Montag, 11. Mai 2026
Stress verursacht keinen Krebs – warum sich der Mythos trotzdem so hartnäckig hält
che2001, 16:26h
F. Perry Wilson, MD, MSCE
"Viele Patienten glauben: Stress verursacht Krebs. Doch Studiendaten widersprechen der Vermutung. Laut Prof. Dr. F. Perry Wilson lässt sich der mitunter beobachtete Zusammenhang durch Risikoverhalten erklären. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert. Das Video finden Sie hier.
Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Heute soll es um folgendes Thema gehen: Stress verursacht keinen Krebs.
Wenn man sich die medizinische Literatur ansieht, ist diese Aussage alles andere als kontrovers. Befragt man jedoch Patienten, glauben etwa 50%, dass chronischer Stress ein Risikofaktor für Krebs ist. Und auch viele Ärzte haben diesen Gedanken – zumindest im Stillen.
Wir alle kennen solche Geschichten: Ein Mann durchlebt eine schwierige Scheidung und erhält wenige Jahre später die Diagnose Magenkrebs. Oder eine Frau, dauerhaft stark belastet durch ihren Job, erkrankt in jungen Jahren an Eierstockkrebs. Solche Anekdoten bleiben im Gedächtnis, weil wir Menschen Trost darin finden, tragische Ereignisse erklären zu können.
Die Vorstellung, dass unser Schicksal zufällig ist, beeinflusst von den Launen eines gleichgültigen Universums, etwa durch einen einzelnen Gammastrahl, der genau im falschen Moment die DNA trifft, ist deutlich beunruhigender als die Idee, wir hätten zumindest ein gewisses Maß an Kontrolle. Wenn wir nur ruhig bleiben und weitermachen, so der Gedanke.
Eine gefährliche Annahme
Doch die Überzeugung, Stress würde Krebs verursachen, ist gefährlich. Sie führt dazu, dass sich manche Menschen selbst die Schuld geben, wenn sie eine Krebsdiagnose erhalten. Hätten sie doch nur gelassener, entspannter, „Zen“-hafter gelebt – dann wäre das vielleicht nicht passiert.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir zeigen: Stress ist zwar gesundheitlich problematisch, aber nicht, weil er Krebs verursacht. Eine aktuelle Studie, die kürzlich veröffentlicht worden ist, liefert spannende Erkenntnisse zum Thema.
Ich habe mich intensiv mit dieser Arbeit beschäftigt, die in der Fachzeitschrift Cancer erschienen ist. Es handelt sich um eine sogenannte Individual-Participant-Data-Metaanalyse zu psychosozialen Faktoren und der Krebsinzidenz, basierend auf Daten aus 22 Kohorten weltweit.
Metaanalysen bündeln Daten aus mehreren Studien. Klassischerweise werden die Ergebnisse einzelner Studien dabei gewichtet – je nachdem, wie präzise sie sind – und anschließend gemittelt. Im Kern bedeutet das: Eine Metaanalyse ist eine Zusammenfassung von Zusammenfassungen. Hier besteht allerdings die Gefahr, quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.
Eine Metaanalyse auf Basis individueller Teilnehmerdaten ist deutlich aussagekräftiger. In diesem Fall lieferten die 22 eingeschlossenen Kohorten nicht nur ihre zusammengefassten Ergebnisse, sondern die individuellen Daten jedes einzelnen Teilnehmers.
Gerade bei einem Thema wie Stress ist das entscheidend, weil es den Forschern ermöglicht, die Bestimmung psychosozialer Faktoren über alle Kohorten hinweg zu vereinheitlichen – unabhängig davon, welche Definitionen in den ursprünglichen Studien verwendet wurden.
Insgesamt umfasst die Analyse Daten von 421.799 Teilnehmern, von denen im Beobachtungszeitraum 35.319 an Krebs erkrankten. Das ist eine ausgesprochen umfangreiche Datengrundlage.
Die Forscher haben psychosoziale Stressfaktoren in 5 verschiedenen Bereichen erfasst, wobei nicht alle in jeder Kohorten verfügbar waren: Beziehungsstatus, wahrgenommene soziale Unterstützung, kürzlich erlebte Verluste (definiert als der Tod eines nahen Familienmitglieds innerhalb der vergangenen 12 Monate), allgemeine psychische Belastung sowie Neurotizismus.
Doch man kann nicht einfach die Korrelation zwischen diesen Faktoren und Krebs betrachten – dafür gibt es zu viele Störfaktoren.
Das Alter ist der bedeutendste einzelne Risikofaktor für Krebs. Gleichzeitig nimmt mit den Lebensjahren die Zahl psychosozialer Belastungen zu. Ältere Menschen haben mit höherer Wahrscheinlichkeit den Verlust nahestehender Personen erlebt, häufiger Trennungen oder Scheidungen durchgemacht und sind insgesamt mehr belastenden Lebensereignissen ausgesetzt.
Tatsächlich dürfte genau das einer der Gründe sein, warum sich die Vorstellung, Stress verursache Krebs, so hartnäckig hält. Denn die Lebensphase, in der Krebs typischerweise auftritt, ist oft dieselbe, in der auch viele dieser Stressoren zum Tragen kommen.
Umso wichtiger ist es, die Daten für das Alter zu adjustieren – was die Autoren auch getan haben. In ihrem Basismodell berücksichtigten sie zudem Geschlecht, Herkunftsland und Bildungsniveau. Auf dieser Grundlage lassen sich die Ergebnisse sinnvoll interpretieren.
Neurotizismus und allgemeine psychische Belastung sind jene Faktoren, die wir typischerweise mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp verbinden – dem chronisch gestressten Menschen. Wenn es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Stress und Krebs gäbe, müsste er sich am ehesten hier zeigen.
Die zugrunde liegende Hypothese lautet, dass chronischer Stress etwa zu erhöhten körpereigenen Cortisolspiegeln führt, was das Immunsystem unterdrückt. Dadurch könnte die sogenannte Immunüberwachung beeinträchtigt werden, sodass Krebszellen, die sonst eliminiert worden wären, weiter wachsen können.
Doch genau das zeigte sich nicht: Weder für Neurotizismus noch für allgemeine psychische Belastung fand sich ein Zusammenhang – weder mit Krebserkrankungen insgesamt noch mit einzelnen Krebsarten.
Wie steht es um die anderen psychosozialen Faktoren? Eine als gering empfundene soziale Unterstützung, ein kürzlich erlittener Verlust sowie das Leben ohne Partnerschaft waren jeweils mit einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs verbunden. Auch bei Singles gab es einen einen Zusammenhang mit weiteren, durch das Rauchen bedingten Krebsarten.
Rauchen als entscheidender Vermittler
Und genau hier liegt der zentrale Hinweis darauf, was tatsächlich passiert. Irgendetwas vermittelt den Zusammenhang zwischen geringer sozialer Unterstützung, einem kürzlich erlebten Verlust oder dem Fehlen einer Partnerschaft – und einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs sowie andere rauchassoziierte Tumoren.
Und dieses „Etwas“? Es ist das Rauchen. Menschen, die solchen Formen von Stress ausgesetzt waren, rauchten häufiger. Nachdem die Autoren ihre Daten für das Rauchverhalten adjustiert hatten, schwächte sich der Zusammenhang deutlich ab. Sie erstellten schließlich ein vollständig adjustiertes Modell, das auch Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Body-Mass-Index, Alkoholkonsum und eine familiäre Krebsbelastung berücksichtigte.
Unter Einbeziehung all dieser Parameter zeigte sich praktisch kein Zusammenhang mehr zwischen psychosozialem Stress und irgendeiner Krebsart. Es gab jedoch 2 Ausnahmen: Der kürzliche Verlust eines Familienmitglieds blieb auch nach Anpassung für das Rauchen mit einem erhöhten Lungenkrebs-Risiko verbunden. Diese Daten stammen allerdings nur aus einer einzigen Kohorte und sind daher schwer zu interpretieren. Zudem blieb ein Zusammenhang zwischen dem Leben ohne Partnerschaft und rauchbedingten Krebserkrankungen bestehen – wenn auch deutlich abgeschwächt.
Ist das real? Ich bin skeptisch. Mir erscheint es weiterhin plausibel, dass das Rauchen selbst die Ursache für diese Krebserkrankungen ist – und dass die statistische Anpassung für das Rauchverhalten naturgemäß nicht perfekt ist: Menschen unterschätzen ihren Konsum, geben ihn ungenau an oder verschweigen ihn ganz. Statistische Korrekturen sind kein Allheilmittel, und dass die Effekte nach Anpassung kleiner werden, ist ein wichtiges Signal.
Natürlich ließe sich hypothetisch argumentieren, dass gerade der Stress durch Trauer einen spezifischen krebsauslösenden Effekt auf die Lunge hat – aber biologisch überzeugt mich das nicht.
Was bedeutet die Studie?
Die rationalste Interpretation dieser Daten ist daher: Nein, Stress an sich verursacht keinen Krebs. Aber Stress kann dazu führen, dass Menschen Verhaltensweisen entwickeln – wie Rauchen oder erhöhten Alkoholkonsum –, die tatsächlich das Krebsrisiko steigern.
Das hat Konsequenzen für den Umgang mit einer neuen Krebsdiagnose. Natürlich gibt es Faktoren, die wir selbst beeinflussen und die unser Risiko erhöhen. Wir rauchen, obwohl wir es besser wissen, oder trinken mehr Alkohol als gesund ist. Diese Lebensstil-Risiken sind real.
Doch gleichzeitig spielt auch Zufall eine Rolle. Manche Krebserkrankungen sind schlicht Pech. Sich selbst die Schuld zu geben, weil man etwa mit dem Verlust eines Angehörigen nicht „richtig“ umgegangen ist, eine gescheiterte Beziehung erlebt hat oder in einem übermäßig belastenden Job geblieben ist – hilft nicht. Und vor allem: Es entspricht nicht den Fakten.
Stress ist zweifellos schädlich. Aber er ist nicht dasselbe wie Rauchen – auch wenn sich die Frage stellt, was von beidem schwerer vermeidbar ist."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
"Viele Patienten glauben: Stress verursacht Krebs. Doch Studiendaten widersprechen der Vermutung. Laut Prof. Dr. F. Perry Wilson lässt sich der mitunter beobachtete Zusammenhang durch Risikoverhalten erklären. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert. Das Video finden Sie hier.
Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Heute soll es um folgendes Thema gehen: Stress verursacht keinen Krebs.
Wenn man sich die medizinische Literatur ansieht, ist diese Aussage alles andere als kontrovers. Befragt man jedoch Patienten, glauben etwa 50%, dass chronischer Stress ein Risikofaktor für Krebs ist. Und auch viele Ärzte haben diesen Gedanken – zumindest im Stillen.
Wir alle kennen solche Geschichten: Ein Mann durchlebt eine schwierige Scheidung und erhält wenige Jahre später die Diagnose Magenkrebs. Oder eine Frau, dauerhaft stark belastet durch ihren Job, erkrankt in jungen Jahren an Eierstockkrebs. Solche Anekdoten bleiben im Gedächtnis, weil wir Menschen Trost darin finden, tragische Ereignisse erklären zu können.
Die Vorstellung, dass unser Schicksal zufällig ist, beeinflusst von den Launen eines gleichgültigen Universums, etwa durch einen einzelnen Gammastrahl, der genau im falschen Moment die DNA trifft, ist deutlich beunruhigender als die Idee, wir hätten zumindest ein gewisses Maß an Kontrolle. Wenn wir nur ruhig bleiben und weitermachen, so der Gedanke.
Eine gefährliche Annahme
Doch die Überzeugung, Stress würde Krebs verursachen, ist gefährlich. Sie führt dazu, dass sich manche Menschen selbst die Schuld geben, wenn sie eine Krebsdiagnose erhalten. Hätten sie doch nur gelassener, entspannter, „Zen“-hafter gelebt – dann wäre das vielleicht nicht passiert.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir zeigen: Stress ist zwar gesundheitlich problematisch, aber nicht, weil er Krebs verursacht. Eine aktuelle Studie, die kürzlich veröffentlicht worden ist, liefert spannende Erkenntnisse zum Thema.
Ich habe mich intensiv mit dieser Arbeit beschäftigt, die in der Fachzeitschrift Cancer erschienen ist. Es handelt sich um eine sogenannte Individual-Participant-Data-Metaanalyse zu psychosozialen Faktoren und der Krebsinzidenz, basierend auf Daten aus 22 Kohorten weltweit.
Metaanalysen bündeln Daten aus mehreren Studien. Klassischerweise werden die Ergebnisse einzelner Studien dabei gewichtet – je nachdem, wie präzise sie sind – und anschließend gemittelt. Im Kern bedeutet das: Eine Metaanalyse ist eine Zusammenfassung von Zusammenfassungen. Hier besteht allerdings die Gefahr, quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.
Eine Metaanalyse auf Basis individueller Teilnehmerdaten ist deutlich aussagekräftiger. In diesem Fall lieferten die 22 eingeschlossenen Kohorten nicht nur ihre zusammengefassten Ergebnisse, sondern die individuellen Daten jedes einzelnen Teilnehmers.
Gerade bei einem Thema wie Stress ist das entscheidend, weil es den Forschern ermöglicht, die Bestimmung psychosozialer Faktoren über alle Kohorten hinweg zu vereinheitlichen – unabhängig davon, welche Definitionen in den ursprünglichen Studien verwendet wurden.
Insgesamt umfasst die Analyse Daten von 421.799 Teilnehmern, von denen im Beobachtungszeitraum 35.319 an Krebs erkrankten. Das ist eine ausgesprochen umfangreiche Datengrundlage.
Die Forscher haben psychosoziale Stressfaktoren in 5 verschiedenen Bereichen erfasst, wobei nicht alle in jeder Kohorten verfügbar waren: Beziehungsstatus, wahrgenommene soziale Unterstützung, kürzlich erlebte Verluste (definiert als der Tod eines nahen Familienmitglieds innerhalb der vergangenen 12 Monate), allgemeine psychische Belastung sowie Neurotizismus.
Doch man kann nicht einfach die Korrelation zwischen diesen Faktoren und Krebs betrachten – dafür gibt es zu viele Störfaktoren.
Das Alter ist der bedeutendste einzelne Risikofaktor für Krebs. Gleichzeitig nimmt mit den Lebensjahren die Zahl psychosozialer Belastungen zu. Ältere Menschen haben mit höherer Wahrscheinlichkeit den Verlust nahestehender Personen erlebt, häufiger Trennungen oder Scheidungen durchgemacht und sind insgesamt mehr belastenden Lebensereignissen ausgesetzt.
Tatsächlich dürfte genau das einer der Gründe sein, warum sich die Vorstellung, Stress verursache Krebs, so hartnäckig hält. Denn die Lebensphase, in der Krebs typischerweise auftritt, ist oft dieselbe, in der auch viele dieser Stressoren zum Tragen kommen.
Umso wichtiger ist es, die Daten für das Alter zu adjustieren – was die Autoren auch getan haben. In ihrem Basismodell berücksichtigten sie zudem Geschlecht, Herkunftsland und Bildungsniveau. Auf dieser Grundlage lassen sich die Ergebnisse sinnvoll interpretieren.
Neurotizismus und allgemeine psychische Belastung sind jene Faktoren, die wir typischerweise mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp verbinden – dem chronisch gestressten Menschen. Wenn es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Stress und Krebs gäbe, müsste er sich am ehesten hier zeigen.
Die zugrunde liegende Hypothese lautet, dass chronischer Stress etwa zu erhöhten körpereigenen Cortisolspiegeln führt, was das Immunsystem unterdrückt. Dadurch könnte die sogenannte Immunüberwachung beeinträchtigt werden, sodass Krebszellen, die sonst eliminiert worden wären, weiter wachsen können.
Doch genau das zeigte sich nicht: Weder für Neurotizismus noch für allgemeine psychische Belastung fand sich ein Zusammenhang – weder mit Krebserkrankungen insgesamt noch mit einzelnen Krebsarten.
Wie steht es um die anderen psychosozialen Faktoren? Eine als gering empfundene soziale Unterstützung, ein kürzlich erlittener Verlust sowie das Leben ohne Partnerschaft waren jeweils mit einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs verbunden. Auch bei Singles gab es einen einen Zusammenhang mit weiteren, durch das Rauchen bedingten Krebsarten.
Rauchen als entscheidender Vermittler
Und genau hier liegt der zentrale Hinweis darauf, was tatsächlich passiert. Irgendetwas vermittelt den Zusammenhang zwischen geringer sozialer Unterstützung, einem kürzlich erlebten Verlust oder dem Fehlen einer Partnerschaft – und einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs sowie andere rauchassoziierte Tumoren.
Und dieses „Etwas“? Es ist das Rauchen. Menschen, die solchen Formen von Stress ausgesetzt waren, rauchten häufiger. Nachdem die Autoren ihre Daten für das Rauchverhalten adjustiert hatten, schwächte sich der Zusammenhang deutlich ab. Sie erstellten schließlich ein vollständig adjustiertes Modell, das auch Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Body-Mass-Index, Alkoholkonsum und eine familiäre Krebsbelastung berücksichtigte.
Unter Einbeziehung all dieser Parameter zeigte sich praktisch kein Zusammenhang mehr zwischen psychosozialem Stress und irgendeiner Krebsart. Es gab jedoch 2 Ausnahmen: Der kürzliche Verlust eines Familienmitglieds blieb auch nach Anpassung für das Rauchen mit einem erhöhten Lungenkrebs-Risiko verbunden. Diese Daten stammen allerdings nur aus einer einzigen Kohorte und sind daher schwer zu interpretieren. Zudem blieb ein Zusammenhang zwischen dem Leben ohne Partnerschaft und rauchbedingten Krebserkrankungen bestehen – wenn auch deutlich abgeschwächt.
Ist das real? Ich bin skeptisch. Mir erscheint es weiterhin plausibel, dass das Rauchen selbst die Ursache für diese Krebserkrankungen ist – und dass die statistische Anpassung für das Rauchverhalten naturgemäß nicht perfekt ist: Menschen unterschätzen ihren Konsum, geben ihn ungenau an oder verschweigen ihn ganz. Statistische Korrekturen sind kein Allheilmittel, und dass die Effekte nach Anpassung kleiner werden, ist ein wichtiges Signal.
Natürlich ließe sich hypothetisch argumentieren, dass gerade der Stress durch Trauer einen spezifischen krebsauslösenden Effekt auf die Lunge hat – aber biologisch überzeugt mich das nicht.
Was bedeutet die Studie?
Die rationalste Interpretation dieser Daten ist daher: Nein, Stress an sich verursacht keinen Krebs. Aber Stress kann dazu führen, dass Menschen Verhaltensweisen entwickeln – wie Rauchen oder erhöhten Alkoholkonsum –, die tatsächlich das Krebsrisiko steigern.
Das hat Konsequenzen für den Umgang mit einer neuen Krebsdiagnose. Natürlich gibt es Faktoren, die wir selbst beeinflussen und die unser Risiko erhöhen. Wir rauchen, obwohl wir es besser wissen, oder trinken mehr Alkohol als gesund ist. Diese Lebensstil-Risiken sind real.
Doch gleichzeitig spielt auch Zufall eine Rolle. Manche Krebserkrankungen sind schlicht Pech. Sich selbst die Schuld zu geben, weil man etwa mit dem Verlust eines Angehörigen nicht „richtig“ umgegangen ist, eine gescheiterte Beziehung erlebt hat oder in einem übermäßig belastenden Job geblieben ist – hilft nicht. Und vor allem: Es entspricht nicht den Fakten.
Stress ist zweifellos schädlich. Aber er ist nicht dasselbe wie Rauchen – auch wenn sich die Frage stellt, was von beidem schwerer vermeidbar ist."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Montag, 4. Mai 2026
Mittelmeerdiät schlägt fettarme Kost: neue Studiendaten zeigen klaren Vorteil fürs Herz
che2001, 17:37h
Univadis Nachrichten
Carlos Sierra, PhD
04. Mai 2026
Ausgewogene Ernährung ist keine Garantie für Gesundheit – doch sie ist ein entscheidender Faktor. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen deutlich: Eine Kost, die arm an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch ist, gleichzeitig aber reich an verarbeiteten Fleischprodukten, zugesetztem Zucker und Salz, zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Demgegenüber verdichten sich die Belege, dass die Mittelmeerdiät weit mehr als nur ein gesunder Lebensstil ist. Sie trägt maßgeblich dazu bei, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen, vorzeitiges Altern zu verlangsamen und den kognitiven Abbau zu bremsen. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert die CORDIOPREV-Studie, eine klinische Untersuchung am Universitätsklinikum Reina Sofía im spanischen Córdoba, deren aktuelle Ergebnisse im European Journal of Internal Medicine veröffentlicht worden sind [1].
7 Jahre Forschung: CORDIOPREV liefert harte Zahlen
Die ursprünglich in The Lancet publizierte CORDIOPREV-Studie [2]ist eine randomisierte klinische Untersuchung mit 1.002 Teilnehmern, darunter 827 Männer (82,5%). Alle Teilnehmer litten an einer stabilen koronaren Herzkrankheit. Sie waren zwischen 20 und 75 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 59,5 Jahren. Über einen Zeitraum von 7 Jahren wurden sie engmaschig begleitet.
Forscher haben die Probanden in 2 Gruppen eingeteilt: 502 Personen ernährten sich mediterran mit viel nativem Olivenöl, während 500 Teilnehmer eine fettarme, ebenfalls gesunde Kost zu sich nahmen. „Auch die Vergleichsdiät musste aus ethischen Gründen gesund sein – es wäre nicht vertretbar gewesen, den Teilnehmern eine ungesunde Ernährung vorzugeben“, erklärt Dr. Pablo Pérez Martínez. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Instituto Maimónides für biomedizinische Forschung (IMIBIC), Professor für Medizin an der Universität Córdoba sowie Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Reina Sofía, Córdoba.
Ziel war es, das Auftreten schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse zu vergleichen, darunter Herzinfarkt, Revaskularisation, ischämischer Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder kardiovaskulär bedingter Tod.
Im Verlauf der Studie trat ein solches Ereignis bei insgesamt 198 Personen auf: 87 in der Gruppe mit mediterraner Ernährung und 111 in der Kontrollgruppe. Besonders deutlich war der Unterschied bei Männern. Hier kam es bei 16,2% in der Mittelmeerdiät-Gruppe zu einem Ereignis, verglichen mit 22,8% in der Gruppe mit fettarmer Ernährung. Bei den Frauen zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
Diese Ergebnisse machen deutlich: „Die Mittelmeerdiät verringert signifikant das Wiederauftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse und ist damit eine besonders wirksame Strategie in der Sekundärprävention“, so Pérez Martínez.
Warum die Mittelmeerdiät mehr leisten kann
Die Studie belegt nicht nur einen statistischen Vorteil, sondern liefert auch Hinweise auf die zugrunde liegenden Mechanismen. Die mediterrane Ernährung scheint das Fortschreiten einer Atherosklerose zu verlangsamen, die Funktion des Endothels zu verbessern und entzündliche Prozesse zu modulieren, die an der Entstehung und am Aufbrechen von Plaques beteiligt sind. Dazu zählt unter anderem die Aktivität von Neutrophilen, die eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen spielen.
Diese Erkenntnisse haben inzwischen Eingang in europäische Leitlinien gefunden. Dort wird die Mittelmeerdiät ausdrücklich als empfohlene Ernährungsweise für Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko genannt.
Ein Studiendesign mit besonderer Aussagekraft
Was CORDIOPREV besonders macht, ist der Fokus auf Risikopatienten mit koronarer Herzkrankheit. Dadurch konnten Forscher erstmals belastbar untersuchen, welche Rolle die Ernährung in der Sekundärprävention spielt.
Hinzu kommt die lange Nachbeobachtungszeit von 7 Jahren sowie der direkte Vergleich mit einer ebenfalls gesunden, fettarmen Ernährung. „Die Studie wurde gezielt so konzipiert, dass wir prüfen können, ob eine mediterrane Ernährung mit viel Olivenöl den klinischen Verlauf stärker verbessert als eine fettarme Diät“, erläutert Pérez Martínez.
Besonders bemerkenswert sei, dass sich die Überlegenheit der Mittelmeerdiät gerade unter diesen anspruchsvollen Bedingungen gezeigt habe, so Pérez Martínez. „Sie wurde nicht mit einer eindeutig ungesunden Ernährung verglichen, sondern mit einer ebenfalls empfohlenen Diät. Das verleiht den Ergebnissen eine besonders hohe klinische Relevanz.“
Vom Wissen zum Verhalten: Die größte Herausforderung
Dich trotz jahrzehntelanger Forschung bleibt ein Problem bestehen: Erkenntnisse aus der Wissenschaft erreichen die Bevölkerung oft nicht in Form konkreter Verhaltensänderungen. Viele Menschen treffen ihre Entscheidungen, was auf dem Speiseplan steht, weiterhin nach Bequemlichkeit, Geschmack oder Gewohnheit. Gesundheitliche Effekte spielen oft nur eine untergeordnete Rolle.
Um diese Lücke zu schließen, haben Ärzte aus Córdoba das Programm E-DUCASS ins Leben gerufen. Es handelt sich um eine 24-monatige Bildungsintervention für sozial benachteiligte Familien mit erhöhtem Risiko, sich ungesund zu ernähren. Teilnehmer erhielten zunächst eine Präsenzschulung und wurden anschließend zufällig 2 Interventionsformen zugeteilt: einer klassischen persönlichen Betreuung oder einer digitalen Begleitung.
Damit wollten Ärzte herausfinden, ob digitale Strategien effektiver sein könnten als traditionelle Ansätze. Unterstützt wurde das Programm durch kostengünstige Workshops, passgenaue Informationsmaterialien sowie leicht zugängliche Kanäle wie YouTube, WhatsApp und SMS. Hinzu kamen gesunde, preiswerte Speisepläne mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln.
4 Jahre nach Start des Projekts zeigen vorläufige Ergebnisse eine klare Tendenz: „Die digitale Intervention verbessert die kardiovaskuläre Gesundheit effektiver als herkömmliche Methoden – insbesondere in vulnerablen Bevölkerungsgruppen“, sagt Pérez Martínez.
Skalierung auf internationaler Ebene geplant
Jetzt sollen die Ansätze weiterentwickelt und international erprobt werden. Mit den Projekten E2-DUCASS und E-DUCASS Advance stehen die nächsten Schritte fest.
E2-DUCASS untersucht die Übertragbarkeit des Modells auf andere Länder, darunter Portugal und Taiwan. E-DUCASS Advance wiederum analysiert, inwiefern der sozioökonomische Status den Erfolg der Intervention beeinflusst, indem Forscher Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichem Einkommen in die Studie aufnehmen und begleiten.
Ziel beider Projekte ist, die Anwendbarkeit, Skalierbarkeit und Wirksamkeit der Maßnahmen in unterschiedlichen sozialen und geografischen Kontexten zu überprüfen. Während E2-DUCASS bereits in der Interventionsphase ist, läuft für E-DUCASS Advance derzeit die Rekrutierung der Teilnehmer.
Mediterrane Diät als moderne Präventionsstrategie
Damit wird deutlich: Die Mittelmeerdiät ist längst mehr als ein kulturelles Ernährungsmuster – sie entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Baustein moderner Präventionsstrategien im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt geht es darum, sie in den Alltag der Menschen zu bringen.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.es.
Carlos Sierra, PhD
04. Mai 2026
Ausgewogene Ernährung ist keine Garantie für Gesundheit – doch sie ist ein entscheidender Faktor. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen deutlich: Eine Kost, die arm an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch ist, gleichzeitig aber reich an verarbeiteten Fleischprodukten, zugesetztem Zucker und Salz, zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Demgegenüber verdichten sich die Belege, dass die Mittelmeerdiät weit mehr als nur ein gesunder Lebensstil ist. Sie trägt maßgeblich dazu bei, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen, vorzeitiges Altern zu verlangsamen und den kognitiven Abbau zu bremsen. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert die CORDIOPREV-Studie, eine klinische Untersuchung am Universitätsklinikum Reina Sofía im spanischen Córdoba, deren aktuelle Ergebnisse im European Journal of Internal Medicine veröffentlicht worden sind [1].
7 Jahre Forschung: CORDIOPREV liefert harte Zahlen
Die ursprünglich in The Lancet publizierte CORDIOPREV-Studie [2]ist eine randomisierte klinische Untersuchung mit 1.002 Teilnehmern, darunter 827 Männer (82,5%). Alle Teilnehmer litten an einer stabilen koronaren Herzkrankheit. Sie waren zwischen 20 und 75 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 59,5 Jahren. Über einen Zeitraum von 7 Jahren wurden sie engmaschig begleitet.
Forscher haben die Probanden in 2 Gruppen eingeteilt: 502 Personen ernährten sich mediterran mit viel nativem Olivenöl, während 500 Teilnehmer eine fettarme, ebenfalls gesunde Kost zu sich nahmen. „Auch die Vergleichsdiät musste aus ethischen Gründen gesund sein – es wäre nicht vertretbar gewesen, den Teilnehmern eine ungesunde Ernährung vorzugeben“, erklärt Dr. Pablo Pérez Martínez. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Instituto Maimónides für biomedizinische Forschung (IMIBIC), Professor für Medizin an der Universität Córdoba sowie Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Reina Sofía, Córdoba.
Ziel war es, das Auftreten schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse zu vergleichen, darunter Herzinfarkt, Revaskularisation, ischämischer Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder kardiovaskulär bedingter Tod.
Im Verlauf der Studie trat ein solches Ereignis bei insgesamt 198 Personen auf: 87 in der Gruppe mit mediterraner Ernährung und 111 in der Kontrollgruppe. Besonders deutlich war der Unterschied bei Männern. Hier kam es bei 16,2% in der Mittelmeerdiät-Gruppe zu einem Ereignis, verglichen mit 22,8% in der Gruppe mit fettarmer Ernährung. Bei den Frauen zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
Diese Ergebnisse machen deutlich: „Die Mittelmeerdiät verringert signifikant das Wiederauftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse und ist damit eine besonders wirksame Strategie in der Sekundärprävention“, so Pérez Martínez.
Warum die Mittelmeerdiät mehr leisten kann
Die Studie belegt nicht nur einen statistischen Vorteil, sondern liefert auch Hinweise auf die zugrunde liegenden Mechanismen. Die mediterrane Ernährung scheint das Fortschreiten einer Atherosklerose zu verlangsamen, die Funktion des Endothels zu verbessern und entzündliche Prozesse zu modulieren, die an der Entstehung und am Aufbrechen von Plaques beteiligt sind. Dazu zählt unter anderem die Aktivität von Neutrophilen, die eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen spielen.
Diese Erkenntnisse haben inzwischen Eingang in europäische Leitlinien gefunden. Dort wird die Mittelmeerdiät ausdrücklich als empfohlene Ernährungsweise für Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko genannt.
Ein Studiendesign mit besonderer Aussagekraft
Was CORDIOPREV besonders macht, ist der Fokus auf Risikopatienten mit koronarer Herzkrankheit. Dadurch konnten Forscher erstmals belastbar untersuchen, welche Rolle die Ernährung in der Sekundärprävention spielt.
Hinzu kommt die lange Nachbeobachtungszeit von 7 Jahren sowie der direkte Vergleich mit einer ebenfalls gesunden, fettarmen Ernährung. „Die Studie wurde gezielt so konzipiert, dass wir prüfen können, ob eine mediterrane Ernährung mit viel Olivenöl den klinischen Verlauf stärker verbessert als eine fettarme Diät“, erläutert Pérez Martínez.
Besonders bemerkenswert sei, dass sich die Überlegenheit der Mittelmeerdiät gerade unter diesen anspruchsvollen Bedingungen gezeigt habe, so Pérez Martínez. „Sie wurde nicht mit einer eindeutig ungesunden Ernährung verglichen, sondern mit einer ebenfalls empfohlenen Diät. Das verleiht den Ergebnissen eine besonders hohe klinische Relevanz.“
Vom Wissen zum Verhalten: Die größte Herausforderung
Dich trotz jahrzehntelanger Forschung bleibt ein Problem bestehen: Erkenntnisse aus der Wissenschaft erreichen die Bevölkerung oft nicht in Form konkreter Verhaltensänderungen. Viele Menschen treffen ihre Entscheidungen, was auf dem Speiseplan steht, weiterhin nach Bequemlichkeit, Geschmack oder Gewohnheit. Gesundheitliche Effekte spielen oft nur eine untergeordnete Rolle.
Um diese Lücke zu schließen, haben Ärzte aus Córdoba das Programm E-DUCASS ins Leben gerufen. Es handelt sich um eine 24-monatige Bildungsintervention für sozial benachteiligte Familien mit erhöhtem Risiko, sich ungesund zu ernähren. Teilnehmer erhielten zunächst eine Präsenzschulung und wurden anschließend zufällig 2 Interventionsformen zugeteilt: einer klassischen persönlichen Betreuung oder einer digitalen Begleitung.
Damit wollten Ärzte herausfinden, ob digitale Strategien effektiver sein könnten als traditionelle Ansätze. Unterstützt wurde das Programm durch kostengünstige Workshops, passgenaue Informationsmaterialien sowie leicht zugängliche Kanäle wie YouTube, WhatsApp und SMS. Hinzu kamen gesunde, preiswerte Speisepläne mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln.
4 Jahre nach Start des Projekts zeigen vorläufige Ergebnisse eine klare Tendenz: „Die digitale Intervention verbessert die kardiovaskuläre Gesundheit effektiver als herkömmliche Methoden – insbesondere in vulnerablen Bevölkerungsgruppen“, sagt Pérez Martínez.
Skalierung auf internationaler Ebene geplant
Jetzt sollen die Ansätze weiterentwickelt und international erprobt werden. Mit den Projekten E2-DUCASS und E-DUCASS Advance stehen die nächsten Schritte fest.
E2-DUCASS untersucht die Übertragbarkeit des Modells auf andere Länder, darunter Portugal und Taiwan. E-DUCASS Advance wiederum analysiert, inwiefern der sozioökonomische Status den Erfolg der Intervention beeinflusst, indem Forscher Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichem Einkommen in die Studie aufnehmen und begleiten.
Ziel beider Projekte ist, die Anwendbarkeit, Skalierbarkeit und Wirksamkeit der Maßnahmen in unterschiedlichen sozialen und geografischen Kontexten zu überprüfen. Während E2-DUCASS bereits in der Interventionsphase ist, läuft für E-DUCASS Advance derzeit die Rekrutierung der Teilnehmer.
Mediterrane Diät als moderne Präventionsstrategie
Damit wird deutlich: Die Mittelmeerdiät ist längst mehr als ein kulturelles Ernährungsmuster – sie entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Baustein moderner Präventionsstrategien im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt geht es darum, sie in den Alltag der Menschen zu bringen.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.es.
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Donnerstag, 16. April 2026
Verlangsamen Multivitamine das Altern? Wohl kaum...
che2001, 16:43h
F. Perry Wilson, MD, MSCE
16. April 2026
Eine neue Studie sorgt für Schlagzeilen: Tägliche Multivitamine sollen die biologische Alterung verlangsamen. Doch Prof. Dr. F. Perry Wilsons kritischer Blick auf die Daten zeigt: Der Effekt ist minimal – und existiert möglicherweise gar nicht. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert.
"Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Momentan sorgt eine neue Studie für Schlagzeilen – immerhin handelt es sich um eine randomisierte Studie. Ihr Ergebnis: Die tägliche Einnahme eines Multivitamins soll die biologische Alterung deutlich verlangsamen.
Doch es gibt ein Problem. Wer die Studie tatsächlich im Detail liest, erkennt schnell: Diese Multivitamine bewirken im Grunde so gut wie nichts.
Beobachtungsstudien mit Bias; randomisierte Arbeiten ohne Effekt
Ich stehe Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln seit Jahren eher kritisch gegenüber. Meiner Ansicht nach ist ein Großteil der Beobachtungsstudien durch den sogenannten Healthy-User-Effekt verzerrt: Menschen, die regelmäßig Vitamine einnehmen, haben häufig auch in anderen Bereichen einen gesünderen Lebensstil. Auch zeigen randomisierte Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln überwiegend keine überzeugenden Effekte.
Allerdings leben wir in einer Zeit schneller persönlicher Angriffe. Bevor mir also jemand vorwirft, ich würde im Interesse der Pharmaindustrie argumentieren, sei erwähnt: Bei der Studie, über die ich heute sprechen werde, untersuchten Forscher das Präparat Centrum Silver – damals produziert von einem Joint Venture zwischen Pfizer und GlaxoSmithKline.
Die COSMOS-Studie: Kakao, Vitamine und hohe Erwartungen
Die betreffende Arbeit erschien im renommierten Fachjournal Nature Medicine. Sie ist eine Subanalyse der COSMOS-Studie, der „Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study“.
Wer in dem Bereich arbeitet, kennt diesen Namen vermutlich. COSMOS sollte ursprünglich klären, ob Kakao – oder ein Bestandteil davon – vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Finanziert wurde die Studie unter anderem vom Süßwarenhersteller Mars. Der primäre Endpunkt fiel jedoch negativ aus. In einigen sekundären Analysen fanden sich zwar Hinweise auf mögliche kardiovaskuläre Vorteile von Kakao. Doch ein klarer Effekt ließ sich nicht belegen.
Die Studie umfasste auch einen Multivitamin-Arm. Genauer gesagt handelte es sich um ein 2×2-faktorielles Studiendesign: Ein Teil der Teilnehmenden erhielt ein Multivitamin plus Placebo, ein anderer ein Kakao-Supplement plus Placebo. Eine 3. Gruppe bekam sowohl Multivitamin als auch Kakao, während eine 4. Gruppe 2 Placebos erhielt. Solche faktoriellen Designs gelten als elegante Methode, um gewissermaßen 2 Studien zum Preis von anderthalb durchzuführen.
Vergrößern
photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Die COSMOS-Studie hat inzwischen eine ganze Reihe weiterer Analysen hervorgebracht. Dazu gehört auch die COSMOS-Mind-Studie, die darauf hindeutete, dass die Einnahme eines Multivitamins möglicherweise positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zeigen könnte. Der Kardiologe Dr. Chris Labos hat zu dieser Arbeit allerdings einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, der diese Ergebnisse deutlich relativiert.
Untersuchung der Alterung anhand epigenetischer Marker
In der aktuellen Auswertung wird die Studie nun genutzt, um einen anderen Aspekt zu untersuchen: das Altern selbst – genauer gesagt das Altern, gemessen anhand epigenetischer Alterungsuhren. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Im Grunde verändert sich unsere DNA im Laufe des Lebens ein wenig. Dabei geht es weniger um Variationen im eigentlichen genetischen Code – auch wenn sich im Laufe der Zeit durchaus einige Mutationen ansammeln können.
Entscheidend sind vielmehr kleine chemische Gruppen, die sich an DNA-Strang anlagern, insbesondere Methylgruppen. Man kann sie sich ein wenig wie Staub vorstellen, der sich im Laufe der Jahre langsam auf einem Kaminsims absetzt. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese Markierungen an – und mehrere Forschungsgruppen konnten zeigen, dass ihr Muster erstaunlich gut mit dem tatsächlichen Lebensalter eines Menschen korreliert.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Natürlich ist diese Korrelation nicht perfekt. Manche Menschen haben gewissermaßen mehr „Staub auf dem Kaminsims“ ihrer DNA, als es ihr tatsächliches Alter vermuten ließe, andere weniger. Mehrere Studien zeigen jedoch, dass die Differenz zwischen chronologischem und biologischem Alter klinische Bedeutung haben kann, etwa in Hinblick auf ein erhöhtes Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.
Das Problem: Während es für das kalendarische Alter nur eine einzige Referenz gibt – schließlich sind sich alle einig, wie viele Tage ein Jahr hat –, existieren verschiedene epigenetische Uhren. Im Grunde handelt es sich dabei um Algorithmen, die auf unterschiedliche Weise trainiert wurden. Sie verarbeiten ähnliche, aber nicht identische Datensätze und liefern am Ende eine Zahl. Diese Ergebnisse stimmen nicht immer überein. Wie stark sie voneinander abweichen können, wird gleich noch deutlich. Doch zunächst ein Blick auf die Grundlagen der Studie.
Von den rund 21.000 Teilnehmenden der ursprünglichen COSMOS-Studie wurden 958 Personen zufällig ausgewählt, bei denen DNA-Methylierungsanalysen durchgeführt wurden und die die Qualitätskontrollen bestanden. Durch die Randomisierung der Gesamtstudie verteilten sich auch in dieser Teilgruppe die vier Behandlungsarme relativ gleichmäßig.
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Die untersuchte Gruppe ähnelt stark der Gesamtpopulation der großen COSMOS-Studie: überwiegend ältere Menschen mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 70 Jahren, rund die Hälfte davon Frauen. Eine Besonderheit dieser Analyse ist allerdings, dass Personen ausgeschlossen wurden, die innerhalb des 2-jährigen Studienzeitraums Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs als neue Diagnose erhalten haben.
Damit sollte sichergestellt werden, dass die Ergebnisse tatsächlich „gesundes Altern“ widerspiegeln und nicht durch den Einfluss einer neu auftretenden Krankheit verzerrt werden. Allerdings widerspricht dieses Vorgehen einem meiner epidemiologischen Grundsätze: „Du sollst deine Analyse nicht von Informationen abhängig machen, die erst in der Zukunft entstehen.“ In diesem Fall wollen wir darüber hinwegsehen.
Zu 3 Zeitpunkten, zu Beginn der Studie sowie nach einem und nach 2 Jahren, wurde bei allen Teilnehmenden das biologische Alter bestimmt. Dafür nutzten die Forscher gleich 5 verschiedene Algorithmen, die auf DNA-Methylierungsdaten basieren.
Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Daten. Denn während man bei einer „Uhr“ normalerweise eine sehr präzise Messung erwartet, trifft das auf epigenetische Alterungsuhren nur eingeschränkt zu.
Das zeigt sich etwa in Streudiagrammen, in denen die Ergebnisse verschiedener epigenetischer Uhren miteinander verglichen werden. Betrachtet man zum Beispiel das biologische Alter nach der Horvath-Methode im Vergleich zur GrimAge-Methode, entsteht eine große Punktwolke. Ein solches Muster deutet darauf hin, dass diese Verfahren trotz des Begriffs „Uhr“ offenbar nicht exakt dasselbe biologische Phänomen messen.
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20 verschiedene Hypothesen im Fokus
Betrachtet man die neue Analyse im klassischen Schema von Exposition und Ergebnis, wird die Struktur der Studie klarer. Es gibt 2 Expositionen: zum einen ein Kakao-Extrakt (finanziert von Mars), zum anderen das Multivitaminpräparat Centrum Silver (damals von Pfizer und GlaxoSmithKline produziert). Beide Interventionen wurden den Teilnehmern zufällig zugewiesen. Methodisch ist das Design zunächst einmal sauber.
Auf der Ergebnis-Seite stehen 5 verschiedene epigenetische Alterungsuhren. Allerdings wurden diese nicht nur einmal gemessen, sondern zu 2 Zeitpunkten – nach einem Jahr und nach 2 Jahren. Eine einfache Rechnung zeigt daher, dass insgesamt 2 × 5 × 2, also 20 verschiedene Hypothesen, getestet werden. Eine klar definierte primäre Hypothese oder ein einzelner primärer Endpunkt wird jedoch nicht angegeben.
Wer sich durch das Supplement der Studie arbeitet, findet tatsächlich alle diese 20 Analysen im Detail aufgelistet. Genau dort tauchen sie auf – sämtliche getesteten Kombinationen.
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Von diesen zwanzig Tests überschreiten nur 2 die übliche Schwelle für statistische Signifikanz, also mit einem p-Wert von unter 0,05. Diese Grenze bedeutet: Wenn man 20 statistische Tests durchführt, ist es durchaus zu erwarten, dass mindestens einer davon allein durch Zufall „signifikant“ ausfällt. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, dass 2 oder mehr solcher scheinbar positiven Ergebnisse rein zufällig auftreten, bei rund 26%.
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In der Studie zeigten sich 2 statistisch positive Zusammenhänge zugunsten der Multivitamin-Gruppe. Teilnehmer, die zufällig der Einnahme eines Multivitamins zugeteilt wurden, wiesen nach 2 Jahren eine geringere Veränderung der epigenetischen Alterungsmarker „PhenoAge“ und „GrimAge“ auf als die Placebogruppe. Konkret stieg der PhenoAge-Wert in der Multivitamin-Gruppe im Durchschnitt um etwa 0,4 Jahre weniger als bei den Personen ohne Supplement.
Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren. Die Daten weisen eine erhebliche Streuung auf, sodass der Unterschied von 0,4 Jahren statistisch lediglich einem Effekt von 0,08 Standardabweichungen entspricht. In der wissenschaftlichen Forschung gelten Effekte unterhalb von 0,2 Standardabweichungen als sehr klein. Zudem ist nicht sicher, ob der beobachtete Unterschied tatsächlich real ist oder lediglich durch multiple Vergleiche entstanden sein könnte – also dadurch, dass viele statistische Tests gleichzeitig durchgeführt worden sind.
Das Problem der multiplen Vergleiche
Die Autoren der Studie geben selbst an, ihre Analysen nicht für multiple Vergleiche korrigiert zu haben. Ihre Begründung lautet, dass die verschiedenen epigenetischen Uhren miteinander korreliert seien und daher nicht wie vollständig unabhängige Messungen behandelt werden sollten.
Dieses Argument ist jedoch wissenschaftlich umstritten. Zum einen sind diese Marker nicht so stark miteinander korreliert, wie häufig angenommen wird. Zum anderen existieren in der Statistik verschiedene etablierte Methoden, um auch bei korrelierten Endpunkten das Risiko von Fehlentdeckungen zu verringern. Ohne eine solche Korrektur steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein scheinbar signifikanter Effekt lediglich zufällig zustande gekommen ist.
Epigenetische Marker sind nur Ersatzgrößen
Selbst wenn man annimmt, dass der beobachtete Effekt real ist, bleibt eine grundlegende Frage offen: Bedeutet eine Veränderung der DNA-Methylierung tatsächlich, dass sich der Alterungsprozess verlangsamt?
Die epigenetischen Uhren sind klassische Surrogatmarker. Dabei handelt es sich um Messgrößen, die mit wichtigen gesundheitlichen Ergebnissen korrelieren, aber nicht identisch mit diesen sind. Manchmal führt eine Veränderung eines solchen Markers tatsächlich zu einer Verbesserung klinischer Endpunkte – manchmal jedoch nicht.
Ein Beispiel für einen funktionierenden Surrogatmarker ist der Blutdruck. Ein erhöhter Blutdruck ist mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden, und eine Behandlung, die den Blutdruck senkt, reduziert nachweislich auch das Risiko für Schlaganfälle.
Doch nicht jeder Marker funktioniert auf diese Weise. Griffkraft etwa ist ein guter Indikator für Gebrechlichkeit im Alter. Wenn ältere Menschen jedoch ihre Griffkraft durch regelmäßiges Training mit einem Stressball verbessern, führt das nicht automatisch zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen.
Wir wollen aber wissen: Selbst wenn Multivitamine bestimmte epigenetische Marker beeinflussen sollten – bedeutet das tatsächlich, dass Menschen dadurch langsamer altern oder länger gesund bleiben? Genau diese Frage bleibt durch die vorliegenden Daten weiterhin unbeantwortet.
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Ist die DNA-Methylierung also tatsächlich der Mechanismus des Alterns – oder lediglich ein Marker dafür?
Falls sie nur ein Indikator des Alterungsprozesses ist, stellt sich die Frage, wie relevant es überhaupt wäre, wenn Multivitamine diese Werte verändern. Genau diesem Punkt gehen die Autoren der Studie nach. Sie argumentieren, dass ein wichtiger Endpunkt in diesem Zusammenhang die kognitive Leistungsfähigkeit ist.
In einer früheren Untersuchung derselben Forschungsgruppe zeigte sich ein kleiner positiver Effekt von Multivitaminen auf die kognitive Funktion. Daher wollten die Autoren wissen, ob diese Verbesserung durch die in der aktuellen Studie beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung erklärt werden kann.
Die Antwort lautet jedoch: nein. Es zeigte sich keine signifikante Vermittlung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch Veränderungen der epigenetischen Uhren. Wenn Vitamine tatsächlich das Denken verbessern, dann geschieht dies offenbar nicht über diesen Mechanismus.
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Mittlerweile liegen einige Publikationen aus dieser randomisierten Untersuchung vor, die verschiedene gesundheitliche Bereiche betrachten. Insgesamt sind die Ergebnisse jedoch – offen gesagt – wenig beeindruckend. Es zeigen sich lediglich kleine Effekte in sehr spezifischen Analysen, die sich innerhalb desselben Datensatzes nicht breiter bestätigen lassen und auch durch andere Studien zu Vitamintherapien nicht gestützt werden.
Wir alle altern – das gehört definitionsgemäß zum Leben. Und natürlich möchte ich diesen Prozess ebenso gern verlangsamen wie jeder andere. Mikronährstoffe und Vitamine könnten dabei durchaus eine Rolle spielen. Dennoch bin ich überzeugt, dass der Nutzen einer vielfältigen, ausgewogenen Ernährung als Quelle für diese Nährstoffe deutlich größer ist als der mögliche Vorteil – falls es ihn überhaupt gibt – von Vitaminen in Tablettenform."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
16. April 2026
Eine neue Studie sorgt für Schlagzeilen: Tägliche Multivitamine sollen die biologische Alterung verlangsamen. Doch Prof. Dr. F. Perry Wilsons kritischer Blick auf die Daten zeigt: Der Effekt ist minimal – und existiert möglicherweise gar nicht. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert.
"Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Momentan sorgt eine neue Studie für Schlagzeilen – immerhin handelt es sich um eine randomisierte Studie. Ihr Ergebnis: Die tägliche Einnahme eines Multivitamins soll die biologische Alterung deutlich verlangsamen.
Doch es gibt ein Problem. Wer die Studie tatsächlich im Detail liest, erkennt schnell: Diese Multivitamine bewirken im Grunde so gut wie nichts.
Beobachtungsstudien mit Bias; randomisierte Arbeiten ohne Effekt
Ich stehe Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln seit Jahren eher kritisch gegenüber. Meiner Ansicht nach ist ein Großteil der Beobachtungsstudien durch den sogenannten Healthy-User-Effekt verzerrt: Menschen, die regelmäßig Vitamine einnehmen, haben häufig auch in anderen Bereichen einen gesünderen Lebensstil. Auch zeigen randomisierte Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln überwiegend keine überzeugenden Effekte.
Allerdings leben wir in einer Zeit schneller persönlicher Angriffe. Bevor mir also jemand vorwirft, ich würde im Interesse der Pharmaindustrie argumentieren, sei erwähnt: Bei der Studie, über die ich heute sprechen werde, untersuchten Forscher das Präparat Centrum Silver – damals produziert von einem Joint Venture zwischen Pfizer und GlaxoSmithKline.
Die COSMOS-Studie: Kakao, Vitamine und hohe Erwartungen
Die betreffende Arbeit erschien im renommierten Fachjournal Nature Medicine. Sie ist eine Subanalyse der COSMOS-Studie, der „Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study“.
Wer in dem Bereich arbeitet, kennt diesen Namen vermutlich. COSMOS sollte ursprünglich klären, ob Kakao – oder ein Bestandteil davon – vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Finanziert wurde die Studie unter anderem vom Süßwarenhersteller Mars. Der primäre Endpunkt fiel jedoch negativ aus. In einigen sekundären Analysen fanden sich zwar Hinweise auf mögliche kardiovaskuläre Vorteile von Kakao. Doch ein klarer Effekt ließ sich nicht belegen.
Die Studie umfasste auch einen Multivitamin-Arm. Genauer gesagt handelte es sich um ein 2×2-faktorielles Studiendesign: Ein Teil der Teilnehmenden erhielt ein Multivitamin plus Placebo, ein anderer ein Kakao-Supplement plus Placebo. Eine 3. Gruppe bekam sowohl Multivitamin als auch Kakao, während eine 4. Gruppe 2 Placebos erhielt. Solche faktoriellen Designs gelten als elegante Methode, um gewissermaßen 2 Studien zum Preis von anderthalb durchzuführen.
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Die COSMOS-Studie hat inzwischen eine ganze Reihe weiterer Analysen hervorgebracht. Dazu gehört auch die COSMOS-Mind-Studie, die darauf hindeutete, dass die Einnahme eines Multivitamins möglicherweise positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zeigen könnte. Der Kardiologe Dr. Chris Labos hat zu dieser Arbeit allerdings einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, der diese Ergebnisse deutlich relativiert.
Untersuchung der Alterung anhand epigenetischer Marker
In der aktuellen Auswertung wird die Studie nun genutzt, um einen anderen Aspekt zu untersuchen: das Altern selbst – genauer gesagt das Altern, gemessen anhand epigenetischer Alterungsuhren. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Im Grunde verändert sich unsere DNA im Laufe des Lebens ein wenig. Dabei geht es weniger um Variationen im eigentlichen genetischen Code – auch wenn sich im Laufe der Zeit durchaus einige Mutationen ansammeln können.
Entscheidend sind vielmehr kleine chemische Gruppen, die sich an DNA-Strang anlagern, insbesondere Methylgruppen. Man kann sie sich ein wenig wie Staub vorstellen, der sich im Laufe der Jahre langsam auf einem Kaminsims absetzt. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese Markierungen an – und mehrere Forschungsgruppen konnten zeigen, dass ihr Muster erstaunlich gut mit dem tatsächlichen Lebensalter eines Menschen korreliert.
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Natürlich ist diese Korrelation nicht perfekt. Manche Menschen haben gewissermaßen mehr „Staub auf dem Kaminsims“ ihrer DNA, als es ihr tatsächliches Alter vermuten ließe, andere weniger. Mehrere Studien zeigen jedoch, dass die Differenz zwischen chronologischem und biologischem Alter klinische Bedeutung haben kann, etwa in Hinblick auf ein erhöhtes Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.
Das Problem: Während es für das kalendarische Alter nur eine einzige Referenz gibt – schließlich sind sich alle einig, wie viele Tage ein Jahr hat –, existieren verschiedene epigenetische Uhren. Im Grunde handelt es sich dabei um Algorithmen, die auf unterschiedliche Weise trainiert wurden. Sie verarbeiten ähnliche, aber nicht identische Datensätze und liefern am Ende eine Zahl. Diese Ergebnisse stimmen nicht immer überein. Wie stark sie voneinander abweichen können, wird gleich noch deutlich. Doch zunächst ein Blick auf die Grundlagen der Studie.
Von den rund 21.000 Teilnehmenden der ursprünglichen COSMOS-Studie wurden 958 Personen zufällig ausgewählt, bei denen DNA-Methylierungsanalysen durchgeführt wurden und die die Qualitätskontrollen bestanden. Durch die Randomisierung der Gesamtstudie verteilten sich auch in dieser Teilgruppe die vier Behandlungsarme relativ gleichmäßig.
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Die untersuchte Gruppe ähnelt stark der Gesamtpopulation der großen COSMOS-Studie: überwiegend ältere Menschen mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 70 Jahren, rund die Hälfte davon Frauen. Eine Besonderheit dieser Analyse ist allerdings, dass Personen ausgeschlossen wurden, die innerhalb des 2-jährigen Studienzeitraums Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs als neue Diagnose erhalten haben.
Damit sollte sichergestellt werden, dass die Ergebnisse tatsächlich „gesundes Altern“ widerspiegeln und nicht durch den Einfluss einer neu auftretenden Krankheit verzerrt werden. Allerdings widerspricht dieses Vorgehen einem meiner epidemiologischen Grundsätze: „Du sollst deine Analyse nicht von Informationen abhängig machen, die erst in der Zukunft entstehen.“ In diesem Fall wollen wir darüber hinwegsehen.
Zu 3 Zeitpunkten, zu Beginn der Studie sowie nach einem und nach 2 Jahren, wurde bei allen Teilnehmenden das biologische Alter bestimmt. Dafür nutzten die Forscher gleich 5 verschiedene Algorithmen, die auf DNA-Methylierungsdaten basieren.
Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Daten. Denn während man bei einer „Uhr“ normalerweise eine sehr präzise Messung erwartet, trifft das auf epigenetische Alterungsuhren nur eingeschränkt zu.
Das zeigt sich etwa in Streudiagrammen, in denen die Ergebnisse verschiedener epigenetischer Uhren miteinander verglichen werden. Betrachtet man zum Beispiel das biologische Alter nach der Horvath-Methode im Vergleich zur GrimAge-Methode, entsteht eine große Punktwolke. Ein solches Muster deutet darauf hin, dass diese Verfahren trotz des Begriffs „Uhr“ offenbar nicht exakt dasselbe biologische Phänomen messen.
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20 verschiedene Hypothesen im Fokus
Betrachtet man die neue Analyse im klassischen Schema von Exposition und Ergebnis, wird die Struktur der Studie klarer. Es gibt 2 Expositionen: zum einen ein Kakao-Extrakt (finanziert von Mars), zum anderen das Multivitaminpräparat Centrum Silver (damals von Pfizer und GlaxoSmithKline produziert). Beide Interventionen wurden den Teilnehmern zufällig zugewiesen. Methodisch ist das Design zunächst einmal sauber.
Auf der Ergebnis-Seite stehen 5 verschiedene epigenetische Alterungsuhren. Allerdings wurden diese nicht nur einmal gemessen, sondern zu 2 Zeitpunkten – nach einem Jahr und nach 2 Jahren. Eine einfache Rechnung zeigt daher, dass insgesamt 2 × 5 × 2, also 20 verschiedene Hypothesen, getestet werden. Eine klar definierte primäre Hypothese oder ein einzelner primärer Endpunkt wird jedoch nicht angegeben.
Wer sich durch das Supplement der Studie arbeitet, findet tatsächlich alle diese 20 Analysen im Detail aufgelistet. Genau dort tauchen sie auf – sämtliche getesteten Kombinationen.
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Von diesen zwanzig Tests überschreiten nur 2 die übliche Schwelle für statistische Signifikanz, also mit einem p-Wert von unter 0,05. Diese Grenze bedeutet: Wenn man 20 statistische Tests durchführt, ist es durchaus zu erwarten, dass mindestens einer davon allein durch Zufall „signifikant“ ausfällt. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, dass 2 oder mehr solcher scheinbar positiven Ergebnisse rein zufällig auftreten, bei rund 26%.
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In der Studie zeigten sich 2 statistisch positive Zusammenhänge zugunsten der Multivitamin-Gruppe. Teilnehmer, die zufällig der Einnahme eines Multivitamins zugeteilt wurden, wiesen nach 2 Jahren eine geringere Veränderung der epigenetischen Alterungsmarker „PhenoAge“ und „GrimAge“ auf als die Placebogruppe. Konkret stieg der PhenoAge-Wert in der Multivitamin-Gruppe im Durchschnitt um etwa 0,4 Jahre weniger als bei den Personen ohne Supplement.
Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren. Die Daten weisen eine erhebliche Streuung auf, sodass der Unterschied von 0,4 Jahren statistisch lediglich einem Effekt von 0,08 Standardabweichungen entspricht. In der wissenschaftlichen Forschung gelten Effekte unterhalb von 0,2 Standardabweichungen als sehr klein. Zudem ist nicht sicher, ob der beobachtete Unterschied tatsächlich real ist oder lediglich durch multiple Vergleiche entstanden sein könnte – also dadurch, dass viele statistische Tests gleichzeitig durchgeführt worden sind.
Das Problem der multiplen Vergleiche
Die Autoren der Studie geben selbst an, ihre Analysen nicht für multiple Vergleiche korrigiert zu haben. Ihre Begründung lautet, dass die verschiedenen epigenetischen Uhren miteinander korreliert seien und daher nicht wie vollständig unabhängige Messungen behandelt werden sollten.
Dieses Argument ist jedoch wissenschaftlich umstritten. Zum einen sind diese Marker nicht so stark miteinander korreliert, wie häufig angenommen wird. Zum anderen existieren in der Statistik verschiedene etablierte Methoden, um auch bei korrelierten Endpunkten das Risiko von Fehlentdeckungen zu verringern. Ohne eine solche Korrektur steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein scheinbar signifikanter Effekt lediglich zufällig zustande gekommen ist.
Epigenetische Marker sind nur Ersatzgrößen
Selbst wenn man annimmt, dass der beobachtete Effekt real ist, bleibt eine grundlegende Frage offen: Bedeutet eine Veränderung der DNA-Methylierung tatsächlich, dass sich der Alterungsprozess verlangsamt?
Die epigenetischen Uhren sind klassische Surrogatmarker. Dabei handelt es sich um Messgrößen, die mit wichtigen gesundheitlichen Ergebnissen korrelieren, aber nicht identisch mit diesen sind. Manchmal führt eine Veränderung eines solchen Markers tatsächlich zu einer Verbesserung klinischer Endpunkte – manchmal jedoch nicht.
Ein Beispiel für einen funktionierenden Surrogatmarker ist der Blutdruck. Ein erhöhter Blutdruck ist mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden, und eine Behandlung, die den Blutdruck senkt, reduziert nachweislich auch das Risiko für Schlaganfälle.
Doch nicht jeder Marker funktioniert auf diese Weise. Griffkraft etwa ist ein guter Indikator für Gebrechlichkeit im Alter. Wenn ältere Menschen jedoch ihre Griffkraft durch regelmäßiges Training mit einem Stressball verbessern, führt das nicht automatisch zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen.
Wir wollen aber wissen: Selbst wenn Multivitamine bestimmte epigenetische Marker beeinflussen sollten – bedeutet das tatsächlich, dass Menschen dadurch langsamer altern oder länger gesund bleiben? Genau diese Frage bleibt durch die vorliegenden Daten weiterhin unbeantwortet.
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Ist die DNA-Methylierung also tatsächlich der Mechanismus des Alterns – oder lediglich ein Marker dafür?
Falls sie nur ein Indikator des Alterungsprozesses ist, stellt sich die Frage, wie relevant es überhaupt wäre, wenn Multivitamine diese Werte verändern. Genau diesem Punkt gehen die Autoren der Studie nach. Sie argumentieren, dass ein wichtiger Endpunkt in diesem Zusammenhang die kognitive Leistungsfähigkeit ist.
In einer früheren Untersuchung derselben Forschungsgruppe zeigte sich ein kleiner positiver Effekt von Multivitaminen auf die kognitive Funktion. Daher wollten die Autoren wissen, ob diese Verbesserung durch die in der aktuellen Studie beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung erklärt werden kann.
Die Antwort lautet jedoch: nein. Es zeigte sich keine signifikante Vermittlung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch Veränderungen der epigenetischen Uhren. Wenn Vitamine tatsächlich das Denken verbessern, dann geschieht dies offenbar nicht über diesen Mechanismus.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Mittlerweile liegen einige Publikationen aus dieser randomisierten Untersuchung vor, die verschiedene gesundheitliche Bereiche betrachten. Insgesamt sind die Ergebnisse jedoch – offen gesagt – wenig beeindruckend. Es zeigen sich lediglich kleine Effekte in sehr spezifischen Analysen, die sich innerhalb desselben Datensatzes nicht breiter bestätigen lassen und auch durch andere Studien zu Vitamintherapien nicht gestützt werden.
Wir alle altern – das gehört definitionsgemäß zum Leben. Und natürlich möchte ich diesen Prozess ebenso gern verlangsamen wie jeder andere. Mikronährstoffe und Vitamine könnten dabei durchaus eine Rolle spielen. Dennoch bin ich überzeugt, dass der Nutzen einer vielfältigen, ausgewogenen Ernährung als Quelle für diese Nährstoffe deutlich größer ist als der mögliche Vorteil – falls es ihn überhaupt gibt – von Vitaminen in Tablettenform."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Nutzen der Grippeimpfung bei Kindern; Antidepressivum gegen Fatigue bei Long-COVID; neue Impfstoffe gegen Tuberkulose
che2001, 16:39h
Michael van den Heuvel, medscape
Infektiologie-Newsblog, Update vom 16. April 2026
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Auf der Website „Infektionsradar“ stellt das Bundesministerium für Gesundheit Trends bei akuten Atemwegserkrankungen (ARE) zusammen. Die neuesten 7-Tage-Inzidenzen (laborbestätigte Fälle je 100.000 Einwohner):
Aktuelle Woche Vorwoche
COVID-19 0,3 0,2
Influenza 0,74 1,16
Respiratorisches Synzytialvirus (RSV) 4,29 4,10
Die Erkältungssaison in Deutschland verliert laut RKI weiter an Dynamik. In der 15. Kalenderwoche 2026 ist die Aktivität akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE) in der Bevölkerung erneut zurückgegangen: Sie liegt inzwischen auf einem insgesamt niedrigen Niveau. Damit bestätigt sich der Trend der vergangenen Wochen: Die typische Winterwelle ist weitgehend abgeklungen.
Ein Blick auf virologischen Daten zeigt, welche Erreger aktuell zirkulieren: In den untersuchten Proben dominierten vor allem Rhinoviren, gefolgt von Adenoviren, Respiratorischen Synzytialviren (RSV) und humanen Metapneumoviren (hMPV). Auffällig ist, dass weder Influenza-Viren noch SARS-CoV-2 in den Sentinelproben nachgewiesen wurden – ein klares Zeichen für das Ende der klassischen Grippe- und COVID-Welle in dieser Saison.
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID wirft Jahre nach der Pandemie weiterhin einen langen Schatten auf Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften. Auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens im Jahr 2021 waren weltweit rund 75 Millionen Menschen betroffen; die direkten Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa 53 Milliarden US-Dollar. Inzwischen ist die Prävalenz stark gesunken. Doch selbst unter konservativen Annahmen werden die Behandlungskosten in OECD- und EU-Ländern weiterhin bei rund 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Darauf weist ein neuer Bericht der OECD hin.
Noch schwerer wiegen die indirekten Folgen, etwa weniger Leistungsfähigkeit bzw. häufigere Fehlzeiten im Job und ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Insgesamt könnten dadurch bis zu 0,2% der weltweiten Wirtschaftsleistung pro Jahr verloren gehen. Das sind etwa 210 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Gleichzeitig kritisiert die OECD im Report, dass viele Länder keine klaren Strategien für Diagnose, Versorgung und berufliche Wiedereingliederung etabliert haben. Einheitliche Leitlinien, strukturierte Versorgungspfade und eine bessere Koordination zwischen der Gesundheits-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gelten als entscheidend, um Betroffene zu unterstützen.
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie aus Brasilien liefert Hinweise auf eine mögliche Therapieoption bei Long-COVID: Das Antidepressivum Fluvoxamin könnte Fatigue messbar verringern, wie Forscher in den Annals of Internal Medicine berichten.
An ihrer Studie nahmen 399 Erwachsene teil, die mindestens 90 Tage nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion weiterhin unter ausgeprägter Fatigue litten. Sie erhielten über 60 Tage hinweg entweder Fluvoxamin (100 mg 2-mal täglich), Metformin (750 mg 2-mal täglich) oder Placebo. Als primären Endpunkt haben Forscher die Veränderung der Fatigue Severity Scale (FSS) herangezogen.
Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Vorteil für Fluvoxamin: Nach 60 Tagen veränderte der Fatigue-Score im Vergleich zu Placebo um durchschnittlich -0,43 Punkte. Dieser Effekt blieb auch nach 90 Tagen bestehen und verstärkte sich sogar auf -0,58 Punkte weniger. Zusätzlich verbesserten sich unter Fluvoxamin die Lebensqualität. Metformin zeigte keinen signifikanten Nutzen gegenüber Placebo.
Auch beim Sicherheitsprofil schnitt Fluvoxamin günstig ab. Nebenwirkungen traten bei 20,0% der Patienten auf, verglichen mit 28,8% unter Metformin und 29,7% unter Placebo.
Die Autoren weisen jedoch auf Limitationen ihrer Arbeit hin: Die Nachbeobachtungszeit betrug lediglich 90 Tage, sodass unklar bleibt, ob der Effekt langfristig anhält. Zudem konzentrierte sich die Studie auf Fatigue, während andere typische Long-COVID-Symptome wie kognitive Störungen oder Dyspnoe nicht untersucht worden sind.
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
Eine Grippeimpfung kann Kinder wirksam vor schweren Krankheitsverläufen schützen. Zu dem Ergebnis kommt eine umfangreiche, in Pediatrics veröffentlichte Analyse.
Für ihre Arbeit haben Forscher Daten aus 7 pädiatrischen Zentren in den USA ausgewertet, und zwar für die Saisons 2021 bis 2024. Eingeschlossen wurden 19.917 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 17 Jahren, die wegen akuter Atemwegsinfektionen ambulant behandelt oder hospitalisiert werden mussten.
Bei 2.831 Kindern (14%) haben Ärzte Influenza nachgewiesen; 17.086 (86%) waren negativ. 8.523 Kinder (43%) waren geimpft, 11.394 (57%) ungeimpft. Die Impfquote blieb über alle Saisons hinweg niedrig: Unter den Kindern ohne Influenza waren je nach Saison nur 44% bis 51% geimpft.
Die Wirksamkeit der Impfung variierte je nach Saison, lag insgesamt jedoch zwischen 34% und 60% beim Schutz vor Influenza-assoziierten Krankenhausaufenthalten und ambulanten Behandlungen. Je nach Virustyp zeigte sich ein unterschiedlicher Schutz: Gegen Influenza B betrug die Wirksamkeit 69%, gegen Influenza A/H1N1 53% und gegen Influenza A/H3N2 43%.
Damit bestätigt die Analyse, dass die Grippeimpfung das Risiko für schwere Verläufe und Arztbesuche auch bei Kindern deutlich senken kann. Eine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt es bislang nicht, trotz der Forderung von Experten.
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
Die Ergänzung einer Standardtherapie gegen Helicobacter pylori mit dem Probiotikum Saccharomyces boulardii könnte die Behandlung wirksamer und besser verträglich machen. Darauf weist eine große Analyse aus dem europäischen Register zur Behandlung von H. pylori hin, in der mehr als 41.000 Therapien ausgewertet wurden. Details sind im Journal Helicobacter nachzulesen.
Die Auswertung umfasste 41.298 Therapien zwischen den Jahren 2013 und 2023. In 2.890 Fällen erhielten Patienten zusätzlich Saccharomyces boulardii. Als Kontrolle zogen die Autoren 38.408 mit Standardtherapie ohne S. boulardii heran. Analysiert wurden die Eradikationsrate und das Auftreten von Nebenwirkungen.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei einer Begleittherapie mit Clarithromycin, Amoxicillin und Metronidazol beziehungsweise Tinidazol. Mit zusätzlichem Probiotikum lag die Eradikationsrate bei 93%, ohne Probiotikum bei 90%. Gleichzeitig sank das Risiko für Nebenwirkungen um etwa 20%.
Durchfall trat mit Probiotikum bei 5,0% der Patienten auf, ohne Zusatz bei 7,5%. Geschmacksstörungen wurden in 5,0% statt 7,0% beobachtet, Übelkeit in 4,0% statt 7,0%. Das Risiko von Bauchschmerzen halbierte sich (4,0 % vs. 2,0 %). Ähnliche Effekte zeigten sich bei Dyspepsie (2,5% vs. 3,0 %), Schwäche (2,0 % vs. 4,0 %), Sodbrennen (1,0% vs. 2,0%) und Appetitverlust (0,3% vs. 3,0%).
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
2 neue TB-Impfstoffe sind sicher, verhindern jedoch keine pulmonale Tuberkulose. Gegen extrapulmonale Verläufe zeigen sich allerdings gute Effekte. Das schreiben Forscher im BMJ.
Im Rahmen der Phase-3-Studie PreVenTB haben sie untersucht, ob die experimentellen Impfstoffe VPM1002 und Immuvac vor Tuberkulose schützen. An der randomisierten Studie nahmen 12.717 gesunde Haushaltskontakte von Patienten mit offener Tuberkulose aus Indien teil. Die Probanden erhielten entweder VPM1002, Immuvac oder Placebo. Sie wurden über 38 Monate hinweg nachbeobachtet.
Dabei erkrankten 1,68% aller Probanden im VPM1002-Arm, 2,09% im Immuvac-Arm und 2,13% in der Placebogruppe. Die Autoren fanden keinen überzeugenden Schutz vor allen TB-Formen oder vor pulmonaler Tuberkulose.
Auffällig war jedoch ein deutlicher Effekt bei extrapulmonaler Tuberkulose: Hier lag die Wirksamkeit von VPM1002 bei rund 50%, für Immuvac bei etwa 33%. Bei Teilnehmern mit positivem Tuberkulin-Hauttest erreichten beide Impfstoffe sogar Schutzraten von rund 65%. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 14 Jahren, bei denen VPM1002 die Gesamt-TB-Rate um etwa 65% verringern konnte.
Beide Impfstoffe wurden gut vertragen. Etwa 1 Drittel der Teilnehmer hatte milde lokale Reaktionen. Immunologisch führten beide Vakzine zu Mycobacterium-tuberculosis-spezifischen polyfunktionalen CD4-T-Zellen.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse: VPM1002 und Immuvac sind sicher, bieten jedoch keinen klaren Schutz vor pulmonaler Tuberkulose. Für extrapulmonale, oft schwerere TB-Verläufe deutet sich ein Nutzen an.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/nutzen-grippeimpfung-kindern-fluvoxamin-long-covid-neue-2026a1000b26?ecd=WNL_mdplsfeat_260416_mscpedit_de_etid8270065&uac=389796AZ&impID=8270065
Infektiologie-Newsblog, Update vom 16. April 2026
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Auf der Website „Infektionsradar“ stellt das Bundesministerium für Gesundheit Trends bei akuten Atemwegserkrankungen (ARE) zusammen. Die neuesten 7-Tage-Inzidenzen (laborbestätigte Fälle je 100.000 Einwohner):
Aktuelle Woche Vorwoche
COVID-19 0,3 0,2
Influenza 0,74 1,16
Respiratorisches Synzytialvirus (RSV) 4,29 4,10
Die Erkältungssaison in Deutschland verliert laut RKI weiter an Dynamik. In der 15. Kalenderwoche 2026 ist die Aktivität akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE) in der Bevölkerung erneut zurückgegangen: Sie liegt inzwischen auf einem insgesamt niedrigen Niveau. Damit bestätigt sich der Trend der vergangenen Wochen: Die typische Winterwelle ist weitgehend abgeklungen.
Ein Blick auf virologischen Daten zeigt, welche Erreger aktuell zirkulieren: In den untersuchten Proben dominierten vor allem Rhinoviren, gefolgt von Adenoviren, Respiratorischen Synzytialviren (RSV) und humanen Metapneumoviren (hMPV). Auffällig ist, dass weder Influenza-Viren noch SARS-CoV-2 in den Sentinelproben nachgewiesen wurden – ein klares Zeichen für das Ende der klassischen Grippe- und COVID-Welle in dieser Saison.
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID wirft Jahre nach der Pandemie weiterhin einen langen Schatten auf Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften. Auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens im Jahr 2021 waren weltweit rund 75 Millionen Menschen betroffen; die direkten Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa 53 Milliarden US-Dollar. Inzwischen ist die Prävalenz stark gesunken. Doch selbst unter konservativen Annahmen werden die Behandlungskosten in OECD- und EU-Ländern weiterhin bei rund 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Darauf weist ein neuer Bericht der OECD hin.
Noch schwerer wiegen die indirekten Folgen, etwa weniger Leistungsfähigkeit bzw. häufigere Fehlzeiten im Job und ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Insgesamt könnten dadurch bis zu 0,2% der weltweiten Wirtschaftsleistung pro Jahr verloren gehen. Das sind etwa 210 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Gleichzeitig kritisiert die OECD im Report, dass viele Länder keine klaren Strategien für Diagnose, Versorgung und berufliche Wiedereingliederung etabliert haben. Einheitliche Leitlinien, strukturierte Versorgungspfade und eine bessere Koordination zwischen der Gesundheits-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gelten als entscheidend, um Betroffene zu unterstützen.
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie aus Brasilien liefert Hinweise auf eine mögliche Therapieoption bei Long-COVID: Das Antidepressivum Fluvoxamin könnte Fatigue messbar verringern, wie Forscher in den Annals of Internal Medicine berichten.
An ihrer Studie nahmen 399 Erwachsene teil, die mindestens 90 Tage nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion weiterhin unter ausgeprägter Fatigue litten. Sie erhielten über 60 Tage hinweg entweder Fluvoxamin (100 mg 2-mal täglich), Metformin (750 mg 2-mal täglich) oder Placebo. Als primären Endpunkt haben Forscher die Veränderung der Fatigue Severity Scale (FSS) herangezogen.
Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Vorteil für Fluvoxamin: Nach 60 Tagen veränderte der Fatigue-Score im Vergleich zu Placebo um durchschnittlich -0,43 Punkte. Dieser Effekt blieb auch nach 90 Tagen bestehen und verstärkte sich sogar auf -0,58 Punkte weniger. Zusätzlich verbesserten sich unter Fluvoxamin die Lebensqualität. Metformin zeigte keinen signifikanten Nutzen gegenüber Placebo.
Auch beim Sicherheitsprofil schnitt Fluvoxamin günstig ab. Nebenwirkungen traten bei 20,0% der Patienten auf, verglichen mit 28,8% unter Metformin und 29,7% unter Placebo.
Die Autoren weisen jedoch auf Limitationen ihrer Arbeit hin: Die Nachbeobachtungszeit betrug lediglich 90 Tage, sodass unklar bleibt, ob der Effekt langfristig anhält. Zudem konzentrierte sich die Studie auf Fatigue, während andere typische Long-COVID-Symptome wie kognitive Störungen oder Dyspnoe nicht untersucht worden sind.
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
Eine Grippeimpfung kann Kinder wirksam vor schweren Krankheitsverläufen schützen. Zu dem Ergebnis kommt eine umfangreiche, in Pediatrics veröffentlichte Analyse.
Für ihre Arbeit haben Forscher Daten aus 7 pädiatrischen Zentren in den USA ausgewertet, und zwar für die Saisons 2021 bis 2024. Eingeschlossen wurden 19.917 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 17 Jahren, die wegen akuter Atemwegsinfektionen ambulant behandelt oder hospitalisiert werden mussten.
Bei 2.831 Kindern (14%) haben Ärzte Influenza nachgewiesen; 17.086 (86%) waren negativ. 8.523 Kinder (43%) waren geimpft, 11.394 (57%) ungeimpft. Die Impfquote blieb über alle Saisons hinweg niedrig: Unter den Kindern ohne Influenza waren je nach Saison nur 44% bis 51% geimpft.
Die Wirksamkeit der Impfung variierte je nach Saison, lag insgesamt jedoch zwischen 34% und 60% beim Schutz vor Influenza-assoziierten Krankenhausaufenthalten und ambulanten Behandlungen. Je nach Virustyp zeigte sich ein unterschiedlicher Schutz: Gegen Influenza B betrug die Wirksamkeit 69%, gegen Influenza A/H1N1 53% und gegen Influenza A/H3N2 43%.
Damit bestätigt die Analyse, dass die Grippeimpfung das Risiko für schwere Verläufe und Arztbesuche auch bei Kindern deutlich senken kann. Eine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt es bislang nicht, trotz der Forderung von Experten.
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
Die Ergänzung einer Standardtherapie gegen Helicobacter pylori mit dem Probiotikum Saccharomyces boulardii könnte die Behandlung wirksamer und besser verträglich machen. Darauf weist eine große Analyse aus dem europäischen Register zur Behandlung von H. pylori hin, in der mehr als 41.000 Therapien ausgewertet wurden. Details sind im Journal Helicobacter nachzulesen.
Die Auswertung umfasste 41.298 Therapien zwischen den Jahren 2013 und 2023. In 2.890 Fällen erhielten Patienten zusätzlich Saccharomyces boulardii. Als Kontrolle zogen die Autoren 38.408 mit Standardtherapie ohne S. boulardii heran. Analysiert wurden die Eradikationsrate und das Auftreten von Nebenwirkungen.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei einer Begleittherapie mit Clarithromycin, Amoxicillin und Metronidazol beziehungsweise Tinidazol. Mit zusätzlichem Probiotikum lag die Eradikationsrate bei 93%, ohne Probiotikum bei 90%. Gleichzeitig sank das Risiko für Nebenwirkungen um etwa 20%.
Durchfall trat mit Probiotikum bei 5,0% der Patienten auf, ohne Zusatz bei 7,5%. Geschmacksstörungen wurden in 5,0% statt 7,0% beobachtet, Übelkeit in 4,0% statt 7,0%. Das Risiko von Bauchschmerzen halbierte sich (4,0 % vs. 2,0 %). Ähnliche Effekte zeigten sich bei Dyspepsie (2,5% vs. 3,0 %), Schwäche (2,0 % vs. 4,0 %), Sodbrennen (1,0% vs. 2,0%) und Appetitverlust (0,3% vs. 3,0%).
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
2 neue TB-Impfstoffe sind sicher, verhindern jedoch keine pulmonale Tuberkulose. Gegen extrapulmonale Verläufe zeigen sich allerdings gute Effekte. Das schreiben Forscher im BMJ.
Im Rahmen der Phase-3-Studie PreVenTB haben sie untersucht, ob die experimentellen Impfstoffe VPM1002 und Immuvac vor Tuberkulose schützen. An der randomisierten Studie nahmen 12.717 gesunde Haushaltskontakte von Patienten mit offener Tuberkulose aus Indien teil. Die Probanden erhielten entweder VPM1002, Immuvac oder Placebo. Sie wurden über 38 Monate hinweg nachbeobachtet.
Dabei erkrankten 1,68% aller Probanden im VPM1002-Arm, 2,09% im Immuvac-Arm und 2,13% in der Placebogruppe. Die Autoren fanden keinen überzeugenden Schutz vor allen TB-Formen oder vor pulmonaler Tuberkulose.
Auffällig war jedoch ein deutlicher Effekt bei extrapulmonaler Tuberkulose: Hier lag die Wirksamkeit von VPM1002 bei rund 50%, für Immuvac bei etwa 33%. Bei Teilnehmern mit positivem Tuberkulin-Hauttest erreichten beide Impfstoffe sogar Schutzraten von rund 65%. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 14 Jahren, bei denen VPM1002 die Gesamt-TB-Rate um etwa 65% verringern konnte.
Beide Impfstoffe wurden gut vertragen. Etwa 1 Drittel der Teilnehmer hatte milde lokale Reaktionen. Immunologisch führten beide Vakzine zu Mycobacterium-tuberculosis-spezifischen polyfunktionalen CD4-T-Zellen.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse: VPM1002 und Immuvac sind sicher, bieten jedoch keinen klaren Schutz vor pulmonaler Tuberkulose. Für extrapulmonale, oft schwerere TB-Verläufe deutet sich ein Nutzen an.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/nutzen-grippeimpfung-kindern-fluvoxamin-long-covid-neue-2026a1000b26?ecd=WNL_mdplsfeat_260416_mscpedit_de_etid8270065&uac=389796AZ&impID=8270065
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Montag, 9. März 2026
Kümmelöl im Faktencheck: Was ist drin – und was ist medizinisch belegt?
che2001, 16:22h
Michael van den Heuvel, Medscape
09. März 2026
Kümmelöl, meist das ätherische Öl aus Carum carvi, wird traditionell bei Blähungen und krampfartigen Magenbeschwerden eingesetzt. In der evidenzbasierten Medizin spielt es vor allem als Kombination aus Pfefferminzöl und Kümmelöl bei funktioneller Dyspepsie eine Rolle. Für viele weitere beworbene Effekte fehlen meist belastbare Daten. Gleichzeitig gilt: Als ätherisches Öl ist Kümmelöl hochkonzentriert – Dosierung und Produktqualität sind wichtig für die Sicherheit.
Was genau ist Kümmelöl?
Ein Blick auf die Details: Unter dem Begriff „Kümmelöl“ werden im Handel 2 grundsätzlich unterschiedliche Produkte zusammengefasst. Zum einen handelt es sich um ätherisches Kümmelöl, das durch Wasserdampfdestillation aus den Samen gewonnen wird. Dieses Öl ist hochkonzentriert, pharmakologisch wirksam und Thema klinischer Studien. Zum anderen wird Kümmelsamenöl als fettes Öl angeboten, das durch Pressung hergestellt wird und deutlich weniger flüchtige Wirkstoffe enthält.
Für die medizinische Bewertung ist dieser Unterschied wichtig: Nahezu alle klinischen Untersuchungen beziehen sich auf das ätherische Kümmelöl, meist in magensaftresistenten Kapseln und häufig in Kombination mit Pfefferminzöl. Aussagen zur Wirksamkeit lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf andere Zubereitungen übertragen.
Inhaltsstoffe und Variabilität: Wovon hängt die Wirkung ab?
Die Zusammensetzung des ätherischen Kümmelöls bestimmt seine pharmakologischen Eigenschaften. Analysen zeigen, dass Monoterpene, insbesondere Carvon und Limonen, in hoher Konzentration vorhanden sind. Deren Anteile können jedoch erheblich schwanken, abhängig von Herkunft der Pflanzen, Erntezeitpunkt und Verarbeitung.
Diese Variabilität erklärt, warum frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel nicht automatisch mit arzneilich geprüften Präparaten gleichgesetzt werden können. Standardisierung ist hier keine Formalität, sondern Voraussetzung für reproduzierbare Effekte und verlässliche klinische Aussagen.
Klinische Evidenz: Wo ist ein Nutzen belegt?
Die mit Abstand beste Datenlage existiert für Kombinationen aus Pfefferminzöl und Kümmelöl bei funktioneller Dyspepsie. Randomisierte, placebokontrollierte Studien sowie Metaanalysen zeigen eine signifikante Verringerung dyspeptischer Symptome und eine insgesamt gute Verträglichkeit. Auch neuere Übersichtsarbeiten, die mehrere hundert Patienten einschließen, berichten von klinisch relevanten Effekten auf Beschwerden und Lebensqualität.
Für die Praxis ist entscheidend, dass diese Evidenz klar indikations- und produktgebunden ist. Untersucht wurden definierte Kombinationen in spezifischer Dosierung und Galenik. Sie lassen sich nicht unbedingt auf ähnliche Produkte aus Drogeriemärkten oder aus Online-Stores übertragen.
Für das Reizdarmsyndrom (IBS) ist die Datenlage deutlich schlechter. Eine kleinere klinische Studie untersuchte Kümmelöl-Umschläge. Dabei besserten sich die Beschwerden zwar, gemessen anhand von Symptomskalen. Die Ergebnisse sind jedoch eher als Hinweis denn als belastbarer Wirksamkeitsnachweis zu werten. Für oral eingenommene Kümmelölpräparate fehlen im IBS-Kontext überzeugende klinische Daten.
Häufig genannte Eigenschaften wie „antibakteriell“, „entzündungshemmend“ oder „antioxidativ“ lassen sich meist nur in Labor- und Tierexperimenten belegen. Sie erlauben keine verlässliche Aussage über eine therapeutische Wirksamkeit beim Menschen. Belastbare, hochwertige Humanstudien existieren bislang nicht.
Sicherheit und Verträglichkeit: Worauf ist zu achten?
In klinischen Studien zur Pfefferminzöl-/Kümmelöl-Kombination wird die Behandlung insgesamt als gut verträglich beschrieben. Typische unerwünschte Effekte betreffen den oberen Gastrointestinaltrakt, etwa Refluxbeschwerden oder sogenanntes Minz-Aufstoßen. Diese Effekte hängen stark von der Galenik und der individuellen Empfindlichkeit ab.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass ätherische Öle hochkonzentrierte Wirkstoffgemische sind. Tierexperimentelle Toxizitätsdaten zu verwandten Ölen verdeutlichen, dass Überdosierung und unsachgemäße Anwendung Risiken bergen können. In der Schwangerschaft, der Stillzeit, im Kindesalter sowie bei Patienten mit relevanter Begleitmedikation sollten Präparate zurückhaltend eingesetzt werden.
Fazit: Evidenz nur bei wenigen Indikationen
Alles in allem ist Kümmelöl ist kein Allheilmittel, besitzt aber plausible pharmakologische Eigenschaften und eine gute klinische Evidenz in Kombination mit Pfefferminzöl bei funktioneller Dyspepsie. Für das Reizdarmsyndrom gibt es allenfalls Hinweise auf einen Effekt.
Ärzte sollten Patienten raten, auf eine geprüfte Produktqualität zu achten und Experimente mit hochdosierten ätherischen Ölen zu vermeiden.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/k%C3%BCmmel%C3%B6l-im-faktencheck-was-drin-und-was-2026a100063z?ecd=WNL_mdplsfeat_260309_mscpedit_de_etid8167132&uac=389796AZ&impID=8167132
09. März 2026
Kümmelöl, meist das ätherische Öl aus Carum carvi, wird traditionell bei Blähungen und krampfartigen Magenbeschwerden eingesetzt. In der evidenzbasierten Medizin spielt es vor allem als Kombination aus Pfefferminzöl und Kümmelöl bei funktioneller Dyspepsie eine Rolle. Für viele weitere beworbene Effekte fehlen meist belastbare Daten. Gleichzeitig gilt: Als ätherisches Öl ist Kümmelöl hochkonzentriert – Dosierung und Produktqualität sind wichtig für die Sicherheit.
Was genau ist Kümmelöl?
Ein Blick auf die Details: Unter dem Begriff „Kümmelöl“ werden im Handel 2 grundsätzlich unterschiedliche Produkte zusammengefasst. Zum einen handelt es sich um ätherisches Kümmelöl, das durch Wasserdampfdestillation aus den Samen gewonnen wird. Dieses Öl ist hochkonzentriert, pharmakologisch wirksam und Thema klinischer Studien. Zum anderen wird Kümmelsamenöl als fettes Öl angeboten, das durch Pressung hergestellt wird und deutlich weniger flüchtige Wirkstoffe enthält.
Für die medizinische Bewertung ist dieser Unterschied wichtig: Nahezu alle klinischen Untersuchungen beziehen sich auf das ätherische Kümmelöl, meist in magensaftresistenten Kapseln und häufig in Kombination mit Pfefferminzöl. Aussagen zur Wirksamkeit lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf andere Zubereitungen übertragen.
Inhaltsstoffe und Variabilität: Wovon hängt die Wirkung ab?
Die Zusammensetzung des ätherischen Kümmelöls bestimmt seine pharmakologischen Eigenschaften. Analysen zeigen, dass Monoterpene, insbesondere Carvon und Limonen, in hoher Konzentration vorhanden sind. Deren Anteile können jedoch erheblich schwanken, abhängig von Herkunft der Pflanzen, Erntezeitpunkt und Verarbeitung.
Diese Variabilität erklärt, warum frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel nicht automatisch mit arzneilich geprüften Präparaten gleichgesetzt werden können. Standardisierung ist hier keine Formalität, sondern Voraussetzung für reproduzierbare Effekte und verlässliche klinische Aussagen.
Klinische Evidenz: Wo ist ein Nutzen belegt?
Die mit Abstand beste Datenlage existiert für Kombinationen aus Pfefferminzöl und Kümmelöl bei funktioneller Dyspepsie. Randomisierte, placebokontrollierte Studien sowie Metaanalysen zeigen eine signifikante Verringerung dyspeptischer Symptome und eine insgesamt gute Verträglichkeit. Auch neuere Übersichtsarbeiten, die mehrere hundert Patienten einschließen, berichten von klinisch relevanten Effekten auf Beschwerden und Lebensqualität.
Für die Praxis ist entscheidend, dass diese Evidenz klar indikations- und produktgebunden ist. Untersucht wurden definierte Kombinationen in spezifischer Dosierung und Galenik. Sie lassen sich nicht unbedingt auf ähnliche Produkte aus Drogeriemärkten oder aus Online-Stores übertragen.
Für das Reizdarmsyndrom (IBS) ist die Datenlage deutlich schlechter. Eine kleinere klinische Studie untersuchte Kümmelöl-Umschläge. Dabei besserten sich die Beschwerden zwar, gemessen anhand von Symptomskalen. Die Ergebnisse sind jedoch eher als Hinweis denn als belastbarer Wirksamkeitsnachweis zu werten. Für oral eingenommene Kümmelölpräparate fehlen im IBS-Kontext überzeugende klinische Daten.
Häufig genannte Eigenschaften wie „antibakteriell“, „entzündungshemmend“ oder „antioxidativ“ lassen sich meist nur in Labor- und Tierexperimenten belegen. Sie erlauben keine verlässliche Aussage über eine therapeutische Wirksamkeit beim Menschen. Belastbare, hochwertige Humanstudien existieren bislang nicht.
Sicherheit und Verträglichkeit: Worauf ist zu achten?
In klinischen Studien zur Pfefferminzöl-/Kümmelöl-Kombination wird die Behandlung insgesamt als gut verträglich beschrieben. Typische unerwünschte Effekte betreffen den oberen Gastrointestinaltrakt, etwa Refluxbeschwerden oder sogenanntes Minz-Aufstoßen. Diese Effekte hängen stark von der Galenik und der individuellen Empfindlichkeit ab.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass ätherische Öle hochkonzentrierte Wirkstoffgemische sind. Tierexperimentelle Toxizitätsdaten zu verwandten Ölen verdeutlichen, dass Überdosierung und unsachgemäße Anwendung Risiken bergen können. In der Schwangerschaft, der Stillzeit, im Kindesalter sowie bei Patienten mit relevanter Begleitmedikation sollten Präparate zurückhaltend eingesetzt werden.
Fazit: Evidenz nur bei wenigen Indikationen
Alles in allem ist Kümmelöl ist kein Allheilmittel, besitzt aber plausible pharmakologische Eigenschaften und eine gute klinische Evidenz in Kombination mit Pfefferminzöl bei funktioneller Dyspepsie. Für das Reizdarmsyndrom gibt es allenfalls Hinweise auf einen Effekt.
Ärzte sollten Patienten raten, auf eine geprüfte Produktqualität zu achten und Experimente mit hochdosierten ätherischen Ölen zu vermeiden.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/k%C3%BCmmel%C3%B6l-im-faktencheck-was-drin-und-was-2026a100063z?ecd=WNL_mdplsfeat_260309_mscpedit_de_etid8167132&uac=389796AZ&impID=8167132
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Mittwoch, 4. Februar 2026
Neue Empfehlungen zur Krebs-Prävention; jeder Zweite bekommt Krebs; Bewegung hilft bei Darmkrebs; morgendliche Immuntherapie ist besser
che2001, 18:49h
Dr. Susanne Heinzl, medscape
03. Februar 2026
Krebs: Neue Empfehlungen zur Prävention
Krebs in Deutschland: Fast jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens
Krebssterblichkeit: Vorhersagen für Europa
NSCLC: Prospektiv gezeigt – eine morgendliche Immuntherapie wirkt besser
Kolorektalkarzinom: ESMO empfiehlt strukturierte Bewegung als Behandlungsmethode
Nierenzellkarzinom: Stuhltransplantation verbessert Wirkung der Immuntherapie
Multiples Myelom: OS-Daten mit Cilta-Cel vielversprechend
Krebs: Neue Empfehlungen zur Prävention
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die 5. Auflage des Europäischen Kodex gegen Krebs in The Lancet und in zusammengefasster Form online publiziert. Er enthält wissenschaftlich belegte Empfehlungen, mit denen sich das persönliche Krebsrisiko senken lässt, und richtet sich erstmals auch direkt an politische Entscheidungsträger.
Neu ist, dass der Kodex nun 14 statt 12 Regeln umfasst und Umweltverschmutzung ausdrücklich als Krebsrisikofaktor benennt. Empfohlen werden unter anderem mehr Bewegung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt mit dem Auto sowie der Verzicht auf offene Feuerstellen in Innenräumen. 2 Ratschläge betreffen speziell Frauen: möglichst langes Stillen nach der Geburt und ein zurückhaltender, zeitlich begrenzter Einsatz von Hormonersatztherapien in den Wechseljahren nach ärztlicher Beratung.
Außerdem fordern die Wissenschaftler im Kodex gesetzliche Maßnahmen, damit gesunde Entscheidungen im Alltag leichter fallen. Genannt werden höhere Steuern auf Tabak- und Nikotinprodukte, auf Alkohol, auf sehr zuckerhaltige Lebensmittel und auf stark verarbeitetes Fleisch. Kampagnen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz sollten ebenfalls eine höhere Priorität bekommen.
Empfohlen wird zudem der Ausbau von Impfprogrammen gegen Hepatitis B und gegen humane Papillomaviren. Politische Maßnahmen sollen den Arbeitsschutz für Menschen verbessern, die im Freien oder mit krebserregenden Stoffen arbeiten, und durch vorausschauende Stadtplanung die Luftqualität erhöhen, etwa indem Bildungseinrichtungen nicht an stark befahrenen Straßen entstehen.
Die Deutsche Krebshilfe und das Deutsche Krebsforschungszentrum fordern, dass Deutschland seine Präventionspolitik stärker an diesen Empfehlungen ausrichtet.
Krebs in Deutschland: Fast jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens
Anlässlich des Weltkrebstages am 4. Februar 2026 veröffentlicht das Robert Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin aktuelle Zahlen zu Krebsinzidenz und -sterblichkeit in Deutschland.
Laut Krebsregister haben Ärzte im Jahr 2023 bundesweit 517.800 Krebserkrankungen diagnostiziert, davon 276.400 bei Männern und 241.400 bei Frauen. Etwa die Hälfte aller Fälle betraf Prostata (79.600), Brustdrüse (75.900), Lunge (58.300) sowie Kolon und Rektum (55.300). Rechnet man den Anstieg durch die Zunahme älterer Personen in der Bevölkerung heraus (Altersstandardisierung), ist die Neuerkrankungsrate bei Männern und Frauen weiterhin leicht rückläufig. Sie betrug im Jahr 2023 bei Männern 418 und bei Frauen 347 Fälle pro 100.000 Personen.
Die Krebssterberaten sind altersstandardisiert in den letzten 25 Jahren bei Männern um 31% und bei Frauen um 21% gesunken. Im Jahr 2023 starben in Deutschland laut Todesursachenstatistik 229.000 Menschen an Krebs (123.000 Männer und 106.000 Frauen).
Die 4 häufigsten Diagnosen waren bösartige Tumoren...
der Lunge (45.000),
des Dick- und Enddarms (22.700),
der Bauchspeicheldrüse (19.400),
der Brustdrüse (18.700).
Aus den jährlichen Inzidenzraten lässt sich berechnen, dass im Lauf des Lebens fast jeder 2. Mann (49%) und mehr als 2 von 5 Frauen (43%) an Krebs erkranken, wobei es jede 6. Frau und jeden 7. Mann vor dem 65. Lebensjahr trifft. Medscape hat einen eigenen Beitrag zum Thema veröffentlicht.
Krebssterblichkeit: Vorhersagen für Europa
Aktuelle, in den Annals of Oncology veröffentlichte Schätzungen gehen davon aus, dass die Krebssterblichkeit in der Europäische Union auch im Jahr 2026 insgesamt weiter sinkt – mit 2 Ausnahmen: Pankreaskarzinome bei Frauen in der EU sowie Kolonkarzinome bei Frauen im Vereinigten Königreich.
Die Forscher erstellen seit dem Jahr 2011 jährliche Prognosen. Für das Jahr 2026 erwarten sie rund 1.230.000 Krebstodesfälle. Das entspricht altersstandardisierten Raten von 114,1 Fällen pro 100.000 Männern (-7,8% gegenüber den Jahren 2020-2022) und 74,7 pro 100.000 Frauen (-5,9%). In den 5 bevölkerungsreichsten EU-Staaten und in der EU insgesamt zeigen sich bei den meisten häufigen Krebsarten rückläufige Trends. Die Ausnahme bleibt Bauchspeicheldrüsenkrebs bei Frauen. Auch im Vereinigten Königreich entwickeln sich die Sterberaten überwiegend günstig, außer bei Darmkrebs von Frauen.
Beim Lungenkrebs setzt sich der deutliche Rückgang der Sterblichkeit bei Männern fort. Bei Frauen stabilisieren sich die Raten in der EU und in den 5 größten Mitgliedstaaten bei etwa 12,5 pro 100.000, mit Ausnahme von Spanien, wo ein Anstieg um 2,4% erwartet wird. Ein Rückgang zeigt sich bei Frauen nur unter 65 Jahren, während in höheren Altersgruppen weiterhin ungünstige Entwicklungen beobachtet werden.
NSCLC: Prospektiv gezeigt – eine morgendliche Immuntherapie wirkt besser
In über 20 retrospektiven Studien haben Forscher eine Verbesserung der Wirksamkeit von früher am Tag verabreichten Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) im Vergleich zur späteren Applikation nachgewiesen. Eine Metaanalyse von 13 retrospektiven Studien bei verschiedenen Tumorentitäten zeigte, dass sich das OS und das PFS bei Patienten, die ICI als Mono- oder Kombinationstherapie früher am Tag im Vergleich zur später erhielten, nahezu verdoppelten. Nun hat eine internationale Arbeitsgruppe mit deutscher Beteiligung zu dieser Fragestellung eine prospektive Studie in Nature Medicine publiziert.
In der randomisierten Phase-3-Studie LungTIME-C01 erhielten 210 therapienaive chinesische Patienten mit fortgeschrittenem, nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) die ersten 4 Zyklen einer Immunchemotherapie vor bzw. nach 15 Uhr.
Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 28,7 Monaten betrug das PFS (primärer Endpunkt) bei früher Therapie 11,3 Monate, bei später Behandlung 5,7 Monate (HR 0,40, p < 0,001). Das mediane OS betrug 28,0 Monate bei früher und 16,8 Monate bei später Therapie (HR 0,42, p < 0,001). Auf die frühe Therapie sprachen 69,5% der Patienten, auf die späte Gabe 56,2% an. Immunbedingte Nebenwirkungen unterschieden sich zwischen den beiden Gruppen nicht.
Weitere Analysen ergaben, dass in der frühen Gruppe mehr CD8+-T-Zellen im Blut zirkulierten und dass das Verhältnis von aktivierten zu erschöpften CD8+-T-Zellen höher war als in der späten Gruppe. Dies könnte die höhere Wirksamkeit der Therapie in dieser Gruppe erklären. Allerdings müssen diese Mechanismen zum Zusammenhang von zirkadianem Rhythmus und Wirkung der ICI weiter untersucht werden.
Kolorektalkarzinom: ESMO empfiehlt strukturierte Bewegung als Behandlungsmethode
Ein Express-Update der ESMO-Leitlinien, publiziert in ESMO Open, empfiehlt bei Patienten mit lokalisiertem Kolonkarzinom körperliche Bewegung mit Teilnahme an strukturierten Programmen. Die Empfehlung basiert auf den Ergebnissen der CO.21 Colon Health and Lifelong Exercise Change (CHALLENGE)-Studie, die auf dem ASCO-Kongress 2025 vorgestellt (Medscape hat berichtet) und parallel im NEJM publiziert wurde.
Nierenzellkarzinom: Stuhltransplantation verbessert Wirkung der Immuntherapie
Die italienische Phase-2a-Studie TACITO, veröffentlicht in Nature Medicine, liefert überzeugende Beweise dafür, dass die Stuhltransplantation (FMT) die Wirksamkeit von Immuntherapien bei Patienten mit fortgeschrittenem metastasiertem Nierenzellkarzinom (mRCC) verbessern kann.
45 nicht vorbehandelte Patienten mit mRCC, die mit Pembrolizumab plus Axitinib behandelt worden waren, erhielten randomisiert entweder eine Spender-FMT (d-FMT) oder ein Placebo (p-FMT). Primärer Endpunkt war das PFS nach 12 Monaten. Nach 1 Jahr war bei 70% der Patienten in der d-FMT-Gruppe die Erkrankung nicht fortgeschritten – im Vergleich zu 41% in der Placebo-Gruppe. Allerdings war dieser Unterschied statistisch nicht signifikant (p = 0,053).
Das mediane PFS, ein sekundärer Endpunkt, war mit 24,0 vs. 9,0 Monaten signifikant unterschiedlich (HR 0,5, p = 0,035). Im d-FMT-Arm sprachen 52%, im Kontroll-Arm 32% auf die Immuntherapie an. Das Gesamtüberleben war mit 41 Monaten im Verum- und 28,3 Monaten im Kontroll-Arm unterschiedlich, allerdings war auch dieser Unterschied nicht signifikant.
Nach Aussage der Autoren stützten die Ergebnisse die Sicherheit und potenzielle Wirksamkeit der selektiven Spender-FMT zur Verbesserung der ICI-basierten Therapie bei mRCC, was weitere Untersuchungen rechtfertige.
Multiples Myelom: OS-Daten mit Cilta-Cel vielversprechend
Eine aktuelle Analyse der Phase-3-Studie CARTITUDE-4, publiziert von Prof. Dr. Hermann Einsele, Würzburg, und Kollegen in The Lancet Oncology, zeigt: Die einmalige Infusion von Ciltacabtagen Autoleucel (Cilta-Cel) bei Patienten mit Lenalidomid-refraktärem multiplem Myelom (MM) verlängert das OS im Vergleich zur Standardtherapie signifikant (HR 0,55, p = 0,0009). Diese Ergebnisse legen nahe, CAR-T-Zell-Therapien bereits nach dem 1. Rezidiv einzusetzen.
In der offenen, randomisierten, internationalen Studie wurden 419 MM-Patienten mit 1 bis 3 Vortherapien zwischen Juli 2020 und November 2021 randomisiert mit einer Infusion von Cilta-Cel (n = 208) oder der Standardtherapie (n = 211) aus Pomalidomid/Bortezomib/Dexamethason oder Daratumumab/Pomalidomid/Dexamethason behandelt.
Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 15,9 Monaten war in der 1. Analyse das mediane PFS in der Cilta-Cel-Gruppe nicht erreicht, in der Vergleichsgruppe lag es bei 11,8 Monaten (HR = 0,26). In der zweiten Zwischenanalyse mit einer medianen Nachbeobachtungszeit von 33,6 Monaten wurde das mediane PFS mit Cilta-Cel weiterhin nicht erreicht (HR 0,29). Das mediane OS war mit Cilta-Cel (95%-KI = nicht auswertbar bis nicht auswertbar) und mit der Standardtherapie (95%-KI = 37,7 Monate bis nicht auswertbar) nicht erreicht (HR = 0,55, p = 0,0009).
Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 traten bei 14% in der Cilta-Cel-Gruppe und 37% in der Standardtherapie-Gruppe auf, von Nebenwirkungen vom Schweregrad 4 waren 75% bzw. 56% der Patienten betroffen. Meist handelte es sich um Anämien und Neutropenien.
03. Februar 2026
Krebs: Neue Empfehlungen zur Prävention
Krebs in Deutschland: Fast jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens
Krebssterblichkeit: Vorhersagen für Europa
NSCLC: Prospektiv gezeigt – eine morgendliche Immuntherapie wirkt besser
Kolorektalkarzinom: ESMO empfiehlt strukturierte Bewegung als Behandlungsmethode
Nierenzellkarzinom: Stuhltransplantation verbessert Wirkung der Immuntherapie
Multiples Myelom: OS-Daten mit Cilta-Cel vielversprechend
Krebs: Neue Empfehlungen zur Prävention
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die 5. Auflage des Europäischen Kodex gegen Krebs in The Lancet und in zusammengefasster Form online publiziert. Er enthält wissenschaftlich belegte Empfehlungen, mit denen sich das persönliche Krebsrisiko senken lässt, und richtet sich erstmals auch direkt an politische Entscheidungsträger.
Neu ist, dass der Kodex nun 14 statt 12 Regeln umfasst und Umweltverschmutzung ausdrücklich als Krebsrisikofaktor benennt. Empfohlen werden unter anderem mehr Bewegung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt mit dem Auto sowie der Verzicht auf offene Feuerstellen in Innenräumen. 2 Ratschläge betreffen speziell Frauen: möglichst langes Stillen nach der Geburt und ein zurückhaltender, zeitlich begrenzter Einsatz von Hormonersatztherapien in den Wechseljahren nach ärztlicher Beratung.
Außerdem fordern die Wissenschaftler im Kodex gesetzliche Maßnahmen, damit gesunde Entscheidungen im Alltag leichter fallen. Genannt werden höhere Steuern auf Tabak- und Nikotinprodukte, auf Alkohol, auf sehr zuckerhaltige Lebensmittel und auf stark verarbeitetes Fleisch. Kampagnen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz sollten ebenfalls eine höhere Priorität bekommen.
Empfohlen wird zudem der Ausbau von Impfprogrammen gegen Hepatitis B und gegen humane Papillomaviren. Politische Maßnahmen sollen den Arbeitsschutz für Menschen verbessern, die im Freien oder mit krebserregenden Stoffen arbeiten, und durch vorausschauende Stadtplanung die Luftqualität erhöhen, etwa indem Bildungseinrichtungen nicht an stark befahrenen Straßen entstehen.
Die Deutsche Krebshilfe und das Deutsche Krebsforschungszentrum fordern, dass Deutschland seine Präventionspolitik stärker an diesen Empfehlungen ausrichtet.
Krebs in Deutschland: Fast jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens
Anlässlich des Weltkrebstages am 4. Februar 2026 veröffentlicht das Robert Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin aktuelle Zahlen zu Krebsinzidenz und -sterblichkeit in Deutschland.
Laut Krebsregister haben Ärzte im Jahr 2023 bundesweit 517.800 Krebserkrankungen diagnostiziert, davon 276.400 bei Männern und 241.400 bei Frauen. Etwa die Hälfte aller Fälle betraf Prostata (79.600), Brustdrüse (75.900), Lunge (58.300) sowie Kolon und Rektum (55.300). Rechnet man den Anstieg durch die Zunahme älterer Personen in der Bevölkerung heraus (Altersstandardisierung), ist die Neuerkrankungsrate bei Männern und Frauen weiterhin leicht rückläufig. Sie betrug im Jahr 2023 bei Männern 418 und bei Frauen 347 Fälle pro 100.000 Personen.
Die Krebssterberaten sind altersstandardisiert in den letzten 25 Jahren bei Männern um 31% und bei Frauen um 21% gesunken. Im Jahr 2023 starben in Deutschland laut Todesursachenstatistik 229.000 Menschen an Krebs (123.000 Männer und 106.000 Frauen).
Die 4 häufigsten Diagnosen waren bösartige Tumoren...
der Lunge (45.000),
des Dick- und Enddarms (22.700),
der Bauchspeicheldrüse (19.400),
der Brustdrüse (18.700).
Aus den jährlichen Inzidenzraten lässt sich berechnen, dass im Lauf des Lebens fast jeder 2. Mann (49%) und mehr als 2 von 5 Frauen (43%) an Krebs erkranken, wobei es jede 6. Frau und jeden 7. Mann vor dem 65. Lebensjahr trifft. Medscape hat einen eigenen Beitrag zum Thema veröffentlicht.
Krebssterblichkeit: Vorhersagen für Europa
Aktuelle, in den Annals of Oncology veröffentlichte Schätzungen gehen davon aus, dass die Krebssterblichkeit in der Europäische Union auch im Jahr 2026 insgesamt weiter sinkt – mit 2 Ausnahmen: Pankreaskarzinome bei Frauen in der EU sowie Kolonkarzinome bei Frauen im Vereinigten Königreich.
Die Forscher erstellen seit dem Jahr 2011 jährliche Prognosen. Für das Jahr 2026 erwarten sie rund 1.230.000 Krebstodesfälle. Das entspricht altersstandardisierten Raten von 114,1 Fällen pro 100.000 Männern (-7,8% gegenüber den Jahren 2020-2022) und 74,7 pro 100.000 Frauen (-5,9%). In den 5 bevölkerungsreichsten EU-Staaten und in der EU insgesamt zeigen sich bei den meisten häufigen Krebsarten rückläufige Trends. Die Ausnahme bleibt Bauchspeicheldrüsenkrebs bei Frauen. Auch im Vereinigten Königreich entwickeln sich die Sterberaten überwiegend günstig, außer bei Darmkrebs von Frauen.
Beim Lungenkrebs setzt sich der deutliche Rückgang der Sterblichkeit bei Männern fort. Bei Frauen stabilisieren sich die Raten in der EU und in den 5 größten Mitgliedstaaten bei etwa 12,5 pro 100.000, mit Ausnahme von Spanien, wo ein Anstieg um 2,4% erwartet wird. Ein Rückgang zeigt sich bei Frauen nur unter 65 Jahren, während in höheren Altersgruppen weiterhin ungünstige Entwicklungen beobachtet werden.
NSCLC: Prospektiv gezeigt – eine morgendliche Immuntherapie wirkt besser
In über 20 retrospektiven Studien haben Forscher eine Verbesserung der Wirksamkeit von früher am Tag verabreichten Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) im Vergleich zur späteren Applikation nachgewiesen. Eine Metaanalyse von 13 retrospektiven Studien bei verschiedenen Tumorentitäten zeigte, dass sich das OS und das PFS bei Patienten, die ICI als Mono- oder Kombinationstherapie früher am Tag im Vergleich zur später erhielten, nahezu verdoppelten. Nun hat eine internationale Arbeitsgruppe mit deutscher Beteiligung zu dieser Fragestellung eine prospektive Studie in Nature Medicine publiziert.
In der randomisierten Phase-3-Studie LungTIME-C01 erhielten 210 therapienaive chinesische Patienten mit fortgeschrittenem, nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) die ersten 4 Zyklen einer Immunchemotherapie vor bzw. nach 15 Uhr.
Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 28,7 Monaten betrug das PFS (primärer Endpunkt) bei früher Therapie 11,3 Monate, bei später Behandlung 5,7 Monate (HR 0,40, p < 0,001). Das mediane OS betrug 28,0 Monate bei früher und 16,8 Monate bei später Therapie (HR 0,42, p < 0,001). Auf die frühe Therapie sprachen 69,5% der Patienten, auf die späte Gabe 56,2% an. Immunbedingte Nebenwirkungen unterschieden sich zwischen den beiden Gruppen nicht.
Weitere Analysen ergaben, dass in der frühen Gruppe mehr CD8+-T-Zellen im Blut zirkulierten und dass das Verhältnis von aktivierten zu erschöpften CD8+-T-Zellen höher war als in der späten Gruppe. Dies könnte die höhere Wirksamkeit der Therapie in dieser Gruppe erklären. Allerdings müssen diese Mechanismen zum Zusammenhang von zirkadianem Rhythmus und Wirkung der ICI weiter untersucht werden.
Kolorektalkarzinom: ESMO empfiehlt strukturierte Bewegung als Behandlungsmethode
Ein Express-Update der ESMO-Leitlinien, publiziert in ESMO Open, empfiehlt bei Patienten mit lokalisiertem Kolonkarzinom körperliche Bewegung mit Teilnahme an strukturierten Programmen. Die Empfehlung basiert auf den Ergebnissen der CO.21 Colon Health and Lifelong Exercise Change (CHALLENGE)-Studie, die auf dem ASCO-Kongress 2025 vorgestellt (Medscape hat berichtet) und parallel im NEJM publiziert wurde.
Nierenzellkarzinom: Stuhltransplantation verbessert Wirkung der Immuntherapie
Die italienische Phase-2a-Studie TACITO, veröffentlicht in Nature Medicine, liefert überzeugende Beweise dafür, dass die Stuhltransplantation (FMT) die Wirksamkeit von Immuntherapien bei Patienten mit fortgeschrittenem metastasiertem Nierenzellkarzinom (mRCC) verbessern kann.
45 nicht vorbehandelte Patienten mit mRCC, die mit Pembrolizumab plus Axitinib behandelt worden waren, erhielten randomisiert entweder eine Spender-FMT (d-FMT) oder ein Placebo (p-FMT). Primärer Endpunkt war das PFS nach 12 Monaten. Nach 1 Jahr war bei 70% der Patienten in der d-FMT-Gruppe die Erkrankung nicht fortgeschritten – im Vergleich zu 41% in der Placebo-Gruppe. Allerdings war dieser Unterschied statistisch nicht signifikant (p = 0,053).
Das mediane PFS, ein sekundärer Endpunkt, war mit 24,0 vs. 9,0 Monaten signifikant unterschiedlich (HR 0,5, p = 0,035). Im d-FMT-Arm sprachen 52%, im Kontroll-Arm 32% auf die Immuntherapie an. Das Gesamtüberleben war mit 41 Monaten im Verum- und 28,3 Monaten im Kontroll-Arm unterschiedlich, allerdings war auch dieser Unterschied nicht signifikant.
Nach Aussage der Autoren stützten die Ergebnisse die Sicherheit und potenzielle Wirksamkeit der selektiven Spender-FMT zur Verbesserung der ICI-basierten Therapie bei mRCC, was weitere Untersuchungen rechtfertige.
Multiples Myelom: OS-Daten mit Cilta-Cel vielversprechend
Eine aktuelle Analyse der Phase-3-Studie CARTITUDE-4, publiziert von Prof. Dr. Hermann Einsele, Würzburg, und Kollegen in The Lancet Oncology, zeigt: Die einmalige Infusion von Ciltacabtagen Autoleucel (Cilta-Cel) bei Patienten mit Lenalidomid-refraktärem multiplem Myelom (MM) verlängert das OS im Vergleich zur Standardtherapie signifikant (HR 0,55, p = 0,0009). Diese Ergebnisse legen nahe, CAR-T-Zell-Therapien bereits nach dem 1. Rezidiv einzusetzen.
In der offenen, randomisierten, internationalen Studie wurden 419 MM-Patienten mit 1 bis 3 Vortherapien zwischen Juli 2020 und November 2021 randomisiert mit einer Infusion von Cilta-Cel (n = 208) oder der Standardtherapie (n = 211) aus Pomalidomid/Bortezomib/Dexamethason oder Daratumumab/Pomalidomid/Dexamethason behandelt.
Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 15,9 Monaten war in der 1. Analyse das mediane PFS in der Cilta-Cel-Gruppe nicht erreicht, in der Vergleichsgruppe lag es bei 11,8 Monaten (HR = 0,26). In der zweiten Zwischenanalyse mit einer medianen Nachbeobachtungszeit von 33,6 Monaten wurde das mediane PFS mit Cilta-Cel weiterhin nicht erreicht (HR 0,29). Das mediane OS war mit Cilta-Cel (95%-KI = nicht auswertbar bis nicht auswertbar) und mit der Standardtherapie (95%-KI = 37,7 Monate bis nicht auswertbar) nicht erreicht (HR = 0,55, p = 0,0009).
Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 traten bei 14% in der Cilta-Cel-Gruppe und 37% in der Standardtherapie-Gruppe auf, von Nebenwirkungen vom Schweregrad 4 waren 75% bzw. 56% der Patienten betroffen. Meist handelte es sich um Anämien und Neutropenien.
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Dienstag, 3. Februar 2026
Neuer Trend: „Hara Hachi Bu“: Ist es gesünder, den Magen nur zu 80% zu füllen?
che2001, 11:52h
7 Tipps für achtsames Essen
Maria Weiß
30. Januar 2026
„Hara Hachi Bu“ steht für eine konfuzianisch-japanische Ernährungsphilosophie, die vor allem auf Mäßigung und Achtsamkeit beim Essen beruht. Kernpunkt ist, dass man aufhört zu essen, wenn der Magen zu etwa 80% gefüllt ist. Als reine Diätmethode, mit der sich schnelle Gewichtsverluste erzielen lassen, sollte man es aber nicht betrachten.
Hara Hachi Bu ist in vor allem in Regionen etabliert, in denen besonders viele gesunde über 100-Jährige leben. Dazu gehören auch die Okinawa-Inseln, auf denen Hara Hachi Bu als Ernährungsform angeblich seit Jahrhunderten etabliert ist.
Viele wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Konzept gibt es nicht. Die wenigen dazu durchgeführten Studien zeigen im Durchschnitt eine geringere langfristige Gewichtszunahme und einen niedrigeren durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI). In einer Studie mit 330 Männern wurde beobachtet, dass eine Befolgung des Ernährungskonzeptes mit einer gesünderen Ernährung mit mehr Gemüse und weniger Kohlenhydraten einhergeht.
Im Prinzip ähnelt Hara Hachi Bu dem Konzept des achtsamen oder intuitiven Essens, bei dem man verstärkt auf die eigenen Hunger- und Sättigungssignale des Körpers achtet, erklärt Aisling Pigott, Dozentin für Ernährungswissenschaft an der Cardiff Metropolitan University, Wales/UK. Essstörungen wie übermäßig restriktives Essen, Essattacken und übermäßige Nahrungsaufnahme werden dadurch reduziert, und es wird häufiger zu gesunden Nahrungsmitteln wie Obst und Gemüse gegriffen.
Die Ernährungsexpertin gibt 7 Tipps, wie sich solch ein achtsames intuitives Ernährungskonzept umsetzen lässt:
1. Bestandsaufnahmen
Hier sollte man sich fragen, ob man wirklich körperlich Hunger empfindet, der auch nicht nach wenigen Minuten wieder verschwindet. Bei solch einem „echten Hunger“ sollte man auch essen. Wird das Bedürfnis ignoriert, wird der Hunger nur größer und das Risiko sich zu überessen nimmt zu.
Beruht der Wunsch nach Essen dagegen nur auf Gewohnheit, Langeweile oder Stress, sollte man einen Moment innehalten, um das Essen nicht als standardmäßige Kompensation einzusetzen.
2. Keine Ablenkungen während des Essens
Es sollte während der Mahlzeit nur ums Essen, Genießen und Nachspüren gehen. Essen vor dem Bildschirm sollte tabu sein, da dadurch verhindert wird, dass man körperliche Sättigungssignale wahrnimmt. Auch dies fördert Überessen.
3. Langsam essen und jeden Bissen genießen
Man sollte dem Essen immer die gleiche Aufmerksamkeit wie in einem Gourmetrestaurant zukommen lassen. Das führt dazu, dass man langsamer isst, bewusster kaut und versucht zu schmecken, was in dem Gericht enthalten ist. Dies hilft auch zu bemerken, wann man ausreichend satt ist.
4. Angenehm satt, aber nicht überfüllt
Teilt man das Bedürfnis nach Essen in eine Skala von 1 bis 10 ein (Hunger wäre 1, 10 dagegen ein Sättigungsgefühl, dass man sich am liebsten hinlegen will), sollte man eine 8 – entsprechend 80% Sättigung – anstreben. Hierbei fühlt man sich wohlig und zufrieden, ohne ein übermäßiges Völlegefühl. Dies spürt man leichter, wenn man langsam und in Ruhe isst.
5. Mahlzeiten in Gemeinschaft einnehmen
Mensch, die allein essen, neigen viel eher dazu, die Mahlzeiten vor dem Bildschirm einzunehmen. Essen ist aber eine gesellige Angelegenheit, und der Genuss wird zusammen mit anderen Menschen größer. Die Mahlzeit bekommt so auch eine größere Bedeutung zu. Auch dies kann ein Schlüssel zur Langlebigkeit sein.
6. Nährstoffe bewusst auswählen
Auch bei Hunger sollte man nicht einfach nach den nächstbesten sättigenden Nahrungsmitteln greifen. Vielmehr sollte jede Mahlzeit eine ausgewogene Nährstoffbilanz mit ausreichend Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen haben. Bekommt der Körper nicht genug von diesen Stoffen, wird er schnell wieder Hungersignale aussenden.
7. Empathie für sich selbst
Im Rahmen von Hara Hachi Bu ist es nicht nötig, perfekte Mahlzeiten nach strengen Regeln einzunehmen oder Kalorien zu zählen. Solche restriktiven Ernährungskonzepte führen nur dazu, dass man sich schlecht fühlt, wenn Regeln verletzt wurden. Vielmehr sollte man sich der Bedürfnisse des eigenen Körpers bewusstwerden und sich im Einklang mit dem eigenen Körper ernähren. Dies führt in der Regel von ganz allein zur Mäßigung.
Vorsicht ist bei sportlich sehr aktiven Menschen, Kindern, Älteren und chronisch Kranken geboten, die einen höheren oder spezifischen Ernährungsbedarf haben. Für allen anderen gilt: Genussvoll essen, ohne dabei zu übertreiben.
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.
Maria Weiß
30. Januar 2026
„Hara Hachi Bu“ steht für eine konfuzianisch-japanische Ernährungsphilosophie, die vor allem auf Mäßigung und Achtsamkeit beim Essen beruht. Kernpunkt ist, dass man aufhört zu essen, wenn der Magen zu etwa 80% gefüllt ist. Als reine Diätmethode, mit der sich schnelle Gewichtsverluste erzielen lassen, sollte man es aber nicht betrachten.
Hara Hachi Bu ist in vor allem in Regionen etabliert, in denen besonders viele gesunde über 100-Jährige leben. Dazu gehören auch die Okinawa-Inseln, auf denen Hara Hachi Bu als Ernährungsform angeblich seit Jahrhunderten etabliert ist.
Viele wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Konzept gibt es nicht. Die wenigen dazu durchgeführten Studien zeigen im Durchschnitt eine geringere langfristige Gewichtszunahme und einen niedrigeren durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI). In einer Studie mit 330 Männern wurde beobachtet, dass eine Befolgung des Ernährungskonzeptes mit einer gesünderen Ernährung mit mehr Gemüse und weniger Kohlenhydraten einhergeht.
Im Prinzip ähnelt Hara Hachi Bu dem Konzept des achtsamen oder intuitiven Essens, bei dem man verstärkt auf die eigenen Hunger- und Sättigungssignale des Körpers achtet, erklärt Aisling Pigott, Dozentin für Ernährungswissenschaft an der Cardiff Metropolitan University, Wales/UK. Essstörungen wie übermäßig restriktives Essen, Essattacken und übermäßige Nahrungsaufnahme werden dadurch reduziert, und es wird häufiger zu gesunden Nahrungsmitteln wie Obst und Gemüse gegriffen.
Die Ernährungsexpertin gibt 7 Tipps, wie sich solch ein achtsames intuitives Ernährungskonzept umsetzen lässt:
1. Bestandsaufnahmen
Hier sollte man sich fragen, ob man wirklich körperlich Hunger empfindet, der auch nicht nach wenigen Minuten wieder verschwindet. Bei solch einem „echten Hunger“ sollte man auch essen. Wird das Bedürfnis ignoriert, wird der Hunger nur größer und das Risiko sich zu überessen nimmt zu.
Beruht der Wunsch nach Essen dagegen nur auf Gewohnheit, Langeweile oder Stress, sollte man einen Moment innehalten, um das Essen nicht als standardmäßige Kompensation einzusetzen.
2. Keine Ablenkungen während des Essens
Es sollte während der Mahlzeit nur ums Essen, Genießen und Nachspüren gehen. Essen vor dem Bildschirm sollte tabu sein, da dadurch verhindert wird, dass man körperliche Sättigungssignale wahrnimmt. Auch dies fördert Überessen.
3. Langsam essen und jeden Bissen genießen
Man sollte dem Essen immer die gleiche Aufmerksamkeit wie in einem Gourmetrestaurant zukommen lassen. Das führt dazu, dass man langsamer isst, bewusster kaut und versucht zu schmecken, was in dem Gericht enthalten ist. Dies hilft auch zu bemerken, wann man ausreichend satt ist.
4. Angenehm satt, aber nicht überfüllt
Teilt man das Bedürfnis nach Essen in eine Skala von 1 bis 10 ein (Hunger wäre 1, 10 dagegen ein Sättigungsgefühl, dass man sich am liebsten hinlegen will), sollte man eine 8 – entsprechend 80% Sättigung – anstreben. Hierbei fühlt man sich wohlig und zufrieden, ohne ein übermäßiges Völlegefühl. Dies spürt man leichter, wenn man langsam und in Ruhe isst.
5. Mahlzeiten in Gemeinschaft einnehmen
Mensch, die allein essen, neigen viel eher dazu, die Mahlzeiten vor dem Bildschirm einzunehmen. Essen ist aber eine gesellige Angelegenheit, und der Genuss wird zusammen mit anderen Menschen größer. Die Mahlzeit bekommt so auch eine größere Bedeutung zu. Auch dies kann ein Schlüssel zur Langlebigkeit sein.
6. Nährstoffe bewusst auswählen
Auch bei Hunger sollte man nicht einfach nach den nächstbesten sättigenden Nahrungsmitteln greifen. Vielmehr sollte jede Mahlzeit eine ausgewogene Nährstoffbilanz mit ausreichend Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen haben. Bekommt der Körper nicht genug von diesen Stoffen, wird er schnell wieder Hungersignale aussenden.
7. Empathie für sich selbst
Im Rahmen von Hara Hachi Bu ist es nicht nötig, perfekte Mahlzeiten nach strengen Regeln einzunehmen oder Kalorien zu zählen. Solche restriktiven Ernährungskonzepte führen nur dazu, dass man sich schlecht fühlt, wenn Regeln verletzt wurden. Vielmehr sollte man sich der Bedürfnisse des eigenen Körpers bewusstwerden und sich im Einklang mit dem eigenen Körper ernähren. Dies führt in der Regel von ganz allein zur Mäßigung.
Vorsicht ist bei sportlich sehr aktiven Menschen, Kindern, Älteren und chronisch Kranken geboten, die einen höheren oder spezifischen Ernährungsbedarf haben. Für allen anderen gilt: Genussvoll essen, ohne dabei zu übertreiben.
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.
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Donnerstag, 29. Januar 2026
Ernährungstrends auf dem Prüfstand: Was bringen Omega-3-Fettsäuren, Keto-Diäten und Intervallfasten wirklich?
che2001, 17:00h
Fabienne Rigal, Medscape
29. Januar 2026
Paris – Ob Supplemente mit Omega-3-Fettsäuren, ketogene Diäten oder intermittierendes Fasten – viele Ernährungstrends versprechen schnelle Erfolge für Gewicht, Herz und Stoffwechsel. Doch bei den Journées européennes de la Société française de cardiologie (JESFC 2026) wurde klar: Entscheidend sind wissenschaftliche Belege – und diese sind oft deutlich ernüchternder als Versprechen von Anbietern. In einer Fachsession präsentierten Experten den aktuellen Stand der Forschung.
Omega-3-Fettsäuren: Wissenschaftler raten zu ausgewogener Ernährung
Dr. François Paillard, Kardiologe am Zentrum für kardiovaskuläre Prävention des Universitätsklinikums Rennes, ging der Frage nach, welche Rolle Omega-3-Fettsäuren tatsächlich in der Herz-Kreislauf-Prävention spielen. Dabei stellte er zunächst klar, dass vor allem 3 Omega-3-Fettsäurderivate relevant sind: ALA, EPA und DHA.
ALA (Alpha-Linolensäure) findet sich in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinsamen, Walnüssen, Chiasamen oder Rapsöl. Daneben gibt es die beiden „marinen“ Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), die vor allem in fettem Seefisch wie Lachs, Makrele oder Hering sowie in Fischöl enthalten sind.
Wer regelmäßig Fisch isst – idealerweise 2 Fischmahlzeiten pro Woche, darunter mindestens eine Portion fetten Fisch – kann nach aktueller Datenlage mit einer moderaten Senkung kardiovaskulärer Ereignisse rechnen. Auch die Gesamtsterblichkeit scheint in diesem Zusammenhang niedriger zu sein als bei Menschen mit niedrigerem Konsum.
Deutlich negativer fällt sein Fazit für Nahrungsergänzungsmittel aus: Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren in niedriger Dosierung, also etwa 1 g pro Tag, ist für die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen weitgehend wirkungslos. Eine mögliche Ausnahme könnten Menschen sein, die überhaupt keinen Fisch verzehren oder durch Nahrungsergänzungsmittel zumindest einen Mangel ausgleichen.
Hochdosis-Omega-3-Supplemente: Nutzen möglich – aber nicht ohne Risiko
Bei hochdosierten Präparaten ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Paillard verwies darauf, dass mehrere randomisierte Studien positive Effekte einer EPA-Supplementierung gezeigt hätten.
Vor diesem Hintergrund seien auch Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zu verstehen: Experten schlagen auf dem Evidenzniveau IIa vor, bei ausgewählten Hochrisiko-Patienten Omega-3-Fettsäuren in Erwägung zu ziehen – konkret eine hochdosierte EPA-Therapie mit 2-mal 2 g pro Tag zusätzlich zur Statin-Therapie. Das gilt vor allem bei Personen mit erhöhten Triglyzeridwerten zwischen 1,5 und 5,6 mmol/l, deren Werte trotz Statinen nicht ausreichend kontrolliert werden.
Gleichzeitig warnte Paillard vor Gefahren, die häufig unterschätzt werden: dem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern. Zwischen der Einnahme von EPA und DHA und diesem Risiko bestehe offenbar eine U-förmige Beziehung, so der Experte. Während eine Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren über natürliche Nahrungsquellen tendenziell eher mit einem sinkenden Risiko verbunden sei, könne es unter hochdosierter Supplementierung ansteigen. Genau deshalb, so Paillard, sei eine sorgfältige Auswahl geeigneter Patienten entscheidend, wenn eine Hochdosistherapie in Betracht gezogen werde.
Keto-Diät und intermittierendes Fasten überzeugen kaum
Im 2. Teil der Session standen aktuelle Diättrends wie die ketogene Ernährung („Keto“) und „Low Carb“ im Fokus. Gemeint ist damit ein Ernährungskonzept, das stark kohlenhydratreduziert ist, ohne jedoch zwingend Fett, Eiweiß oder die Gesamtkalorienmenge zu begrenzen. Das Grundprinzip ist keineswegs neu: Es reicht bis in die 1970er-Jahre zurück, als der Ansatz unter dem Namen Atkins-Diät populär wurde und bereits kurz darauf in JAMA kritisch diskutiert wurde. Inzwischen liegt mit einem Cochrane Reviewauch eine umfassende Auswertung zur Evidenz vor.
Prof. Dr. Claire Carette, Ernährungsmedizinerin und Diabetologin am Pariser HEGP, wies auf eine methodische Herausforderung hin: In der Ernährungsmedizin ließen sich randomisierte Studien praktisch nie doppelblind durchführen. Dieses strukturelle Problem müsse bei der Interpretation aller Diätstudien grundsätzlich mitgedacht werden.
Insgesamt zeigen die Daten, dass eine ketogene Ernährung langfristig zu keiner besseren Gewichtsabnahme führt als andere Diätformen. Es gibt auch keine überzeugenden Hinweise auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Damit wird die häufig geäußerte Behauptung, Keto sei grundsätzlich „gefährlich fürs Herz“, zumindest durch die aktuelle Evidenz nicht gestützt. Dennoch schneiden in vielen Untersuchungen hinsichtlich Blutzuckerparametern und metabolischer Kontrolle mediterrane Ernährungsmuster besser ab.
Carette machte außerdem deutlich, dass die wissenschaftliche Diskussion oft Idealformen von Diäten betrachtee, während die eigentliche Hürde meist im Alltag liege: Die langfristige Adhärenz sei bei nahezu allen restriktiven Ernährungsformen schlecht; hohe Abbruchraten seien in Studien ein wiederkehrendes Problem.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Atkins-Diät, die häufig mit einer deutlich reduzierten Ballaststoffzufuhr einhergeht. Das könnte langfristig mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Zusammenhang stehen.
Intermittierendes Fasten: Bei Übergewicht keine Vorteile in großen Studien
Auch das intermittierende Fasten wurde auf dem Kongress eher kritisch eingeordnet. Das Konzept zielt darauf ab, das tägliche Zeitfenster für die Nahrungsaufnahme zu verkürzen. Allerdings existieren dafür sehr unterschiedliche Varianten und Protokolle, was die Studienlage zusätzlich schwer vergleichbar macht.
Für Menschen mit Übergewicht oder Adipositas zeigen große Studien, unter anderem veröffentlicht in JAMA Internal Medicine und im NEJM, keinen klaren Vorteil – weder beim Gewichtsverlust noch bei wichtigen metabolischen Parametern.
Bei Menschen mit Diabetes könnten sich dagegen durchaus kardiometabolische Verbesserungen abzeichnen, etwa bei bestimmten Risikomarkern oder sogar bei der linksventrikulären Auswurffraktion. Carette mahnte jedoch zur Vorsicht: Viele dieser Ergebnisse basieren auf Studien mit kurzer Laufzeit und mit vergleichsweise kleinen Teilnehmerzahlen, sodass ihre Aussagekraft begrenzt bleibt. Belastbare Langzeitdaten fehlen.
Einen breiteren Überblick liefert ein im NEJM publizierter Review, der insgesamt vor allem 2 Ernährungsmuster bewertte werden: Die mediterrane Ernährung weist die robusteste Evidenz für positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit auf, während die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) vor allem in der Behandlung des Bluthochdrucks gut untersucht wurde. Carette erinnerte auch daran, dass restriktive Ernährungsformen grundsätzlich Risiken bergen, etwa ein erhöhtes Auftreten von Essstörungen oder ein problematischem Essverhalten.
Zucker bleibt Zucker: Entscheidend ist die Menge – nicht die Moral
Zum Abschluss der Session richtete Dr. Kévin Seyssel, Ernährungsberater aus Corbas bei Lyon, den Blick auf die oft emotional und moralisierend geführte Social-Media-Debatte rund um Zucker. Formate wie „No sugar challenge“ oder die Darstellung von Zucker als regelrechter „Teufel“ seien aus seiner Sicht vor allem populistisch – und wissenschaftlich meist viel zu grob vereinfachend. Statt dramatischer Botschaften plädierte Seyssel daher für einen pragmatischen Umgang und eine Orientierung an etablierten, evidenzbasierten Empfehlungen.
Als Maßstab nannte er unter anderem die Leitlinien der WHO: Bei einer täglichen Energiezufuhr von 2.000 Kilokalorien sollte die Zuckeraufnahme 50 g pro Tag nicht überschreiten. Und die französischen Behörde ANSES (Agence nationale de sécurité sanitaire de l'alimentation, de l'environnement et du travail) rät, täglich rund 30 g Ballaststoffe aufzunehmen.
Jenseits dieser vergleichsweise moderaten Orientierungswerte sei eine gewisse Skepsis gegenüber Panik machenden Botschaften angebracht, insbesondere, wenn sie mit Schuldzuweisungen arbeiteten und mehr moralischen Druck erzeugten als wissenschaftlich fundierte Orientierung zu bieten, gab Seyssel zu bedenken.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/ern%C3%A4hrungstrends-dem-pr%C3%BCfstand-was-bringen-omega-3-2026a100024i?ecd=WNL_mdplsfeat_260129_mscpedit_de_etid8065251&uac=389796AZ&impID=8065251
29. Januar 2026
Paris – Ob Supplemente mit Omega-3-Fettsäuren, ketogene Diäten oder intermittierendes Fasten – viele Ernährungstrends versprechen schnelle Erfolge für Gewicht, Herz und Stoffwechsel. Doch bei den Journées européennes de la Société française de cardiologie (JESFC 2026) wurde klar: Entscheidend sind wissenschaftliche Belege – und diese sind oft deutlich ernüchternder als Versprechen von Anbietern. In einer Fachsession präsentierten Experten den aktuellen Stand der Forschung.
Omega-3-Fettsäuren: Wissenschaftler raten zu ausgewogener Ernährung
Dr. François Paillard, Kardiologe am Zentrum für kardiovaskuläre Prävention des Universitätsklinikums Rennes, ging der Frage nach, welche Rolle Omega-3-Fettsäuren tatsächlich in der Herz-Kreislauf-Prävention spielen. Dabei stellte er zunächst klar, dass vor allem 3 Omega-3-Fettsäurderivate relevant sind: ALA, EPA und DHA.
ALA (Alpha-Linolensäure) findet sich in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinsamen, Walnüssen, Chiasamen oder Rapsöl. Daneben gibt es die beiden „marinen“ Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), die vor allem in fettem Seefisch wie Lachs, Makrele oder Hering sowie in Fischöl enthalten sind.
Wer regelmäßig Fisch isst – idealerweise 2 Fischmahlzeiten pro Woche, darunter mindestens eine Portion fetten Fisch – kann nach aktueller Datenlage mit einer moderaten Senkung kardiovaskulärer Ereignisse rechnen. Auch die Gesamtsterblichkeit scheint in diesem Zusammenhang niedriger zu sein als bei Menschen mit niedrigerem Konsum.
Deutlich negativer fällt sein Fazit für Nahrungsergänzungsmittel aus: Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren in niedriger Dosierung, also etwa 1 g pro Tag, ist für die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen weitgehend wirkungslos. Eine mögliche Ausnahme könnten Menschen sein, die überhaupt keinen Fisch verzehren oder durch Nahrungsergänzungsmittel zumindest einen Mangel ausgleichen.
Hochdosis-Omega-3-Supplemente: Nutzen möglich – aber nicht ohne Risiko
Bei hochdosierten Präparaten ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Paillard verwies darauf, dass mehrere randomisierte Studien positive Effekte einer EPA-Supplementierung gezeigt hätten.
Vor diesem Hintergrund seien auch Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zu verstehen: Experten schlagen auf dem Evidenzniveau IIa vor, bei ausgewählten Hochrisiko-Patienten Omega-3-Fettsäuren in Erwägung zu ziehen – konkret eine hochdosierte EPA-Therapie mit 2-mal 2 g pro Tag zusätzlich zur Statin-Therapie. Das gilt vor allem bei Personen mit erhöhten Triglyzeridwerten zwischen 1,5 und 5,6 mmol/l, deren Werte trotz Statinen nicht ausreichend kontrolliert werden.
Gleichzeitig warnte Paillard vor Gefahren, die häufig unterschätzt werden: dem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern. Zwischen der Einnahme von EPA und DHA und diesem Risiko bestehe offenbar eine U-förmige Beziehung, so der Experte. Während eine Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren über natürliche Nahrungsquellen tendenziell eher mit einem sinkenden Risiko verbunden sei, könne es unter hochdosierter Supplementierung ansteigen. Genau deshalb, so Paillard, sei eine sorgfältige Auswahl geeigneter Patienten entscheidend, wenn eine Hochdosistherapie in Betracht gezogen werde.
Keto-Diät und intermittierendes Fasten überzeugen kaum
Im 2. Teil der Session standen aktuelle Diättrends wie die ketogene Ernährung („Keto“) und „Low Carb“ im Fokus. Gemeint ist damit ein Ernährungskonzept, das stark kohlenhydratreduziert ist, ohne jedoch zwingend Fett, Eiweiß oder die Gesamtkalorienmenge zu begrenzen. Das Grundprinzip ist keineswegs neu: Es reicht bis in die 1970er-Jahre zurück, als der Ansatz unter dem Namen Atkins-Diät populär wurde und bereits kurz darauf in JAMA kritisch diskutiert wurde. Inzwischen liegt mit einem Cochrane Reviewauch eine umfassende Auswertung zur Evidenz vor.
Prof. Dr. Claire Carette, Ernährungsmedizinerin und Diabetologin am Pariser HEGP, wies auf eine methodische Herausforderung hin: In der Ernährungsmedizin ließen sich randomisierte Studien praktisch nie doppelblind durchführen. Dieses strukturelle Problem müsse bei der Interpretation aller Diätstudien grundsätzlich mitgedacht werden.
Insgesamt zeigen die Daten, dass eine ketogene Ernährung langfristig zu keiner besseren Gewichtsabnahme führt als andere Diätformen. Es gibt auch keine überzeugenden Hinweise auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Damit wird die häufig geäußerte Behauptung, Keto sei grundsätzlich „gefährlich fürs Herz“, zumindest durch die aktuelle Evidenz nicht gestützt. Dennoch schneiden in vielen Untersuchungen hinsichtlich Blutzuckerparametern und metabolischer Kontrolle mediterrane Ernährungsmuster besser ab.
Carette machte außerdem deutlich, dass die wissenschaftliche Diskussion oft Idealformen von Diäten betrachtee, während die eigentliche Hürde meist im Alltag liege: Die langfristige Adhärenz sei bei nahezu allen restriktiven Ernährungsformen schlecht; hohe Abbruchraten seien in Studien ein wiederkehrendes Problem.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Atkins-Diät, die häufig mit einer deutlich reduzierten Ballaststoffzufuhr einhergeht. Das könnte langfristig mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Zusammenhang stehen.
Intermittierendes Fasten: Bei Übergewicht keine Vorteile in großen Studien
Auch das intermittierende Fasten wurde auf dem Kongress eher kritisch eingeordnet. Das Konzept zielt darauf ab, das tägliche Zeitfenster für die Nahrungsaufnahme zu verkürzen. Allerdings existieren dafür sehr unterschiedliche Varianten und Protokolle, was die Studienlage zusätzlich schwer vergleichbar macht.
Für Menschen mit Übergewicht oder Adipositas zeigen große Studien, unter anderem veröffentlicht in JAMA Internal Medicine und im NEJM, keinen klaren Vorteil – weder beim Gewichtsverlust noch bei wichtigen metabolischen Parametern.
Bei Menschen mit Diabetes könnten sich dagegen durchaus kardiometabolische Verbesserungen abzeichnen, etwa bei bestimmten Risikomarkern oder sogar bei der linksventrikulären Auswurffraktion. Carette mahnte jedoch zur Vorsicht: Viele dieser Ergebnisse basieren auf Studien mit kurzer Laufzeit und mit vergleichsweise kleinen Teilnehmerzahlen, sodass ihre Aussagekraft begrenzt bleibt. Belastbare Langzeitdaten fehlen.
Einen breiteren Überblick liefert ein im NEJM publizierter Review, der insgesamt vor allem 2 Ernährungsmuster bewertte werden: Die mediterrane Ernährung weist die robusteste Evidenz für positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit auf, während die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) vor allem in der Behandlung des Bluthochdrucks gut untersucht wurde. Carette erinnerte auch daran, dass restriktive Ernährungsformen grundsätzlich Risiken bergen, etwa ein erhöhtes Auftreten von Essstörungen oder ein problematischem Essverhalten.
Zucker bleibt Zucker: Entscheidend ist die Menge – nicht die Moral
Zum Abschluss der Session richtete Dr. Kévin Seyssel, Ernährungsberater aus Corbas bei Lyon, den Blick auf die oft emotional und moralisierend geführte Social-Media-Debatte rund um Zucker. Formate wie „No sugar challenge“ oder die Darstellung von Zucker als regelrechter „Teufel“ seien aus seiner Sicht vor allem populistisch – und wissenschaftlich meist viel zu grob vereinfachend. Statt dramatischer Botschaften plädierte Seyssel daher für einen pragmatischen Umgang und eine Orientierung an etablierten, evidenzbasierten Empfehlungen.
Als Maßstab nannte er unter anderem die Leitlinien der WHO: Bei einer täglichen Energiezufuhr von 2.000 Kilokalorien sollte die Zuckeraufnahme 50 g pro Tag nicht überschreiten. Und die französischen Behörde ANSES (Agence nationale de sécurité sanitaire de l'alimentation, de l'environnement et du travail) rät, täglich rund 30 g Ballaststoffe aufzunehmen.
Jenseits dieser vergleichsweise moderaten Orientierungswerte sei eine gewisse Skepsis gegenüber Panik machenden Botschaften angebracht, insbesondere, wenn sie mit Schuldzuweisungen arbeiteten und mehr moralischen Druck erzeugten als wissenschaftlich fundierte Orientierung zu bieten, gab Seyssel zu bedenken.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/ern%C3%A4hrungstrends-dem-pr%C3%BCfstand-was-bringen-omega-3-2026a100024i?ecd=WNL_mdplsfeat_260129_mscpedit_de_etid8065251&uac=389796AZ&impID=8065251
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Mittwoch, 21. Januar 2026
KI-Modell erkennt 130 Krankheiten am Schlafmuster, darunter Herzinfarkt und Demenz – nach nur einer Nacht
che2001, 16:28h
Doris Maugg via Medscape
21. Januar 2026
Ein Vorteil künstlicher Intelligenz (KI) ist die Fähigkeit, in Sekundenschnelle entscheidende Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Ein KI-Modell, das mit Polysomnographie (PSG)-Daten zum Schlaf und Gesundheitsdaten von Personen trainiert wurde, konnte nun anhand der Schlafmuster von nur einer Nacht mit einer Genauigkeit von bis zu 90% Erkrankungen wie Demenz, Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall und die Gesamtsterblichkeit vorhersagen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in Nature Medicine publiziert .
Die Forschenden um Rahul Thapa, Doktorand an der Stanford University, Kalifornien, USA, nutzten die PSG-Daten von 65.000 Teilnehmenden mit insgesamt fast 600.000 Stunden Schlaf, um ihr KI-Modell „SleepFM“ zu trainieren.
PSG sei der „Goldstandard“, um Patienten im Schlaf zu überwachen, so die Autoren. Mit PSG werden Daten zur Gehirn- und Herzaktivität, Atemmuster sowie Bewegungen von Beinen und Augen im Schlaf aufwendig analysiert.
„Wir zeichnen eine erstaunliche Anzahl von Signalen auf, wenn wir den Schlaf untersuchen“, sagt Prof. Dr. Emmanuel Mignot, Schlafmediziner an der Stanford University und Co-Seniorautor der Studie, in einer Pressmitteilung. „Es handelt sich um eine Art allgemeine Physiologie, die wir 8 Stunden lang bei einer Person untersuchen... Das liefert sehr viele Daten.“
Durch die Verknüpfung der trainierten PSG-Daten mit Langzeit-Gesundheitsdaten von Patienten der Schlafklinik in Stanford konnte SleepFM mit einer Genauigkeit zwischen 80 bis 90 % das Eintreten einer Erkrankung wie Parkinson, Demenz, Herzinfarkt oder Prostatakrebs vorhersagen.
In dieser Studie sei zum ersten Mal eine derart große Datenmenge zum Schlaf ausgewertet worden, erklärt der Schlafmediziner. Den Forschenden sei es gelungen, die PSG-Daten zu Elektroenzephalographie, Elektrokardiographie, Elektromyographie, Pulsmessung und Atemluftstrom zu integrieren und eine genaue Vorhersage zu verschiedenen Erkrankungen abzuleiten.
Follow-up bis zu 25 Jahre
Das KI-Modell „SleepFM“ ist ein sogenanntes Foundation Modell, das in der Lage ist, sich anhand großer Datenmengen selbst zu trainieren und das Gelernte auf verschiedenste Bereiche anzuwenden. ChatGPT ist ebenfalls ein solches Foundation Modell.
Die Forschenden verwendeten zum Training von SleepFM 585.000 PSG-Stunden von Patienten, die in verschiedenen Schlafkliniken behandelt wurden. Die Schlafdaten wurden in Schritte von 5 Sekunden unterteilt, vergleichbar mit Wörtern, mit denen große Sprachmodelle trainiert werden.
Und noch eine Besonderheit bauten die Forschenden bei diesem KI-Training ein – das sogenannte „kontrastive Lernen mit Auslassungen“: Sie entfernten gezielt einzelne Daten-Aspekte, die die KI anhand des Gelernten rekonstruieren musste. Auf diese Weise konnten die Forschenden verschiedene Datenmodalitäten harmonisieren, was vergleichbar damit sei „die gleiche Sprache zu lernen“, erklären die Autoren.
Um mögliche Erkrankungen bei den Teilnehmenden vorherzusagen, wurden die PSG-Schlafdaten mit den Langzeit-Gesundheitsdaten der Teilnehmenden verknüpft.
Den Forschenden standen dazu die Gesundheitsdaten des Standford Sleep Medical Center von über 35.000 Personen in einem Alter zwischen 2 und 96 Jahren zur Verfügung, deren PSG-Daten in dem Zeitraum von 1999 bis 2024 aufgezeichnet worden waren. Das Follow-up betrug zum Teil 25 Jahre.
Vorhersage-Fähigkeit bis zu 90 Prozent
Bei der Auswertung von über 1.000 Krankheitskategorien konnten sie 130 Krankheiten anhand der Schlafdaten der Patienten mit hoher Genauigkeit vorhersagen.
Besonders aussagekräftig waren die Vorhersagen des Modells für Krebserkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen, Kreislaufbeschwerden und psychische Störungen mit einem C-Index von über 0,8.
Mit Hilfe des C-Index (Konkordanzindex) wird die Vorhersageleistung eines Modells bewertet, insbesondere seine Fähigkeit, vorherzusagen, welche von 2 Personen in einer Gruppe ein Ereignis wie beispielsweise einen Herzinfarkt zuerst erleben wird. Ein C-Index von 0,8 entspricht einer 80 %igen Übereinstimmung der Vorhersage des Modells mit dem Zustand einer Person, der tatsächlich eingetretenen ist.
Mit den PSG-Daten aus nur einer Nacht konnte SleepFM 130 Erkrankungen mit einem C-Index von mindestens 0,75 vorhersagen (p-Wert < 0,01).
Darunter waren u.a.:
• Morbus Parkinson 0,89
• Demenz 0,85
• hypertensive Herzkrankheit 0,84
• Herzinfarkt 0,81
• Prostatakrebs 0,89
• Brustkrebs 0,87
• Tod 0,84
• chronische Nierenerkrankung 0,79
• Schlaganfall 0,78
• Vorhofflimmern 0,78
KI-Schlaf-Modelle für Monitoring und Risikostratifizierung nutzen
Modelle mit einem geringeren C-Index von 0,7 werden bereits erfolgreich in der Klinik eingesetzt, um das Therapieansprechen einer Krebserkrankung vorherzusagen. Dieses schlafbasierte KI-Modell könne zur Risikostratifizierung und Langzeit-Gesundheitsüberwachung von Patienten genutzt werden, schreiben die Autoren um Thapa.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass ihre Studienkohorte einem Selektionsbias unterliegt, da es sich um Patienten einer Schlafklinik handelte, die sie aufgrund von Schlafauffälligkeiten aufgesucht hätten. Deshalb seien die Ergebnisse nicht repräsentativ und nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar.
„Die meisten Informationen für die Vorhersage von Krankheiten erhielten wir durch den Vergleich der verschiedenen Ebenen. Körperfunktionen, die nicht synchron waren – beispielsweise ein Gehirn, das schläft, aber ein Herz, das wach ist – schienen Probleme anzukündigen,“ erklärt Mignot. Sie planen weitere Gesundheitsdaten, die beispielsweise mit Smart Watches gesammelt werden, in das Modell zu integrieren
21. Januar 2026
Ein Vorteil künstlicher Intelligenz (KI) ist die Fähigkeit, in Sekundenschnelle entscheidende Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Ein KI-Modell, das mit Polysomnographie (PSG)-Daten zum Schlaf und Gesundheitsdaten von Personen trainiert wurde, konnte nun anhand der Schlafmuster von nur einer Nacht mit einer Genauigkeit von bis zu 90% Erkrankungen wie Demenz, Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall und die Gesamtsterblichkeit vorhersagen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in Nature Medicine publiziert .
Die Forschenden um Rahul Thapa, Doktorand an der Stanford University, Kalifornien, USA, nutzten die PSG-Daten von 65.000 Teilnehmenden mit insgesamt fast 600.000 Stunden Schlaf, um ihr KI-Modell „SleepFM“ zu trainieren.
PSG sei der „Goldstandard“, um Patienten im Schlaf zu überwachen, so die Autoren. Mit PSG werden Daten zur Gehirn- und Herzaktivität, Atemmuster sowie Bewegungen von Beinen und Augen im Schlaf aufwendig analysiert.
„Wir zeichnen eine erstaunliche Anzahl von Signalen auf, wenn wir den Schlaf untersuchen“, sagt Prof. Dr. Emmanuel Mignot, Schlafmediziner an der Stanford University und Co-Seniorautor der Studie, in einer Pressmitteilung. „Es handelt sich um eine Art allgemeine Physiologie, die wir 8 Stunden lang bei einer Person untersuchen... Das liefert sehr viele Daten.“
Durch die Verknüpfung der trainierten PSG-Daten mit Langzeit-Gesundheitsdaten von Patienten der Schlafklinik in Stanford konnte SleepFM mit einer Genauigkeit zwischen 80 bis 90 % das Eintreten einer Erkrankung wie Parkinson, Demenz, Herzinfarkt oder Prostatakrebs vorhersagen.
In dieser Studie sei zum ersten Mal eine derart große Datenmenge zum Schlaf ausgewertet worden, erklärt der Schlafmediziner. Den Forschenden sei es gelungen, die PSG-Daten zu Elektroenzephalographie, Elektrokardiographie, Elektromyographie, Pulsmessung und Atemluftstrom zu integrieren und eine genaue Vorhersage zu verschiedenen Erkrankungen abzuleiten.
Follow-up bis zu 25 Jahre
Das KI-Modell „SleepFM“ ist ein sogenanntes Foundation Modell, das in der Lage ist, sich anhand großer Datenmengen selbst zu trainieren und das Gelernte auf verschiedenste Bereiche anzuwenden. ChatGPT ist ebenfalls ein solches Foundation Modell.
Die Forschenden verwendeten zum Training von SleepFM 585.000 PSG-Stunden von Patienten, die in verschiedenen Schlafkliniken behandelt wurden. Die Schlafdaten wurden in Schritte von 5 Sekunden unterteilt, vergleichbar mit Wörtern, mit denen große Sprachmodelle trainiert werden.
Und noch eine Besonderheit bauten die Forschenden bei diesem KI-Training ein – das sogenannte „kontrastive Lernen mit Auslassungen“: Sie entfernten gezielt einzelne Daten-Aspekte, die die KI anhand des Gelernten rekonstruieren musste. Auf diese Weise konnten die Forschenden verschiedene Datenmodalitäten harmonisieren, was vergleichbar damit sei „die gleiche Sprache zu lernen“, erklären die Autoren.
Um mögliche Erkrankungen bei den Teilnehmenden vorherzusagen, wurden die PSG-Schlafdaten mit den Langzeit-Gesundheitsdaten der Teilnehmenden verknüpft.
Den Forschenden standen dazu die Gesundheitsdaten des Standford Sleep Medical Center von über 35.000 Personen in einem Alter zwischen 2 und 96 Jahren zur Verfügung, deren PSG-Daten in dem Zeitraum von 1999 bis 2024 aufgezeichnet worden waren. Das Follow-up betrug zum Teil 25 Jahre.
Vorhersage-Fähigkeit bis zu 90 Prozent
Bei der Auswertung von über 1.000 Krankheitskategorien konnten sie 130 Krankheiten anhand der Schlafdaten der Patienten mit hoher Genauigkeit vorhersagen.
Besonders aussagekräftig waren die Vorhersagen des Modells für Krebserkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen, Kreislaufbeschwerden und psychische Störungen mit einem C-Index von über 0,8.
Mit Hilfe des C-Index (Konkordanzindex) wird die Vorhersageleistung eines Modells bewertet, insbesondere seine Fähigkeit, vorherzusagen, welche von 2 Personen in einer Gruppe ein Ereignis wie beispielsweise einen Herzinfarkt zuerst erleben wird. Ein C-Index von 0,8 entspricht einer 80 %igen Übereinstimmung der Vorhersage des Modells mit dem Zustand einer Person, der tatsächlich eingetretenen ist.
Mit den PSG-Daten aus nur einer Nacht konnte SleepFM 130 Erkrankungen mit einem C-Index von mindestens 0,75 vorhersagen (p-Wert < 0,01).
Darunter waren u.a.:
• Morbus Parkinson 0,89
• Demenz 0,85
• hypertensive Herzkrankheit 0,84
• Herzinfarkt 0,81
• Prostatakrebs 0,89
• Brustkrebs 0,87
• Tod 0,84
• chronische Nierenerkrankung 0,79
• Schlaganfall 0,78
• Vorhofflimmern 0,78
KI-Schlaf-Modelle für Monitoring und Risikostratifizierung nutzen
Modelle mit einem geringeren C-Index von 0,7 werden bereits erfolgreich in der Klinik eingesetzt, um das Therapieansprechen einer Krebserkrankung vorherzusagen. Dieses schlafbasierte KI-Modell könne zur Risikostratifizierung und Langzeit-Gesundheitsüberwachung von Patienten genutzt werden, schreiben die Autoren um Thapa.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass ihre Studienkohorte einem Selektionsbias unterliegt, da es sich um Patienten einer Schlafklinik handelte, die sie aufgrund von Schlafauffälligkeiten aufgesucht hätten. Deshalb seien die Ergebnisse nicht repräsentativ und nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar.
„Die meisten Informationen für die Vorhersage von Krankheiten erhielten wir durch den Vergleich der verschiedenen Ebenen. Körperfunktionen, die nicht synchron waren – beispielsweise ein Gehirn, das schläft, aber ein Herz, das wach ist – schienen Probleme anzukündigen,“ erklärt Mignot. Sie planen weitere Gesundheitsdaten, die beispielsweise mit Smart Watches gesammelt werden, in das Modell zu integrieren
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Donnerstag, 15. Januar 2026
Faktencheck Omega-3-Fettsäuren – für wen sind sie sinnvoll?
che2001, 16:27h
Evidenz, Indikationen und Grenzen einer Supplementation
Michael van den Heuvel, Medscape
15. Januar 2026
Omega-3-Fettsäuren in Form von Nahrungsergänzungsmitteln sind nicht automatisch für jede Person sinnvoll. Zwar ist ihr gesundheitlicher Nutzen bei verschiedenen Erkrankungen wissenschaftlich gut belegt – allerdings zeigt sich dieser Effekt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Entscheidend sind dabei vor allem eine ausreichend hohe Dosierung sowie der Einsatz als Ergänzung zu einer bereits etablierten Standardtherapie.
Für Menschen ohne Erkrankung, die Omega-3 lediglich zur allgemeinen Gesundheitsprävention einnehmen möchten, ist die Studienlage bislang nicht überzeugend genug, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.
Keine Einzelsubstanz, sondern eine heterogene Stoffgruppe
Mittlerweile zählen Omega-3-Fettsäuren zu den am besten untersuchten bioaktiven Lipiden der Ernährungs- und Präventivmedizin. Dabei handelt es sich um keine einzelne Substanz, sondern um eine Gruppe strukturell verwandter mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Sie alle haben ihre 1. Doppelbindung – vom Methylende (ω-Ende) aus gezählt – am 3. Kohlenstoffatom. Diese chemische Definition erklärt den Namen.
Für Menschen sind vor allem 3 Omega-3-Fettsäuren wichtig: die kurzkettige α-Linolensäure (ALA) sowie die langkettigen marinen Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). ALA kommt überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinöl, Rapsöl oder Walnüssen vor, während EPA und DHA fast ausschließlich in fettreichen Meeresfischen und Mikroalgen zu finden sind.
ALA gilt als essenziell, da sie vom menschlichen Organismus nicht synthetisiert werden kann. EPA und DHA können theoretisch aus ALA gebildet werden. Nur geschieht diese Umwandlung beim Menschen in geringem Umfang: Weniger als 5% der aufgenommenen ALA wird zu EPA und weniger als 1% zu DHA konvertiert. Aus physiologischer Sicht gelten EPA und DHA als bedingt essenziell, da eine ausreichende Versorgung über die Ernährung allein häufig nicht erreicht wird.
Ernährung und Versorgung
Die European Food Safety Authority (EFSA) empfiehlt eine Zufuhr von mindestens 250 mg EPA + DHA pro Tag. Dieser Wert bezieht sich jedoch auf die Ernährung und nicht auf die pharmakologische Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.
In westlichen Industrienationen liegt die Zufuhr mariner Omega-3-Fettsäuren häufig unter den empfohlenen Werten. Dennoch gilt: Eine niedrige Aufnahme allein ist kein Beweis für einen behandlungsbedürftigen Mangel. Fachgesellschaften sprechen sich gegen die generelle Supplementierung aus.
Kardiologie: belegter Nutzen – aber nur in klaren Settings
Studien zur Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel zur Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Unterschiedliche Dosierungen und Darreichungsformen in Studien erschwerten die Interpretation.
Zur Bewertung ist die REDUCE-IT-Studie wichtig: Bei Hochrisikopatienten mit Hypertriglyzeridämie trotz Statintherapie hat die Gabe von 4 g Icosapent-Ethyl (hochreines EPA) täglich die Zahl schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 25% verringert. Neuere Analysen bestätigen, dass der Nutzen von Icosapent-Ethyl über verschiedene LDL-C-Ausgangsbereiche hinweg konsistent bleibt.
Was steckt dahinter? Forscher haben zumindest in Tiermodellen gezeigt, dass Icosapent-Ethyl eine ausgeprägte hemmende Wirkung auf die Blutplättchenfunktion besitzt. Dieser Effekt wird über die Cyclooxygenase-1 (COX-1) in Thrombozyten vermittelt. Er könnte erklären, warum IPE in klinischen Studien mit einer Reduktion des kardiovaskulären Risikos assoziiert ist.
Omega-3-Fettsäuren können etablierte Therapien wie Statine, Blutdruckmedikamente oder die Thrombozytenhemmung aber nicht ersetzen, sondern kommen – wenn überhaupt – als Ergänzung zum Einsatz. Gerade bei höheren Dosierungen ist auch eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken erforderlich. So zeigt eine Metaanalyse ein geringfügig erhöhtes Blutungsrisiko bei der Einnahme hochdosierter, gereinigter EPA-Präparate. Darüber hinaus diskutieren Forscher einen dosisabhängigen Anstieg des Risikos für Vorhofflimmern unter Omega-3-Supplementen.
Rheumatologie: Möglicher Benefit als Add-on
In der Rheumatologie ist der Nutzen von Omega-3-Fettsäuren vor allem als ergänzende Maßnahme zur Modulation entzündlicher Prozesse plausibel. Eine Metaanalyse bei Patienten mit rheumatoider Arthritis deutet darauf hin, dass eine Omega-3-Supplementierung Entzündungsparameter, die Krankheitsaktivität sowie bestimmte Lipidmarker günstig beeinflusst. Allerdings ist die Aussagekraft der Daten durch eine hohe Heterogenität der Studien eingeschränkt, insbesondere im Hinblick auf Dosierung, Behandlungsdauer und gewählte Endpunkte.
Medizinisch ist die Abgrenzung eindeutig: Omega-3-Fettsäuren sind in der Rheumatologie keine krankheitsmodifizierenden Medikamente. Sie können weder strukturelle Gelenkschäden verhindern noch etablierte Therapien wie Methotrexat oder Biologika ersetzen.
Forschung: Neurologie im Fokus
Jenseits der Rheumatologie und der Kardiologie rücken Indikationen aus der Neurologie und Psychiatrie in den Fokus. Bei Depression deuten die verfügbaren Daten auf statistisch signifikante, insgesamt jedoch eher moderate Effekte hin, wobei eine Dosis-Wirkungs-Beziehung diskutiert wird.
Für kognitive Endpunkte wiederum zeigen neuere Analysen, dass die Ergebnisse stark von der untersuchten Population, dem jeweiligen Ausgangsstatus und der eingesetzten Dosierung abhängen. Ein verlässlicher und klinisch relevanter Nutzen für alle Personen lässt sich daraus bislang nicht ableiten.
Fazit für die Praxis: Evidenz mit Grenzen
Die Daten zeigen: Omega-3-Fettsäuren sind weder Allheilmittel noch grundsätzlich entbehrlich. Der klinische Nutzen ist indikationsabhängig – am überzeugendsten bei Hypertriglyzeridämie/Hochrisiko (insbesondere hochreines EPA) und adjuvant bei entzündlichen Beschwerden (z. B. RA). Gleichzeitig müssen unerwünschte Effekte in die Nutzen-Risiko-Abwägung einfließen.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/omega-3-fettsaeuren-supplementation-chancen-grenzen-2025a10010gg?ecd=WNL_mdplsfeat_260115_mscpedit_de_etid8030095&uac=389796AZ&impID=8030095
Michael van den Heuvel, Medscape
15. Januar 2026
Omega-3-Fettsäuren in Form von Nahrungsergänzungsmitteln sind nicht automatisch für jede Person sinnvoll. Zwar ist ihr gesundheitlicher Nutzen bei verschiedenen Erkrankungen wissenschaftlich gut belegt – allerdings zeigt sich dieser Effekt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Entscheidend sind dabei vor allem eine ausreichend hohe Dosierung sowie der Einsatz als Ergänzung zu einer bereits etablierten Standardtherapie.
Für Menschen ohne Erkrankung, die Omega-3 lediglich zur allgemeinen Gesundheitsprävention einnehmen möchten, ist die Studienlage bislang nicht überzeugend genug, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.
Keine Einzelsubstanz, sondern eine heterogene Stoffgruppe
Mittlerweile zählen Omega-3-Fettsäuren zu den am besten untersuchten bioaktiven Lipiden der Ernährungs- und Präventivmedizin. Dabei handelt es sich um keine einzelne Substanz, sondern um eine Gruppe strukturell verwandter mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Sie alle haben ihre 1. Doppelbindung – vom Methylende (ω-Ende) aus gezählt – am 3. Kohlenstoffatom. Diese chemische Definition erklärt den Namen.
Für Menschen sind vor allem 3 Omega-3-Fettsäuren wichtig: die kurzkettige α-Linolensäure (ALA) sowie die langkettigen marinen Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). ALA kommt überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln wie Leinöl, Rapsöl oder Walnüssen vor, während EPA und DHA fast ausschließlich in fettreichen Meeresfischen und Mikroalgen zu finden sind.
ALA gilt als essenziell, da sie vom menschlichen Organismus nicht synthetisiert werden kann. EPA und DHA können theoretisch aus ALA gebildet werden. Nur geschieht diese Umwandlung beim Menschen in geringem Umfang: Weniger als 5% der aufgenommenen ALA wird zu EPA und weniger als 1% zu DHA konvertiert. Aus physiologischer Sicht gelten EPA und DHA als bedingt essenziell, da eine ausreichende Versorgung über die Ernährung allein häufig nicht erreicht wird.
Ernährung und Versorgung
Die European Food Safety Authority (EFSA) empfiehlt eine Zufuhr von mindestens 250 mg EPA + DHA pro Tag. Dieser Wert bezieht sich jedoch auf die Ernährung und nicht auf die pharmakologische Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.
In westlichen Industrienationen liegt die Zufuhr mariner Omega-3-Fettsäuren häufig unter den empfohlenen Werten. Dennoch gilt: Eine niedrige Aufnahme allein ist kein Beweis für einen behandlungsbedürftigen Mangel. Fachgesellschaften sprechen sich gegen die generelle Supplementierung aus.
Kardiologie: belegter Nutzen – aber nur in klaren Settings
Studien zur Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel zur Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Unterschiedliche Dosierungen und Darreichungsformen in Studien erschwerten die Interpretation.
Zur Bewertung ist die REDUCE-IT-Studie wichtig: Bei Hochrisikopatienten mit Hypertriglyzeridämie trotz Statintherapie hat die Gabe von 4 g Icosapent-Ethyl (hochreines EPA) täglich die Zahl schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 25% verringert. Neuere Analysen bestätigen, dass der Nutzen von Icosapent-Ethyl über verschiedene LDL-C-Ausgangsbereiche hinweg konsistent bleibt.
Was steckt dahinter? Forscher haben zumindest in Tiermodellen gezeigt, dass Icosapent-Ethyl eine ausgeprägte hemmende Wirkung auf die Blutplättchenfunktion besitzt. Dieser Effekt wird über die Cyclooxygenase-1 (COX-1) in Thrombozyten vermittelt. Er könnte erklären, warum IPE in klinischen Studien mit einer Reduktion des kardiovaskulären Risikos assoziiert ist.
Omega-3-Fettsäuren können etablierte Therapien wie Statine, Blutdruckmedikamente oder die Thrombozytenhemmung aber nicht ersetzen, sondern kommen – wenn überhaupt – als Ergänzung zum Einsatz. Gerade bei höheren Dosierungen ist auch eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken erforderlich. So zeigt eine Metaanalyse ein geringfügig erhöhtes Blutungsrisiko bei der Einnahme hochdosierter, gereinigter EPA-Präparate. Darüber hinaus diskutieren Forscher einen dosisabhängigen Anstieg des Risikos für Vorhofflimmern unter Omega-3-Supplementen.
Rheumatologie: Möglicher Benefit als Add-on
In der Rheumatologie ist der Nutzen von Omega-3-Fettsäuren vor allem als ergänzende Maßnahme zur Modulation entzündlicher Prozesse plausibel. Eine Metaanalyse bei Patienten mit rheumatoider Arthritis deutet darauf hin, dass eine Omega-3-Supplementierung Entzündungsparameter, die Krankheitsaktivität sowie bestimmte Lipidmarker günstig beeinflusst. Allerdings ist die Aussagekraft der Daten durch eine hohe Heterogenität der Studien eingeschränkt, insbesondere im Hinblick auf Dosierung, Behandlungsdauer und gewählte Endpunkte.
Medizinisch ist die Abgrenzung eindeutig: Omega-3-Fettsäuren sind in der Rheumatologie keine krankheitsmodifizierenden Medikamente. Sie können weder strukturelle Gelenkschäden verhindern noch etablierte Therapien wie Methotrexat oder Biologika ersetzen.
Forschung: Neurologie im Fokus
Jenseits der Rheumatologie und der Kardiologie rücken Indikationen aus der Neurologie und Psychiatrie in den Fokus. Bei Depression deuten die verfügbaren Daten auf statistisch signifikante, insgesamt jedoch eher moderate Effekte hin, wobei eine Dosis-Wirkungs-Beziehung diskutiert wird.
Für kognitive Endpunkte wiederum zeigen neuere Analysen, dass die Ergebnisse stark von der untersuchten Population, dem jeweiligen Ausgangsstatus und der eingesetzten Dosierung abhängen. Ein verlässlicher und klinisch relevanter Nutzen für alle Personen lässt sich daraus bislang nicht ableiten.
Fazit für die Praxis: Evidenz mit Grenzen
Die Daten zeigen: Omega-3-Fettsäuren sind weder Allheilmittel noch grundsätzlich entbehrlich. Der klinische Nutzen ist indikationsabhängig – am überzeugendsten bei Hypertriglyzeridämie/Hochrisiko (insbesondere hochreines EPA) und adjuvant bei entzündlichen Beschwerden (z. B. RA). Gleichzeitig müssen unerwünschte Effekte in die Nutzen-Risiko-Abwägung einfließen.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/omega-3-fettsaeuren-supplementation-chancen-grenzen-2025a10010gg?ecd=WNL_mdplsfeat_260115_mscpedit_de_etid8030095&uac=389796AZ&impID=8030095
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