Freitag, 10. Juli 2026
Keimschleuder Küchenschwamm: BfR-Studie deckt auf, dass selbst „saubere" Schwämme gefährliche Krankheitserreger verbreiten
Michael van den Heuvel, medscape

08. Juli 2026

Der Küchenschwamm zählt zu den am häufigsten verwendeten Reinigungsutensilien im Haushalt – und gleichzeitig zu den am stärksten unterschätzten Infektionsquellen. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigt, dass sich pathogene Bakterien wie Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus selbst aus geringsten Ausgangskeimzahlen innerhalb weniger Tage massiv vermehren. Weder unangenehmer Geruch noch Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche liefern dabei verlässliche Hinweise auf die tatsächliche mikrobielle Belastung. Details sind im Journal of Food Protection nachzulesen [1][2].

Küchenschwämme bleiben als Infektionsquelle häufig unbeachtet
Lebensmittelbedingte Infektionen verursachen weltweit erhebliche gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 600 Millionen Menschen durch kontaminierte Lebensmittel. In der öffentlichen Wahrnehmung geht es meist um Ausbrüche in Großküchen, Restaurants oder lebensmittelverarbeitenden Betrieben. Tatsächlich entsteht jedoch ein erheblicher Teil dieser Infektionen im privaten Haushalt – dort, wo Hygienefehler oft unbemerkt bleiben.

Genau deshalb warnt das BfR vor klassischen Küchenschwämmen. Ihre poröse Struktur, die dauerhaft hohe Feuchtigkeit und anhaftende Speisereste schaffen ideale Bedingungen für das Wachstum zahlreicher Mikroorganismen. Frühere Untersuchungen hatten bereits hohe Keimzahlen in Küchenschwämmen nachgewiesen. Die nun veröffentlichte Studie geht jedoch deutlich weiter: Erstmals analysierten Wissenschaftler systematisch, wie sich relevante lebensmittelassoziierte Krankheitserreger in einem bereits von typischen Haushaltsbakterien besiedelten Schwamm verhalten und wie hoch das tatsächliche Risiko einer Weiterverbreitung ist.


Bakterien vermehren sich massiv
Die Forscher kontaminierten sterile Küchenschwämme zunächst mit einem für Haushalte typischen Mikrobiom. Anschließend brachten sie definierte Mengen von Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus auf die Schwämme auf. Mithilfe mikrobiologischer Kulturverfahren, metagenomischer Analysen sowie konfokaler Lasermikroskopie verfolgten sie die Entwicklung der Erreger über einen Zeitraum von 14 Tagen. Das Studiendesign ermöglichte damit eine detaillierte Analyse des mikrobiellen Zusammenlebens innerhalb eines Schwammmodells.

Bereits sehr geringe Ausgangskeimzahlen genügten, damit sich die Bakterien dauerhaft etablieren konnten. E. coli und Salmonella Enteritidis erreichten innerhalb weniger Tage Populationen von bis zu 10⁹ koloniebildenden Einheiten pro Schwammabschnitt. Die vorhandene Haushaltsmikrobiota verhinderte diese Entwicklung nicht. Vielmehr bot der Schwamm ein stabiles mikrobielles Ökosystem, das den Krankheitserregern langfristig günstige Lebensbedingungen verschaffte.

Ein anderes Verhalten zeigte Staphylococcus aureus. Dieses Bakterium vermehrte sich deutlich langsamer und erreichte niedrigere Keimzahlen. Dennoch überlebte auch S. aureus den gesamten Untersuchungszeitraum und blieb nachweisbar. Gerade dieser Befund besitzt klinische Relevanz, da S. aureus hitzestabile Enterotoxine bilden kann, die selbst nach dem Absterben der Bakterien Lebensmittelvergiftungen auslösen. Schon vergleichsweise geringe Bakterienzahlen können unter geeigneten Bedingungen eine relevante Toxinproduktion ermöglichen.


Austrocknung verringerte das Risiko keineswegs
Viele Verbraucher gehen davon aus, dass ein trockener Schwamm hygienisch unbedenklich sei. Die Untersuchung widerlegt diese Annahme jedoch eindrucksvoll: Während einer 3-tägigen Austrocknungsphase verloren die Krankheitserreger ihre Lebensfähigkeit praktisch nicht. Der Schwamm fungierte selbst ohne sichtbare Feuchtigkeit weiterhin als stabiles Reservoir für pathogene Mikroorganismen.

Diese Beobachtungen erklären, warum selbst vermeintlich trockene Küchenschwämme ein relevantes Übertragungsrisiko darstellen. Offenbar verbleiben im komplexen Porensystem ausreichend feuchte Mikrohabitate, die den Erregern Schutz vor Austrocknung bieten. Gleichzeitig erschwert die tief liegende Besiedlung eine vollständige Reinigung oder Desinfektion des Materials.

Krankheitserreger gelangen mühelos auf Küchenoberflächen
Besonders praxisrelevant ist auch der Nachweis der Kreuzkontamination. Bereits leichter Druck auf kontaminierte Schwämme genügte, um erhebliche Mengen lebender Krankheitserreger auf typische Küchenoberflächen zu übertragen. Dabei registrierten die Forscher bis zu 100.000 koloniebildende Einheiten pro Kontaktfläche. Diese Belastung blieb über den gesamten Untersuchungszeitraum nahezu konstant bestehen.


Gelangen die Erreger zunächst auf Arbeitsflächen, Schneidebretter oder Spülbecken, können sie anschließend leicht auf Lebensmittel, Hände oder Küchenutensilien übertragen werden. Besonders kritisch ist diese Situation bei verzehrfertigen Lebensmitteln, die nicht mehr erhitzt werden. Schon geringe Keimmengen können unter günstigen Bedingungen eine Infektion auslösen oder das Erkrankungsrisiko deutlich erhöhen.

Fehlender Geruch bedeutet keineswegs fehlende Keimbelastung
Die Studie räumt zudem mit einer weiteren weit verbreiteten Fehlannahme auf. Während des gesamten 14-tägigen Beobachtungszeitraums entwickelten die untersuchten Schwämme weder einen auffälligen Geruch noch sichtbare Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche. Gleichzeitig enthielten sie hohe Konzentrationen lebensmittelassoziierter Krankheitserreger. Die Forscher konnten keinen Zusammenhang zwischen der Keimbelastung und dem äußeren Erscheinungsbild feststellen.

Diese Beobachtung widerspricht dem Verhalten vieler Verbraucher. Häufig wird ein Küchenschwamm erst nach Wochen ausgetauscht, wenn er unangenehm riecht oder sichtbar verschmutzt erscheint. Aus mikrobiologischer Sicht stellt diese Strategie jedoch ein erhebliches Risiko dar. Ein optisch sauberer Schwamm kann bereits Milliarden von Bakterien enthalten und diese bei jeder Benutzung weiterverbreiten. Weder Geruch noch Aussehen eignen sich daher als zuverlässige Entscheidungshilfe für einen notwendigen Wechsel.

Moderne Untersuchungsmethoden liefern ein detailliertes Bild der Keimbesiedlung
Die Arbeit ging noch einen Schritt weiter. Das Forschungsteam kombinierte klassische mikrobiologische Anzuchtmethoden mit metagenomischen Analysen sowie Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung und konfokaler Lasermikroskopie. Dadurch ließ sich erstmals dreidimensional darstellen, wie sich verschiedene Bakterienarten innerhalb der Schwammstruktur organisieren.

Die mikroskopischen Aufnahmen zeigten, dass sich Mikroorganismen keineswegs gleichmäßig verteilen. Stattdessen bilden sie dichte bakterielle Cluster und Biofilm-ähnliche Strukturen, die tief in den Poren des Schwamms liegen. Diese Mikrohabitate schützen die Erreger vor Austrocknung und erschweren ihre Entfernung erheblich.

Gleichzeitig identifizierten Wissenschaftler eine stabile Kernmikrobiota, die über den gesamten Untersuchungszeitraum erhalten blieb. Krankheitserreger integrierten sich in dieses bestehende mikrobielle Netzwerk, anstatt verdrängt zu werden. Dieses Ergebnis könnte erklären, warum selbst wiederholtes Ausspülen oder kurzfristiges Trocknen die hygienische Situation kaum verbessert.

Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kleinkinder und Immunsupprimierte
Damit stellen kontaminierte Küchenschwämme für viele Menschen eine potenzielle Infektionsquelle dar. Zwar verlaufen lebensmittelbedingte Infektionen bei den meisten gesunden Erwachsenen selbstlimitierend. Dennoch verursachen bakterielle Gastroenteritiden jedes Jahr zahlreiche Krankenhausaufenthalte. Vor allem ältere Menschen, Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere sowie Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Immunfunktion tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe.

Dazu zählen beispielsweise Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen, Tumorerkrankungen, nach Organtransplantationen oder unter immunsuppressiver Therapie. Für diese Personengruppen besitzt die Vermeidung häuslicher Infektionsquellen einen besonders hohen Stellenwert. Bereits vergleichsweise geringe Keimmengen können hier schwerwiegende Erkrankungen verursachen.

Fazit: Mit einfachen Maßnahmen Infektionsrisiken verringern
Die aktuelle Untersuchung des BfR zeigt, dass Küchenschwämme weit mehr sind als harmlose Alltagsgegenstände. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sie sich zu stark besiedelten mikrobiellen Reservoiren, in denen sich lebensmittelassoziierte Krankheitserreger dauerhaft etablieren können.

Gerade bei älteren Menschen oder chronisch Erkrankten kann bereits die Beachtung einfacher Hygienemaßnahmen einen wichtigen Beitrag zur Infektionsprävention leisten. Das BfR empfiehlt, Küchenschwämme regelmäßig auszutauschen – spätestens jedoch nach dem Kontakt mit rohem Geflügel oder anderen potenziell stark kontaminierten Lebensmitteln. Lässt sich ein sofortiger Austausch nicht umsetzen, kann eine thermische Behandlung mit Wasser über 70 °C für mindestens 2 Minuten die Keimzahl deutlich verringern.


Generell sind Reinigungsutensilien zu bevorzugen, die schneller trocknen und sich regelmäßig bei mindestens 60 °C in der Wasch- oder Spülmaschine reinigen lassen. Bürsten oder Mikrofaser-Tücher schnitten in früheren Untersuchungen hinsichtlich der Keimbelastung besser ab.

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