Sonntag, 26. November 2017
Der linke Reichsbürger
Jener Beitrag bei Bersarin

https://bersarin.wordpress.com/2017/11/23/theorie-die-praktisch-wird-thomas-wagner-die-angsmacher/#comment-12712


macht bei mir wach, in welchen Kontexten Theoriediskurse in den Sechzigern bis Achtzigern sich bewegten. Dass Neue Linke und Neue Rechte bestimmte Schnittmengen hatten ist richtig, das geht aber noch viel weiter. In der alten Friedensbewegung, also der Anti-Atomraketenbewegung von 1980 bis 1985 gab es eine Strömung, die sich einsetzte für eine atomwaffenfreie Zone in Westeuropa und für einen gesamtdeutschen Neutralismus. Parolen wie "Besatzer raus!" und "Raus aus der NATO, rein ins Vergnügen!" einten antiimperialistische Linksradikale und Nationalrevolutionäre. Ein früherer enger Genosse von mir vertrat schon 1984 die Position, dass die DDR bald zusammenbrechen würde und forcierte die Forderung, dass die Linke das Thema deutsche Wiedervereinigung für sich entdecken müsste. Die Friedensbewegung, damals mit Anti-AKW-Häuserkampf- und Bürger/Menschenrechtsbewegung eng verzahnt brachte damals Hunderttausende auf die Straße und war die größte und stärkste demokratische außerparlamentarische Massenbewegung der westdeutschen Geschichte. Er kam aus einem explizit linksextremen Umfeld - Sympathisant der Bewegung 2. Juni, Haschrebell - und wollte seinen Hintergrund integrieren in eine Stoßrichtung, die auf deutsche Wiedervereinigung verbunden mit einem deutschen Friedensvertrag und einer neuen Verfassung anstelle des Grundgesetzes ("Wiedererlangung der nationalen Souveränität, Ende des 4-Mächte Status") hinauslief. Und auf ein neutrales oder blockfreies vereinigtes Deutschland, das sowohl demokratisch als auch sozialistisch und ohne Militärbasen fremder Mächte sein sollte ("Der imperialistischen Kriegsmaschinerie die Aufmarsch- und Operationsbasis in Europa weghauen"). Sein Ziel war es, der Friedensbewegung diese Ausrichtung zu geben. Dafür wurde er, besonders von Antifas, extrem angefeindet als angebliches rechtes Uboot in der linken Szene. Tatsächlich leistete er Großes, schleuste etwa geheime Dokumente, die die Beteiligung von Bullenspitzeln an linken Scherbendemos belegten und Papiere aus NATO-Stäben, aus denen hervorging, dass ab 1988 der Islam als neues Feindbild gezielt aufgebaut wurde und Huntigton da zu den Lohnschreibern gehörte in die linke Szene. Gedankt wurde ihm das nicht.

Viel später fragte er nach seiner Stasi-Akte, erfuhr, dass es eine Solche gäbe, und als er bei der Birthler-Behörde vorstellig wurde teilte man ihm mit, dass die sich jetzt in Moskau befinde, in der Lubjanka.

... comment

 
derartige "deutschlandpolitische" Positionen wurden im Uebrigen auf die eine oder andere Weise von den meisten groesseren K-Gruppen (ausser KB und KBW), einige trotzkistische Gruppen (LambertistInnen, heute in der SPD begraben sowie eine Fraktion der KJO Spartacus), teilweise von einigen in SB und Umfeld (Dutschke) vertreten

... link  

 
Auf Dutschke bezog er sich auch sehr explizit. Schon interessant, dass damals absolut systemspregende Grundausrichtungen die Linke bewegten und heute so gar nicht mehr. Zumindest nicht in dem Sinne, dass die auf eine konkrete Utopie und eine Auseinandersetzungsfront mit dem Faktischen auf einer unmittelbar staatsrechtlichen Ebene hinausliefen. Die Gender/CW/Gmbh+Co-Linke ist ja ohne Weiteres in bestehende Staatsordnungen integrierbar, solche Positionen sind es definitiv nicht. Ich finde es schon witzig wenn ich heute zu lesen kriege, Linke hätten ein Problem damit, dass "saubere Lebensläufe" angesagt seien. Zu meiner wilden Zeit gehörten Strafverfahren wegen staatsfeindlicher Taten in jeden linken Lebenslauf zur Streetcrebility. Wer die nicht vorweisen konnte gehörte nicht dazu.

... link  

 
"Ich finde es schon witzig wenn ich heute zu lesen kriege, Linke hätten ein Problem damit, dass "saubere Lebensläufe" angesagt seien."

Da das von mir kam, das wollte und will ich nicht nur gegen eine Kulturlinke verwendet wissen, die oft desinteressiert an der Kritik und dem Kampf der wirtschaftlichen Verhältnisse ist, sondern mindestens genauso gegen eine verbürgerlichte deutsche Linke, traurige Ex-Linke, Ches und Bersarins, Sozialdemokraten, Alt- und Neokonservative.

... link  

 
Wie Du das meintest, mein Gutester, war mir schon klar, nur würde ich mich weder als verbürgerlicht noch als traurig oder Ex betrachten. Eher als jemand, der unter sehr verschärften Bedingungen - Schuldendruck, existenziell schwierige Lebens- und Arbeitsbedingungen und räumliche Trennung von meiner alten Szene den Kampf noch immer fortsetzt. Meine abschätzige Sicht auf die von Dir in sehr knappen Worten gut gekennzeichnete Kulturlinke hat dabei freilich einen exorbitanten Stellenwert.

... link  

 
oh, shit, da komme ich schon aus einer für DDR-Verhältnisse "bürgerlichen" Schicht (kirchliche Dynastie, notgedrungen mit Staat kooperierend), die Re-Verbürgerlichung, BRD-mäßig, einfach zwei Generationen lang nicht geschafft habend, während andererseits die sog. Kultur-Linke, für jemanden wie mich, der ich die hamburger Obdachlosen, OFW- und sogar Junkie-Szene (nicht zu sprechen von irgendwelchen suizidalen, im Wald lebenden Psychotikern) über Jahrzehnte studiert habe, einfach zu unkultiviert ist, ja, was dann ? Bleibt dann wirklich nur die anachronistische Option der Selbst-Rechristianisierung, - immerhin nicht so "kulturlos"?

Es ist vielleicht eine alberne, romantische Idee, Zugewandtheit zu kultivieren, wenn es dir immernoch recht gut geht, zu diesem einen Menschen, wenn du das wenigstens noch hinkriegst. Ich verstehe, mit "links" direkt hat das wenig zu tun.

Verweise auf Bloch ? (von wegen Christentum?) Ach, lass es, ich kenne doch diese Familien, wo zuerst bei Bloch, dann bei Heidegger studiert wurde, nur um dann Grundschulkunsterzieher zu werden ... (und dann west-reich zu heiraten).

Ich glaube, die sog. "Kultur"-Linke ist alles andere als "kultiviert". Manche tragen diese Attribut gerne vor sich her. Aber nur, um im Dumpfbacken-Rechtssumpf fischen zu gehen. Die neuerlichen subversiv-affirmativen Strategien der "neuen Rechten" versuchen doch nur die wirkliche Kulturlosigkeit der "Kulturlinken" offenzulegen - indem sie sich ebendieser Strategien bedienen.

Dümmer geht es also nicht: sich zugleich "kultiviert" und neurechts (aber irgendwie noch links) zu geben.

Ich fühle mich einsam. Alle Menschen, die ich bewunderte, weil sie mit übergroßem Heldenmut gegen ihr unvermeidliches Ende, seien es die Sozialgesetzgebungen oder eine schwere psychische Erkankung oder einfach echte Armt, ankämpften, fast alle, sind gestorben.

... link  

 
"Dümmer geht es also nicht: sich zugleich kultiviert und neurechts (aber irgendwie noch links) zu geben."

Ja.

... link  

 
Das, Ziggev, umreißt auch etwa die sozialen Differenzen, zwischen denen ich mich bewege und einstmals bewegte: Sielwall-Punks, viele davon drogenabhängig, Flüchtlinge mit Guerrilla-Biografie und Foltererlebnissen, psychisch schwer angeschlagene Dropouts auf der einen Seite und die cleanen, straigt kleinbürgerlich sozialisierten, moralinsauren Inner-Circle-Akadamikerlinken auf der anderen, und ich zwischen beiden Milieus pendelnd und vermittelnd, irgendwann in die bodenständige nichtuniversitäre Fraktion abgebogen, jobbedingt später mit dieser nur noch über gelegentliche aber konsistent gepflegte Kontakte verbunden und nicht mehr in ihr lebend.


Der elitäre Dünkel der universitären Szenelinken, der im Kern zum großen Teil aus Angst vor dem näheren Kontakt zu Unterschichtsangehörigen oder Geflüchteten sich speiste ist mir lebhaftestens in Erinnerung und trieb mich dereinst aus dieser Gesellschaft hinaus. Die Äußerung dieses Bruches war ja Anlass des Bruches von Momorulez mit mir und den Meinigen, wobei er den Zusammenhang überhaupt nicht verstand.


In meinem Roman "Wahnsinn und Verstand" ist das sehr ausdifferenziert dargelegt.

... link  

 
... ist das der Roman, den Du mir mal zuschicktest? Ich vermute ja, das dem so ist. Sorry, ich war zu der Zeit dann doch etwas überlastet, um eine "qualifizierte" (soweit ich das sagen darf/kann) Kritik dir mal zuzuschicken. Ein paar sehr schöne erzählerschere Ansätze (ich denke an Joseph Conrads "Lord Jim"): Jemand lehnt sich im Korbsessel zurück (auf einer Veranda in far-east oder anderem Setting, wo bei Zigarre und Whiskey, Zeit verstreichen lassend, sich gegenseitig, die Erinnerungen vorbeiziehen lassend, Geschichten erzählt werden) und, das ist dann die Rahmenhandlung, so werden dann abwechselnd in der Runde die Geschichten erzählt.

Das kommt an einigen Stellen durch und ganz gut rüber. - Aber teilweise, besonders am Anfang, kontrastiert das (formal!) mit der filmischen Darstellung der harten Schnitte, die wie in Montage aneinandergereiht werden. Für eine filmische Umsetzung müsste also das imho durchaus angelegte erzählerische Moment, also die Situation, dass sich jemand erinnert, in eine solche Rahmenerzählung eingearbeitet werden.

Der Anfang war also für mich wie in einem Heavy Metal Comic in harten Schnitten, ohne lange Erklärungen, "das ist Maja, Maja hat gefärbte Haare und trägt Springerstiefel ...", und der Schnitt auf jemanden, der da wirklich (wie die Geschichte von Lord Jim, die natürlich von Anfang an eine tragisches ist) erzählt, fast wie eine Rückblende.

Erzählerisch habe ich aber diese Rückblende (aus einer Rahmenhandlung heraus?) etwas vermisst. Stehe halt eher auf Erzählung denn auf Film. Dadurch könntest Du auch im Subtext oder explizit einarbeiten, wie sich diese Erinnerung anfühlt, oder wie Dein letztliches moralischen Urteil aussieht !

Der elitäre Dünkel der universitären Szenelinken, von dem du sprichst, deckt sich in meinen Augen mit der Kulturferne und kulturellen Substanzlosigkeit der späteren, sog. "Kultur-Linken".

Aus reiner Ahnungslosigkeit versuchen dann einige, die vermeinen, sich ein gewisses "kulturelles Kapital" angeeignet zu haben (was wirklich nur solche idiotischen, sog. "kultur-Linken" glauben können, die vermeinen, ein Hegel- oder Heidegger-Zitat würde solches bereits ausweisen), sich mit "konserativem" Posing wichtig zu tun - sehr, sehr peinlich.

Im Gegensatz dazu und zu mir kannst Du hier wirklich eine Geschichte erzählen ...

... link  

 
Das ist der hier:

https://www.renneritz-verlag.de/wahnsinn-und-verstand.html

... link  

 
Naja Ziggev das Privatgelehrtentum mag auch gerade angesichts der deutschen Verhältnisse verlockend sein, aber die Welt wird dadurch nicht zu einem besseren Ort und das Fass ist schon lange übergelaufen, wie jemand mit Ahnung von Geschichte weiß.

... link  

 
@ che, da habe ich ja wirklich etwas, die Veröffentlichung, verpasst ! Und wo ich jetzt eben die beiden Kritiken der hf-twins durchgelesen habe, ist mir - allerdings zugegebenermaßen jetzt erst - auch der Bezug zu unserem obigen Gespräch gewissermaßen nachträglich deutlich, konkret und umso klarer geworden. Da haben sich die beiden ja nun wirklich nicht lumpen lassen - und Hartmut ohnehin sich nie gescheut, seine Perspektive(n) deutlich zu machen ...

Ich kann aber bestätigen, da ich Wahnsinn und Verstand ja kostenfrei lesen durfte, dass die inhaltlichen Angaben und die interpretativen Momente dieser positiven Kritiken sich originalgetreu an das Material, das mir zu Verfügung stand, gehalten haben.

fand ich echt klasse, diese Kritiken zu lesen, da ich ja die Haltungen der beiden hf´s doch recht gut kenne; ich glaube also beurteilen zu können: dass sich nicht da welche selbstgerecht dein Material verzweckungsmäßig aneignen. Tatsächlich bekomme ich nun - über die Drittwahrnehmung - gewissermaßen einen Zugang zu den Aspekten von Wahnsinn und Verstand, also der Story, dem Plot usw. Der ganze Plot, die Verwicklungen, ersteht jetzt - ich zögere, zu sagen: erneut - vor meinem inneren Auge auf.

"Ein Schelmenroman? Sicher doch - ...", so Hartmut. Und als Schelmenroman imho gelungen ! Damit hattest du mich selbstverständlich von Anfang an eh auf Deiner Seite !!! Hier mein Blog zu Grimmelshausen, Dreißigjähriger Krieg, antimilitaristische Erziehung usf:

https://wortanfall.wordpress.com/2016/10/23/erinnerungen-an-den-vater-der-dreissigjaehrige-krieg-und-die-folgen/

(die Audio-Dateien sind noch da; könnte Dich ja möglw. interessieren)

Aber zurück zu deiner Story, deiner Geschichte, die natürlich nicht nur deine war: zur Zeit des Geschehens (wie in Wahnsinn und Verstand geschildert), zu der Zeit, als Hartmut sich eine gewisse Feigheit (und dann der Lebenslauf?) eingestand, - zu der Zeit war ich 14 ! Poppenbüttel (Punker-Hochburg zu jener Zeit) war nicht fern und mein Nachbar (kommunistischer Eltern) selben Alters erzählte mir von der "Solidarität" auf den Hafenstraßen-Demos. Direkt hörte ich das zum erstem Mal. (Die Mutter hatte aber einen Flügel in der Mietwohnkaserne und "teilte" die "Liebe zur Klassischen Musik" mit meinem Vater - irgendwie war alles erlaubt.)

Außer einer längst vergessenen Kindheitserinnerung (die Lektionen meines Vater über den Dreißgjährigen Krieg) und dass mir erklärt worden war, dass es sich bei Marx lediglich um eine akkurate Erkenntnis handelte (mehr verstand Vatern auch nicht davon) war ich politisch natürlich vollkommen unbemittelt !

Um es kurz zu machen, es stellte sich mir mit 14 die Frage, die Hartmut so viel elaborierter sich damals bereits zu stellen vermochte: "konsequent wäre es ja jetzt, Punk zu werden - aber ist das jetzt wirklich authentisch - ?" - Eine Ausreißerin, max. 2 Jahre älter als ich (fast wäre es u. 12 zu Doctorspielen gekommen ...), hatte es ja versucht, war aber irgendwann, krank, zurückgekommen, was durch Erziehungsberechtigte doch relativ kalt abgehandelt worden war - ich traf sie später wieder: sie ist immer wieder an Männer geraten, die sie misshandelten.

Um es popmusikalisch auszudrücken (es ist klar, dass ich einknickte), ich stand zw. Dead Kennedys - die ich bis heute absolut bewundere - Ideal - es war 1982 -, den Allman Brothers (wer sich auskennt, weiß, wie bedeutend die sind), Antonio Carlos Jobin, den Klassikern, J. Joplin, C. Berry, J. Hendrix, die ich gerade Ton-für-Ton auswendig zu erlernen mich bemühte, den Jazz-Leuten, die gerade eminent in Free Jazz machten, Throbbing Gristle, Talking Heads, einem Musik-Lehrer, der Stockhausen-Experte war, zugleich aber Abba-Fan ... der andere Lehrer kam gerade aus Rom von der Audience beim Papst mit seinem Chor zurück, aber nie uns mit elitärem Kram nervte ... die Entscheidung fiel nicht schwer.

oh, man, das ist hier politisches Blog. Aber ich hatte das Glück, solche brillanten Musik-Lehrer gehabt zu haben, angefangen mit meinem Bruder, der wieder seine Berry und Janis-Kenntnisse (also die absoluten Klassiker) von jenem SPIEGEL-Chefredakteur-Sohn gelernt hatte, der seinerseits total vernachlässigt worden war (wir fragten uns immer, ob der je eine Schule besucht hatte ...), und der zu uns untere Mittelklasse-Familie immer nach der Schule, die er nie besuchte, zum Essen kam.

Also, ich knickte ein. Ich wurde kein Punker. Und wenn Hartmut, den ich nicht nur seiner rhetorischen Brillanz wegen schätze, sondern auch wegen seiner (philosophischen) Urteilsfähigkeit, "uns" charakterisiete als "adorno/nietzsche-affine, linksbürgerliche Ästheten, Philosophen, Künstler«, so traf für mich "Künstler" jedenfalls zu.

Ich war aber 14 (und es war 1982)! Und in dem Moment wollen mir irgendwelche Leute mit ihren theoretischem Blabla irgendwas erklären ?

Und genau zu diesem Zeitpunkt kamen die Leute mit ihrer intellektualistischen Selbstgerechtigkeit.

Es kotzt mich bis heute an.

... link  

 
@ lacommune - schon auf den ersten c.a. 30 Seiten macht Thukydides unmissverstädlich klar, dass, wenn es überhaupt einen Unterschied gegeben haben sollte zw. den Hellenen und den "Barbaren", der nur mühselig konstruiert werden müsste.

ich habe manchmal das Gefühl,dass, wenn man sich auch nur oberflächlich für die historischen Fakten interessiert, dass man dann - far out! - schon an Anarchist gilt!

... link  

 
- aber rein formell - imho - lässt der Roman alles offen:

Wir haben alles:
Die zuckende Kameraperspektive
Die Rahmenhandlung
Im Detail - das Drama
Den Krimi
Die Räuberpistole
Die Reflektion

Einfach nur jeweils aufschlüsseln - zuende Erzählen (oder gerade das eben nicht, .... noch genug für Platz für Variationen)

also, ach man, geschenkt, wenn du die Geschichte zuendeerzählt hast, sind das für den Anfang c.a. 100.000 € - unter der Voraussetzung, dass Du mit diesen grenzdebilen, die für das derzeitige TV-Programm verantwortlich sind, zusammenzuarbeiten dich bereit erklärst. Ich habe die Bergpredigt gelesen, ich würde dir verzeihen !

... link  

 
stellte sich als nicht zutreffend heraus
@ lacommune

oder mit anderen Worten: ich konnte Deinen letzten Kommentar nicht richtig einordnen, verstehe nicht ganz, worauf Du Dich beziehst, was Du meinst usw.

abgesehen von meiner "ehrenhafigen" Tätigkeit als Sprach-helf-Lehrer für Flüchtlinge sehe ich keine Chance für mich als Privatgelehrter.

für das betreffende Feld kann ich aber mit Nachruck sagen, dass da keine Fässer "überlaufen". Es ist eher so, dass da massenhaft Flüchtlinge zu den besser ausgebildeten Pädagogen überlaufen, einfach weil sie die Grundlagen unserer Sprache verstanden haben.

Wo ich tätig bin: das sind eher Leute, die zum ersten Mal eine Schriftsprache lernen (zu schreiben), da geht es echt um Alphabetisierung, und/oder Frauen, die aus ihren Familien jetzt erst nachrücken, vielleicht weil sie die Kinderpflege hinderte, oder, was nicht auszuschließen ist, weil eine Art Macho-Kultur sie daran zuerst gehindert hat. - Aber immer, wenn ich solches argwöhnte, stellte es sich als nicht zutreffend heraus.

... link  

 
Ne das war noch zu deinem ersten Beitrag in dem Faden gemeint, der Rückzug in das Private tut der eigenen Fähigkeit zur Kritik der Verhältnisse nicht gut, der K-Gruppe-Lesekreis ist sowas wie die erweiterte Version von Rückzug in das Private. Das Fass läuft über, ein Bild, die Menschheitsgeschichte war bisher eine von Herrschaft und ein furchtbares Schlachtfest, es muss endlich mal damit Schluss sein, mit der Meinung ist man "- far out! - Anarchist".

... link  

 
das Prinzip (er)kennen !
@ lacommune

- nja: wo du oben von der in Deutschland eher möglichen und damit möglichen Verlockung zum Privatgelehrtentum sprichst, so müssen wir, glaube ich, sehen, inwieweit das den Rückzug ins Private bedeutet ...

Da wäre dann der Gelehrte, der Privatmann bleibt, - nicht fern wäre der Dilettant (übrigens ein antikes Ideal des umfassend gebildeten Menschen - alles n bisschen, nix so richtig) ...

Zu Goethen gleich noch was, - ich denke aber auch an den Geologen Darwin, der in Biologie dilettierte, dann über Jahrzehnte sich im Fach übte, und dann doch ziemlich Wirkung hatte. Da wäre aber auch Marx, der als Philosoph eine ganze Wirtschaftstheorie aus dem Boden stampfte (mit entsprechenden empirischen Forschungen usw.).

Auf diese Weise "Privatgelehrter" maximal weit gefasst, ließe sich die Liste immer noch fortführen. Pythagoras, Heraklit, Parmenides aber auch Diogenes von Sinope waren "Privatgelehrte", "Dilettanten" (im Gegensatz zu Aristoteles, Archimedes oder dann wohl auch Platon).

Die Voraussetzungen für deren jeweilige "Lehrtätigkeit" zu beleuchten und 'ideologiekritisch' - so heißt es wohl - zu analysieren, muss ich wohl anderen überlassen (Sklavenhalter- bzw. bürgerliche Gesellschaft).

Wo ich gerade ´bei bin: immer wieder bildeten sich sektenartige Anhängerschaften. Pythagoras trat durchaus als spiritueller Lehrer auf oder wurde als solcher angesehen, ähnliches können wir von Heraklit bzw. Parmenides sagen. Wittgenstein mit seinen Einsideleien; aber auch Heidegger, der sich unnötigerweise wiederum mit seinem nihilistischen Zeitbegriff ausschließlich auf Bergson bezog (wieder so einer, der ad hoc mit seiner Theorie als "großem Wurf" aufwartete).

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Anders Goethe, dessen Farbenlehre vollkommen folgenlos blieb und der sich als Geheimrat in Weimar absichtlich von staatlichen akademischen Einrichtungen fernhielt, lieber sich auf "persönliche Beziehungen" (zum Adel) verließ ; machte sich heftig über die schwärmerische "Begeisterung" im Zuge der Befreiungskriege (gegen Napoleon) lustig und verspottete die Freiwilligenarmee von "begeisterten", national gestimmten Studenten - die dann tatsächlich auch militärisch unter ferner liefen fast völlig wirkungslos blieben.

In diesen Punkten hat er wenigstens die gesellschaftlichen Zustände treffend analysiert. Er genoss einfach seine ihm mögliche nihilistische Über- bzw. Unparteilichkeit. (mir doch egal, ihr mit euren blöden politischen Gruppen!)

Zum Rückzug ins Private: Die Identitären propagieren und führen ostentativ sowas vor ("alte Werte", Familie und dergl.), was nicht an politischer Propaganda hindert. Das müsste ja eigentlich ein Widerspruch sein.

- Was aber wiederum subversive Affirmation des konsequenten und unter der Hand implizierten reaktionären Konservativismus der sog. "Kultur"-Linken ist. Ich nenne jetzt keine Namen, aber einige fallen darauf rein, und fallen ohne Umstände um von einem wenigstens noch oberflächlichen linken Stil zum blanken Reaktionären.

Kultur-Rechts: ganz selbstverständlich fragt man, inwiefern es sich um reaktionäres Gedankengut handelt.

Aber "Kultur"-Links? Hier glauben sich (ehem.) links gebende (innerlinks) zu kritisieren oder ein bisschen rumzunerven; die betreiben aber ohne es zu merken die subversiv-affirmative Strategie der Ultra-Rechten.

Denn "man müsse wieder sich die eigene Kultur aneignen" - diese pricipio principii kann nur formulieren, wem sie - eben diese oder irgendeine infrage stehende Kultur - abgeht. Qua Forderung ist diese Erfordernis ja bereits erwiesen. Was dann ostentativ vorgeführt wird, zeigt eben genau das, was Kultur nicht ist.

Das ist, wie wenn jemand die Behauptung, der Wille sei nicht frei, damit begründete, die Ergebnisse, zu denen er gekommen sei, zwängen ihn zu dieser Behauptung. Verantwortung für die Folgen der resultierenden Gesetzgebung könne er aber nicht übernehmen, denn sein Wille sei nicht frei gewesen, als er zu dieser Behauptung gezwungen worden sei.

Kultur kann also unmöglich etwas sein, dass ich mir als unhinterfragbar und Eigenes und unveränderlich festgelegtes aneignen oder in mich aufnehmen muss. Demgemäß muss also der kulturelle Aneignungsprozess die notwendige Variabilität und Hinterfragbarkeit des Anzueignenden hinreichend reflektieren. Ich schrieb eben extra "kulturelle Aneignungsprozess". Klar: ein solcher reflektierter Prozess wäre selber natürlich "Kultur".

Das hört sich ziemlich vage und unsicher an. In Wirklichkeit haben wir es aber eher mit einem konservativen Kulturbegriff zu tun. Denn diese Aneignung erfordert langes Suchen, Ausprobieren, Auswählen, also ernsthafte Beschäftigung mit den Ergebnissen eben solcher Such-, Wahl- und Auwahlprozessen, die die sich "Bildenden", die Vorgänger eines solchen Prozesses, hinterlassen haben. - Allerdings kann eins da natürlich auch seine Überraschungen erleben !

Wenn ich eben von einem reflektierten Prozess der Aneignung schrieb, so würde ich dies als "Regel" bezeichnen - im Gegensatz zur "Vorschrift", die als material festgezurrte Handlungsanweisung schlicht zu befolgen wäre.

Meine Regel hat also das Ziel, die oben erwähnte petitio principii zu vermeiden, die in jener vermeindlich konservativen Forderung beschrieben ist, welche letztere aber eben lediglich auf Vorschriften hinausläuft. (Der Einschub desh., weil es ja z.B. "Ordensregeln" wie die der Pythagoreer gegeben hat.)

Wenn nun aber für eine partiküläre Moral etwa die Regeln, die eine Subkultur sich ja geben kann, durch Vorschriften, also materiale Handlungsanweisungen, ersetzt werden (oder dabei die Frage nach der jew. Subkultur u. deren Regeln gar nicht mehr gestellt wird), so würde das, was ich oben als "kulturellen Aneignungsprozess" skizziert habe, empfindlich gestört, wenn nicht ad absurdum geführt werden. Wir hätten eine Moral ohne Kultur. Schlimmer noch: wir hätten eine "Moral" - gerne werden dann Vokabeln wie "pietistisch", "moralinsauer" gebraucht -, die überhaupt gar keine wie auch immer geartete "Kultur" entstehen lassen erlauben würde. Die Regel würde lauten: Vorschriften ja, aber Kultur nein!

Und natürlich würden sich immer Dogmatiker finden, die, angeblich zum Erhalt dieser Sub"kultur", in Wahrheit aber aus Machtstreben, immer vehementer auf immer restriktivere Vorschriften pochen würden!

Meine Argumentation ist also vorderhand die, dass die Begebnisse in "linken" Szenen, über die hier im Blog mehrfach Beschwerde geführt worden ist, auf Kulturlosigkeit und Unbildung zurückzuführen sind. (Wobei die Negationen beider letzterer im Ansatz ja relativ leicht zu haben sind; Bildung und Kultur müssen ja, damit sich nicht ausbilden, erst brutal unterdrückt werden!)

Zweitens müssen diese bedauerlichen Prozesse, von denen hier immer wieder zu lesen ist, jedoch beinahe unvermeidlich eintreten, wenn eine universalistische Moral infolge von postmodernem Relativismus aufgegeben wird. - Wenn wir davon ausgehen, dass Moral etwas mit Kultur zu tun hat: also nicht "vorschreibungspflichtig" ist.

Mein Relativismus besteht hier lediglich darin, dass ich eine universalistische Moral vertrete, die logische Inkonsistenzen wie eine principio principii zu vermeiden hat. Diese Regel wiederum sehe ich als kulturelle Errungenschaft an. Es reicht aber an dieser Stelle m.E. völlig aus, sie bloß nur zu kennen.

Du musst das Prinzip einer universalistischen Moral nur einmal versanden haben. Dann hast du wie Goethe für solche szenelinken Verwerfungen nur noch Hohn und Spott übrig - ob du nun moralisch oder unmoralisch bist oder nicht, ob du nun einen Begriff von richtig und falsch hast oder nicht.

... link  

 
Der relative Wohlstand macht es in Deutschland eher möglich, ja, aber es war eher eine Spitze gegen den Deutschen an sich, ein antideutscher Existenzialismus.

Mir sind viele die sich als emanzipatorische Avantgarde halluzinieren in ihrer Existenz einfach zu naiv. Sie reflektieren nicht auf ihre eigenen Voraussetzungen, was nicht gleichbedeutend mit einem Büßertum, moralinsauer etc. ist (was es ja gibt), die übliche denkfaule Abwehr, aber wollen gleichzeitig Avantgarde sein. Adorno: "Das Subjekt ist die Lüge, weil es um der Unbedingtheit der eigenen Herrschaft willen die objektiven Bestimmungen seiner selbst verleugnet [...]" Und ein bisschen konservativ bin ich ja auch, ob nun Revolution oder Transformation, gewisse Fähigkeiten dafür lernt man im Lesekreis nicht, flapsig gesagt.

... link  


... comment