Mittwoch, 22. Juli 2026
Wahre Worte
che2001, 00:34h
Victor Dorn zum Nahostkonflikt und anderen Basisbanalitäten
"IHR SEID ENTTÄUSCHT, WEIL ICH DERSELBE GEBLIEBEN BIN
Ihr habt meine Unabhängigkeit für Loyalität gehalten. Das war euer Fehler.
Die Hamas ist eine Terrororganisation. Die israelische Regierung ist rechtsradikal und handelt völkerrechtswidrig. Palästinensische Zivilisten sind keine Hamas-Terroristen. Israelische Zivilisten sind keine Verlängerung der Regierung Netanjahu. Die Geschichte dieses Konflikts begann weder am 7. Oktober 2023 noch mit der Gründung der Hamas. Das alles sind für mich miteinander vereinbare Feststellungen.
Offenbar habe ich damit etwas geradezu Ungeheuerliches getan: Ich habe mehrere Tatsachen gleichzeitig betrachtet.
Seitdem werde ich von zwei Seiten misstrauisch beäugt, beschimpft und beleidigt. Für die einen bin ich Antisemit, weil ich die israelische Regierung kritisiere, ihre Verbrechen benenne und die Staatsgründung Israels mitsamt Nakba, Vertreibung und Besatzung nicht als makellose Heldengeschichte erzähle. Für die anderen bin ich offenbar Zionist, Genozidverteidiger oder irgendeine weitere Vokabel aus dem politischen Beschimpfungsautomaten, weil ich die Hamas als Terrororganisation bezeichne und mich weigere, den 7. Oktober nachträglich in eine missverstandene Form folkloristischen Widerstands umzudeuten.
Beide Seiten sind enttäuscht von mir.
Und ich frage mich ernsthaft: Was habt ihr eigentlich von mir erwartet?
Dass ich plötzlich eine Fahne auswähle und anschließend nur noch die Toten der anderen Seite sehen kann? Dass ich Terrorismus verharmlose, sobald seine Täter sich auf Palästina berufen? Dass ich Kriegsverbrechen übersehe, sobald sie von einem Staat begangen werden, der sich auf sein Existenzrecht und seine Sicherheit beruft? Sollte ich mein Urteilsvermögen am Eingang abgeben und mich anschließend einer Mannschaft anschließen, deren Aufgabe darin besteht, die eigenen Verbrechen sprachlich zu verkleinern und die gegnerischen möglichst großflächig zu beleuchten?
Falls das eure Vorstellung von mir war, habt ihr meine Texte offenbar mit bemerkenswerter Ausdauer missverstanden.
Ich habe immer analytisch geschrieben. Ich betrachte einen Vorgang, prüfe die bekannten Tatsachen, suche nach Widersprüchen und ziehe daraus meine Schlüsse. Meine einzelnen Prüfschritte sind häufig beinahe binär: Ist eine Behauptung wahr oder falsch? Ist eine Handlung vertretbar oder unvertretbar? Gibt es einen historischen Zusammenhang oder wird gerade ein handlicher Ausschnitt verkauft? Wird derselbe moralische Maßstab auf alle Beteiligten angewendet oder dient Moral lediglich als Vereinswappen?
Aus diesen einzelnen Fragen entsteht ein komplexes Gesamtbild. Die Tiefe liegt in den Zusammenhängen. Die Klarheit liegt in den Antworten.
Genau deshalb folgen mir viele Menschen. Zumindest dachte ich das.
Inzwischen zeigt sich, dass manche meine Denkweise lediglich so lange schätzten, wie sie beim gewünschten Ergebnis ankam. Wenn ich ihre politischen Gegner zerlegte, galt ich als klarsichtig, mutig und unabhängig. Jetzt richtet sich derselbe Blick auf ihre eigenen Überzeugungen, und plötzlich soll genau diese Unabhängigkeit ein moralischer Defekt sein.
Ich habe mich nicht verändert. Mein Gegenstand hat sich verändert.
Ich lege an die Hamas denselben Maßstab an wie an jede andere Organisation, die Zivilisten ermordet, verschleppt und Terror als politisches Instrument einsetzt. Ich lege an die israelische Regierung denselben Maßstab an wie an jede andere Regierung, die zivile Opfer produziert, internationales Recht missachtet und ihre Gewalt mit einem grenzenlos dehnbaren Begriff der Selbstverteidigung rechtfertigt. Ich verweigere beiden Seiten den Anspruch, ihre Opfer als Blankoscheck für die eigenen Taten zu benutzen.
Das ist keine Neutralität. Es ist auch keine Äquidistanz. Ich sitze nicht irgendwo in der Mitte und verteile aus Höflichkeit an beide Seiten dieselbe Menge Kritik. Ich beurteile jede Handlung für sich. Terror bleibt Terror. Ein Kriegsverbrechen bleibt ein Kriegsverbrechen. Ein totes Kind gewinnt keine andere moralische Bedeutung durch die Sprache, Religion oder Flagge seiner Eltern.
Ich lebe weder in Israel noch in Gaza. Ich verfüge über keine persönliche Kriegserfahrung aus dieser Region, keine familiäre Geschichte dort und keinen geheimen Zugang zur absoluten Wahrheit. Ich habe historische Quellen, dokumentierte Ereignisse, politische Entscheidungen und das sichtbare Handeln der Beteiligten. Mehr steht einem Menschen aus Deutschland seriös kaum zur Verfügung. Daraus bilde ich meine Meinung. Mit dem Blick von außen, den ich immer hatte.
Gerade dieser Blick scheint nun das Problem zu sein.
Die einen erwarteten, dass ich aus dem Terror der Hamas irgendwann doch noch Widerstand mache. Die anderen erwarteten, dass ich jede Handlung der israelischen Regierung als bedauerliche Notwendigkeit akzeptiere. Beide wollten keine Analyse. Sie wollten eine Loyalitätserklärung. Eine moralische Dauerkarte für ihren jeweiligen Block, am besten mit eingeschränkter Sicht auf die eigenen Verbrechen.
Ich liefere sie nicht.
Wer Juden mit Netanjahus Regierung gleichsetzt, betreibt dieselbe geistige Verwüstung wie jemand, der Palästinenser mit der Hamas gleichsetzt. Millionen Menschen werden dabei zu bloßen Verlängerungen politischer Führungen und bewaffneter Organisationen erklärt. Ihre individuellen Ansichten, ihr Widerstand, ihr Leid und schließlich auch ihr Tod verschwinden in einer Mannschaftswertung.
Dann wird jeder getötete Israeli zum Argument für die israelische Regierung und jeder getötete Palästinenser zum Argument für die Hamas. Die Toten erhalten nachträglich politische Mitgliedsausweise. Widerstand zwecklos. Sie sind schließlich bereits tot und können der Vereinnahmung kaum widersprechen.
Mit dieser Art des Denkens kann ich nichts anfangen.
Wer mir deshalb Antisemitismus vorwerfen will, darf gehen. Wer mir Terrorismusbefürwortung unterstellen will, darf ebenfalls gehen. Ihr müsst mir keine privaten Rechtfertigungsromane schicken, keine letzten Worte verkünden und mich anschließend blockieren, bevor ich antworten kann. Entfolgen genügt. Still, heimlich und gern ohne Zeremonie.
Eure Enttäuschung sagt wenig über meine Haltung aus. Sie verrät vor allem, welche Form von Gefolgschaft ihr euch von mir erhofft habt.
Ihr dachtet, mein Blick von außen richte sich ausschließlich auf eure Gegner. Ihr habt meine analytische Unabhängigkeit für persönliche Loyalität gehalten. Solange meine Schlüsse zu eurem Weltbild passten, war ich einer von euch. Jetzt entdeckt ihr, dass ich nie einer von euch war.
Ich war die ganze Zeit derselbe.
Der Bedienungsfehler lag bei euch. Die Anleitung lag offen daneben"
"IHR SEID ENTTÄUSCHT, WEIL ICH DERSELBE GEBLIEBEN BIN
Ihr habt meine Unabhängigkeit für Loyalität gehalten. Das war euer Fehler.
Die Hamas ist eine Terrororganisation. Die israelische Regierung ist rechtsradikal und handelt völkerrechtswidrig. Palästinensische Zivilisten sind keine Hamas-Terroristen. Israelische Zivilisten sind keine Verlängerung der Regierung Netanjahu. Die Geschichte dieses Konflikts begann weder am 7. Oktober 2023 noch mit der Gründung der Hamas. Das alles sind für mich miteinander vereinbare Feststellungen.
Offenbar habe ich damit etwas geradezu Ungeheuerliches getan: Ich habe mehrere Tatsachen gleichzeitig betrachtet.
Seitdem werde ich von zwei Seiten misstrauisch beäugt, beschimpft und beleidigt. Für die einen bin ich Antisemit, weil ich die israelische Regierung kritisiere, ihre Verbrechen benenne und die Staatsgründung Israels mitsamt Nakba, Vertreibung und Besatzung nicht als makellose Heldengeschichte erzähle. Für die anderen bin ich offenbar Zionist, Genozidverteidiger oder irgendeine weitere Vokabel aus dem politischen Beschimpfungsautomaten, weil ich die Hamas als Terrororganisation bezeichne und mich weigere, den 7. Oktober nachträglich in eine missverstandene Form folkloristischen Widerstands umzudeuten.
Beide Seiten sind enttäuscht von mir.
Und ich frage mich ernsthaft: Was habt ihr eigentlich von mir erwartet?
Dass ich plötzlich eine Fahne auswähle und anschließend nur noch die Toten der anderen Seite sehen kann? Dass ich Terrorismus verharmlose, sobald seine Täter sich auf Palästina berufen? Dass ich Kriegsverbrechen übersehe, sobald sie von einem Staat begangen werden, der sich auf sein Existenzrecht und seine Sicherheit beruft? Sollte ich mein Urteilsvermögen am Eingang abgeben und mich anschließend einer Mannschaft anschließen, deren Aufgabe darin besteht, die eigenen Verbrechen sprachlich zu verkleinern und die gegnerischen möglichst großflächig zu beleuchten?
Falls das eure Vorstellung von mir war, habt ihr meine Texte offenbar mit bemerkenswerter Ausdauer missverstanden.
Ich habe immer analytisch geschrieben. Ich betrachte einen Vorgang, prüfe die bekannten Tatsachen, suche nach Widersprüchen und ziehe daraus meine Schlüsse. Meine einzelnen Prüfschritte sind häufig beinahe binär: Ist eine Behauptung wahr oder falsch? Ist eine Handlung vertretbar oder unvertretbar? Gibt es einen historischen Zusammenhang oder wird gerade ein handlicher Ausschnitt verkauft? Wird derselbe moralische Maßstab auf alle Beteiligten angewendet oder dient Moral lediglich als Vereinswappen?
Aus diesen einzelnen Fragen entsteht ein komplexes Gesamtbild. Die Tiefe liegt in den Zusammenhängen. Die Klarheit liegt in den Antworten.
Genau deshalb folgen mir viele Menschen. Zumindest dachte ich das.
Inzwischen zeigt sich, dass manche meine Denkweise lediglich so lange schätzten, wie sie beim gewünschten Ergebnis ankam. Wenn ich ihre politischen Gegner zerlegte, galt ich als klarsichtig, mutig und unabhängig. Jetzt richtet sich derselbe Blick auf ihre eigenen Überzeugungen, und plötzlich soll genau diese Unabhängigkeit ein moralischer Defekt sein.
Ich habe mich nicht verändert. Mein Gegenstand hat sich verändert.
Ich lege an die Hamas denselben Maßstab an wie an jede andere Organisation, die Zivilisten ermordet, verschleppt und Terror als politisches Instrument einsetzt. Ich lege an die israelische Regierung denselben Maßstab an wie an jede andere Regierung, die zivile Opfer produziert, internationales Recht missachtet und ihre Gewalt mit einem grenzenlos dehnbaren Begriff der Selbstverteidigung rechtfertigt. Ich verweigere beiden Seiten den Anspruch, ihre Opfer als Blankoscheck für die eigenen Taten zu benutzen.
Das ist keine Neutralität. Es ist auch keine Äquidistanz. Ich sitze nicht irgendwo in der Mitte und verteile aus Höflichkeit an beide Seiten dieselbe Menge Kritik. Ich beurteile jede Handlung für sich. Terror bleibt Terror. Ein Kriegsverbrechen bleibt ein Kriegsverbrechen. Ein totes Kind gewinnt keine andere moralische Bedeutung durch die Sprache, Religion oder Flagge seiner Eltern.
Ich lebe weder in Israel noch in Gaza. Ich verfüge über keine persönliche Kriegserfahrung aus dieser Region, keine familiäre Geschichte dort und keinen geheimen Zugang zur absoluten Wahrheit. Ich habe historische Quellen, dokumentierte Ereignisse, politische Entscheidungen und das sichtbare Handeln der Beteiligten. Mehr steht einem Menschen aus Deutschland seriös kaum zur Verfügung. Daraus bilde ich meine Meinung. Mit dem Blick von außen, den ich immer hatte.
Gerade dieser Blick scheint nun das Problem zu sein.
Die einen erwarteten, dass ich aus dem Terror der Hamas irgendwann doch noch Widerstand mache. Die anderen erwarteten, dass ich jede Handlung der israelischen Regierung als bedauerliche Notwendigkeit akzeptiere. Beide wollten keine Analyse. Sie wollten eine Loyalitätserklärung. Eine moralische Dauerkarte für ihren jeweiligen Block, am besten mit eingeschränkter Sicht auf die eigenen Verbrechen.
Ich liefere sie nicht.
Wer Juden mit Netanjahus Regierung gleichsetzt, betreibt dieselbe geistige Verwüstung wie jemand, der Palästinenser mit der Hamas gleichsetzt. Millionen Menschen werden dabei zu bloßen Verlängerungen politischer Führungen und bewaffneter Organisationen erklärt. Ihre individuellen Ansichten, ihr Widerstand, ihr Leid und schließlich auch ihr Tod verschwinden in einer Mannschaftswertung.
Dann wird jeder getötete Israeli zum Argument für die israelische Regierung und jeder getötete Palästinenser zum Argument für die Hamas. Die Toten erhalten nachträglich politische Mitgliedsausweise. Widerstand zwecklos. Sie sind schließlich bereits tot und können der Vereinnahmung kaum widersprechen.
Mit dieser Art des Denkens kann ich nichts anfangen.
Wer mir deshalb Antisemitismus vorwerfen will, darf gehen. Wer mir Terrorismusbefürwortung unterstellen will, darf ebenfalls gehen. Ihr müsst mir keine privaten Rechtfertigungsromane schicken, keine letzten Worte verkünden und mich anschließend blockieren, bevor ich antworten kann. Entfolgen genügt. Still, heimlich und gern ohne Zeremonie.
Eure Enttäuschung sagt wenig über meine Haltung aus. Sie verrät vor allem, welche Form von Gefolgschaft ihr euch von mir erhofft habt.
Ihr dachtet, mein Blick von außen richte sich ausschließlich auf eure Gegner. Ihr habt meine analytische Unabhängigkeit für persönliche Loyalität gehalten. Solange meine Schlüsse zu eurem Weltbild passten, war ich einer von euch. Jetzt entdeckt ihr, dass ich nie einer von euch war.
Ich war die ganze Zeit derselbe.
Der Bedienungsfehler lag bei euch. Die Anleitung lag offen daneben"
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