Mittwoch, 3. Juni 2026
„Etwas in mir ist zerbrochen“: Engagierte Ärzte kehren der Medizin den Rücken – nur warum?
che2001, 17:00h
Von Cassie Shortsleeve
03. Juni 2026
Der Arztberuf gilt als immer noch Berufung – doch viele Mediziner kehren der direkten Patientenversorgung den Rücken. 3 Ärzte berichten von Demütigungen, Burnout, Bürokratie und moralischen Konflikten. Sie erklären, warum sie die Medizin verlassen haben und was sich ändern müsste, um dem Trend entgegenzuwirken.
Demütigungen und Schikanen im OP
Zunächst waren es die ständigen persönlichen Beleidigungen. Dann folgte eine Phase, in der nahezu der gesamte Jahrgang ihres 2. Weiterbildungsjahres entweder entlassen oder zurückgestuft wurde.
Frances Mei Hardin
Die Folge: Statt wie üblich jede 5. Nacht Bereitschaftsdienst zu haben, musste Frances Mei Hardin nun jede 3. Nacht arbeiten – ohne Aussicht auf Entlastung. Hinzu kam ein Chefarzt, der einen jungen Assistenzarzt in einem überfüllten Aufzug anschrie, er sei „verdammt hässlich“ und solle sich zur Wand drehen. Der Assistenzarzt gehorchte.
Im 4. Jahr ihrer Facharztausbildung war für sie der Punkt erreicht, an dem sie jede Begeisterung für die Chirurgie verloren hatte. „Mir wurde jede Liebe zur Arbeit als Chirurgin ausgetrieben“, erinnert sie sich.
Besonders prägend war ein Vorfall während einer Neck-Dissection (Halslymphknotenausräumung). Ein Oberarzt begann, sie wegen ihrer vermeintlich mangelnden Erfahrung vor dem versammelten Team zu kritisieren. Er warf ihr vor, nicht ausreichend gelernt zu haben, und machte sich über ihre Antworten lustig. Nach rund 20 Minuten der Schikane, die Hardin als das in Operationssälen weit verbreitete Zusammenspiel aus Ausfragen, Demütigen und Schikanieren beschreibt, verließ sie die 8-stündige Operation. „An diesem Tag ist etwas in mir zerbrochen“, sagt sie rückblickend.
Weinend zog sich Hardin auf die Toilette zurück und rief eine gute Freundin an, die ebenfalls in der Facharztausbildung war. Deren Reaktion überraschte sie nicht: Solche Situationen hatte sie selbst schon mehrfach erlebt. Ihr Rat lautete, sich zu sammeln und wieder in den OP zurückzukehren. Doch Hardin tat das nicht.
PTBS in der Facharztausbildung
Hardin entwickelte eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und litt unter Suizidgedanken. „In der Kultur der chirurgischen Weiterbildung ist es praktisch unmöglich, über solche Erfahrungen offen zu sprechen“, sagt sie. „Wenn so etwas einem von uns passiert, fühlt es sich katastrophal an. Es fühlt sich an, als hätte man versagt. Aber nichts davon trifft zu.“
Im vergangenen Jahr gab Hardin ihren Beruf als Chirurgin auf. Zuvor hatte sie ihre Facharztausbildung abgeschlossen und mehrere Jahre in einer privaten Praxis im ländlichen Süden der USA gearbeitet. Damit gehört sie zu den geschätzten 86.000 Ärztinnen und Ärzten, die bis zum Jahr 2036 der Medizin US-weit den Rücken kehren werden.
Zahlen aus Deutschland
Statistiken zur Situation in Deutschland gibt es zwar nicht, eine Abschätzung ist aber möglich.
Ende des Jahres 2024 waren bei der Bundesärztekammer rund 581.000 Ärzte registriert. Von ihnen gingen etwa 437.000 einer ärztlichen Tätigkeit nach, während rund 140.000 ihren Beruf nicht aktiv ausgeübt haben. Der überwiegende Teil war sich im Ruhestand. So entfielen etwa 104.000 Personen beziehungsweise 72% dieser Gruppe auf Ruheständler. Weitere rund 2.700 Ärzte galten krankheitsbedingt als berufsunfähig.
Zieht man diese beiden Gruppen ab, verbleiben schätzungsweise 33.000 bis 37.000 approbierte Ärzte, die weder ärztlich tätig noch im Ruhestand oder berufsunfähig sind. Viele von ihnen arbeiten weiterhin im Gesundheitswesen, allerdings außerhalb der direkten Patientenversorgung.
Wissenschaftliche Arbeiten bestätigen den Trend
Die Diskussion über Ärzte, die ihren Beruf verlassen, ist nicht neu. Verschiedene Daten deuten jedoch darauf hin, dass sich dieser Trend keineswegs abschwächt. Eine im Jahr 2025 in den Annals of Internal Medicineveröffentlichte Studie, die mehr als 700.000 Ärzte erfasste, zeigte, dass der Anteil aller Mediziner, die nicht mehr in der direkten Patientenversorgung tätig sind, zwischen den Jahren 2013 und 2019 von 3,5% auf 4,9% angestiegen ist. Und das noch vor Beginn der COVID-19-Pandemie.
Zu dieser Entwicklung dürften auch die hohen Burnout-Raten unter Ärzten beitragen. Eine im März 2026 in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung hat ergeben, dass Ärzte mit Burnout nahezu eineinhalbmal häufiger die klinische Tätigkeit verlassen als ihre Kollegen ohne entsprechende Belastung.
Jeder betroffene Arzt hat seine eigene Geschichte – und der Begriff „Burnout“ dient oft als Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Erfahrungen. Spricht man jedoch mit einigen der Betroffenen, treten immer wieder ähnliche Muster zutage.
Akademische Karriere oder Privatpraxis: Alternativen sind rar
Anthony Chin-Quee
Anthony Chin-Quee, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, hat die Medizin im Jahr 2019 verlassen. Im Gespräch mit Medscape erzählt er, dass ihn das gesamte System bereits während seiner Ausbildung eingeengt hat. In seinen Augen schien es nur 2 akzeptierte Karrierewege zu geben: eine akademische Laufbahn oder die Tätigkeit in einer Privatpraxis.
Für Chin-Quee waren die Einschränkungen jedoch nicht nur beruflicher Natur, sondern auch zutiefst persönlich. „Ich bin schwarz, und das spielt eine große Rolle – besonders in der Medizin. Wenn man dann noch in die Chirurgie und anschließend in eine chirurgische Subspezialisierung geht, gibt es dort nur sehr wenige Menschen wie mich. Da ist man schnell isoliert“, sagt er.
Außerdem hatte Chin-Quee das Gefühl, dass für ihn andere Maßstäbe galten als für viele seiner Kollegen. Fehler, die bei anderen toleriert wurden, schienen bei ihm deutlich kritischer bewertet zu werden.
Auch die eigene Persönlichkeit passte aus seiner Sicht nicht in das Bild des typischen, stets kontrollierten und formellen Chirurgen. „Ich habe gerne Spaß, ich mache Witze, ich singe gerne und ich gehe locker und herzlich mit meinen Patienten um“, sagt er. Genau diese Eigenschaften haben ihn jedoch häufig zum Außenseiter gemacht.
Kollegen verbreiten Gerüchte
Doch damit nicht genug: Als ein Oberarzt erfuhr, dass Chin-Quee in seiner Freizeit den Roman The Hunger Games las, verbreitete sich hinter vorgehaltener Hand das Gerücht, er nehme die Chirurgie nicht ernst genug. Nach seiner Wahrnehmung änderte sich daraufhin auch die Haltung seiner Vorgesetzten ihm gegenüber – eine Entwicklung, die er direkt mit diesen Gerüchten in Verbindung bringt.
Mit der Zeit gewann Chin-Quee den Eindruck, dass er sein offenes Wesen verstecken müsse, um in der Medizin zu bestehen. In seiner schwierigsten Phase litt er an Depressionen und begann, berufliche Probleme zunehmend zu verinnerlichen. „Und wenn die Leistung nicht stimmt, hat man irgendwann das Gefühl, selbst nichts wert zu sein“, erinnert er sich.
Im Jahr 2019 zog Chin-Quee schließlich die Konsequenzen. Er gab seine Tätigkeit als Chirurg in Los Angeles auf – zunächst ohne eine neue berufliche Perspektive.
Die moralischen Zweifel wachsen
Mel Thacker
Medscape hat auch mit Mel Thacker gesprochen. Sie war lange davon überzeugt, bis zu ihrem Ruhestand in der von ihr mitgeführten Gemeinschaftspraxis in Massachusetts zu arbeiten. In der ausschließlich von Frauen geführte Praxis waren 3 Partnerinnen. Thacker gehörte zu den treibenden Kräften des Teams. „Ich wollte seit meinem 13. Lebensjahr Ärztin werden, und ich habe mir diesen Traum erfüllt. Aber es ist eben nicht wie im Märchen“, sagt sie.
Obwohl Thacker über ein Maß an beruflicher Selbstbestimmung verfügte, von dem viele Ärzte nur träumen können, nagten moralische Zweifel immer stärker an ihr. Das lag an finanziellen Anreize im US-Gesundheitssystem, die sie nicht länger ignorieren wollte.
Als HNO-Fachärztin mit Schwerpunkt Nasennebenhöhlenchirurgie wusste sie, dass ein bestimmter Eingriff in ihrer eigenen Praxis mit rund 15.000 US-Dollar vergütet wurde. Wurde derselbe Eingriff in einem ambulanten Operationszentrum durchgeführt, lag die Erstattung lediglich bei etwa 3.000 US-Dollar. „Dadurch entsteht unweigerlich die Gefahr, Patienten unbewusst eher zu dem Eingriff in der Praxis zu bewegen“, sagt sie. „Allein der Gedanke daran hat bei mir ein zutiefst unangenehmes Gefühl ausgelöst.“
Thacker beobachtete, wie einige Kollegen diese Unterschiede gezielt ausgenutzt haben. Sie sah Ärzte, die „Millionen verdient haben, berühmte Sänger zu ihren Geburtstagsfeiern einfliegen ließen und Lamborghinis fuhren – finanziert durch Geld, das sie mit medizinisch fragwürdigen Eingriffen an Patienten verdient haben.“
Gleichzeitig erlebte sie, wie das System Ärzten geschadet hat. Ein Kollege musste nach jahrelanger Betreuung eines totkranken Krebspatienten 40.000 Dollar an dessen Versicherung zurückzahlen. Thacker selbst sah sich regelmäßig gezwungen, bürokratische Hürden zu überwinden, um Patienten günstige bzw. rasch verfügbare Medikamente zu verschreiben.
Die Scham und Selbstverachtung, die sie dabei empfand, machten sich auch körperlich bemerkbar. Im OP erlitt sie Panikattacken. Anfang des Jahres 2021 nahm sie sich eine Auszeit, suchte einen Psychiater auf und entdeckte Coaching als neue berufliche Perspektive. Im Jahr 2024 verließ sie ihre Praxis.
Wie viele andere Ärzte beschreibt Thacker den Ausstieg aus der Medizin nicht als ein einzelnes einschneidendes Ereignis, sondern mit „der stete Tropfen höhlt den Stein“. Gemeint sind die vielen kleinen Belastungen und Hindernisse, die sich über Jahre ansammeln. Besonders die administrativen Anforderungen hätten das Gesundheitswesen ihrer Ansicht nach zunehmend im Griff.
Bürokratie statt Patientenkontakt
In einem Beitrag für KevinMD.com beschrieb die Endokrinologin Corina Fratila den ärztlichen Alltag als den eines „überbezahlten Affen zur Datenerfassung in einem kafkaesken Versicherungslabyrinth“. Dieser Affe sei rechtlich dazu verpflichtet, mehr Zeit mit dem Anklicken von Feldern in Dokumentationssystemen zu verbringen als mit direktem Blickkontakt zu anderen Menschen.
Fratila, die sich kürzlich aus der klassischen medizinischen Versorgung zurückgezogen hat, kritisierte in einem Essay insbesondere das System der Vorabgenehmigungen durch Krankenversicherungen. „Kein Wunder, dass Patienten unser Gesundheitssystem verabscheuen und Ärzte die Medizin in Scharen verlassen“, lautet ihr Fazit.
Was müsste sich ändern, damit Ärzte bleiben?
So unterschiedlich die Gründe für den Ausstieg aus der Patientenversorgung sind, so verschieden fallen auch die Vorstellungen eines besseren Systems aus. Dennoch gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Ärzte wünschen sich ein Gesundheitswesen, das inklusiver und weniger bürokratisch ist, das vielmehr die Beziehung zwischen Arzt und Patient in den Mittelpunkt stellt.
Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass Veränderungen schon in der Ausbildung beginnen müssen. Chin-Quee fordert, die vielen informellen und unausgesprochenen Regeln der medizinischen Kultur im Medizinstudium offen anzusprechen.
Hardin erinnert sich, dass sie zeitweise gegen den Impuls ankämpfen musste, junge Ärzte genauso zu behandeln, wie sie selbst behandelt worden war. Aus ihrer Sicht ist ein Kulturwandel die Voraussetzung für Fortschritte in allen anderen Bereichen – und dieser Wandel müsse eben früh in der Ausbildung beginnen.
Als Beispiel nennt Hardin die vom Accreditation Council for Graduate Medical Education festgelegte Obergrenze von 80 Arbeitsstunden pro Woche. In manchen Ausbildungsprogrammen würden Assistenzärzte schlicht angewiesen, keine höheren Stundenzahlen zu dokumentieren – selbst wenn sie tatsächlich deutlich länger gearbeitet haben. „Wir können den ganzen Tag neue Regeln beschließen“, sagt sie. „Aber sie funktionieren nicht, wenn sie nicht auf jeder institutionellen und organisatorischen Ebene tatsächlich umgesetzt werden.“
Ist Medizin doch nur ein Beruf, aber keine Berufung?
Chin-Quee stellt auch die weitverbreitete Vorstellung infrage, Medizin sei eine „Berufung“. Dieses Bild vermittle, dass Ärzte moralisch besonders hochstehende Menschen seien.
„Die Medizin sollte sich nicht fragen: ,Wie kann ich diesen Menschen zu dem Arzt machen, den ich sehen möchte?‘“, sagt er. „Die entscheidende Frage lautet vielmehr: ,Wie kann dieser Mensch zu dem Arzt werden, der er selbst sein möchte? Wie können wir unterschiedliche Herkunft, Kulturen und Perspektiven wertschätzen und erkennen, dass genau diese Vielfalt Ärzte besser macht?‘“
Freunde, die mit dem Gedanken spielten, die Medizin zu verlassen, riefen ihn häufig an, erzählt Chin-Quee. Dabei gehe es weniger um Karrierefragen als um Grundsätzliches. „Sie fragen, ob es in Ordnung ist, zu gehen.“ Seine Antwort laute meist: ja.
Quee hat mittlerweile eine berufliche Tätigkeit, die zu ihm passt. Freunde und Kollegen ermutigt er, den Ort zu finden, an dem sie morgens aufwachen und sich auf den kommenden Tag freuen.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis wieder ins Zentrum rücken
Für Thacker liegt die Lösung vor allem in strukturellen Reformen. „Die Beziehung zwischen Arzt und Patient muss wieder das schlagende Herz unseres Gesundheitswesens werden“, sagt sie. „Ich kann einen OP betreten, und niemand weiß genau, was dort passiert. Mir wird das Leben eines Menschen anvertraut. Doch sobald ich den Saal verlasse, muss ich jede einzelne Entscheidung exakt mit den Formulierungen rechtfertigen, die Versicherungen verlangen.“
Auch wenn diese nicht immer praktikabel sind, sieht sie sogenannte Direct-Care-Modelle – also Versorgungsmodelle mit direkter finanzieller Beziehung zwischen Arzt und Patient – als einen möglichen Weg in die Zukunft.
Fratila formulierte ihre Kritik noch schärfer: „Dieses System funktioniert exakt so, wie es entworfen wurde. Für Profit. Nicht für Menschen.“ Genau das müsse sich ändern.
Wie es nach dem Ausstieg weitergeht
Ärzte, die ihren Kittel an den Nagel hängen, schlagen ganz unterschiedliche Wege ein. Kurz nachdem Chin-Quee seine Tätigkeit als Chirurg aufgegeben hatte, erhielt er eine Stelle im Autorenteam der Fernsehserie Grey’s Anatomy und später bei The Resident. Heute berät er ein Start-up, das einen KI-gestützten Coach für Ärzte und Medizinstudierende entwickelt. Außerdem veröffentlichte er im Jahr 2023 seine Memoiren unter dem Titel I Can’t Save You: A Memoir.
Thacker arbeitet inzwischen hauptberuflich als Coach für Chirurgen und moderiert den Podcast Surgeons with Purpose. Zusätzlich übernimmt sie eine Woche pro Monat Vertretungen als Ärztin. Diese Tätigkeit beschreibt sie als „direkt, unkompliziert und auf eine Weise erfüllend, wie es meine eigene Praxis nie war“.
Hardin veröffentlichte in diesem Jahr ihre eigenen Memoiren mit dem Titel Surgeon on the Edge und gründete gemeinsam mit Thacker das von Ärzten geführte Medienunternehmen The Hippocratic Collective. Sie hofft, dass die nächste Generation von Ärzten eine bessere Balance zwischen Beruf und persönlichem Leben finden wird.
Nach ihrer Einschätzung beschleunigt sich die Abwanderung aus der Medizin auch deshalb, weil jüngere Ärzte höhere Ansprüche haben, wie sie behandelt werden wollen. Diese veränderte Haltung könnte den notwendigen Druck erzeugen, um das System zu verändern.
Für Ärzte steht einiges auf dem Spiel. „Wenn eine Belegschaft nicht unter Bedingungen arbeitet, unter denen sie ihr Bestes geben kann, leidet zwangsläufig die Arbeit“, sagt Chin-Quee. „Und in diesem Fall geht es um die Gesundheit von uns allen.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
03. Juni 2026
Der Arztberuf gilt als immer noch Berufung – doch viele Mediziner kehren der direkten Patientenversorgung den Rücken. 3 Ärzte berichten von Demütigungen, Burnout, Bürokratie und moralischen Konflikten. Sie erklären, warum sie die Medizin verlassen haben und was sich ändern müsste, um dem Trend entgegenzuwirken.
Demütigungen und Schikanen im OP
Zunächst waren es die ständigen persönlichen Beleidigungen. Dann folgte eine Phase, in der nahezu der gesamte Jahrgang ihres 2. Weiterbildungsjahres entweder entlassen oder zurückgestuft wurde.
Frances Mei Hardin
Die Folge: Statt wie üblich jede 5. Nacht Bereitschaftsdienst zu haben, musste Frances Mei Hardin nun jede 3. Nacht arbeiten – ohne Aussicht auf Entlastung. Hinzu kam ein Chefarzt, der einen jungen Assistenzarzt in einem überfüllten Aufzug anschrie, er sei „verdammt hässlich“ und solle sich zur Wand drehen. Der Assistenzarzt gehorchte.
Im 4. Jahr ihrer Facharztausbildung war für sie der Punkt erreicht, an dem sie jede Begeisterung für die Chirurgie verloren hatte. „Mir wurde jede Liebe zur Arbeit als Chirurgin ausgetrieben“, erinnert sie sich.
Besonders prägend war ein Vorfall während einer Neck-Dissection (Halslymphknotenausräumung). Ein Oberarzt begann, sie wegen ihrer vermeintlich mangelnden Erfahrung vor dem versammelten Team zu kritisieren. Er warf ihr vor, nicht ausreichend gelernt zu haben, und machte sich über ihre Antworten lustig. Nach rund 20 Minuten der Schikane, die Hardin als das in Operationssälen weit verbreitete Zusammenspiel aus Ausfragen, Demütigen und Schikanieren beschreibt, verließ sie die 8-stündige Operation. „An diesem Tag ist etwas in mir zerbrochen“, sagt sie rückblickend.
Weinend zog sich Hardin auf die Toilette zurück und rief eine gute Freundin an, die ebenfalls in der Facharztausbildung war. Deren Reaktion überraschte sie nicht: Solche Situationen hatte sie selbst schon mehrfach erlebt. Ihr Rat lautete, sich zu sammeln und wieder in den OP zurückzukehren. Doch Hardin tat das nicht.
PTBS in der Facharztausbildung
Hardin entwickelte eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und litt unter Suizidgedanken. „In der Kultur der chirurgischen Weiterbildung ist es praktisch unmöglich, über solche Erfahrungen offen zu sprechen“, sagt sie. „Wenn so etwas einem von uns passiert, fühlt es sich katastrophal an. Es fühlt sich an, als hätte man versagt. Aber nichts davon trifft zu.“
Im vergangenen Jahr gab Hardin ihren Beruf als Chirurgin auf. Zuvor hatte sie ihre Facharztausbildung abgeschlossen und mehrere Jahre in einer privaten Praxis im ländlichen Süden der USA gearbeitet. Damit gehört sie zu den geschätzten 86.000 Ärztinnen und Ärzten, die bis zum Jahr 2036 der Medizin US-weit den Rücken kehren werden.
Zahlen aus Deutschland
Statistiken zur Situation in Deutschland gibt es zwar nicht, eine Abschätzung ist aber möglich.
Ende des Jahres 2024 waren bei der Bundesärztekammer rund 581.000 Ärzte registriert. Von ihnen gingen etwa 437.000 einer ärztlichen Tätigkeit nach, während rund 140.000 ihren Beruf nicht aktiv ausgeübt haben. Der überwiegende Teil war sich im Ruhestand. So entfielen etwa 104.000 Personen beziehungsweise 72% dieser Gruppe auf Ruheständler. Weitere rund 2.700 Ärzte galten krankheitsbedingt als berufsunfähig.
Zieht man diese beiden Gruppen ab, verbleiben schätzungsweise 33.000 bis 37.000 approbierte Ärzte, die weder ärztlich tätig noch im Ruhestand oder berufsunfähig sind. Viele von ihnen arbeiten weiterhin im Gesundheitswesen, allerdings außerhalb der direkten Patientenversorgung.
Wissenschaftliche Arbeiten bestätigen den Trend
Die Diskussion über Ärzte, die ihren Beruf verlassen, ist nicht neu. Verschiedene Daten deuten jedoch darauf hin, dass sich dieser Trend keineswegs abschwächt. Eine im Jahr 2025 in den Annals of Internal Medicineveröffentlichte Studie, die mehr als 700.000 Ärzte erfasste, zeigte, dass der Anteil aller Mediziner, die nicht mehr in der direkten Patientenversorgung tätig sind, zwischen den Jahren 2013 und 2019 von 3,5% auf 4,9% angestiegen ist. Und das noch vor Beginn der COVID-19-Pandemie.
Zu dieser Entwicklung dürften auch die hohen Burnout-Raten unter Ärzten beitragen. Eine im März 2026 in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung hat ergeben, dass Ärzte mit Burnout nahezu eineinhalbmal häufiger die klinische Tätigkeit verlassen als ihre Kollegen ohne entsprechende Belastung.
Jeder betroffene Arzt hat seine eigene Geschichte – und der Begriff „Burnout“ dient oft als Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Erfahrungen. Spricht man jedoch mit einigen der Betroffenen, treten immer wieder ähnliche Muster zutage.
Akademische Karriere oder Privatpraxis: Alternativen sind rar
Anthony Chin-Quee
Anthony Chin-Quee, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, hat die Medizin im Jahr 2019 verlassen. Im Gespräch mit Medscape erzählt er, dass ihn das gesamte System bereits während seiner Ausbildung eingeengt hat. In seinen Augen schien es nur 2 akzeptierte Karrierewege zu geben: eine akademische Laufbahn oder die Tätigkeit in einer Privatpraxis.
Für Chin-Quee waren die Einschränkungen jedoch nicht nur beruflicher Natur, sondern auch zutiefst persönlich. „Ich bin schwarz, und das spielt eine große Rolle – besonders in der Medizin. Wenn man dann noch in die Chirurgie und anschließend in eine chirurgische Subspezialisierung geht, gibt es dort nur sehr wenige Menschen wie mich. Da ist man schnell isoliert“, sagt er.
Außerdem hatte Chin-Quee das Gefühl, dass für ihn andere Maßstäbe galten als für viele seiner Kollegen. Fehler, die bei anderen toleriert wurden, schienen bei ihm deutlich kritischer bewertet zu werden.
Auch die eigene Persönlichkeit passte aus seiner Sicht nicht in das Bild des typischen, stets kontrollierten und formellen Chirurgen. „Ich habe gerne Spaß, ich mache Witze, ich singe gerne und ich gehe locker und herzlich mit meinen Patienten um“, sagt er. Genau diese Eigenschaften haben ihn jedoch häufig zum Außenseiter gemacht.
Kollegen verbreiten Gerüchte
Doch damit nicht genug: Als ein Oberarzt erfuhr, dass Chin-Quee in seiner Freizeit den Roman The Hunger Games las, verbreitete sich hinter vorgehaltener Hand das Gerücht, er nehme die Chirurgie nicht ernst genug. Nach seiner Wahrnehmung änderte sich daraufhin auch die Haltung seiner Vorgesetzten ihm gegenüber – eine Entwicklung, die er direkt mit diesen Gerüchten in Verbindung bringt.
Mit der Zeit gewann Chin-Quee den Eindruck, dass er sein offenes Wesen verstecken müsse, um in der Medizin zu bestehen. In seiner schwierigsten Phase litt er an Depressionen und begann, berufliche Probleme zunehmend zu verinnerlichen. „Und wenn die Leistung nicht stimmt, hat man irgendwann das Gefühl, selbst nichts wert zu sein“, erinnert er sich.
Im Jahr 2019 zog Chin-Quee schließlich die Konsequenzen. Er gab seine Tätigkeit als Chirurg in Los Angeles auf – zunächst ohne eine neue berufliche Perspektive.
Die moralischen Zweifel wachsen
Mel Thacker
Medscape hat auch mit Mel Thacker gesprochen. Sie war lange davon überzeugt, bis zu ihrem Ruhestand in der von ihr mitgeführten Gemeinschaftspraxis in Massachusetts zu arbeiten. In der ausschließlich von Frauen geführte Praxis waren 3 Partnerinnen. Thacker gehörte zu den treibenden Kräften des Teams. „Ich wollte seit meinem 13. Lebensjahr Ärztin werden, und ich habe mir diesen Traum erfüllt. Aber es ist eben nicht wie im Märchen“, sagt sie.
Obwohl Thacker über ein Maß an beruflicher Selbstbestimmung verfügte, von dem viele Ärzte nur träumen können, nagten moralische Zweifel immer stärker an ihr. Das lag an finanziellen Anreize im US-Gesundheitssystem, die sie nicht länger ignorieren wollte.
Als HNO-Fachärztin mit Schwerpunkt Nasennebenhöhlenchirurgie wusste sie, dass ein bestimmter Eingriff in ihrer eigenen Praxis mit rund 15.000 US-Dollar vergütet wurde. Wurde derselbe Eingriff in einem ambulanten Operationszentrum durchgeführt, lag die Erstattung lediglich bei etwa 3.000 US-Dollar. „Dadurch entsteht unweigerlich die Gefahr, Patienten unbewusst eher zu dem Eingriff in der Praxis zu bewegen“, sagt sie. „Allein der Gedanke daran hat bei mir ein zutiefst unangenehmes Gefühl ausgelöst.“
Thacker beobachtete, wie einige Kollegen diese Unterschiede gezielt ausgenutzt haben. Sie sah Ärzte, die „Millionen verdient haben, berühmte Sänger zu ihren Geburtstagsfeiern einfliegen ließen und Lamborghinis fuhren – finanziert durch Geld, das sie mit medizinisch fragwürdigen Eingriffen an Patienten verdient haben.“
Gleichzeitig erlebte sie, wie das System Ärzten geschadet hat. Ein Kollege musste nach jahrelanger Betreuung eines totkranken Krebspatienten 40.000 Dollar an dessen Versicherung zurückzahlen. Thacker selbst sah sich regelmäßig gezwungen, bürokratische Hürden zu überwinden, um Patienten günstige bzw. rasch verfügbare Medikamente zu verschreiben.
Die Scham und Selbstverachtung, die sie dabei empfand, machten sich auch körperlich bemerkbar. Im OP erlitt sie Panikattacken. Anfang des Jahres 2021 nahm sie sich eine Auszeit, suchte einen Psychiater auf und entdeckte Coaching als neue berufliche Perspektive. Im Jahr 2024 verließ sie ihre Praxis.
Wie viele andere Ärzte beschreibt Thacker den Ausstieg aus der Medizin nicht als ein einzelnes einschneidendes Ereignis, sondern mit „der stete Tropfen höhlt den Stein“. Gemeint sind die vielen kleinen Belastungen und Hindernisse, die sich über Jahre ansammeln. Besonders die administrativen Anforderungen hätten das Gesundheitswesen ihrer Ansicht nach zunehmend im Griff.
Bürokratie statt Patientenkontakt
In einem Beitrag für KevinMD.com beschrieb die Endokrinologin Corina Fratila den ärztlichen Alltag als den eines „überbezahlten Affen zur Datenerfassung in einem kafkaesken Versicherungslabyrinth“. Dieser Affe sei rechtlich dazu verpflichtet, mehr Zeit mit dem Anklicken von Feldern in Dokumentationssystemen zu verbringen als mit direktem Blickkontakt zu anderen Menschen.
Fratila, die sich kürzlich aus der klassischen medizinischen Versorgung zurückgezogen hat, kritisierte in einem Essay insbesondere das System der Vorabgenehmigungen durch Krankenversicherungen. „Kein Wunder, dass Patienten unser Gesundheitssystem verabscheuen und Ärzte die Medizin in Scharen verlassen“, lautet ihr Fazit.
Was müsste sich ändern, damit Ärzte bleiben?
So unterschiedlich die Gründe für den Ausstieg aus der Patientenversorgung sind, so verschieden fallen auch die Vorstellungen eines besseren Systems aus. Dennoch gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Ärzte wünschen sich ein Gesundheitswesen, das inklusiver und weniger bürokratisch ist, das vielmehr die Beziehung zwischen Arzt und Patient in den Mittelpunkt stellt.
Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass Veränderungen schon in der Ausbildung beginnen müssen. Chin-Quee fordert, die vielen informellen und unausgesprochenen Regeln der medizinischen Kultur im Medizinstudium offen anzusprechen.
Hardin erinnert sich, dass sie zeitweise gegen den Impuls ankämpfen musste, junge Ärzte genauso zu behandeln, wie sie selbst behandelt worden war. Aus ihrer Sicht ist ein Kulturwandel die Voraussetzung für Fortschritte in allen anderen Bereichen – und dieser Wandel müsse eben früh in der Ausbildung beginnen.
Als Beispiel nennt Hardin die vom Accreditation Council for Graduate Medical Education festgelegte Obergrenze von 80 Arbeitsstunden pro Woche. In manchen Ausbildungsprogrammen würden Assistenzärzte schlicht angewiesen, keine höheren Stundenzahlen zu dokumentieren – selbst wenn sie tatsächlich deutlich länger gearbeitet haben. „Wir können den ganzen Tag neue Regeln beschließen“, sagt sie. „Aber sie funktionieren nicht, wenn sie nicht auf jeder institutionellen und organisatorischen Ebene tatsächlich umgesetzt werden.“
Ist Medizin doch nur ein Beruf, aber keine Berufung?
Chin-Quee stellt auch die weitverbreitete Vorstellung infrage, Medizin sei eine „Berufung“. Dieses Bild vermittle, dass Ärzte moralisch besonders hochstehende Menschen seien.
„Die Medizin sollte sich nicht fragen: ,Wie kann ich diesen Menschen zu dem Arzt machen, den ich sehen möchte?‘“, sagt er. „Die entscheidende Frage lautet vielmehr: ,Wie kann dieser Mensch zu dem Arzt werden, der er selbst sein möchte? Wie können wir unterschiedliche Herkunft, Kulturen und Perspektiven wertschätzen und erkennen, dass genau diese Vielfalt Ärzte besser macht?‘“
Freunde, die mit dem Gedanken spielten, die Medizin zu verlassen, riefen ihn häufig an, erzählt Chin-Quee. Dabei gehe es weniger um Karrierefragen als um Grundsätzliches. „Sie fragen, ob es in Ordnung ist, zu gehen.“ Seine Antwort laute meist: ja.
Quee hat mittlerweile eine berufliche Tätigkeit, die zu ihm passt. Freunde und Kollegen ermutigt er, den Ort zu finden, an dem sie morgens aufwachen und sich auf den kommenden Tag freuen.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis wieder ins Zentrum rücken
Für Thacker liegt die Lösung vor allem in strukturellen Reformen. „Die Beziehung zwischen Arzt und Patient muss wieder das schlagende Herz unseres Gesundheitswesens werden“, sagt sie. „Ich kann einen OP betreten, und niemand weiß genau, was dort passiert. Mir wird das Leben eines Menschen anvertraut. Doch sobald ich den Saal verlasse, muss ich jede einzelne Entscheidung exakt mit den Formulierungen rechtfertigen, die Versicherungen verlangen.“
Auch wenn diese nicht immer praktikabel sind, sieht sie sogenannte Direct-Care-Modelle – also Versorgungsmodelle mit direkter finanzieller Beziehung zwischen Arzt und Patient – als einen möglichen Weg in die Zukunft.
Fratila formulierte ihre Kritik noch schärfer: „Dieses System funktioniert exakt so, wie es entworfen wurde. Für Profit. Nicht für Menschen.“ Genau das müsse sich ändern.
Wie es nach dem Ausstieg weitergeht
Ärzte, die ihren Kittel an den Nagel hängen, schlagen ganz unterschiedliche Wege ein. Kurz nachdem Chin-Quee seine Tätigkeit als Chirurg aufgegeben hatte, erhielt er eine Stelle im Autorenteam der Fernsehserie Grey’s Anatomy und später bei The Resident. Heute berät er ein Start-up, das einen KI-gestützten Coach für Ärzte und Medizinstudierende entwickelt. Außerdem veröffentlichte er im Jahr 2023 seine Memoiren unter dem Titel I Can’t Save You: A Memoir.
Thacker arbeitet inzwischen hauptberuflich als Coach für Chirurgen und moderiert den Podcast Surgeons with Purpose. Zusätzlich übernimmt sie eine Woche pro Monat Vertretungen als Ärztin. Diese Tätigkeit beschreibt sie als „direkt, unkompliziert und auf eine Weise erfüllend, wie es meine eigene Praxis nie war“.
Hardin veröffentlichte in diesem Jahr ihre eigenen Memoiren mit dem Titel Surgeon on the Edge und gründete gemeinsam mit Thacker das von Ärzten geführte Medienunternehmen The Hippocratic Collective. Sie hofft, dass die nächste Generation von Ärzten eine bessere Balance zwischen Beruf und persönlichem Leben finden wird.
Nach ihrer Einschätzung beschleunigt sich die Abwanderung aus der Medizin auch deshalb, weil jüngere Ärzte höhere Ansprüche haben, wie sie behandelt werden wollen. Diese veränderte Haltung könnte den notwendigen Druck erzeugen, um das System zu verändern.
Für Ärzte steht einiges auf dem Spiel. „Wenn eine Belegschaft nicht unter Bedingungen arbeitet, unter denen sie ihr Bestes geben kann, leidet zwangsläufig die Arbeit“, sagt Chin-Quee. „Und in diesem Fall geht es um die Gesundheit von uns allen.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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