Freitag, 19. Juni 2026
Mehr als nur Sommerwetter: Die unterschätzten Folgen extremer Hitze
Ute Eppinger, Netscape

16. Juni 2026

Extreme Hitze belastet Herz, Lunge, Nieren und Gehirn, erhöht das Risiko für Frühgeburten und führt zu mehr Krankenhausaufnahmen. Neue Daten zeigen zudem einen deutlichen Anstieg von Krankmeldungen während Hitzewellen. Experten fordern deshalb konsequente Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen.

Hitzewellen werden zur neuen Normalität
Ende Mai erlebte Europa die 1. Hitzewelle dieses Jahres. Nun stehen die nächsten heißen Tage bevor. Experten erwarten für das Jahr 2026 erneut einen überdurchschnittlich warmen Sommer. Auch die Vereinten Nationen prognostizieren einen weiteren klimawandelbedingten Temperaturanstieg. Sie rechnen in den kommenden 5 Jahren mit neuen Rekordwerten.

Mit steigenden Temperaturen nehmen nach Einschätzung von Klimaforschenden auch Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen zu. Diese stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar und fordern die Gesundheitssysteme zunehmend heraus. Die gesundheitlichen Folgen von Hitze zeigen sich sowohl in einer erhöhten Hitzemortalität als auch in einer steigenden Hitzemorbidität.


Die tatsächlichen Auswirkungen sind jedoch schwer zu erfassen, da Hitze nur selten als unmittelbare Ursache von Erkrankungen oder Todesfällen erkannt wird. Deshalb stützt sich die Forschung auf statistische Modellierungen. Das Robert Koch-Institut (RKI) kalkulierte beispielsweise, dass im vergangenen Jahr in Deutschland rund 2.500 Menschen infolge von Hitze gestorben sind.

Erstmals liegen inzwischen auch Zahlen zur hitzebedingten Morbidität vor: Bereits nach einem einzelnen Tag mit Temperaturen über 30 °C steigt die Zahl der Krankmeldungen um 3,5%. Nach 5 aufeinanderfolgenden Hitzetagen sind es 5%, nach 7 Tagen sogar 10,8%.

Hitzemortalität und Hitzemorbidität
Mittlerweile liegen belastbare epidemiologische Schätzungen zur hitzebedingten Morbidität und Mortalität in Deutschland vor, bestätigt Dr. Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, gegenüber dem Science Media Center (SMC). „Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont Schneider.


Temperaturbedingte Todesfälle werden deutlich zunehmen, wenn keine wirksamen Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden, warnt Prof. Dr. Martin Röösli, Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Er verweist dabei auf die Ergebnisse einer großen Studie, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde.

Die hitzebedingte Morbidität ist in Deutschland bislang deutlich weniger erforscht als die hitzebedingte Mortalität. Nach Einschätzung von Dr. Veronika Huber vom Department of Conservation Biology and Global Change in Sevilla gibt es bisher keine veröffentlichten statistischen Schätzungen zur Gesamtzahl hitzebedingter Krankenhauseinweisungen in Deutschland.

Dennoch stehen zahlreiche Indikatoren zur Verfügung, um die gesundheitlichen Folgen von Hitze abzubilden. Dazu zählen Krankenhauseinweisungen, Besuche in Notaufnahmen, Rettungsdienst-Einsätze, ambulante Arztkontakte, Daten zur Arbeitsunfähigkeit sowie Register zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, betont Huber.


Hitze belastet Herz, Lunge und Nieren stark
„Extreme Hitze belastet das Herz-Kreislauf-System stark, da durch Gefäßerweiterung der Blutdruck sinkt und das Herz schneller und kräftiger pumpen muss“, erklärt Schneider. Bei Menschen mit Vorerkrankungen steigt dadurch das Risiko für Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen.

Gleichzeitig führen verstärktes Schwitzen und Flüssigkeitsverluste zu Dehydratation und Elektrolytstörungen, wodurch Kreislaufkollapse und Thrombosen begünstigt werden. Bestimmte Medikamente wie Diuretika oder Betablocker können diese Risiken zusätzlich verstärken. Besonders gefährdet sind zudem Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes oder neurologischen Erkrankungen.


Hinzu kommt, dass hohe Temperaturen häufig mit erhöhten Ozon- und Feinstaubbelastungen einhergehen. Diese reizen die Atemwege und können Exazerbationen von COPD oder Asthma auslösen.

Hohes Risiko für ältere, vorerkrankte und pflegebedürftige Menschen
„Ältere, gebrechliche Menschen stellen mit weitem Abstand die relevanteste Risikogruppe bei Hitzebelastungen und Hitzewellen dar. Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung während Hitzewellen ist fast ausschließlich auf diese Personengruppe zurückzuführen“, betont Prof. Dr. Kilian Rapp, ärztlicher Leiter der Akutgeriatrie und Leiter der Forschungsabteilung Geriatrie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine erhöhte Hitzesterblichkeit zählen laut Rapp ein hohes Alter, ein niedriger Sozialstatus, Suchterkrankungen, Mobilitätseinschränkungen, pulmonale, kardiovaskuläre oder gerontopsychiatrische Erkrankungen sowie die Einnahme von Beruhigungsmitteln. Auch das Wohnen in höheren Stockwerken oder ein Leben allein erhöhen das Risiko. „Als schützende Faktoren zeigten sich die Verfügbarkeit einer Klimaanlage, der Zugang zu Transportmitteln und eine erhaltene Selbstpflegefähigkeit“, erklärt Rapp.


Gehirn und Nervensystem leiden
Hitze belastet auch Gehirn und Nervensystem auf vielfältige Weise. Studien zeigen, dass hohe Temperaturen die Funktion von Nervenzellen verändern, oxidativen Stress und Entzündungsprozesse im Gehirn fördern sowie die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen können, berichtet Dr. Ameli Breuer, Assistenzärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité Berlin sowie Sprecherin der Arbeitsgruppe Neurologie bei KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.

Hohe Temperaturen erhöhen das Schlaganfallrisiko. Bei Parkinson und Multipler Sklerose kann es zu einer Verschlechterung der Symptome kommen. Auch bei Epilepsie und Migräne gibt es Hinweise darauf, dass Hitze Anfälle beziehungsweise Beschwerden verstärken kann.

Bei Menschen mit Demenz ist extreme Hitze mit einer höheren Zahl von Krankenhausaufnahmen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. „Aus neurologischer Sicht ist Hitze daher längst kein Zukunftsproblem mehr. Die Auswirkungen sind bereits heute im klinischen Alltag sichtbar und werden mit fortschreitendem Klimawandel voraussichtlich weiter zunehmen“, sagt Breuer.

„Bei Hitze können wir uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer, teilweise sogar aggressiv“, erklärt Dr. Sebastian Karl, Assistenzarzt in der Arbeitsgruppe Hirnstimulationsverfahren an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des ZI Mannheim. Aus psychologischer Sicht wirkt Hitze als Stressfaktor. Dadurch stehen für zusätzliche Belastungen weniger Bewältigungskapazitäten zur Verfügung, sodass Menschen schneller gereizt reagieren. Darüber hinaus gibt es auch biologische Effekte. So kann Hitze kleinste Entzündungsprozesse im Gehirn fördern, und wichtige Botenstoffe können aus dem Gleichgewicht geraten.


Die Auswirkungen auf Kinder werden unterschätzt
Kinder reagieren besonders empfindlich auf Umweltbelastungen wie Hitze, Luftverschmutzung oder Extremwetterereignisse. Ihr Körper befindet sich noch in der Entwicklung, sie verbringen mehr Zeit im Freien und sind im Verhältnis zu Erwachsenen körperlich aktiver. Zudem weisen sie eine höhere Atemfrequenz auf, betont Dr. Marie Standl, Leiterin der Forschungsgruppe Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. „Die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für Kinder werden bislang unterschätzt“, sagt sie.

Kinder und Jugendliche gelten bei Hitze als besonders vulnerable Gruppe, da ihr Thermoregulationssystem im Vergleich zu gesunden Erwachsenen noch nicht vollständig ausgereift ist und sie sich daher schlechter an hohe Temperaturen anpassen können. Sie produzieren pro Kilogramm Körpergewicht mehr metabolische Wärme.

Vor allem im Säuglings- und Kindesalter verfügen sie über eine größere Körperoberfläche im Verhältnis zum Körpergewicht, wodurch sie mehr Wärme aus der Umgebung aufnehmen. Gleichzeitig besitzen sie ein geringeres Blutvolumen und eine niedrigere kardiale Auswurfleistung. Wie Privatdozent Dr. Dirk Holzinger, leitender Arzt der Rheumatologie an der Klinik für Kinderheilkunde III des Universitätsklinikums Essen und Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG, bestätigt, gibt es „Hinweise auf eine erhöhte Hospitalisierungsrate von Kindern und Jugendlichen an sehr heißen Tagen“.


Erhöhtes Risiko für Frühgeburten
Dass extreme Hitze während der Schwangerschaft den Körper erheblich belastet und mit gravierenden Risiken verbunden ist, betont Prof. Dr. Petra Arck von der Experimentellen Feto-Maternalen Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Hohe Temperaturen führen zu Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Problemen und beeinflussen die Durchblutung der Gebärmutter. Dadurch kann der Verlauf der Schwangerschaft unmittelbar beeinträchtigt und das Risiko für Komplikationen erhöht werden.

Prof. Dr. Anke Diemert von der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am UKE verweist darauf, dass zahlreiche Studien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Hitzestress und Frühgeburten zeigen. Untersuchungen des UKE belegen, dass extreme Hitze mit Temperaturen von über 30 bis hin zu 35 °C über mehrere aufeinanderfolgende Tage das relative Risiko für Frühgeburten erhöhen kann.

Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne
Bislang verfügen etwa 20% aller Kommunen über Hitzeaktionspläne. Die meisten Bundesländer haben ihren Kommunen inzwischen vorgegeben, solche Konzepte in den kommenden Jahren – meist bis 2030 – vorzulegen, erklärt Prof. Dr. Clemens Becker, Abteilungsleiter der Geriatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Becker erinnert zudem daran, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gesetzlich verpflichtet sind, Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne vorzuhalten und kontinuierlich weiterzuentwickeln. „Das Problem sind vor allem ältere Menschen, die allein leben. Diese müssen durch Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt geschützt werden.“

Dr. Kerstin Kammerer, Vorstandsmitglied und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologische Forschung e.V. in Berlin, verweist auf bestehende Musterhitzeschutzpläne, etwa den des Aktionsbündnisses Hitzeschutz Berlin für Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen. Umfassende Informationen zum Umgang mit Hitze bietet außerdem der Hitzemaßnahmenplan für stationäre Einrichtungen der Altenpflege des LMU-Klinikums.


Schneider A, Röösli M, Huber V, Standl M, Kammerer K geben an, keine Interessenkonflikte zu haben.
Karl S gibt an, mehrere wissenschaftliche Publikationen zu den Zusammenhängen von menschengemachten Umweltveränderungen und psychischer Gesundheit verfasst zu haben. Er ist Mitherausgeber des Buchs „Psychiatrie in Zeiten globaler Umweltkrisen“ und Autor des Buchs „1-Minuten-Strategie Hitze“. Neben seiner klinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Stadtrat in Stuttgart für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Holzinger D gibt an, Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. zu sein.
Rapp K, Breuer A, Arck P, Diemert A, Becker C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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