Samstag, 1. Januar 2022
Zum Jahreswechsel noch einmal ein Rückblick auf die Corona-Krise
che2001, 20:35h
Dieser Beitrag ist aus bereits geschriebenen Texten neu zusammengestellt, aber immer noch aktuell.
Als die von einem neuartigen Virus bzw. eigentlich nicht gar so neuartigen, sondern einer speziellen SARS-Variante verursachte Krankheit Covid 19 erstmals ausbrach war zunächst nicht klar, mit was wir zu rechnen hätten, auch nicht, als die WHO, wohl vorbereitet auf solch ein Geschehen, für das man gerade erst in einer Art Stabsrahmenübung den Notfall geprobt hatte den Pandemiefall ausrief. Zwischen Killervirus und einer Art neuen Pest und einer Art Grippe mit Nicht-Influenza-Virus schwankten die Annahmen/Voraussagen/Befürchtungen. In meinem eigenen beruflichen Umfeld, in dem u.a. Krankenversicherungen eine Rolle spielen wurde vermutet, es würde sich um eine der Spanischen Grippe vergleichbare Pandemie handeln.
Ganz so schlimm kam es nicht, es handelt sich um eine Erkältungskrankheit mit einer Sterblichkeitsrate von ca. 2,3%, die weltweit allerdings extrem schwankt (Mexiko fast 9, Türkei unter 1 Prozent) mit einigen manchmal auftretenden sehr besonderen Merkmalen, wie einer atypischen Lungenentzündung, Ausfall von Geschmacks- und Geruchssinn und einer möglichen chronischen Verlaufsform. Innerhalb verschiedener Risikogruppen kann sie einen oft tödlichen Cytokinsturm auslösen. D.h., die Letalität ist maximal fünfmal höher als die einer Grippe, während die Spanische Grippe zehn- bis zwanzigmal so tödlich war wie eine heutige Grippeepidemie. Aktuell, mit der Omikron-Variante, sieht es so aus, als ob zwar die Infektiosität steigt, die Letalität aber sinkt.
Bundesregierung, Länderregierungen und Institutionen gingen mit der Pandemie zunächst dilettantisch um. Es gab eine Sitzung von Merkels Kabinett (oder sollte man zu dem Zeitpunkt Kabarett sagen?), in der Spahn sagte, dass Herdenimmunität erst ab 70%er Durchseuchung der Bevölkerung bestehen würde und man sich also durchseuchen lassen müsste. Auf der gleichen Sitzung wurde gesagt, um Ansteckungen zu vermeiden dürfte sich niemand mit den Fingern ins Gesicht fassen, niemals, so viel Disziplin sei nun aufzubringen. Wer mit im Saal saß und das fassungslos verfolgte war der Virologe Christian Drosten.
Als Erfinder des SARS CoV 2 PCR-Tests (neben Olfert Landt) war er von der Bundesregierung als Topp-Experte hinzugezogen worden; seine Rolle als Virologe der Nation mit täglichem Podcast und regelmäßigen Fernsehauftritten Seit an Seit mit Wielert und Spahn verdankt sich aber erst seiner Intervention bei Merkel, wo er höchst alarmistisch strenge Sicherheitsmaßnahmen und einen Pandemieplan einforderte.
Ansonsten erschien der Experte Drosten in seinem Podcast teilweise als Plauderer, der heute etwas anderes sagte als gestern oder morgen. Etwa eine Woche vor dem ersten Lockdown plauderte er, man könne ja durchaus in die Kneipe gehen und Bier trinken, sollte das aber nur aus der Flasche trinken und nicht gezapft, weil die Maßkrüge nicht steril gereinigt würden. Etwa eine Woche vor Einführung der Maskenpflicht erklärte er, so etwas sei in Deutschland nicht durchsetzbar, im Gegensatz zu Ostasien, wo Maskentragen in der Öffentlichkeit kulturell verwurzelt sei. Überhaupt, die Masken: Ihre Effizienz wurde von der Politik solange bestritten, wie sie nicht in ausreichender Menge in Deutschland zur Verfügung standen. Nachdem sich das geändert hatte wurden sie Pflicht. Erinnert ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis, wo es Problem-anderer-Leute-Schalter gibt.
In der Folge sorgten dann das Panikpapier des Inneministeriums und diverse begrenzte Lockdowns der Länder, endlich die bundesweiten Ladenschließungen und Umstellung von Büroarbeit auf Homeoffice für eine harte Gangart. Weniger hart allerdings als in Frankreich und Italien, wo unter Lockdowns echte Ausgangssperren verstanden wurden, die außerhalb von Arbeitswegen und notwendigen Einkäufen de facto Hausarreste bedeuteten mit Militär auf den Straßen.
Regelungen allerdings wie Sitzverbote auf Parkbänken oder Verbote im Wald zu wandern muten im Nachhinein und muteten auch schon damals als sinnlose Schikanen an. Besonders tat sich hier die bayerische Polizei hervor. Dem Durchgreifen bei der Durchsetzung des Lockdowns war ein gewisser behördlicher Sadismus eigen.
Ich kritisierte zu dieser Zeit auf diesem Blog einige Maßnahmen als zu weitgehend, befürchtete, dass die Kollateralschäden des Lockdowns mehr Opfer fordern könnten als der Virus, dass die Maßnahmen auf eine Hygienediktatur hinauslaufen könnten und wurde dafür heftig kritisiert, teilweise in scharf moralisierender Weise. Bei diesen Auseinandersetzungen, die ich u.a. mit dem Kommentator H.Z. hatte geriet für mich ins Hintertreffen, dass ein anderer, ebenfalls maßnahmenkritischer Kommentator verschwörungsmythologisches Gedankengut vertrat und sehr bald Leute, die wie ich eigentlich system- und regierungskritische Positionen vertraten zu "Propagandisten" und "Wadenbeißern" der Regierungspolitik erklärte. Die Auseinandersetzung mit dem Chronisten, der sich damals noch gelegentlich2020 nannte und unter dieser Identität schließlich von Dirk Olbertz gesperrt wurde eskalierte so sehr, dass sie das gesamte Blog dominierte, das ja keinen Corona-Schwerpunkt hat. Seine Weigerung sich an Diskursregeln zu halten führte schließlich zum endgültigen Rauswurf.
Mein Optimismus, die Coronakrise sei zumindest in Deutschland noch 2020 ausgestanden erwies sich als verfrüht. Dennoch waren die Maßnahmen zur Abstandseinhaltung äußerst erfolgreich: Das Jahr 2020 wies keine signifikante Übersterblichkeit auf, zumal die Maßnahmen auch die übliche Herbstgrippe verhindert hatten. Im internationalen Vergleich konnten die deutschen Coronamaßnahmen zum damaligen Zeitpunkt als erfolgreich bezeichnet werden.
Auf der anderen Seite sind die Lockdowns aber auch bezeichnend für den Klassencharakter dieser Gesellschaft, und der fehlende Protest dagegen von links ein Zeichen für das völlige Versagen der Linken.
Hätte der Lockdown sich ausschließich nach seuchenhygienischen Maßstäben gerichtet wären die Fabriken dichtzumachen und nicht private Kontakte zu reduzieren gewesen. Wenn wir ein Fitnesscenter sagen wir mit VW vergleichen werden die Unterschiede recht deutlich. Zweimal die Woche anderthalb Stunden trainieren mit 3 Meter Abstand zum Sportsfreund versus fünfmal die Woche acht Stunden am Tag mit anderthalb Metern Abstand am Fließband schwitzen - oder in bestimmten Montagegruppen noch enger zusammen - da ist klar, wo am meisten gespreadet wird.
Gastronomiebetriebe müssen schließen, Theater und Kinos auch, aber die Industrieproduktion muss weitergehen, obwohl die Großkonzerne gigantische staatliche Hilfen bekommen haben, für die sie nicht wie KMUs und Einzelselbstständige Antragsformulare ausfüllen mussten. Nirgendwo wird deutlicher, wer die herrschende Klasse im Lande ist.
Einen befristeten Totalausfall der industriellen Produktion würde allerdings eine Gesellschaft am Ehesten verkraften in der die Produktionsmittel der Gesamtheit gehören.
Diesen Zusammenhang nicht thematisiert zu haben, das war das Versagen der Linken in einer historischen Situation, in der sie eine Chance hätte wahrnehmen können: Sich an die Spitze der Proteste stellen, verbündet mit den Kleingewerbetreibenden und zugleich diejenigen isolierend oder wegdrängend, die stattdessen die Coronaproteste auf den Straßen monopolisierten: Das krude Spektrum von "Querdenkern" bis hin zu rechtsextremen Ubooten.
https://che2001.blogger.de/stories/2785494/
https://che2001.blogger.de/stories/2775032/#2775101
Nun, diese Chance ist verpasst und vertan. Mitlerweile wird kräftig geimpft, und es scheint sich ein Ende der Pandemie spätestens 2023 abzuzeichnen. In der Biotechnologiewelt herrscht Aufbruchstimmung; MRNA-Therapien könnten die Medizin der Zukunft sein, mit der sich bald schon gegen Malaria, Parkinson, Krebs und MS "impfen" lässt. Andererseits sind langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen der Gentherapien nicht ausgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen oder die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
In ökonomischer Hinsicht wirkt Corona als ein Turbo-Booster um die Digitalisierung voranzutreiben, außerdem werden ganze Branchen durchrationalisiert und neu zusammengesetzt. Sei es die Gastronomie, wo die Verdrängung der kleinen Wirtschaften durch die großen Ketten, eine McDonaldisierung - Starbuckisierung, vorangetrieben wird, seien es Flugverkehr, Eventmanagement oder der Sektor der beruflichen Bildung.
Ich mache das mal an zwei Bereichen deutlich, die mein persönliches Leben betreffen und wo ich daher zu einer besonders plastischen Darstellung befähigt bin.
In meiner Branche war es vor der Corona-Krise üblich, dass Außendiensttagungen und überregionale Meetings in einem sehr aufwendigen Rahmen stattfanden. Da wurden Marriot- Hyatt- oder Sheraton-Hotels gemietet, dazu Kongresszentren, und zusätzlich zum fachlichen Austausch einiger Hundert FirmenvertreterInnen bzw. angeschlossener Selbstständiger gab es ein Bespaßungsprogramm. Da bekochte uns dann ein Jamie Oliver, aufspielen taten Leute wie Helene Fischer, Adel Tawil oder Grönemeyer, Motivationscoachings machten Michaela May oder Alexander Huber. Für fachliche Seminare wurden spezielle Seminarhotels gebucht. Ich genoß das sehr als hedonistischer Spesenritter, tanzte nach der Tagung ab bis ins Morgengrauen.
Gibts nicht mehr, wird soooo wohl auch nicht wiederkommen. Alles nur noch online per Zoom oder Teams, es zeichnet sich langsam ab dass das nicht so bleiben muss, dafür wird es aber auf die Kundenbeziehungen übertragen.
Und das heißt dann, dass Hotelgesellschaften Pleite gehen, Coaches entlassen und Airlines ihre Businessklassen reduzieren werden. Der große Besen, nach dem Ende der Pandemie mit Klimaargumenten legitimiert.
Wahrscheinlich wird im Bereich der Fitnesscenter ein Massensterben einsetzen, das hauptsächlich die kleineren und mittleren Unternehmen, nicht die großen Ketten betreffen wird. Parallel, und wirklich nur unter Corona-Bedingungen, konnte sich Peloton etablieren - die online moderierte weltweite Hometrainer-Community, deren Toptrainer schon die Popularität der weltweit erfolgreichsten DJs besitzen. Hätte ich nicht schon einen Heimtrainer und diverse Hanteln, Expander usw. und sehnte ich mich nicht so sehr nach den der Gesellschaft meiner Trainingstruppe wäre ich wahrscheinlich auch schon Peloton-Kunde geworden.
Dies lässt sich auf viele andere Branchen und Gesellschaftsbereiche übertragen. Es wird kräftig durchrationalisiert, wieder einmal, auf eine Art und Weise und mit einer Rabiatät, die nur durch die Coronakrise möglich wurde.
Dass allerdings die Pandemie DESWEGEN stattfindet halte ich für einen ebensolchen Trugschluss wie vor zwanzig Jahren die Verschwörungserzählungen um den 11. 09., wo ja auch nach dem Attentat auf die Twin Towers die Turbophase des Neoliberalismus eingeleitet wurde - von der Umorientierung des Flugverkehrs auf vor allem Billigairlines bis zu den Hartz-Gesetzen aktuellen bzw. aktuell erwartbaren Entwicklungen verdammt ähnlich. Verschwörungsmythen verwechseln die Landkarte mit dem Territorium, sie dringen in ihrer Fixierung auf voluntaristische "Schuldige" und Machenschaften bestimmter Unternehmen oder Regierungen nie zu einer Strukturanalyse des Kapitalismus durch.
Bestimmte Probleme mit der Messgenauigkeit des PCR-Tests etwa bestehen durchaus, aber anzunehmen, diese seien bewusst eingebaut worden um gezielt falsch-positive Ergebnisse vorzugaukeln um damit eine Grundlage für Notstandsmaßnahmen zu haben ist absurd.
Dass die WHO relativ kurze Zeit vor dem Auftreten von Covid 19 eine Pandemie-Stabsrahmenübung durchgeführt hatte oder dass das zunächst geheim gehaltene Papier des Bundesinnenmisteriums zur PR-technischen Bearbeitung der Bevölkerung in Richtung Panikstimmung aufrief (übrigens kein sehr starker Tobak: Ein mir vorliegendes NATO-Papier zum Umgang mit radikalen PazifistInnen aus der Zeit des Kalten Krieges ist betitelt mit: "Panikpersonen sofort elimieren!") dahingehend zu interpretieren dass die Pandemie eine "gemachte" oder "aufgebauschte" Pandemie sei halte ich für ebenso absurd.
Dass die Krise benutzt wird um eine Modernisierung und Rationalisierung gewaltsam durchzupeitschen über deren Sinn keine gesellschaftliche Debatte stattfindet ist einerseits ein Skandal, andererseits entspricht es dem Wesen des Kapitalismus. Insofern ist die personalisierte bzw. an bestimmten Akteuren festgemachte Pseudokritik der Pandemieskeptiker eigentlich eine Verharmlosung des kapitalistischen Systems. Widerstand hätte sich eigentlich gegen die Produktionsverhältnisse und nicht gegen Hygienemaßnahmen oder deren Durchpeitscher zu richten.
Als die von einem neuartigen Virus bzw. eigentlich nicht gar so neuartigen, sondern einer speziellen SARS-Variante verursachte Krankheit Covid 19 erstmals ausbrach war zunächst nicht klar, mit was wir zu rechnen hätten, auch nicht, als die WHO, wohl vorbereitet auf solch ein Geschehen, für das man gerade erst in einer Art Stabsrahmenübung den Notfall geprobt hatte den Pandemiefall ausrief. Zwischen Killervirus und einer Art neuen Pest und einer Art Grippe mit Nicht-Influenza-Virus schwankten die Annahmen/Voraussagen/Befürchtungen. In meinem eigenen beruflichen Umfeld, in dem u.a. Krankenversicherungen eine Rolle spielen wurde vermutet, es würde sich um eine der Spanischen Grippe vergleichbare Pandemie handeln.
Ganz so schlimm kam es nicht, es handelt sich um eine Erkältungskrankheit mit einer Sterblichkeitsrate von ca. 2,3%, die weltweit allerdings extrem schwankt (Mexiko fast 9, Türkei unter 1 Prozent) mit einigen manchmal auftretenden sehr besonderen Merkmalen, wie einer atypischen Lungenentzündung, Ausfall von Geschmacks- und Geruchssinn und einer möglichen chronischen Verlaufsform. Innerhalb verschiedener Risikogruppen kann sie einen oft tödlichen Cytokinsturm auslösen. D.h., die Letalität ist maximal fünfmal höher als die einer Grippe, während die Spanische Grippe zehn- bis zwanzigmal so tödlich war wie eine heutige Grippeepidemie. Aktuell, mit der Omikron-Variante, sieht es so aus, als ob zwar die Infektiosität steigt, die Letalität aber sinkt.
Bundesregierung, Länderregierungen und Institutionen gingen mit der Pandemie zunächst dilettantisch um. Es gab eine Sitzung von Merkels Kabinett (oder sollte man zu dem Zeitpunkt Kabarett sagen?), in der Spahn sagte, dass Herdenimmunität erst ab 70%er Durchseuchung der Bevölkerung bestehen würde und man sich also durchseuchen lassen müsste. Auf der gleichen Sitzung wurde gesagt, um Ansteckungen zu vermeiden dürfte sich niemand mit den Fingern ins Gesicht fassen, niemals, so viel Disziplin sei nun aufzubringen. Wer mit im Saal saß und das fassungslos verfolgte war der Virologe Christian Drosten.
Als Erfinder des SARS CoV 2 PCR-Tests (neben Olfert Landt) war er von der Bundesregierung als Topp-Experte hinzugezogen worden; seine Rolle als Virologe der Nation mit täglichem Podcast und regelmäßigen Fernsehauftritten Seit an Seit mit Wielert und Spahn verdankt sich aber erst seiner Intervention bei Merkel, wo er höchst alarmistisch strenge Sicherheitsmaßnahmen und einen Pandemieplan einforderte.
Ansonsten erschien der Experte Drosten in seinem Podcast teilweise als Plauderer, der heute etwas anderes sagte als gestern oder morgen. Etwa eine Woche vor dem ersten Lockdown plauderte er, man könne ja durchaus in die Kneipe gehen und Bier trinken, sollte das aber nur aus der Flasche trinken und nicht gezapft, weil die Maßkrüge nicht steril gereinigt würden. Etwa eine Woche vor Einführung der Maskenpflicht erklärte er, so etwas sei in Deutschland nicht durchsetzbar, im Gegensatz zu Ostasien, wo Maskentragen in der Öffentlichkeit kulturell verwurzelt sei. Überhaupt, die Masken: Ihre Effizienz wurde von der Politik solange bestritten, wie sie nicht in ausreichender Menge in Deutschland zur Verfügung standen. Nachdem sich das geändert hatte wurden sie Pflicht. Erinnert ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis, wo es Problem-anderer-Leute-Schalter gibt.
In der Folge sorgten dann das Panikpapier des Inneministeriums und diverse begrenzte Lockdowns der Länder, endlich die bundesweiten Ladenschließungen und Umstellung von Büroarbeit auf Homeoffice für eine harte Gangart. Weniger hart allerdings als in Frankreich und Italien, wo unter Lockdowns echte Ausgangssperren verstanden wurden, die außerhalb von Arbeitswegen und notwendigen Einkäufen de facto Hausarreste bedeuteten mit Militär auf den Straßen.
Regelungen allerdings wie Sitzverbote auf Parkbänken oder Verbote im Wald zu wandern muten im Nachhinein und muteten auch schon damals als sinnlose Schikanen an. Besonders tat sich hier die bayerische Polizei hervor. Dem Durchgreifen bei der Durchsetzung des Lockdowns war ein gewisser behördlicher Sadismus eigen.
Ich kritisierte zu dieser Zeit auf diesem Blog einige Maßnahmen als zu weitgehend, befürchtete, dass die Kollateralschäden des Lockdowns mehr Opfer fordern könnten als der Virus, dass die Maßnahmen auf eine Hygienediktatur hinauslaufen könnten und wurde dafür heftig kritisiert, teilweise in scharf moralisierender Weise. Bei diesen Auseinandersetzungen, die ich u.a. mit dem Kommentator H.Z. hatte geriet für mich ins Hintertreffen, dass ein anderer, ebenfalls maßnahmenkritischer Kommentator verschwörungsmythologisches Gedankengut vertrat und sehr bald Leute, die wie ich eigentlich system- und regierungskritische Positionen vertraten zu "Propagandisten" und "Wadenbeißern" der Regierungspolitik erklärte. Die Auseinandersetzung mit dem Chronisten, der sich damals noch gelegentlich2020 nannte und unter dieser Identität schließlich von Dirk Olbertz gesperrt wurde eskalierte so sehr, dass sie das gesamte Blog dominierte, das ja keinen Corona-Schwerpunkt hat. Seine Weigerung sich an Diskursregeln zu halten führte schließlich zum endgültigen Rauswurf.
Mein Optimismus, die Coronakrise sei zumindest in Deutschland noch 2020 ausgestanden erwies sich als verfrüht. Dennoch waren die Maßnahmen zur Abstandseinhaltung äußerst erfolgreich: Das Jahr 2020 wies keine signifikante Übersterblichkeit auf, zumal die Maßnahmen auch die übliche Herbstgrippe verhindert hatten. Im internationalen Vergleich konnten die deutschen Coronamaßnahmen zum damaligen Zeitpunkt als erfolgreich bezeichnet werden.
Auf der anderen Seite sind die Lockdowns aber auch bezeichnend für den Klassencharakter dieser Gesellschaft, und der fehlende Protest dagegen von links ein Zeichen für das völlige Versagen der Linken.
Hätte der Lockdown sich ausschließich nach seuchenhygienischen Maßstäben gerichtet wären die Fabriken dichtzumachen und nicht private Kontakte zu reduzieren gewesen. Wenn wir ein Fitnesscenter sagen wir mit VW vergleichen werden die Unterschiede recht deutlich. Zweimal die Woche anderthalb Stunden trainieren mit 3 Meter Abstand zum Sportsfreund versus fünfmal die Woche acht Stunden am Tag mit anderthalb Metern Abstand am Fließband schwitzen - oder in bestimmten Montagegruppen noch enger zusammen - da ist klar, wo am meisten gespreadet wird.
Gastronomiebetriebe müssen schließen, Theater und Kinos auch, aber die Industrieproduktion muss weitergehen, obwohl die Großkonzerne gigantische staatliche Hilfen bekommen haben, für die sie nicht wie KMUs und Einzelselbstständige Antragsformulare ausfüllen mussten. Nirgendwo wird deutlicher, wer die herrschende Klasse im Lande ist.
Einen befristeten Totalausfall der industriellen Produktion würde allerdings eine Gesellschaft am Ehesten verkraften in der die Produktionsmittel der Gesamtheit gehören.
Diesen Zusammenhang nicht thematisiert zu haben, das war das Versagen der Linken in einer historischen Situation, in der sie eine Chance hätte wahrnehmen können: Sich an die Spitze der Proteste stellen, verbündet mit den Kleingewerbetreibenden und zugleich diejenigen isolierend oder wegdrängend, die stattdessen die Coronaproteste auf den Straßen monopolisierten: Das krude Spektrum von "Querdenkern" bis hin zu rechtsextremen Ubooten.
https://che2001.blogger.de/stories/2785494/
https://che2001.blogger.de/stories/2775032/#2775101
Nun, diese Chance ist verpasst und vertan. Mitlerweile wird kräftig geimpft, und es scheint sich ein Ende der Pandemie spätestens 2023 abzuzeichnen. In der Biotechnologiewelt herrscht Aufbruchstimmung; MRNA-Therapien könnten die Medizin der Zukunft sein, mit der sich bald schon gegen Malaria, Parkinson, Krebs und MS "impfen" lässt. Andererseits sind langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen der Gentherapien nicht ausgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen oder die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
In ökonomischer Hinsicht wirkt Corona als ein Turbo-Booster um die Digitalisierung voranzutreiben, außerdem werden ganze Branchen durchrationalisiert und neu zusammengesetzt. Sei es die Gastronomie, wo die Verdrängung der kleinen Wirtschaften durch die großen Ketten, eine McDonaldisierung - Starbuckisierung, vorangetrieben wird, seien es Flugverkehr, Eventmanagement oder der Sektor der beruflichen Bildung.
Ich mache das mal an zwei Bereichen deutlich, die mein persönliches Leben betreffen und wo ich daher zu einer besonders plastischen Darstellung befähigt bin.
In meiner Branche war es vor der Corona-Krise üblich, dass Außendiensttagungen und überregionale Meetings in einem sehr aufwendigen Rahmen stattfanden. Da wurden Marriot- Hyatt- oder Sheraton-Hotels gemietet, dazu Kongresszentren, und zusätzlich zum fachlichen Austausch einiger Hundert FirmenvertreterInnen bzw. angeschlossener Selbstständiger gab es ein Bespaßungsprogramm. Da bekochte uns dann ein Jamie Oliver, aufspielen taten Leute wie Helene Fischer, Adel Tawil oder Grönemeyer, Motivationscoachings machten Michaela May oder Alexander Huber. Für fachliche Seminare wurden spezielle Seminarhotels gebucht. Ich genoß das sehr als hedonistischer Spesenritter, tanzte nach der Tagung ab bis ins Morgengrauen.
Gibts nicht mehr, wird soooo wohl auch nicht wiederkommen. Alles nur noch online per Zoom oder Teams, es zeichnet sich langsam ab dass das nicht so bleiben muss, dafür wird es aber auf die Kundenbeziehungen übertragen.
Und das heißt dann, dass Hotelgesellschaften Pleite gehen, Coaches entlassen und Airlines ihre Businessklassen reduzieren werden. Der große Besen, nach dem Ende der Pandemie mit Klimaargumenten legitimiert.
Wahrscheinlich wird im Bereich der Fitnesscenter ein Massensterben einsetzen, das hauptsächlich die kleineren und mittleren Unternehmen, nicht die großen Ketten betreffen wird. Parallel, und wirklich nur unter Corona-Bedingungen, konnte sich Peloton etablieren - die online moderierte weltweite Hometrainer-Community, deren Toptrainer schon die Popularität der weltweit erfolgreichsten DJs besitzen. Hätte ich nicht schon einen Heimtrainer und diverse Hanteln, Expander usw. und sehnte ich mich nicht so sehr nach den der Gesellschaft meiner Trainingstruppe wäre ich wahrscheinlich auch schon Peloton-Kunde geworden.
Dies lässt sich auf viele andere Branchen und Gesellschaftsbereiche übertragen. Es wird kräftig durchrationalisiert, wieder einmal, auf eine Art und Weise und mit einer Rabiatät, die nur durch die Coronakrise möglich wurde.
Dass allerdings die Pandemie DESWEGEN stattfindet halte ich für einen ebensolchen Trugschluss wie vor zwanzig Jahren die Verschwörungserzählungen um den 11. 09., wo ja auch nach dem Attentat auf die Twin Towers die Turbophase des Neoliberalismus eingeleitet wurde - von der Umorientierung des Flugverkehrs auf vor allem Billigairlines bis zu den Hartz-Gesetzen aktuellen bzw. aktuell erwartbaren Entwicklungen verdammt ähnlich. Verschwörungsmythen verwechseln die Landkarte mit dem Territorium, sie dringen in ihrer Fixierung auf voluntaristische "Schuldige" und Machenschaften bestimmter Unternehmen oder Regierungen nie zu einer Strukturanalyse des Kapitalismus durch.
Bestimmte Probleme mit der Messgenauigkeit des PCR-Tests etwa bestehen durchaus, aber anzunehmen, diese seien bewusst eingebaut worden um gezielt falsch-positive Ergebnisse vorzugaukeln um damit eine Grundlage für Notstandsmaßnahmen zu haben ist absurd.
Dass die WHO relativ kurze Zeit vor dem Auftreten von Covid 19 eine Pandemie-Stabsrahmenübung durchgeführt hatte oder dass das zunächst geheim gehaltene Papier des Bundesinnenmisteriums zur PR-technischen Bearbeitung der Bevölkerung in Richtung Panikstimmung aufrief (übrigens kein sehr starker Tobak: Ein mir vorliegendes NATO-Papier zum Umgang mit radikalen PazifistInnen aus der Zeit des Kalten Krieges ist betitelt mit: "Panikpersonen sofort elimieren!") dahingehend zu interpretieren dass die Pandemie eine "gemachte" oder "aufgebauschte" Pandemie sei halte ich für ebenso absurd.
Dass die Krise benutzt wird um eine Modernisierung und Rationalisierung gewaltsam durchzupeitschen über deren Sinn keine gesellschaftliche Debatte stattfindet ist einerseits ein Skandal, andererseits entspricht es dem Wesen des Kapitalismus. Insofern ist die personalisierte bzw. an bestimmten Akteuren festgemachte Pseudokritik der Pandemieskeptiker eigentlich eine Verharmlosung des kapitalistischen Systems. Widerstand hätte sich eigentlich gegen die Produktionsverhältnisse und nicht gegen Hygienemaßnahmen oder deren Durchpeitscher zu richten.
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Freitag, 31. Dezember 2021
Ein kleiner Jahresrückblick
che2001, 20:06h
Das Jahr 2021 begann für mich mit einer Schockmeldung: Diagnose Krebs, sehr bösartiger Tumor, aber noch in situ.
Unverzagt begab ich mich sofort in klinische Behandlung, 3 OPs im Abstand von jeweils drei Wochen, eine kurze Chemo, dann war das Ganze ausgestanden. Und ich denke, es wird auch nichts wiederkommen, ein abgeschlossenes Kapitel, wie ein behandelter Knochenbruch. Ich habe alles sehr gut durchgestanden, meiner panikaffinen Schwester, die mir nicht glauben wollte dass ich ausgeglichener Stimmung war sagte ich, ich hätte nicht vor, mir von einem Krebs die gute Laune verderben zu lassen, und man müsse Sinn für Tumor haben.
Eigentlich war die Krankheitserfahrung etwas sehr Positives, sie zeigte mir nämlich meine eigene Vitalität, etwa, als ich mich nach einigen Stunden auf der Intensivstation selber extubierte und dann sofort ohne Hilfe aufstehen konnte. Meine sportliche Fitness hatte ich fast sofort als ich wieder trainieren durfte zurück.
Da ich mir in Folge der Krankheit das Rauchen abgewöhnt hatte hatte ich dann auch im Sommer in den Bergen mehr Puste als früher. Alles Easy.
Entsprechend ist mein Blick auf Covid 19, im Gegensatz zu meinen Schwestern, auch nicht von persönlichen Ängsten geprägt.
Allerdings frage ich mich, was aufmerksamkeitstechnisch im Jahr 2021 alles von dieser Pandemie überlagert wurde. Libyen- und Syrien-Konflikt, Bürgerkrieg im Jemen, Unterdrückung der Uiguren, Konflikt um die Spratly-Inseln, die Nutzung der Covidkrise zur Modernisierung des Kapitalismus im Sinne von Digitalisierung, Rationalisierung, Abbau unwirtschaftlicher Branchen, Zentralisierung, Rückbau des Bargeldverkehrs, ökonomischer Kurswechsel in den USA, das alles sind Dinge die zu wenig beachtet und kaum inhaltlich diskutiert werden.
Blicken wir auf die Jahre 1968-72 zurück würde niemand die Hongkonggrippe in den Mittelpunkt stellen.
Angesichts der heutigen Fixierung auf Covid 19 müsste man fragen: Warum eigentlich nicht?
Unverzagt begab ich mich sofort in klinische Behandlung, 3 OPs im Abstand von jeweils drei Wochen, eine kurze Chemo, dann war das Ganze ausgestanden. Und ich denke, es wird auch nichts wiederkommen, ein abgeschlossenes Kapitel, wie ein behandelter Knochenbruch. Ich habe alles sehr gut durchgestanden, meiner panikaffinen Schwester, die mir nicht glauben wollte dass ich ausgeglichener Stimmung war sagte ich, ich hätte nicht vor, mir von einem Krebs die gute Laune verderben zu lassen, und man müsse Sinn für Tumor haben.
Eigentlich war die Krankheitserfahrung etwas sehr Positives, sie zeigte mir nämlich meine eigene Vitalität, etwa, als ich mich nach einigen Stunden auf der Intensivstation selber extubierte und dann sofort ohne Hilfe aufstehen konnte. Meine sportliche Fitness hatte ich fast sofort als ich wieder trainieren durfte zurück.
Da ich mir in Folge der Krankheit das Rauchen abgewöhnt hatte hatte ich dann auch im Sommer in den Bergen mehr Puste als früher. Alles Easy.
Entsprechend ist mein Blick auf Covid 19, im Gegensatz zu meinen Schwestern, auch nicht von persönlichen Ängsten geprägt.
Allerdings frage ich mich, was aufmerksamkeitstechnisch im Jahr 2021 alles von dieser Pandemie überlagert wurde. Libyen- und Syrien-Konflikt, Bürgerkrieg im Jemen, Unterdrückung der Uiguren, Konflikt um die Spratly-Inseln, die Nutzung der Covidkrise zur Modernisierung des Kapitalismus im Sinne von Digitalisierung, Rationalisierung, Abbau unwirtschaftlicher Branchen, Zentralisierung, Rückbau des Bargeldverkehrs, ökonomischer Kurswechsel in den USA, das alles sind Dinge die zu wenig beachtet und kaum inhaltlich diskutiert werden.
Blicken wir auf die Jahre 1968-72 zurück würde niemand die Hongkonggrippe in den Mittelpunkt stellen.
Angesichts der heutigen Fixierung auf Covid 19 müsste man fragen: Warum eigentlich nicht?
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Mittwoch, 10. November 2021
Heute ist ein besonderer Gedenktag
che2001, 10:12h
Vor 130 Jahren starb Arthur Rimbaud
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Samstag, 9. Oktober 2021
Wahrer Luxus
che2001, 20:57h
Der Palast war wie ein Tempel gebaut. Die Säulen bestanden aber nicht aus gewöhnlichem Marmor, sondern besaßen Oberflächen aus Achat. Die Bodenfliesen waren aus Onyx, das Gebälk aus mit Blattgold verziertem Ebenholz. Die Täfelungen bestanden aus Elfenbein. Im Mobiliar war zum Teil massives Gold verarbeitet. Die Königin selber trug Gewänder aus Pharao-Stoff, einer Art Damast, der aus purpurnen Seidenfäden und feinem Golddraht gewebt wurde. Mehrmals wöchentlich wurden Orgien gefeiert. Die nackt auftretenden Tänzerinnen und Tänzer standen nach ihren Auftritten für Lustbarkeiten aller Art zur Verfügung.
Nach Marcus Annaeus Lucanus´Schilderung des Hoflebens von Kleopatra VII Philopator
Nach Marcus Annaeus Lucanus´Schilderung des Hoflebens von Kleopatra VII Philopator
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Donnerstag, 23. September 2021
Anderthalb Jahre Corona-Krise: Versuch einer vorläufigen Bilanz
che2001, 02:11h
Als die von einem neuartigen Virus bzw. eigentlich nicht gar so neuartigen, sondern einer speziellen SARS-Variante verursachte Krankheit Covid 19 erstmals ausbrach war zunächst nicht klar, mit was wir zu rechnen hätten, auch nicht, als die WHO, wohl vorbereitet auf solch ein Geschehen, für das man gerade erst in einer Art Stabsrahmenübung den Notfall geprobt hatte den Pandemiefall ausrief. Zwischen Killervirus und einer Art neuen Pest und einer Art Grippe mit Nicht-Influenza-Virus schwankten die Annahmen/Voraussagen/Befürchtungen. In meinem eigenen beruflichen Umfeld, in dem u.a. Krankenversicherungen eine Rolle spielen wurde vermutet, es würde sich um eine der Spanischen Grippe vergleichbare Pandemie handeln.
Ganz so schlimm kam es nicht, es handelt sich um eine Erkältungskrankheit mit einer Sterblichkeitsrate von ca. 2,3%, die weltweit allerdings extrem schwankt (Mexiko fast 9, Türkei unter 1 Prozent) mit einigen manchmal auftretenden sehr besonderen Merkmalen, wie einer atypischen Lungenentzündung, Ausfall von Geschmacks- und Geruchssinn und einer möglichen chronischen Verlaufsform. Innerhalb verschiedener Risikogruppen kann sie einen oft tödlichen Cytokinsturm auslösen. D.h., die Letalität ist maximal fünfmal höher als die einer Grippe, während die Spanische Grippe zehn- bis zwanzigmal so tödlich war wie eine heutige Grippeepidemie.
Bundesregierung, Länderregierungen und Institutionen gingen mit der Pandemie zunächst dilettantisch um. Es gab eine Sitzung von Merkels Kabinett (oder sollte man zu dem Zeitpunkt Kabarett sagen?), in der Spahn sagte, dass Herdenimmunität erst ab 70%er Durchseuchung der Bevölkerung bestehen würde und man sich also durchseuchen lassen müsste. Auf der gleichen Sitzung wurde gesagt, um Ansteckungen zu vermeiden dürfte sich niemand mit den Fingern ins Gesicht fassen, niemals, so viel Disziplin sei nun aufzubringen. Wer mit im Saal saß und das fassungslos verfolgte war der Virologe Christian Drosten.
Als Erfinder des SARS CoV 2 PCR-Tests (neben Olfert Landt) war er von der Bundesregierung als Topp-Experte hinzugezogen worden; seine Rolle als Virologe der Nation mit täglichem Podcast und regelmäßigen Fernsehauftritten Seit an Seit mit Wielert und Spahn verdankt sich aber erst seiner Intervention bei Merkel, wo er höchst alarmistisch strenge Sicherheitsmaßnahmen und einen Pandemieplan einforderte.
Ansonsten erschien der Experte Drosten in seinem Podcast teilweise als Plauderer, der heute etwas anderes sagte als gestern oder morgen. Etwa eine Woche vor dem ersten Lockdown plauderte er, man könne ja durchaus in die Kneipe gehen und Bier trinken, sollte das aber nur aus der Flasche trinken und nicht gezapft, weil die Maßkrüge nicht steril gereinigt würden. Etwa eine Woche vor Einführung der Maskenpflicht erklärte er, so etwas sei in Deutschland nicht durchsetzbar, im Gegensatz zu Ostasien, wo Maskentragen in der Öffentlichkeit kulturell verwurzelt sei. Überhaupt, die Masken: Ihre Effizienz wurde von der Politik solange bestritten, wie sie nicht in ausreichender Menge in Deutschland zur Verfügung standen. Nachdem sich das geändert hatte wurden sie Pflicht. Erinnert ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis, wo es Problem-anderer-Leute-Schalter gibt.
In der Folge sorgten dann das Panikpapier des Inneministeriums und diverse begrenzte Lockdowns der Länder, endlich die bundesweiten Ladenschließungen und Umstellung von Büroarbeit auf Homeoffice für eine harte Gangart. Weniger hart allerdings als in Frankreich und Italien, wo unter Lockdowns echte Ausgangssperren verstanden wurden, die außerhalb von Arbeitswegen und notwendigen Einkäufen de facto Hausarreste bedeuteten mit Militär auf den Straßen.
Regelungen allerdings wie Sitzverbote auf Parkbänken oder Verbote im Wald zu wandern muten im Nachhinein und muteten auch schon damals als sinnlose Schikanen an. Besonders tat sich hier die bayerische Polizei hervor. Dem Durchgreifen bei der Durchsetzung des Lockdowns war ein gewisser behördlicher Sadismus eigen.
Ich kritisierte zu dieser Zeit auf diesem Blog einige Maßnahmen als zu weitgehend, befürchtete, dass die Kollateralschäden des Lockdowns mehr Opfer fordern könnten als der Virus, dass die Maßnahmen auf eine Hygienediktatur hinauslaufen könnten und wurde dafür heftig kritisiert, teilweise in scharf moralisierender Weise. Bei diesen Auseinandersetzungen, die ich u.a. mit dem Kommentator H.Z. hatte geriet für mich ins Hintertreffen, dass ein anderer, ebenfalls maßnahmenkritischer Kommentator verschwörungsmythologisches Gedankengut vertrat und sehr bald Leute, die wie ich eigentlich system- und regierungskritische Positionen vertraten zu "Propagandisten" und "Wadenbeißern" der Regierungspolitik erklärte. Die Auseinandersetzung mit dem Chronisten, der sich damals noch gelegentlich2020 nannte und unter dieser Identität schließlich von Dirk Olbertz gesperrt wurde eskalierte so sehr, dass sie das gesamte Blog dominierte, das ja keinen Corona-Schwerpunkt hat. Seine Weigerung sich an Diskursregeln zu halten führte schließlich zum endgültigen Rauswurf.
Mein Optimismus, die Coronakrise sei zumindest in Deutschland noch 2020 ausgestanden erwies sich als verfrüht. Dennoch waren die Maßnahmen zur Abstandseinhaltung äußerst erfolgreich: Das Jahr 2020 wies keine signifikante Übersterblichkeit auf, zumal die Maßnahmen auch die übliche Herbstgrippe verhindert hatten. Im internationalen Vergleich können die deutschen Coronamaßnahmen als erfolgreich bezeichnet werden.
Auf der anderen Seite sind die Lockdowns aber auch bezeichnend für den Klassencharakter dieser Gesellschaft, und der fehlende Protest dagegen von links ein Zeichen für das völlige Versagen der Linken.
Hätte der Lockdown sich ausschließich nach seuchenhygienischen Maßstäben gerichtet wären die Fabriken dichtzumachen und nicht private Kontakte zu reduzieren gewesen. Wenn wir ein Fitnesscenter sagen wir mit VW vergleichen werden die Unterschiede recht deutlich. Zweimal die Woche anderthalb Stunden trainieren mit 3 Meter Abstand zum Sportsfreund versus fünfmal die Woche acht Stunden am Tag mit anderthalb Metern Abstand am Fließband schwitzen - oder in bestimmten Montagegruppen noch enger zusammen - da ist klar, wo am meisten gespreadet wird.
Gastronomiebetriebe müssen schließen, Theater und Kinos auch, aber die Industrieproduktion muss weitergehen, obwohl die Großkonzerne gigantische staatliche Hilfen bekommen haben, für die sie nicht wie KMUs und Einzelselbstständige Antragsformulare ausfüllen mussten. Nirgendwo wird deutlicher, wer die herrschende Klasse im Lande ist.
Einen befristeten Totalausfall der industriellen Produktion würde allerdings eine Gesellschaft am Ehesten verkraften in der die Produktionsmittel der Gesamtheit gehören. Also im tatsächlichen (und nicht: real existierenden) Kommunismus. Dann wird auch klar, worauf hinzuarbeiten ist.
Diesen Zusammenhang nicht thematisiert zu haben, das war das Versagen der Linken in einer historischen Situation, in der sie eine Chance hätte wahrnehmen können: Sich an die Spitze der Proteste stellen, verbündet mit den Kleingewerbetreibenden und zugleich diejenigen isolierend oder wegdrängend, die stattdessen die Coronaproteste auf den Straßen monopolisierten: Das krude Spektrum von "Querdenkern" bis hin zu rechtsextremen Ubooten.
https://che2001.blogger.de/stories/2785494/
https://che2001.blogger.de/stories/2775032/#2775101
Nun, diese Chance ist verpasst und vertan. Mitlerweile wird kräftig geimpft, und es scheint sich ein Ende der Pandemie spätestens 2023 abzuzeichnen. In der Biotechnologiewelt herrscht Aufbruchstimmung; MRNA-Therapien könnten die Medizin der Zukunft sein, mit der sich bald schon gegen Malaria, Parkinson, Krebs und MS "impfen" lässt. Andererseits sind langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen der Gentherapien nicht ausgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen oder die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
Ganz so schlimm kam es nicht, es handelt sich um eine Erkältungskrankheit mit einer Sterblichkeitsrate von ca. 2,3%, die weltweit allerdings extrem schwankt (Mexiko fast 9, Türkei unter 1 Prozent) mit einigen manchmal auftretenden sehr besonderen Merkmalen, wie einer atypischen Lungenentzündung, Ausfall von Geschmacks- und Geruchssinn und einer möglichen chronischen Verlaufsform. Innerhalb verschiedener Risikogruppen kann sie einen oft tödlichen Cytokinsturm auslösen. D.h., die Letalität ist maximal fünfmal höher als die einer Grippe, während die Spanische Grippe zehn- bis zwanzigmal so tödlich war wie eine heutige Grippeepidemie.
Bundesregierung, Länderregierungen und Institutionen gingen mit der Pandemie zunächst dilettantisch um. Es gab eine Sitzung von Merkels Kabinett (oder sollte man zu dem Zeitpunkt Kabarett sagen?), in der Spahn sagte, dass Herdenimmunität erst ab 70%er Durchseuchung der Bevölkerung bestehen würde und man sich also durchseuchen lassen müsste. Auf der gleichen Sitzung wurde gesagt, um Ansteckungen zu vermeiden dürfte sich niemand mit den Fingern ins Gesicht fassen, niemals, so viel Disziplin sei nun aufzubringen. Wer mit im Saal saß und das fassungslos verfolgte war der Virologe Christian Drosten.
Als Erfinder des SARS CoV 2 PCR-Tests (neben Olfert Landt) war er von der Bundesregierung als Topp-Experte hinzugezogen worden; seine Rolle als Virologe der Nation mit täglichem Podcast und regelmäßigen Fernsehauftritten Seit an Seit mit Wielert und Spahn verdankt sich aber erst seiner Intervention bei Merkel, wo er höchst alarmistisch strenge Sicherheitsmaßnahmen und einen Pandemieplan einforderte.
Ansonsten erschien der Experte Drosten in seinem Podcast teilweise als Plauderer, der heute etwas anderes sagte als gestern oder morgen. Etwa eine Woche vor dem ersten Lockdown plauderte er, man könne ja durchaus in die Kneipe gehen und Bier trinken, sollte das aber nur aus der Flasche trinken und nicht gezapft, weil die Maßkrüge nicht steril gereinigt würden. Etwa eine Woche vor Einführung der Maskenpflicht erklärte er, so etwas sei in Deutschland nicht durchsetzbar, im Gegensatz zu Ostasien, wo Maskentragen in der Öffentlichkeit kulturell verwurzelt sei. Überhaupt, die Masken: Ihre Effizienz wurde von der Politik solange bestritten, wie sie nicht in ausreichender Menge in Deutschland zur Verfügung standen. Nachdem sich das geändert hatte wurden sie Pflicht. Erinnert ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis, wo es Problem-anderer-Leute-Schalter gibt.
In der Folge sorgten dann das Panikpapier des Inneministeriums und diverse begrenzte Lockdowns der Länder, endlich die bundesweiten Ladenschließungen und Umstellung von Büroarbeit auf Homeoffice für eine harte Gangart. Weniger hart allerdings als in Frankreich und Italien, wo unter Lockdowns echte Ausgangssperren verstanden wurden, die außerhalb von Arbeitswegen und notwendigen Einkäufen de facto Hausarreste bedeuteten mit Militär auf den Straßen.
Regelungen allerdings wie Sitzverbote auf Parkbänken oder Verbote im Wald zu wandern muten im Nachhinein und muteten auch schon damals als sinnlose Schikanen an. Besonders tat sich hier die bayerische Polizei hervor. Dem Durchgreifen bei der Durchsetzung des Lockdowns war ein gewisser behördlicher Sadismus eigen.
Ich kritisierte zu dieser Zeit auf diesem Blog einige Maßnahmen als zu weitgehend, befürchtete, dass die Kollateralschäden des Lockdowns mehr Opfer fordern könnten als der Virus, dass die Maßnahmen auf eine Hygienediktatur hinauslaufen könnten und wurde dafür heftig kritisiert, teilweise in scharf moralisierender Weise. Bei diesen Auseinandersetzungen, die ich u.a. mit dem Kommentator H.Z. hatte geriet für mich ins Hintertreffen, dass ein anderer, ebenfalls maßnahmenkritischer Kommentator verschwörungsmythologisches Gedankengut vertrat und sehr bald Leute, die wie ich eigentlich system- und regierungskritische Positionen vertraten zu "Propagandisten" und "Wadenbeißern" der Regierungspolitik erklärte. Die Auseinandersetzung mit dem Chronisten, der sich damals noch gelegentlich2020 nannte und unter dieser Identität schließlich von Dirk Olbertz gesperrt wurde eskalierte so sehr, dass sie das gesamte Blog dominierte, das ja keinen Corona-Schwerpunkt hat. Seine Weigerung sich an Diskursregeln zu halten führte schließlich zum endgültigen Rauswurf.
Mein Optimismus, die Coronakrise sei zumindest in Deutschland noch 2020 ausgestanden erwies sich als verfrüht. Dennoch waren die Maßnahmen zur Abstandseinhaltung äußerst erfolgreich: Das Jahr 2020 wies keine signifikante Übersterblichkeit auf, zumal die Maßnahmen auch die übliche Herbstgrippe verhindert hatten. Im internationalen Vergleich können die deutschen Coronamaßnahmen als erfolgreich bezeichnet werden.
Auf der anderen Seite sind die Lockdowns aber auch bezeichnend für den Klassencharakter dieser Gesellschaft, und der fehlende Protest dagegen von links ein Zeichen für das völlige Versagen der Linken.
Hätte der Lockdown sich ausschließich nach seuchenhygienischen Maßstäben gerichtet wären die Fabriken dichtzumachen und nicht private Kontakte zu reduzieren gewesen. Wenn wir ein Fitnesscenter sagen wir mit VW vergleichen werden die Unterschiede recht deutlich. Zweimal die Woche anderthalb Stunden trainieren mit 3 Meter Abstand zum Sportsfreund versus fünfmal die Woche acht Stunden am Tag mit anderthalb Metern Abstand am Fließband schwitzen - oder in bestimmten Montagegruppen noch enger zusammen - da ist klar, wo am meisten gespreadet wird.
Gastronomiebetriebe müssen schließen, Theater und Kinos auch, aber die Industrieproduktion muss weitergehen, obwohl die Großkonzerne gigantische staatliche Hilfen bekommen haben, für die sie nicht wie KMUs und Einzelselbstständige Antragsformulare ausfüllen mussten. Nirgendwo wird deutlicher, wer die herrschende Klasse im Lande ist.
Einen befristeten Totalausfall der industriellen Produktion würde allerdings eine Gesellschaft am Ehesten verkraften in der die Produktionsmittel der Gesamtheit gehören. Also im tatsächlichen (und nicht: real existierenden) Kommunismus. Dann wird auch klar, worauf hinzuarbeiten ist.
Diesen Zusammenhang nicht thematisiert zu haben, das war das Versagen der Linken in einer historischen Situation, in der sie eine Chance hätte wahrnehmen können: Sich an die Spitze der Proteste stellen, verbündet mit den Kleingewerbetreibenden und zugleich diejenigen isolierend oder wegdrängend, die stattdessen die Coronaproteste auf den Straßen monopolisierten: Das krude Spektrum von "Querdenkern" bis hin zu rechtsextremen Ubooten.
https://che2001.blogger.de/stories/2785494/
https://che2001.blogger.de/stories/2775032/#2775101
Nun, diese Chance ist verpasst und vertan. Mitlerweile wird kräftig geimpft, und es scheint sich ein Ende der Pandemie spätestens 2023 abzuzeichnen. In der Biotechnologiewelt herrscht Aufbruchstimmung; MRNA-Therapien könnten die Medizin der Zukunft sein, mit der sich bald schon gegen Malaria, Parkinson, Krebs und MS "impfen" lässt. Andererseits sind langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen der Gentherapien nicht ausgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen oder die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
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Sonntag, 19. September 2021
Einige Überlegungen zum Ursprung der slawischen Sprachen
che2001, 20:53h
Die indogermanischen Sprachen Europas werden in einige große Gruppen eingeteilt: Die balkanische oder graecoillyrische Sprachgruppe, die romanischen, die keltischen, die germanischen und die slawischen mit den verwandten baltischen Sprachen. Die romanischen Sprachen teilen sich in zwei Untergruppen, die altromanischen Sprachen mit Latein, Venezianisch, Rätoromanisch und Rumänisch sowie den ausgestorbenen italischen Sprachen und die neuromanischen Sprachen, diese dürfte von allen die jüngste Sprachgruppe sein und umfasst u.a. Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Französisch, Italienisch und verschiedene Pidginsprachen. Bei den neuromanischen Sprachen handelt es sich vom Ursprung her um Kreolsprachen aus Latein und germanischen Sprachen, der Begriff "romanisch" bezeichnet eigentlich genau das, nämlich eine Mischung aus römisch und germanisch.
Am Wenigsten erforscht und bekannt ist der Ursprung der slawischen Sprachen, und die gängigen Theorien hierzu halte ich für höchst zweifelhaft.
Eine besagt, es hätten sich zunächst durch Lautverschiebung die baltischen aus den germanischen Sprachen abgespalten und dann durch eine weitere Lautverschiebung die slawischen aus den baltischen. Wenn das stattgefunden hätte wäre also eine West-Ost-Wanderungsbewegung von Germanien zum Baltikum und weiter nach Belarus und Russland Voraussetzung, oder von Skandinavien zum Baltikum und weiter. Archäologisch oder aus der Überlieferung gibt es hierfür keinerlei Belege.
Während diese Theorie rein sprachtheoretisch begründet ist, geht die zweite von historisch bekannten Wanderungsbewegungen aus und verortet die Urheimat aller Slawen in den Pripjetsümpfen, also in der Umgebung von Tschernobyl. Auch diesen Ansatz halte ich für hochproblematisch.
Das Problem bei den slawischen Stämmen ist die Tatsache, dass diese sozusagen in der Geschichte plötzlich auftauchen. Während die Kelten und Germanen seit der Bronzezeit belegt sind, erscheinen Slawen erst in byzantinischen Quellen aus der Zeit um 600 n. Chr.
Die Pripjet-Theorie folgt einem Erklärungsmuster, das in der Ur- und Frühgeschichte und Anthropologie einmal sehr verbreitet war und letztendlich sehr völkisch daherkommt.
Völkische Wissenschaft
Dies nicht in einem antisemitischen Sinn, sondern so, dass ethnische Gruppen aus der Isolation her begriffen werden als Abstammungsgemeinschaften, die an einem bestimmten Ort sich bilden und von da aus sich ausbreiten, als in sich geschlossene "Volkskörper" mit einem gemeinsamen Selbstverständnis. Sozialdarwinistische Vorstellungen von Völkern als biologische Abstammungsgemeinschaften wurden verbunden mit einer Rückprojektion von Nationenbegriffen des 19. Jahrhunderts auf längst vergangene Zeitalter, in denen völlig andere Kategorien galten. Diese Denkweise prägte die Anthropologie bis in die 1960er Jahre, die Ur- und Frühgeschichte eher noch länger und die Populärwissenschaft, zu denen ich auch die Konversationslexika rechne bis in die 80er.
Das bekannteste Beispiel ist der Mythos von der germanischen Völkerwanderung.
Während die lange Zeit vorherrschende Auffassung davon ausging, dass hier geschlossene, in sich konsistente Völker wanderten zeichnet die heutige Geschichtswissenschaft ein völlig anderes Bild.
Ich möchte das an einem der prominentesten "Völker" deutlich machen, den Goten. Die populäre Geschichtsdarstellung, das, was ich noch in der Schule lernte war die Vorstellung eines in Südosteuropa siedelnden germanischen Volks der Goten, das sich in Westgoten (Siedlungsraum Donaudelta bis Djnestr) und Ostgoten (Siedlungsraum Djnestr bis Donez, außerdem Krim) aufteilte, wobei beide Gruppen nach dem Einfall der Hunnen jeweils geschlossen nach Westen wanderten, die Einen als Gegner, die Anderen als Zwangsverbündete der Hunnen.
Heutige historische Forschungen gehen davon aus, dass es ein solches Volk der Goten niemals gab. Was es gab waren die germanischen Stämme der Terwingen, Greutungen und Gepiden, die eine gemeinsame Sprache und Kultur teilten und die Region Rumänien nördlich der Donau, Ukraine bis zum Donez und Krim sowie Teile der Slowakei besiedelten.
Unter dem Eindruck der von Osten her vordringenden Hunnen und nach Verhandlungen mit den Römern über das Recht, auf Reichsgebiet zu siedeln drang eine Gruppe von Terwingen nach Westen vor, etwas zeitverzögert als Verbündete der Alanen und zeitweilige Bundesgenossen der Hunnen Greutungen. In beiden Fällen wanderten keine Völker oder kompletten Stämme, sondern Heeresverbände mit den Frauen und Kindern der Krieger im Troß. Die Mehrheit der Greutungen, Terwingen und Gepiden blieb also in der Heimat zurück. Die Ethnogenese vollzog sich erst auf der Wanderung, Terwingen wurden auf der Westwanderung zu Westgoten und Greutungen zu Ostgoten, benannt nach der "Getika", der römischen Bezeichnung für Südosteuropa nördlich der Donau. Das "Westgotenreich" in Spanien und das "Ostgotenreich" in Italien waren also keine ethnischen Reichsgründungen bestimmter Germanenstämme, sondern nur dynastische Herrschaften, die von Königen dieser Stämme und ihrem kriegerischen Gefolge gestellt wurden.
Also gab es auch keinen "Völkertod", wie ihn sich die in rassenhygienischer Tradition stehenden AnthropologInnen Schwidetzky und Mühlmann herbeifantasierten, sondern nur ein unspektakuläres Abtreten von Herrscherhäusern und einem Aufgehen ihrer Gefolgegruppen in der Umgebungsbevölkerung.
Das bedeutet aber auch, dass keine sogenannten Goten aus ihrer Heimat in Rumänien und der Ukraine komplett abwanderten. Sie verschwanden aber aus der Geschichte, ebenso wie die alten Völker des Balkan. Die Thraker, die den europäischen Teil der heutigen Türkei, den äußersten Nordosten Griechenlands östlich von Thessaloniki und das heutige Bulgarien bewohnten, die Daker, welche das heutige Rumänien bevölkerten, die Geten am Goldstrand und im Donaudelta, die Mösier (ein thrakischer Stamm) in den westlich daran anschließenden Donauauen waren alles graecoillyrische Völker mit Sprachen, die dem Griechischen so ähnlich waren wie sich Spanisch, Italienisch und Okzitanisch oder Dänisch, Norwegisch und Isländisch ähneln.
Das heutige Albanien, Kosovo, Montenegro und Bosnien wurden von Illyrern bevölkert, die eine archaische Form des Albanischen sprachen, während in Pannonien, dem heutigen Serbien, Ungarn, Burgenland und Oststeiermark eine keltische Sprache gesprochen wurde. Oder möglicherweise auch eine Kreolsprache aus keltisch und einer graecolillyrischen Sprache.
Außer dem Illyrischen verschwanden diese Sprachen nach 500, seit etwa 600 tauchen in byzantinischen Berichten in der Region Slawen auf. Das Altslawische hatte eine sehr dem Griechischen ähnliche Grammatik mit sieben Fällen und Wortstämme, die sich mit "Germanisch mit Lautverschiebung" ganz gut beschreiben lassen. Hat hier eine ethnische Verschmelzung stattgefunden?
Das Russische dürfte auf eine Jahrhunderte später stattfindende Verbindung des Altslawischen mit dem Altnordischen zurückzuführen sein.
Am Wenigsten erforscht und bekannt ist der Ursprung der slawischen Sprachen, und die gängigen Theorien hierzu halte ich für höchst zweifelhaft.
Eine besagt, es hätten sich zunächst durch Lautverschiebung die baltischen aus den germanischen Sprachen abgespalten und dann durch eine weitere Lautverschiebung die slawischen aus den baltischen. Wenn das stattgefunden hätte wäre also eine West-Ost-Wanderungsbewegung von Germanien zum Baltikum und weiter nach Belarus und Russland Voraussetzung, oder von Skandinavien zum Baltikum und weiter. Archäologisch oder aus der Überlieferung gibt es hierfür keinerlei Belege.
Während diese Theorie rein sprachtheoretisch begründet ist, geht die zweite von historisch bekannten Wanderungsbewegungen aus und verortet die Urheimat aller Slawen in den Pripjetsümpfen, also in der Umgebung von Tschernobyl. Auch diesen Ansatz halte ich für hochproblematisch.
Das Problem bei den slawischen Stämmen ist die Tatsache, dass diese sozusagen in der Geschichte plötzlich auftauchen. Während die Kelten und Germanen seit der Bronzezeit belegt sind, erscheinen Slawen erst in byzantinischen Quellen aus der Zeit um 600 n. Chr.
Die Pripjet-Theorie folgt einem Erklärungsmuster, das in der Ur- und Frühgeschichte und Anthropologie einmal sehr verbreitet war und letztendlich sehr völkisch daherkommt.
Völkische Wissenschaft
Dies nicht in einem antisemitischen Sinn, sondern so, dass ethnische Gruppen aus der Isolation her begriffen werden als Abstammungsgemeinschaften, die an einem bestimmten Ort sich bilden und von da aus sich ausbreiten, als in sich geschlossene "Volkskörper" mit einem gemeinsamen Selbstverständnis. Sozialdarwinistische Vorstellungen von Völkern als biologische Abstammungsgemeinschaften wurden verbunden mit einer Rückprojektion von Nationenbegriffen des 19. Jahrhunderts auf längst vergangene Zeitalter, in denen völlig andere Kategorien galten. Diese Denkweise prägte die Anthropologie bis in die 1960er Jahre, die Ur- und Frühgeschichte eher noch länger und die Populärwissenschaft, zu denen ich auch die Konversationslexika rechne bis in die 80er.
Das bekannteste Beispiel ist der Mythos von der germanischen Völkerwanderung.
Während die lange Zeit vorherrschende Auffassung davon ausging, dass hier geschlossene, in sich konsistente Völker wanderten zeichnet die heutige Geschichtswissenschaft ein völlig anderes Bild.
Ich möchte das an einem der prominentesten "Völker" deutlich machen, den Goten. Die populäre Geschichtsdarstellung, das, was ich noch in der Schule lernte war die Vorstellung eines in Südosteuropa siedelnden germanischen Volks der Goten, das sich in Westgoten (Siedlungsraum Donaudelta bis Djnestr) und Ostgoten (Siedlungsraum Djnestr bis Donez, außerdem Krim) aufteilte, wobei beide Gruppen nach dem Einfall der Hunnen jeweils geschlossen nach Westen wanderten, die Einen als Gegner, die Anderen als Zwangsverbündete der Hunnen.
Heutige historische Forschungen gehen davon aus, dass es ein solches Volk der Goten niemals gab. Was es gab waren die germanischen Stämme der Terwingen, Greutungen und Gepiden, die eine gemeinsame Sprache und Kultur teilten und die Region Rumänien nördlich der Donau, Ukraine bis zum Donez und Krim sowie Teile der Slowakei besiedelten.
Unter dem Eindruck der von Osten her vordringenden Hunnen und nach Verhandlungen mit den Römern über das Recht, auf Reichsgebiet zu siedeln drang eine Gruppe von Terwingen nach Westen vor, etwas zeitverzögert als Verbündete der Alanen und zeitweilige Bundesgenossen der Hunnen Greutungen. In beiden Fällen wanderten keine Völker oder kompletten Stämme, sondern Heeresverbände mit den Frauen und Kindern der Krieger im Troß. Die Mehrheit der Greutungen, Terwingen und Gepiden blieb also in der Heimat zurück. Die Ethnogenese vollzog sich erst auf der Wanderung, Terwingen wurden auf der Westwanderung zu Westgoten und Greutungen zu Ostgoten, benannt nach der "Getika", der römischen Bezeichnung für Südosteuropa nördlich der Donau. Das "Westgotenreich" in Spanien und das "Ostgotenreich" in Italien waren also keine ethnischen Reichsgründungen bestimmter Germanenstämme, sondern nur dynastische Herrschaften, die von Königen dieser Stämme und ihrem kriegerischen Gefolge gestellt wurden.
Also gab es auch keinen "Völkertod", wie ihn sich die in rassenhygienischer Tradition stehenden AnthropologInnen Schwidetzky und Mühlmann herbeifantasierten, sondern nur ein unspektakuläres Abtreten von Herrscherhäusern und einem Aufgehen ihrer Gefolgegruppen in der Umgebungsbevölkerung.
Das bedeutet aber auch, dass keine sogenannten Goten aus ihrer Heimat in Rumänien und der Ukraine komplett abwanderten. Sie verschwanden aber aus der Geschichte, ebenso wie die alten Völker des Balkan. Die Thraker, die den europäischen Teil der heutigen Türkei, den äußersten Nordosten Griechenlands östlich von Thessaloniki und das heutige Bulgarien bewohnten, die Daker, welche das heutige Rumänien bevölkerten, die Geten am Goldstrand und im Donaudelta, die Mösier (ein thrakischer Stamm) in den westlich daran anschließenden Donauauen waren alles graecoillyrische Völker mit Sprachen, die dem Griechischen so ähnlich waren wie sich Spanisch, Italienisch und Okzitanisch oder Dänisch, Norwegisch und Isländisch ähneln.
Das heutige Albanien, Kosovo, Montenegro und Bosnien wurden von Illyrern bevölkert, die eine archaische Form des Albanischen sprachen, während in Pannonien, dem heutigen Serbien, Ungarn, Burgenland und Oststeiermark eine keltische Sprache gesprochen wurde. Oder möglicherweise auch eine Kreolsprache aus keltisch und einer graecolillyrischen Sprache.
Außer dem Illyrischen verschwanden diese Sprachen nach 500, seit etwa 600 tauchen in byzantinischen Berichten in der Region Slawen auf. Das Altslawische hatte eine sehr dem Griechischen ähnliche Grammatik mit sieben Fällen und Wortstämme, die sich mit "Germanisch mit Lautverschiebung" ganz gut beschreiben lassen. Hat hier eine ethnische Verschmelzung stattgefunden?
Das Russische dürfte auf eine Jahrhunderte später stattfindende Verbindung des Altslawischen mit dem Altnordischen zurückzuführen sein.
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Freitag, 2. Juli 2021
Wie alles anfing. Vom Ursprung linker Szene-Moral und destruktiver Selbstzerknirschungsdiskurse
che2001, 13:10h
Anknüpfend an diesen Thread bei Bersarin
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/28/die-tonspur-zu-wiglaf-drostes-60-geburtstag-nachtraglich/#comment-20580
den mein Thema bei weitem sprengen würde möchte ich nachzeichnen, wie das repressiv-moralinsaure Klima, das heute weit über explizit linke Milieus hinaus die sogenannte liberale Öffentlichkeit prägt einmal entstanden ist - bzw. den Anteil, den ich aus eigenem Erleben kenne.
Die heutigen sozialen Medien sind so, als ob man eine der damaligen Plenumsdiskussionen, die aus gutem Grund in geschlossenen handverlesenen Runden stattfanden, life mitschneiden und ins Internet stellen würde. Was es aber gab waren Szenezeitschriften, die, mal in Magazinstärke, mal Faltblätter, mal in großer Auflage gedruckt, mal hektografiert, den Diskurs vorantrieben. Das war nicht der Diskurs der Aktionsbündnisse oder langfristiger Arbeitsgruppen oder akademischer Zirkel, die Zeitschriften wie Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat, Grundrisse oder Prokla (=Probleme des Klassenkampfes) hervorbrachten, sondern die Vulgärform. Pflasterstrand, zitty, radikal, Interim, Tüte (steht, glaube ich, für Tübinger Telegramm), Göttinger Drucksache, Das Nestbeschmutz (letzteres hatte auch eine sehr elaborierte situationistische Phase).
An zwei Themensträngen wird die extreme Moralisierung linker Lebenswelten sichtbar, nämlich Sexismus und Antisemitismus.
Die Sexismusdebatte speiste sich ursprünglich aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen, einmal der Ende der Achtziger von der Emma betriebenen Anti-Porno-Kampagne und einmal dem Bekanntwerden von Vergewaltigungen in linken Szenezusammenhängen. Nirgendwo vollzog sich die Entwicklung von der Tragödie zur Farce so schnell wie hier. Nachdem seit 1986 in der Zeitschrift Atom Express es Kritiken am Macho-Poser-Verhalten autonomer Männer am Wackersdorfer Bauzaun gegeben hatte, traf das Vergewaltigungsthema auf ein vorbereitetes Publikum.
Die Fälle von Vergewaltigungen die 1987 bekannt wurden bezogen sich auf eine der radikalsten Fraktionen der Berliner autonomen Szene. Im Mittelpunkt standen Männer, die in einer besetzten früheren Fabrik Kampfsport trainierten und den härtesten Kern des Schwarzen Blocks bildeten. Mit Vierkanthölzern und Stahlhelmen ausgerüstet hielten sie auch Elitetruppen der Polizei wie der ELBT stand. Im Gegensatz zu Städten wie Hamburg, Bremen oder Göttingen, wo auch solche Kreise immer noch an eine studentisch geprägte und intellektuelle autonome Szene angebunden waren, waren diese Leute eher eine Zwischenstufe aus Autonomen und Kleinkriminellen. Einige der Kampfsportler boten auch Dealern oder Zuhältern ihre Dienste als bezahlte Schläger an. Dass aus solchem Milieu heraus Vergewaltigungen begangen wurden muss nicht weiter verwundern. Umso verwunderlicher ist die Entwicklung, die dann einsetzte.
Innerhalb kurzer Zeit verbreiteten sich über Szenemedien bundesweit Outings von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, die eine allgemeine Sexismusdebatte in Gang setzten. So berechtigt dies am Anfang und im Grunde war, es eskalierte sehr schnell. Bis 1990 war das so weit, dass eine westdeutsche Stadt nach der anderen - bzw. die jeweilige linksradikale Szene dort - ihre Outings von Sexisten meldete, als sei das eine Kampagne oder ein Wettbewerb. Die an sich berechtigte Position, dass die Definitionsmacht darüber was eine Vergewaltigung sei stets beim Opfer zu liegen habe wurde dahingehend inflationiert, dass auch einvernehmlicher Sex, bei dem die Frau sich schlecht gefühlt habe, Ekelgefühle bei bestimmten sexuellen Praktiken usw. als Vergewaltigung behandelt wurden, bis hin zu Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr, oder einem Hausverbot wegen des Vorwurfs, einen Porno gucken zu wollen der nicht einmal stimmte. Erschwerend kam hinzu, dass gerade die selbstkritischen, ihre Rolle hinterfragenden Männer eher unter die Räder kamen als selbstsichere Machos.
Entsprechend veränderte sich das Klima in einer linken Szene, in der bis dato offene Zweierbeziehungen mit erlaubten Seitensprüngen das role model gewesen und One Night Stands nach Parties allgemein üblich waren in Richtung gehemmt-repressiv, was Sexualität anging.
Parallel entwickelten sich die Dinge beim Thema Antisemitismus. Bis in die frühen Neunziger war in der linksradikalen Szene ein Antiimperialismus vorherrschend, bei dem Israel und die USA als Hauptmächte des Imperialismus angesehen wurden. Abgesehen von solch speziellen Geschichten wie der engen Bindung von RAF und ähnlichen Guerrilla-Organisationen an bestimmte Palästinensergruppen war die verbreitete, in der Linken konsensfähige Antiimperialismusposition die, dass USA, Israel und die lateinamerikanischen Militärdiktaturen Chile, Argentinien und Uruguay sowie Apartheid-Südafrika die Frontmächte des Imperialismus seien. Die mit CIA-Hilfe an die Macht gebrachten Diktatoren, Südafrika und Israel einte die Tatsache, dass sie in der UN mit Boykotten und Resolutionen isolierte Parias waren. Diese halfen sich nun gegenseitig mit Waffenlieferungen und Geheimdiensten. Aus antiimperialistischer Sicht stellten sie eine Art dritten Block dar.
Dies hätte sich nun auch einfach als pragmatische und opportunistische Kooperation aus einer Gemengelage heraus betrachten lassen. Neomarxistische Linke wären dies aber nicht, wenn sie zu dieser Konstellation nicht mit einer eigenen Theorie hätten aufwarten können, und das war die der Siedlerstaaten. USA, Chile, Argentinien, Uruguay, Südafrika und Israel einte allesamt die Tatsache, dass es Länder waren in denen eingewanderte weisse Eliten die autochthone Bevölkerung unterdrückten oder sogar ausgerottet hatten. Daher seien diese die reaktionärsten Mächte des Imperialismus, analog zum Faschismus als reaktionärste Form bürgerlicher Herrschaft.
An diesem Modell wurde seit etwa 1990 innerlinke Kritik geübt, einmal vom Lager des neuen Antiimperialismus aus und einmal von den Antideutschen.
Der neue Antiimperialismus kritisierte die auf Staaten, nationale Befreiungsbewegungen und linearen Fortschritt ausgerichtete Sichtweise des klassischen Antiimperialismus und setzte dem eine generelle Kapitalismuskritik und eine Bezugnahme auf die armen Massen in den Ländern des Trikont entgegen, die sich auch gegen die generelle Befürwortung nationaler Befreiungsbewegungen richtete.
Die Antideutschen kritisierten die antiimperialistische Frontbildung mit einer Liste als gegeben angesehener Feindstaaten als strukturellen Antisemitismus.
Es wäre sinnvoll gewesen, die Siedlertheorie und die Konzeption Israels als historisch notwendige Antwort auf die Shoah als verschiedene Fluchtpunkte einer Befreiungstheorie zu kontextualisieren, genau das geschah aber nicht.
Noch bevor Antideutsche anfingen, sich mit der Zahal zu identifizieren setzte, wiederum transportiert durch die damaligen Szenemedien, eine Entwicklung ein, die sehr analog zu "fangt den Vergewaltiger" verlief, diesmal "fangt den Antisemiten". Statt eine Theoriedebatte zu führen wurde, ausgehend vom Freiburger ISF ein Denunziantentum in Gang gesetzt, das so ging: "Du hast eine Solidaritätsaktion für die DFLP, die PKK, die EZLN, die Peshmerga unterstützt? Ja weisst Du denn nicht, das wir deren Antiimperialismus als Antisemitismus enttarnt haben?
Erkenne Deinen inneren Antisemitismus!".
Besonders übel tat sich unter den Bußpredigern des linken.-Antisemitismus-wo-man hinschaut-und-überhaupt damals Stephan Grigat hervor.
Das lief so in den Szenezusammenhängen, sich teilweise mit der Antisexismusdebatte überschneidend, etwa von 1991 bis 1995 ab, um dann nach dem 11. 09. 2001 mit unerwarteter Heftigkeit erneut aufzuploppen.
Beide Stränge schufen die Matrix, vor der sich die moralinsauren, zensurgeilen Diskursmuster von Gedichtüberpinslern bis Mädchenmannschaft, von linken Ausschlusskomitees bis "linksliberalem" Feuilleton (oder doch besser Fäuleton?) wie wir sie heute erleben entfalteten.
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/28/die-tonspur-zu-wiglaf-drostes-60-geburtstag-nachtraglich/#comment-20580
den mein Thema bei weitem sprengen würde möchte ich nachzeichnen, wie das repressiv-moralinsaure Klima, das heute weit über explizit linke Milieus hinaus die sogenannte liberale Öffentlichkeit prägt einmal entstanden ist - bzw. den Anteil, den ich aus eigenem Erleben kenne.
Die heutigen sozialen Medien sind so, als ob man eine der damaligen Plenumsdiskussionen, die aus gutem Grund in geschlossenen handverlesenen Runden stattfanden, life mitschneiden und ins Internet stellen würde. Was es aber gab waren Szenezeitschriften, die, mal in Magazinstärke, mal Faltblätter, mal in großer Auflage gedruckt, mal hektografiert, den Diskurs vorantrieben. Das war nicht der Diskurs der Aktionsbündnisse oder langfristiger Arbeitsgruppen oder akademischer Zirkel, die Zeitschriften wie Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat, Grundrisse oder Prokla (=Probleme des Klassenkampfes) hervorbrachten, sondern die Vulgärform. Pflasterstrand, zitty, radikal, Interim, Tüte (steht, glaube ich, für Tübinger Telegramm), Göttinger Drucksache, Das Nestbeschmutz (letzteres hatte auch eine sehr elaborierte situationistische Phase).
An zwei Themensträngen wird die extreme Moralisierung linker Lebenswelten sichtbar, nämlich Sexismus und Antisemitismus.
Die Sexismusdebatte speiste sich ursprünglich aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen, einmal der Ende der Achtziger von der Emma betriebenen Anti-Porno-Kampagne und einmal dem Bekanntwerden von Vergewaltigungen in linken Szenezusammenhängen. Nirgendwo vollzog sich die Entwicklung von der Tragödie zur Farce so schnell wie hier. Nachdem seit 1986 in der Zeitschrift Atom Express es Kritiken am Macho-Poser-Verhalten autonomer Männer am Wackersdorfer Bauzaun gegeben hatte, traf das Vergewaltigungsthema auf ein vorbereitetes Publikum.
Die Fälle von Vergewaltigungen die 1987 bekannt wurden bezogen sich auf eine der radikalsten Fraktionen der Berliner autonomen Szene. Im Mittelpunkt standen Männer, die in einer besetzten früheren Fabrik Kampfsport trainierten und den härtesten Kern des Schwarzen Blocks bildeten. Mit Vierkanthölzern und Stahlhelmen ausgerüstet hielten sie auch Elitetruppen der Polizei wie der ELBT stand. Im Gegensatz zu Städten wie Hamburg, Bremen oder Göttingen, wo auch solche Kreise immer noch an eine studentisch geprägte und intellektuelle autonome Szene angebunden waren, waren diese Leute eher eine Zwischenstufe aus Autonomen und Kleinkriminellen. Einige der Kampfsportler boten auch Dealern oder Zuhältern ihre Dienste als bezahlte Schläger an. Dass aus solchem Milieu heraus Vergewaltigungen begangen wurden muss nicht weiter verwundern. Umso verwunderlicher ist die Entwicklung, die dann einsetzte.
Innerhalb kurzer Zeit verbreiteten sich über Szenemedien bundesweit Outings von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, die eine allgemeine Sexismusdebatte in Gang setzten. So berechtigt dies am Anfang und im Grunde war, es eskalierte sehr schnell. Bis 1990 war das so weit, dass eine westdeutsche Stadt nach der anderen - bzw. die jeweilige linksradikale Szene dort - ihre Outings von Sexisten meldete, als sei das eine Kampagne oder ein Wettbewerb. Die an sich berechtigte Position, dass die Definitionsmacht darüber was eine Vergewaltigung sei stets beim Opfer zu liegen habe wurde dahingehend inflationiert, dass auch einvernehmlicher Sex, bei dem die Frau sich schlecht gefühlt habe, Ekelgefühle bei bestimmten sexuellen Praktiken usw. als Vergewaltigung behandelt wurden, bis hin zu Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr, oder einem Hausverbot wegen des Vorwurfs, einen Porno gucken zu wollen der nicht einmal stimmte. Erschwerend kam hinzu, dass gerade die selbstkritischen, ihre Rolle hinterfragenden Männer eher unter die Räder kamen als selbstsichere Machos.
Entsprechend veränderte sich das Klima in einer linken Szene, in der bis dato offene Zweierbeziehungen mit erlaubten Seitensprüngen das role model gewesen und One Night Stands nach Parties allgemein üblich waren in Richtung gehemmt-repressiv, was Sexualität anging.
Parallel entwickelten sich die Dinge beim Thema Antisemitismus. Bis in die frühen Neunziger war in der linksradikalen Szene ein Antiimperialismus vorherrschend, bei dem Israel und die USA als Hauptmächte des Imperialismus angesehen wurden. Abgesehen von solch speziellen Geschichten wie der engen Bindung von RAF und ähnlichen Guerrilla-Organisationen an bestimmte Palästinensergruppen war die verbreitete, in der Linken konsensfähige Antiimperialismusposition die, dass USA, Israel und die lateinamerikanischen Militärdiktaturen Chile, Argentinien und Uruguay sowie Apartheid-Südafrika die Frontmächte des Imperialismus seien. Die mit CIA-Hilfe an die Macht gebrachten Diktatoren, Südafrika und Israel einte die Tatsache, dass sie in der UN mit Boykotten und Resolutionen isolierte Parias waren. Diese halfen sich nun gegenseitig mit Waffenlieferungen und Geheimdiensten. Aus antiimperialistischer Sicht stellten sie eine Art dritten Block dar.
Dies hätte sich nun auch einfach als pragmatische und opportunistische Kooperation aus einer Gemengelage heraus betrachten lassen. Neomarxistische Linke wären dies aber nicht, wenn sie zu dieser Konstellation nicht mit einer eigenen Theorie hätten aufwarten können, und das war die der Siedlerstaaten. USA, Chile, Argentinien, Uruguay, Südafrika und Israel einte allesamt die Tatsache, dass es Länder waren in denen eingewanderte weisse Eliten die autochthone Bevölkerung unterdrückten oder sogar ausgerottet hatten. Daher seien diese die reaktionärsten Mächte des Imperialismus, analog zum Faschismus als reaktionärste Form bürgerlicher Herrschaft.
An diesem Modell wurde seit etwa 1990 innerlinke Kritik geübt, einmal vom Lager des neuen Antiimperialismus aus und einmal von den Antideutschen.
Der neue Antiimperialismus kritisierte die auf Staaten, nationale Befreiungsbewegungen und linearen Fortschritt ausgerichtete Sichtweise des klassischen Antiimperialismus und setzte dem eine generelle Kapitalismuskritik und eine Bezugnahme auf die armen Massen in den Ländern des Trikont entgegen, die sich auch gegen die generelle Befürwortung nationaler Befreiungsbewegungen richtete.
Die Antideutschen kritisierten die antiimperialistische Frontbildung mit einer Liste als gegeben angesehener Feindstaaten als strukturellen Antisemitismus.
Es wäre sinnvoll gewesen, die Siedlertheorie und die Konzeption Israels als historisch notwendige Antwort auf die Shoah als verschiedene Fluchtpunkte einer Befreiungstheorie zu kontextualisieren, genau das geschah aber nicht.
Noch bevor Antideutsche anfingen, sich mit der Zahal zu identifizieren setzte, wiederum transportiert durch die damaligen Szenemedien, eine Entwicklung ein, die sehr analog zu "fangt den Vergewaltiger" verlief, diesmal "fangt den Antisemiten". Statt eine Theoriedebatte zu führen wurde, ausgehend vom Freiburger ISF ein Denunziantentum in Gang gesetzt, das so ging: "Du hast eine Solidaritätsaktion für die DFLP, die PKK, die EZLN, die Peshmerga unterstützt? Ja weisst Du denn nicht, das wir deren Antiimperialismus als Antisemitismus enttarnt haben?
Erkenne Deinen inneren Antisemitismus!".
Besonders übel tat sich unter den Bußpredigern des linken.-Antisemitismus-wo-man hinschaut-und-überhaupt damals Stephan Grigat hervor.
Das lief so in den Szenezusammenhängen, sich teilweise mit der Antisexismusdebatte überschneidend, etwa von 1991 bis 1995 ab, um dann nach dem 11. 09. 2001 mit unerwarteter Heftigkeit erneut aufzuploppen.
Beide Stränge schufen die Matrix, vor der sich die moralinsauren, zensurgeilen Diskursmuster von Gedichtüberpinslern bis Mädchenmannschaft, von linken Ausschlusskomitees bis "linksliberalem" Feuilleton (oder doch besser Fäuleton?) wie wir sie heute erleben entfalteten.
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Dienstag, 22. Juni 2021
Wider das Vergessen!
che2001, 16:48h
Genosse Bersarin zum Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion.
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/22/22-juni-1941-wer-wind-sat-wird-sturm-ernten/
Ach ja, und zwei Jahre später war Kursk.
https://www.youtube.com/watch?v=4HOcCfNnRVg
https://bersarin.wordpress.com/2021/06/22/22-juni-1941-wer-wind-sat-wird-sturm-ernten/
Ach ja, und zwei Jahre später war Kursk.
https://www.youtube.com/watch?v=4HOcCfNnRVg
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Samstag, 12. Juni 2021
Neuer Antiimperialismus: Anmerkungen zu einer komplexen Theorie
che2001, 21:50h
Ausgehend von der Tatsache, dass der marxistische Klassenbegriff seit Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr anwendbar war, hinsichtlich der Frauenfrage und hinsichtlich Rassismus seine Blindstellen hatte und der marxistisch-leninistische klassische Antiimperialismus antisemitische Züge angenommen hatte wurde von überwiegend westdeutschen Linken, allerdings in enger Zusammenarbeit mit britischen, belgischen, französischen und US-amerikanischen Gruppen seit den 1980ern der Neue Antiimperialismus entwickelt, der als offenes Theorieprojekt bis heute weiterentwickelt wird.
Ursprünglich zurückgehend auf die Tübinger Internationalismustage von 1982 und die Diskussionszusammemhänge zwischen entwicklungspolitischen Aktionsgruppen, Weltläden und HistorikerInnen im Umfeld der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wurden die Kerngedanken des Neuen Antiimperialismus hauptsächlich in den Zeitschriften Materialien für einen neuen Antiimperialismus und Wildcat ausgebreitet und weiterentwickelt.
http://www.materialien.org/texte/materialien/edit88.html
"Materialien für einen Neuen Antiimperialismus" meint hierbei nicht, Ex Cathedra eine Leitlinie zu verkündigen, wie Antiimperialismus auszusehen hätte, sondern, gestützt auf Forschungsmethoden der Alltagsgeschichte und Mikrohistorie, Diskussionsansätze zu entwickeln, die für die Linke brauchbar sein können, um das heutige Weltgeschehen überhaupt begreifbar zu machen. Neuer Antiimperialismus ist zunächst mal eine Absetzbewegung zum klassischen Antiimperialismus, der daraus bestand, die Weltpolitik der USA, der EU und die Rolle Israels im Mittleren Osten zu kritisieren und einen Internationalismus zu vertreten, der eine Frontstellung der marxistischen Befreiungsbewegungen gegen diese Kräfte beinhaltete. Dagegen meint Neuer Antiimperialismus, sich auf Kämpfe um das unmittelbare Existenzrecht, die Verteidigung bäuerlicher Subsistenz usw. in den drei Kontinenten zu beziehen und diese mit Arbeitskämpfen hierzulande zu verbinden, d. h. nicht an Staaten, Parteien oder Guerrillabewegungen anzulehnen, sondern an soziale Prozesse.
Anders gesagt: Es geht um die Verteidigung vorhandener sozialer Standards und um die Entwicklung von Perspektiven zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse aus Sicht der Deklassierten. Es handelte sich um eine Verbindung aus italienischem Operaismus mit der zentralen Vorstellung von ArbeiterInnenkämpfen als Kämpfe gegen die entfremdete Arbeit an sich mit einem starken Mensch-Maschine-Dualismus, dem Versuch, Marx mit Bakunin und Weitling zusammen zu denken, der Dependenztheorie, welche den kulturellen und politökonomischen Zusammenhängen in den Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Entwicklungs- Schwellen- und Metropolenländern nachging und den Ansätzen der ?Anderen Arbeitergeschichte?, die Geschichtswissenschaft als Alltagsgeschichte aus der Perspektive von unten betrieb.
Als Gegenposition zum Klassischen Antiimperialismus wurden Ansätze, die sich auf Klassenkämpfe und soziale Proteste in den Metropolen ebenso bezogen wie auf Hungerrevolten und Brotpreisaufstände im Trikont mit einem zwischen Marx, Foucault und der Dependenztheorie aufgespannten Theoriegebäude kontextualisiert. Daran anküpfend wurde die Theorie der permanenten Neuzusammensetzung der Unterklasse in den 1990er Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten von dem deutschen Historiker Karl Heinz Roth, der Redaktionsgruppe Materialien für einen neuen AntImperialismus und etwas später auch Slavoj Zizek entwickelt.
Hierbei geht es um folgendes: Da die Industriearbeiterschaft in den Metropolenstaaten kein objektives Proletariat mehr ist, sie lebt nicht mehr in Armut und hat einen bürgerlichen Lebensstil angenommen, zugleich aber ständig neue Armut produziert wird, Leiharbeiter, Zeitarbeiter, Billiglohnsektor, Pauperisierung kleiner Angestelltenmilieus kann davon gesprochen werden dass ein neues, heterogenes Proletariat am Entstehen ist. Dazu gehört dann auch die Deklassierung von Berufsfeldern die früher mal Hochlohnsektoren waren, z.B. in der IT und im Marketing, Stichwort Dauerpraktikanten und outgesourcte Billigpixler.
Bei Hartmann, Roth und den Materialien für einen neuen Antiimperialismus wird das mit einer Entwicklungstheorie verbunden die nach den Interessen der armen Menschen im Trikont und nach den Möglichkeiten praktischer Solidarität fragt, also sich für die kleinen Leute interessiert und sich von der ausschließlichen Orientierung des alten Antiimperialismus an der Solidarität mit Befreiungsbewegungen abwendet.
Zizek hingegen hat eine operaistische Sichtweise zusammengebracht mit Laclau und Mouffe, die davon ausgingen dass in der postmodernen Gesellschaft andere Kämpfe als bisherige Klassenkämpfe relevant werden, nämlich die Kämpfe marginalisierter Gruppen wie Frauen, Schwule, Lesben, Migranten u.a. und dass für diese Gruppen eine Befreiungsperspektive nur sichtbar wird, wenn sie ihre radikal subjektive Eigenperspektive gegen den gesellschaftlichen Mainstream wenden.
Wobei Chantal Mouffe als Antwort auf den erstarkenden Rechtspopulismus weltweit einen Populismus von links fordert, der polemisch, laut, aggressiv und politisch unkorrekt zu sein habe, bei ihr vermischen sich die Positionen Foucaults und des Operaismus mit situationistischen Ideen.
Daran anküpfend vertritt Zizek einen radikalen Partikularismus, der erst in der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden zur Möglichkeit kommt,Einfluss auf das Allgemeine zu nehmen oder sogar zum Allgemeinen zu werden. In der gemeinsam mit Detlef Hartmann verfassten Antwort auf "Empire" von Negri und Hardt läuft das auf eine neue Revolutionstheorie hinaus.
https://www.assoziation-a.de/buch/Die_Zeit_der_Autonomie
http://assoziation-a.de/buch/Hartmann_Empire
https://de.wikipedia.org/wiki/Detlef_Hartmann
Ursprünglich zurückgehend auf die Tübinger Internationalismustage von 1982 und die Diskussionszusammemhänge zwischen entwicklungspolitischen Aktionsgruppen, Weltläden und HistorikerInnen im Umfeld der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wurden die Kerngedanken des Neuen Antiimperialismus hauptsächlich in den Zeitschriften Materialien für einen neuen Antiimperialismus und Wildcat ausgebreitet und weiterentwickelt.
http://www.materialien.org/texte/materialien/edit88.html
"Materialien für einen Neuen Antiimperialismus" meint hierbei nicht, Ex Cathedra eine Leitlinie zu verkündigen, wie Antiimperialismus auszusehen hätte, sondern, gestützt auf Forschungsmethoden der Alltagsgeschichte und Mikrohistorie, Diskussionsansätze zu entwickeln, die für die Linke brauchbar sein können, um das heutige Weltgeschehen überhaupt begreifbar zu machen. Neuer Antiimperialismus ist zunächst mal eine Absetzbewegung zum klassischen Antiimperialismus, der daraus bestand, die Weltpolitik der USA, der EU und die Rolle Israels im Mittleren Osten zu kritisieren und einen Internationalismus zu vertreten, der eine Frontstellung der marxistischen Befreiungsbewegungen gegen diese Kräfte beinhaltete. Dagegen meint Neuer Antiimperialismus, sich auf Kämpfe um das unmittelbare Existenzrecht, die Verteidigung bäuerlicher Subsistenz usw. in den drei Kontinenten zu beziehen und diese mit Arbeitskämpfen hierzulande zu verbinden, d. h. nicht an Staaten, Parteien oder Guerrillabewegungen anzulehnen, sondern an soziale Prozesse.
Anders gesagt: Es geht um die Verteidigung vorhandener sozialer Standards und um die Entwicklung von Perspektiven zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse aus Sicht der Deklassierten. Es handelte sich um eine Verbindung aus italienischem Operaismus mit der zentralen Vorstellung von ArbeiterInnenkämpfen als Kämpfe gegen die entfremdete Arbeit an sich mit einem starken Mensch-Maschine-Dualismus, dem Versuch, Marx mit Bakunin und Weitling zusammen zu denken, der Dependenztheorie, welche den kulturellen und politökonomischen Zusammenhängen in den Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Entwicklungs- Schwellen- und Metropolenländern nachging und den Ansätzen der ?Anderen Arbeitergeschichte?, die Geschichtswissenschaft als Alltagsgeschichte aus der Perspektive von unten betrieb.
Als Gegenposition zum Klassischen Antiimperialismus wurden Ansätze, die sich auf Klassenkämpfe und soziale Proteste in den Metropolen ebenso bezogen wie auf Hungerrevolten und Brotpreisaufstände im Trikont mit einem zwischen Marx, Foucault und der Dependenztheorie aufgespannten Theoriegebäude kontextualisiert. Daran anküpfend wurde die Theorie der permanenten Neuzusammensetzung der Unterklasse in den 1990er Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten von dem deutschen Historiker Karl Heinz Roth, der Redaktionsgruppe Materialien für einen neuen AntImperialismus und etwas später auch Slavoj Zizek entwickelt.
Hierbei geht es um folgendes: Da die Industriearbeiterschaft in den Metropolenstaaten kein objektives Proletariat mehr ist, sie lebt nicht mehr in Armut und hat einen bürgerlichen Lebensstil angenommen, zugleich aber ständig neue Armut produziert wird, Leiharbeiter, Zeitarbeiter, Billiglohnsektor, Pauperisierung kleiner Angestelltenmilieus kann davon gesprochen werden dass ein neues, heterogenes Proletariat am Entstehen ist. Dazu gehört dann auch die Deklassierung von Berufsfeldern die früher mal Hochlohnsektoren waren, z.B. in der IT und im Marketing, Stichwort Dauerpraktikanten und outgesourcte Billigpixler.
Bei Hartmann, Roth und den Materialien für einen neuen Antiimperialismus wird das mit einer Entwicklungstheorie verbunden die nach den Interessen der armen Menschen im Trikont und nach den Möglichkeiten praktischer Solidarität fragt, also sich für die kleinen Leute interessiert und sich von der ausschließlichen Orientierung des alten Antiimperialismus an der Solidarität mit Befreiungsbewegungen abwendet.
Zizek hingegen hat eine operaistische Sichtweise zusammengebracht mit Laclau und Mouffe, die davon ausgingen dass in der postmodernen Gesellschaft andere Kämpfe als bisherige Klassenkämpfe relevant werden, nämlich die Kämpfe marginalisierter Gruppen wie Frauen, Schwule, Lesben, Migranten u.a. und dass für diese Gruppen eine Befreiungsperspektive nur sichtbar wird, wenn sie ihre radikal subjektive Eigenperspektive gegen den gesellschaftlichen Mainstream wenden.
Wobei Chantal Mouffe als Antwort auf den erstarkenden Rechtspopulismus weltweit einen Populismus von links fordert, der polemisch, laut, aggressiv und politisch unkorrekt zu sein habe, bei ihr vermischen sich die Positionen Foucaults und des Operaismus mit situationistischen Ideen.
Daran anküpfend vertritt Zizek einen radikalen Partikularismus, der erst in der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden zur Möglichkeit kommt,Einfluss auf das Allgemeine zu nehmen oder sogar zum Allgemeinen zu werden. In der gemeinsam mit Detlef Hartmann verfassten Antwort auf "Empire" von Negri und Hardt läuft das auf eine neue Revolutionstheorie hinaus.
https://www.assoziation-a.de/buch/Die_Zeit_der_Autonomie
http://assoziation-a.de/buch/Hartmann_Empire
https://de.wikipedia.org/wiki/Detlef_Hartmann
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Freitag, 4. Juni 2021
Der Leib des Herrn
che2001, 20:28h
Die Vorstellung, dass beim Abendmahl Brot und Wein zu Fleisch und Blut Christi transformiert werden, ist das nicht eigentlich ein sublimiertes kannibalistisches Ritual?
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