Donnerstag, 29. Januar 2026
Ernährungstrends auf dem Prüfstand: Was bringen Omega-3-Fettsäuren, Keto-Diäten und Intervallfasten wirklich?
Fabienne Rigal, Medscape

29. Januar 2026


Paris – Ob Supplemente mit Omega-3-Fettsäuren, ketogene Diäten oder intermittierendes Fasten – viele Ernährungstrends versprechen schnelle Erfolge für Gewicht, Herz und Stoffwechsel. Doch bei den Journées européennes de la Société française de cardiologie (JESFC 2026) wurde klar: Entscheidend sind wissenschaftliche Belege – und diese sind oft deutlich ernüchternder als Versprechen von Anbietern. In einer Fachsession präsentierten Experten den aktuellen Stand der Forschung.

Omega-3-Fettsäuren: Wissenschaftler raten zu ausgewogener Ernährung
Dr. François Paillard, Kardiologe am Zentrum für kardiovaskuläre Prävention des Universitätsklinikums Rennes, ging der Frage nach, welche Rolle Omega-3-Fettsäuren tatsächlich in der Herz-Kreislauf-Prävention spielen. Dabei stellte er zunächst klar, dass vor allem 3 Omega-3-Fettsäurderivate relevant sind: ALA, EPA und DHA.

ALA (Alpha-Linolensäure) findet sich in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinsamen, Walnüssen, Chiasamen oder Rapsöl. Daneben gibt es die beiden „marinen“ Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), die vor allem in fettem Seefisch wie Lachs, Makrele oder Hering sowie in Fischöl enthalten sind.


Wer regelmäßig Fisch isst – idealerweise 2 Fischmahlzeiten pro Woche, darunter mindestens eine Portion fetten Fisch – kann nach aktueller Datenlage mit einer moderaten Senkung kardiovaskulärer Ereignisse rechnen. Auch die Gesamtsterblichkeit scheint in diesem Zusammenhang niedriger zu sein als bei Menschen mit niedrigerem Konsum.

Deutlich negativer fällt sein Fazit für Nahrungsergänzungsmittel aus: Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren in niedriger Dosierung, also etwa 1 g pro Tag, ist für die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen weitgehend wirkungslos. Eine mögliche Ausnahme könnten Menschen sein, die überhaupt keinen Fisch verzehren oder durch Nahrungsergänzungsmittel zumindest einen Mangel ausgleichen.

Hochdosis-Omega-3-Supplemente: Nutzen möglich – aber nicht ohne Risiko
Bei hochdosierten Präparaten ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Paillard verwies darauf, dass mehrere randomisierte Studien positive Effekte einer EPA-Supplementierung gezeigt hätten.


Vor diesem Hintergrund seien auch Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zu verstehen: Experten schlagen auf dem Evidenzniveau IIa vor, bei ausgewählten Hochrisiko-Patienten Omega-3-Fettsäuren in Erwägung zu ziehen – konkret eine hochdosierte EPA-Therapie mit 2-mal 2 g pro Tag zusätzlich zur Statin-Therapie. Das gilt vor allem bei Personen mit erhöhten Triglyzeridwerten zwischen 1,5 und 5,6 mmol/l, deren Werte trotz Statinen nicht ausreichend kontrolliert werden.

Gleichzeitig warnte Paillard vor Gefahren, die häufig unterschätzt werden: dem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern. Zwischen der Einnahme von EPA und DHA und diesem Risiko bestehe offenbar eine U-förmige Beziehung, so der Experte. Während eine Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren über natürliche Nahrungsquellen tendenziell eher mit einem sinkenden Risiko verbunden sei, könne es unter hochdosierter Supplementierung ansteigen. Genau deshalb, so Paillard, sei eine sorgfältige Auswahl geeigneter Patienten entscheidend, wenn eine Hochdosistherapie in Betracht gezogen werde.

Keto-Diät und intermittierendes Fasten überzeugen kaum
Im 2. Teil der Session standen aktuelle Diättrends wie die ketogene Ernährung („Keto“) und „Low Carb“ im Fokus. Gemeint ist damit ein Ernährungskonzept, das stark kohlenhydratreduziert ist, ohne jedoch zwingend Fett, Eiweiß oder die Gesamtkalorienmenge zu begrenzen. Das Grundprinzip ist keineswegs neu: Es reicht bis in die 1970er-Jahre zurück, als der Ansatz unter dem Namen Atkins-Diät populär wurde und bereits kurz darauf in JAMA kritisch diskutiert wurde. Inzwischen liegt mit einem Cochrane Reviewauch eine umfassende Auswertung zur Evidenz vor.


Prof. Dr. Claire Carette, Ernährungsmedizinerin und Diabetologin am Pariser HEGP, wies auf eine methodische Herausforderung hin: In der Ernährungsmedizin ließen sich randomisierte Studien praktisch nie doppelblind durchführen. Dieses strukturelle Problem müsse bei der Interpretation aller Diätstudien grundsätzlich mitgedacht werden.


Insgesamt zeigen die Daten, dass eine ketogene Ernährung langfristig zu keiner besseren Gewichtsabnahme führt als andere Diätformen. Es gibt auch keine überzeugenden Hinweise auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Damit wird die häufig geäußerte Behauptung, Keto sei grundsätzlich „gefährlich fürs Herz“, zumindest durch die aktuelle Evidenz nicht gestützt. Dennoch schneiden in vielen Untersuchungen hinsichtlich Blutzuckerparametern und metabolischer Kontrolle mediterrane Ernährungsmuster besser ab.

Carette machte außerdem deutlich, dass die wissenschaftliche Diskussion oft Idealformen von Diäten betrachtee, während die eigentliche Hürde meist im Alltag liege: Die langfristige Adhärenz sei bei nahezu allen restriktiven Ernährungsformen schlecht; hohe Abbruchraten seien in Studien ein wiederkehrendes Problem.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Atkins-Diät, die häufig mit einer deutlich reduzierten Ballaststoffzufuhr einhergeht. Das könnte langfristig mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Zusammenhang stehen.


Intermittierendes Fasten: Bei Übergewicht keine Vorteile in großen Studien
Auch das intermittierende Fasten wurde auf dem Kongress eher kritisch eingeordnet. Das Konzept zielt darauf ab, das tägliche Zeitfenster für die Nahrungsaufnahme zu verkürzen. Allerdings existieren dafür sehr unterschiedliche Varianten und Protokolle, was die Studienlage zusätzlich schwer vergleichbar macht.

Für Menschen mit Übergewicht oder Adipositas zeigen große Studien, unter anderem veröffentlicht in JAMA Internal Medicine und im NEJM, keinen klaren Vorteil – weder beim Gewichtsverlust noch bei wichtigen metabolischen Parametern.

Bei Menschen mit Diabetes könnten sich dagegen durchaus kardiometabolische Verbesserungen abzeichnen, etwa bei bestimmten Risikomarkern oder sogar bei der linksventrikulären Auswurffraktion. Carette mahnte jedoch zur Vorsicht: Viele dieser Ergebnisse basieren auf Studien mit kurzer Laufzeit und mit vergleichsweise kleinen Teilnehmerzahlen, sodass ihre Aussagekraft begrenzt bleibt. Belastbare Langzeitdaten fehlen.

Einen breiteren Überblick liefert ein im NEJM publizierter Review, der insgesamt vor allem 2 Ernährungsmuster bewertte werden: Die mediterrane Ernährung weist die robusteste Evidenz für positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit auf, während die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) vor allem in der Behandlung des Bluthochdrucks gut untersucht wurde. Carette erinnerte auch daran, dass restriktive Ernährungsformen grundsätzlich Risiken bergen, etwa ein erhöhtes Auftreten von Essstörungen oder ein problematischem Essverhalten.


Zucker bleibt Zucker: Entscheidend ist die Menge – nicht die Moral
Zum Abschluss der Session richtete Dr. Kévin Seyssel, Ernährungsberater aus Corbas bei Lyon, den Blick auf die oft emotional und moralisierend geführte Social-Media-Debatte rund um Zucker. Formate wie „No sugar challenge“ oder die Darstellung von Zucker als regelrechter „Teufel“ seien aus seiner Sicht vor allem populistisch – und wissenschaftlich meist viel zu grob vereinfachend. Statt dramatischer Botschaften plädierte Seyssel daher für einen pragmatischen Umgang und eine Orientierung an etablierten, evidenzbasierten Empfehlungen.

Als Maßstab nannte er unter anderem die Leitlinien der WHO: Bei einer täglichen Energiezufuhr von 2.000 Kilokalorien sollte die Zuckeraufnahme 50 g pro Tag nicht überschreiten. Und die französischen Behörde ANSES (Agence nationale de sécurité sanitaire de l'alimentation, de l'environnement et du travail) rät, täglich rund 30 g Ballaststoffe aufzunehmen.

Jenseits dieser vergleichsweise moderaten Orientierungswerte sei eine gewisse Skepsis gegenüber Panik machenden Botschaften angebracht, insbesondere, wenn sie mit Schuldzuweisungen arbeiteten und mehr moralischen Druck erzeugten als wissenschaftlich fundierte Orientierung zu bieten, gab Seyssel zu bedenken.

https://deutsch.medscape.com/viewarticle/ern%C3%A4hrungstrends-dem-pr%C3%BCfstand-was-bringen-omega-3-2026a100024i?ecd=WNL_mdplsfeat_260129_mscpedit_de_etid8065251&uac=389796AZ&impID=8065251

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Mittwoch, 21. Januar 2026
KI-Modell erkennt 130 Krankheiten am Schlafmuster, darunter Herzinfarkt und Demenz – nach nur einer Nacht
Doris Maugg via Medscape

21. Januar 2026


Ein Vorteil künstlicher Intelligenz (KI) ist die Fähigkeit, in Sekundenschnelle entscheidende Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Ein KI-Modell, das mit Polysomnographie (PSG)-Daten zum Schlaf und Gesundheitsdaten von Personen trainiert wurde, konnte nun anhand der Schlafmuster von nur einer Nacht mit einer Genauigkeit von bis zu 90% Erkrankungen wie Demenz, Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall und die Gesamtsterblichkeit vorhersagen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in Nature Medicine publiziert .

Die Forschenden um Rahul Thapa, Doktorand an der Stanford University, Kalifornien, USA, nutzten die PSG-Daten von 65.000 Teilnehmenden mit insgesamt fast 600.000 Stunden Schlaf, um ihr KI-Modell „SleepFM“ zu trainieren.

PSG sei der „Goldstandard“, um Patienten im Schlaf zu überwachen, so die Autoren. Mit PSG werden Daten zur Gehirn- und Herzaktivität, Atemmuster sowie Bewegungen von Beinen und Augen im Schlaf aufwendig analysiert.


„Wir zeichnen eine erstaunliche Anzahl von Signalen auf, wenn wir den Schlaf untersuchen“, sagt Prof. Dr. Emmanuel Mignot, Schlafmediziner an der Stanford University und Co-Seniorautor der Studie, in einer Pressmitteilung. „Es handelt sich um eine Art allgemeine Physiologie, die wir 8 Stunden lang bei einer Person untersuchen... Das liefert sehr viele Daten.“

Durch die Verknüpfung der trainierten PSG-Daten mit Langzeit-Gesundheitsdaten von Patienten der Schlafklinik in Stanford konnte SleepFM mit einer Genauigkeit zwischen 80 bis 90 % das Eintreten einer Erkrankung wie Parkinson, Demenz, Herzinfarkt oder Prostatakrebs vorhersagen.

In dieser Studie sei zum ersten Mal eine derart große Datenmenge zum Schlaf ausgewertet worden, erklärt der Schlafmediziner. Den Forschenden sei es gelungen, die PSG-Daten zu Elektroenzephalographie, Elektrokardiographie, Elektromyographie, Pulsmessung und Atemluftstrom zu integrieren und eine genaue Vorhersage zu verschiedenen Erkrankungen abzuleiten.


Follow-up bis zu 25 Jahre
Das KI-Modell „SleepFM“ ist ein sogenanntes Foundation Modell, das in der Lage ist, sich anhand großer Datenmengen selbst zu trainieren und das Gelernte auf verschiedenste Bereiche anzuwenden. ChatGPT ist ebenfalls ein solches Foundation Modell.

Die Forschenden verwendeten zum Training von SleepFM 585.000 PSG-Stunden von Patienten, die in verschiedenen Schlafkliniken behandelt wurden. Die Schlafdaten wurden in Schritte von 5 Sekunden unterteilt, vergleichbar mit Wörtern, mit denen große Sprachmodelle trainiert werden.

Und noch eine Besonderheit bauten die Forschenden bei diesem KI-Training ein – das sogenannte „kontrastive Lernen mit Auslassungen“: Sie entfernten gezielt einzelne Daten-Aspekte, die die KI anhand des Gelernten rekonstruieren musste. Auf diese Weise konnten die Forschenden verschiedene Datenmodalitäten harmonisieren, was vergleichbar damit sei „die gleiche Sprache zu lernen“, erklären die Autoren.


Um mögliche Erkrankungen bei den Teilnehmenden vorherzusagen, wurden die PSG-Schlafdaten mit den Langzeit-Gesundheitsdaten der Teilnehmenden verknüpft.

Den Forschenden standen dazu die Gesundheitsdaten des Standford Sleep Medical Center von über 35.000 Personen in einem Alter zwischen 2 und 96 Jahren zur Verfügung, deren PSG-Daten in dem Zeitraum von 1999 bis 2024 aufgezeichnet worden waren. Das Follow-up betrug zum Teil 25 Jahre.

Vorhersage-Fähigkeit bis zu 90 Prozent
Bei der Auswertung von über 1.000 Krankheitskategorien konnten sie 130 Krankheiten anhand der Schlafdaten der Patienten mit hoher Genauigkeit vorhersagen.

Besonders aussagekräftig waren die Vorhersagen des Modells für Krebserkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen, Kreislaufbeschwerden und psychische Störungen mit einem C-Index von über 0,8.

Mit Hilfe des C-Index (Konkordanzindex) wird die Vorhersageleistung eines Modells bewertet, insbesondere seine Fähigkeit, vorherzusagen, welche von 2 Personen in einer Gruppe ein Ereignis wie beispielsweise einen Herzinfarkt zuerst erleben wird. Ein C-Index von 0,8 entspricht einer 80 %igen Übereinstimmung der Vorhersage des Modells mit dem Zustand einer Person, der tatsächlich eingetretenen ist.

Mit den PSG-Daten aus nur einer Nacht konnte SleepFM 130 Erkrankungen mit einem C-Index von mindestens 0,75 vorhersagen (p-Wert < 0,01).

Darunter waren u.a.:

• Morbus Parkinson 0,89
• Demenz 0,85
• hypertensive Herzkrankheit 0,84
• Herzinfarkt 0,81
• Prostatakrebs 0,89
• Brustkrebs 0,87
• Tod 0,84
• chronische Nierenerkrankung 0,79
• Schlaganfall 0,78
• Vorhofflimmern 0,78

KI-Schlaf-Modelle für Monitoring und Risikostratifizierung nutzen
Modelle mit einem geringeren C-Index von 0,7 werden bereits erfolgreich in der Klinik eingesetzt, um das Therapieansprechen einer Krebserkrankung vorherzusagen. Dieses schlafbasierte KI-Modell könne zur Risikostratifizierung und Langzeit-Gesundheitsüberwachung von Patienten genutzt werden, schreiben die Autoren um Thapa.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass ihre Studienkohorte einem Selektionsbias unterliegt, da es sich um Patienten einer Schlafklinik handelte, die sie aufgrund von Schlafauffälligkeiten aufgesucht hätten. Deshalb seien die Ergebnisse nicht repräsentativ und nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar.

„Die meisten Informationen für die Vorhersage von Krankheiten erhielten wir durch den Vergleich der verschiedenen Ebenen. Körperfunktionen, die nicht synchron waren – beispielsweise ein Gehirn, das schläft, aber ein Herz, das wach ist – schienen Probleme anzukündigen,“ erklärt Mignot. Sie planen weitere Gesundheitsdaten, die beispielsweise mit Smart Watches gesammelt werden, in das Modell zu integrieren

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Donnerstag, 15. Januar 2026
Faktencheck Omega-3-Fettsäuren – für wen sind sie sinnvoll?
Evidenz, Indikationen und Grenzen einer Supplementation
Michael van den Heuvel, Medscape

15. Januar 2026

Omega-3-Fettsäuren in Form von Nahrungsergänzungsmitteln sind nicht automatisch für jede Person sinnvoll. Zwar ist ihr gesundheitlicher Nutzen bei verschiedenen Erkrankungen wissenschaftlich gut belegt – allerdings zeigt sich dieser Effekt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Entscheidend sind dabei vor allem eine ausreichend hohe Dosierung sowie der Einsatz als Ergänzung zu einer bereits etablierten Standardtherapie.

Für Menschen ohne Erkrankung, die Omega-3 lediglich zur allgemeinen Gesundheitsprävention einnehmen möchten, ist die Studienlage bislang nicht überzeugend genug, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.

Keine Einzelsubstanz, sondern eine heterogene Stoffgruppe
Mittlerweile zählen Omega-3-Fettsäuren zu den am besten untersuchten bioaktiven Lipiden der Ernährungs- und Präventivmedizin. Dabei handelt es sich um keine einzelne Substanz, sondern um eine Gruppe strukturell verwandter mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Sie alle haben ihre 1. Doppelbindung – vom Methylende (ω-Ende) aus gezählt – am 3. Kohlenstoffatom. Diese chemische Definition erklärt den Namen.


Für Menschen sind vor allem 3 Omega-3-Fettsäuren wichtig: die kurzkettige α-Linolensäure (ALA) sowie die langkettigen marinen Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). ALA kommt überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinöl, Rapsöl oder Walnüssen vor, während EPA und DHA fast ausschließlich in fettreichen Meeresfischen und Mikroalgen zu finden sind.

ALA gilt als essenziell, da sie vom menschlichen Organismus nicht synthetisiert werden kann. EPA und DHA können theoretisch aus ALA gebildet werden. Nur geschieht diese Umwandlung beim Menschen in geringem Umfang: Weniger als 5% der aufgenommenen ALA wird zu EPA und weniger als 1% zu DHA konvertiert. Aus physiologischer Sicht gelten EPA und DHA als bedingt essenziell, da eine ausreichende Versorgung über die Ernährung allein häufig nicht erreicht wird.

Ernährung und Versorgung
Die European Food Safety Authority (EFSA) empfiehlt eine Zufuhr von mindestens 250 mg EPA + DHA pro Tag. Dieser Wert bezieht sich jedoch auf die Ernährung und nicht auf die pharmakologische Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.


In westlichen Industrienationen liegt die Zufuhr mariner Omega-3-Fettsäuren häufig unter den empfohlenen Werten. Dennoch gilt: Eine niedrige Aufnahme allein ist kein Beweis für einen behandlungsbedürftigen Mangel. Fachgesellschaften sprechen sich gegen die generelle Supplementierung aus.

Kardiologie: belegter Nutzen – aber nur in klaren Settings
Studien zur Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel zur Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Unterschiedliche Dosierungen und Darreichungsformen in Studien erschwerten die Interpretation.

Zur Bewertung ist die REDUCE-IT-Studie wichtig: Bei Hochrisikopatienten mit Hypertriglyzeridämie trotz Statintherapie hat die Gabe von 4 g Icosapent-Ethyl (hochreines EPA) täglich die Zahl schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 25% verringert. Neuere Analysen bestätigen, dass der Nutzen von Icosapent-Ethyl über verschiedene LDL-C-Ausgangsbereiche hinweg konsistent bleibt.


Was steckt dahinter? Forscher haben zumindest in Tiermodellen gezeigt, dass Icosapent-Ethyl eine ausgeprägte hemmende Wirkung auf die Blutplättchenfunktion besitzt. Dieser Effekt wird über die Cyclooxygenase-1 (COX-1) in Thrombozyten vermittelt. Er könnte erklären, warum IPE in klinischen Studien mit einer Reduktion des kardiovaskulären Risikos assoziiert ist.

Omega-3-Fettsäuren können etablierte Therapien wie Statine, Blutdruckmedikamente oder die Thrombozytenhemmung aber nicht ersetzen, sondern kommen – wenn überhaupt – als Ergänzung zum Einsatz. Gerade bei höheren Dosierungen ist auch eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken erforderlich. So zeigt eine Metaanalyse ein geringfügig erhöhtes Blutungsrisiko bei der Einnahme hochdosierter, gereinigter EPA-Präparate. Darüber hinaus diskutieren Forscher einen dosisabhängigen Anstieg des Risikos für Vorhofflimmern unter Omega-3-Supplementen.

Rheumatologie: Möglicher Benefit als Add-on
In der Rheumatologie ist der Nutzen von Omega-3-Fettsäuren vor allem als ergänzende Maßnahme zur Modulation entzündlicher Prozesse plausibel. Eine Metaanalyse bei Patienten mit rheumatoider Arthritis deutet darauf hin, dass eine Omega-3-Supplementierung Entzündungsparameter, die Krankheitsaktivität sowie bestimmte Lipidmarker günstig beeinflusst. Allerdings ist die Aussagekraft der Daten durch eine hohe Heterogenität der Studien eingeschränkt, insbesondere im Hinblick auf Dosierung, Behandlungsdauer und gewählte Endpunkte.

Medizinisch ist die Abgrenzung eindeutig: Omega-3-Fettsäuren sind in der Rheumatologie keine krankheitsmodifizierenden Medikamente. Sie können weder strukturelle Gelenkschäden verhindern noch etablierte Therapien wie Methotrexat oder Biologika ersetzen.

Forschung: Neurologie im Fokus
Jenseits der Rheumatologie und der Kardiologie rücken Indikationen aus der Neurologie und Psychiatrie in den Fokus. Bei Depression deuten die verfügbaren Daten auf statistisch signifikante, insgesamt jedoch eher moderate Effekte hin, wobei eine Dosis-Wirkungs-Beziehung diskutiert wird.

Für kognitive Endpunkte wiederum zeigen neuere Analysen, dass die Ergebnisse stark von der untersuchten Population, dem jeweiligen Ausgangsstatus und der eingesetzten Dosierung abhängen. Ein verlässlicher und klinisch relevanter Nutzen für alle Personen lässt sich daraus bislang nicht ableiten.

Fazit für die Praxis: Evidenz mit Grenzen
Die Daten zeigen: Omega-3-Fettsäuren sind weder Allheilmittel noch grundsätzlich entbehrlich. Der klinische Nutzen ist indikationsabhängig – am überzeugendsten bei Hypertriglyzeridämie/Hochrisiko (insbesondere hochreines EPA) und adjuvant bei entzündlichen Beschwerden (z. B. RA). Gleichzeitig müssen unerwünschte Effekte in die Nutzen-Risiko-Abwägung einfließen.

https://deutsch.medscape.com/viewarticle/omega-3-fettsaeuren-supplementation-chancen-grenzen-2025a10010gg?ecd=WNL_mdplsfeat_260115_mscpedit_de_etid8030095&uac=389796AZ&impID=8030095

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Donnerstag, 4. Dezember 2025
RKI: Beginn der Grippewelle; Drosten spricht vor Enquete-Kommission; weiterer HIV-Patient in Remission
Michael van den Heuvel, Medscape

04. Dezember 2025


Die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen ist auf Bevölkerungsebene und im ambulanten Bereich gestiegen und liegt auf einem moderaten bzw. hohen, aber nicht unüblichen Niveau“, heißt es im ARE-Wochenbericht des RKI. Die Zahl schwer verlaufender Atemwegserkrankungen sei weiter niedrig. Das ARE-Geschehen werde seit mehreren Monaten hauptsächlich durch die Zirkulation von Rhinoviren und SARS-CoV-2 bestimmt. „Die Influenza-Positivenrate ist in den letzten zwei Wochen deutlich angestiegen, der Beginn der Grippewelle deutet sich an“, so das RKI.


COVID-19: Drosten spricht vor Enquete-Kommission
Die Enquete-Kommission des Bundestags hat ihre Arbeit zur Aufarbeitung der COVID-19-Pandemie aufgenommen und gleich zu Beginn Christian Drosten angehört. Während Corona wurde Drosten zu einem der bekanntesten Wissenschaftler in Deutschland. Seit dem Jahr 2017 ist er Professor und Direktor des Instituts für Virologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Drosten betonte, ein längeres Abwarten im Frühjahr 2020 wäre ein gravierender Fehler gewesen. Ohne frühe Gegenmaßnahmen hätte Deutschland nach seinen Berechnungen in der 1. Welle nicht rund 9.300, sondern möglicherweise bis zu 70.000 Todesfälle verzeichnen müssen. Rückblickend sei klar geworden, dass die damals erhoffte natürliche Immunität nach einer 1. Infektion kaum Schutz geboten habe – ein Aspekt, der ihn selbst überrascht habe.

Die rasche Verfügbarkeit von Tests habe entscheidend dazu beigetragen, Infektionsketten zu verlangsamen und Zeit für politische Entscheidungen zu gewinnen, so Drosten. Er machte aber auch klar, dass die Wissenschaft in der Pandemie beraten habe, Entscheidungen jedoch immer politisch getroffen worden seien. Einige Maßnahmen sehe er rückblickend kritisch. Doch die Grundlogik, schnell zu handeln, sei auch nach heutigem Blickwinkel richtig gewesen.


Für die Enquete-Kommission, die Empfehlungen für eine bessere Krisenvorbereitung erarbeiten soll, sind seine Einschätzungen ein wichtiger Ausgangspunkt. Die Anhörung zeigt, wie komplex die Abwägungen zwischen wissenschaftlicher Evidenz, politischer Verantwortung und gesellschaftlicher Zumutbarkeit waren.

HIV: Weiterer Patient in Remission – Hinweis auf neuen Mechanismus
Eine Heilung von HIV ist nach wie vor selten: Bislang gibt es nur 6 dokumentierte Fälle. Diese traten nur bei Personen auf, die wegen einer hämatologischen Krebserkrankung eine allogene Stammzelltransplantation (allo-SCT) erhalten haben. Lange Zeit galt die seltene homozygote CCR5-Δ32-Mutation der Spenderzellen als entscheidender Faktor für eine HIV-Remission, weil sie dem Virus den wichtigsten „Einstiegspunkt“ in Immunzellen versperrt. In Nature berichten Forscher jetzt, dass dies auch CCR5-unabhängig gelingt.


Sie beschreiben einen Mann mit heterozygotem CCR5-Wildtyp/Δ32-Genotyp, der aufgrund einer akuten myeloischen Leukämie eine allo-SCT von einem ebenfalls heterozygoten Spender erhielt. 3 Jahre später setzte er seine antiretrovirale Therapie ab – und befindet sich seit nunmehr 6 Jahren in stabiler HIV-Remission mit nicht nachweisbarer Virus-RNA.


Vor der Transplantation waren noch intakte provirale HIV-Sequenzen vorhanden. Doch nach dem Eingriff ließ sich weder im Blut noch im Darmgewebe vermehrungsfähiges Virus nachweisen. Auch HIV-spezifische Antikörper und T-Zell-Antworten gingen deutlich zurück, was auf eine fehlende Virusaktivität hinweist. Eine erhöhte antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität zum Zeitpunkt der Transplantation könnte zur Eliminierung verbliebener Reservoirs beigetragen haben.

Das spricht dafür, dass nicht die Mutation selbst, sondern vor allem die starke Verringerung der HIV-Reservoire durch die Transplantation entscheidend ist. Wahrscheinlich hat auch das Immunsystem dabei geholfen, die letzten infizierten Zellen zu entfernen.


HIV: Infektionen werden europaweit oft zu spät erkannt
Noch immer erkennen Ärzte in Europa mehr als die Hälfte aller neuen HIV-Infektionen erst spät. Allein im Jahr 2024 lag der Anteil verzögerter Diagnosen bei 54 Prozent. Für die Betroffenen bedeutet das ein erhöhtes Risiko schwerer Krankheitsverläufe. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus weitergegeben wird. Nach aktuellen Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) gefährdet der Trend das internationale Ziel, AIDS bis zum Jahr 2030 zu eliminieren.

Europaweit haben Behörden im Jahr 2024 mehr als 105.000 HIV-Neudiagnosen gemeldet. Zwar liegen die Zahlen leicht unter denen des Vorjahres, doch von einer Verbesserung der Situation kann keine Rede sein. Besonders häufig werden Infektionen bei Menschen zu spät erkannt, die sich heterosexuell anstecken – vor allem bei Männern – sowie bei Personen, die Drogen injizieren.

Hinzu kommt ein wachsender Anteil von Betroffenen, die aus anderen Ländern in die EU gekommen sind. Auf sie entfällt inzwischen mehr als die Hälfte aller neuen Diagnosen. Das unterstreicht, wie dringend Europa kultursensible, leicht zugängliche und mehrsprachige Testangebote benötigt.

Das ECDC und die WHO fordern deshalb einen Kurswechsel. HIV-Tests sollen zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Gesundheitsversorgung werden, ergänzt durch niedrigschwellige Möglichkeiten wie Community-Testangebote oder Selbsttests.


Mpox: EU sichert sich 8 Millionen Impfstoffdosen
Die Europäische Kommission hat einen neuen Rahmenvertrag mit dem dänisch-deutschen Impfstoffhersteller Bavarian Nordic geschlossen. Der Vertrag sieht vor, dass in den kommenden 4 Jahren bis zu 8 Millionen Dosen des Impfstoffs MVA-BN gegen Mpox und Pocken bereitgestellt werden. Zugleich erhalten die Mitgliedstaaten die Möglichkeit, zusätzliche Dosen für den nationalen Bedarf zu bestellen – etwa, um eigene Notfalllager aufzustocken oder um sich für potenzielle Krisenszenarien abzusichern.

Mit diesem Schritt reagiert die EU auf die anhaltende Einschätzung, dass Mpox weiterhin ein relevantes Gesundheitsrisiko ist, auch angesichts neuer Varianten mit leichterer Übertragbarkeit. Der Impfstoff MVA-BN bietet Schutz vor erneuten Mpox-Ausbrüchen und kann auch verhindern, dass Pocken erneut auftreten.

Importierte Infektionskrankheiten: Was Reisende nach Deutschland gebracht haben
Ein aktueller Bericht des Robert Koch-Instituts zeigt: Mit dem Anstieg des internationalen Reiseverkehrs nach Ende der Pandemie kehren Infektionskrankheiten verstärkt nach Deutschland zurück. Die Fallzahlen nähern sich wieder dem Niveau des Jahres 2019 an. Besonders auffällig waren im Jahr 2024:


Mit 1.717 gemeldeten Fällen erreichte Dengue so hohe Zahlen wie nie zuvor. Die meisten Infektionen wurden aus Thailand und Indonesien mitgebracht. Weltweit kam es im Jahr 2024 zu mehreren großen Dengue-Ausbrüchen. Das spiegelt sich im deutschen Meldesystem wider.
Die 934 Malaria-Erkrankungen stammen in 95% der Fälle aus afrikanischen Ländern wie Kamerun oder Nigeria. Über 85% wurden durch Plasmodium falciparum ausgelöst, der gefährlichsten Malariaform. 4 Menschen starben im Jahr 2024 daran. Etliche Patienten hatten keine Chemoprophylaxe eingenommen.
Mit 2.230 Fällen verdoppelte sich die Zahl der Shigellose-Infektionen im Vergleich zu 2023. Häufige Infektionsländer waren Ägypten, Indien und Marokko. Ein Teil des Anstiegs hängt vermutlich mit besserer Diagnostik durch Multiplex-PCR zusammen.
Ärzte haben 1.001 Infektionen mit Hepatitis A diagnostiziert, davon 280 bei Personen mit Auslandsaufenthalt – besonders oft Indien, Pakistan oder dem Irak. Viele Erkrankte waren ungeimpft, obwohl die Impfung für Reisen in Risikogebiete empfohlen wird.
Klassische Tropenkrankheiten bleiben selten. Cholera (4 Fälle), Lepra (1 Fall) und Brucellose (54 Fälle, davon 28 importiert) wurden dem RKI gemeldet.
Impfungen: Wie Tätowierungen das Immunsystem beeinflussen
Tätowierungen gehören inzwischen zum Alltag vieler Menschen: Etwa jeder 3. junge Erwachsene in Deutschland trägt dauerhaft Tinte unter der Haut. Eine experimentelle Studie zeigt nun, dass Ablagerungen von Pigmenten in Lymphknoten das Immunsystem stärker beeinflussen als bislang angenommen – und sogar die Wirkung bestimmter Impfungen modulieren. Darüber berichten Forscher in PNAS.

Die Forscher haben in einem Mausmodell untersucht, wie verschiedene Tattoo-Farben nach dem Stechen durch das Lymphsystem transportiert werden. Innerhalb kurzer Zeit gelangen Tintenpartikel in nahegelegene Lymphknoten, wo sie vor allem von Makrophagen aufgenommen werden.

Das war bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass Makrophagen nach der Aufnahme der Farbpigmente häufiger absterben und dabei eine lang anhaltende Entzündungsreaktion auslösen. Auch 2 Monate nach dem Tätowieren fanden Wissenschaftler noch klare Anzeichen einer chronischen lokalen Immunaktivierung sowie erhöhte Spiegel proinflammatorischer Botenstoffe.

Die in Lymphknoten eingelagerten Pigmente beeinflussten die Immunantwort auf Impfungen – und zwar je nach Impfstoff-Typ in unterschiedliche Richtungen.


COVID-19-Impfstoffe (mRNA-basiert): Tiere mit pigmentbeladenen Lymphknoten hatten eine deutlich abgeschwächte Antikörperantwort. Die Forschenden führen dies darauf zurück, dass pigmentbeladene Makrophagen weniger Spike-Protein exprimierten, was die Ausbildung einer robusten Immunantwort beeinträchtigte.
Inaktivierter Influenza-Impfstoff: Hier zeigte sich das Gegenteil. Die Immunantwort fiel stärker aus. Das spricht dafür, dass bestimmte Formen der lokalen Entzündung die Wirksamkeit klassischer inaktivierter Impfstoffe sogar steigern können.
Die Studie unterstreicht, wie unterschiedlich Impfstoffklassen mit dem Immunsystem interagieren. Weitere Studien sind erforderlich, um zu klären, ob die Resultate auch für Menschen gelten.

Influenza: Welche Therapien im späteren Krankheitsverlauf wirken
Schwere virale Infektionen der Lunge verlaufen oft tödlich, weil das Gewebe so stark geschädigt wird, dass die Atmung nicht mehr funktioniert. Nur suchen viele Patienten erst Tage nach Symptombeginn medizinische Hilfe – ein Zeitpunkt, an dem Pharmakotherapien oft keine Wirkung mehr zeigen. Eine neue Studie an Mäusen zeigt jedoch, dass auch späte Therapien noch Leben retten, wenn sie gezielt kombiniert werden. Darüber berichten Wissenschaftler in Science.

Sie nutzten ein Influenza-Mausmodell. Von 50 getesteten Einzeltherapien half keine – abgesehen von einer sehr frühen Ausschaltung von Neutrophilen. Das spricht für ein „Kipppunkt-Modell“: Ist der Schaden an der Lunge zu groß, retten reine Entzündungsblocker die Organfunktion nicht mehr.

Auf dieser Erkenntnis aufbauend testete das Team 2 neue Behandlungsansätze, die erst 4 Tage nach der Infektion begannen – also zu einem Zeitpunkt, der für bisherige Therapien zu spät ist. Beide Strategien kombinierten das antivirale Medikament Oseltamivir mit gezielten immunmodulatorischen Eingriffen.

Bei der 1. Kombination blockierten Forscher den Typ-I-Interferon-Rezeptor, was die Reparatur der wichtigen AT1-Epithelzellen der Lunge förderte. In der 2. Kombination schalteten sie zytotoxische CD8-T-Zellen aus, um zusätzliche immunvermittelte Schädigungen des Lungengewebes zu verhindern. Beide Ansätze führten dazu, dass deutlich mehr Mäuse überlebten – wesentlich mehr als unter einer reinen antiviralen Therapie.

Die Studie liefert damit einen neuen Blick auf die späte Krankheitsphase schwerer Lungeninfektionen. Nicht allein die überschießende Entzündung entscheidet über den Verlauf, sondern das Zusammenspiel aus frühem Gewebeschaden, unzureichender Reparatur und einer überaktiven adaptiven Immunantwort.

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Montag, 1. Dezember 2025
Thomas Gottschalks Krebserkrankung: Was Onkologen über das epitheloide Angiosarkom wissen
Michael van den Heuvel, Medscape
01. Dezember 2025

Ende November hat Thomas Gottschalk in einem Interview in der Bild-Zeitung öffentlich gemacht, dass er an einer seltenen und aggressiven Krebserkrankung leidet. Der 75-jährige Entertainer erklärte, dass ein epitheloides Angiosarkom bei ihm diagnostiziert worden sei. Diese Krebsform entsteht aus den Zellen der Blutgefäße und zählt zu den seltensten und zugleich aggressiven Tumoren. Was bedeutet diese Diagnose? Und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Spekulationen über seine fahrigen Auftritte
Bereits Wochen vor der offiziellen Bekanntmachung hatten Journalisten seinen Gesundheitszustand hinterfragt. Bei öffentlichen Auftritten, darunter der Bambi-Verleihung, wirkte Gottschalk ungewohnt erschöpft, fahrig und angespannt. Dies nährte Spekulationen um eine mögliche Demenz. Gottschalk wies alle Spekulationen klar zurück. Nicht eine neurologische Erkrankung, sondern Krebs und die belastende Behandlung seien der Grund für sein verändertes Auftreten gewesen.

Er sprach offen über starke Medikamente, Schmerzen und Nebenwirkungen, die seinen Alltag erheblich beeinträchtigen. Rückblickend erkannte er, dass die Bambi-Show für ihn ein Wendepunkt war – dort sei ihm klar geworden: „Ich kann nicht mehr auftreten.“


Bereits im Juli dieses Jahres erhielt Gottschalk die Diagnose eines epitheloiden Angiosarkoms. Bald darauf hatten Ärzte Teile seiner Harnleiter und seiner Blase entfernt. Doch der Tumor erwies sich laut Medienberichten als weiter fortgeschritten als erwartet. Eine 2. Operation wurde notwendig.

Genaueres über Gottschalks Tumor sowie seine Therapie ist nicht bekannt und ist Privatsache. Viele zollen ihm jedoch großen Respekt für seine Offenheit im Umgang mit seiner Krankheit.

Bei den folgenden Informationen handelt es sich ausdrückliche um eine allgemeine wissenschaftliche Übersicht zu dieser Tumorart, die vielen Ärzten nicht so geläufig sein wird, weil sie nur extrem selten auftritt.


Epidemiologie und Häufigkeit des epithelioiden Angiosarkoms
Das epithelioide Angiosarkom ist eine aggressive Form des Angiosarkoms. Typisch ist ein rascher, invasiver Verlauf, der häufig frühzeitige Metastasierungen und damit eine insgesamt ungünstige Prognose mit sich bringt.

Angiosarkome gehören insgesamt zu den seltenen Tumoren: Sie machen lediglich rund 1 bis 2% aller Weichteilsarkome aus. Das epithelioide Angiosarkom bildet innerhalb dieser Gruppe widerum nur einen sehr kleinen Subtyp. Fallserien und Übersichtsarbeiten gehen von einem Anteil deutlich unter 1% aller Weichteilsarkome aus.

Betroffen sind meist ältere Erwachsene, wobei viele Studien Diagnosegipfel zwischen dem 6. und 8. Lebensjahrzehnt beschreiben. Zudem findet sich häufig eine leichte bis ausgeprägte Häufung bei Männern.


Lokalisationen und klinische Präsentation
Epithelioide Angiosarkome treten bevorzugt im tiefen Weichgewebe auf, können jedoch praktisch jedes Organ betreffen. Beschrieben sind Fälle in Haut und Subkutis, in Knochen – etwa der Tibia oder der Wirbelsäule – sowie im Gastrointestinaltrakt, in Lunge, Leber, Niere, Nebennieren und Herz. Auch im Mediastinum oder in der Schilddrüse wurde dieser Tumortyp nachgewiesen.

Kutane Formen präsentieren sich meist als rasch wachsende, teils multifokale Läsionen. Sie erscheinen häufig als livide oder rötliche Makulae, Plaques oder Knoten und können auch ulzerieren. Besonders oft sind die Kopfhaut und das Gesicht älterer Menschen betroffen, können aber auch Extremitäten und den Rumpf befallen. Typisch sind Spannungsgefühle oder Druckschmerz.


Viszerale und ossäre epithelioide Angiosarkome verursachen überwiegend unspezifische Beschwerden wie Schmerzen, Schwellungen, Blutungen, Anämie, Gewichtsverlust oder Dyspnoe – abhängig vom betroffenen Organ. Das erklärt, warum die Tumoren nicht selten zunächst fehldiag­nos­ti­ziert werden, etwa als entzündliche Veränderungen, Hämangiome oder als Metastasen eines Karzinoms. Dadurch verzögert sich die korrekte Diagnose teils erheblich.

Pathogenese
Das epitheloide Angiosarkom entsteht aus entarteten Zellen der Blutgefäße, die ihre normalen Kontrollmechanismen verlieren und ungebremst wachsen. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig verstanden, doch wissen Forscher, dass chronische Entzündungen, Gewebeschäden und bestimmte Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen können. Häufig entsteht der Tumor in Bereichen, die zuvor belastet oder verändert waren – etwa nach langbestehendem Lymphödem, einer vorangegangenen Strahlentherapie oder dem Kontakt mit chemischen Stoffen wie Vinylchlorid.

In solchen Geweben kommt es zu anhaltendem Stress für die Zellen, wodurch genetische Schäden entstehen können. Diese Veränderungen führen dazu, dass Endothelzellen sich atypisch verhalten und ein aggressives Wachstum entwickeln. Auch die lokale Mikroumgebung trägt dazu bei: Sauerstoffmangel, entzündliche Botenstoffe und Wachstumsfaktoren fördern die Neubildung von Gefäßen und begünstigen so die Entstehung des Tumors. Insgesamt handelt es sich um einen komplexen Prozess, bei dem genetische Faktoren und Umweltfaktoren zusammenspielen, sodass sich aus ursprünglich normalen Gefäßzellen hochaggressive Tumorzellen entwickeln.


Diagnostik und Staging
Die bildgebende Diagnostik beim epithelioiden Angiosarkom orientiert sich an etablierten Verfahren für Weichteilsarkome. Bei kutanen und im Weichgewebe gelegenen Tumoren stehen die Sonografie und die Magnetresonanztomografie im Vordergrund, da sie eine präzise Beurteilung der lokalen Ausdehnung sowie möglicher Faszien- und Muskelinfiltration ermöglichen.

Für die Erfassung viszeraler Primärtumoren sowie zur Detektion typischer Metastasierungsorte – insbesondere Lunge und Leber – kommt meist die Computertomografie von Thorax und Abdomen zum Einsatz. Ergänzend kann ein PET-CT sinnvoll sein, vor allem wenn der Verdacht auf multifokale Manifestationen besteht, wie sie bei kutanen oder ossären Befunden häufiger vorkommen. Zudem lässt sich damit das metabolische Ansprechen auf systemische Therapien beurteilen.

Das Staging erfolgt in der Regel nach der TNM-Klassifikation (Tumor, Node [Lymphknoten], Metastasen) für Weichteilsarkome oder anhand organspezifischer Stadieneinteilungen. Für kutane Angiosarkome wurden darüber hinaus spezielle TNM-Systeme vorgeschlagen, die neben der Tumorgröße auch die Tiefeninfiltration und den Metastasenstatus berücksichtigen.

Therapie
Bei lokal begrenzten Tumoren steht den Leitlinien zufolge die vollständige chirurgische Entfernung mit Sicherheitsabstand im Mittelpunkt. Aufgrund der stark infiltrativen Ausbreitung sind teils ausgedehnte Resektionen nötig, da mikroskopisch positive Ränder das Risiko lokaler Rezidive deutlich erhöhen. Ergänzend wird in Hochrisikosituationen eine postoperative Strahlentherapie empfohlen, um die lokale Tumorkontrolle zu verbessern.

Bei fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung kommen vor allem systemische Therapien zum Einsatz. Bewährt haben sich Paclitaxel – insbesondere bei kutanen und viszeralen Angiosarkomen – sowie Anthrazyklin-basierte Regimes wie Doxorubicin mit oder ohne Ifosfamid. In neueren Linien werden oft Gemcitabin-basierte Kombinationen empfohlen. Zielgerichtete Therapien wie Pazopanib können bei vorbehandelten Patienten zur Krankheitskontrollen führen. Einzelne Fallberichte sprechen dafür, dass mTOR-Inhibitoren wie Everolimus bei manchen EAS-Tumoren wirksam sein könnten.


Auch die Immuncheckpoint-Inhibition gewinnt an Bedeutung. PD-1-Blocker wie Pembrolizumab oder Nivolumab zeigen in Fallserien teils bemerkenswerte, gelegentlich lang anhaltende Remissionen, insbesondere bei Tumoren mit hoher PD-L1-Expression oder UV-induzierten Mutationsmustern. Insgesamt bleibt die Prognose im fortgeschrittenen Stadium ungünstig, und die Therapie erfordert häufig multimodale, individuell angepasste Konzepte.


https://deutsch.medscape.com/viewarticle/thomas-gottschalks-krebserkrankung-seltener-tumor-und-offene-2025a1000xht?ecd=WNL_mdplsfeat_251201_mscpedit_de_etid7917132&uac=389796AZ&impID=7917132

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Mittwoch, 12. November 2025
Über die Gefährlichkeit von Melatonin
Riskante Einschlafhilfe? Langzeit-Anwendung von Melatonin könnte Risiko für Herzinsuffizienz erhöhen
Dawn Attride, Medscape

10. November 2025


New Orleans – Melatonin gilt als sanfte Einschlafhilfe und wird millionenfach ohne Rezept eingenommen. Doch eine neue Beobachtungsstudie aus den USA legt nahe, dass die langfristige Einnahme dieser vermeintlich harmlosen Substanz alles andere als harmlos ist: Wer über ein Jahr hinweg regelmäßig Melatonin einnimmt, hat ein deutlich höheres Risiko, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln – und häufiger ins Krankenhaus zu müssen oder sogar zu sterben. Darüber berichten Forscher bei den Scientific Sessions der American Heart Association (AHA) 2025.

Widerspruch zu bisherigen Annahmen
Bislang galt Melatonin als eher nützlich für die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Studien hatten darauf hingedeutet, dass der körpereigene Botenstoff dank seiner antioxidativen Eigenschaften blutdrucksenkend und gefäßschützend wirken könnte.

Doch die neuen Daten stellen diese Annahme infrage. Nur gab es bislang keine hochwertigen Studien zu langfristigen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Diese Lücke schließt eine neue Arbeit


Deutlich erhöhtes Risiko bei Langzeitanwendung
Die Forscher haben Daten der TriNetX Global Research Network-Datenbank analysiert. Ihre Studie umfasste 130.828 Erwachsene mit diagnostizierter Insomnie (Durchschnittsalter 55,7 Jahre; 61 % Frauen). Etwa die Hälfte der Probanden nahm für mindestens 12 Monate regelmäßig Melatonin ein.

Personen mit bestehender Herzinsuffizienz haben die Forscher ausgeschlossen. Das galt auch für Menschen, die andere Schlafmittel als Melatonin eingesetzt haben.

Beide Gruppen – Melatonin-Nutzer und Nichtnutzer – wurden anhand von mehr als 40 Faktoren (darunter Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Blutdruck, BMI und Medikation) gematcht.


Im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang:

4,6% der Melatonin-Nutzer entwickelten eine Herzinsuffizienz – gegenüber 2,7% in der Kontrollgruppe. Das entspricht einem um 89% erhöhten Risiko (Hazard Ratio [HR] 1,89; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,78-2,00).
Die Wahrscheinlichkeit, wegen Herzinsuffizienz hospitalisiert zu werden, war in der Melatonin-Gruppe 3,5-mal höher (19% vs. 6,6%; HR 3,44; 95 %-KI 3,32-3,56).
Auch die Gesamtsterblichkeit verdoppelte sich bei Probanden der Melatonin-Gruppe innerhalb von 5 Jahren (7,8% vs. 4,3%; HR 2,09; 95%-KI 1,99-2,18).
Studienleiter Dr. Ekenedilichukwu Nnadi, leitender Assistenzarzt für Innere Medizin am SUNY Downstate/Kings County Primary Care in Brooklyn (New York), betonte gegenüber Medscape: „Alle Teilnehmenden litten an Insomnie, das heißt: Das erhöhte Risiko lag nicht an der Schlaflosigkeit selbst“, betonte Nnadi. „Entscheidend war offenbar die Melatonin-Einnahme.“

Die langfristige Anwendung von Melatonin ist möglicherweise nicht so risikofrei, wie wir dachten.

Dr. Ekenedilichukwu Nnadi

Sein Fazit: „Die langfristige Anwendung von Melatonin ist möglicherweise nicht so risikofrei, wie wir dachten. Wenn es Menschen es dauerhaft einnehmen, insbesondere bei bestehenden Herzproblemen oder Risikofaktoren, sollten sie ihren Arzt um Rat fragen.“


Keine eindeutige Ursache – aber klare Warnsignale
Wie genau Melatonin die Entstehung einer Herzinsuffizienz begünstigen könnte, ist offen. Ein direkter ursächlicher Zusammenhang wurde nicht nachgewiesen – die Studie ist beobachtend, nicht experimentell. Dennoch sprechen die Ergebnisse eine deutliche Sprache.

Auch wenn wir den Mechanismus nicht kennen, sollten wir diese Daten nicht ignorieren.

Dr. Logan Schneider

Der Schlafmediziner Dr. Logan Schneider von der Stanford University, der an der Arbeit nicht beteiligt war, hält die Resultate für relevant: „Bei der Größe der Stichprobe ist es unwahrscheinlich, dass schlechter Schlaf allein die Unterschiede erklärt. Auch wenn wir den Mechanismus nicht kennen, sollten wir diese Daten nicht ignorieren.“


Schneider weist allerdings auf methodische Einschränkungen hin. So könnten Personen in der Kontrollgruppe Melatonin ohne ärztliche Verschreibung eingenommen haben, was das Ergebnis verzerren würde. Zudem fehlten Informationen über die Schwere der Insomnie oder über mögliche psychiatrische Begleiterkrankungen.

Forderung nach weiteren Studien
In der Fachwelt sorgt die Untersuchung für Diskussionen, da sie bisherigen Erkenntnissen widerspricht. Noch im Jahr 2024 hatte eine systematische Übersichtsarbeit Melatonin als vielversprechende Zusatztherapie bei Herzinsuffizienz, auch in der Palliativmedizin, bezeichnet.

Carlos Egea, Präsident der Spanischen Föderation der Schlafmedizin-Gesellschaften und Koordinator der Sleep Alliance, rät deshalb auch, die Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren: „Wenn neue Daten unser Wissen infrage stellen, sollten wir weder vorschnell reagieren noch die Augen davor verschließen. Es geht darum, Nutzen und Risiken neu zu bewerten.“


Auch Nnadi will die Thematik weiter untersuchen. Er plant, die Daten nach Risikofaktoren zu stratifizieren und in einer anderen Datenbank zu prüfen, ob sich die Befunde wiederholen.

Fazit: Kein harmloses Schlafmittel
Melatonin wird häufig als sanfter Wirkstoff gegen Schlafprobleme beworben. Die neue Arbeit deutet jedoch auf erhöhte Risiken für Herzinsuffizienz, Krankenhausaufenthalte und Sterblichkeit bei langfristiger Einnahme hin.

Bis weitere randomisierte Studien vorliegen, gilt: Wer Melatonin über längere Zeit einnimmt – insbesondere ältere Menschen oder Patienten mit Herz-Kreislauf-Risiken – sollte das unbedingt mit seinem Arzt besprechen.

„Melatonin ist kein harmloses Medikament für guten Schlaf,“ so Nnadi. „Es ist Zeit, seine Langzeitsicherheit kritisch zu hinterfragen.“

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Donnerstag, 6. November 2025
Einen Trip schmeißen als Therapie - Deutschland folgt dem Schweizer Vorbild
Es geht da weiter wo Albert Hofmann vor 65 Jahren gestoppt wurde, nur nicht mit LSD.



Die Schweiz hat das Regelwerk der psychedelischen Therapie etabliert – nun folgt die EU
Liz Scherer, medscape

"Steht die EU vor einem neuen goldenen Zeitalter für psychedelische Therapien? Deutschland und die Tschechische Republik haben kürzlich Schritte unternommen, um das Potenzial therapeutischer Psychedelika gesetzlich anzuerkennen, Estland könnte sich ihnen bald anschließen. Weitere EU-Staaten könnten folgen. Ärzte müssen sich möglicherweise auf einen Ansturm von Patienten vorbereiten.

Die Programme haben ein gemeinsames Ziel: eine sichere und wirksame Therapie für sonst schwer behandelbare, oft lebensbedrohliche Erkrankungen anzubieten.


Prof. Dr. Gerhard Gründer
„Ich glaube, allein in Deutschland gibt es wahrscheinlich mehrere Zehntausend Patienten, die die Kriterien für eine behandlungsresistente Depression erfüllen“, sagt der Gründer und Leiter des Psychedelika-Programms in Deutschland, Prof. Dr. Gerhard Gründer, Professor für Psychiatrie und Leiter der Abteilung für Molekulare Neurobildgebung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (CIMH) in Mannheim.


Das Programm erfordert erhebliche Ressourcen und ist sehr personalintensiv. „Ich denke, dass wir im ersten Jahr an jedem Standort wahrscheinlich 50 Patienten pro Jahr behandeln können“, so Gründer

5 bis 10 Standorte in einem Jahr in Deutschland
Deutschland ist das erste EU-Land, das ein Programm für den Einsatz von Psilocybin aus humanitären Gründen eingerichtet hat – einen regulierten erweiterten Zugangsweg, der es Patienten mit schweren Erkrankungen ermöglicht, das Medikament in einer medizinischen Einrichtung zu erhalten, obwohl es kein zugelassenes Arzneimittel ist.

2 Einrichtungen, das CIMH und die OVID Clinic Berlin, wurden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für die stationäre Therapie von behandlungsresistenter Depression zugelassen. Eine Besonderheit ist, dass die Ärzte dieser Einrichtungen im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern die Eignung der Patienten selbst bestimmen können, ohne auf eine Einzelfallgenehmigung durch die Behörden warten zu müssen.


Gründer betonte, dass die Flexibilität des Programms wichtig ist. Die Ärzte haben die Möglichkeit, nach einer anfänglichen Dosis von 25 mg Psilocybin je nach Bedarf des Patienten eine Dosiserhöhung vorzunehmen, das Medikament nach einem Rückfall erneut zu verabreichen und die Therapie in Gruppensitzungen durchzuführen.

„Unser Programm ermöglicht auch die Einbeziehung weiterer Behandlungszentren”, sagt er. „Zunächst müssen wir eine Routine für die Zulassung anderer Zentren etablieren. Ich weiß, dass einige Universitätszentren bereits an den klinischen Studien teilnehmen. Sobald wir uns davon überzeugt haben, dass die Therapeuten dort wissen, was sie tun, könnten diese Standorte in das Compassionate-Use-Programm aufgenommen werden.“

„Nach einem Jahr werden wir wahrscheinlich fünf oder zehn verschiedene Standorte haben, wodurch sich die Zahl der Patienten, die wir behandeln können, erhöhen würde“, so Gründer.


Legale medizinische Psilocybin-Kategorie in Tschechien
Tschechien hat einen etwas anderen Ansatz gewählt. In Anlehnung an die Legalisierung von medizinischem Cannabis wurde eine legale medizinische Psilocybin-Kategorie geschaffen, die therapeutisches Psilocybin von illegalem Psilocybin der Klasse I unterscheidet.

Dr. Tomáš Páleniček, Leiter des Zentrums für psychedelische Forschung und translationales EEG am Nationalen Institut für psychische Gesundheit in Klecany, Tschechische Republik, erklärte gegenüber Medscape Europe News, dass das tschechische Recht die Verschreibung auf zugelassene Psychiater oder Kliniker beschränkt, die zusätzlich über eine Zweitzulassung in Psychotherapie verfügen. Diese Fachleute werden von Experten geschult, die bereits Erfahrung mit der Verabreichung von Ketamin im gleichen therapeutischen Rahmen haben.


Sie können Psilocybin bei Erkrankungen wie behandlungsresistenter Depression, existenzieller Not onkologischer Patienten und schweren psychiatrischen Störungen mit Suizidrisiko verschreiben, wenn Standardtherapien versagt haben, aber Hinweise auf einen potenziellen Nutzen von Psilocybin vorliegen. Weitere Indikationen sind Essstörungen, refraktäre Zwangsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen.

Die Tschechische Psychiatrische Vereinigung entwickelt derzeit klinische Leitlinien, in denen die Anwendung von Psilocybin beschrieben wird. Im Gegensatz zum deutschen Programm werden die Sitzungen individuell gestaltet sein, obwohl Gruppensitzungen in Zukunft in Betracht gezogen werden könnten, sobald mehr Ärzte geschult sind.

Eine zentrale Herausforderung, die den Start des tschechischen Programms verzögern könnte, liegt in der Arzneimittelformulierung. Krankenhausapotheken sind mit der Zubereitung von Psilocybin für Patienten beauftragt und die Vorschriften verlangen, dass es medizinischer Qualität entspricht und nach den Good Manufacturing Practice Standards hergestellt wird.


Mehr als 10 Jahre Erfahrung in der Schweiz

Das erste eingeschränkte Psychedelika-Programm der Schweiz lief von 1988 bis 1993 und erlaubte 5 Psychiatern die Verwendung von Lysergsäurediethylamid (LSD) und 3,4-Methylendioxymethamphetamin (MDMA) zur Behandlung verschiedener psychiatrischer Störungen.

Auf dieser frühen Erfahrung aufbauend, betreibt das Land seit mehr als einem Jahrzehnt ein strukturiertes, begrenztes Programm zur medizinischen Verwendung von Psychedelika. Ärzte müssen eine Behandlungsgenehmigung vom Bundesamt für Gesundheit einholen, um Psilocybin, MDMA oder LSD in der Behandlung einsetzen zu dürfen.

„Es ist nicht der Wilde Westen, wie manche Leute vielleicht denken“, sagt Dr. Helena Aicher, Psychologin mit Spezialisierung auf psychedelische Forschung und psychedelisch unterstützte Therapie (PAT), Postdoktorandin an den Universitäten Zürich und Basel und Mitglied der Schweizerischen Medizinischen Vereinigung für Psychedelische Therapie, wo sie PAT-Therapeuten ausbildet.

Helena Aicher, PhD
Im Jahr 2024 erteilte das Schweizer Bundesamt für Gesundheit 723 Behandlungsgenehmigungen – 348 für Psilocybin, 245 für MDMA und 130 für LSD. Der Bereich ist jedoch nach wie vor klein: Nur etwa 100 zugelassene Ärzte bieten PAT in 80 Privatpraxen und 15 Einrichtungen, darunter 4 Universitätskliniken, an.

Laut Aicher können Ärzte bestimmte Aspekte der PAT an andere ausgebildete Fachkräfte wie Psychotherapeuten oder psychiatrische Krankenschwestern delegieren – ein Ansatz, der dazu beiträgt, die begrenzten Ressourcen zu entlasten.


Aicher merkt an, dass viele Patienten, die eine PAT in Anspruch nehmen möchten, bereits eine individuelle Psychotherapie absolvieren. Einige tun dies jedoch nicht und beantragen PAT direkt oder werden von anderen Klinikern überwiesen. Je nach Hintergrund und therapeutischem Bedarf des jeweiligen Patienten können die psychedelische Behandlung und die anschließenden Nachsorgetermine einzeln oder in einer Gruppe stattfinden.

„Das hängt vom Therapeuten und seiner Arbeitsweise sowie von der Infrastruktur ab. Es ist ein klinischer Ansatz im Gegensatz zu einem protokollierten, von oben nach unten gerichteten Ansatz“, sagte Aicher.

Erfahrungen eines deutschen Patienten
Das Schweizer Modell hat Patienten wie dem 49-jährigen Frank Ser geholfen, einem gebürtigen Deutschen, der heute zwischen Deutschland und der Schweiz pendelt. Bei Ser wurde eine Erschöpfungsdepression diagnostiziert, ein schwerer depressiver Zustand im Zusammenhang mit einem Burnout. Er wurde von einem der 5 Schweizer Psychiater, die im Rahmen des ersten Pilotprogramms des Landes Ende der 1980er Jahre zur Verwendung von Psychedelika berechtigt waren, an Aicher überwiesen.


Zwischen 2022 und 2024 unterzog sich Ser einer PAT-Behandlung, zunächst in einer Gruppe. „Ich war es gewohnt, alles alleine zu lösen“, berichtet er Medscape Europe News. „Es war eine Erleichterung, von anderen Menschen zu hören, zu erfahren, womit sie zu kämpfen hatten und ob sie ähnlich Probleme hatten wie ich. Das gab mir einen guten Rahmen.“

Wie viele PAT-Patienten begann Ser die Behandlung mit MDMA, das wie Psilocybin eine kürzere Wirkungsdauer als LSD hat. „Ich hatte drei oder vier Behandlungen mit MDMA, aber nach einer Weile wurde mir klar, dass ich etwas mit einer längeren Wirkungsdauer wollte, weil ich dann mehr nachdenken konnte. Also bat ich darum und wechselte zu LSD“, sagt er. Ser beendete die Therapie schließlich, als er das Gefühl hatte, dass sie ihren Zweck erfüllt hatte.

Heute arbeitet er Vollzeit, genießt ein besseres Familienleben mit seiner Frau und seinen 2 Kindern und bereut nichts. „Es gibt dir Perspektiven, Ideen, Orientierungen und Erkenntnisse, die du sonst nicht bekommen würdest ... wenn du offen herangehst und bereit bist, in die dunkleren Ecken, deine dunkelsten Anteile, zu schauen.“


Sowohl Ser als auch Aicher betonten, dass Psychedelika kein Allheilmittel sind. „Psychotherapie ist ein linearer Prozess. Für die meisten ist es ein langer Prozess“, sagte Aicher. „Diese Patienten sind aus einem bestimmten Grund behandlungsresistent und leben auch in einem sozialen Kontext; sie haben eine Lebensgeschichte.“

„Jede Therapie kann ein wenig riskant sein und Psychedelika sind da keine Ausnahme. Man muss ein neues Gleichgewicht oder eine neue Homöostase finden. Die Substanzsitzungen sind ein Anfang, aber die eigentliche Arbeit beginnt danach“, erläutert sie.

Wie geht es weiter?
Die ersten Erfahrungen aus der Schweiz machen deutlich, dass noch einige Fragen offen sind. Es seien noch mehr Daten erforderlich, um zu verstehen, wer auf diese Therapien anspricht, sagt Aicher. Außerdem könnten Struktur, Standardisierung und Protokolle hilfreich sein, insbesondere wenn Therapeuten zu Beginn noch nicht über viel Erfahrung verfügen.

Gleichzeitig betont sie, dass klinische Erfahrung, der Kontext der Patienten und ein offener fachlicher Austausch nach wie vor unerlässlich sind. „In der Medizin lernt man aus Erfahrung und Praxis und stützt sich auf klinisches Fachwissen“, betont sie. „Es ist noch früh, chaotisch und auch riskant ... Diese Standards in Bezug auf Intuition, Supervision und Netzwerk sind von unschätzbarem Wert.“


Wie andere europäische Länder diese Erkenntnisse umsetzen, wird darüber entscheiden, wie schnell – und sicher – psychedelische Therapien einen Platz in der routinemäßigen klinischen Praxis finden."



https://deutsch.medscape.com/viewarticle/psychedelische-therapie-europa-2025a1000uaw?ecd=WNL_mdplsfeat_251106_mscpedit_de_etid7855373&uac=389796AZ&impID=7855373

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Donnerstag, 23. Oktober 2025
Zur Abwechslung mal eine gute Nachricht: Long Covid tritt immer seltener auf
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/long-covid-immer-seltener-antibiotika-kinder-2025a1000sba?ecd=WNL_mdplsfeat_251023_mscpedit_de_etid7819322&uac=389796AZ&impID=7819322

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Montag, 22. September 2025
Kommt bald das Abnehmen auf Knopfdruck?
Neue Wege bei Diabetes bzw. Adipositas: Orale GLP-1-Rezeptoragonisten und duale Agonisten vielversprechend in Studien

Ute Eppinger, medscape
22. September 2025


Wien – Mit den GLP-1-basierten „Abnehmspritzen“ begann eine neue Ära der Adipositas-Therapie. Nun rücken orale Präparate und duale Agonisten in den Fokus. Auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) 2025 haben Forscher aktuelle Studiendaten präsentiert.

Orforglipron – ein oraler GLP-1-Rezeptor-Agonist
Bei Orforglipron handelt es sich um einen oral verfügbaren GLP-1-Rezeptoragonisten, der in einer Dosis von 25 mg bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas zu einem signifikant stärkeren Gewichtsverlust führt als Placebo (Medscape hat berichtet).

Bereits im August hatte der Hersteller Ergebnisse einer Phase-3-Studie veröffentlicht: Teilnehmende verloren unter Orforglipron im Durchschnitt 12,4% ihres Körpergewichts – ein Effekt, der nahe an die Resultate mit injizierbarem Semaglutid heranreicht (Medscape hat berichtet).


Bekannt ist, dass höhere Semaglutid-Dosen zwar mit einem stärkeren Gewichtsverlust, aber auch mit einer höheren Rate gastrointestinaler Nebenwirkungen einhergehen. Vor diesem Hintergrund richtet sich die Forschung zunehmend auf neue Wirkstoffgenerationen und auf Kombinationstherapien, die Effektivität und Verträglichkeit besser in Einklang bringen sollen.

Cagrilintid und Semaglutid: Gewichtsverlust von über 22%
Cagrilintid, ein Analogon des Peptidhormons Amylin, verzögert die Magenentleerung und verstärkt das Sättigungsgefühl. In der REDEFINE-1-Studie untersuchen Forscher die Wirksamkeit und Sicherheit der Kombination aus 2,4 mg Semaglutid (Sema) und 2,4 mg Cagrilintid (Cagri) zur Behandlung von Übergewicht bzw. Adipositas.



Sie hoffen nicht nur, dass Cagri/Sema, das wie Semaglutid 1-mal wöchentlich subkutan gespritzt wird, noch besser wirkt, sondern auch, dass die Kombination mit dem Amylinanalogon eine „gesündere“ Gewichtsreduktion herbeiführen könnte, indem mehr Muskelmasse erhalten bleibt als bei einem Inkretinmimetikum als Monotherapie. Darüber hat Prof. Dr. W. Timothy Garvey, University of Alabama at Birmingham, USA, berichtet.


An der REDEFINE-1-Studie nahmen insgesamt 3.417 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas, jedoch ohne Diabetes, teil. Die Mehrheit der Probanden war weiblich (66,4%) und weiß (70,8%). Das Durchschnittsalter lag bei 47 Jahren, das mittlere Körpergewicht bei 106,6 kg. Der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) betrug 37,9 kg/m², der Taillenumfang 114,1 cm. Eingeschlossen wurden Personen mit einem BMI von mindestens 30 kg/m² – oder ab 27 kg/m², wenn zusätzlich mindestens eine Adipositas-assoziierte Begleiterkrankung vorlag.

Über einen Zeitraum von 68 Wochen erhielten die Teilnehmenden wöchentlich entweder die Kombination aus Cagrilintid und Semaglutid (je 2,4 mg), 2,4 mg Semaglutid allein, 2,4 mg Cagrilintid allein oder ein Placebo. Alle Gruppen nahmen zusätzlich an Lebensstilinterventionen teil.

Die Ergebnisse fielen deutlich zugunsten der Kombinationstherapie aus: Unter Cagri/Sema kam es zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von -20,4%. Zum Vergleich: Unter Semaglutid allein betrug die Reduktion -14,9%, unter Cagrilintid allein -11,5%, unter Placebo lediglich -3 %. Wurden ausschließlich therapietreue Patienten berücksichtigt, lag der mittlere Gewichtsverlust unter Cagri/Sema sogar bei -22,7%.


Am häufigsten traten gastrointestinale Beschwerden auf: 54% der Patienten in der Cagri-Gruppe waren betroffen, gegenüber 39,9% unter Placebo. Zu den typischen gastrointestinalen Nebenwirkungen gehörten Übelkeit (23,8% vs. 12,6%), Verstopfung (20,5% vs. 11,6%), Durchfall (15,2% vs. 12,1%) und Erbrechen (7% vs. 4,1%).

„Bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes führte die Behandlung mit Cagri 2,4 mg im Vergleich zu Placebo zu einer klinisch bedeutsamen Verringerung des Körpergewichts und des Taillenumfangs bei einem günstigen Sicherheitsprofil“, fasst Garvey die Ergebnisse zusammen.


Oraler GLP-1-Rezeptoragonist HRS-7535 senkt HbA1c bei Typ-2-Diabetes
Weiter ging es beim Kongress mit dem neuartigen, oral verfügbaren, niedermolekularen GLP-1-Rezeptoragonist HRS-7535. Er zeigt bei Patienten mit Typ-2-Diabetes eine signifikante Verbesserung der Blutzuckerkontrolle.

Untersucht wurde die Substanz bei Personen, die trotz einer Therapie mit Metformin und einem SGLT2-Hemmer nicht ausreichend eingestellt waren. „HRS-7535 weist ein Sicherheitsprofil auf, das mit anderen GLP-1-Rezeptoragonisten übereinstimmt“, erklärte Prof. Dr. Meng Ren vom Sun Yat-sen Memorial Hospital in China.

HRS-7535 befindet sich in der Entwicklung zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas. In einer randomisierten, doppelblinden, multizentrischen Phase-2-Studie wurden 155 chinesische Teilnehmer untersucht. Das Durchschnittsalter lag bei 54 Jahren, 64,5% waren männlich. Das mittlere Körpergewicht betrug 69,9 kg, der durchschnittliche BMI 25,7 kg/m² und der mittlere HbA1c-Ausgangswert 8,5%.


Vor Beginn der Behandlung erhielten die Probanden 2 Wochen lang HRS-7535-Placebos sowie Henagliflozin-Metformin-Retardtabletten. Anschließend erfolgte die Randomisierung im Verhältnis 1:1:1 auf 3 Gruppen: 30 mg HRS-7535, 60 mg HRS-7535 oder Placebo. Primärer Endpunkt war die Veränderung des HbA1c-Wertes nach 16 Wochen.

Nach 16 Wochen zeigte sich eine mittlere HbA1c-Reduktion von -1,5% in der 30-mg-Gruppe und -1,8% in der 60-mg-Gruppe, während der Rückgang unter Placebo lediglich -0,4% betrug (p < 0,0001 für beide HRS-7535-Dosierungen gegenüber Placebo). Besonders deutlich fiel der Effekt bei Patienten mit einem HbA1c-Ausgangswert von über 8,5% aus: Hier sank der Wert um -1,6% (30 mg) bzw. -2,6% (60 mg), verglichen mit -0,7% unter Placebo.

Auch das Körpergewicht veränderte sich leicht: In der 30-mg-Gruppe betrug die Reduktion -1,6%, in der 60-mg-Gruppe -2,4%, während die Placebo-Gruppe -0,7% erreichte.

Nebenwirkungen traten erwartungsgemäß häufig auf: 74,5% der Probanden in der 30-mg-Gruppe und 75% in der 60-mg-Gruppe berichteten über mindestens ein unerwünschtes Ereignis, gegenüber 56,9% unter Placebo.

Die meisten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer. Am häufigsten genannt wurden Übelkeit (13%), Erbrechen (11,7%), erhöhte Lipasewerte (11,0%) und verminderter Appetit (5,8 %). Hypoglykämien wurden bei 5 Patienten (5,8 %) in den HRS-7535-Gruppen sowie bei 1 Patient (2%) unter Placebo dokumentiert; alle Fälle waren mild (Grad 1).

„Unsere Daten unterstützen die weitere klinische Entwicklung von HRS-7535 zur Behandlung von Typ-2-Diabetes“, so Ren.


Frauen profitieren stärker von GLP-1-Analoga als Männer
Patientinnen sprechen offenbar besser auf eine Therapie mit GLP-1-Rezeptoragonisten an als Patienten. Darauf weist eine multizentrische, retrospektive Längsschnittstudie hin, die Dr. Marella Marassi von der University of Padua vorgestellt hat.

In die Untersuchung wurden 7.847 Patienten mit Typ-2-Diabetes einbezogen, die in 18 italienischen Diabeteszentren eine GLP-1-RA-Therapie begonnen hatten. Die Teilnehmenden wurden nach ihrem selbst angegebenen Geschlecht stratifiziert; 4.705 (60%) waren Männer.

Beide Gruppen waren hinsichtlich Alter, Diabetesdauer und mittlerem HbA1c-Ausgangswert (8,0%) vergleichbar. Unterschiede zeigten sich jedoch beim Ausgangs-BMI – dieser war bei Frauen höher – sowie bei Begleiterkrankungen: Frauen hatten weniger mikro- und makrovaskuläre Komplikationen.


Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 4 Jahren nahmen Frauen im Schnitt signifikant stärker ab als Männer: Die durchschnittliche Differenz (in Klammern: ± Standardfehler) betrug -1,0 (0,2) kg (p < 0,001). Auch nach progressiver Anpassung für geschlechtsspezifische Unterschiede blieb dieser Effekt bestehen (vollständig angepasste mittlere Differenz: -1,1 (0,2) kg; p < 0,001). Der Befund war über alle untersuchten GLP-1-RA hinweg konsistent und blieb auch nach Berücksichtigung der gewichtsangepassten Dosierungen bestehen.

Am deutlichsten war der Unterschied bei injizierbarem Semaglutid: Frauen verloren im Schnitt 2,4 kg mehr als Männer. Zudem erreichten mehr Frauen als Männer eine klinisch relevante Gewichtsabnahme: ≥ 5% ihres Ausgangsgewichts reduzierten 66,5% der Frauen versus 58,0% der Männer (p < 0,001), eine Abnahme von ≥ 10 % erreichten 40,0% der Frauen gegenüber 30,7% der Männer (p < 0,001).

Bei den glykämischen Parametern zeigten sich dagegen keine Unterschiede: Die HbA1c-Reduktion unterschied sich zwischen den Geschlechtern nicht signifikant (mittlere Differenz: 0,4 mmol/mol; p = 0,21). Auch beim Rückgang der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) war kein Unterschied festzustellen (p = 0,78).

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Montag, 4. August 2025
COVID-19: Impfungen haben Millionen Leben und Lebensjahre weltweit gerettet
Eine Analyse im JAMA Health Forum zeigt, wie groß der gesundheitliche Nutzen von COVID-19-Impfungen seit deren Beginn bis zum 1. Oktober 2024 war.

Weltweit konnten durch Vakzine mehr als 2,5 Millionen Todesfälle verhindert werden. Rechnerisch wurde etwa 1 Todesfall pro 5.400 verabreichter Impfdosen vermieden. Der größte Nutzen zeigte sich bei über 60-Jährigen (90% der vermiedenen Todesfälle). Auch in der Omikron-Phase ab Ende des Jahres 2021 war die Wirkung erheblich: 57% der geretteten Leben fielen in diesem Zeitraum.


Insgesamt wurden 14,8 Millionen Lebensjahre gerettet, im Schnitt 1 Lebensjahr pro 900 verabreichten Impfdosen. Auch hier profitierten vor allem ältere Menschen: 3 Viertel der geretteten Lebensjahre entfielen auf Personen ab 60 Jahren. Der Beitrag von Menschen in Pflegeeinrichtungen lag bei lediglich 2%.

Nur 0,01% der geretteten Leben und 0,1% der geretteten Lebensjahre führen die Autoren auf Kinder und Jugendliche zurück. Bei den 20- bis 29-Jährigen waren es 0,07% bzw. 0,3%.

Aluminium in Impfstoffen: Keine Hinweise auf Gesundheitsrisiken bei Kindern
Aluminium, das in vielen Impfstoffen für Kinder als Wirkverstärker (Adjuvans) verwendet wird, steht seit Jahren in Verdacht, chronische Krankheiten auszulösen. Hinweise kamen vor allem aus tierexperimentellen Studien. Eine große, in den Annals of Internal Medicine veröffentlichte Kohortenstudie mit über 1,2 Millionen Kindern gibt jetzt Entwarnung. Die Forschenden fanden keinen Zusammenhang zwischen Aluminium aus Impfstoffen und einem erhöhten Risiko für Autoimmunerkrankungen, Allergien oder neurologische Entwicklungsstörungen.


Sie haben Daten von Kindern, die zwischen den Jahren 1997 und 2018 in Dänemark geboren worden waren, ausgewertet. Basierend auf nationalen Gesundheitsregistern ermittelten sie, wie viel Aluminium jedes Kind durch Impfungen aufgenommen hatte. Je nach Jahrgang waren es zwischen 0 und 4,5 mg. Anschließend suchten sie nach Assoziationen mit insgesamt 50 Erkrankungen.

Besonders bemerkenswert ist das Studiendesign: Die Forschenden nutzten Veränderungen im dänischen Impfplan, etwa durch die Einführung neuer Impfstoffe oder durch Lieferengpässe, als Grundlage für eine Art „natürliches Experiment“. Solche Effekte haben zu unterschiedlichen Expositionen mit Aluminium geführt: eine Möglichkeit, den Effekt von Störgrößen zu minimieren.

Bei keiner der 50 untersuchten Krankheiten fanden die Autoren signifikant höhere Risiken durch Aluminium. Ihr Fazit: Dieses Adjuvans in Kinderimpfstoffen sei nach aktuellem Wissensstand sicher – die Studie liefere starke Evidenz gegen einen Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen im Kindesalter.

Bakterielle Infektionen: Weniger Antibiotika dank Schnelltest
Ein einfacher, leicht durchführbarer Schnelltest direkt in der Arztpraxis kann dazu beitragen, den unnötigen Einsatz von Antibiotika bei Halsschmerzen deutlich zu verringern. Das zeigt eine Metaanalyse aus Deutschland, über die Forschende im Open Forum Infectious Diseases berichten. Ausgewertet wurden 8 randomisierte Studien mit insgesamt 4.249 Kindern und Erwachsenen.

Forscher haben die Wirksamkeit eines Point-of-Care-Tests (POCT) auf β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A – Bakterien, die häufig für eine bakterielle Pharyngitis verantwortlich sind. Ihr Ergebnis: Wenn Ärzte den Schnelltest eingesetzt haben, sank die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen im Vergleich zur Standardversorgung um 38%. Wurde der Test als alleinige diagnostische Methode genutzt, waren es sogar 41% weniger Verordnungen.

Die neue Strategie beeinträchtigte weder den Krankheitsverlauf noch die Lebensqualität der Patienten. Auch die Dauer der Halsschmerzen und die Zahl der versäumten Schul- oder Arbeitstage unterschied sich nicht signifikant zwischen den Gruppen. Auch der Bedarf an Schmerzmitteln oder weiteren Untersuchungen blieb gleich.

Die Sensitivität des Tests lag je nach Studie zwischen 65% und 94%, die Spezifität zwischen 85% und 94% – also in einem Bereich, der eine zuverlässige Diagnose in der Praxis erlaubt. Damit liefert die Metaanalyse ein klares Argument für den routinemäßigen Einsatz solcher Schnelltests zur rationaleren Antibiotikatherapie bei Halsschmerzen.

Arboviren: WHO veröffentlicht Leitlinien zur Diagnostik und zur Therapie
Lange Zeit galten Arboviren wie Dengue, Zika, Chikungunya und Gelbfieber als typische Erkrankungen tropischer und subtropischer Regionen. Doch der Klimawandel, die zunehmende Urbanisierung, das Bevölkerungswachstum und das steigende Reiseaufkommen sorgen dafür, dass sich solche Infektionen weltweit ausbreiten. Darüber hat Medscape kürzlich berichtet.

Aufgrund dieser Risiken hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals globale Leitlinien zur Versorgung von Patienten mit Arbovirus-Infektionen veröffentlicht. Ihre Empfehlungen sollen Ärzten helfen, die 4 wichtigsten Arbovirosen frühzeitig zu erkennen und evidenzbasiert zu behandeln – auch unter schwierigen Bedingungen bzw. ohne Zugang zu moderner Labordiagnostik.

So spricht anhaltender Gelenkschmerz eher für Chikungunya, während Juckreiz häufiger bei Zika beobachtet wird. Bei Dengue wiederum sind ein fortschreitender Anstieg des Hämatokrit-Werts, eine Thrombozytopenie und eine Leukopenie wichtige Anzeichen.

Bei milder Symptomatik empfiehlt die WHO, viel zu trinken und Paracetamol oder Metamizol zur Linderung von Fieber und Schmerzen einzunehmen. Auf Kortikosteroide oder auf nichtsteroidale Antirheumatika sollte verzichtet werden. Letztere gelten unabhängig vom Schweregrad als kontraindiziert.

Für schwerer erkrankte, hospitalisierte Patienten gibt die WHO Ärzten detaillierte Vorschläge zur Rehydratation. Ärzte sollten kristalloide Infusionslösungen einsetzen. Wichtige Kriterien bei unklarem Volumenbedarf sind die Kapillarfüllungszeit, der Laktatwert und der passive Beinhebeversuch (Passive Leg Raise).

Systemische Kortikosteroide und Immunglobuline sollen ebenso vermieden werden wie prophylaktische Thrombozyten-Transfusionen bei Werten unter 50.000/µl – es sei denn, es liegt eine Blutung vor.


Quelle: Medscape

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