Donnerstag, 23. September 2021
Anderthalb Jahre Corona-Krise: Versuch einer vorläufigen Bilanz
che2001, 02:11h
Als die von einem neuartigen Virus bzw. eigentlich nicht gar so neuartigen, sondern einer speziellen SARS-Variante verursachte Krankheit Covid 19 erstmals ausbrach war zunächst nicht klar, mit was wir zu rechnen hätten, auch nicht, als die WHO, wohl vorbereitet auf solch ein Geschehen, für das man gerade erst in einer Art Stabsrahmenübung den Notfall geprobt hatte den Pandemiefall ausrief. Zwischen Killervirus und einer Art neuen Pest und einer Art Grippe mit Nicht-Influenza-Virus schwankten die Annahmen/Voraussagen/Befürchtungen. In meinem eigenen beruflichen Umfeld, in dem u.a. Krankenversicherungen eine Rolle spielen wurde vermutet, es würde sich um eine der Spanischen Grippe vergleichbare Pandemie handeln.
Ganz so schlimm kam es nicht, es handelt sich um eine Erkältungskrankheit mit einer Sterblichkeitsrate von ca. 2,3%, die weltweit allerdings extrem schwankt (Mexiko fast 9, Türkei unter 1 Prozent) mit einigen manchmal auftretenden sehr besonderen Merkmalen, wie einer atypischen Lungenentzündung, Ausfall von Geschmacks- und Geruchssinn und einer möglichen chronischen Verlaufsform. Innerhalb verschiedener Risikogruppen kann sie einen oft tödlichen Cytokinsturm auslösen. D.h., die Letalität ist maximal fünfmal höher als die einer Grippe, während die Spanische Grippe zehn- bis zwanzigmal so tödlich war wie eine heutige Grippeepidemie.
Bundesregierung, Länderregierungen und Institutionen gingen mit der Pandemie zunächst dilettantisch um. Es gab eine Sitzung von Merkels Kabinett (oder sollte man zu dem Zeitpunkt Kabarett sagen?), in der Spahn sagte, dass Herdenimmunität erst ab 70%er Durchseuchung der Bevölkerung bestehen würde und man sich also durchseuchen lassen müsste. Auf der gleichen Sitzung wurde gesagt, um Ansteckungen zu vermeiden dürfte sich niemand mit den Fingern ins Gesicht fassen, niemals, so viel Disziplin sei nun aufzubringen. Wer mit im Saal saß und das fassungslos verfolgte war der Virologe Christian Drosten.
Als Erfinder des SARS CoV 2 PCR-Tests (neben Olfert Landt) war er von der Bundesregierung als Topp-Experte hinzugezogen worden; seine Rolle als Virologe der Nation mit täglichem Podcast und regelmäßigen Fernsehauftritten Seit an Seit mit Wielert und Spahn verdankt sich aber erst seiner Intervention bei Merkel, wo er höchst alarmistisch strenge Sicherheitsmaßnahmen und einen Pandemieplan einforderte.
Ansonsten erschien der Experte Drosten in seinem Podcast teilweise als Plauderer, der heute etwas anderes sagte als gestern oder morgen. Etwa eine Woche vor dem ersten Lockdown plauderte er, man könne ja durchaus in die Kneipe gehen und Bier trinken, sollte das aber nur aus der Flasche trinken und nicht gezapft, weil die Maßkrüge nicht steril gereinigt würden. Etwa eine Woche vor Einführung der Maskenpflicht erklärte er, so etwas sei in Deutschland nicht durchsetzbar, im Gegensatz zu Ostasien, wo Maskentragen in der Öffentlichkeit kulturell verwurzelt sei. Überhaupt, die Masken: Ihre Effizienz wurde von der Politik solange bestritten, wie sie nicht in ausreichender Menge in Deutschland zur Verfügung standen. Nachdem sich das geändert hatte wurden sie Pflicht. Erinnert ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis, wo es Problem-anderer-Leute-Schalter gibt.
In der Folge sorgten dann das Panikpapier des Inneministeriums und diverse begrenzte Lockdowns der Länder, endlich die bundesweiten Ladenschließungen und Umstellung von Büroarbeit auf Homeoffice für eine harte Gangart. Weniger hart allerdings als in Frankreich und Italien, wo unter Lockdowns echte Ausgangssperren verstanden wurden, die außerhalb von Arbeitswegen und notwendigen Einkäufen de facto Hausarreste bedeuteten mit Militär auf den Straßen.
Regelungen allerdings wie Sitzverbote auf Parkbänken oder Verbote im Wald zu wandern muten im Nachhinein und muteten auch schon damals als sinnlose Schikanen an. Besonders tat sich hier die bayerische Polizei hervor. Dem Durchgreifen bei der Durchsetzung des Lockdowns war ein gewisser behördlicher Sadismus eigen.
Ich kritisierte zu dieser Zeit auf diesem Blog einige Maßnahmen als zu weitgehend, befürchtete, dass die Kollateralschäden des Lockdowns mehr Opfer fordern könnten als der Virus, dass die Maßnahmen auf eine Hygienediktatur hinauslaufen könnten und wurde dafür heftig kritisiert, teilweise in scharf moralisierender Weise. Bei diesen Auseinandersetzungen, die ich u.a. mit dem Kommentator H.Z. hatte geriet für mich ins Hintertreffen, dass ein anderer, ebenfalls maßnahmenkritischer Kommentator verschwörungsmythologisches Gedankengut vertrat und sehr bald Leute, die wie ich eigentlich system- und regierungskritische Positionen vertraten zu "Propagandisten" und "Wadenbeißern" der Regierungspolitik erklärte. Die Auseinandersetzung mit dem Chronisten, der sich damals noch gelegentlich2020 nannte und unter dieser Identität schließlich von Dirk Olbertz gesperrt wurde eskalierte so sehr, dass sie das gesamte Blog dominierte, das ja keinen Corona-Schwerpunkt hat. Seine Weigerung sich an Diskursregeln zu halten führte schließlich zum endgültigen Rauswurf.
Mein Optimismus, die Coronakrise sei zumindest in Deutschland noch 2020 ausgestanden erwies sich als verfrüht. Dennoch waren die Maßnahmen zur Abstandseinhaltung äußerst erfolgreich: Das Jahr 2020 wies keine signifikante Übersterblichkeit auf, zumal die Maßnahmen auch die übliche Herbstgrippe verhindert hatten. Im internationalen Vergleich können die deutschen Coronamaßnahmen als erfolgreich bezeichnet werden.
Auf der anderen Seite sind die Lockdowns aber auch bezeichnend für den Klassencharakter dieser Gesellschaft, und der fehlende Protest dagegen von links ein Zeichen für das völlige Versagen der Linken.
Hätte der Lockdown sich ausschließich nach seuchenhygienischen Maßstäben gerichtet wären die Fabriken dichtzumachen und nicht private Kontakte zu reduzieren gewesen. Wenn wir ein Fitnesscenter sagen wir mit VW vergleichen werden die Unterschiede recht deutlich. Zweimal die Woche anderthalb Stunden trainieren mit 3 Meter Abstand zum Sportsfreund versus fünfmal die Woche acht Stunden am Tag mit anderthalb Metern Abstand am Fließband schwitzen - oder in bestimmten Montagegruppen noch enger zusammen - da ist klar, wo am meisten gespreadet wird.
Gastronomiebetriebe müssen schließen, Theater und Kinos auch, aber die Industrieproduktion muss weitergehen, obwohl die Großkonzerne gigantische staatliche Hilfen bekommen haben, für die sie nicht wie KMUs und Einzelselbstständige Antragsformulare ausfüllen mussten. Nirgendwo wird deutlicher, wer die herrschende Klasse im Lande ist.
Einen befristeten Totalausfall der industriellen Produktion würde allerdings eine Gesellschaft am Ehesten verkraften in der die Produktionsmittel der Gesamtheit gehören. Also im tatsächlichen (und nicht: real existierenden) Kommunismus. Dann wird auch klar, worauf hinzuarbeiten ist.
Diesen Zusammenhang nicht thematisiert zu haben, das war das Versagen der Linken in einer historischen Situation, in der sie eine Chance hätte wahrnehmen können: Sich an die Spitze der Proteste stellen, verbündet mit den Kleingewerbetreibenden und zugleich diejenigen isolierend oder wegdrängend, die stattdessen die Coronaproteste auf den Straßen monopolisierten: Das krude Spektrum von "Querdenkern" bis hin zu rechtsextremen Ubooten.
https://che2001.blogger.de/stories/2785494/
https://che2001.blogger.de/stories/2775032/#2775101
Nun, diese Chance ist verpasst und vertan. Mitlerweile wird kräftig geimpft, und es scheint sich ein Ende der Pandemie spätestens 2023 abzuzeichnen. In der Biotechnologiewelt herrscht Aufbruchstimmung; MRNA-Therapien könnten die Medizin der Zukunft sein, mit der sich bald schon gegen Malaria, Parkinson, Krebs und MS "impfen" lässt. Andererseits sind langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen der Gentherapien nicht ausgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen oder die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
Ganz so schlimm kam es nicht, es handelt sich um eine Erkältungskrankheit mit einer Sterblichkeitsrate von ca. 2,3%, die weltweit allerdings extrem schwankt (Mexiko fast 9, Türkei unter 1 Prozent) mit einigen manchmal auftretenden sehr besonderen Merkmalen, wie einer atypischen Lungenentzündung, Ausfall von Geschmacks- und Geruchssinn und einer möglichen chronischen Verlaufsform. Innerhalb verschiedener Risikogruppen kann sie einen oft tödlichen Cytokinsturm auslösen. D.h., die Letalität ist maximal fünfmal höher als die einer Grippe, während die Spanische Grippe zehn- bis zwanzigmal so tödlich war wie eine heutige Grippeepidemie.
Bundesregierung, Länderregierungen und Institutionen gingen mit der Pandemie zunächst dilettantisch um. Es gab eine Sitzung von Merkels Kabinett (oder sollte man zu dem Zeitpunkt Kabarett sagen?), in der Spahn sagte, dass Herdenimmunität erst ab 70%er Durchseuchung der Bevölkerung bestehen würde und man sich also durchseuchen lassen müsste. Auf der gleichen Sitzung wurde gesagt, um Ansteckungen zu vermeiden dürfte sich niemand mit den Fingern ins Gesicht fassen, niemals, so viel Disziplin sei nun aufzubringen. Wer mit im Saal saß und das fassungslos verfolgte war der Virologe Christian Drosten.
Als Erfinder des SARS CoV 2 PCR-Tests (neben Olfert Landt) war er von der Bundesregierung als Topp-Experte hinzugezogen worden; seine Rolle als Virologe der Nation mit täglichem Podcast und regelmäßigen Fernsehauftritten Seit an Seit mit Wielert und Spahn verdankt sich aber erst seiner Intervention bei Merkel, wo er höchst alarmistisch strenge Sicherheitsmaßnahmen und einen Pandemieplan einforderte.
Ansonsten erschien der Experte Drosten in seinem Podcast teilweise als Plauderer, der heute etwas anderes sagte als gestern oder morgen. Etwa eine Woche vor dem ersten Lockdown plauderte er, man könne ja durchaus in die Kneipe gehen und Bier trinken, sollte das aber nur aus der Flasche trinken und nicht gezapft, weil die Maßkrüge nicht steril gereinigt würden. Etwa eine Woche vor Einführung der Maskenpflicht erklärte er, so etwas sei in Deutschland nicht durchsetzbar, im Gegensatz zu Ostasien, wo Maskentragen in der Öffentlichkeit kulturell verwurzelt sei. Überhaupt, die Masken: Ihre Effizienz wurde von der Politik solange bestritten, wie sie nicht in ausreichender Menge in Deutschland zur Verfügung standen. Nachdem sich das geändert hatte wurden sie Pflicht. Erinnert ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis, wo es Problem-anderer-Leute-Schalter gibt.
In der Folge sorgten dann das Panikpapier des Inneministeriums und diverse begrenzte Lockdowns der Länder, endlich die bundesweiten Ladenschließungen und Umstellung von Büroarbeit auf Homeoffice für eine harte Gangart. Weniger hart allerdings als in Frankreich und Italien, wo unter Lockdowns echte Ausgangssperren verstanden wurden, die außerhalb von Arbeitswegen und notwendigen Einkäufen de facto Hausarreste bedeuteten mit Militär auf den Straßen.
Regelungen allerdings wie Sitzverbote auf Parkbänken oder Verbote im Wald zu wandern muten im Nachhinein und muteten auch schon damals als sinnlose Schikanen an. Besonders tat sich hier die bayerische Polizei hervor. Dem Durchgreifen bei der Durchsetzung des Lockdowns war ein gewisser behördlicher Sadismus eigen.
Ich kritisierte zu dieser Zeit auf diesem Blog einige Maßnahmen als zu weitgehend, befürchtete, dass die Kollateralschäden des Lockdowns mehr Opfer fordern könnten als der Virus, dass die Maßnahmen auf eine Hygienediktatur hinauslaufen könnten und wurde dafür heftig kritisiert, teilweise in scharf moralisierender Weise. Bei diesen Auseinandersetzungen, die ich u.a. mit dem Kommentator H.Z. hatte geriet für mich ins Hintertreffen, dass ein anderer, ebenfalls maßnahmenkritischer Kommentator verschwörungsmythologisches Gedankengut vertrat und sehr bald Leute, die wie ich eigentlich system- und regierungskritische Positionen vertraten zu "Propagandisten" und "Wadenbeißern" der Regierungspolitik erklärte. Die Auseinandersetzung mit dem Chronisten, der sich damals noch gelegentlich2020 nannte und unter dieser Identität schließlich von Dirk Olbertz gesperrt wurde eskalierte so sehr, dass sie das gesamte Blog dominierte, das ja keinen Corona-Schwerpunkt hat. Seine Weigerung sich an Diskursregeln zu halten führte schließlich zum endgültigen Rauswurf.
Mein Optimismus, die Coronakrise sei zumindest in Deutschland noch 2020 ausgestanden erwies sich als verfrüht. Dennoch waren die Maßnahmen zur Abstandseinhaltung äußerst erfolgreich: Das Jahr 2020 wies keine signifikante Übersterblichkeit auf, zumal die Maßnahmen auch die übliche Herbstgrippe verhindert hatten. Im internationalen Vergleich können die deutschen Coronamaßnahmen als erfolgreich bezeichnet werden.
Auf der anderen Seite sind die Lockdowns aber auch bezeichnend für den Klassencharakter dieser Gesellschaft, und der fehlende Protest dagegen von links ein Zeichen für das völlige Versagen der Linken.
Hätte der Lockdown sich ausschließich nach seuchenhygienischen Maßstäben gerichtet wären die Fabriken dichtzumachen und nicht private Kontakte zu reduzieren gewesen. Wenn wir ein Fitnesscenter sagen wir mit VW vergleichen werden die Unterschiede recht deutlich. Zweimal die Woche anderthalb Stunden trainieren mit 3 Meter Abstand zum Sportsfreund versus fünfmal die Woche acht Stunden am Tag mit anderthalb Metern Abstand am Fließband schwitzen - oder in bestimmten Montagegruppen noch enger zusammen - da ist klar, wo am meisten gespreadet wird.
Gastronomiebetriebe müssen schließen, Theater und Kinos auch, aber die Industrieproduktion muss weitergehen, obwohl die Großkonzerne gigantische staatliche Hilfen bekommen haben, für die sie nicht wie KMUs und Einzelselbstständige Antragsformulare ausfüllen mussten. Nirgendwo wird deutlicher, wer die herrschende Klasse im Lande ist.
Einen befristeten Totalausfall der industriellen Produktion würde allerdings eine Gesellschaft am Ehesten verkraften in der die Produktionsmittel der Gesamtheit gehören. Also im tatsächlichen (und nicht: real existierenden) Kommunismus. Dann wird auch klar, worauf hinzuarbeiten ist.
Diesen Zusammenhang nicht thematisiert zu haben, das war das Versagen der Linken in einer historischen Situation, in der sie eine Chance hätte wahrnehmen können: Sich an die Spitze der Proteste stellen, verbündet mit den Kleingewerbetreibenden und zugleich diejenigen isolierend oder wegdrängend, die stattdessen die Coronaproteste auf den Straßen monopolisierten: Das krude Spektrum von "Querdenkern" bis hin zu rechtsextremen Ubooten.
https://che2001.blogger.de/stories/2785494/
https://che2001.blogger.de/stories/2775032/#2775101
Nun, diese Chance ist verpasst und vertan. Mitlerweile wird kräftig geimpft, und es scheint sich ein Ende der Pandemie spätestens 2023 abzuzeichnen. In der Biotechnologiewelt herrscht Aufbruchstimmung; MRNA-Therapien könnten die Medizin der Zukunft sein, mit der sich bald schon gegen Malaria, Parkinson, Krebs und MS "impfen" lässt. Andererseits sind langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen der Gentherapien nicht ausgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen oder die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
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Sonntag, 19. September 2021
Einige Überlegungen zum Ursprung der slawischen Sprachen
che2001, 20:53h
Die indogermanischen Sprachen Europas werden in einige große Gruppen eingeteilt: Die balkanische oder graecoillyrische Sprachgruppe, die romanischen, die keltischen, die germanischen und die slawischen mit den verwandten baltischen Sprachen. Die romanischen Sprachen teilen sich in zwei Untergruppen, die altromanischen Sprachen mit Latein, Venezianisch, Rätoromanisch und Rumänisch sowie den ausgestorbenen italischen Sprachen und die neuromanischen Sprachen, diese dürfte von allen die jüngste Sprachgruppe sein und umfasst u.a. Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Französisch, Italienisch und verschiedene Pidginsprachen. Bei den neuromanischen Sprachen handelt es sich vom Ursprung her um Kreolsprachen aus Latein und germanischen Sprachen, der Begriff "romanisch" bezeichnet eigentlich genau das, nämlich eine Mischung aus römisch und germanisch.
Am Wenigsten erforscht und bekannt ist der Ursprung der slawischen Sprachen, und die gängigen Theorien hierzu halte ich für höchst zweifelhaft.
Eine besagt, es hätten sich zunächst durch Lautverschiebung die baltischen aus den germanischen Sprachen abgespalten und dann durch eine weitere Lautverschiebung die slawischen aus den baltischen. Wenn das stattgefunden hätte wäre also eine West-Ost-Wanderungsbewegung von Germanien zum Baltikum und weiter nach Belarus und Russland Voraussetzung, oder von Skandinavien zum Baltikum und weiter. Archäologisch oder aus der Überlieferung gibt es hierfür keinerlei Belege.
Während diese Theorie rein sprachtheoretisch begründet ist, geht die zweite von historisch bekannten Wanderungsbewegungen aus und verortet die Urheimat aller Slawen in den Pripjetsümpfen, also in der Umgebung von Tschernobyl. Auch diesen Ansatz halte ich für hochproblematisch.
Das Problem bei den slawischen Stämmen ist die Tatsache, dass diese sozusagen in der Geschichte plötzlich auftauchen. Während die Kelten und Germanen seit der Bronzezeit belegt sind, erscheinen Slawen erst in byzantinischen Quellen aus der Zeit um 600 n. Chr.
Die Pripjet-Theorie folgt einem Erklärungsmuster, das in der Ur- und Frühgeschichte und Anthropologie einmal sehr verbreitet war und letztendlich sehr völkisch daherkommt.
Völkische Wissenschaft
Dies nicht in einem antisemitischen Sinn, sondern so, dass ethnische Gruppen aus der Isolation her begriffen werden als Abstammungsgemeinschaften, die an einem bestimmten Ort sich bilden und von da aus sich ausbreiten, als in sich geschlossene "Volkskörper" mit einem gemeinsamen Selbstverständnis. Sozialdarwinistische Vorstellungen von Völkern als biologische Abstammungsgemeinschaften wurden verbunden mit einer Rückprojektion von Nationenbegriffen des 19. Jahrhunderts auf längst vergangene Zeitalter, in denen völlig andere Kategorien galten. Diese Denkweise prägte die Anthropologie bis in die 1960er Jahre, die Ur- und Frühgeschichte eher noch länger und die Populärwissenschaft, zu denen ich auch die Konversationslexika rechne bis in die 80er.
Das bekannteste Beispiel ist der Mythos von der germanischen Völkerwanderung.
Während die lange Zeit vorherrschende Auffassung davon ausging, dass hier geschlossene, in sich konsistente Völker wanderten zeichnet die heutige Geschichtswissenschaft ein völlig anderes Bild.
Ich möchte das an einem der prominentesten "Völker" deutlich machen, den Goten. Die populäre Geschichtsdarstellung, das, was ich noch in der Schule lernte war die Vorstellung eines in Südosteuropa siedelnden germanischen Volks der Goten, das sich in Westgoten (Siedlungsraum Donaudelta bis Djnestr) und Ostgoten (Siedlungsraum Djnestr bis Donez, außerdem Krim) aufteilte, wobei beide Gruppen nach dem Einfall der Hunnen jeweils geschlossen nach Westen wanderten, die Einen als Gegner, die Anderen als Zwangsverbündete der Hunnen.
Heutige historische Forschungen gehen davon aus, dass es ein solches Volk der Goten niemals gab. Was es gab waren die germanischen Stämme der Terwingen, Greutungen und Gepiden, die eine gemeinsame Sprache und Kultur teilten und die Region Rumänien nördlich der Donau, Ukraine bis zum Donez und Krim sowie Teile der Slowakei besiedelten.
Unter dem Eindruck der von Osten her vordringenden Hunnen und nach Verhandlungen mit den Römern über das Recht, auf Reichsgebiet zu siedeln drang eine Gruppe von Terwingen nach Westen vor, etwas zeitverzögert als Verbündete der Alanen und zeitweilige Bundesgenossen der Hunnen Greutungen. In beiden Fällen wanderten keine Völker oder kompletten Stämme, sondern Heeresverbände mit den Frauen und Kindern der Krieger im Troß. Die Mehrheit der Greutungen, Terwingen und Gepiden blieb also in der Heimat zurück. Die Ethnogenese vollzog sich erst auf der Wanderung, Terwingen wurden auf der Westwanderung zu Westgoten und Greutungen zu Ostgoten, benannt nach der "Getika", der römischen Bezeichnung für Südosteuropa nördlich der Donau. Das "Westgotenreich" in Spanien und das "Ostgotenreich" in Italien waren also keine ethnischen Reichsgründungen bestimmter Germanenstämme, sondern nur dynastische Herrschaften, die von Königen dieser Stämme und ihrem kriegerischen Gefolge gestellt wurden.
Also gab es auch keinen "Völkertod", wie ihn sich die in rassenhygienischer Tradition stehenden AnthropologInnen Schwidetzky und Mühlmann herbeifantasierten, sondern nur ein unspektakuläres Abtreten von Herrscherhäusern und einem Aufgehen ihrer Gefolgegruppen in der Umgebungsbevölkerung.
Das bedeutet aber auch, dass keine sogenannten Goten aus ihrer Heimat in Rumänien und der Ukraine komplett abwanderten. Sie verschwanden aber aus der Geschichte, ebenso wie die alten Völker des Balkan. Die Thraker, die den europäischen Teil der heutigen Türkei, den äußersten Nordosten Griechenlands östlich von Thessaloniki und das heutige Bulgarien bewohnten, die Daker, welche das heutige Rumänien bevölkerten, die Geten am Goldstrand und im Donaudelta, die Mösier (ein thrakischer Stamm) in den westlich daran anschließenden Donauauen waren alles graecoillyrische Völker mit Sprachen, die dem Griechischen so ähnlich waren wie sich Spanisch, Italienisch und Okzitanisch oder Dänisch, Norwegisch und Isländisch ähneln.
Das heutige Albanien, Kosovo, Montenegro und Bosnien wurden von Illyrern bevölkert, die eine archaische Form des Albanischen sprachen, während in Pannonien, dem heutigen Serbien, Ungarn, Burgenland und Oststeiermark eine keltische Sprache gesprochen wurde. Oder möglicherweise auch eine Kreolsprache aus keltisch und einer graecolillyrischen Sprache.
Außer dem Illyrischen verschwanden diese Sprachen nach 500, seit etwa 600 tauchen in byzantinischen Berichten in der Region Slawen auf. Das Altslawische hatte eine sehr dem Griechischen ähnliche Grammatik mit sieben Fällen und Wortstämme, die sich mit "Germanisch mit Lautverschiebung" ganz gut beschreiben lassen. Hat hier eine ethnische Verschmelzung stattgefunden?
Das Russische dürfte auf eine Jahrhunderte später stattfindende Verbindung des Altslawischen mit dem Altnordischen zurückzuführen sein.
Am Wenigsten erforscht und bekannt ist der Ursprung der slawischen Sprachen, und die gängigen Theorien hierzu halte ich für höchst zweifelhaft.
Eine besagt, es hätten sich zunächst durch Lautverschiebung die baltischen aus den germanischen Sprachen abgespalten und dann durch eine weitere Lautverschiebung die slawischen aus den baltischen. Wenn das stattgefunden hätte wäre also eine West-Ost-Wanderungsbewegung von Germanien zum Baltikum und weiter nach Belarus und Russland Voraussetzung, oder von Skandinavien zum Baltikum und weiter. Archäologisch oder aus der Überlieferung gibt es hierfür keinerlei Belege.
Während diese Theorie rein sprachtheoretisch begründet ist, geht die zweite von historisch bekannten Wanderungsbewegungen aus und verortet die Urheimat aller Slawen in den Pripjetsümpfen, also in der Umgebung von Tschernobyl. Auch diesen Ansatz halte ich für hochproblematisch.
Das Problem bei den slawischen Stämmen ist die Tatsache, dass diese sozusagen in der Geschichte plötzlich auftauchen. Während die Kelten und Germanen seit der Bronzezeit belegt sind, erscheinen Slawen erst in byzantinischen Quellen aus der Zeit um 600 n. Chr.
Die Pripjet-Theorie folgt einem Erklärungsmuster, das in der Ur- und Frühgeschichte und Anthropologie einmal sehr verbreitet war und letztendlich sehr völkisch daherkommt.
Völkische Wissenschaft
Dies nicht in einem antisemitischen Sinn, sondern so, dass ethnische Gruppen aus der Isolation her begriffen werden als Abstammungsgemeinschaften, die an einem bestimmten Ort sich bilden und von da aus sich ausbreiten, als in sich geschlossene "Volkskörper" mit einem gemeinsamen Selbstverständnis. Sozialdarwinistische Vorstellungen von Völkern als biologische Abstammungsgemeinschaften wurden verbunden mit einer Rückprojektion von Nationenbegriffen des 19. Jahrhunderts auf längst vergangene Zeitalter, in denen völlig andere Kategorien galten. Diese Denkweise prägte die Anthropologie bis in die 1960er Jahre, die Ur- und Frühgeschichte eher noch länger und die Populärwissenschaft, zu denen ich auch die Konversationslexika rechne bis in die 80er.
Das bekannteste Beispiel ist der Mythos von der germanischen Völkerwanderung.
Während die lange Zeit vorherrschende Auffassung davon ausging, dass hier geschlossene, in sich konsistente Völker wanderten zeichnet die heutige Geschichtswissenschaft ein völlig anderes Bild.
Ich möchte das an einem der prominentesten "Völker" deutlich machen, den Goten. Die populäre Geschichtsdarstellung, das, was ich noch in der Schule lernte war die Vorstellung eines in Südosteuropa siedelnden germanischen Volks der Goten, das sich in Westgoten (Siedlungsraum Donaudelta bis Djnestr) und Ostgoten (Siedlungsraum Djnestr bis Donez, außerdem Krim) aufteilte, wobei beide Gruppen nach dem Einfall der Hunnen jeweils geschlossen nach Westen wanderten, die Einen als Gegner, die Anderen als Zwangsverbündete der Hunnen.
Heutige historische Forschungen gehen davon aus, dass es ein solches Volk der Goten niemals gab. Was es gab waren die germanischen Stämme der Terwingen, Greutungen und Gepiden, die eine gemeinsame Sprache und Kultur teilten und die Region Rumänien nördlich der Donau, Ukraine bis zum Donez und Krim sowie Teile der Slowakei besiedelten.
Unter dem Eindruck der von Osten her vordringenden Hunnen und nach Verhandlungen mit den Römern über das Recht, auf Reichsgebiet zu siedeln drang eine Gruppe von Terwingen nach Westen vor, etwas zeitverzögert als Verbündete der Alanen und zeitweilige Bundesgenossen der Hunnen Greutungen. In beiden Fällen wanderten keine Völker oder kompletten Stämme, sondern Heeresverbände mit den Frauen und Kindern der Krieger im Troß. Die Mehrheit der Greutungen, Terwingen und Gepiden blieb also in der Heimat zurück. Die Ethnogenese vollzog sich erst auf der Wanderung, Terwingen wurden auf der Westwanderung zu Westgoten und Greutungen zu Ostgoten, benannt nach der "Getika", der römischen Bezeichnung für Südosteuropa nördlich der Donau. Das "Westgotenreich" in Spanien und das "Ostgotenreich" in Italien waren also keine ethnischen Reichsgründungen bestimmter Germanenstämme, sondern nur dynastische Herrschaften, die von Königen dieser Stämme und ihrem kriegerischen Gefolge gestellt wurden.
Also gab es auch keinen "Völkertod", wie ihn sich die in rassenhygienischer Tradition stehenden AnthropologInnen Schwidetzky und Mühlmann herbeifantasierten, sondern nur ein unspektakuläres Abtreten von Herrscherhäusern und einem Aufgehen ihrer Gefolgegruppen in der Umgebungsbevölkerung.
Das bedeutet aber auch, dass keine sogenannten Goten aus ihrer Heimat in Rumänien und der Ukraine komplett abwanderten. Sie verschwanden aber aus der Geschichte, ebenso wie die alten Völker des Balkan. Die Thraker, die den europäischen Teil der heutigen Türkei, den äußersten Nordosten Griechenlands östlich von Thessaloniki und das heutige Bulgarien bewohnten, die Daker, welche das heutige Rumänien bevölkerten, die Geten am Goldstrand und im Donaudelta, die Mösier (ein thrakischer Stamm) in den westlich daran anschließenden Donauauen waren alles graecoillyrische Völker mit Sprachen, die dem Griechischen so ähnlich waren wie sich Spanisch, Italienisch und Okzitanisch oder Dänisch, Norwegisch und Isländisch ähneln.
Das heutige Albanien, Kosovo, Montenegro und Bosnien wurden von Illyrern bevölkert, die eine archaische Form des Albanischen sprachen, während in Pannonien, dem heutigen Serbien, Ungarn, Burgenland und Oststeiermark eine keltische Sprache gesprochen wurde. Oder möglicherweise auch eine Kreolsprache aus keltisch und einer graecolillyrischen Sprache.
Außer dem Illyrischen verschwanden diese Sprachen nach 500, seit etwa 600 tauchen in byzantinischen Berichten in der Region Slawen auf. Das Altslawische hatte eine sehr dem Griechischen ähnliche Grammatik mit sieben Fällen und Wortstämme, die sich mit "Germanisch mit Lautverschiebung" ganz gut beschreiben lassen. Hat hier eine ethnische Verschmelzung stattgefunden?
Das Russische dürfte auf eine Jahrhunderte später stattfindende Verbindung des Altslawischen mit dem Altnordischen zurückzuführen sein.
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Freitag, 2. Juli 2021
Wie alles anfing. Vom Ursprung linker Szene-Moral und destruktiver Selbstzerknirschungsdiskurse
che2001, 13:10h
Anknüpfend an diesen Thread bei Bersarin
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/28/die-tonspur-zu-wiglaf-drostes-60-geburtstag-nachtraglich/#comment-20580
den mein Thema bei weitem sprengen würde möchte ich nachzeichnen, wie das repressiv-moralinsaure Klima, das heute weit über explizit linke Milieus hinaus die sogenannte liberale Öffentlichkeit prägt einmal entstanden ist - bzw. den Anteil, den ich aus eigenem Erleben kenne.
Die heutigen sozialen Medien sind so, als ob man eine der damaligen Plenumsdiskussionen, die aus gutem Grund in geschlossenen handverlesenen Runden stattfanden, life mitschneiden und ins Internet stellen würde. Was es aber gab waren Szenezeitschriften, die, mal in Magazinstärke, mal Faltblätter, mal in großer Auflage gedruckt, mal hektografiert, den Diskurs vorantrieben. Das war nicht der Diskurs der Aktionsbündnisse oder langfristiger Arbeitsgruppen oder akademischer Zirkel, die Zeitschriften wie Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat, Grundrisse oder Prokla (=Probleme des Klassenkampfes) hervorbrachten, sondern die Vulgärform. Pflasterstrand, zitty, radikal, Interim, Tüte (steht, glaube ich, für Tübinger Telegramm), Göttinger Drucksache, Das Nestbeschmutz (letzteres hatte auch eine sehr elaborierte situationistische Phase).
An zwei Themensträngen wird die extreme Moralisierung linker Lebenswelten sichtbar, nämlich Sexismus und Antisemitismus.
Die Sexismusdebatte speiste sich ursprünglich aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen, einmal der Ende der Achtziger von der Emma betriebenen Anti-Porno-Kampagne und einmal dem Bekanntwerden von Vergewaltigungen in linken Szenezusammenhängen. Nirgendwo vollzog sich die Entwicklung von der Tragödie zur Farce so schnell wie hier. Nachdem seit 1986 in der Zeitschrift Atom Express es Kritiken am Macho-Poser-Verhalten autonomer Männer am Wackersdorfer Bauzaun gegeben hatte, traf das Vergewaltigungsthema auf ein vorbereitetes Publikum.
Die Fälle von Vergewaltigungen die 1987 bekannt wurden bezogen sich auf eine der radikalsten Fraktionen der Berliner autonomen Szene. Im Mittelpunkt standen Männer, die in einer besetzten früheren Fabrik Kampfsport trainierten und den härtesten Kern des Schwarzen Blocks bildeten. Mit Vierkanthölzern und Stahlhelmen ausgerüstet hielten sie auch Elitetruppen der Polizei wie der ELBT stand. Im Gegensatz zu Städten wie Hamburg, Bremen oder Göttingen, wo auch solche Kreise immer noch an eine studentisch geprägte und intellektuelle autonome Szene angebunden waren, waren diese Leute eher eine Zwischenstufe aus Autonomen und Kleinkriminellen. Einige der Kampfsportler boten auch Dealern oder Zuhältern ihre Dienste als bezahlte Schläger an. Dass aus solchem Milieu heraus Vergewaltigungen begangen wurden muss nicht weiter verwundern. Umso verwunderlicher ist die Entwicklung, die dann einsetzte.
Innerhalb kurzer Zeit verbreiteten sich über Szenemedien bundesweit Outings von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, die eine allgemeine Sexismusdebatte in Gang setzten. So berechtigt dies am Anfang und im Grunde war, es eskalierte sehr schnell. Bis 1990 war das so weit, dass eine westdeutsche Stadt nach der anderen - bzw. die jeweilige linksradikale Szene dort - ihre Outings von Sexisten meldete, als sei das eine Kampagne oder ein Wettbewerb. Die an sich berechtigte Position, dass die Definitionsmacht darüber was eine Vergewaltigung sei stets beim Opfer zu liegen habe wurde dahingehend inflationiert, dass auch einvernehmlicher Sex, bei dem die Frau sich schlecht gefühlt habe, Ekelgefühle bei bestimmten sexuellen Praktiken usw. als Vergewaltigung behandelt wurden, bis hin zu Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr, oder einem Hausverbot wegen des Vorwurfs, einen Porno gucken zu wollen der nicht einmal stimmte. Erschwerend kam hinzu, dass gerade die selbstkritischen, ihre Rolle hinterfragenden Männer eher unter die Räder kamen als selbstsichere Machos.
Entsprechend veränderte sich das Klima in einer linken Szene, in der bis dato offene Zweierbeziehungen mit erlaubten Seitensprüngen das role model gewesen und One Night Stands nach Parties allgemein üblich waren in Richtung gehemmt-repressiv, was Sexualität anging.
Parallel entwickelten sich die Dinge beim Thema Antisemitismus. Bis in die frühen Neunziger war in der linksradikalen Szene ein Antiimperialismus vorherrschend, bei dem Israel und die USA als Hauptmächte des Imperialismus angesehen wurden. Abgesehen von solch speziellen Geschichten wie der engen Bindung von RAF und ähnlichen Guerrilla-Organisationen an bestimmte Palästinensergruppen war die verbreitete, in der Linken konsensfähige Antiimperialismusposition die, dass USA, Israel und die lateinamerikanischen Militärdiktaturen Chile, Argentinien und Uruguay sowie Apartheid-Südafrika die Frontmächte des Imperialismus seien. Die mit CIA-Hilfe an die Macht gebrachten Diktatoren, Südafrika und Israel einte die Tatsache, dass sie in der UN mit Boykotten und Resolutionen isolierte Parias waren. Diese halfen sich nun gegenseitig mit Waffenlieferungen und Geheimdiensten. Aus antiimperialistischer Sicht stellten sie eine Art dritten Block dar.
Dies hätte sich nun auch einfach als pragmatische und opportunistische Kooperation aus einer Gemengelage heraus betrachten lassen. Neomarxistische Linke wären dies aber nicht, wenn sie zu dieser Konstellation nicht mit einer eigenen Theorie hätten aufwarten können, und das war die der Siedlerstaaten. USA, Chile, Argentinien, Uruguay, Südafrika und Israel einte allesamt die Tatsache, dass es Länder waren in denen eingewanderte weisse Eliten die autochthone Bevölkerung unterdrückten oder sogar ausgerottet hatten. Daher seien diese die reaktionärsten Mächte des Imperialismus, analog zum Faschismus als reaktionärste Form bürgerlicher Herrschaft.
An diesem Modell wurde seit etwa 1990 innerlinke Kritik geübt, einmal vom Lager des neuen Antiimperialismus aus und einmal von den Antideutschen.
Der neue Antiimperialismus kritisierte die auf Staaten, nationale Befreiungsbewegungen und linearen Fortschritt ausgerichtete Sichtweise des klassischen Antiimperialismus und setzte dem eine generelle Kapitalismuskritik und eine Bezugnahme auf die armen Massen in den Ländern des Trikont entgegen, die sich auch gegen die generelle Befürwortung nationaler Befreiungsbewegungen richtete.
Die Antideutschen kritisierten die antiimperialistische Frontbildung mit einer Liste als gegeben angesehener Feindstaaten als strukturellen Antisemitismus.
Es wäre sinnvoll gewesen, die Siedlertheorie und die Konzeption Israels als historisch notwendige Antwort auf die Shoah als verschiedene Fluchtpunkte einer Befreiungstheorie zu kontextualisieren, genau das geschah aber nicht.
Noch bevor Antideutsche anfingen, sich mit der Zahal zu identifizieren setzte, wiederum transportiert durch die damaligen Szenemedien, eine Entwicklung ein, die sehr analog zu "fangt den Vergewaltiger" verlief, diesmal "fangt den Antisemiten". Statt eine Theoriedebatte zu führen wurde, ausgehend vom Freiburger ISF ein Denunziantentum in Gang gesetzt, das so ging: "Du hast eine Solidaritätsaktion für die DFLP, die PKK, die EZLN, die Peshmerga unterstützt? Ja weisst Du denn nicht, das wir deren Antiimperialismus als Antisemitismus enttarnt haben?
Erkenne Deinen inneren Antisemitismus!".
Besonders übel tat sich unter den Bußpredigern des linken.-Antisemitismus-wo-man hinschaut-und-überhaupt damals Stephan Grigat hervor.
Das lief so in den Szenezusammenhängen, sich teilweise mit der Antisexismusdebatte überschneidend, etwa von 1991 bis 1995 ab, um dann nach dem 11. 09. 2001 mit unerwarteter Heftigkeit erneut aufzuploppen.
Beide Stränge schufen die Matrix, vor der sich die moralinsauren, zensurgeilen Diskursmuster von Gedichtüberpinslern bis Mädchenmannschaft, von linken Ausschlusskomitees bis "linksliberalem" Feuilleton (oder doch besser Fäuleton?) wie wir sie heute erleben entfalteten.
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/28/die-tonspur-zu-wiglaf-drostes-60-geburtstag-nachtraglich/#comment-20580
den mein Thema bei weitem sprengen würde möchte ich nachzeichnen, wie das repressiv-moralinsaure Klima, das heute weit über explizit linke Milieus hinaus die sogenannte liberale Öffentlichkeit prägt einmal entstanden ist - bzw. den Anteil, den ich aus eigenem Erleben kenne.
Die heutigen sozialen Medien sind so, als ob man eine der damaligen Plenumsdiskussionen, die aus gutem Grund in geschlossenen handverlesenen Runden stattfanden, life mitschneiden und ins Internet stellen würde. Was es aber gab waren Szenezeitschriften, die, mal in Magazinstärke, mal Faltblätter, mal in großer Auflage gedruckt, mal hektografiert, den Diskurs vorantrieben. Das war nicht der Diskurs der Aktionsbündnisse oder langfristiger Arbeitsgruppen oder akademischer Zirkel, die Zeitschriften wie Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat, Grundrisse oder Prokla (=Probleme des Klassenkampfes) hervorbrachten, sondern die Vulgärform. Pflasterstrand, zitty, radikal, Interim, Tüte (steht, glaube ich, für Tübinger Telegramm), Göttinger Drucksache, Das Nestbeschmutz (letzteres hatte auch eine sehr elaborierte situationistische Phase).
An zwei Themensträngen wird die extreme Moralisierung linker Lebenswelten sichtbar, nämlich Sexismus und Antisemitismus.
Die Sexismusdebatte speiste sich ursprünglich aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen, einmal der Ende der Achtziger von der Emma betriebenen Anti-Porno-Kampagne und einmal dem Bekanntwerden von Vergewaltigungen in linken Szenezusammenhängen. Nirgendwo vollzog sich die Entwicklung von der Tragödie zur Farce so schnell wie hier. Nachdem seit 1986 in der Zeitschrift Atom Express es Kritiken am Macho-Poser-Verhalten autonomer Männer am Wackersdorfer Bauzaun gegeben hatte, traf das Vergewaltigungsthema auf ein vorbereitetes Publikum.
Die Fälle von Vergewaltigungen die 1987 bekannt wurden bezogen sich auf eine der radikalsten Fraktionen der Berliner autonomen Szene. Im Mittelpunkt standen Männer, die in einer besetzten früheren Fabrik Kampfsport trainierten und den härtesten Kern des Schwarzen Blocks bildeten. Mit Vierkanthölzern und Stahlhelmen ausgerüstet hielten sie auch Elitetruppen der Polizei wie der ELBT stand. Im Gegensatz zu Städten wie Hamburg, Bremen oder Göttingen, wo auch solche Kreise immer noch an eine studentisch geprägte und intellektuelle autonome Szene angebunden waren, waren diese Leute eher eine Zwischenstufe aus Autonomen und Kleinkriminellen. Einige der Kampfsportler boten auch Dealern oder Zuhältern ihre Dienste als bezahlte Schläger an. Dass aus solchem Milieu heraus Vergewaltigungen begangen wurden muss nicht weiter verwundern. Umso verwunderlicher ist die Entwicklung, die dann einsetzte.
Innerhalb kurzer Zeit verbreiteten sich über Szenemedien bundesweit Outings von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, die eine allgemeine Sexismusdebatte in Gang setzten. So berechtigt dies am Anfang und im Grunde war, es eskalierte sehr schnell. Bis 1990 war das so weit, dass eine westdeutsche Stadt nach der anderen - bzw. die jeweilige linksradikale Szene dort - ihre Outings von Sexisten meldete, als sei das eine Kampagne oder ein Wettbewerb. Die an sich berechtigte Position, dass die Definitionsmacht darüber was eine Vergewaltigung sei stets beim Opfer zu liegen habe wurde dahingehend inflationiert, dass auch einvernehmlicher Sex, bei dem die Frau sich schlecht gefühlt habe, Ekelgefühle bei bestimmten sexuellen Praktiken usw. als Vergewaltigung behandelt wurden, bis hin zu Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr, oder einem Hausverbot wegen des Vorwurfs, einen Porno gucken zu wollen der nicht einmal stimmte. Erschwerend kam hinzu, dass gerade die selbstkritischen, ihre Rolle hinterfragenden Männer eher unter die Räder kamen als selbstsichere Machos.
Entsprechend veränderte sich das Klima in einer linken Szene, in der bis dato offene Zweierbeziehungen mit erlaubten Seitensprüngen das role model gewesen und One Night Stands nach Parties allgemein üblich waren in Richtung gehemmt-repressiv, was Sexualität anging.
Parallel entwickelten sich die Dinge beim Thema Antisemitismus. Bis in die frühen Neunziger war in der linksradikalen Szene ein Antiimperialismus vorherrschend, bei dem Israel und die USA als Hauptmächte des Imperialismus angesehen wurden. Abgesehen von solch speziellen Geschichten wie der engen Bindung von RAF und ähnlichen Guerrilla-Organisationen an bestimmte Palästinensergruppen war die verbreitete, in der Linken konsensfähige Antiimperialismusposition die, dass USA, Israel und die lateinamerikanischen Militärdiktaturen Chile, Argentinien und Uruguay sowie Apartheid-Südafrika die Frontmächte des Imperialismus seien. Die mit CIA-Hilfe an die Macht gebrachten Diktatoren, Südafrika und Israel einte die Tatsache, dass sie in der UN mit Boykotten und Resolutionen isolierte Parias waren. Diese halfen sich nun gegenseitig mit Waffenlieferungen und Geheimdiensten. Aus antiimperialistischer Sicht stellten sie eine Art dritten Block dar.
Dies hätte sich nun auch einfach als pragmatische und opportunistische Kooperation aus einer Gemengelage heraus betrachten lassen. Neomarxistische Linke wären dies aber nicht, wenn sie zu dieser Konstellation nicht mit einer eigenen Theorie hätten aufwarten können, und das war die der Siedlerstaaten. USA, Chile, Argentinien, Uruguay, Südafrika und Israel einte allesamt die Tatsache, dass es Länder waren in denen eingewanderte weisse Eliten die autochthone Bevölkerung unterdrückten oder sogar ausgerottet hatten. Daher seien diese die reaktionärsten Mächte des Imperialismus, analog zum Faschismus als reaktionärste Form bürgerlicher Herrschaft.
An diesem Modell wurde seit etwa 1990 innerlinke Kritik geübt, einmal vom Lager des neuen Antiimperialismus aus und einmal von den Antideutschen.
Der neue Antiimperialismus kritisierte die auf Staaten, nationale Befreiungsbewegungen und linearen Fortschritt ausgerichtete Sichtweise des klassischen Antiimperialismus und setzte dem eine generelle Kapitalismuskritik und eine Bezugnahme auf die armen Massen in den Ländern des Trikont entgegen, die sich auch gegen die generelle Befürwortung nationaler Befreiungsbewegungen richtete.
Die Antideutschen kritisierten die antiimperialistische Frontbildung mit einer Liste als gegeben angesehener Feindstaaten als strukturellen Antisemitismus.
Es wäre sinnvoll gewesen, die Siedlertheorie und die Konzeption Israels als historisch notwendige Antwort auf die Shoah als verschiedene Fluchtpunkte einer Befreiungstheorie zu kontextualisieren, genau das geschah aber nicht.
Noch bevor Antideutsche anfingen, sich mit der Zahal zu identifizieren setzte, wiederum transportiert durch die damaligen Szenemedien, eine Entwicklung ein, die sehr analog zu "fangt den Vergewaltiger" verlief, diesmal "fangt den Antisemiten". Statt eine Theoriedebatte zu führen wurde, ausgehend vom Freiburger ISF ein Denunziantentum in Gang gesetzt, das so ging: "Du hast eine Solidaritätsaktion für die DFLP, die PKK, die EZLN, die Peshmerga unterstützt? Ja weisst Du denn nicht, das wir deren Antiimperialismus als Antisemitismus enttarnt haben?
Erkenne Deinen inneren Antisemitismus!".
Besonders übel tat sich unter den Bußpredigern des linken.-Antisemitismus-wo-man hinschaut-und-überhaupt damals Stephan Grigat hervor.
Das lief so in den Szenezusammenhängen, sich teilweise mit der Antisexismusdebatte überschneidend, etwa von 1991 bis 1995 ab, um dann nach dem 11. 09. 2001 mit unerwarteter Heftigkeit erneut aufzuploppen.
Beide Stränge schufen die Matrix, vor der sich die moralinsauren, zensurgeilen Diskursmuster von Gedichtüberpinslern bis Mädchenmannschaft, von linken Ausschlusskomitees bis "linksliberalem" Feuilleton (oder doch besser Fäuleton?) wie wir sie heute erleben entfalteten.
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Dienstag, 22. Juni 2021
Wider das Vergessen!
che2001, 16:48h
Genosse Bersarin zum Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion.
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/22/22-juni-1941-wer-wind-sat-wird-sturm-ernten/
Ach ja, und zwei Jahre später war Kursk.
https://www.youtube.com/watch?v=4HOcCfNnRVg
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/22/22-juni-1941-wer-wind-sat-wird-sturm-ernten/
Ach ja, und zwei Jahre später war Kursk.
https://www.youtube.com/watch?v=4HOcCfNnRVg
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Samstag, 12. Juni 2021
Neuer Antiimperialismus: Anmerkungen zu einer komplexen Theorie
che2001, 21:50h
Ausgehend von der Tatsache, dass der marxistische Klassenbegriff seit Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr anwendbar war, hinsichtlich der Frauenfrage und hinsichtlich Rassismus seine Blindstellen hatte und der marxistisch-leninistische klassische Antiimperialismus antisemitische Züge angenommen hatte wurde von überwiegend westdeutschen Linken, allerdings in enger Zusammenarbeit mit britischen, belgischen, französischen und US-amerikanischen Gruppen seit den 1980ern der Neue Antiimperialismus entwickelt, der als offenes Theorieprojekt bis heute weiterentwickelt wird.
Ursprünglich zurückgehend auf die Tübinger Internationalismustage von 1982 und die Diskussionszusammemhänge zwischen entwicklungspolitischen Aktionsgruppen, Weltläden und HistorikerInnen im Umfeld der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wurden die Kerngedanken des Neuen Antiimperialismus hauptsächlich in den Zeitschriften Materialien für einen neuen Antiimperialismus und Wildcat ausgebreitet und weiterentwickelt.
http://www.materialien.org/texte/materialien/edit88.html
"Materialien für einen Neuen Antiimperialismus" meint hierbei nicht, Ex Cathedra eine Leitlinie zu verkündigen, wie Antiimperialismus auszusehen hätte, sondern, gestützt auf Forschungsmethoden der Alltagsgeschichte und Mikrohistorie, Diskussionsansätze zu entwickeln, die für die Linke brauchbar sein können, um das heutige Weltgeschehen überhaupt begreifbar zu machen. Neuer Antiimperialismus ist zunächst mal eine Absetzbewegung zum klassischen Antiimperialismus, der daraus bestand, die Weltpolitik der USA, der EU und die Rolle Israels im Mittleren Osten zu kritisieren und einen Internationalismus zu vertreten, der eine Frontstellung der marxistischen Befreiungsbewegungen gegen diese Kräfte beinhaltete. Dagegen meint Neuer Antiimperialismus, sich auf Kämpfe um das unmittelbare Existenzrecht, die Verteidigung bäuerlicher Subsistenz usw. in den drei Kontinenten zu beziehen und diese mit Arbeitskämpfen hierzulande zu verbinden, d. h. nicht an Staaten, Parteien oder Guerrillabewegungen anzulehnen, sondern an soziale Prozesse.
Anders gesagt: Es geht um die Verteidigung vorhandener sozialer Standards und um die Entwicklung von Perspektiven zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse aus Sicht der Deklassierten. Es handelte sich um eine Verbindung aus italienischem Operaismus mit der zentralen Vorstellung von ArbeiterInnenkämpfen als Kämpfe gegen die entfremdete Arbeit an sich mit einem starken Mensch-Maschine-Dualismus, dem Versuch, Marx mit Bakunin und Weitling zusammen zu denken, der Dependenztheorie, welche den kulturellen und politökonomischen Zusammenhängen in den Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Entwicklungs- Schwellen- und Metropolenländern nachging und den Ansätzen der ?Anderen Arbeitergeschichte?, die Geschichtswissenschaft als Alltagsgeschichte aus der Perspektive von unten betrieb.
Als Gegenposition zum Klassischen Antiimperialismus wurden Ansätze, die sich auf Klassenkämpfe und soziale Proteste in den Metropolen ebenso bezogen wie auf Hungerrevolten und Brotpreisaufstände im Trikont mit einem zwischen Marx, Foucault und der Dependenztheorie aufgespannten Theoriegebäude kontextualisiert. Daran anküpfend wurde die Theorie der permanenten Neuzusammensetzung der Unterklasse in den 1990er Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten von dem deutschen Historiker Karl Heinz Roth, der Redaktionsgruppe Materialien für einen neuen AntImperialismus und etwas später auch Slavoj Zizek entwickelt.
Hierbei geht es um folgendes: Da die Industriearbeiterschaft in den Metropolenstaaten kein objektives Proletariat mehr ist, sie lebt nicht mehr in Armut und hat einen bürgerlichen Lebensstil angenommen, zugleich aber ständig neue Armut produziert wird, Leiharbeiter, Zeitarbeiter, Billiglohnsektor, Pauperisierung kleiner Angestelltenmilieus kann davon gesprochen werden dass ein neues, heterogenes Proletariat am Entstehen ist. Dazu gehört dann auch die Deklassierung von Berufsfeldern die früher mal Hochlohnsektoren waren, z.B. in der IT und im Marketing, Stichwort Dauerpraktikanten und outgesourcte Billigpixler.
Bei Hartmann, Roth und den Materialien für einen neuen Antiimperialismus wird das mit einer Entwicklungstheorie verbunden die nach den Interessen der armen Menschen im Trikont und nach den Möglichkeiten praktischer Solidarität fragt, also sich für die kleinen Leute interessiert und sich von der ausschließlichen Orientierung des alten Antiimperialismus an der Solidarität mit Befreiungsbewegungen abwendet.
Zizek hingegen hat eine operaistische Sichtweise zusammengebracht mit Laclau und Mouffe, die davon ausgingen dass in der postmodernen Gesellschaft andere Kämpfe als bisherige Klassenkämpfe relevant werden, nämlich die Kämpfe marginalisierter Gruppen wie Frauen, Schwule, Lesben, Migranten u.a. und dass für diese Gruppen eine Befreiungsperspektive nur sichtbar wird, wenn sie ihre radikal subjektive Eigenperspektive gegen den gesellschaftlichen Mainstream wenden.
Wobei Chantal Mouffe als Antwort auf den erstarkenden Rechtspopulismus weltweit einen Populismus von links fordert, der polemisch, laut, aggressiv und politisch unkorrekt zu sein habe, bei ihr vermischen sich die Positionen Foucaults und des Operaismus mit situationistischen Ideen.
Daran anküpfend vertritt Zizek einen radikalen Partikularismus, der erst in der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden zur Möglichkeit kommt,Einfluss auf das Allgemeine zu nehmen oder sogar zum Allgemeinen zu werden. In der gemeinsam mit Detlef Hartmann verfassten Antwort auf "Empire" von Negri und Hardt läuft das auf eine neue Revolutionstheorie hinaus.
https://www.assoziation-a.de/buch/Die_Zeit_der_Autonomie
http://assoziation-a.de/buch/Hartmann_Empire
https://de.wikipedia.org/wiki/Detlef_Hartmann
Ursprünglich zurückgehend auf die Tübinger Internationalismustage von 1982 und die Diskussionszusammemhänge zwischen entwicklungspolitischen Aktionsgruppen, Weltläden und HistorikerInnen im Umfeld der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wurden die Kerngedanken des Neuen Antiimperialismus hauptsächlich in den Zeitschriften Materialien für einen neuen Antiimperialismus und Wildcat ausgebreitet und weiterentwickelt.
http://www.materialien.org/texte/materialien/edit88.html
"Materialien für einen Neuen Antiimperialismus" meint hierbei nicht, Ex Cathedra eine Leitlinie zu verkündigen, wie Antiimperialismus auszusehen hätte, sondern, gestützt auf Forschungsmethoden der Alltagsgeschichte und Mikrohistorie, Diskussionsansätze zu entwickeln, die für die Linke brauchbar sein können, um das heutige Weltgeschehen überhaupt begreifbar zu machen. Neuer Antiimperialismus ist zunächst mal eine Absetzbewegung zum klassischen Antiimperialismus, der daraus bestand, die Weltpolitik der USA, der EU und die Rolle Israels im Mittleren Osten zu kritisieren und einen Internationalismus zu vertreten, der eine Frontstellung der marxistischen Befreiungsbewegungen gegen diese Kräfte beinhaltete. Dagegen meint Neuer Antiimperialismus, sich auf Kämpfe um das unmittelbare Existenzrecht, die Verteidigung bäuerlicher Subsistenz usw. in den drei Kontinenten zu beziehen und diese mit Arbeitskämpfen hierzulande zu verbinden, d. h. nicht an Staaten, Parteien oder Guerrillabewegungen anzulehnen, sondern an soziale Prozesse.
Anders gesagt: Es geht um die Verteidigung vorhandener sozialer Standards und um die Entwicklung von Perspektiven zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse aus Sicht der Deklassierten. Es handelte sich um eine Verbindung aus italienischem Operaismus mit der zentralen Vorstellung von ArbeiterInnenkämpfen als Kämpfe gegen die entfremdete Arbeit an sich mit einem starken Mensch-Maschine-Dualismus, dem Versuch, Marx mit Bakunin und Weitling zusammen zu denken, der Dependenztheorie, welche den kulturellen und politökonomischen Zusammenhängen in den Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Entwicklungs- Schwellen- und Metropolenländern nachging und den Ansätzen der ?Anderen Arbeitergeschichte?, die Geschichtswissenschaft als Alltagsgeschichte aus der Perspektive von unten betrieb.
Als Gegenposition zum Klassischen Antiimperialismus wurden Ansätze, die sich auf Klassenkämpfe und soziale Proteste in den Metropolen ebenso bezogen wie auf Hungerrevolten und Brotpreisaufstände im Trikont mit einem zwischen Marx, Foucault und der Dependenztheorie aufgespannten Theoriegebäude kontextualisiert. Daran anküpfend wurde die Theorie der permanenten Neuzusammensetzung der Unterklasse in den 1990er Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten von dem deutschen Historiker Karl Heinz Roth, der Redaktionsgruppe Materialien für einen neuen AntImperialismus und etwas später auch Slavoj Zizek entwickelt.
Hierbei geht es um folgendes: Da die Industriearbeiterschaft in den Metropolenstaaten kein objektives Proletariat mehr ist, sie lebt nicht mehr in Armut und hat einen bürgerlichen Lebensstil angenommen, zugleich aber ständig neue Armut produziert wird, Leiharbeiter, Zeitarbeiter, Billiglohnsektor, Pauperisierung kleiner Angestelltenmilieus kann davon gesprochen werden dass ein neues, heterogenes Proletariat am Entstehen ist. Dazu gehört dann auch die Deklassierung von Berufsfeldern die früher mal Hochlohnsektoren waren, z.B. in der IT und im Marketing, Stichwort Dauerpraktikanten und outgesourcte Billigpixler.
Bei Hartmann, Roth und den Materialien für einen neuen Antiimperialismus wird das mit einer Entwicklungstheorie verbunden die nach den Interessen der armen Menschen im Trikont und nach den Möglichkeiten praktischer Solidarität fragt, also sich für die kleinen Leute interessiert und sich von der ausschließlichen Orientierung des alten Antiimperialismus an der Solidarität mit Befreiungsbewegungen abwendet.
Zizek hingegen hat eine operaistische Sichtweise zusammengebracht mit Laclau und Mouffe, die davon ausgingen dass in der postmodernen Gesellschaft andere Kämpfe als bisherige Klassenkämpfe relevant werden, nämlich die Kämpfe marginalisierter Gruppen wie Frauen, Schwule, Lesben, Migranten u.a. und dass für diese Gruppen eine Befreiungsperspektive nur sichtbar wird, wenn sie ihre radikal subjektive Eigenperspektive gegen den gesellschaftlichen Mainstream wenden.
Wobei Chantal Mouffe als Antwort auf den erstarkenden Rechtspopulismus weltweit einen Populismus von links fordert, der polemisch, laut, aggressiv und politisch unkorrekt zu sein habe, bei ihr vermischen sich die Positionen Foucaults und des Operaismus mit situationistischen Ideen.
Daran anküpfend vertritt Zizek einen radikalen Partikularismus, der erst in der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden zur Möglichkeit kommt,Einfluss auf das Allgemeine zu nehmen oder sogar zum Allgemeinen zu werden. In der gemeinsam mit Detlef Hartmann verfassten Antwort auf "Empire" von Negri und Hardt läuft das auf eine neue Revolutionstheorie hinaus.
https://www.assoziation-a.de/buch/Die_Zeit_der_Autonomie
http://assoziation-a.de/buch/Hartmann_Empire
https://de.wikipedia.org/wiki/Detlef_Hartmann
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Freitag, 4. Juni 2021
Der Leib des Herrn
che2001, 20:28h
Die Vorstellung, dass beim Abendmahl Brot und Wein zu Fleisch und Blut Christi transformiert werden, ist das nicht eigentlich ein sublimiertes kannibalistisches Ritual?
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Mittwoch, 2. Juni 2021
Kein Gift, aber ?Kaffeesatz? im Magen: Ein Pathologe über Napoleons Todesursache und des Kaisers Hosenbund als Indiz
che2001, 20:32h
Interview: Nathalie Matter
Zum 200. Todestag von Napoleon (gest. 5. Mai 1821) erzählt Alessandro Lugli vom Institut für Pathologie der Universität Bern, wie er die historisch verbriefte Todesursache Napoleons ? einen Magenkrebs ? bestätigen konnte. Ein Interview über Arsen, Napoleons Hosenbundweite und kreative Herangehensweisen.1
© Dr. Alessandro Lugli
Herr Lugli, Sie haben sich intensiv mit Napoleon befasst, vor allem mit seiner Todesursache. Wie kamen Sie eigentlich auf Napoleon?
In den Siebzigerjahren spielte ich immer mit kleinen Soldatenfiguren und erhielt von meinen Eltern ein Napoleon-Set und Kinderbücher wie ?So lebten sie zur Zeit des grossen Napoleon?. Mit der Zeit wurde eine kleine Bibliothek daraus, die immer grösser wurde ? mittlerweile besitze ich über 1.000 Bücher zu Napoleon.
Was fasziniert Sie an ihm?
Ich denke, es ist vor allem die Meritokratie. Er sagte immer: ?In meiner Armee hat jeder Soldat den Marschallstab im Rucksack.? Das heißt: jeder kann in seiner Armee Marschall werden, unabhängig von der Herkunft, vom Stand ? beurteilt wird die Leistung. Wenn jemand gut arbeitet, ist es auch richtig, dass er dafür belohnt wird.
Ich habe von Bekannten aus Frankreich gehört, dass man in der Schule über ihn lernt: ?Le général Bonaparte était bon, l?empéreur Napoléon un peu moins? (?Der General Napoleon war gut, der Kaiser Napoleon eher weniger.?). Ich denke es ist wichtig, dass er durch die Augen der heutigen Gesellschaft historisch objektiv beurteilt wird. Gewisse Dinge hat er gut gemacht, und es gibt ganz klar Dinge, die er schlecht gemacht hat.
Auch die Napoleon-Expertinnen und -Experten in Frankreich sind der Meinung, dass es ein ?gesundes Bild? von ihm braucht: Verherrlichung ist schlecht, aber Verteufelung ebenso.
Nun konnte sich trotz des offiziellen Autopsie-Berichts von Napoleons Leibarzt sehr lange die These halten, Napoleon sei vergiftet worden. Wie kam es dazu?
Die Vergiftungsthese beruht auf einer Publikation von 1961 im Journal Nature. In einem Haarbüschel von Napoleon wurde eine erhöhte Arsenkonzentration gefunden. Das ist erst einmal nur ein Fakt und heißt noch gar nichts.
Eine historische Betrachtung aufgrund seiner Memoiren ergab dann, dass Napoleon angeblich eine Affäre mit der Frau seines Exilgefährten hatte, mit Albine de Montholon. Ihr Mann, der Génréral de Montholon, sei eifersüchtig gewesen und habe Napoleon dann langsam chronisch vergiftet. Dies mit der Unterstützung des britischen Gouverneurs, Sir Hudson Lowe, dem das Exil von Napoleon auf St. Helena mit dem Unterhalt seiner ganzen Gefolgschaft zu teuer geworden sei.
Wodurch wurde die Vergiftungsthese widerlegt?
Aus historischer Sicht gibt es dieser These zwei Dinge entgegenzusetzen: erstens war Montholon ein überzeugter Bonapartist und unterstützte nach dem Exil Napoleon III., wofür er sogar im Gefängnis landete. Er hatte also gar keinen Vorteil von diesem angeblichen Mord.
Der 2. Punkt war, dass Napoleon sehr darauf achtete, nicht vergiftet zu werden, vor allem während des Russlandfeldzuges. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass man ihn chronisch vergiften konnte ? wenn, dann akut.
Die Vergiftungsthese konnte sich sehr lange halten, bis ins Jahr 2008, als eine Gruppe von italienischen Physikern nachweisen konnte, dass eine erhöhte Arsenkonzentration auch in einem Haarbüschel von Napoleon als Kind zu finden war, ebenso bei seiner Frau Joséphine und sogar bei seinem Sohn, Napoleon II. Arsen fand man also überall.
Nun war die Frage: woher kam es? Dazu gibt es verschiedene Erklärungen, die wahrscheinlichste ist diese: Früher schnitt man verstorbenen Königinnen und Königen Haarbüschel ab und bewahrte diese als Andenken auf. An der freien Luft kann man sie nicht aufbewahren wegen der Läuse. Nun erwies sich Arsen als sehr gutes Konservierungsmittel. Menschliches Gewebe lässt sich darin sehr gut konservieren ? es ist aber hochgiftig. Deshalb wird heute Formalin verwendet. Wahrscheinlich wurden die Haarbüschel in Arsen aufbewahrt und sogen sich damit voll.
Sie fanden schon vorher einen Weg, um die Vergiftungsthese zu widerlegen: mit Napoleons Hosen. Wie kamen Sie darauf?
Man soll sich nicht mit fremden Federn schmücken: die Idee kam von meiner Frau. Ihr Interesse an Napoleon ist eher marginal, aber sie sagte mir, dass der Taillenumfang, also die Bundweite von Hosen mit dem Gewicht einer Person korrelieren müsse. Nun wussten wir, wie groß Napoleon gewesen war ? zwischen 1,67 und 1,68 Metern.
Wenn der Body-Mass-Index BMI mit der Größe der Hosen korreliert und wir die Körpergröße haben, kann man das Gewicht ermitteln. Dazu mussten wir zuerst zeigen, dass der Hosenumfang bei Männern mit dem BMI korreliert, also statistisch zusammenhängt. Wir baten unserem Bekanntenkreis also alle Männer, ihren Hosenumfang zu messen und ihren BMI anzugeben. Das haben sie gerne gemacht, weil man daraus nicht sofort auf das Gewicht schließen konnte! So konnten wir zeigen, dass bei Männern aus ganz Europa der BMI mit dem Hosenumfang korreliert.
Ausmessen von Napoleons Hose, die er als Oberst vor 1815 trug.
Über die französischen Historiker erhielten wir dann die Erlaubnis, zu Randzeiten in die Museen zu gehen, bei Fontainebleau und Malmaison bei Paris, und die Hosen von Napoleon aus den verschiedensten Lebensabschnitten auszumessen. Anschließend konnten wir anhand der Kurve, die wir dank der Kontrollgruppe hatten, auf seinen BMI schließen. Dann brauchte es nur noch eine einfache Rechnung, um das Gewicht zu bestimmen.
Der schlanke, langhaarige General Bonaparte, wie man ihn auch auf den Bildern sieht, war rund 68 Kilogramm schwer bei 1,68 Metern Körpergröße. Später, als er an Macht gewann, hatte er kurze Haare und wurde fülliger. Er hatte sogar noch während des Exils zugenommen, er wog bis zu 91 Kilo.
In den letzten sechs Monaten seines Lebens fiel sein Gewicht runter auf 67 bis 80 Kilo. Er verlor also 10 bis 14 Kilo in sechs Monaten! Dieser Gewichtsverlust ist eines der möglichen Symptome der eigentlichen Todesursache: Magenkrebs.
Sie konnten also den ursprünglichen Autopsie-Bericht bestätigen?
Richtig. Napoleon ist am 5. Mai 1821 gestorben, die Autopsie fand am nächsten Tag statt. 17 Personen waren anwesend, darunter acht Fachpersonen: Napoleons Leibarzt Francesco Antommarchi, der ein schlechter Kliniker war, aber ein guter Anatom, und sieben englische Ärzte.
Daraus resultierten ein französischer und ein englischer Autopsiebericht, die zwar nicht in allen Punkten übereinstimmten, aber medizinisch waren sie sich einig: Die Todesursache war eine bösartige Läsion des Magens, sehr gut vereinbar mit einem Magenkarzinom, also Magenkrebs.
Dazu passen auch die Symptome, die man aus den Memoiren seiner Diener und Exilgefährten kennt: Erbrechen, Gewichtsverlust, Kraftlosigkeit, Mühe mit Schlucken ? er konnte zweitweise nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. In der WHO-Klassifikation 2019 von Magendarmtrakt-Tumoren sind auch diese Symptome beschrieben bei Magenkrebs.
Eine weitere Theorie war, Napoleon sei an Gastritis, also an einer Entzündung der Magenschleimhaut, gestorben. Warum glauben Sie nicht daran?
Dazu muss man Folgendes sagen: als der Magen bei der Autopsie geöffnet wurde, war er voller ?Kaffeesatz?. Dieser entsteht immer dann, wenn sehr viel Blut mit Magensäure in Kontakt kommt. Das heißt, Napoleon ist innerlich verblutet. Er hatte eine schwere obere Magendarmtrakt-Blutung.
Jetzt ist die Frage: Woher kommt sie? Der Leibarzt Antommarchi beschreibt zwei Befunde: ein große Läsion, die sich vom Mageneingang bis zum Ausgang zieht, sowie eine Geschwulst am Magenausgang. Dies passt von der Ursache her sehr gut zu einer Gastritis.
Wenn diese nicht behandelt wird und chronisch wird, verändert sich die Magenschleimhaut so stark, dass sie entartet. Napoleon hatte also bestimmt eine Gastritis, aber die große Verletzung kann nie und nimmer eine Gastritis sein. Hier handelte es sich um einen bösartigen Befund, und wenn das nicht Krebs ist, was dann? In einer aktuellen Publikation anlässlich des 200. Todestages haben nun zahlreiche renommierte Pathologinnen und Pathologen die Autopise-Berichte noch einmal geprüft, und alle kommen zum selben Schluss: Magenkrebs.
Gibt es etwas über Napoleon, das Sie noch nicht wissen und gerne noch herausfinden möchten?
Von der medizinischen Seite her gibt es sicher noch Details, zum Beispiel über den Verlauf der Krankheit in seinem Leben. Er hatte ja keinen Krebs in jungen Jahren, der kam erst später, sonst hätte er ja nicht überlebt. Wann hat aber die Gastritis begonnen? Das wäre noch interessant herauszufinden.
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de .
Zum 200. Todestag von Napoleon (gest. 5. Mai 1821) erzählt Alessandro Lugli vom Institut für Pathologie der Universität Bern, wie er die historisch verbriefte Todesursache Napoleons ? einen Magenkrebs ? bestätigen konnte. Ein Interview über Arsen, Napoleons Hosenbundweite und kreative Herangehensweisen.1
© Dr. Alessandro Lugli
Herr Lugli, Sie haben sich intensiv mit Napoleon befasst, vor allem mit seiner Todesursache. Wie kamen Sie eigentlich auf Napoleon?
In den Siebzigerjahren spielte ich immer mit kleinen Soldatenfiguren und erhielt von meinen Eltern ein Napoleon-Set und Kinderbücher wie ?So lebten sie zur Zeit des grossen Napoleon?. Mit der Zeit wurde eine kleine Bibliothek daraus, die immer grösser wurde ? mittlerweile besitze ich über 1.000 Bücher zu Napoleon.
Was fasziniert Sie an ihm?
Ich denke, es ist vor allem die Meritokratie. Er sagte immer: ?In meiner Armee hat jeder Soldat den Marschallstab im Rucksack.? Das heißt: jeder kann in seiner Armee Marschall werden, unabhängig von der Herkunft, vom Stand ? beurteilt wird die Leistung. Wenn jemand gut arbeitet, ist es auch richtig, dass er dafür belohnt wird.
Ich habe von Bekannten aus Frankreich gehört, dass man in der Schule über ihn lernt: ?Le général Bonaparte était bon, l?empéreur Napoléon un peu moins? (?Der General Napoleon war gut, der Kaiser Napoleon eher weniger.?). Ich denke es ist wichtig, dass er durch die Augen der heutigen Gesellschaft historisch objektiv beurteilt wird. Gewisse Dinge hat er gut gemacht, und es gibt ganz klar Dinge, die er schlecht gemacht hat.
Auch die Napoleon-Expertinnen und -Experten in Frankreich sind der Meinung, dass es ein ?gesundes Bild? von ihm braucht: Verherrlichung ist schlecht, aber Verteufelung ebenso.
Nun konnte sich trotz des offiziellen Autopsie-Berichts von Napoleons Leibarzt sehr lange die These halten, Napoleon sei vergiftet worden. Wie kam es dazu?
Die Vergiftungsthese beruht auf einer Publikation von 1961 im Journal Nature. In einem Haarbüschel von Napoleon wurde eine erhöhte Arsenkonzentration gefunden. Das ist erst einmal nur ein Fakt und heißt noch gar nichts.
Eine historische Betrachtung aufgrund seiner Memoiren ergab dann, dass Napoleon angeblich eine Affäre mit der Frau seines Exilgefährten hatte, mit Albine de Montholon. Ihr Mann, der Génréral de Montholon, sei eifersüchtig gewesen und habe Napoleon dann langsam chronisch vergiftet. Dies mit der Unterstützung des britischen Gouverneurs, Sir Hudson Lowe, dem das Exil von Napoleon auf St. Helena mit dem Unterhalt seiner ganzen Gefolgschaft zu teuer geworden sei.
Wodurch wurde die Vergiftungsthese widerlegt?
Aus historischer Sicht gibt es dieser These zwei Dinge entgegenzusetzen: erstens war Montholon ein überzeugter Bonapartist und unterstützte nach dem Exil Napoleon III., wofür er sogar im Gefängnis landete. Er hatte also gar keinen Vorteil von diesem angeblichen Mord.
Der 2. Punkt war, dass Napoleon sehr darauf achtete, nicht vergiftet zu werden, vor allem während des Russlandfeldzuges. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass man ihn chronisch vergiften konnte ? wenn, dann akut.
Die Vergiftungsthese konnte sich sehr lange halten, bis ins Jahr 2008, als eine Gruppe von italienischen Physikern nachweisen konnte, dass eine erhöhte Arsenkonzentration auch in einem Haarbüschel von Napoleon als Kind zu finden war, ebenso bei seiner Frau Joséphine und sogar bei seinem Sohn, Napoleon II. Arsen fand man also überall.
Nun war die Frage: woher kam es? Dazu gibt es verschiedene Erklärungen, die wahrscheinlichste ist diese: Früher schnitt man verstorbenen Königinnen und Königen Haarbüschel ab und bewahrte diese als Andenken auf. An der freien Luft kann man sie nicht aufbewahren wegen der Läuse. Nun erwies sich Arsen als sehr gutes Konservierungsmittel. Menschliches Gewebe lässt sich darin sehr gut konservieren ? es ist aber hochgiftig. Deshalb wird heute Formalin verwendet. Wahrscheinlich wurden die Haarbüschel in Arsen aufbewahrt und sogen sich damit voll.
Sie fanden schon vorher einen Weg, um die Vergiftungsthese zu widerlegen: mit Napoleons Hosen. Wie kamen Sie darauf?
Man soll sich nicht mit fremden Federn schmücken: die Idee kam von meiner Frau. Ihr Interesse an Napoleon ist eher marginal, aber sie sagte mir, dass der Taillenumfang, also die Bundweite von Hosen mit dem Gewicht einer Person korrelieren müsse. Nun wussten wir, wie groß Napoleon gewesen war ? zwischen 1,67 und 1,68 Metern.
Wenn der Body-Mass-Index BMI mit der Größe der Hosen korreliert und wir die Körpergröße haben, kann man das Gewicht ermitteln. Dazu mussten wir zuerst zeigen, dass der Hosenumfang bei Männern mit dem BMI korreliert, also statistisch zusammenhängt. Wir baten unserem Bekanntenkreis also alle Männer, ihren Hosenumfang zu messen und ihren BMI anzugeben. Das haben sie gerne gemacht, weil man daraus nicht sofort auf das Gewicht schließen konnte! So konnten wir zeigen, dass bei Männern aus ganz Europa der BMI mit dem Hosenumfang korreliert.
Ausmessen von Napoleons Hose, die er als Oberst vor 1815 trug.
Über die französischen Historiker erhielten wir dann die Erlaubnis, zu Randzeiten in die Museen zu gehen, bei Fontainebleau und Malmaison bei Paris, und die Hosen von Napoleon aus den verschiedensten Lebensabschnitten auszumessen. Anschließend konnten wir anhand der Kurve, die wir dank der Kontrollgruppe hatten, auf seinen BMI schließen. Dann brauchte es nur noch eine einfache Rechnung, um das Gewicht zu bestimmen.
Der schlanke, langhaarige General Bonaparte, wie man ihn auch auf den Bildern sieht, war rund 68 Kilogramm schwer bei 1,68 Metern Körpergröße. Später, als er an Macht gewann, hatte er kurze Haare und wurde fülliger. Er hatte sogar noch während des Exils zugenommen, er wog bis zu 91 Kilo.
In den letzten sechs Monaten seines Lebens fiel sein Gewicht runter auf 67 bis 80 Kilo. Er verlor also 10 bis 14 Kilo in sechs Monaten! Dieser Gewichtsverlust ist eines der möglichen Symptome der eigentlichen Todesursache: Magenkrebs.
Sie konnten also den ursprünglichen Autopsie-Bericht bestätigen?
Richtig. Napoleon ist am 5. Mai 1821 gestorben, die Autopsie fand am nächsten Tag statt. 17 Personen waren anwesend, darunter acht Fachpersonen: Napoleons Leibarzt Francesco Antommarchi, der ein schlechter Kliniker war, aber ein guter Anatom, und sieben englische Ärzte.
Daraus resultierten ein französischer und ein englischer Autopsiebericht, die zwar nicht in allen Punkten übereinstimmten, aber medizinisch waren sie sich einig: Die Todesursache war eine bösartige Läsion des Magens, sehr gut vereinbar mit einem Magenkarzinom, also Magenkrebs.
Dazu passen auch die Symptome, die man aus den Memoiren seiner Diener und Exilgefährten kennt: Erbrechen, Gewichtsverlust, Kraftlosigkeit, Mühe mit Schlucken ? er konnte zweitweise nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. In der WHO-Klassifikation 2019 von Magendarmtrakt-Tumoren sind auch diese Symptome beschrieben bei Magenkrebs.
Eine weitere Theorie war, Napoleon sei an Gastritis, also an einer Entzündung der Magenschleimhaut, gestorben. Warum glauben Sie nicht daran?
Dazu muss man Folgendes sagen: als der Magen bei der Autopsie geöffnet wurde, war er voller ?Kaffeesatz?. Dieser entsteht immer dann, wenn sehr viel Blut mit Magensäure in Kontakt kommt. Das heißt, Napoleon ist innerlich verblutet. Er hatte eine schwere obere Magendarmtrakt-Blutung.
Jetzt ist die Frage: Woher kommt sie? Der Leibarzt Antommarchi beschreibt zwei Befunde: ein große Läsion, die sich vom Mageneingang bis zum Ausgang zieht, sowie eine Geschwulst am Magenausgang. Dies passt von der Ursache her sehr gut zu einer Gastritis.
Wenn diese nicht behandelt wird und chronisch wird, verändert sich die Magenschleimhaut so stark, dass sie entartet. Napoleon hatte also bestimmt eine Gastritis, aber die große Verletzung kann nie und nimmer eine Gastritis sein. Hier handelte es sich um einen bösartigen Befund, und wenn das nicht Krebs ist, was dann? In einer aktuellen Publikation anlässlich des 200. Todestages haben nun zahlreiche renommierte Pathologinnen und Pathologen die Autopise-Berichte noch einmal geprüft, und alle kommen zum selben Schluss: Magenkrebs.
Gibt es etwas über Napoleon, das Sie noch nicht wissen und gerne noch herausfinden möchten?
Von der medizinischen Seite her gibt es sicher noch Details, zum Beispiel über den Verlauf der Krankheit in seinem Leben. Er hatte ja keinen Krebs in jungen Jahren, der kam erst später, sonst hätte er ja nicht überlebt. Wann hat aber die Gastritis begonnen? Das wäre noch interessant herauszufinden.
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de .
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Sonntag, 6. September 2009
Zur Begrifflichkeit und Problematik von Geschichtswissenschaft in Deutschland
che2001, 16:42h
Historismus
Die seriös und empirisch betriebene Geschichtswissenschaft in Deutschland geht auf die sog. Historische Schule zurück, die im 19. Jahrhundert durch Leopold von Ranke und Wilhelm Dilthey begründet wurde. Im Gegensatz zur älteren humanistischen Geschichtsschreibung beschäftigt sich die historistisch ausgerichtete Geschichtswissenschaft nicht nur damit, vergangene Ereignisse anhand historischer Quellen zu rekonstruieren, sondern will diese Quellen auch interpretieren. Ihr wichtigster methodischer Ansatz ist daher die auf Dilthey zurückgehende historische Hermeneutik. Die hermeneutische Arbeitsweise beinhaltet eine möglichst vielschichtige Betrachtungsweise des Forschungsgegenstandes; so werden zur Erklärung historischer Ereignisse grundsätzlich unterschiedliche persönliche Motivationen der politischen Entscheidungsträger herangezogen und der Wortlaut historischer Quellen mit Skepsis behandelt: alle Quellen werden einer systematischen Quellenkritik unterzogen, die Rekonstruktion eines Ereignisses ist nur durch den Vergleich unterschiedlicher Quellen möglich.
Sozialhistorische Schule
Ermöglichte der Historismus erstmals eine wissenschaftlichen Objektivitätsmaßstäben zumindest entfernt nahekommende Geschichtsforschung, waren seine Grenzen doch ebenso eng umrissen. Es handelt sich um eine reine Ereignisgeschichte, die unmittelbare politische Entscheidungsprozesse oder beispielsweise den Verlauf von Kriegen zum Thema hat, soziale Wirklichkeit aber nicht erfassen kann. Demzufolge entwickelte sich die Sozialgeschichte als ein eigenständiger Wissenschaftszweig neben der und gegen die historische Schule. Zunächst bildete sich die marxistische Geschichtsauffassung heraus, die Geschichte als Abfolge von Klassenkämpfen und gesellschaftliche Entwicklung als dialektisches Wechselspiel aus technischem Fortschritt und sozialen Umwälzungen ansieht. Im Unterschied zum Historismus fällt der Historische Materialismus, d.h.die orthodox marxistische Geschichtswissenschaft ins andere Extrem: Es werden überhaupt nur noch die sozialen Ursachen geschichtlicher Verhältnisse behandelt, von den konkreten Situationen und Ereignissen hingegen abstrahiert.
Neben dem Historischen Materialismus entwickelte sich seit Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland eine bürgerliche Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Sozialhistorische Schule. Diese war rein positivistisch ausgerichtet, d.h., sie ging von der Vorstellung aus, technischer Fortschritt könne nur Gutes bringen und gesellschaftlicher Fortschritt sei in jedem Fall mit dem technischen Fortschritt verbunden. Wirtschafts- und Sozialgeschichte wird hier im Wesentlichen als Geschichte der Technik, Entwicklungsgeschichte von Wirtschaftsunternehmen und Geschichte wirtschaftlicher Strukturen betrachtet.
Historische Sozialwissenschaft; Bielefelder Schule
Aus der Sozialhistorischen Schule ging die sog. moderne deutsche Sozialgeschichte oder historische Sozialwissenschaft hervor, die sich an Max Weber, den Begründer der deutschen Soziologie, anlehnt. Sie revolutionierte in den Sechziger Jahren die deutsche Geschichtswissenschaft, indem sie „fachfremde“, nämlich aus der Soziologie entlehnte Arbeitsmethoden zur Anwendung brachte. Dazu gehören Statistik, Interview, die Auswertung von Kranken- und Sterbeakten etc. Das, was durch zeitgenössische schriftliche Quellen (Historismus) oder Überreste der materiellen Kultur (Sozialhistorismus) nicht erschließbar war, nämlich die soziale Wirklichkeit der breiten Volksmassen, konnte nun erstmals von der Geschichtswissenschaft erfaßt werden.
Die Auseinandersetzung mit den Vertretern der Historischen Schule vollzog sich entlang politisch-ideologischer Gräben: Während die Historisten überwiegend konservativ, teilweise ausgesprochen rechts ausgerichtet waren, rechneten die jungen SozialhistorikerInnen der sog. Bielefelder Schule, die sich allmählich formierte, sich zum damaligen Reformflügel innerhalb der Sozialdemokratie bzw zum linken SPD-Flügel. Dementsprechend waren auch sie es, die an der historischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein besonderes Interesse hatten und dafür große internationale Reputation erlangten. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass die Begründer dieser Schule nicht an marxistische Wurzeln anknüpften, sondern einerseits an US – amerikanische Entwicklungssoziologie, andererseits an ihre eigenen früheren Lehrer wie Theodor Schieder, Hermann Aubin, Ferdinand Seibt und Gerhard Ritter, welche die Geschichtswissenschaft um archäologische, kunsthistorische, frühgeschichtliche und ethnologische Komponenten erweitert hatten, die von der modernen Sozialgeschichte aufgegriffen wurden. Diese methodologischen Erweiterungen hatten seinerzeit die Grundlage der „Volkstumsforschung“ gebildet, die hauptsächlich der Legitimation deutscher Territorialansprüche in Osteuropa dienten. In diesem Sinne fußt also eine in der Nachkriegszeit sich politisch progessiv orientierende Sozialgeschichte ursprünglich auf NS-Wissenschaft.
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/index.htm
http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/60926/
Das zweite Standbein der modernen Sozialgeschichte, die Arbeitergeschichte, blieb zum großen Teil Geschichte der Arbeiterorganisationen, die durch NS-Zeit und Adenauerära in Deutschland verschüttet erschien und quasi erst wieder ausgegraben werden mußte. Frauengeschichte wurde von den Bielefelderinnen erst seit den Siebziger Jahren betrieben.
Vetreter/innen: Jürgen Kocka, Heinrich August Winkler, Karin Hausen, Hans-Ulrich Wehler, Christoph Kleßmann, Gisela Bock
Alltagsgeschichte; Geschichte von unten
Zu dieser Zeit kam aus Schweden die neue Bewegung der Geschichtswerkstätten. Hierbei handelt es sich um private Vereine, die außerhalb des Wissenschaftsbetriebes und teilweise auch ohne wissenschaftliche Vorbildung Geschichtsforschung zur Vergangenheit des jeweils eigenen Stadtviertels, Dorfes usw getreu dem Motto „grabe, wo du stehst“ betrieben. Die deutschen Geschichtswerkstätten schafften es, diesen Ansatz mit wissenschaftlicher Methodik zu verbinden. Dies war die Geburtsstunde der Alltagsgeschichte oder „Geschichte von unten“, die während der Achtziger Jahre ähnlich revolutionierend wirkte wie die neue Sozialgeschichte in den Sechzigern. Mit Alltagschichte ist nicht die schon immer gut dokumentierte Geschichte des Alltags an Fürstenhöfen oder in Klöstern gemeint, sondern der bis dahin noch nicht systematisch erforschte Alltag der „kleinen Leute“ unabhängig von der Anbindung an besondere historische Ereignisse oder politische Organisationen. Diese Art Alltagsgeschichte stößt an große methodologische Probleme: Sie ist zum großen Teil auf „oral history“, d.h. mündliche Überliefeung angewiesen, die als wesentlich weniger zuverlässig als schriftliche Quellen oder statistisches Material anzusehen ist. So hatte die Alltagsgeschichte zeitweise hart um ihe Anerkennung zu kämpfen. Der standartisierte Vergleich mündlicher Quellen und der Rückgriff auf die gute alte Hermeneutik ermöglichen zwar sehr wohl einen wissenschaftlichen Umgang mit oral history, jedoch dauerte es lange, um diese Erkenntnis in den Köpfen zu etablieren.
Vertreter/innen: Alf Lüdke, Hans Medick, Wolfgang Schlumbohm, Adelheid von Saldern, Carola Gottschalk, Karl-Heinz Roth, Angelika Ebbinghaus, Ahlrich Meyer, Götz Aly
Mikro-und Makrohistorie
Als jüngstes Kind ging schließlich die Mikrohistorie aus der Alltagsgeschichte hervor, die Arbeitsmethoden aller bisherigen Schulen miteinander verbindet, um bestimmte historische Ereignisse oder Zeiträume so exakt wie irgend möglich darzustellen. Aufgrund ihrer „kleinräumigen“ Arbeitsweise - Forschungsgegenstand ist meist ein Dorf, ein Häuserblock oder ein Kollektiv von wenigen Menschen -stößt die Mikrohistorie zunehmend auf das Problem einer Nicht-Verallgemeinerbarkeit ihrer Forschungsgegenstände, sodaß sich in allerneuester Zeit die Makrohistorie als Absetzbewegung entwickelt hat. Dieser geht es wiederum um die großen, epochalen Entwicklungen in der Sozialgeschichte.
Die seriös und empirisch betriebene Geschichtswissenschaft in Deutschland geht auf die sog. Historische Schule zurück, die im 19. Jahrhundert durch Leopold von Ranke und Wilhelm Dilthey begründet wurde. Im Gegensatz zur älteren humanistischen Geschichtsschreibung beschäftigt sich die historistisch ausgerichtete Geschichtswissenschaft nicht nur damit, vergangene Ereignisse anhand historischer Quellen zu rekonstruieren, sondern will diese Quellen auch interpretieren. Ihr wichtigster methodischer Ansatz ist daher die auf Dilthey zurückgehende historische Hermeneutik. Die hermeneutische Arbeitsweise beinhaltet eine möglichst vielschichtige Betrachtungsweise des Forschungsgegenstandes; so werden zur Erklärung historischer Ereignisse grundsätzlich unterschiedliche persönliche Motivationen der politischen Entscheidungsträger herangezogen und der Wortlaut historischer Quellen mit Skepsis behandelt: alle Quellen werden einer systematischen Quellenkritik unterzogen, die Rekonstruktion eines Ereignisses ist nur durch den Vergleich unterschiedlicher Quellen möglich.
Sozialhistorische Schule
Ermöglichte der Historismus erstmals eine wissenschaftlichen Objektivitätsmaßstäben zumindest entfernt nahekommende Geschichtsforschung, waren seine Grenzen doch ebenso eng umrissen. Es handelt sich um eine reine Ereignisgeschichte, die unmittelbare politische Entscheidungsprozesse oder beispielsweise den Verlauf von Kriegen zum Thema hat, soziale Wirklichkeit aber nicht erfassen kann. Demzufolge entwickelte sich die Sozialgeschichte als ein eigenständiger Wissenschaftszweig neben der und gegen die historische Schule. Zunächst bildete sich die marxistische Geschichtsauffassung heraus, die Geschichte als Abfolge von Klassenkämpfen und gesellschaftliche Entwicklung als dialektisches Wechselspiel aus technischem Fortschritt und sozialen Umwälzungen ansieht. Im Unterschied zum Historismus fällt der Historische Materialismus, d.h.die orthodox marxistische Geschichtswissenschaft ins andere Extrem: Es werden überhaupt nur noch die sozialen Ursachen geschichtlicher Verhältnisse behandelt, von den konkreten Situationen und Ereignissen hingegen abstrahiert.
Neben dem Historischen Materialismus entwickelte sich seit Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland eine bürgerliche Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Sozialhistorische Schule. Diese war rein positivistisch ausgerichtet, d.h., sie ging von der Vorstellung aus, technischer Fortschritt könne nur Gutes bringen und gesellschaftlicher Fortschritt sei in jedem Fall mit dem technischen Fortschritt verbunden. Wirtschafts- und Sozialgeschichte wird hier im Wesentlichen als Geschichte der Technik, Entwicklungsgeschichte von Wirtschaftsunternehmen und Geschichte wirtschaftlicher Strukturen betrachtet.
Historische Sozialwissenschaft; Bielefelder Schule
Aus der Sozialhistorischen Schule ging die sog. moderne deutsche Sozialgeschichte oder historische Sozialwissenschaft hervor, die sich an Max Weber, den Begründer der deutschen Soziologie, anlehnt. Sie revolutionierte in den Sechziger Jahren die deutsche Geschichtswissenschaft, indem sie „fachfremde“, nämlich aus der Soziologie entlehnte Arbeitsmethoden zur Anwendung brachte. Dazu gehören Statistik, Interview, die Auswertung von Kranken- und Sterbeakten etc. Das, was durch zeitgenössische schriftliche Quellen (Historismus) oder Überreste der materiellen Kultur (Sozialhistorismus) nicht erschließbar war, nämlich die soziale Wirklichkeit der breiten Volksmassen, konnte nun erstmals von der Geschichtswissenschaft erfaßt werden.
Die Auseinandersetzung mit den Vertretern der Historischen Schule vollzog sich entlang politisch-ideologischer Gräben: Während die Historisten überwiegend konservativ, teilweise ausgesprochen rechts ausgerichtet waren, rechneten die jungen SozialhistorikerInnen der sog. Bielefelder Schule, die sich allmählich formierte, sich zum damaligen Reformflügel innerhalb der Sozialdemokratie bzw zum linken SPD-Flügel. Dementsprechend waren auch sie es, die an der historischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein besonderes Interesse hatten und dafür große internationale Reputation erlangten. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass die Begründer dieser Schule nicht an marxistische Wurzeln anknüpften, sondern einerseits an US – amerikanische Entwicklungssoziologie, andererseits an ihre eigenen früheren Lehrer wie Theodor Schieder, Hermann Aubin, Ferdinand Seibt und Gerhard Ritter, welche die Geschichtswissenschaft um archäologische, kunsthistorische, frühgeschichtliche und ethnologische Komponenten erweitert hatten, die von der modernen Sozialgeschichte aufgegriffen wurden. Diese methodologischen Erweiterungen hatten seinerzeit die Grundlage der „Volkstumsforschung“ gebildet, die hauptsächlich der Legitimation deutscher Territorialansprüche in Osteuropa dienten. In diesem Sinne fußt also eine in der Nachkriegszeit sich politisch progessiv orientierende Sozialgeschichte ursprünglich auf NS-Wissenschaft.
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/index.htm
http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/60926/
Das zweite Standbein der modernen Sozialgeschichte, die Arbeitergeschichte, blieb zum großen Teil Geschichte der Arbeiterorganisationen, die durch NS-Zeit und Adenauerära in Deutschland verschüttet erschien und quasi erst wieder ausgegraben werden mußte. Frauengeschichte wurde von den Bielefelderinnen erst seit den Siebziger Jahren betrieben.
Vetreter/innen: Jürgen Kocka, Heinrich August Winkler, Karin Hausen, Hans-Ulrich Wehler, Christoph Kleßmann, Gisela Bock
Alltagsgeschichte; Geschichte von unten
Zu dieser Zeit kam aus Schweden die neue Bewegung der Geschichtswerkstätten. Hierbei handelt es sich um private Vereine, die außerhalb des Wissenschaftsbetriebes und teilweise auch ohne wissenschaftliche Vorbildung Geschichtsforschung zur Vergangenheit des jeweils eigenen Stadtviertels, Dorfes usw getreu dem Motto „grabe, wo du stehst“ betrieben. Die deutschen Geschichtswerkstätten schafften es, diesen Ansatz mit wissenschaftlicher Methodik zu verbinden. Dies war die Geburtsstunde der Alltagsgeschichte oder „Geschichte von unten“, die während der Achtziger Jahre ähnlich revolutionierend wirkte wie die neue Sozialgeschichte in den Sechzigern. Mit Alltagschichte ist nicht die schon immer gut dokumentierte Geschichte des Alltags an Fürstenhöfen oder in Klöstern gemeint, sondern der bis dahin noch nicht systematisch erforschte Alltag der „kleinen Leute“ unabhängig von der Anbindung an besondere historische Ereignisse oder politische Organisationen. Diese Art Alltagsgeschichte stößt an große methodologische Probleme: Sie ist zum großen Teil auf „oral history“, d.h. mündliche Überliefeung angewiesen, die als wesentlich weniger zuverlässig als schriftliche Quellen oder statistisches Material anzusehen ist. So hatte die Alltagsgeschichte zeitweise hart um ihe Anerkennung zu kämpfen. Der standartisierte Vergleich mündlicher Quellen und der Rückgriff auf die gute alte Hermeneutik ermöglichen zwar sehr wohl einen wissenschaftlichen Umgang mit oral history, jedoch dauerte es lange, um diese Erkenntnis in den Köpfen zu etablieren.
Vertreter/innen: Alf Lüdke, Hans Medick, Wolfgang Schlumbohm, Adelheid von Saldern, Carola Gottschalk, Karl-Heinz Roth, Angelika Ebbinghaus, Ahlrich Meyer, Götz Aly
Mikro-und Makrohistorie
Als jüngstes Kind ging schließlich die Mikrohistorie aus der Alltagsgeschichte hervor, die Arbeitsmethoden aller bisherigen Schulen miteinander verbindet, um bestimmte historische Ereignisse oder Zeiträume so exakt wie irgend möglich darzustellen. Aufgrund ihrer „kleinräumigen“ Arbeitsweise - Forschungsgegenstand ist meist ein Dorf, ein Häuserblock oder ein Kollektiv von wenigen Menschen -stößt die Mikrohistorie zunehmend auf das Problem einer Nicht-Verallgemeinerbarkeit ihrer Forschungsgegenstände, sodaß sich in allerneuester Zeit die Makrohistorie als Absetzbewegung entwickelt hat. Dieser geht es wiederum um die großen, epochalen Entwicklungen in der Sozialgeschichte.
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Sonntag, 7. Dezember 2008
Götz Aly als der 68er, der zu sich selber kommt
che2001, 20:33h
Sehr interessant und zugleich völlig daneben mutet mir dieser Text ais der Zeitschrift Prodomo an, der einerseits Götz Aly zutreffend im Umfeld der Materialien für einen neuen Antiimperialismus, ihrer Vorgängerzeitschrift Autonomie Neue Folge und der "anderen Arbeitergeschichte" einordnet und deren operaistische Weltsicht mit der Fronstellung "Das Leben gegen die Maschine" (bzw. die "Fabkrikgesellschaft") zutreffend skizziert.
https://prodomo.50webs.net/9/der_kampf_geht_weiter.html
Etwas zu idealtypisch allerdings, wie alles, was aus der antideutschen Ecke kommt, ist das alles holzschnittartig vereinfacht. Dass Detlef Hartmann ein unorthodoxer Marxologe ist, der an den Marxorthodoxen kritisiert, dass Marx kein Marxist gewesen wäre und kein Leninist geworden wäre kommt hier nicht vor. Die Frontstellung Leben vs. Maschine und Subjektivität vs. kapitalistische Zweckrationalität ist für Hartmann Ergänzung zur Werttheorie und zur Entwicklung des tendenziellen Falls der Profitrate. Stehen bei den Wertkritikern nur und ausschließlich die Bewegungsgesetze des Kapitals im Vordergrund, so ist dies im wahrsten Sinne zu Kurz gedacht. Bei den Materialien und Autonomie steht die proletarische Subjektivität im Vordergrund, weil ihrer Auffassung nach noch immer Klassenkämpfe der Motor der Geschichte sind. Der Begriff des Klassenkampfs ist hier sehr weit gefasst. Noch Krankfeiern, Werksabotage, maximales Ausnutzen von Urlaubsrgelungen und Kuren gelten als (wünschenswerte) Selbstbehauptung von Eigen-Sinn, die in einem extrem multifaktoriellen Modell neben offenen Kämpfen im Weltmaßstab die Kapitalentwicklung und -Entfaltung immer wieder blockieren und daher Dinge wie die neoliberale Offensive überhaupt erst nötig machen. Diese historisch-materialistische Seite der Materialien kommt bei Prodomo nicht vor.
Wie auch, sie würde der denunziatorischen Stoßrichtung des Artikels zuwiderlaufen. Die Einordnung der Shoah in die allgemeine NS-Bevölkerungspolitik, zu der auch die "Euthanasie", die Zwangssterilisierung der "Rheinlandbastarde" (Nachkommen schwarzer und arabischer französischer und belgischer Soldaten und deutscher Frauen) und die geplante Verschiebung und Neuzusammensetzung der gesamten Bevölkerung Osteuropas im "Generalplan Ost" gehören bedeutet, die schon von Horkheimer und Adorno beschriebene Angelegtheit der NS-Verbrechen in der instrumentellen Vernunft und der kapitalistischen Rationalität in der praktischen Umsetzung zu analysieren.
Die Shoah wird zur extremsten Steigerung der industriellen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen. Für Kettner liegt in dieser Sichtweise eine Relativierung der Shoah. Jeder Versuch, diese rational aus der Verwertungslogik des Kapitals zumindest des nationalsozialistischen Deutschlands zu betrachten gilt hier als Verharmlosung des Antisemitismus und damit letztendlich als eine Sichtweise, die selber mit strukturellem Antisemitismus einhergeht.
Ich würde in diesem Zusammenhang ja mal die Frage aufwerfen, ob diese rein moralisch bzw. quasi theologisch argumentierende grundsätzliche Ablehnung, über eine kapitallogische Begründung der Shoah nachdenken zu dürfen, nicht ihrerseits nichts Anderes ist als eine Verharmlosung der destruktiven Impulse im Kapitalismus, zumindest in seiner imperialistischen Form.
Kettner scheut nicht davor zurück, den Matrialien für einen neuen Antiimperialismus und hier besonders Detlef Hartmann Antisemitismus zu unterstellen, Beleg: Das Kapitel "Das US-imperialistische System von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen neuen Ordnung" in der Autonomie 14. Der Titel selbst wird als Beleg für die bei Antiimps verbreitete Gleichsetzung von US-Imperialismus und Nationalsozialismus und die Denunzierung Israels als "faschistischer Staat" genommen. Nur steht das da gar nicht drin, das Kapitel beschäftigt sich empririsch mit der Adaption von NS-Wirtschaftsplanung zur ökonomischen Inwertsetzung des Balkans aus den 30er Jahren durch Strategen von Weltbank, IWF und Rockefeller-Stiftung in der Nachkriegszeit zur Organisation westlicher Entwicklungspolitik, ein Strang, der später von Susanne Heim und Ulrike Schaz in dem Band "Berechnung und Beschwörung" zur Bevölkerungspolitik aufgegriffen wurde, in dem diese die vor allem in den 60er und 70er Jahren betriebenen Massensterilisationen z.B. in Indien als Anknüpfung an NS-Eugenik begriffen. Eines zeigt Kettner deutlich: Er ist nicht in der Lage, historische Werke als historische Werke zu lesen. Die Frage, ob Alys Ansatz für die Geschichtswissenschaft Erklärungswert hat, und wenn das nicht der Fall wäre, welcher Ansatz stattdessen, wird von ihm gar nicht erst gestellt.
Stattdessen geht es ihm um moralische Denunzierung - Aly betreibt Holocaust-Relativierung, Hartmann argumentiere antisemitisch, also ist der ganze neue Antiimperialismus, genauso wie der "alte" Antiimperialismus der Antiimps strukturell antisemitisch. Das Ganze wird dann nicht politisch erklärt, sondern küchenpsychologisch: Aly bedient über die Jahrzehnte immer wieder die Gemütslage der 68er, die, ebenso wie "die Linken", als ein monolitihisches Kollektiv ohne innere Widersprüche oder Konflikte gesehen werden. "Wenn die Kränkung noch frisch ist, dann kann man die Chancen dieses Interpretationsangebots noch nicht wahrnehmen. Vielleicht werden sie es eines Tages verstehen und es ihm danken." ---- Ein solcher Satz negiert in diesem Kontext, dass politische Theoriebildung außerhalb psychohygienischer Funktionen überhaupt einen Sinn hätte. Dass Aly heute zu einem bedingungslos affirmativen Apologeten des postmodernen Kapitalismus geworden ist, der den Antideutschen ziemlich nahe steht, während Hartmann&GenossInnen unverändert sozialrevolutionäre Positionen vertreten, dass wird von ihm völlig unterschlagen. Für Kettner steht Aly, einer der seltsamsten politischen Umschwenker der deutschen Linken, in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie.
QED: Wer sich über die Kerngedanken hinter den Materialien, dem neuen Antiimperialismus oder Hartmann informieren möchte tue das wohl besser hier:
https://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000738.HTM
https://www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/persp_dh.html
https://www.trend.infopartisan.net/trd1105/t151105.html
https://prodomo.50webs.net/9/der_kampf_geht_weiter.html
Etwas zu idealtypisch allerdings, wie alles, was aus der antideutschen Ecke kommt, ist das alles holzschnittartig vereinfacht. Dass Detlef Hartmann ein unorthodoxer Marxologe ist, der an den Marxorthodoxen kritisiert, dass Marx kein Marxist gewesen wäre und kein Leninist geworden wäre kommt hier nicht vor. Die Frontstellung Leben vs. Maschine und Subjektivität vs. kapitalistische Zweckrationalität ist für Hartmann Ergänzung zur Werttheorie und zur Entwicklung des tendenziellen Falls der Profitrate. Stehen bei den Wertkritikern nur und ausschließlich die Bewegungsgesetze des Kapitals im Vordergrund, so ist dies im wahrsten Sinne zu Kurz gedacht. Bei den Materialien und Autonomie steht die proletarische Subjektivität im Vordergrund, weil ihrer Auffassung nach noch immer Klassenkämpfe der Motor der Geschichte sind. Der Begriff des Klassenkampfs ist hier sehr weit gefasst. Noch Krankfeiern, Werksabotage, maximales Ausnutzen von Urlaubsrgelungen und Kuren gelten als (wünschenswerte) Selbstbehauptung von Eigen-Sinn, die in einem extrem multifaktoriellen Modell neben offenen Kämpfen im Weltmaßstab die Kapitalentwicklung und -Entfaltung immer wieder blockieren und daher Dinge wie die neoliberale Offensive überhaupt erst nötig machen. Diese historisch-materialistische Seite der Materialien kommt bei Prodomo nicht vor.
Wie auch, sie würde der denunziatorischen Stoßrichtung des Artikels zuwiderlaufen. Die Einordnung der Shoah in die allgemeine NS-Bevölkerungspolitik, zu der auch die "Euthanasie", die Zwangssterilisierung der "Rheinlandbastarde" (Nachkommen schwarzer und arabischer französischer und belgischer Soldaten und deutscher Frauen) und die geplante Verschiebung und Neuzusammensetzung der gesamten Bevölkerung Osteuropas im "Generalplan Ost" gehören bedeutet, die schon von Horkheimer und Adorno beschriebene Angelegtheit der NS-Verbrechen in der instrumentellen Vernunft und der kapitalistischen Rationalität in der praktischen Umsetzung zu analysieren.
Die Shoah wird zur extremsten Steigerung der industriellen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen. Für Kettner liegt in dieser Sichtweise eine Relativierung der Shoah. Jeder Versuch, diese rational aus der Verwertungslogik des Kapitals zumindest des nationalsozialistischen Deutschlands zu betrachten gilt hier als Verharmlosung des Antisemitismus und damit letztendlich als eine Sichtweise, die selber mit strukturellem Antisemitismus einhergeht.
Ich würde in diesem Zusammenhang ja mal die Frage aufwerfen, ob diese rein moralisch bzw. quasi theologisch argumentierende grundsätzliche Ablehnung, über eine kapitallogische Begründung der Shoah nachdenken zu dürfen, nicht ihrerseits nichts Anderes ist als eine Verharmlosung der destruktiven Impulse im Kapitalismus, zumindest in seiner imperialistischen Form.
Kettner scheut nicht davor zurück, den Matrialien für einen neuen Antiimperialismus und hier besonders Detlef Hartmann Antisemitismus zu unterstellen, Beleg: Das Kapitel "Das US-imperialistische System von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen neuen Ordnung" in der Autonomie 14. Der Titel selbst wird als Beleg für die bei Antiimps verbreitete Gleichsetzung von US-Imperialismus und Nationalsozialismus und die Denunzierung Israels als "faschistischer Staat" genommen. Nur steht das da gar nicht drin, das Kapitel beschäftigt sich empririsch mit der Adaption von NS-Wirtschaftsplanung zur ökonomischen Inwertsetzung des Balkans aus den 30er Jahren durch Strategen von Weltbank, IWF und Rockefeller-Stiftung in der Nachkriegszeit zur Organisation westlicher Entwicklungspolitik, ein Strang, der später von Susanne Heim und Ulrike Schaz in dem Band "Berechnung und Beschwörung" zur Bevölkerungspolitik aufgegriffen wurde, in dem diese die vor allem in den 60er und 70er Jahren betriebenen Massensterilisationen z.B. in Indien als Anknüpfung an NS-Eugenik begriffen. Eines zeigt Kettner deutlich: Er ist nicht in der Lage, historische Werke als historische Werke zu lesen. Die Frage, ob Alys Ansatz für die Geschichtswissenschaft Erklärungswert hat, und wenn das nicht der Fall wäre, welcher Ansatz stattdessen, wird von ihm gar nicht erst gestellt.
Stattdessen geht es ihm um moralische Denunzierung - Aly betreibt Holocaust-Relativierung, Hartmann argumentiere antisemitisch, also ist der ganze neue Antiimperialismus, genauso wie der "alte" Antiimperialismus der Antiimps strukturell antisemitisch. Das Ganze wird dann nicht politisch erklärt, sondern küchenpsychologisch: Aly bedient über die Jahrzehnte immer wieder die Gemütslage der 68er, die, ebenso wie "die Linken", als ein monolitihisches Kollektiv ohne innere Widersprüche oder Konflikte gesehen werden. "Wenn die Kränkung noch frisch ist, dann kann man die Chancen dieses Interpretationsangebots noch nicht wahrnehmen. Vielleicht werden sie es eines Tages verstehen und es ihm danken." ---- Ein solcher Satz negiert in diesem Kontext, dass politische Theoriebildung außerhalb psychohygienischer Funktionen überhaupt einen Sinn hätte. Dass Aly heute zu einem bedingungslos affirmativen Apologeten des postmodernen Kapitalismus geworden ist, der den Antideutschen ziemlich nahe steht, während Hartmann&GenossInnen unverändert sozialrevolutionäre Positionen vertreten, dass wird von ihm völlig unterschlagen. Für Kettner steht Aly, einer der seltsamsten politischen Umschwenker der deutschen Linken, in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie.
QED: Wer sich über die Kerngedanken hinter den Materialien, dem neuen Antiimperialismus oder Hartmann informieren möchte tue das wohl besser hier:
https://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000738.HTM
https://www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/persp_dh.html
https://www.trend.infopartisan.net/trd1105/t151105.html
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Montag, 9. Juli 2007
40 Jahre Sechstagekrieg - Vergangenheit, die nicht vergeht
che2001, 21:47h
Zum Sechstagekrieg habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Im Unterschied zum Vietnamkrieg, dessen Fernseh- und Zeitungsbilder überdeutlich zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören, habe ich vom Sechstagekrieg als er sich ereignete nichts mitbekommen, allerdings wenige Jahre später als Thema in der Grundschule. Für mich gehört der Sechstagekrieg auch noch auf der subjektiven Erlebnisebene in den Horizont unserer Zeit. Das ist erstaunlich, denn der Spanische Bürgerkrieg, zum Zeitpunkt des Sechstagekriegs nicht so weit von uns entfernt wie der Sechstagekrieg heute gehörte 1967 in eine definitiv abgeschlossene Epoche. Der Sechstagekrieg aber ist Bestandteil eines immer noch virulenten Dauerkonflikts. Gleichzeitig stellt er ein Fanal dar und einen Wendepunkt in der Geschichte der israelisch-arabischen Beziehungen, aber auch in der Geschichte Israels selbst, ja, einen totalen Paradimgmenwechsel. Man muss nicht in solche Extreme verfallen wie der damalige Mainstream der antiimperialistischen Linken, die, nachdem vorher begeistert proisraelisch, plötzlich in einen undifferenzierten Antizionismus und Proarabismus verfielen und auch nicht, wie Antideutsche, aber auch andere heutige Linke es tun, dieses Umkippen in einer eigenartigen Küchenpsychologie mit verdrängter deutscher Schuld an der Shoah erklären (tatsächlich standen dahinter außen-und innenpolitische Interessen der Sowjetunion, und der daraus abgeleitete Paradigmenwechsel des Ostblocks wurde auch von der moskauunabhängigen antiimperialistischen Linken unreflektiert übernommen). Aber es lohnt doch, darauf zu schauen, was dieser Paradigmenwechsel für die israelische Gesellschaft selbst bedeutet. Israel wurde nicht über Nacht von der antifaschistischen und antirassistischen realen Utopie zum faschistoiden Apartheidstaat - aber jenseits solcher Klischeevorstellungen bleibt zumindest festzuhalten, dass sich in the long run die israelische Gesellschaft nicht zuletzt durch die Besatzungspolitik in eine Richtung entwickelte, die aus linker Sicht bedenklich stimmt. 1967 war Israel die egalitärste Gesellschaft unter allen westlichen Demokratien. Mit einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 80% und einem Anteil der Genossenschaftsbetriebe an der Gesamtwirtschaft zu einem Drittel, darunter viele Kibbuzzim als im Grunde urkommunistische Lebensform stellte Israel das Modell eines Dritten Weges zwischenKapitalismus und Sozialismus dar, oder eher noch ein Experiment eines dezentralen, marktwirtschaftlichen Sozialismus mit erlaubtem Privateigentum. Das heutige Israel ist so ziemlich die am wenigsten egalitäre Gesellschaft unter den entwickelten Staaten der westlichen Welt. 40 Jahre Krieg-in-Sicht-Situation, Terror und Besatzung haben den Militärisch-industriellen Komplex zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor gemacht und den Siegeszug des Kapitalismus in der israelischen Gesellschaft durchgesetzt. 75% der israelischen Wirtschaft werden von 18 Familienclans kontrolliert, von denen die Begins einer der Mächtigsten sind.
Wurde einstmals jede jüdische Familie, die aus der Fremde einwanderte, wenn sie keine Beschäftigung fand, großzügig durch die Sozialsysteme alimentiert, ist es heute üblich geworden, Neuankömmlinge zwangsweise in Sonderproduktionszonen entlang des Zaunes anzusiedeln, wo Sweatshopproduktion zu Niedrigstlöhnen läuft, während die Reichsten des Landes in abgeschirmten Wohngebieten hinter Stahlzäunen und Flutlichtmasten residieren.
Gleichzeitig zieht sich eine extreme regionale Spaltung durch das Land: Tel Aviv hat mit Marbella, St. Tropez oder Rimini mehr gemein als mit einer typischen Metropole des Nahen Ostens, Jerusalem erscheint auch in den jüdischen Vierteln als eine Hochburg religiöser Fundamentalisten, und man hat mitunter den Eindruck, sich im Mittelalter zu befinden. Moshe Dajan sagte einmal, nicht nur die Palästinenser, auch die Israelis, gerade die Israelis müssten sich von der Besatzung befreien. Heute, wo ein Großteil der besetzten Gebiete geräumt ist, stellt sich die Frage, wie hoch der Kollateralschaden der Besatzungszeit in der israelischen Gesellschaft selber ist.
Wurde einstmals jede jüdische Familie, die aus der Fremde einwanderte, wenn sie keine Beschäftigung fand, großzügig durch die Sozialsysteme alimentiert, ist es heute üblich geworden, Neuankömmlinge zwangsweise in Sonderproduktionszonen entlang des Zaunes anzusiedeln, wo Sweatshopproduktion zu Niedrigstlöhnen läuft, während die Reichsten des Landes in abgeschirmten Wohngebieten hinter Stahlzäunen und Flutlichtmasten residieren.
Gleichzeitig zieht sich eine extreme regionale Spaltung durch das Land: Tel Aviv hat mit Marbella, St. Tropez oder Rimini mehr gemein als mit einer typischen Metropole des Nahen Ostens, Jerusalem erscheint auch in den jüdischen Vierteln als eine Hochburg religiöser Fundamentalisten, und man hat mitunter den Eindruck, sich im Mittelalter zu befinden. Moshe Dajan sagte einmal, nicht nur die Palästinenser, auch die Israelis, gerade die Israelis müssten sich von der Besatzung befreien. Heute, wo ein Großteil der besetzten Gebiete geräumt ist, stellt sich die Frage, wie hoch der Kollateralschaden der Besatzungszeit in der israelischen Gesellschaft selber ist.
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