häufig angenommen wird. Zum anderen existieren in der Statistik verschiedene etablierte Methoden, um auch bei korrelierten Endpunkten das Risiko von Fehlentdeckungen zu verringern. Ohne eine solche Korrektur steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein scheinbar signifikanter Effekt lediglich zufällig zustande gekommen ist.

Epigenetische Marker sind nur Ersatzgrößen
Selbst wenn man annimmt, dass der beobachtete Effekt real ist, bleibt eine grundlegende Frage offen: Bedeutet eine Veränderung der DNA-Methylierung tatsächlich, dass sich der Alterungsprozess verlangsamt?

Die epigenetischen Uhren sind klassische Surrogatmarker. Dabei handelt es sich um Messgrößen, die mit wichtigen gesundheitlichen Ergebnissen korrelieren, aber nicht identisch mit diesen sind. Manchmal führt eine Veränderung eines solchen Markers tatsächlich zu einer Verbesserung klinischer Endpunkte – manchmal jedoch nicht.

Ein Beispiel für einen funktionierenden Surrogatmarker ist der Blutdruck. Ein erhöhter Blutdruck ist mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden, und eine Behandlung, die den Blutdruck senkt, reduziert nachweislich auch das Risiko für Schlaganfälle.


Doch nicht jeder Marker funktioniert auf diese Weise. Griffkraft etwa ist ein guter Indikator für Gebrechlichkeit im Alter. Wenn ältere Menschen jedoch ihre Griffkraft durch regelmäßiges Training mit einem Stressball verbessern, führt das nicht automatisch zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen.

Wir wollen aber wissen: Selbst wenn Multivitamine bestimmte epigenetische Marker beeinflussen sollten – bedeutet das tatsächlich, dass Menschen dadurch langsamer altern oder länger gesund bleiben? Genau diese Frage bleibt durch die vorliegenden Daten weiterhin unbeantwortet.

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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study

Ist die DNA-Methylierung also tatsächlich der Mechanismus des Alterns – oder lediglich ein Marker dafür?


Falls sie nur ein Indikator des Alterungsprozesses ist, stellt sich die Frage, wie relevant es überhaupt wäre, wenn Multivitamine diese Werte verändern. Genau diesem Punkt gehen die Autoren der Studie nach. Sie argumentieren, dass ein wichtiger Endpunkt in diesem Zusammenhang die kognitive Leistungsfähigkeit ist.

In einer früheren Untersuchung derselben Forschungsgruppe zeigte sich ein kleiner positiver Effekt von Multivitaminen auf die kognitive Funktion. Daher wollten die Autoren wissen, ob diese Verbesserung durch die in der aktuellen Studie beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung erklärt werden kann.

Die Antwort lautet jedoch: nein. Es zeigte sich keine signifikante Vermittlung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch Veränderungen der epigenetischen Uhren. Wenn Vitamine tatsächlich das Denken verbessern, dann geschieht dies offenbar nicht über diesen Mechanismus.

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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Mittlerweile liegen einige Publikationen aus dieser randomisierten Untersuchung vor, die verschiedene gesundheitliche Bereiche betrachten. Insgesamt sind die Ergebnisse jedoch – offen gesagt – wenig beeindruckend. Es zeigen sich lediglich kleine Effekte in sehr spezifischen Analysen, die sich innerhalb desselben Datensatzes nicht breiter bestätigen lassen und auch durch andere Studien zu Vitamintherapien nicht gestützt werden.

Wir alle altern – das gehört definitionsgemäß zum Leben. Und natürlich möchte ich diesen Prozess ebenso gern verlangsamen wie jeder andere. Mikronährstoffe und Vitamine könnten dabei durchaus eine Rolle spielen. Dennoch bin ich überzeugt, dass der Nutzen einer vielfältigen, ausgewogenen Ernährung als Quelle für diese Nährstoffe deutlich größer ist als der mögliche Vorteil – falls es ihn überhaupt gibt – von Vitaminen in Tablettenform."


Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.

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