Montag, 20. Juli 2026
Mann mit kompletter Querschnittlähmung kann nach Tauchunfall wieder fühlen und greifen – dank neuartigem Kombisystem mit Brain-Computer-Interface
che2001, 16:31h
Michael van den Heuvel, Medscape
20. Juli 2026
Ein 42-jähriger Mann mit einer kompletten Querschnittlähmung ab dem 4. Halswirbel kann dank eines neuartigen Hirn-Computer-Systems wieder selbstständig essen, ein rohes Ei greifen, ohne es zu zerdrücken, und sogar die Hand seiner Schwester spüren. Möglich macht dies ein System, das US-Forscher als „Double Neural Bypass" bezeichnen – eine doppelte neuronale Umgehung, die Bewegungsabsichten direkt aus dem Gehirn ausliest und gleichzeitig verlorenes Tastempfinden zurückbringt. Bemerkenswert ist, dass ein Teil der erzielten Verbesserungen selbst dann bestehen bleibt, wenn das System ausgeschaltet ist. Veröffentlicht wurde die Studie in Nature Medicine.
Brain-Computer-Interface lässt gelähmten Mann wieder fühlen und greifen
Der Patient Keith Thomas zusammen mit dem Forschungsteam der Feinstein Institutes for Medical Research von Northwell Health. Über mehrere Monate hinweg arbeitete das Team eng mit ihm zusammen, um die Bewegungsfähigkeit sowie das Tastempfinden in seinem Arm und seiner Hand teilweise wiederherzustellen.
„Ich sehe das Hauptziel der Studie im Nachweis der grundsätzlichen Machbarkeit des Ansatzes einer per Brain-Computer Interface (BCI) kontrollierten Orthese mit biomimetischer sensibler Rückmeldung“, erklärt Prof. Dr. Rüdiger Rupp vomUniversitätsklinikum Heidelberg gegenüber dem Science Media Center Germany. „Es geht aus meiner Sicht weniger darum, zu zeigen, dass ein Nutzer mehr Unabhängigkeit bei Alltagsaufgaben gewinnt.“
Zu einer ähnlichen Bewertung kommt Prof. Dr. Surjo R. Soekadar, Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Das Besondere an dieser Arbeit ist nicht eine einzelne technische Innovation, sondern die intelligente Kombination mehrerer Ansätze zu einem therapeutischen Gesamtsystem.“ Erstmals seien ein invasives Brain-Computer-Interface, Rückenmarksstimulation, sensorisches Feedback und lernende Algorithmen so miteinander verknüpft worden, dass sie sich gegenseitig ergänzen könnten.
Innovative Hilfe bei verschiedenen Krankheitsbildern
Der Bedarf an innovativen Technologien ist jedenfalls groß: Weltweit leben Millionen Menschen aufgrund von Rückenmarksverletzungen, Schlaganfällen oder anderen neurologischen Erkrankungen mit erheblichen Bewegungs- und Gefühlsstörungen. Und mehr als die Hälfte aller Rückenmarksverletzungen führt zu einer Tetraplegie, also zu einer Lähmung von Armen und Beinen.
Menschen mit einer solchen Verletzung nennen nahezu übereinstimmend ein Ziel als höchste Priorität: die Beweglichkeit von Händen und Armen zurückzugewinnen – noch vor der Fähigkeit, zu gehen oder die Kontrolle über Blase und Darm zu haben.
Experimentelle Therapieansätze bei Querschnittslähmung
Schutz des Rückenmarks (Neuroprotektion): Medikamente sollen in der akuten Phase Entzündungen und weitere Nervenschäden begrenzen, um möglichst viel funktionsfähiges Gewebe zu erhalten.
Förderung der Nervenregeneration: Wirkstoffe sollen regenerationshemmende Proteine blockieren und so das Nachwachsen von Nervenfasern im Rückenmark unterstützen.
Zelltherapien: Stamm- oder Nervenzellen sollen geschädigtes Gewebe ersetzen oder die Regeneration durch Wachstumsfaktoren und entzündungshemmende Effekte fördern.
Technische Unterstützung (Neurotechnologien): Elektrische Stimulation, Exoskelette und Gehirn-Computer-Schnittstellen sollen verlorene motorische Funktionen unterstützen oder teilweise wiederherstellen.
Kombinierte und personalisierte Therapien: Künftig könnten biologische und technische Ansätze kombiniert werden, da einzelne Verfahren bislang nur begrenzte Erfolge zeigen.
Besonders schwierig ist die Situation bei einer kompletten Rückenmarksverletzung. In diesen Fällen sind unterhalb der Schädigungsstelle weder willentliche Bewegungen noch irgendeine Form von Empfindung möglich. Eine relevante funktionelle Erholung gilt bislang als äußerst selten.
Genau für diese Patientengruppe entwickelte ein Team um Chad Bouton vom Feinstein Institutes for Medical Research in New York ein System, das 2 zentrale Probleme angeht: den Verlust der Bewegungsfähigkeit und des Tastempfindens.
Frühere Studien hatten gezeigt, dass sich mithilfe einer Hirn-Computer-Schnittstelle Bewegungsabsichten direkt aus der Hirnrinde auslesen und in elektrische Muskelstimulationen umsetzen lassen. Auf diese Weise konnten selbst bei kompletter Tetraplegie wieder gedankengesteuerte Handbewegungen erzeugt werden. Diese Systeme hatten jedoch einen entscheidenden Nachteil: Es fehlte jegliche Form sensorischer Rückmeldung. Ohne Tastsinn ist ein fein abgestimmtes Greifen kaum möglich. Zudem boten die bisherigen Ansätze keine Möglichkeit, eine dauerhafte Erholung der Nervenfunktion anzustoßen.
Wie das System im Gehirn und Rückenmark arbeitet
Der „Double Neural Bypass" kombiniert 2 implantierte Elektrodensysteme im Gehirn mit einer gezielten elektrischen Stimulation des Rückenmarks und der Hirnrinde.
Das Modell half dabei, 5 winzige Hirnimplantate präzise zu platzieren, um Bewegung und Tastsinn wiederherzustellen. Bild: Feinstein Institute for Medical Research
Im primären motorischen Kortex – jener Hirnregion, die Bewegungen plant und einleitet – implantierten die Forscher 2 Mikroelektroden-Arrays. Diese zeichnen kontinuierlich die Aktivität einzelner Nervenzellgruppen auf. Ein künstliches neuronales Netzwerk wertet die Signale in Echtzeit aus und erkennt daraus die Absicht des Patienten, die Hand zu öffnen oder zu schließen.
Parallel dazu wurden im primären somatosensorischen Kortex, der für die Verarbeitung von Berührungsreizen zuständig ist, weitere Elektroden-Arrays implantiert. Über diese Elektroden kann gezielt elektrischer Strom in die Hirnrinde geleitet werden. Dadurch entstehen beim Patienten künstliche Tastempfindungen an exakt definierten Fingerpositionen, beispielsweise an der Daumen- oder Zeigefingerkuppe.
Ergänzt wird das Hirnimplantat durch eine nichtinvasive transkutane Rückenmarksstimulation. Dabei erfolgt die elektrische Stimulation über eine elektronisch steuerbare Elektrodenmatte, die auf dem Nacken und dem oberen Rücken aufliegt. Die Stimulation richtet sich gezielt an bestimmte Nervenwurzeln der Halswirbelsäule und erhöht die Erregbarkeit der dortigen Nervenschaltkreise.
Damit vereint das System 2 unterschiedliche Funktionsprinzipien: Zum einen ersetzt es während der Nutzung unmittelbar verlorene Bewegungs- und Tastfunktionen. Zum anderen verfolgt es einen therapeutischen Ansatz, der echte biologische Erholungsprozesse fördern soll – also Verbesserungen, die auch dann bestehen bleiben, wenn das System nicht mehr aktiv ist.
Der Patient und sein langer Weg
Studienteilnehmer war ein 42-jähriger Mann, der sich 13 Monate zuvor bei einem Tauchunfall eine komplette Rückenmarksverletzung auf Höhe des 4. und 5. Halswirbels zugezogen hatte. Seitdem bestand unterhalb von C4 ein vollständiger Ausfall des Tastempfindens und ab C5 eine komplette motorische Lähmung. Er konnte weder seine Hände zum Gesicht führen noch Gegenstände halten. Auch jede Form der Wahrnehmung an Unterarmen und Händen war verloren gegangen.
In der 1. Phase der Studie, die mehr als ein Jahr gedauert hat, untersuchten die Forscher zunächst, welche Verbesserungen sich allein durch die transkutane Rückenmarksstimulation erzielen ließen, bevor das Hirnimplantat eingesetzt wurde.
Bei der Ellenbogenbeugung, also einer eher körpernahen Bewegung, führte die alleinige Rückenmarksstimulation bereits nach 15 Wochen zu einer deutlichen und statistisch signifikanten Kraftsteigerung: rechts um 61% und links um 25% gegenüber dem Ausgangswert. Nach insgesamt 35 Wochen hatten sich diese Werte sogar auf 86 beziehungsweise 62% erhöht. Dadurch war der Patient erstmals wieder in der Lage, seine Hand selbstständig bis zum Gesicht zu führen und sich zu berühren.
Für die Handmuskulatur und das Tastempfinden zeigte die Rückenmarksstimulation allein jedoch keinerlei messbaren Effekt. Gerade in den am stärksten betroffenen, körperfernen Bereichen reichte dieser Ansatz also nicht aus. Für eine Wiederherstellung der Handfunktion war offensichtlich ein direkter Zugang zum Gehirn erforderlich.
Wie die Hand wieder greifen lernt
Nach der Implantation der Hirnelektroden konnte der Patient seine zuvor vollständig gelähmte Hand durch seine Gedanken wieder öffnen und schließen.
Dazu wurden Elektrodenpflaster auf dem Unterarm eingesetzt, die die jeweils benötigten Muskeln elektrisch stimulierten. Gleichzeitig erfassten Kraftsensoren in der Handfläche die tatsächlich ausgeübte Greifkraft. Diese Informationen wurden über die Elektroden im somatosensorischen Kortex wieder an das Gehirn zurückgeleitet und dort als künstliches Tastgefühl wahrgenommen.
In einer besonders eindrucksvollen Demonstration griff der Patient auf diese Weise die Hand seiner Schwester und konnte dabei tatsächlich spüren, dass er sie festhielt – obwohl seine Hand zuvor vollständig gelähmt und gefühllos gewesen war.
Da die elektrische Muskelstimulation allein nicht zu genügend Kraft geführt hat, ergänzte das Forschungsteam das System mit einer leichten, per 3D-Druck hergestellten Handorthese. Über ein künstliches Sehnensystem unterstützt sie gezielt die Beugung von Zeige- und Mittelfinger und wird ebenfalls direkt durch die aus dem Gehirn ausgelesenen Signale gesteuert.
Mit dieser Kombination konnte der Patient wieder einige Aufgaben im Alltag bewältigen. So war er in der Lage, selbstständig zu trinken oder zu essen – Fähigkeiten, die für Menschen mit einer kompletten hohen Tetraplegie bislang als unerreichbar galten.
Feinfühliges Greifen dank lernfähiger Software
Besonders schwierig war, die Greifkraft so präzise zu steuern, dass auch empfindliche Gegenstände sicher gehalten werden konnten. Eine direkte Übersetzung der Hirnsignale in Muskelstimulation führt häufig dazu, dass der Patient entweder zu fest oder zu schwach zugriff. Um dieses Problem zu lösen, entwickelten die Forscher eine Software, die 2 künstliche neuronale Netzwerke miteinander kombiniert.
Wie wirkungsvoll dieser Ansatz ist, zeigte ein Versuch mit leeren Eierschalen. Mithilfe der zusätzlichen Kraftregelung gelang dem Patienten in 87% der Durchgänge ein erfolgreiches Greifen, ohne die Eierschale zu beschädigen. Ohne diese intelligente Regelung lag die Erfolgsquote lediglich bei 27%.
War zusätzlich die künstliche Tastrückmeldung über die Hirnrindenstimulation aktiviert, konnte der Patient bei verbundenen Augen außerdem nahezu immer korrekt erkennen, ob sich überhaupt ein Gegenstand in seiner Hand befand. Ohne diese sensorische Rückmeldung entsprach seine Trefferquote dagegen nahezu dem Zufall.
Wenn das Gefühl auch nach dem Abschalten bleibt
Der vielleicht bemerkenswerteste Teil der Studie betrifft jene Effekte, die über die eigentliche Nutzung des Systems hinaus bestehen blieben. Ziel der Wissenschaftler war es, das verlorene Tastempfinden am rechten Handgelenk dauerhaft wiederherzustellen. Sie entwickelten eine Methode, die sie als „kortikales Spiegeln" bezeichnen.
Dabei wird das räumliche Aktivitätsmuster im somatosensorischen Kortex, das normalerweise beim Beobachten oder Vorstellen einer Berührung entsteht, gezielt durch elektrische Hirnstimulation nachgebildet. Dieses künstlich erzeugte Aktivitätsmuster wird anschließend wiederholt mit einer transkutanen Rückenmarksstimulation und mit einer Vibrationsreizung der Haut gekoppelt. Die Forscher wollten so die natürlichen Mechanismen der neuronalen Plastizität gezielt aktivieren und den Wiederaufbau sensorischer Funktionen fördern.
Nach Abschluss dieser kombinierten Behandlung zeigte sich tatsächlich eine deutliche Verbesserung des Tastempfindens. Am rechten Handgelenk konnte der Patient erheblich schwächere Berührungsreize wahrnehmen und ihre Position genauer bestimmen als vor der Behandlung. Diese Verbesserung erwies sich auch in einem strengen statistischen Test als signifikant und blieb über mehr als 2 Monate bestehen – obwohl die Stimulation längst beendet war.
Auch bei einer weiteren Untersuchungsaufgabe zeigte sich dieser Effekt. Dabei wurden definierte Druckreize auf verschiedene Bereiche der Hand ausgeübt. Am behandelten rechten Handgelenk erkannte der Patient die Berührungen anschließend mit einer Genauigkeit von 81% – deutlich besser als an vergleichbaren, unbehandelten Handregionen.
Parallel dazu erfassten die Forscher die Aktivität des Gehirns. Dabei zeigte sich, dass die entsprechenden Signale nicht unmittelbar nach der Behandlung wieder abnahmen. Stattdessen nahm die Aktivität im somatosensorischen Kortex sogar noch bis zu 92 Minuten nach Ende der eigentlichen Stimulation weiter zu. Dies spricht dafür, dass die Behandlung tatsächlich kurzfristige Plastizitätsprozesse im Gehirn angestoßen und nicht lediglich einen vorübergehenden Effekt erzeugt hat.
Grenzen und Ausblick
„Für diesen einzelnen Patienten sind die erzielten Alltagsfunktionen, etwa selbstständiges Trinken und Essen, eindrucksvoll und persönlich bedeutsam", kommentiert Prof. Dr. Simon Jacob von derTechnischen Universität München (TUM). „Wichtig ist jedoch die Unterscheidung: Die länger anhaltende motorische Verbesserung betraf die bereits teilweise erhaltene Ellenbogenbeugung und trat während der Rückenmarkstimulation und dem Training auf.
Jacob: „Eine eigenständige willkürliche Handbewegung wurde nicht wiederhergestellt; für das Greifen waren weiterhin die implantierte Schnittstelle, elektrische Stimulation beziehungsweise eine motorisierte Orthese erforderlich. Auch die anhaltende sensorische Verbesserung beschränkte sich auf einen Bereich am Handgelenk, während an Daumen und Fingern keine wiederhergestellte natürliche Sensibilität nachweisbar war.“
Hinzu kommt, dass der „Double Neural Bypass" derzeit noch ein hochkomplexes Forschungssystem ist, dessen Einsatz ein erfahrenes Team aus Spezialistinnen und Spezialisten erfordert. Für eine breite klinische Anwendung müssen daher noch zahlreiche technische Herausforderungen gelöst werden. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wie sich die Stimulationsparameter künftig automatisch an individuelle anatomische Unterschiede verschiedener Patienten anpassen lassen.
Als wesentlicher Vorteil des entwickelten Systems gilt, dass sowohl die Rückenmarks- als auch die periphere Muskelstimulation nicht invasiv erfolgen. Anstelle chirurgisch implantierter Elektroden kommt eine transkutane Stimulation über die Haut zum Einsatz. Dadurch sinkt das operative Risiko erheblich und die Chancen steigen, den Ansatz künftig auch auf andere neurologische Erkrankungen – etwa den Schlaganfall – zu übertragen.
Insgesamt liefert die Arbeit nach Einschätzung der Autoren einen Machbarkeitsnachweis dafür, dass sich Hirn-Computer-Schnittstellen, gezielte Rückenmarksstimulation und elektrische Muskelstimulation zu einem integrierten System kombinieren lassen, das nicht nur während der Anwendung verloren gegangene Funktionen ersetzt, sondern zugleich biologische Erholungsprozesse anstoßen. Sollte sich ihr Ansatz in weiteren Studien bestätigen, könnte er den Weg zu einer neuen Generation neuroprothetischer Therapien ebnen, die Menschen mit schweren Rückenmarksverletzungen mehr Selbstständigkeit zurückgeben.
Quelle: Medscape
20. Juli 2026
Ein 42-jähriger Mann mit einer kompletten Querschnittlähmung ab dem 4. Halswirbel kann dank eines neuartigen Hirn-Computer-Systems wieder selbstständig essen, ein rohes Ei greifen, ohne es zu zerdrücken, und sogar die Hand seiner Schwester spüren. Möglich macht dies ein System, das US-Forscher als „Double Neural Bypass" bezeichnen – eine doppelte neuronale Umgehung, die Bewegungsabsichten direkt aus dem Gehirn ausliest und gleichzeitig verlorenes Tastempfinden zurückbringt. Bemerkenswert ist, dass ein Teil der erzielten Verbesserungen selbst dann bestehen bleibt, wenn das System ausgeschaltet ist. Veröffentlicht wurde die Studie in Nature Medicine.
Brain-Computer-Interface lässt gelähmten Mann wieder fühlen und greifen
Der Patient Keith Thomas zusammen mit dem Forschungsteam der Feinstein Institutes for Medical Research von Northwell Health. Über mehrere Monate hinweg arbeitete das Team eng mit ihm zusammen, um die Bewegungsfähigkeit sowie das Tastempfinden in seinem Arm und seiner Hand teilweise wiederherzustellen.
„Ich sehe das Hauptziel der Studie im Nachweis der grundsätzlichen Machbarkeit des Ansatzes einer per Brain-Computer Interface (BCI) kontrollierten Orthese mit biomimetischer sensibler Rückmeldung“, erklärt Prof. Dr. Rüdiger Rupp vomUniversitätsklinikum Heidelberg gegenüber dem Science Media Center Germany. „Es geht aus meiner Sicht weniger darum, zu zeigen, dass ein Nutzer mehr Unabhängigkeit bei Alltagsaufgaben gewinnt.“
Zu einer ähnlichen Bewertung kommt Prof. Dr. Surjo R. Soekadar, Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Das Besondere an dieser Arbeit ist nicht eine einzelne technische Innovation, sondern die intelligente Kombination mehrerer Ansätze zu einem therapeutischen Gesamtsystem.“ Erstmals seien ein invasives Brain-Computer-Interface, Rückenmarksstimulation, sensorisches Feedback und lernende Algorithmen so miteinander verknüpft worden, dass sie sich gegenseitig ergänzen könnten.
Innovative Hilfe bei verschiedenen Krankheitsbildern
Der Bedarf an innovativen Technologien ist jedenfalls groß: Weltweit leben Millionen Menschen aufgrund von Rückenmarksverletzungen, Schlaganfällen oder anderen neurologischen Erkrankungen mit erheblichen Bewegungs- und Gefühlsstörungen. Und mehr als die Hälfte aller Rückenmarksverletzungen führt zu einer Tetraplegie, also zu einer Lähmung von Armen und Beinen.
Menschen mit einer solchen Verletzung nennen nahezu übereinstimmend ein Ziel als höchste Priorität: die Beweglichkeit von Händen und Armen zurückzugewinnen – noch vor der Fähigkeit, zu gehen oder die Kontrolle über Blase und Darm zu haben.
Experimentelle Therapieansätze bei Querschnittslähmung
Schutz des Rückenmarks (Neuroprotektion): Medikamente sollen in der akuten Phase Entzündungen und weitere Nervenschäden begrenzen, um möglichst viel funktionsfähiges Gewebe zu erhalten.
Förderung der Nervenregeneration: Wirkstoffe sollen regenerationshemmende Proteine blockieren und so das Nachwachsen von Nervenfasern im Rückenmark unterstützen.
Zelltherapien: Stamm- oder Nervenzellen sollen geschädigtes Gewebe ersetzen oder die Regeneration durch Wachstumsfaktoren und entzündungshemmende Effekte fördern.
Technische Unterstützung (Neurotechnologien): Elektrische Stimulation, Exoskelette und Gehirn-Computer-Schnittstellen sollen verlorene motorische Funktionen unterstützen oder teilweise wiederherstellen.
Kombinierte und personalisierte Therapien: Künftig könnten biologische und technische Ansätze kombiniert werden, da einzelne Verfahren bislang nur begrenzte Erfolge zeigen.
Besonders schwierig ist die Situation bei einer kompletten Rückenmarksverletzung. In diesen Fällen sind unterhalb der Schädigungsstelle weder willentliche Bewegungen noch irgendeine Form von Empfindung möglich. Eine relevante funktionelle Erholung gilt bislang als äußerst selten.
Genau für diese Patientengruppe entwickelte ein Team um Chad Bouton vom Feinstein Institutes for Medical Research in New York ein System, das 2 zentrale Probleme angeht: den Verlust der Bewegungsfähigkeit und des Tastempfindens.
Frühere Studien hatten gezeigt, dass sich mithilfe einer Hirn-Computer-Schnittstelle Bewegungsabsichten direkt aus der Hirnrinde auslesen und in elektrische Muskelstimulationen umsetzen lassen. Auf diese Weise konnten selbst bei kompletter Tetraplegie wieder gedankengesteuerte Handbewegungen erzeugt werden. Diese Systeme hatten jedoch einen entscheidenden Nachteil: Es fehlte jegliche Form sensorischer Rückmeldung. Ohne Tastsinn ist ein fein abgestimmtes Greifen kaum möglich. Zudem boten die bisherigen Ansätze keine Möglichkeit, eine dauerhafte Erholung der Nervenfunktion anzustoßen.
Wie das System im Gehirn und Rückenmark arbeitet
Der „Double Neural Bypass" kombiniert 2 implantierte Elektrodensysteme im Gehirn mit einer gezielten elektrischen Stimulation des Rückenmarks und der Hirnrinde.
Das Modell half dabei, 5 winzige Hirnimplantate präzise zu platzieren, um Bewegung und Tastsinn wiederherzustellen. Bild: Feinstein Institute for Medical Research
Im primären motorischen Kortex – jener Hirnregion, die Bewegungen plant und einleitet – implantierten die Forscher 2 Mikroelektroden-Arrays. Diese zeichnen kontinuierlich die Aktivität einzelner Nervenzellgruppen auf. Ein künstliches neuronales Netzwerk wertet die Signale in Echtzeit aus und erkennt daraus die Absicht des Patienten, die Hand zu öffnen oder zu schließen.
Parallel dazu wurden im primären somatosensorischen Kortex, der für die Verarbeitung von Berührungsreizen zuständig ist, weitere Elektroden-Arrays implantiert. Über diese Elektroden kann gezielt elektrischer Strom in die Hirnrinde geleitet werden. Dadurch entstehen beim Patienten künstliche Tastempfindungen an exakt definierten Fingerpositionen, beispielsweise an der Daumen- oder Zeigefingerkuppe.
Ergänzt wird das Hirnimplantat durch eine nichtinvasive transkutane Rückenmarksstimulation. Dabei erfolgt die elektrische Stimulation über eine elektronisch steuerbare Elektrodenmatte, die auf dem Nacken und dem oberen Rücken aufliegt. Die Stimulation richtet sich gezielt an bestimmte Nervenwurzeln der Halswirbelsäule und erhöht die Erregbarkeit der dortigen Nervenschaltkreise.
Damit vereint das System 2 unterschiedliche Funktionsprinzipien: Zum einen ersetzt es während der Nutzung unmittelbar verlorene Bewegungs- und Tastfunktionen. Zum anderen verfolgt es einen therapeutischen Ansatz, der echte biologische Erholungsprozesse fördern soll – also Verbesserungen, die auch dann bestehen bleiben, wenn das System nicht mehr aktiv ist.
Der Patient und sein langer Weg
Studienteilnehmer war ein 42-jähriger Mann, der sich 13 Monate zuvor bei einem Tauchunfall eine komplette Rückenmarksverletzung auf Höhe des 4. und 5. Halswirbels zugezogen hatte. Seitdem bestand unterhalb von C4 ein vollständiger Ausfall des Tastempfindens und ab C5 eine komplette motorische Lähmung. Er konnte weder seine Hände zum Gesicht führen noch Gegenstände halten. Auch jede Form der Wahrnehmung an Unterarmen und Händen war verloren gegangen.
In der 1. Phase der Studie, die mehr als ein Jahr gedauert hat, untersuchten die Forscher zunächst, welche Verbesserungen sich allein durch die transkutane Rückenmarksstimulation erzielen ließen, bevor das Hirnimplantat eingesetzt wurde.
Bei der Ellenbogenbeugung, also einer eher körpernahen Bewegung, führte die alleinige Rückenmarksstimulation bereits nach 15 Wochen zu einer deutlichen und statistisch signifikanten Kraftsteigerung: rechts um 61% und links um 25% gegenüber dem Ausgangswert. Nach insgesamt 35 Wochen hatten sich diese Werte sogar auf 86 beziehungsweise 62% erhöht. Dadurch war der Patient erstmals wieder in der Lage, seine Hand selbstständig bis zum Gesicht zu führen und sich zu berühren.
Für die Handmuskulatur und das Tastempfinden zeigte die Rückenmarksstimulation allein jedoch keinerlei messbaren Effekt. Gerade in den am stärksten betroffenen, körperfernen Bereichen reichte dieser Ansatz also nicht aus. Für eine Wiederherstellung der Handfunktion war offensichtlich ein direkter Zugang zum Gehirn erforderlich.
Wie die Hand wieder greifen lernt
Nach der Implantation der Hirnelektroden konnte der Patient seine zuvor vollständig gelähmte Hand durch seine Gedanken wieder öffnen und schließen.
Dazu wurden Elektrodenpflaster auf dem Unterarm eingesetzt, die die jeweils benötigten Muskeln elektrisch stimulierten. Gleichzeitig erfassten Kraftsensoren in der Handfläche die tatsächlich ausgeübte Greifkraft. Diese Informationen wurden über die Elektroden im somatosensorischen Kortex wieder an das Gehirn zurückgeleitet und dort als künstliches Tastgefühl wahrgenommen.
In einer besonders eindrucksvollen Demonstration griff der Patient auf diese Weise die Hand seiner Schwester und konnte dabei tatsächlich spüren, dass er sie festhielt – obwohl seine Hand zuvor vollständig gelähmt und gefühllos gewesen war.
Da die elektrische Muskelstimulation allein nicht zu genügend Kraft geführt hat, ergänzte das Forschungsteam das System mit einer leichten, per 3D-Druck hergestellten Handorthese. Über ein künstliches Sehnensystem unterstützt sie gezielt die Beugung von Zeige- und Mittelfinger und wird ebenfalls direkt durch die aus dem Gehirn ausgelesenen Signale gesteuert.
Mit dieser Kombination konnte der Patient wieder einige Aufgaben im Alltag bewältigen. So war er in der Lage, selbstständig zu trinken oder zu essen – Fähigkeiten, die für Menschen mit einer kompletten hohen Tetraplegie bislang als unerreichbar galten.
Feinfühliges Greifen dank lernfähiger Software
Besonders schwierig war, die Greifkraft so präzise zu steuern, dass auch empfindliche Gegenstände sicher gehalten werden konnten. Eine direkte Übersetzung der Hirnsignale in Muskelstimulation führt häufig dazu, dass der Patient entweder zu fest oder zu schwach zugriff. Um dieses Problem zu lösen, entwickelten die Forscher eine Software, die 2 künstliche neuronale Netzwerke miteinander kombiniert.
Wie wirkungsvoll dieser Ansatz ist, zeigte ein Versuch mit leeren Eierschalen. Mithilfe der zusätzlichen Kraftregelung gelang dem Patienten in 87% der Durchgänge ein erfolgreiches Greifen, ohne die Eierschale zu beschädigen. Ohne diese intelligente Regelung lag die Erfolgsquote lediglich bei 27%.
War zusätzlich die künstliche Tastrückmeldung über die Hirnrindenstimulation aktiviert, konnte der Patient bei verbundenen Augen außerdem nahezu immer korrekt erkennen, ob sich überhaupt ein Gegenstand in seiner Hand befand. Ohne diese sensorische Rückmeldung entsprach seine Trefferquote dagegen nahezu dem Zufall.
Wenn das Gefühl auch nach dem Abschalten bleibt
Der vielleicht bemerkenswerteste Teil der Studie betrifft jene Effekte, die über die eigentliche Nutzung des Systems hinaus bestehen blieben. Ziel der Wissenschaftler war es, das verlorene Tastempfinden am rechten Handgelenk dauerhaft wiederherzustellen. Sie entwickelten eine Methode, die sie als „kortikales Spiegeln" bezeichnen.
Dabei wird das räumliche Aktivitätsmuster im somatosensorischen Kortex, das normalerweise beim Beobachten oder Vorstellen einer Berührung entsteht, gezielt durch elektrische Hirnstimulation nachgebildet. Dieses künstlich erzeugte Aktivitätsmuster wird anschließend wiederholt mit einer transkutanen Rückenmarksstimulation und mit einer Vibrationsreizung der Haut gekoppelt. Die Forscher wollten so die natürlichen Mechanismen der neuronalen Plastizität gezielt aktivieren und den Wiederaufbau sensorischer Funktionen fördern.
Nach Abschluss dieser kombinierten Behandlung zeigte sich tatsächlich eine deutliche Verbesserung des Tastempfindens. Am rechten Handgelenk konnte der Patient erheblich schwächere Berührungsreize wahrnehmen und ihre Position genauer bestimmen als vor der Behandlung. Diese Verbesserung erwies sich auch in einem strengen statistischen Test als signifikant und blieb über mehr als 2 Monate bestehen – obwohl die Stimulation längst beendet war.
Auch bei einer weiteren Untersuchungsaufgabe zeigte sich dieser Effekt. Dabei wurden definierte Druckreize auf verschiedene Bereiche der Hand ausgeübt. Am behandelten rechten Handgelenk erkannte der Patient die Berührungen anschließend mit einer Genauigkeit von 81% – deutlich besser als an vergleichbaren, unbehandelten Handregionen.
Parallel dazu erfassten die Forscher die Aktivität des Gehirns. Dabei zeigte sich, dass die entsprechenden Signale nicht unmittelbar nach der Behandlung wieder abnahmen. Stattdessen nahm die Aktivität im somatosensorischen Kortex sogar noch bis zu 92 Minuten nach Ende der eigentlichen Stimulation weiter zu. Dies spricht dafür, dass die Behandlung tatsächlich kurzfristige Plastizitätsprozesse im Gehirn angestoßen und nicht lediglich einen vorübergehenden Effekt erzeugt hat.
Grenzen und Ausblick
„Für diesen einzelnen Patienten sind die erzielten Alltagsfunktionen, etwa selbstständiges Trinken und Essen, eindrucksvoll und persönlich bedeutsam", kommentiert Prof. Dr. Simon Jacob von derTechnischen Universität München (TUM). „Wichtig ist jedoch die Unterscheidung: Die länger anhaltende motorische Verbesserung betraf die bereits teilweise erhaltene Ellenbogenbeugung und trat während der Rückenmarkstimulation und dem Training auf.
Jacob: „Eine eigenständige willkürliche Handbewegung wurde nicht wiederhergestellt; für das Greifen waren weiterhin die implantierte Schnittstelle, elektrische Stimulation beziehungsweise eine motorisierte Orthese erforderlich. Auch die anhaltende sensorische Verbesserung beschränkte sich auf einen Bereich am Handgelenk, während an Daumen und Fingern keine wiederhergestellte natürliche Sensibilität nachweisbar war.“
Hinzu kommt, dass der „Double Neural Bypass" derzeit noch ein hochkomplexes Forschungssystem ist, dessen Einsatz ein erfahrenes Team aus Spezialistinnen und Spezialisten erfordert. Für eine breite klinische Anwendung müssen daher noch zahlreiche technische Herausforderungen gelöst werden. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wie sich die Stimulationsparameter künftig automatisch an individuelle anatomische Unterschiede verschiedener Patienten anpassen lassen.
Als wesentlicher Vorteil des entwickelten Systems gilt, dass sowohl die Rückenmarks- als auch die periphere Muskelstimulation nicht invasiv erfolgen. Anstelle chirurgisch implantierter Elektroden kommt eine transkutane Stimulation über die Haut zum Einsatz. Dadurch sinkt das operative Risiko erheblich und die Chancen steigen, den Ansatz künftig auch auf andere neurologische Erkrankungen – etwa den Schlaganfall – zu übertragen.
Insgesamt liefert die Arbeit nach Einschätzung der Autoren einen Machbarkeitsnachweis dafür, dass sich Hirn-Computer-Schnittstellen, gezielte Rückenmarksstimulation und elektrische Muskelstimulation zu einem integrierten System kombinieren lassen, das nicht nur während der Anwendung verloren gegangene Funktionen ersetzt, sondern zugleich biologische Erholungsprozesse anstoßen. Sollte sich ihr Ansatz in weiteren Studien bestätigen, könnte er den Weg zu einer neuen Generation neuroprothetischer Therapien ebnen, die Menschen mit schweren Rückenmarksverletzungen mehr Selbstständigkeit zurückgeben.
Quelle: Medscape
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Freitag, 17. Juli 2026
Lohnt sich Kreatin auch als Booster fürs Gehirn?
che2001, 11:33h
Was Studien über Schutz vor Demenz und geistige Leistungsfähigkeit aufzeigen
Heidi Moawad, MD
Kreatin gilt als Nahrungsergänzungsmittel für den Muskelaufbau. Doch inzwischen rückt eine weitere Indikation in den Fokus: das Gehirn. Wissenschaftler untersuchen, ob Kreatin die mentale Gesundheit fördern und möglicherweise sogar vor Demenz schützen kann. Angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten wäre das ein vielversprechender Ansatz – vorausgesetzt, die Präparate erweisen sich als sicher und wirksam.
Welche Rolle spielt Kreatin in den Muskeln?
Unser Körper produziert Kreatin in der Leber und in den Nieren. Aminosäure-Vorstufen nimmt er über die Nahrung auf – unter anderem aus Fleisch und Gemüse. Rund 95% des Kreatins werden als Phosphokreatin in Muskelzellen gespeichert. Dort sorgt es dafür, dass der Energieträger Adenosintriphosphat (ATP) bei körperlicher Belastung rasch wieder zur Verfügung steht. Deshalb gehören Kreatinpräparate seit Jahren zu den beliebtesten Nahrungsergänzungsmitteln im Kraftsport und im Fitnessbereich.
Wie Kreatin unser Gehirn beeinflussen könnte
Kreatin wird nicht nur in der Leber und den Nieren, sondern auch im Gehirn und in der Netzhaut gebildet. An diesem Prozess ist das Enzym Guanidinoacetat-Methyltransferase beteiligt, das besonders stark in Gliazellen vorkommt. Neben Erkenntnissen über die Biosynthese und den Stoffwechsel von Kreatin verdichten sich die Hinweise darauf, dass das Molekül im Gehirn wichtige Funktionen erfüllt.
Die Vermutung, Kreatin könne womöglich das Gehirn schützen, geht auf die Beobachtung zurück, dass ein Kreatinmangel oder eine gestörte Kreatinfunktion die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Defekte im Gen des Kreatintransporters (CRT, SLC6A8) führen zu einem Mangel an Kreatin im Gehirn und verursachen schwere neurologische Symptome. Das Krankheitsbild wird als Kreatin-Transporter-Mangel bezeichnet. Wie es im Detail zu den neurologischen Störungen kommt, haben Forscher bislang nicht vollständig geklärt. Eine wirksame Behandlung gibt es derzeit nicht.
Kreatin ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich. In wissenschaftlichen Studien kommt am häufigsten Kreatinpulver zum Einsatz, das in Wasser gelöst wird und dessen Bioverfügbarkeit am besten untersucht ist. Darüber hinaus sind Kreatinpräparate auch als Tabletten, Kapseln oder Fruchtgummis erhältlich.
Die entscheidende Frage ist, ob Supplemente den Kreatingehalt im Gehirn tatsächlich erhöhen. Einige kleinere Studien am Menschen sprechen dafür. Der Anstieg fällt jedoch deutlich geringer aus als in der Skelettmuskulatur. Die Autoren einer Übersichtsarbeit schreiben, dass Kreatinpräparate bei gesunden Erwachsenen die Stimmung, die kognitive Leistungsfähigkeit und den Schlaf verbessern könnten. Die beobachteten Effekte waren bei Frauen insgesamt stärker als bei Männern. Als mögliche Erklärung vermuten Wissenschaftler, dass Frauen von Natur aus über geringere körpereigene Kreatinspeicher verfügen als Männer.
Vergrößern
photo of Kann Kreatin das Gehirn vor Demenz schützen?
Eine Studie aus dem Jahr 2026 mit 29 gesunden Erwachsenen mit Schlafentzug wiederum hat ergeben, dass die Einnahme von 0,2 g Kreatin-Monohydrat pro kg Körpergewicht die durch Schlafmangel verursachte Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit um bis zu 12% abmildert. Für einen Erwachsenen mit einem Körpergewicht von rund 68 kg entspricht das einer täglichen Dosis von etwa 14 g Kreatin.
Kreatin zur Behandlung neurologischer Erkrankungen
Dass Kreatinpräparate bei gesunden Menschen positive Effekte zeigen könnten, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch bei Erkrankungen des Gehirns wirksam sind. Doch es gibt immer mehr Hinweise, dass Kreatin bei einigen neurologischen Erkrankungen als ergänzende Therapie Potenzial haben könnte.
Einer in Nutrients veröffentlichten Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 zufolge könnte eine Kreatinsupplementierung dazu beitragen, bestimmte Beschwerden nach einer traumatischen Hirnverletzung oder einer Gehirnerschütterung zu lindern.
Auch als möglicher Therapieansatz bei der Alzheimer-Krankheit wird Kreatin untersucht – sowohl zur Linderung von Symptomen als auch mit Blick auf einen möglichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Im Rahmen einer einarmigen Pilotstudie mit 20 Patienten mit Alzheimer erhielten die Teilnehmer 8 Wochen lang täglich 20 g Kreatin-Monohydrat. Die Behandlung ging mit einem Anstieg des gesamten Kreatingehalts im Gehirn sowie mit moderaten Verbesserungen in kognitiven Tests einher.
Ist Kreatin auch für gesunde Erwachsene sinnvoll?
Ob Kreatinpräparate gesunden Menschen einen Nutzen bringen, wurde bislang nicht eindeutig belegt. Zwar gilt Kreatin als gut verträglich. Es wird seit Jahren zur Unterstützung von Training und Muskelaufbau eingesetzt. Dennoch lassen sich mögliche Sicherheitsbedenken derzeit nicht vollständig ausschließen. Hinzu kommt, dass es bislang weder einheitliche Dosierungsempfehlungen noch verbindliche Richtwerte für die Einnahme gibt.
Trotz dieser Limitationen könnte ein Versuch mit Kreatin für gesunde Erwachsene oder Menschen mit leichten kognitiven Beschwerden sinnvoll sein. Die bisherigen Studien deuten darauf hin, dass Kreatin kurzfristig die geistige Leistungsfähigkeit verbessern könnte – auch wenn die Ergebnisse nicht konsistent sind. Hinweise auf einen nachhaltigen Schutz vor kognitivem Abbau gibt es dagegen bislang nicht.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
Heidi Moawad, MD
Kreatin gilt als Nahrungsergänzungsmittel für den Muskelaufbau. Doch inzwischen rückt eine weitere Indikation in den Fokus: das Gehirn. Wissenschaftler untersuchen, ob Kreatin die mentale Gesundheit fördern und möglicherweise sogar vor Demenz schützen kann. Angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten wäre das ein vielversprechender Ansatz – vorausgesetzt, die Präparate erweisen sich als sicher und wirksam.
Welche Rolle spielt Kreatin in den Muskeln?
Unser Körper produziert Kreatin in der Leber und in den Nieren. Aminosäure-Vorstufen nimmt er über die Nahrung auf – unter anderem aus Fleisch und Gemüse. Rund 95% des Kreatins werden als Phosphokreatin in Muskelzellen gespeichert. Dort sorgt es dafür, dass der Energieträger Adenosintriphosphat (ATP) bei körperlicher Belastung rasch wieder zur Verfügung steht. Deshalb gehören Kreatinpräparate seit Jahren zu den beliebtesten Nahrungsergänzungsmitteln im Kraftsport und im Fitnessbereich.
Wie Kreatin unser Gehirn beeinflussen könnte
Kreatin wird nicht nur in der Leber und den Nieren, sondern auch im Gehirn und in der Netzhaut gebildet. An diesem Prozess ist das Enzym Guanidinoacetat-Methyltransferase beteiligt, das besonders stark in Gliazellen vorkommt. Neben Erkenntnissen über die Biosynthese und den Stoffwechsel von Kreatin verdichten sich die Hinweise darauf, dass das Molekül im Gehirn wichtige Funktionen erfüllt.
Die Vermutung, Kreatin könne womöglich das Gehirn schützen, geht auf die Beobachtung zurück, dass ein Kreatinmangel oder eine gestörte Kreatinfunktion die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Defekte im Gen des Kreatintransporters (CRT, SLC6A8) führen zu einem Mangel an Kreatin im Gehirn und verursachen schwere neurologische Symptome. Das Krankheitsbild wird als Kreatin-Transporter-Mangel bezeichnet. Wie es im Detail zu den neurologischen Störungen kommt, haben Forscher bislang nicht vollständig geklärt. Eine wirksame Behandlung gibt es derzeit nicht.
Kreatin ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich. In wissenschaftlichen Studien kommt am häufigsten Kreatinpulver zum Einsatz, das in Wasser gelöst wird und dessen Bioverfügbarkeit am besten untersucht ist. Darüber hinaus sind Kreatinpräparate auch als Tabletten, Kapseln oder Fruchtgummis erhältlich.
Die entscheidende Frage ist, ob Supplemente den Kreatingehalt im Gehirn tatsächlich erhöhen. Einige kleinere Studien am Menschen sprechen dafür. Der Anstieg fällt jedoch deutlich geringer aus als in der Skelettmuskulatur. Die Autoren einer Übersichtsarbeit schreiben, dass Kreatinpräparate bei gesunden Erwachsenen die Stimmung, die kognitive Leistungsfähigkeit und den Schlaf verbessern könnten. Die beobachteten Effekte waren bei Frauen insgesamt stärker als bei Männern. Als mögliche Erklärung vermuten Wissenschaftler, dass Frauen von Natur aus über geringere körpereigene Kreatinspeicher verfügen als Männer.
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photo of Kann Kreatin das Gehirn vor Demenz schützen?
Eine Studie aus dem Jahr 2026 mit 29 gesunden Erwachsenen mit Schlafentzug wiederum hat ergeben, dass die Einnahme von 0,2 g Kreatin-Monohydrat pro kg Körpergewicht die durch Schlafmangel verursachte Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit um bis zu 12% abmildert. Für einen Erwachsenen mit einem Körpergewicht von rund 68 kg entspricht das einer täglichen Dosis von etwa 14 g Kreatin.
Kreatin zur Behandlung neurologischer Erkrankungen
Dass Kreatinpräparate bei gesunden Menschen positive Effekte zeigen könnten, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch bei Erkrankungen des Gehirns wirksam sind. Doch es gibt immer mehr Hinweise, dass Kreatin bei einigen neurologischen Erkrankungen als ergänzende Therapie Potenzial haben könnte.
Einer in Nutrients veröffentlichten Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 zufolge könnte eine Kreatinsupplementierung dazu beitragen, bestimmte Beschwerden nach einer traumatischen Hirnverletzung oder einer Gehirnerschütterung zu lindern.
Auch als möglicher Therapieansatz bei der Alzheimer-Krankheit wird Kreatin untersucht – sowohl zur Linderung von Symptomen als auch mit Blick auf einen möglichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Im Rahmen einer einarmigen Pilotstudie mit 20 Patienten mit Alzheimer erhielten die Teilnehmer 8 Wochen lang täglich 20 g Kreatin-Monohydrat. Die Behandlung ging mit einem Anstieg des gesamten Kreatingehalts im Gehirn sowie mit moderaten Verbesserungen in kognitiven Tests einher.
Ist Kreatin auch für gesunde Erwachsene sinnvoll?
Ob Kreatinpräparate gesunden Menschen einen Nutzen bringen, wurde bislang nicht eindeutig belegt. Zwar gilt Kreatin als gut verträglich. Es wird seit Jahren zur Unterstützung von Training und Muskelaufbau eingesetzt. Dennoch lassen sich mögliche Sicherheitsbedenken derzeit nicht vollständig ausschließen. Hinzu kommt, dass es bislang weder einheitliche Dosierungsempfehlungen noch verbindliche Richtwerte für die Einnahme gibt.
Trotz dieser Limitationen könnte ein Versuch mit Kreatin für gesunde Erwachsene oder Menschen mit leichten kognitiven Beschwerden sinnvoll sein. Die bisherigen Studien deuten darauf hin, dass Kreatin kurzfristig die geistige Leistungsfähigkeit verbessern könnte – auch wenn die Ergebnisse nicht konsistent sind. Hinweise auf einen nachhaltigen Schutz vor kognitivem Abbau gibt es dagegen bislang nicht.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Freitag, 10. Juli 2026
Keimschleuder Küchenschwamm: BfR-Studie deckt auf, dass selbst „saubere" Schwämme gefährliche Krankheitserreger verbreiten
che2001, 12:59h
Michael van den Heuvel, medscape
08. Juli 2026
Der Küchenschwamm zählt zu den am häufigsten verwendeten Reinigungsutensilien im Haushalt – und gleichzeitig zu den am stärksten unterschätzten Infektionsquellen. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigt, dass sich pathogene Bakterien wie Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus selbst aus geringsten Ausgangskeimzahlen innerhalb weniger Tage massiv vermehren. Weder unangenehmer Geruch noch Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche liefern dabei verlässliche Hinweise auf die tatsächliche mikrobielle Belastung. Details sind im Journal of Food Protection nachzulesen [1][2].
Küchenschwämme bleiben als Infektionsquelle häufig unbeachtet
Lebensmittelbedingte Infektionen verursachen weltweit erhebliche gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 600 Millionen Menschen durch kontaminierte Lebensmittel. In der öffentlichen Wahrnehmung geht es meist um Ausbrüche in Großküchen, Restaurants oder lebensmittelverarbeitenden Betrieben. Tatsächlich entsteht jedoch ein erheblicher Teil dieser Infektionen im privaten Haushalt – dort, wo Hygienefehler oft unbemerkt bleiben.
Genau deshalb warnt das BfR vor klassischen Küchenschwämmen. Ihre poröse Struktur, die dauerhaft hohe Feuchtigkeit und anhaftende Speisereste schaffen ideale Bedingungen für das Wachstum zahlreicher Mikroorganismen. Frühere Untersuchungen hatten bereits hohe Keimzahlen in Küchenschwämmen nachgewiesen. Die nun veröffentlichte Studie geht jedoch deutlich weiter: Erstmals analysierten Wissenschaftler systematisch, wie sich relevante lebensmittelassoziierte Krankheitserreger in einem bereits von typischen Haushaltsbakterien besiedelten Schwamm verhalten und wie hoch das tatsächliche Risiko einer Weiterverbreitung ist.
Bakterien vermehren sich massiv
Die Forscher kontaminierten sterile Küchenschwämme zunächst mit einem für Haushalte typischen Mikrobiom. Anschließend brachten sie definierte Mengen von Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus auf die Schwämme auf. Mithilfe mikrobiologischer Kulturverfahren, metagenomischer Analysen sowie konfokaler Lasermikroskopie verfolgten sie die Entwicklung der Erreger über einen Zeitraum von 14 Tagen. Das Studiendesign ermöglichte damit eine detaillierte Analyse des mikrobiellen Zusammenlebens innerhalb eines Schwammmodells.
Bereits sehr geringe Ausgangskeimzahlen genügten, damit sich die Bakterien dauerhaft etablieren konnten. E. coli und Salmonella Enteritidis erreichten innerhalb weniger Tage Populationen von bis zu 10⁹ koloniebildenden Einheiten pro Schwammabschnitt. Die vorhandene Haushaltsmikrobiota verhinderte diese Entwicklung nicht. Vielmehr bot der Schwamm ein stabiles mikrobielles Ökosystem, das den Krankheitserregern langfristig günstige Lebensbedingungen verschaffte.
Ein anderes Verhalten zeigte Staphylococcus aureus. Dieses Bakterium vermehrte sich deutlich langsamer und erreichte niedrigere Keimzahlen. Dennoch überlebte auch S. aureus den gesamten Untersuchungszeitraum und blieb nachweisbar. Gerade dieser Befund besitzt klinische Relevanz, da S. aureus hitzestabile Enterotoxine bilden kann, die selbst nach dem Absterben der Bakterien Lebensmittelvergiftungen auslösen. Schon vergleichsweise geringe Bakterienzahlen können unter geeigneten Bedingungen eine relevante Toxinproduktion ermöglichen.
Austrocknung verringerte das Risiko keineswegs
Viele Verbraucher gehen davon aus, dass ein trockener Schwamm hygienisch unbedenklich sei. Die Untersuchung widerlegt diese Annahme jedoch eindrucksvoll: Während einer 3-tägigen Austrocknungsphase verloren die Krankheitserreger ihre Lebensfähigkeit praktisch nicht. Der Schwamm fungierte selbst ohne sichtbare Feuchtigkeit weiterhin als stabiles Reservoir für pathogene Mikroorganismen.
Diese Beobachtungen erklären, warum selbst vermeintlich trockene Küchenschwämme ein relevantes Übertragungsrisiko darstellen. Offenbar verbleiben im komplexen Porensystem ausreichend feuchte Mikrohabitate, die den Erregern Schutz vor Austrocknung bieten. Gleichzeitig erschwert die tief liegende Besiedlung eine vollständige Reinigung oder Desinfektion des Materials.
Krankheitserreger gelangen mühelos auf Küchenoberflächen
Besonders praxisrelevant ist auch der Nachweis der Kreuzkontamination. Bereits leichter Druck auf kontaminierte Schwämme genügte, um erhebliche Mengen lebender Krankheitserreger auf typische Küchenoberflächen zu übertragen. Dabei registrierten die Forscher bis zu 100.000 koloniebildende Einheiten pro Kontaktfläche. Diese Belastung blieb über den gesamten Untersuchungszeitraum nahezu konstant bestehen.
Gelangen die Erreger zunächst auf Arbeitsflächen, Schneidebretter oder Spülbecken, können sie anschließend leicht auf Lebensmittel, Hände oder Küchenutensilien übertragen werden. Besonders kritisch ist diese Situation bei verzehrfertigen Lebensmitteln, die nicht mehr erhitzt werden. Schon geringe Keimmengen können unter günstigen Bedingungen eine Infektion auslösen oder das Erkrankungsrisiko deutlich erhöhen.
Fehlender Geruch bedeutet keineswegs fehlende Keimbelastung
Die Studie räumt zudem mit einer weiteren weit verbreiteten Fehlannahme auf. Während des gesamten 14-tägigen Beobachtungszeitraums entwickelten die untersuchten Schwämme weder einen auffälligen Geruch noch sichtbare Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche. Gleichzeitig enthielten sie hohe Konzentrationen lebensmittelassoziierter Krankheitserreger. Die Forscher konnten keinen Zusammenhang zwischen der Keimbelastung und dem äußeren Erscheinungsbild feststellen.
Diese Beobachtung widerspricht dem Verhalten vieler Verbraucher. Häufig wird ein Küchenschwamm erst nach Wochen ausgetauscht, wenn er unangenehm riecht oder sichtbar verschmutzt erscheint. Aus mikrobiologischer Sicht stellt diese Strategie jedoch ein erhebliches Risiko dar. Ein optisch sauberer Schwamm kann bereits Milliarden von Bakterien enthalten und diese bei jeder Benutzung weiterverbreiten. Weder Geruch noch Aussehen eignen sich daher als zuverlässige Entscheidungshilfe für einen notwendigen Wechsel.
Moderne Untersuchungsmethoden liefern ein detailliertes Bild der Keimbesiedlung
Die Arbeit ging noch einen Schritt weiter. Das Forschungsteam kombinierte klassische mikrobiologische Anzuchtmethoden mit metagenomischen Analysen sowie Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung und konfokaler Lasermikroskopie. Dadurch ließ sich erstmals dreidimensional darstellen, wie sich verschiedene Bakterienarten innerhalb der Schwammstruktur organisieren.
Die mikroskopischen Aufnahmen zeigten, dass sich Mikroorganismen keineswegs gleichmäßig verteilen. Stattdessen bilden sie dichte bakterielle Cluster und Biofilm-ähnliche Strukturen, die tief in den Poren des Schwamms liegen. Diese Mikrohabitate schützen die Erreger vor Austrocknung und erschweren ihre Entfernung erheblich.
Gleichzeitig identifizierten Wissenschaftler eine stabile Kernmikrobiota, die über den gesamten Untersuchungszeitraum erhalten blieb. Krankheitserreger integrierten sich in dieses bestehende mikrobielle Netzwerk, anstatt verdrängt zu werden. Dieses Ergebnis könnte erklären, warum selbst wiederholtes Ausspülen oder kurzfristiges Trocknen die hygienische Situation kaum verbessert.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kleinkinder und Immunsupprimierte
Damit stellen kontaminierte Küchenschwämme für viele Menschen eine potenzielle Infektionsquelle dar. Zwar verlaufen lebensmittelbedingte Infektionen bei den meisten gesunden Erwachsenen selbstlimitierend. Dennoch verursachen bakterielle Gastroenteritiden jedes Jahr zahlreiche Krankenhausaufenthalte. Vor allem ältere Menschen, Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere sowie Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Immunfunktion tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe.
Dazu zählen beispielsweise Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen, Tumorerkrankungen, nach Organtransplantationen oder unter immunsuppressiver Therapie. Für diese Personengruppen besitzt die Vermeidung häuslicher Infektionsquellen einen besonders hohen Stellenwert. Bereits vergleichsweise geringe Keimmengen können hier schwerwiegende Erkrankungen verursachen.
Fazit: Mit einfachen Maßnahmen Infektionsrisiken verringern
Die aktuelle Untersuchung des BfR zeigt, dass Küchenschwämme weit mehr sind als harmlose Alltagsgegenstände. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sie sich zu stark besiedelten mikrobiellen Reservoiren, in denen sich lebensmittelassoziierte Krankheitserreger dauerhaft etablieren können.
Gerade bei älteren Menschen oder chronisch Erkrankten kann bereits die Beachtung einfacher Hygienemaßnahmen einen wichtigen Beitrag zur Infektionsprävention leisten. Das BfR empfiehlt, Küchenschwämme regelmäßig auszutauschen – spätestens jedoch nach dem Kontakt mit rohem Geflügel oder anderen potenziell stark kontaminierten Lebensmitteln. Lässt sich ein sofortiger Austausch nicht umsetzen, kann eine thermische Behandlung mit Wasser über 70 °C für mindestens 2 Minuten die Keimzahl deutlich verringern.
Generell sind Reinigungsutensilien zu bevorzugen, die schneller trocknen und sich regelmäßig bei mindestens 60 °C in der Wasch- oder Spülmaschine reinigen lassen. Bürsten oder Mikrofaser-Tücher schnitten in früheren Untersuchungen hinsichtlich der Keimbelastung besser ab.
08. Juli 2026
Der Küchenschwamm zählt zu den am häufigsten verwendeten Reinigungsutensilien im Haushalt – und gleichzeitig zu den am stärksten unterschätzten Infektionsquellen. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigt, dass sich pathogene Bakterien wie Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus selbst aus geringsten Ausgangskeimzahlen innerhalb weniger Tage massiv vermehren. Weder unangenehmer Geruch noch Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche liefern dabei verlässliche Hinweise auf die tatsächliche mikrobielle Belastung. Details sind im Journal of Food Protection nachzulesen [1][2].
Küchenschwämme bleiben als Infektionsquelle häufig unbeachtet
Lebensmittelbedingte Infektionen verursachen weltweit erhebliche gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 600 Millionen Menschen durch kontaminierte Lebensmittel. In der öffentlichen Wahrnehmung geht es meist um Ausbrüche in Großküchen, Restaurants oder lebensmittelverarbeitenden Betrieben. Tatsächlich entsteht jedoch ein erheblicher Teil dieser Infektionen im privaten Haushalt – dort, wo Hygienefehler oft unbemerkt bleiben.
Genau deshalb warnt das BfR vor klassischen Küchenschwämmen. Ihre poröse Struktur, die dauerhaft hohe Feuchtigkeit und anhaftende Speisereste schaffen ideale Bedingungen für das Wachstum zahlreicher Mikroorganismen. Frühere Untersuchungen hatten bereits hohe Keimzahlen in Küchenschwämmen nachgewiesen. Die nun veröffentlichte Studie geht jedoch deutlich weiter: Erstmals analysierten Wissenschaftler systematisch, wie sich relevante lebensmittelassoziierte Krankheitserreger in einem bereits von typischen Haushaltsbakterien besiedelten Schwamm verhalten und wie hoch das tatsächliche Risiko einer Weiterverbreitung ist.
Bakterien vermehren sich massiv
Die Forscher kontaminierten sterile Küchenschwämme zunächst mit einem für Haushalte typischen Mikrobiom. Anschließend brachten sie definierte Mengen von Escherichia coli, Salmonella Enteritidis und Staphylococcus aureus auf die Schwämme auf. Mithilfe mikrobiologischer Kulturverfahren, metagenomischer Analysen sowie konfokaler Lasermikroskopie verfolgten sie die Entwicklung der Erreger über einen Zeitraum von 14 Tagen. Das Studiendesign ermöglichte damit eine detaillierte Analyse des mikrobiellen Zusammenlebens innerhalb eines Schwammmodells.
Bereits sehr geringe Ausgangskeimzahlen genügten, damit sich die Bakterien dauerhaft etablieren konnten. E. coli und Salmonella Enteritidis erreichten innerhalb weniger Tage Populationen von bis zu 10⁹ koloniebildenden Einheiten pro Schwammabschnitt. Die vorhandene Haushaltsmikrobiota verhinderte diese Entwicklung nicht. Vielmehr bot der Schwamm ein stabiles mikrobielles Ökosystem, das den Krankheitserregern langfristig günstige Lebensbedingungen verschaffte.
Ein anderes Verhalten zeigte Staphylococcus aureus. Dieses Bakterium vermehrte sich deutlich langsamer und erreichte niedrigere Keimzahlen. Dennoch überlebte auch S. aureus den gesamten Untersuchungszeitraum und blieb nachweisbar. Gerade dieser Befund besitzt klinische Relevanz, da S. aureus hitzestabile Enterotoxine bilden kann, die selbst nach dem Absterben der Bakterien Lebensmittelvergiftungen auslösen. Schon vergleichsweise geringe Bakterienzahlen können unter geeigneten Bedingungen eine relevante Toxinproduktion ermöglichen.
Austrocknung verringerte das Risiko keineswegs
Viele Verbraucher gehen davon aus, dass ein trockener Schwamm hygienisch unbedenklich sei. Die Untersuchung widerlegt diese Annahme jedoch eindrucksvoll: Während einer 3-tägigen Austrocknungsphase verloren die Krankheitserreger ihre Lebensfähigkeit praktisch nicht. Der Schwamm fungierte selbst ohne sichtbare Feuchtigkeit weiterhin als stabiles Reservoir für pathogene Mikroorganismen.
Diese Beobachtungen erklären, warum selbst vermeintlich trockene Küchenschwämme ein relevantes Übertragungsrisiko darstellen. Offenbar verbleiben im komplexen Porensystem ausreichend feuchte Mikrohabitate, die den Erregern Schutz vor Austrocknung bieten. Gleichzeitig erschwert die tief liegende Besiedlung eine vollständige Reinigung oder Desinfektion des Materials.
Krankheitserreger gelangen mühelos auf Küchenoberflächen
Besonders praxisrelevant ist auch der Nachweis der Kreuzkontamination. Bereits leichter Druck auf kontaminierte Schwämme genügte, um erhebliche Mengen lebender Krankheitserreger auf typische Küchenoberflächen zu übertragen. Dabei registrierten die Forscher bis zu 100.000 koloniebildende Einheiten pro Kontaktfläche. Diese Belastung blieb über den gesamten Untersuchungszeitraum nahezu konstant bestehen.
Gelangen die Erreger zunächst auf Arbeitsflächen, Schneidebretter oder Spülbecken, können sie anschließend leicht auf Lebensmittel, Hände oder Küchenutensilien übertragen werden. Besonders kritisch ist diese Situation bei verzehrfertigen Lebensmitteln, die nicht mehr erhitzt werden. Schon geringe Keimmengen können unter günstigen Bedingungen eine Infektion auslösen oder das Erkrankungsrisiko deutlich erhöhen.
Fehlender Geruch bedeutet keineswegs fehlende Keimbelastung
Die Studie räumt zudem mit einer weiteren weit verbreiteten Fehlannahme auf. Während des gesamten 14-tägigen Beobachtungszeitraums entwickelten die untersuchten Schwämme weder einen auffälligen Geruch noch sichtbare Verfärbungen oder eine schleimige Oberfläche. Gleichzeitig enthielten sie hohe Konzentrationen lebensmittelassoziierter Krankheitserreger. Die Forscher konnten keinen Zusammenhang zwischen der Keimbelastung und dem äußeren Erscheinungsbild feststellen.
Diese Beobachtung widerspricht dem Verhalten vieler Verbraucher. Häufig wird ein Küchenschwamm erst nach Wochen ausgetauscht, wenn er unangenehm riecht oder sichtbar verschmutzt erscheint. Aus mikrobiologischer Sicht stellt diese Strategie jedoch ein erhebliches Risiko dar. Ein optisch sauberer Schwamm kann bereits Milliarden von Bakterien enthalten und diese bei jeder Benutzung weiterverbreiten. Weder Geruch noch Aussehen eignen sich daher als zuverlässige Entscheidungshilfe für einen notwendigen Wechsel.
Moderne Untersuchungsmethoden liefern ein detailliertes Bild der Keimbesiedlung
Die Arbeit ging noch einen Schritt weiter. Das Forschungsteam kombinierte klassische mikrobiologische Anzuchtmethoden mit metagenomischen Analysen sowie Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung und konfokaler Lasermikroskopie. Dadurch ließ sich erstmals dreidimensional darstellen, wie sich verschiedene Bakterienarten innerhalb der Schwammstruktur organisieren.
Die mikroskopischen Aufnahmen zeigten, dass sich Mikroorganismen keineswegs gleichmäßig verteilen. Stattdessen bilden sie dichte bakterielle Cluster und Biofilm-ähnliche Strukturen, die tief in den Poren des Schwamms liegen. Diese Mikrohabitate schützen die Erreger vor Austrocknung und erschweren ihre Entfernung erheblich.
Gleichzeitig identifizierten Wissenschaftler eine stabile Kernmikrobiota, die über den gesamten Untersuchungszeitraum erhalten blieb. Krankheitserreger integrierten sich in dieses bestehende mikrobielle Netzwerk, anstatt verdrängt zu werden. Dieses Ergebnis könnte erklären, warum selbst wiederholtes Ausspülen oder kurzfristiges Trocknen die hygienische Situation kaum verbessert.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kleinkinder und Immunsupprimierte
Damit stellen kontaminierte Küchenschwämme für viele Menschen eine potenzielle Infektionsquelle dar. Zwar verlaufen lebensmittelbedingte Infektionen bei den meisten gesunden Erwachsenen selbstlimitierend. Dennoch verursachen bakterielle Gastroenteritiden jedes Jahr zahlreiche Krankenhausaufenthalte. Vor allem ältere Menschen, Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere sowie Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Immunfunktion tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe.
Dazu zählen beispielsweise Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen, Tumorerkrankungen, nach Organtransplantationen oder unter immunsuppressiver Therapie. Für diese Personengruppen besitzt die Vermeidung häuslicher Infektionsquellen einen besonders hohen Stellenwert. Bereits vergleichsweise geringe Keimmengen können hier schwerwiegende Erkrankungen verursachen.
Fazit: Mit einfachen Maßnahmen Infektionsrisiken verringern
Die aktuelle Untersuchung des BfR zeigt, dass Küchenschwämme weit mehr sind als harmlose Alltagsgegenstände. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sie sich zu stark besiedelten mikrobiellen Reservoiren, in denen sich lebensmittelassoziierte Krankheitserreger dauerhaft etablieren können.
Gerade bei älteren Menschen oder chronisch Erkrankten kann bereits die Beachtung einfacher Hygienemaßnahmen einen wichtigen Beitrag zur Infektionsprävention leisten. Das BfR empfiehlt, Küchenschwämme regelmäßig auszutauschen – spätestens jedoch nach dem Kontakt mit rohem Geflügel oder anderen potenziell stark kontaminierten Lebensmitteln. Lässt sich ein sofortiger Austausch nicht umsetzen, kann eine thermische Behandlung mit Wasser über 70 °C für mindestens 2 Minuten die Keimzahl deutlich verringern.
Generell sind Reinigungsutensilien zu bevorzugen, die schneller trocknen und sich regelmäßig bei mindestens 60 °C in der Wasch- oder Spülmaschine reinigen lassen. Bürsten oder Mikrofaser-Tücher schnitten in früheren Untersuchungen hinsichtlich der Keimbelastung besser ab.
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Montag, 22. Juni 2026
Dramatischer Gewichtsverlust bis zu 30 Prozent: Retatrutid setzt in Phase-3-Studien neue Maßstäbe
che2001, 16:17h
Miriam E. Tucker
22. Juni 2026
New Orleans – Der experimentelle Triple-Agonist Retatrutid hat in der Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 bei Menschen mit Typ-2-Diabetes (T2D) zu einer signifikanten Senkung des HbA1c-Werts und zu einer ausgeprägten Gewichtsreduktion geführt.
Auch bei Menschen mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes erwies sich das Medikament als wirksam. In der TRIUMPH-1-Studie führte Retatrutid nicht nur zu einem erheblichen Gewichtsverlust, sondern verbesserte auch Kniegelenkschmerzen bei Arthrose sowie Symptome einer obstruktiven Schlafapnoe. Darüber hinaus wurden in beiden Studien günstige Veränderungen kardiovaskulärer Risikofaktoren beobachtet.
Beide Studien wurden auf den wissenschaftlichen Tagungen der American Diabetes Association (ADA) 2026 vorgestellt [1]. Die Ergebnisse von TRANSCEND-T2D-1 sind gleichzeitig in The Lancet veröffentlicht erschienen [2]. Die Daten von TRIUMPH-1 wurden kurz vor der ADA-Tagung erhoben und noch nicht publiziert.
Wie wirkt Retatrutid?
Retatrutid ist ein sogenannter Dreifach-Agonist. Er aktiviert gleichzeitig die Rezeptoren für die Hormone GLP-1, GIP und Glukagon. Dadurch werden Appetit und Nahrungsaufnahme verringert, die Insulinausschüttung verbessert und der Energieverbrauch erhöht. Diese Kombination führt zu einer deutlichen Gewichtsabnahme und einer verbesserten Blutzuckerkontrolle. Retatrutid wird einmal wöchentlich als Injektion verabreicht.
Übergewicht sei die Ursache von mehr als 200 Erkrankungen, betonte Ania Jastreboff, leitende Prüfärztin der TRIUMPH-1-Studie, Professorin für Medizin und Pädiatrie an der Yale School of Medicine sowie Direktorin des Yale Obesity Research Center in New Haven. Bislang würden diese Folgeerkrankungen jedoch meist isoliert behandelt. Die nun vorgestellten Ergebnisse zeigten, welches Potenzial in einer gezielten Behandlung der Adipositas liege. Eine wirksame Gewichtsreduktion könne die Gesundheit in vielen Bereichen gleichzeitig verbessern und Menschen mit Adipositas sowie ihren Begleiterkrankungen neue Perspektiven eröffnen, erklärte Jastreboff.
TRANSCEND-T2D-1: „Verblüffender“ Gewichtsverlust
An der 40-wöchigen, randomisierten, doppelblinden Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 nahmen 537 Patienten mit unzureichend kontrolliertem Typ-2-Diabetes teil. Sie hatten einen HbA1c-Wert zwischen 7,0% und 9,5% und wiesen einen BMI von mindestens 23 kg/m² auf. Alle Teilnehmer erhielten nur Lebensstil-Interventionen, sprich Empfehlungen zur Ernährung und zur Bewegung. Sie wurden im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid in Dosierungen von 4 mg, 9 mg oder 12 mg beziehungsweise auf Placebo randomisiert.
Die wichtigsten Ergebnisse hatte Hersteller Eli Lilly bereits im März 2026 bekannt gegeben.
Die mittlere Veränderung des HbA1c-Werts gegenüber dem Ausgangswert betrug unter Retatrutid 4 mg -1,69% (n = 134), unter 9 mg -1,86% (n = 133) und unter 12 mg -1,94% (n = 136). In der Placebogruppe (n = 134) lag die entsprechende Reduktion bei -0,81%. Zudem erreichten unter Retatrutid deutlich mehr Patienten HbA1c-Zielwerte von < 7,0%, ≤ 6,5% und < 5,7% als unter Placebo.
Auch beim Körpergewicht zeigte sich ein deutlicher Effekt. Ausgehend von einem mittleren Ausgangsgewicht von 96,9 kg sank das Gewicht unter Retatrutid um 11,5% bei 4 mg, um 13,9% bei 9 mg und um 15,3% bei 12 mg. In der Placebogruppe betrug die Gewichtsabnahme lediglich 2,6%. Unter der höchsten Dosierung entsprach dies einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 16,6 kg, der bis zum Ende des Behandlungszeitraums anhielt.
„Das ist geradezu verblüffend“, sagte Harpreet Singh Bajaj, leitender Prüfarzt der Studie und Leiter der Abteilung für endokrine und metabolische Forschung bei Centricity in Brampton, Kanada. „Ein derart ausgeprägter Gewichtsverlust bei Patienten mit Typ-2-Diabetes wurde in einer Phase-3-Studie bislang mit keinem anderen Medikament beobachtet. Wir wissen, dass Menschen mit Diabetes im Durchschnitt weniger Gewicht verlieren als Menschen ohne Diabetes.“
Auch Naveed Sattar, Professor für kardiometabolische Medizin an der Universität Glasgow, zeigte sich beeindruckt: „Uns wird zunehmend klar, dass wir Adipositas bei Typ-2-Diabetes wesentlich konsequenter behandeln müssen. Retatrutid könnte hier neben Semaglutid und Tirzepatid ein weiteres wichtiges Instrument darstellen.“
TRIUMPH-1: Gewichtsverlust von bis zu 30%
In die Phase-3-Studie TRIUMPH-1 wurden 2.339 Erwachsene eingeschlossen, die ebenfalls im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid (4 mg, 9 mg oder 12 mg) oder Placebo randomisiert wurden.
Zusätzlich umfasste die Studie 2 Basket-Studien: eine mit 574 Teilnehmern mit Kniearthrose sowie eine weitere mit 243 Personen mit mittelschwerer bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe. Eine Basket-Studie untersucht die Wirkung eines Medikaments gleichzeitig in mehreren Patientengruppen mit unterschiedlichen Begleiterkrankungen oder klinischen Merkmalen innerhalb eines gemeinsamen Studienprotokolls.
Bereits veröffentlichte Ergebnisse nach 80 Wochen zeigten, dass Teilnehmer der 12-mg-Gruppe durchschnittlich 28,3% ihres Körpergewichts beziehungsweise rund 32 kg verloren. In der Placebogruppe lag die Gewichtsabnahme bei lediglich 2,2 %. Insgesamt erreichten 45,3 % der Teilnehmer einen Gewichtsverlust von mindestens 30 %.
2 Drittel der Patienten (65,3%) unter der höchsten Dosierung erreichten einen BMI von unter 30 kg/m² und lagen damit nicht mehr im Adipositas-Bereich. Darunter befand sich auch mehr als ein Drittel der Teilnehmer mit schwerer Adipositas zu Studienbeginn (BMI ≥ 40 kg/m²). Unter der 9-mg-Dosis verloren die Teilnehmer durchschnittlich knapp 26% ihres Körpergewichts, absolut etwa 29 kg.
In der 104-wöchigen Verlängerungsphase reichte der Gewichtsverlust von 19,2% unter 4 mg bis zu 30,3% unter 12 mg Retatrutid, was etwa rund 38,6 kg entspricht. Fast alle Teilnehmer verloren mindestens 5% ihres Körpergewichts, mehr als 85% verloren mindestens 15%, und mehr als ein Viertel erreichte sogar eine Gewichtsabnahme von mindestens 35%, berichtete Jastreboff.
Die Analysen zu Arthrose und Schlafapnoe ergaben ebenfalls deutliche Verbesserungen. So reduzierte Retatrutid die Schmerzwerte auf der WOMAC-Schmerzskala bei Patienten mit Kniearthrose um bis zu 4,3 Punkte beziehungsweise 73,1% gegenüber einem Ausgangswert von 6,0 Punkten. Gleichzeitig sank der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe um bis zu 36,1 Ereignisse pro Stunde (-60,6%) gegenüber einem Ausgangswert von 58,6 Ereignissen pro Stunde.
Verbesserungen kardiovaskulärer Risikofaktoren
Auch bei den kardiovaskulären Risikofaktoren zeigte Retatrutid in beiden Studien günstige Effekte. In der TRIUMPH-1-Studie sanken nach 80 Wochen die Triglyceridwerte um bis zu 41,0%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 24,2%, der systolische Blutdruck um 12,3 mmHg und der Taillenumfang um 24,1 cm.
Ähnliche Verbesserungen wurden in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bereits nach 40 Wochen beobachtet: Hier gingen die Triglyceride um bis zu 39,6%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 19,8%, der systolische Blutdruck um 6,4 mmHg und der Taillenumfang um 12,4 cm zurück.
Neues Sicherheitssignal: Harnwegsinfektionen
Das Nebenwirkungsprofil entsprach insgesamt dem anderer Inkretin-basierter Therapien. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen gehörte Übelkeit, die in der TRIUMPH-1-Studie bei bis zu 42,4% der Patienten unter 12 mg und in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bei bis zu 26,5% der Patienten unter derselben Dosierung auftrat.
Weitere häufige Nebenwirkungen waren Durchfall, Verstopfung und Harnwegsinfektionen. Die meisten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer ausgeprägt und gingen im Verlauf der Behandlung zurück.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Auftreten von Harnwegsinfektionen. Diese wurden in der TRIUMPH-1-Studie bei 7,5-8,8% der mit Retatrutid behandelten Frauen beobachtet, verglichen mit 5,3% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 lagen die entsprechenden Raten bei 0,7-2,9% gegenüber 0,0% unter Placebo.
„Wir wissen noch nicht, woran das liegt, aber möglicherweise spielt der Hydratationsstatus eine Rolle“, sagte Jastreboff „Frauen sind grundsätzlich anfälliger für Harnwegsinfektionen. Denkbar wäre auch ein Zusammenhang mit häufigerem Geschlechtsverkehr infolge des Gewichtsverlusts. Da es sich um einen neuen Befund handelt, werden wir dies genauer untersuchen, sobald weitere Daten vorliegen.“
Die Abbruchraten aufgrund von Nebenwirkungen lagen in TRIUMPH-1 bei 4,1%, 6,9% beziehungsweise 11,3% unter Retatrutid 4 mg, 9 mg und 12 mg gegenüber 4,9% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 betrugen die entsprechenden Raten 2,2%, 4,5% und 5,1% gegenüber 0,0% unter Placebo.
Ist mehr Gewichtsverlust immer besser?
Sattar mahnte trotz der beeindruckenden Ergebnisse zur Vorsicht. „Wir müssen lernen, behutsam vorzugehen. Die Frage ist, ob wir bei einzelnen Menschen Schaden anrichten, wenn die Gewichtsreduktion zu rasch erfolgt.“ Möglicherweise, so Sattar, könnte auch das neue Signal hinsichtlich der Harnwegsinfektionen mit einer ausgeprägten Diurese zusammenhängen. „Wir benötigen weitere Daten, um die Sicherheit vollständig beurteilen zu können.“
Auch die unabhängige Kommentatorin Alice Y.Y. Cheng von Trillium Health Partners und der Universität Toronto zeigte sich beeindruckt vom Ausmaß der Gewichtsreduktion: „Ein Gewichtsverlust von 30% ist eine außerordentlich beeindruckende Zahl, wie wir sie mit einer medikamentösen Therapie bislang noch nie gesehen haben.“
Gleichzeitig warnte sie vor einer einseitigen Fokussierung auf die Höhe der Gewichtsreduktion: „Ist mehr immer besser? Ist mehr immer notwendig? Ist mehr immer richtig? Die Antwort lautet 3-mal nein. Nicht jeder Mensch benötigt oder wünscht eine Gewichtsabnahme in diesem Ausmaß. Die entscheidende Frage sollte vielmehr sein: Geht es um Gewichtsverlust oder um gesundheitliche Vorteile?“
Zugleich verwies Cheng auf die praktische Umsetzung: „Wir können hervorragende Therapien entwickeln. Entscheidend ist jedoch, dass sie die Menschen erreichen, die sie benötigen.“ Und weiter: „Patienten müssen Zugang zu dem Medikament haben, es anwenden können, es vertragen und langfristig bei der Therapie bleiben. Dafür tragen wir alle Verantwortung.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
22. Juni 2026
New Orleans – Der experimentelle Triple-Agonist Retatrutid hat in der Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 bei Menschen mit Typ-2-Diabetes (T2D) zu einer signifikanten Senkung des HbA1c-Werts und zu einer ausgeprägten Gewichtsreduktion geführt.
Auch bei Menschen mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes erwies sich das Medikament als wirksam. In der TRIUMPH-1-Studie führte Retatrutid nicht nur zu einem erheblichen Gewichtsverlust, sondern verbesserte auch Kniegelenkschmerzen bei Arthrose sowie Symptome einer obstruktiven Schlafapnoe. Darüber hinaus wurden in beiden Studien günstige Veränderungen kardiovaskulärer Risikofaktoren beobachtet.
Beide Studien wurden auf den wissenschaftlichen Tagungen der American Diabetes Association (ADA) 2026 vorgestellt [1]. Die Ergebnisse von TRANSCEND-T2D-1 sind gleichzeitig in The Lancet veröffentlicht erschienen [2]. Die Daten von TRIUMPH-1 wurden kurz vor der ADA-Tagung erhoben und noch nicht publiziert.
Wie wirkt Retatrutid?
Retatrutid ist ein sogenannter Dreifach-Agonist. Er aktiviert gleichzeitig die Rezeptoren für die Hormone GLP-1, GIP und Glukagon. Dadurch werden Appetit und Nahrungsaufnahme verringert, die Insulinausschüttung verbessert und der Energieverbrauch erhöht. Diese Kombination führt zu einer deutlichen Gewichtsabnahme und einer verbesserten Blutzuckerkontrolle. Retatrutid wird einmal wöchentlich als Injektion verabreicht.
Übergewicht sei die Ursache von mehr als 200 Erkrankungen, betonte Ania Jastreboff, leitende Prüfärztin der TRIUMPH-1-Studie, Professorin für Medizin und Pädiatrie an der Yale School of Medicine sowie Direktorin des Yale Obesity Research Center in New Haven. Bislang würden diese Folgeerkrankungen jedoch meist isoliert behandelt. Die nun vorgestellten Ergebnisse zeigten, welches Potenzial in einer gezielten Behandlung der Adipositas liege. Eine wirksame Gewichtsreduktion könne die Gesundheit in vielen Bereichen gleichzeitig verbessern und Menschen mit Adipositas sowie ihren Begleiterkrankungen neue Perspektiven eröffnen, erklärte Jastreboff.
TRANSCEND-T2D-1: „Verblüffender“ Gewichtsverlust
An der 40-wöchigen, randomisierten, doppelblinden Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 nahmen 537 Patienten mit unzureichend kontrolliertem Typ-2-Diabetes teil. Sie hatten einen HbA1c-Wert zwischen 7,0% und 9,5% und wiesen einen BMI von mindestens 23 kg/m² auf. Alle Teilnehmer erhielten nur Lebensstil-Interventionen, sprich Empfehlungen zur Ernährung und zur Bewegung. Sie wurden im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid in Dosierungen von 4 mg, 9 mg oder 12 mg beziehungsweise auf Placebo randomisiert.
Die wichtigsten Ergebnisse hatte Hersteller Eli Lilly bereits im März 2026 bekannt gegeben.
Die mittlere Veränderung des HbA1c-Werts gegenüber dem Ausgangswert betrug unter Retatrutid 4 mg -1,69% (n = 134), unter 9 mg -1,86% (n = 133) und unter 12 mg -1,94% (n = 136). In der Placebogruppe (n = 134) lag die entsprechende Reduktion bei -0,81%. Zudem erreichten unter Retatrutid deutlich mehr Patienten HbA1c-Zielwerte von < 7,0%, ≤ 6,5% und < 5,7% als unter Placebo.
Auch beim Körpergewicht zeigte sich ein deutlicher Effekt. Ausgehend von einem mittleren Ausgangsgewicht von 96,9 kg sank das Gewicht unter Retatrutid um 11,5% bei 4 mg, um 13,9% bei 9 mg und um 15,3% bei 12 mg. In der Placebogruppe betrug die Gewichtsabnahme lediglich 2,6%. Unter der höchsten Dosierung entsprach dies einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 16,6 kg, der bis zum Ende des Behandlungszeitraums anhielt.
„Das ist geradezu verblüffend“, sagte Harpreet Singh Bajaj, leitender Prüfarzt der Studie und Leiter der Abteilung für endokrine und metabolische Forschung bei Centricity in Brampton, Kanada. „Ein derart ausgeprägter Gewichtsverlust bei Patienten mit Typ-2-Diabetes wurde in einer Phase-3-Studie bislang mit keinem anderen Medikament beobachtet. Wir wissen, dass Menschen mit Diabetes im Durchschnitt weniger Gewicht verlieren als Menschen ohne Diabetes.“
Auch Naveed Sattar, Professor für kardiometabolische Medizin an der Universität Glasgow, zeigte sich beeindruckt: „Uns wird zunehmend klar, dass wir Adipositas bei Typ-2-Diabetes wesentlich konsequenter behandeln müssen. Retatrutid könnte hier neben Semaglutid und Tirzepatid ein weiteres wichtiges Instrument darstellen.“
TRIUMPH-1: Gewichtsverlust von bis zu 30%
In die Phase-3-Studie TRIUMPH-1 wurden 2.339 Erwachsene eingeschlossen, die ebenfalls im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid (4 mg, 9 mg oder 12 mg) oder Placebo randomisiert wurden.
Zusätzlich umfasste die Studie 2 Basket-Studien: eine mit 574 Teilnehmern mit Kniearthrose sowie eine weitere mit 243 Personen mit mittelschwerer bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe. Eine Basket-Studie untersucht die Wirkung eines Medikaments gleichzeitig in mehreren Patientengruppen mit unterschiedlichen Begleiterkrankungen oder klinischen Merkmalen innerhalb eines gemeinsamen Studienprotokolls.
Bereits veröffentlichte Ergebnisse nach 80 Wochen zeigten, dass Teilnehmer der 12-mg-Gruppe durchschnittlich 28,3% ihres Körpergewichts beziehungsweise rund 32 kg verloren. In der Placebogruppe lag die Gewichtsabnahme bei lediglich 2,2 %. Insgesamt erreichten 45,3 % der Teilnehmer einen Gewichtsverlust von mindestens 30 %.
2 Drittel der Patienten (65,3%) unter der höchsten Dosierung erreichten einen BMI von unter 30 kg/m² und lagen damit nicht mehr im Adipositas-Bereich. Darunter befand sich auch mehr als ein Drittel der Teilnehmer mit schwerer Adipositas zu Studienbeginn (BMI ≥ 40 kg/m²). Unter der 9-mg-Dosis verloren die Teilnehmer durchschnittlich knapp 26% ihres Körpergewichts, absolut etwa 29 kg.
In der 104-wöchigen Verlängerungsphase reichte der Gewichtsverlust von 19,2% unter 4 mg bis zu 30,3% unter 12 mg Retatrutid, was etwa rund 38,6 kg entspricht. Fast alle Teilnehmer verloren mindestens 5% ihres Körpergewichts, mehr als 85% verloren mindestens 15%, und mehr als ein Viertel erreichte sogar eine Gewichtsabnahme von mindestens 35%, berichtete Jastreboff.
Die Analysen zu Arthrose und Schlafapnoe ergaben ebenfalls deutliche Verbesserungen. So reduzierte Retatrutid die Schmerzwerte auf der WOMAC-Schmerzskala bei Patienten mit Kniearthrose um bis zu 4,3 Punkte beziehungsweise 73,1% gegenüber einem Ausgangswert von 6,0 Punkten. Gleichzeitig sank der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe um bis zu 36,1 Ereignisse pro Stunde (-60,6%) gegenüber einem Ausgangswert von 58,6 Ereignissen pro Stunde.
Verbesserungen kardiovaskulärer Risikofaktoren
Auch bei den kardiovaskulären Risikofaktoren zeigte Retatrutid in beiden Studien günstige Effekte. In der TRIUMPH-1-Studie sanken nach 80 Wochen die Triglyceridwerte um bis zu 41,0%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 24,2%, der systolische Blutdruck um 12,3 mmHg und der Taillenumfang um 24,1 cm.
Ähnliche Verbesserungen wurden in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bereits nach 40 Wochen beobachtet: Hier gingen die Triglyceride um bis zu 39,6%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 19,8%, der systolische Blutdruck um 6,4 mmHg und der Taillenumfang um 12,4 cm zurück.
Neues Sicherheitssignal: Harnwegsinfektionen
Das Nebenwirkungsprofil entsprach insgesamt dem anderer Inkretin-basierter Therapien. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen gehörte Übelkeit, die in der TRIUMPH-1-Studie bei bis zu 42,4% der Patienten unter 12 mg und in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bei bis zu 26,5% der Patienten unter derselben Dosierung auftrat.
Weitere häufige Nebenwirkungen waren Durchfall, Verstopfung und Harnwegsinfektionen. Die meisten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer ausgeprägt und gingen im Verlauf der Behandlung zurück.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Auftreten von Harnwegsinfektionen. Diese wurden in der TRIUMPH-1-Studie bei 7,5-8,8% der mit Retatrutid behandelten Frauen beobachtet, verglichen mit 5,3% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 lagen die entsprechenden Raten bei 0,7-2,9% gegenüber 0,0% unter Placebo.
„Wir wissen noch nicht, woran das liegt, aber möglicherweise spielt der Hydratationsstatus eine Rolle“, sagte Jastreboff „Frauen sind grundsätzlich anfälliger für Harnwegsinfektionen. Denkbar wäre auch ein Zusammenhang mit häufigerem Geschlechtsverkehr infolge des Gewichtsverlusts. Da es sich um einen neuen Befund handelt, werden wir dies genauer untersuchen, sobald weitere Daten vorliegen.“
Die Abbruchraten aufgrund von Nebenwirkungen lagen in TRIUMPH-1 bei 4,1%, 6,9% beziehungsweise 11,3% unter Retatrutid 4 mg, 9 mg und 12 mg gegenüber 4,9% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 betrugen die entsprechenden Raten 2,2%, 4,5% und 5,1% gegenüber 0,0% unter Placebo.
Ist mehr Gewichtsverlust immer besser?
Sattar mahnte trotz der beeindruckenden Ergebnisse zur Vorsicht. „Wir müssen lernen, behutsam vorzugehen. Die Frage ist, ob wir bei einzelnen Menschen Schaden anrichten, wenn die Gewichtsreduktion zu rasch erfolgt.“ Möglicherweise, so Sattar, könnte auch das neue Signal hinsichtlich der Harnwegsinfektionen mit einer ausgeprägten Diurese zusammenhängen. „Wir benötigen weitere Daten, um die Sicherheit vollständig beurteilen zu können.“
Auch die unabhängige Kommentatorin Alice Y.Y. Cheng von Trillium Health Partners und der Universität Toronto zeigte sich beeindruckt vom Ausmaß der Gewichtsreduktion: „Ein Gewichtsverlust von 30% ist eine außerordentlich beeindruckende Zahl, wie wir sie mit einer medikamentösen Therapie bislang noch nie gesehen haben.“
Gleichzeitig warnte sie vor einer einseitigen Fokussierung auf die Höhe der Gewichtsreduktion: „Ist mehr immer besser? Ist mehr immer notwendig? Ist mehr immer richtig? Die Antwort lautet 3-mal nein. Nicht jeder Mensch benötigt oder wünscht eine Gewichtsabnahme in diesem Ausmaß. Die entscheidende Frage sollte vielmehr sein: Geht es um Gewichtsverlust oder um gesundheitliche Vorteile?“
Zugleich verwies Cheng auf die praktische Umsetzung: „Wir können hervorragende Therapien entwickeln. Entscheidend ist jedoch, dass sie die Menschen erreichen, die sie benötigen.“ Und weiter: „Patienten müssen Zugang zu dem Medikament haben, es anwenden können, es vertragen und langfristig bei der Therapie bleiben. Dafür tragen wir alle Verantwortung.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Freitag, 19. Juni 2026
Mehr als nur Sommerwetter: Die unterschätzten Folgen extremer Hitze
che2001, 11:51h
Ute Eppinger, Netscape
16. Juni 2026
Extreme Hitze belastet Herz, Lunge, Nieren und Gehirn, erhöht das Risiko für Frühgeburten und führt zu mehr Krankenhausaufnahmen. Neue Daten zeigen zudem einen deutlichen Anstieg von Krankmeldungen während Hitzewellen. Experten fordern deshalb konsequente Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen.
Hitzewellen werden zur neuen Normalität
Ende Mai erlebte Europa die 1. Hitzewelle dieses Jahres. Nun stehen die nächsten heißen Tage bevor. Experten erwarten für das Jahr 2026 erneut einen überdurchschnittlich warmen Sommer. Auch die Vereinten Nationen prognostizieren einen weiteren klimawandelbedingten Temperaturanstieg. Sie rechnen in den kommenden 5 Jahren mit neuen Rekordwerten.
Mit steigenden Temperaturen nehmen nach Einschätzung von Klimaforschenden auch Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen zu. Diese stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar und fordern die Gesundheitssysteme zunehmend heraus. Die gesundheitlichen Folgen von Hitze zeigen sich sowohl in einer erhöhten Hitzemortalität als auch in einer steigenden Hitzemorbidität.
Die tatsächlichen Auswirkungen sind jedoch schwer zu erfassen, da Hitze nur selten als unmittelbare Ursache von Erkrankungen oder Todesfällen erkannt wird. Deshalb stützt sich die Forschung auf statistische Modellierungen. Das Robert Koch-Institut (RKI) kalkulierte beispielsweise, dass im vergangenen Jahr in Deutschland rund 2.500 Menschen infolge von Hitze gestorben sind.
Erstmals liegen inzwischen auch Zahlen zur hitzebedingten Morbidität vor: Bereits nach einem einzelnen Tag mit Temperaturen über 30 °C steigt die Zahl der Krankmeldungen um 3,5%. Nach 5 aufeinanderfolgenden Hitzetagen sind es 5%, nach 7 Tagen sogar 10,8%.
Hitzemortalität und Hitzemorbidität
Mittlerweile liegen belastbare epidemiologische Schätzungen zur hitzebedingten Morbidität und Mortalität in Deutschland vor, bestätigt Dr. Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, gegenüber dem Science Media Center (SMC). „Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont Schneider.
Temperaturbedingte Todesfälle werden deutlich zunehmen, wenn keine wirksamen Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden, warnt Prof. Dr. Martin Röösli, Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Er verweist dabei auf die Ergebnisse einer großen Studie, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde.
Die hitzebedingte Morbidität ist in Deutschland bislang deutlich weniger erforscht als die hitzebedingte Mortalität. Nach Einschätzung von Dr. Veronika Huber vom Department of Conservation Biology and Global Change in Sevilla gibt es bisher keine veröffentlichten statistischen Schätzungen zur Gesamtzahl hitzebedingter Krankenhauseinweisungen in Deutschland.
Dennoch stehen zahlreiche Indikatoren zur Verfügung, um die gesundheitlichen Folgen von Hitze abzubilden. Dazu zählen Krankenhauseinweisungen, Besuche in Notaufnahmen, Rettungsdienst-Einsätze, ambulante Arztkontakte, Daten zur Arbeitsunfähigkeit sowie Register zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, betont Huber.
Hitze belastet Herz, Lunge und Nieren stark
„Extreme Hitze belastet das Herz-Kreislauf-System stark, da durch Gefäßerweiterung der Blutdruck sinkt und das Herz schneller und kräftiger pumpen muss“, erklärt Schneider. Bei Menschen mit Vorerkrankungen steigt dadurch das Risiko für Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen.
Gleichzeitig führen verstärktes Schwitzen und Flüssigkeitsverluste zu Dehydratation und Elektrolytstörungen, wodurch Kreislaufkollapse und Thrombosen begünstigt werden. Bestimmte Medikamente wie Diuretika oder Betablocker können diese Risiken zusätzlich verstärken. Besonders gefährdet sind zudem Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes oder neurologischen Erkrankungen.
Hinzu kommt, dass hohe Temperaturen häufig mit erhöhten Ozon- und Feinstaubbelastungen einhergehen. Diese reizen die Atemwege und können Exazerbationen von COPD oder Asthma auslösen.
Hohes Risiko für ältere, vorerkrankte und pflegebedürftige Menschen
„Ältere, gebrechliche Menschen stellen mit weitem Abstand die relevanteste Risikogruppe bei Hitzebelastungen und Hitzewellen dar. Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung während Hitzewellen ist fast ausschließlich auf diese Personengruppe zurückzuführen“, betont Prof. Dr. Kilian Rapp, ärztlicher Leiter der Akutgeriatrie und Leiter der Forschungsabteilung Geriatrie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine erhöhte Hitzesterblichkeit zählen laut Rapp ein hohes Alter, ein niedriger Sozialstatus, Suchterkrankungen, Mobilitätseinschränkungen, pulmonale, kardiovaskuläre oder gerontopsychiatrische Erkrankungen sowie die Einnahme von Beruhigungsmitteln. Auch das Wohnen in höheren Stockwerken oder ein Leben allein erhöhen das Risiko. „Als schützende Faktoren zeigten sich die Verfügbarkeit einer Klimaanlage, der Zugang zu Transportmitteln und eine erhaltene Selbstpflegefähigkeit“, erklärt Rapp.
Gehirn und Nervensystem leiden
Hitze belastet auch Gehirn und Nervensystem auf vielfältige Weise. Studien zeigen, dass hohe Temperaturen die Funktion von Nervenzellen verändern, oxidativen Stress und Entzündungsprozesse im Gehirn fördern sowie die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen können, berichtet Dr. Ameli Breuer, Assistenzärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité Berlin sowie Sprecherin der Arbeitsgruppe Neurologie bei KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.
Hohe Temperaturen erhöhen das Schlaganfallrisiko. Bei Parkinson und Multipler Sklerose kann es zu einer Verschlechterung der Symptome kommen. Auch bei Epilepsie und Migräne gibt es Hinweise darauf, dass Hitze Anfälle beziehungsweise Beschwerden verstärken kann.
Bei Menschen mit Demenz ist extreme Hitze mit einer höheren Zahl von Krankenhausaufnahmen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. „Aus neurologischer Sicht ist Hitze daher längst kein Zukunftsproblem mehr. Die Auswirkungen sind bereits heute im klinischen Alltag sichtbar und werden mit fortschreitendem Klimawandel voraussichtlich weiter zunehmen“, sagt Breuer.
„Bei Hitze können wir uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer, teilweise sogar aggressiv“, erklärt Dr. Sebastian Karl, Assistenzarzt in der Arbeitsgruppe Hirnstimulationsverfahren an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des ZI Mannheim. Aus psychologischer Sicht wirkt Hitze als Stressfaktor. Dadurch stehen für zusätzliche Belastungen weniger Bewältigungskapazitäten zur Verfügung, sodass Menschen schneller gereizt reagieren. Darüber hinaus gibt es auch biologische Effekte. So kann Hitze kleinste Entzündungsprozesse im Gehirn fördern, und wichtige Botenstoffe können aus dem Gleichgewicht geraten.
Die Auswirkungen auf Kinder werden unterschätzt
Kinder reagieren besonders empfindlich auf Umweltbelastungen wie Hitze, Luftverschmutzung oder Extremwetterereignisse. Ihr Körper befindet sich noch in der Entwicklung, sie verbringen mehr Zeit im Freien und sind im Verhältnis zu Erwachsenen körperlich aktiver. Zudem weisen sie eine höhere Atemfrequenz auf, betont Dr. Marie Standl, Leiterin der Forschungsgruppe Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. „Die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für Kinder werden bislang unterschätzt“, sagt sie.
Kinder und Jugendliche gelten bei Hitze als besonders vulnerable Gruppe, da ihr Thermoregulationssystem im Vergleich zu gesunden Erwachsenen noch nicht vollständig ausgereift ist und sie sich daher schlechter an hohe Temperaturen anpassen können. Sie produzieren pro Kilogramm Körpergewicht mehr metabolische Wärme.
Vor allem im Säuglings- und Kindesalter verfügen sie über eine größere Körperoberfläche im Verhältnis zum Körpergewicht, wodurch sie mehr Wärme aus der Umgebung aufnehmen. Gleichzeitig besitzen sie ein geringeres Blutvolumen und eine niedrigere kardiale Auswurfleistung. Wie Privatdozent Dr. Dirk Holzinger, leitender Arzt der Rheumatologie an der Klinik für Kinderheilkunde III des Universitätsklinikums Essen und Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG, bestätigt, gibt es „Hinweise auf eine erhöhte Hospitalisierungsrate von Kindern und Jugendlichen an sehr heißen Tagen“.
Erhöhtes Risiko für Frühgeburten
Dass extreme Hitze während der Schwangerschaft den Körper erheblich belastet und mit gravierenden Risiken verbunden ist, betont Prof. Dr. Petra Arck von der Experimentellen Feto-Maternalen Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Hohe Temperaturen führen zu Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Problemen und beeinflussen die Durchblutung der Gebärmutter. Dadurch kann der Verlauf der Schwangerschaft unmittelbar beeinträchtigt und das Risiko für Komplikationen erhöht werden.
Prof. Dr. Anke Diemert von der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am UKE verweist darauf, dass zahlreiche Studien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Hitzestress und Frühgeburten zeigen. Untersuchungen des UKE belegen, dass extreme Hitze mit Temperaturen von über 30 bis hin zu 35 °C über mehrere aufeinanderfolgende Tage das relative Risiko für Frühgeburten erhöhen kann.
Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne
Bislang verfügen etwa 20% aller Kommunen über Hitzeaktionspläne. Die meisten Bundesländer haben ihren Kommunen inzwischen vorgegeben, solche Konzepte in den kommenden Jahren – meist bis 2030 – vorzulegen, erklärt Prof. Dr. Clemens Becker, Abteilungsleiter der Geriatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Becker erinnert zudem daran, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gesetzlich verpflichtet sind, Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne vorzuhalten und kontinuierlich weiterzuentwickeln. „Das Problem sind vor allem ältere Menschen, die allein leben. Diese müssen durch Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt geschützt werden.“
Dr. Kerstin Kammerer, Vorstandsmitglied und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologische Forschung e.V. in Berlin, verweist auf bestehende Musterhitzeschutzpläne, etwa den des Aktionsbündnisses Hitzeschutz Berlin für Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen. Umfassende Informationen zum Umgang mit Hitze bietet außerdem der Hitzemaßnahmenplan für stationäre Einrichtungen der Altenpflege des LMU-Klinikums.
Schneider A, Röösli M, Huber V, Standl M, Kammerer K geben an, keine Interessenkonflikte zu haben.
Karl S gibt an, mehrere wissenschaftliche Publikationen zu den Zusammenhängen von menschengemachten Umweltveränderungen und psychischer Gesundheit verfasst zu haben. Er ist Mitherausgeber des Buchs „Psychiatrie in Zeiten globaler Umweltkrisen“ und Autor des Buchs „1-Minuten-Strategie Hitze“. Neben seiner klinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Stadtrat in Stuttgart für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Holzinger D gibt an, Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. zu sein.
Rapp K, Breuer A, Arck P, Diemert A, Becker C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.
16. Juni 2026
Extreme Hitze belastet Herz, Lunge, Nieren und Gehirn, erhöht das Risiko für Frühgeburten und führt zu mehr Krankenhausaufnahmen. Neue Daten zeigen zudem einen deutlichen Anstieg von Krankmeldungen während Hitzewellen. Experten fordern deshalb konsequente Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen.
Hitzewellen werden zur neuen Normalität
Ende Mai erlebte Europa die 1. Hitzewelle dieses Jahres. Nun stehen die nächsten heißen Tage bevor. Experten erwarten für das Jahr 2026 erneut einen überdurchschnittlich warmen Sommer. Auch die Vereinten Nationen prognostizieren einen weiteren klimawandelbedingten Temperaturanstieg. Sie rechnen in den kommenden 5 Jahren mit neuen Rekordwerten.
Mit steigenden Temperaturen nehmen nach Einschätzung von Klimaforschenden auch Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen zu. Diese stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar und fordern die Gesundheitssysteme zunehmend heraus. Die gesundheitlichen Folgen von Hitze zeigen sich sowohl in einer erhöhten Hitzemortalität als auch in einer steigenden Hitzemorbidität.
Die tatsächlichen Auswirkungen sind jedoch schwer zu erfassen, da Hitze nur selten als unmittelbare Ursache von Erkrankungen oder Todesfällen erkannt wird. Deshalb stützt sich die Forschung auf statistische Modellierungen. Das Robert Koch-Institut (RKI) kalkulierte beispielsweise, dass im vergangenen Jahr in Deutschland rund 2.500 Menschen infolge von Hitze gestorben sind.
Erstmals liegen inzwischen auch Zahlen zur hitzebedingten Morbidität vor: Bereits nach einem einzelnen Tag mit Temperaturen über 30 °C steigt die Zahl der Krankmeldungen um 3,5%. Nach 5 aufeinanderfolgenden Hitzetagen sind es 5%, nach 7 Tagen sogar 10,8%.
Hitzemortalität und Hitzemorbidität
Mittlerweile liegen belastbare epidemiologische Schätzungen zur hitzebedingten Morbidität und Mortalität in Deutschland vor, bestätigt Dr. Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, gegenüber dem Science Media Center (SMC). „Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont Schneider.
Temperaturbedingte Todesfälle werden deutlich zunehmen, wenn keine wirksamen Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden, warnt Prof. Dr. Martin Röösli, Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Er verweist dabei auf die Ergebnisse einer großen Studie, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde.
Die hitzebedingte Morbidität ist in Deutschland bislang deutlich weniger erforscht als die hitzebedingte Mortalität. Nach Einschätzung von Dr. Veronika Huber vom Department of Conservation Biology and Global Change in Sevilla gibt es bisher keine veröffentlichten statistischen Schätzungen zur Gesamtzahl hitzebedingter Krankenhauseinweisungen in Deutschland.
Dennoch stehen zahlreiche Indikatoren zur Verfügung, um die gesundheitlichen Folgen von Hitze abzubilden. Dazu zählen Krankenhauseinweisungen, Besuche in Notaufnahmen, Rettungsdienst-Einsätze, ambulante Arztkontakte, Daten zur Arbeitsunfähigkeit sowie Register zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, betont Huber.
Hitze belastet Herz, Lunge und Nieren stark
„Extreme Hitze belastet das Herz-Kreislauf-System stark, da durch Gefäßerweiterung der Blutdruck sinkt und das Herz schneller und kräftiger pumpen muss“, erklärt Schneider. Bei Menschen mit Vorerkrankungen steigt dadurch das Risiko für Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen.
Gleichzeitig führen verstärktes Schwitzen und Flüssigkeitsverluste zu Dehydratation und Elektrolytstörungen, wodurch Kreislaufkollapse und Thrombosen begünstigt werden. Bestimmte Medikamente wie Diuretika oder Betablocker können diese Risiken zusätzlich verstärken. Besonders gefährdet sind zudem Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes oder neurologischen Erkrankungen.
Hinzu kommt, dass hohe Temperaturen häufig mit erhöhten Ozon- und Feinstaubbelastungen einhergehen. Diese reizen die Atemwege und können Exazerbationen von COPD oder Asthma auslösen.
Hohes Risiko für ältere, vorerkrankte und pflegebedürftige Menschen
„Ältere, gebrechliche Menschen stellen mit weitem Abstand die relevanteste Risikogruppe bei Hitzebelastungen und Hitzewellen dar. Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung während Hitzewellen ist fast ausschließlich auf diese Personengruppe zurückzuführen“, betont Prof. Dr. Kilian Rapp, ärztlicher Leiter der Akutgeriatrie und Leiter der Forschungsabteilung Geriatrie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine erhöhte Hitzesterblichkeit zählen laut Rapp ein hohes Alter, ein niedriger Sozialstatus, Suchterkrankungen, Mobilitätseinschränkungen, pulmonale, kardiovaskuläre oder gerontopsychiatrische Erkrankungen sowie die Einnahme von Beruhigungsmitteln. Auch das Wohnen in höheren Stockwerken oder ein Leben allein erhöhen das Risiko. „Als schützende Faktoren zeigten sich die Verfügbarkeit einer Klimaanlage, der Zugang zu Transportmitteln und eine erhaltene Selbstpflegefähigkeit“, erklärt Rapp.
Gehirn und Nervensystem leiden
Hitze belastet auch Gehirn und Nervensystem auf vielfältige Weise. Studien zeigen, dass hohe Temperaturen die Funktion von Nervenzellen verändern, oxidativen Stress und Entzündungsprozesse im Gehirn fördern sowie die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen können, berichtet Dr. Ameli Breuer, Assistenzärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité Berlin sowie Sprecherin der Arbeitsgruppe Neurologie bei KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.
Hohe Temperaturen erhöhen das Schlaganfallrisiko. Bei Parkinson und Multipler Sklerose kann es zu einer Verschlechterung der Symptome kommen. Auch bei Epilepsie und Migräne gibt es Hinweise darauf, dass Hitze Anfälle beziehungsweise Beschwerden verstärken kann.
Bei Menschen mit Demenz ist extreme Hitze mit einer höheren Zahl von Krankenhausaufnahmen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. „Aus neurologischer Sicht ist Hitze daher längst kein Zukunftsproblem mehr. Die Auswirkungen sind bereits heute im klinischen Alltag sichtbar und werden mit fortschreitendem Klimawandel voraussichtlich weiter zunehmen“, sagt Breuer.
„Bei Hitze können wir uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer, teilweise sogar aggressiv“, erklärt Dr. Sebastian Karl, Assistenzarzt in der Arbeitsgruppe Hirnstimulationsverfahren an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des ZI Mannheim. Aus psychologischer Sicht wirkt Hitze als Stressfaktor. Dadurch stehen für zusätzliche Belastungen weniger Bewältigungskapazitäten zur Verfügung, sodass Menschen schneller gereizt reagieren. Darüber hinaus gibt es auch biologische Effekte. So kann Hitze kleinste Entzündungsprozesse im Gehirn fördern, und wichtige Botenstoffe können aus dem Gleichgewicht geraten.
Die Auswirkungen auf Kinder werden unterschätzt
Kinder reagieren besonders empfindlich auf Umweltbelastungen wie Hitze, Luftverschmutzung oder Extremwetterereignisse. Ihr Körper befindet sich noch in der Entwicklung, sie verbringen mehr Zeit im Freien und sind im Verhältnis zu Erwachsenen körperlich aktiver. Zudem weisen sie eine höhere Atemfrequenz auf, betont Dr. Marie Standl, Leiterin der Forschungsgruppe Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. „Die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für Kinder werden bislang unterschätzt“, sagt sie.
Kinder und Jugendliche gelten bei Hitze als besonders vulnerable Gruppe, da ihr Thermoregulationssystem im Vergleich zu gesunden Erwachsenen noch nicht vollständig ausgereift ist und sie sich daher schlechter an hohe Temperaturen anpassen können. Sie produzieren pro Kilogramm Körpergewicht mehr metabolische Wärme.
Vor allem im Säuglings- und Kindesalter verfügen sie über eine größere Körperoberfläche im Verhältnis zum Körpergewicht, wodurch sie mehr Wärme aus der Umgebung aufnehmen. Gleichzeitig besitzen sie ein geringeres Blutvolumen und eine niedrigere kardiale Auswurfleistung. Wie Privatdozent Dr. Dirk Holzinger, leitender Arzt der Rheumatologie an der Klinik für Kinderheilkunde III des Universitätsklinikums Essen und Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG, bestätigt, gibt es „Hinweise auf eine erhöhte Hospitalisierungsrate von Kindern und Jugendlichen an sehr heißen Tagen“.
Erhöhtes Risiko für Frühgeburten
Dass extreme Hitze während der Schwangerschaft den Körper erheblich belastet und mit gravierenden Risiken verbunden ist, betont Prof. Dr. Petra Arck von der Experimentellen Feto-Maternalen Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Hohe Temperaturen führen zu Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Problemen und beeinflussen die Durchblutung der Gebärmutter. Dadurch kann der Verlauf der Schwangerschaft unmittelbar beeinträchtigt und das Risiko für Komplikationen erhöht werden.
Prof. Dr. Anke Diemert von der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am UKE verweist darauf, dass zahlreiche Studien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Hitzestress und Frühgeburten zeigen. Untersuchungen des UKE belegen, dass extreme Hitze mit Temperaturen von über 30 bis hin zu 35 °C über mehrere aufeinanderfolgende Tage das relative Risiko für Frühgeburten erhöhen kann.
Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne
Bislang verfügen etwa 20% aller Kommunen über Hitzeaktionspläne. Die meisten Bundesländer haben ihren Kommunen inzwischen vorgegeben, solche Konzepte in den kommenden Jahren – meist bis 2030 – vorzulegen, erklärt Prof. Dr. Clemens Becker, Abteilungsleiter der Geriatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Becker erinnert zudem daran, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gesetzlich verpflichtet sind, Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne vorzuhalten und kontinuierlich weiterzuentwickeln. „Das Problem sind vor allem ältere Menschen, die allein leben. Diese müssen durch Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt geschützt werden.“
Dr. Kerstin Kammerer, Vorstandsmitglied und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologische Forschung e.V. in Berlin, verweist auf bestehende Musterhitzeschutzpläne, etwa den des Aktionsbündnisses Hitzeschutz Berlin für Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen. Umfassende Informationen zum Umgang mit Hitze bietet außerdem der Hitzemaßnahmenplan für stationäre Einrichtungen der Altenpflege des LMU-Klinikums.
Schneider A, Röösli M, Huber V, Standl M, Kammerer K geben an, keine Interessenkonflikte zu haben.
Karl S gibt an, mehrere wissenschaftliche Publikationen zu den Zusammenhängen von menschengemachten Umweltveränderungen und psychischer Gesundheit verfasst zu haben. Er ist Mitherausgeber des Buchs „Psychiatrie in Zeiten globaler Umweltkrisen“ und Autor des Buchs „1-Minuten-Strategie Hitze“. Neben seiner klinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Stadtrat in Stuttgart für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Holzinger D gibt an, Mitglied des erweiterten Vorstandes von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. zu sein.
Rapp K, Breuer A, Arck P, Diemert A, Becker C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.
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Montag, 8. Juni 2026
Großes Review: Wie gut schützen Vitamin D und Kalzium vor Knochenbrüchen und Stürzen?
che2001, 11:09h
Ute Eppinger, Medscape
05. Juni 2026
Vitamin D, Kalzium oder die Kombination beider Mittel schützen ältere Menschen offenbar kaum vor Knochenbrüchen und Stürzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im BMJ veröffentlichte Auswertung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse von Dr. Olivier Massé, Abteilung für Pharmazie, CIUSSS du Nord-de-l'Île-de-Montréal, Québec, Kanada, und seinen Kollegen.
Fast ein Drittel der Menschen ab 65 Jahren stürzt jedes Jahr. Das führt häufig zu Knochenbrüchen, Schmerzen, verringerter Lebensqualität und manchmal auch dazu, dass sich die Betroffenen in stationäre Pflege begeben müssen. Die Prävention von Stürzen und Knochenbrüchen hat daher weltweit Priorität.
Mehrere frühere Evidenzüberprüfungen hatten ergeben, dass weder Kalzium- noch Vitamin-D-Präparate zu einer Verringerung von Knochenbrüchen führen, die Ergebnisse zur kombinierten Einnahme sind uneinheitlich. Dennoch empfehlen viele Ärzte und Leitlinien Vitamin-D-Präparate (mit oder ohne Kalzium) zur Knochengesundheit, und die Verschreibungen haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen.
Evidenz aus 69 Studien mit über 150.000 Erwachsenen
Massé und seine Kollegen werteten die Ergebnisse von 69 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 153.902 Erwachsenen aus, in denen die Wirkung von Kalzium- oder Vitamin-D-Präparaten – oder einer Kombination aus beidem – auf die Verringerung der Anzahl von Knochenbrüchen und Stürzen im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung untersucht wurde.
Nachdem man sich auf klinisch relevante Schwellenwerte geeinigt hatte, stellten die Forschenden fest, dass die Einnahme von Kalziumpräparaten (Evidenz von mittlerer Sicherheit aus 11 Studien; 9.067 Teilnehmer), Vitamin-D-Präparaten (Evidenz von hoher Sicherheit aus 36 Studien; 92.045 Teilnehmer) oder einer kombinierten Supplementierung (Evidenz von hoher Sicherheit aus 15 Studien; 51.126 Teilnehmer) kaum oder gar keinen Einfluss auf das Auftreten von Knochenbrüchen hatte.
Auch die Einnahme von Kalzium, Vitamin D oder einer Kombination aus beiden schien kaum oder gar keinen Einfluss auf bestimmte Frakturen, wie beispielsweise Hüftfrakturen, oder auf Stürze zu haben.
Ergebnisse stützen eine routinemäßige Supplementierung nicht
Massé und seine Kollegen weisen darauf hin, dass einige Analysen nur eine geringe Anzahl von Studien und Teilnehmern umfassten; daher sollten diese Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden. Sie gelten möglicherweise nicht für Personen mit bestimmten Knochenerkrankungen oder für diejenigen, die medikamentös gegen Osteoporose behandelt werden. Allerdings blieben die Ergebnisse auch nach weiteren Analysen mit entsprechenden Adjustierungen konsistent.
Die Forschenden schließen daraus, dass die Ergebnisse „eine routinemäßige Supplementierung mit Kalzium oder Vitamin D sowie eine kombinierte Supplementierung zur Vorbeugung von Knochenbrüchen und Stürzen nicht stützen“. Sie empfehlen Ärzten, Leitliniengremien und Aufsichtsbehörden, „ihre allgemeinen Empfehlungen zur Kalzium- und Vitamin-D-Supplementierung vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse neu zu bewerten“.
In einem begleitenden Editorial betonen Dr. Jennifer Pillay vom Alberta Research Centre for Health Evidence der Universität Alberta, Kanada, Dr. Donna Reynolds von der Universität Toronto und Guylene Thériault von der Universität Montreal, dass Erkenntnisse aus strengen und statistisch aussagekräftigen Studien benötigt würden, um Empfehlungen für die Nahrungsergänzung in Risikogruppen zu untermauern.
In der Zwischenzeit schlagen sie vor, den Fokus und die Finanzierung auf Maßnahmen zu verlagern, die nachweislich einen sinnvollen Beitrag zur Prävention von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen leisten, wie beispielsweise Gleichgewichts- und Krafttraining, sowie auf Maßnahmen, die Elemente wie Bewegung, Gefahrenbewertung oder Aufklärung kombinieren und auf das individuelle Risiko zugeschnitten sind.
Kommentar des Verfassers: Eine gute Unfallversicherung, die eine Unfallpflegerente beinhaltet ist essentiell.
05. Juni 2026
Vitamin D, Kalzium oder die Kombination beider Mittel schützen ältere Menschen offenbar kaum vor Knochenbrüchen und Stürzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im BMJ veröffentlichte Auswertung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse von Dr. Olivier Massé, Abteilung für Pharmazie, CIUSSS du Nord-de-l'Île-de-Montréal, Québec, Kanada, und seinen Kollegen.
Fast ein Drittel der Menschen ab 65 Jahren stürzt jedes Jahr. Das führt häufig zu Knochenbrüchen, Schmerzen, verringerter Lebensqualität und manchmal auch dazu, dass sich die Betroffenen in stationäre Pflege begeben müssen. Die Prävention von Stürzen und Knochenbrüchen hat daher weltweit Priorität.
Mehrere frühere Evidenzüberprüfungen hatten ergeben, dass weder Kalzium- noch Vitamin-D-Präparate zu einer Verringerung von Knochenbrüchen führen, die Ergebnisse zur kombinierten Einnahme sind uneinheitlich. Dennoch empfehlen viele Ärzte und Leitlinien Vitamin-D-Präparate (mit oder ohne Kalzium) zur Knochengesundheit, und die Verschreibungen haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen.
Evidenz aus 69 Studien mit über 150.000 Erwachsenen
Massé und seine Kollegen werteten die Ergebnisse von 69 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 153.902 Erwachsenen aus, in denen die Wirkung von Kalzium- oder Vitamin-D-Präparaten – oder einer Kombination aus beidem – auf die Verringerung der Anzahl von Knochenbrüchen und Stürzen im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung untersucht wurde.
Nachdem man sich auf klinisch relevante Schwellenwerte geeinigt hatte, stellten die Forschenden fest, dass die Einnahme von Kalziumpräparaten (Evidenz von mittlerer Sicherheit aus 11 Studien; 9.067 Teilnehmer), Vitamin-D-Präparaten (Evidenz von hoher Sicherheit aus 36 Studien; 92.045 Teilnehmer) oder einer kombinierten Supplementierung (Evidenz von hoher Sicherheit aus 15 Studien; 51.126 Teilnehmer) kaum oder gar keinen Einfluss auf das Auftreten von Knochenbrüchen hatte.
Auch die Einnahme von Kalzium, Vitamin D oder einer Kombination aus beiden schien kaum oder gar keinen Einfluss auf bestimmte Frakturen, wie beispielsweise Hüftfrakturen, oder auf Stürze zu haben.
Ergebnisse stützen eine routinemäßige Supplementierung nicht
Massé und seine Kollegen weisen darauf hin, dass einige Analysen nur eine geringe Anzahl von Studien und Teilnehmern umfassten; daher sollten diese Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden. Sie gelten möglicherweise nicht für Personen mit bestimmten Knochenerkrankungen oder für diejenigen, die medikamentös gegen Osteoporose behandelt werden. Allerdings blieben die Ergebnisse auch nach weiteren Analysen mit entsprechenden Adjustierungen konsistent.
Die Forschenden schließen daraus, dass die Ergebnisse „eine routinemäßige Supplementierung mit Kalzium oder Vitamin D sowie eine kombinierte Supplementierung zur Vorbeugung von Knochenbrüchen und Stürzen nicht stützen“. Sie empfehlen Ärzten, Leitliniengremien und Aufsichtsbehörden, „ihre allgemeinen Empfehlungen zur Kalzium- und Vitamin-D-Supplementierung vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse neu zu bewerten“.
In einem begleitenden Editorial betonen Dr. Jennifer Pillay vom Alberta Research Centre for Health Evidence der Universität Alberta, Kanada, Dr. Donna Reynolds von der Universität Toronto und Guylene Thériault von der Universität Montreal, dass Erkenntnisse aus strengen und statistisch aussagekräftigen Studien benötigt würden, um Empfehlungen für die Nahrungsergänzung in Risikogruppen zu untermauern.
In der Zwischenzeit schlagen sie vor, den Fokus und die Finanzierung auf Maßnahmen zu verlagern, die nachweislich einen sinnvollen Beitrag zur Prävention von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen leisten, wie beispielsweise Gleichgewichts- und Krafttraining, sowie auf Maßnahmen, die Elemente wie Bewegung, Gefahrenbewertung oder Aufklärung kombinieren und auf das individuelle Risiko zugeschnitten sind.
Kommentar des Verfassers: Eine gute Unfallversicherung, die eine Unfallpflegerente beinhaltet ist essentiell.
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Montag, 11. Mai 2026
Stress verursacht keinen Krebs – warum sich der Mythos trotzdem so hartnäckig hält
che2001, 16:26h
F. Perry Wilson, MD, MSCE
"Viele Patienten glauben: Stress verursacht Krebs. Doch Studiendaten widersprechen der Vermutung. Laut Prof. Dr. F. Perry Wilson lässt sich der mitunter beobachtete Zusammenhang durch Risikoverhalten erklären. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert. Das Video finden Sie hier.
Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Heute soll es um folgendes Thema gehen: Stress verursacht keinen Krebs.
Wenn man sich die medizinische Literatur ansieht, ist diese Aussage alles andere als kontrovers. Befragt man jedoch Patienten, glauben etwa 50%, dass chronischer Stress ein Risikofaktor für Krebs ist. Und auch viele Ärzte haben diesen Gedanken – zumindest im Stillen.
Wir alle kennen solche Geschichten: Ein Mann durchlebt eine schwierige Scheidung und erhält wenige Jahre später die Diagnose Magenkrebs. Oder eine Frau, dauerhaft stark belastet durch ihren Job, erkrankt in jungen Jahren an Eierstockkrebs. Solche Anekdoten bleiben im Gedächtnis, weil wir Menschen Trost darin finden, tragische Ereignisse erklären zu können.
Die Vorstellung, dass unser Schicksal zufällig ist, beeinflusst von den Launen eines gleichgültigen Universums, etwa durch einen einzelnen Gammastrahl, der genau im falschen Moment die DNA trifft, ist deutlich beunruhigender als die Idee, wir hätten zumindest ein gewisses Maß an Kontrolle. Wenn wir nur ruhig bleiben und weitermachen, so der Gedanke.
Eine gefährliche Annahme
Doch die Überzeugung, Stress würde Krebs verursachen, ist gefährlich. Sie führt dazu, dass sich manche Menschen selbst die Schuld geben, wenn sie eine Krebsdiagnose erhalten. Hätten sie doch nur gelassener, entspannter, „Zen“-hafter gelebt – dann wäre das vielleicht nicht passiert.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir zeigen: Stress ist zwar gesundheitlich problematisch, aber nicht, weil er Krebs verursacht. Eine aktuelle Studie, die kürzlich veröffentlicht worden ist, liefert spannende Erkenntnisse zum Thema.
Ich habe mich intensiv mit dieser Arbeit beschäftigt, die in der Fachzeitschrift Cancer erschienen ist. Es handelt sich um eine sogenannte Individual-Participant-Data-Metaanalyse zu psychosozialen Faktoren und der Krebsinzidenz, basierend auf Daten aus 22 Kohorten weltweit.
Metaanalysen bündeln Daten aus mehreren Studien. Klassischerweise werden die Ergebnisse einzelner Studien dabei gewichtet – je nachdem, wie präzise sie sind – und anschließend gemittelt. Im Kern bedeutet das: Eine Metaanalyse ist eine Zusammenfassung von Zusammenfassungen. Hier besteht allerdings die Gefahr, quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.
Eine Metaanalyse auf Basis individueller Teilnehmerdaten ist deutlich aussagekräftiger. In diesem Fall lieferten die 22 eingeschlossenen Kohorten nicht nur ihre zusammengefassten Ergebnisse, sondern die individuellen Daten jedes einzelnen Teilnehmers.
Gerade bei einem Thema wie Stress ist das entscheidend, weil es den Forschern ermöglicht, die Bestimmung psychosozialer Faktoren über alle Kohorten hinweg zu vereinheitlichen – unabhängig davon, welche Definitionen in den ursprünglichen Studien verwendet wurden.
Insgesamt umfasst die Analyse Daten von 421.799 Teilnehmern, von denen im Beobachtungszeitraum 35.319 an Krebs erkrankten. Das ist eine ausgesprochen umfangreiche Datengrundlage.
Die Forscher haben psychosoziale Stressfaktoren in 5 verschiedenen Bereichen erfasst, wobei nicht alle in jeder Kohorten verfügbar waren: Beziehungsstatus, wahrgenommene soziale Unterstützung, kürzlich erlebte Verluste (definiert als der Tod eines nahen Familienmitglieds innerhalb der vergangenen 12 Monate), allgemeine psychische Belastung sowie Neurotizismus.
Doch man kann nicht einfach die Korrelation zwischen diesen Faktoren und Krebs betrachten – dafür gibt es zu viele Störfaktoren.
Das Alter ist der bedeutendste einzelne Risikofaktor für Krebs. Gleichzeitig nimmt mit den Lebensjahren die Zahl psychosozialer Belastungen zu. Ältere Menschen haben mit höherer Wahrscheinlichkeit den Verlust nahestehender Personen erlebt, häufiger Trennungen oder Scheidungen durchgemacht und sind insgesamt mehr belastenden Lebensereignissen ausgesetzt.
Tatsächlich dürfte genau das einer der Gründe sein, warum sich die Vorstellung, Stress verursache Krebs, so hartnäckig hält. Denn die Lebensphase, in der Krebs typischerweise auftritt, ist oft dieselbe, in der auch viele dieser Stressoren zum Tragen kommen.
Umso wichtiger ist es, die Daten für das Alter zu adjustieren – was die Autoren auch getan haben. In ihrem Basismodell berücksichtigten sie zudem Geschlecht, Herkunftsland und Bildungsniveau. Auf dieser Grundlage lassen sich die Ergebnisse sinnvoll interpretieren.
Neurotizismus und allgemeine psychische Belastung sind jene Faktoren, die wir typischerweise mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp verbinden – dem chronisch gestressten Menschen. Wenn es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Stress und Krebs gäbe, müsste er sich am ehesten hier zeigen.
Die zugrunde liegende Hypothese lautet, dass chronischer Stress etwa zu erhöhten körpereigenen Cortisolspiegeln führt, was das Immunsystem unterdrückt. Dadurch könnte die sogenannte Immunüberwachung beeinträchtigt werden, sodass Krebszellen, die sonst eliminiert worden wären, weiter wachsen können.
Doch genau das zeigte sich nicht: Weder für Neurotizismus noch für allgemeine psychische Belastung fand sich ein Zusammenhang – weder mit Krebserkrankungen insgesamt noch mit einzelnen Krebsarten.
Wie steht es um die anderen psychosozialen Faktoren? Eine als gering empfundene soziale Unterstützung, ein kürzlich erlittener Verlust sowie das Leben ohne Partnerschaft waren jeweils mit einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs verbunden. Auch bei Singles gab es einen einen Zusammenhang mit weiteren, durch das Rauchen bedingten Krebsarten.
Rauchen als entscheidender Vermittler
Und genau hier liegt der zentrale Hinweis darauf, was tatsächlich passiert. Irgendetwas vermittelt den Zusammenhang zwischen geringer sozialer Unterstützung, einem kürzlich erlebten Verlust oder dem Fehlen einer Partnerschaft – und einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs sowie andere rauchassoziierte Tumoren.
Und dieses „Etwas“? Es ist das Rauchen. Menschen, die solchen Formen von Stress ausgesetzt waren, rauchten häufiger. Nachdem die Autoren ihre Daten für das Rauchverhalten adjustiert hatten, schwächte sich der Zusammenhang deutlich ab. Sie erstellten schließlich ein vollständig adjustiertes Modell, das auch Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Body-Mass-Index, Alkoholkonsum und eine familiäre Krebsbelastung berücksichtigte.
Unter Einbeziehung all dieser Parameter zeigte sich praktisch kein Zusammenhang mehr zwischen psychosozialem Stress und irgendeiner Krebsart. Es gab jedoch 2 Ausnahmen: Der kürzliche Verlust eines Familienmitglieds blieb auch nach Anpassung für das Rauchen mit einem erhöhten Lungenkrebs-Risiko verbunden. Diese Daten stammen allerdings nur aus einer einzigen Kohorte und sind daher schwer zu interpretieren. Zudem blieb ein Zusammenhang zwischen dem Leben ohne Partnerschaft und rauchbedingten Krebserkrankungen bestehen – wenn auch deutlich abgeschwächt.
Ist das real? Ich bin skeptisch. Mir erscheint es weiterhin plausibel, dass das Rauchen selbst die Ursache für diese Krebserkrankungen ist – und dass die statistische Anpassung für das Rauchverhalten naturgemäß nicht perfekt ist: Menschen unterschätzen ihren Konsum, geben ihn ungenau an oder verschweigen ihn ganz. Statistische Korrekturen sind kein Allheilmittel, und dass die Effekte nach Anpassung kleiner werden, ist ein wichtiges Signal.
Natürlich ließe sich hypothetisch argumentieren, dass gerade der Stress durch Trauer einen spezifischen krebsauslösenden Effekt auf die Lunge hat – aber biologisch überzeugt mich das nicht.
Was bedeutet die Studie?
Die rationalste Interpretation dieser Daten ist daher: Nein, Stress an sich verursacht keinen Krebs. Aber Stress kann dazu führen, dass Menschen Verhaltensweisen entwickeln – wie Rauchen oder erhöhten Alkoholkonsum –, die tatsächlich das Krebsrisiko steigern.
Das hat Konsequenzen für den Umgang mit einer neuen Krebsdiagnose. Natürlich gibt es Faktoren, die wir selbst beeinflussen und die unser Risiko erhöhen. Wir rauchen, obwohl wir es besser wissen, oder trinken mehr Alkohol als gesund ist. Diese Lebensstil-Risiken sind real.
Doch gleichzeitig spielt auch Zufall eine Rolle. Manche Krebserkrankungen sind schlicht Pech. Sich selbst die Schuld zu geben, weil man etwa mit dem Verlust eines Angehörigen nicht „richtig“ umgegangen ist, eine gescheiterte Beziehung erlebt hat oder in einem übermäßig belastenden Job geblieben ist – hilft nicht. Und vor allem: Es entspricht nicht den Fakten.
Stress ist zweifellos schädlich. Aber er ist nicht dasselbe wie Rauchen – auch wenn sich die Frage stellt, was von beidem schwerer vermeidbar ist."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
"Viele Patienten glauben: Stress verursacht Krebs. Doch Studiendaten widersprechen der Vermutung. Laut Prof. Dr. F. Perry Wilson lässt sich der mitunter beobachtete Zusammenhang durch Risikoverhalten erklären. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert. Das Video finden Sie hier.
Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Heute soll es um folgendes Thema gehen: Stress verursacht keinen Krebs.
Wenn man sich die medizinische Literatur ansieht, ist diese Aussage alles andere als kontrovers. Befragt man jedoch Patienten, glauben etwa 50%, dass chronischer Stress ein Risikofaktor für Krebs ist. Und auch viele Ärzte haben diesen Gedanken – zumindest im Stillen.
Wir alle kennen solche Geschichten: Ein Mann durchlebt eine schwierige Scheidung und erhält wenige Jahre später die Diagnose Magenkrebs. Oder eine Frau, dauerhaft stark belastet durch ihren Job, erkrankt in jungen Jahren an Eierstockkrebs. Solche Anekdoten bleiben im Gedächtnis, weil wir Menschen Trost darin finden, tragische Ereignisse erklären zu können.
Die Vorstellung, dass unser Schicksal zufällig ist, beeinflusst von den Launen eines gleichgültigen Universums, etwa durch einen einzelnen Gammastrahl, der genau im falschen Moment die DNA trifft, ist deutlich beunruhigender als die Idee, wir hätten zumindest ein gewisses Maß an Kontrolle. Wenn wir nur ruhig bleiben und weitermachen, so der Gedanke.
Eine gefährliche Annahme
Doch die Überzeugung, Stress würde Krebs verursachen, ist gefährlich. Sie führt dazu, dass sich manche Menschen selbst die Schuld geben, wenn sie eine Krebsdiagnose erhalten. Hätten sie doch nur gelassener, entspannter, „Zen“-hafter gelebt – dann wäre das vielleicht nicht passiert.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir zeigen: Stress ist zwar gesundheitlich problematisch, aber nicht, weil er Krebs verursacht. Eine aktuelle Studie, die kürzlich veröffentlicht worden ist, liefert spannende Erkenntnisse zum Thema.
Ich habe mich intensiv mit dieser Arbeit beschäftigt, die in der Fachzeitschrift Cancer erschienen ist. Es handelt sich um eine sogenannte Individual-Participant-Data-Metaanalyse zu psychosozialen Faktoren und der Krebsinzidenz, basierend auf Daten aus 22 Kohorten weltweit.
Metaanalysen bündeln Daten aus mehreren Studien. Klassischerweise werden die Ergebnisse einzelner Studien dabei gewichtet – je nachdem, wie präzise sie sind – und anschließend gemittelt. Im Kern bedeutet das: Eine Metaanalyse ist eine Zusammenfassung von Zusammenfassungen. Hier besteht allerdings die Gefahr, quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.
Eine Metaanalyse auf Basis individueller Teilnehmerdaten ist deutlich aussagekräftiger. In diesem Fall lieferten die 22 eingeschlossenen Kohorten nicht nur ihre zusammengefassten Ergebnisse, sondern die individuellen Daten jedes einzelnen Teilnehmers.
Gerade bei einem Thema wie Stress ist das entscheidend, weil es den Forschern ermöglicht, die Bestimmung psychosozialer Faktoren über alle Kohorten hinweg zu vereinheitlichen – unabhängig davon, welche Definitionen in den ursprünglichen Studien verwendet wurden.
Insgesamt umfasst die Analyse Daten von 421.799 Teilnehmern, von denen im Beobachtungszeitraum 35.319 an Krebs erkrankten. Das ist eine ausgesprochen umfangreiche Datengrundlage.
Die Forscher haben psychosoziale Stressfaktoren in 5 verschiedenen Bereichen erfasst, wobei nicht alle in jeder Kohorten verfügbar waren: Beziehungsstatus, wahrgenommene soziale Unterstützung, kürzlich erlebte Verluste (definiert als der Tod eines nahen Familienmitglieds innerhalb der vergangenen 12 Monate), allgemeine psychische Belastung sowie Neurotizismus.
Doch man kann nicht einfach die Korrelation zwischen diesen Faktoren und Krebs betrachten – dafür gibt es zu viele Störfaktoren.
Das Alter ist der bedeutendste einzelne Risikofaktor für Krebs. Gleichzeitig nimmt mit den Lebensjahren die Zahl psychosozialer Belastungen zu. Ältere Menschen haben mit höherer Wahrscheinlichkeit den Verlust nahestehender Personen erlebt, häufiger Trennungen oder Scheidungen durchgemacht und sind insgesamt mehr belastenden Lebensereignissen ausgesetzt.
Tatsächlich dürfte genau das einer der Gründe sein, warum sich die Vorstellung, Stress verursache Krebs, so hartnäckig hält. Denn die Lebensphase, in der Krebs typischerweise auftritt, ist oft dieselbe, in der auch viele dieser Stressoren zum Tragen kommen.
Umso wichtiger ist es, die Daten für das Alter zu adjustieren – was die Autoren auch getan haben. In ihrem Basismodell berücksichtigten sie zudem Geschlecht, Herkunftsland und Bildungsniveau. Auf dieser Grundlage lassen sich die Ergebnisse sinnvoll interpretieren.
Neurotizismus und allgemeine psychische Belastung sind jene Faktoren, die wir typischerweise mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp verbinden – dem chronisch gestressten Menschen. Wenn es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Stress und Krebs gäbe, müsste er sich am ehesten hier zeigen.
Die zugrunde liegende Hypothese lautet, dass chronischer Stress etwa zu erhöhten körpereigenen Cortisolspiegeln führt, was das Immunsystem unterdrückt. Dadurch könnte die sogenannte Immunüberwachung beeinträchtigt werden, sodass Krebszellen, die sonst eliminiert worden wären, weiter wachsen können.
Doch genau das zeigte sich nicht: Weder für Neurotizismus noch für allgemeine psychische Belastung fand sich ein Zusammenhang – weder mit Krebserkrankungen insgesamt noch mit einzelnen Krebsarten.
Wie steht es um die anderen psychosozialen Faktoren? Eine als gering empfundene soziale Unterstützung, ein kürzlich erlittener Verlust sowie das Leben ohne Partnerschaft waren jeweils mit einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs verbunden. Auch bei Singles gab es einen einen Zusammenhang mit weiteren, durch das Rauchen bedingten Krebsarten.
Rauchen als entscheidender Vermittler
Und genau hier liegt der zentrale Hinweis darauf, was tatsächlich passiert. Irgendetwas vermittelt den Zusammenhang zwischen geringer sozialer Unterstützung, einem kürzlich erlebten Verlust oder dem Fehlen einer Partnerschaft – und einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs sowie andere rauchassoziierte Tumoren.
Und dieses „Etwas“? Es ist das Rauchen. Menschen, die solchen Formen von Stress ausgesetzt waren, rauchten häufiger. Nachdem die Autoren ihre Daten für das Rauchverhalten adjustiert hatten, schwächte sich der Zusammenhang deutlich ab. Sie erstellten schließlich ein vollständig adjustiertes Modell, das auch Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Body-Mass-Index, Alkoholkonsum und eine familiäre Krebsbelastung berücksichtigte.
Unter Einbeziehung all dieser Parameter zeigte sich praktisch kein Zusammenhang mehr zwischen psychosozialem Stress und irgendeiner Krebsart. Es gab jedoch 2 Ausnahmen: Der kürzliche Verlust eines Familienmitglieds blieb auch nach Anpassung für das Rauchen mit einem erhöhten Lungenkrebs-Risiko verbunden. Diese Daten stammen allerdings nur aus einer einzigen Kohorte und sind daher schwer zu interpretieren. Zudem blieb ein Zusammenhang zwischen dem Leben ohne Partnerschaft und rauchbedingten Krebserkrankungen bestehen – wenn auch deutlich abgeschwächt.
Ist das real? Ich bin skeptisch. Mir erscheint es weiterhin plausibel, dass das Rauchen selbst die Ursache für diese Krebserkrankungen ist – und dass die statistische Anpassung für das Rauchverhalten naturgemäß nicht perfekt ist: Menschen unterschätzen ihren Konsum, geben ihn ungenau an oder verschweigen ihn ganz. Statistische Korrekturen sind kein Allheilmittel, und dass die Effekte nach Anpassung kleiner werden, ist ein wichtiges Signal.
Natürlich ließe sich hypothetisch argumentieren, dass gerade der Stress durch Trauer einen spezifischen krebsauslösenden Effekt auf die Lunge hat – aber biologisch überzeugt mich das nicht.
Was bedeutet die Studie?
Die rationalste Interpretation dieser Daten ist daher: Nein, Stress an sich verursacht keinen Krebs. Aber Stress kann dazu führen, dass Menschen Verhaltensweisen entwickeln – wie Rauchen oder erhöhten Alkoholkonsum –, die tatsächlich das Krebsrisiko steigern.
Das hat Konsequenzen für den Umgang mit einer neuen Krebsdiagnose. Natürlich gibt es Faktoren, die wir selbst beeinflussen und die unser Risiko erhöhen. Wir rauchen, obwohl wir es besser wissen, oder trinken mehr Alkohol als gesund ist. Diese Lebensstil-Risiken sind real.
Doch gleichzeitig spielt auch Zufall eine Rolle. Manche Krebserkrankungen sind schlicht Pech. Sich selbst die Schuld zu geben, weil man etwa mit dem Verlust eines Angehörigen nicht „richtig“ umgegangen ist, eine gescheiterte Beziehung erlebt hat oder in einem übermäßig belastenden Job geblieben ist – hilft nicht. Und vor allem: Es entspricht nicht den Fakten.
Stress ist zweifellos schädlich. Aber er ist nicht dasselbe wie Rauchen – auch wenn sich die Frage stellt, was von beidem schwerer vermeidbar ist."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Montag, 4. Mai 2026
Mittelmeerdiät schlägt fettarme Kost: neue Studiendaten zeigen klaren Vorteil fürs Herz
che2001, 17:37h
Univadis Nachrichten
Carlos Sierra, PhD
04. Mai 2026
Ausgewogene Ernährung ist keine Garantie für Gesundheit – doch sie ist ein entscheidender Faktor. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen deutlich: Eine Kost, die arm an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch ist, gleichzeitig aber reich an verarbeiteten Fleischprodukten, zugesetztem Zucker und Salz, zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Demgegenüber verdichten sich die Belege, dass die Mittelmeerdiät weit mehr als nur ein gesunder Lebensstil ist. Sie trägt maßgeblich dazu bei, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen, vorzeitiges Altern zu verlangsamen und den kognitiven Abbau zu bremsen. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert die CORDIOPREV-Studie, eine klinische Untersuchung am Universitätsklinikum Reina Sofía im spanischen Córdoba, deren aktuelle Ergebnisse im European Journal of Internal Medicine veröffentlicht worden sind [1].
7 Jahre Forschung: CORDIOPREV liefert harte Zahlen
Die ursprünglich in The Lancet publizierte CORDIOPREV-Studie [2]ist eine randomisierte klinische Untersuchung mit 1.002 Teilnehmern, darunter 827 Männer (82,5%). Alle Teilnehmer litten an einer stabilen koronaren Herzkrankheit. Sie waren zwischen 20 und 75 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 59,5 Jahren. Über einen Zeitraum von 7 Jahren wurden sie engmaschig begleitet.
Forscher haben die Probanden in 2 Gruppen eingeteilt: 502 Personen ernährten sich mediterran mit viel nativem Olivenöl, während 500 Teilnehmer eine fettarme, ebenfalls gesunde Kost zu sich nahmen. „Auch die Vergleichsdiät musste aus ethischen Gründen gesund sein – es wäre nicht vertretbar gewesen, den Teilnehmern eine ungesunde Ernährung vorzugeben“, erklärt Dr. Pablo Pérez Martínez. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Instituto Maimónides für biomedizinische Forschung (IMIBIC), Professor für Medizin an der Universität Córdoba sowie Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Reina Sofía, Córdoba.
Ziel war es, das Auftreten schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse zu vergleichen, darunter Herzinfarkt, Revaskularisation, ischämischer Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder kardiovaskulär bedingter Tod.
Im Verlauf der Studie trat ein solches Ereignis bei insgesamt 198 Personen auf: 87 in der Gruppe mit mediterraner Ernährung und 111 in der Kontrollgruppe. Besonders deutlich war der Unterschied bei Männern. Hier kam es bei 16,2% in der Mittelmeerdiät-Gruppe zu einem Ereignis, verglichen mit 22,8% in der Gruppe mit fettarmer Ernährung. Bei den Frauen zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
Diese Ergebnisse machen deutlich: „Die Mittelmeerdiät verringert signifikant das Wiederauftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse und ist damit eine besonders wirksame Strategie in der Sekundärprävention“, so Pérez Martínez.
Warum die Mittelmeerdiät mehr leisten kann
Die Studie belegt nicht nur einen statistischen Vorteil, sondern liefert auch Hinweise auf die zugrunde liegenden Mechanismen. Die mediterrane Ernährung scheint das Fortschreiten einer Atherosklerose zu verlangsamen, die Funktion des Endothels zu verbessern und entzündliche Prozesse zu modulieren, die an der Entstehung und am Aufbrechen von Plaques beteiligt sind. Dazu zählt unter anderem die Aktivität von Neutrophilen, die eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen spielen.
Diese Erkenntnisse haben inzwischen Eingang in europäische Leitlinien gefunden. Dort wird die Mittelmeerdiät ausdrücklich als empfohlene Ernährungsweise für Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko genannt.
Ein Studiendesign mit besonderer Aussagekraft
Was CORDIOPREV besonders macht, ist der Fokus auf Risikopatienten mit koronarer Herzkrankheit. Dadurch konnten Forscher erstmals belastbar untersuchen, welche Rolle die Ernährung in der Sekundärprävention spielt.
Hinzu kommt die lange Nachbeobachtungszeit von 7 Jahren sowie der direkte Vergleich mit einer ebenfalls gesunden, fettarmen Ernährung. „Die Studie wurde gezielt so konzipiert, dass wir prüfen können, ob eine mediterrane Ernährung mit viel Olivenöl den klinischen Verlauf stärker verbessert als eine fettarme Diät“, erläutert Pérez Martínez.
Besonders bemerkenswert sei, dass sich die Überlegenheit der Mittelmeerdiät gerade unter diesen anspruchsvollen Bedingungen gezeigt habe, so Pérez Martínez. „Sie wurde nicht mit einer eindeutig ungesunden Ernährung verglichen, sondern mit einer ebenfalls empfohlenen Diät. Das verleiht den Ergebnissen eine besonders hohe klinische Relevanz.“
Vom Wissen zum Verhalten: Die größte Herausforderung
Dich trotz jahrzehntelanger Forschung bleibt ein Problem bestehen: Erkenntnisse aus der Wissenschaft erreichen die Bevölkerung oft nicht in Form konkreter Verhaltensänderungen. Viele Menschen treffen ihre Entscheidungen, was auf dem Speiseplan steht, weiterhin nach Bequemlichkeit, Geschmack oder Gewohnheit. Gesundheitliche Effekte spielen oft nur eine untergeordnete Rolle.
Um diese Lücke zu schließen, haben Ärzte aus Córdoba das Programm E-DUCASS ins Leben gerufen. Es handelt sich um eine 24-monatige Bildungsintervention für sozial benachteiligte Familien mit erhöhtem Risiko, sich ungesund zu ernähren. Teilnehmer erhielten zunächst eine Präsenzschulung und wurden anschließend zufällig 2 Interventionsformen zugeteilt: einer klassischen persönlichen Betreuung oder einer digitalen Begleitung.
Damit wollten Ärzte herausfinden, ob digitale Strategien effektiver sein könnten als traditionelle Ansätze. Unterstützt wurde das Programm durch kostengünstige Workshops, passgenaue Informationsmaterialien sowie leicht zugängliche Kanäle wie YouTube, WhatsApp und SMS. Hinzu kamen gesunde, preiswerte Speisepläne mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln.
4 Jahre nach Start des Projekts zeigen vorläufige Ergebnisse eine klare Tendenz: „Die digitale Intervention verbessert die kardiovaskuläre Gesundheit effektiver als herkömmliche Methoden – insbesondere in vulnerablen Bevölkerungsgruppen“, sagt Pérez Martínez.
Skalierung auf internationaler Ebene geplant
Jetzt sollen die Ansätze weiterentwickelt und international erprobt werden. Mit den Projekten E2-DUCASS und E-DUCASS Advance stehen die nächsten Schritte fest.
E2-DUCASS untersucht die Übertragbarkeit des Modells auf andere Länder, darunter Portugal und Taiwan. E-DUCASS Advance wiederum analysiert, inwiefern der sozioökonomische Status den Erfolg der Intervention beeinflusst, indem Forscher Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichem Einkommen in die Studie aufnehmen und begleiten.
Ziel beider Projekte ist, die Anwendbarkeit, Skalierbarkeit und Wirksamkeit der Maßnahmen in unterschiedlichen sozialen und geografischen Kontexten zu überprüfen. Während E2-DUCASS bereits in der Interventionsphase ist, läuft für E-DUCASS Advance derzeit die Rekrutierung der Teilnehmer.
Mediterrane Diät als moderne Präventionsstrategie
Damit wird deutlich: Die Mittelmeerdiät ist längst mehr als ein kulturelles Ernährungsmuster – sie entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Baustein moderner Präventionsstrategien im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt geht es darum, sie in den Alltag der Menschen zu bringen.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.es.
Carlos Sierra, PhD
04. Mai 2026
Ausgewogene Ernährung ist keine Garantie für Gesundheit – doch sie ist ein entscheidender Faktor. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen deutlich: Eine Kost, die arm an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch ist, gleichzeitig aber reich an verarbeiteten Fleischprodukten, zugesetztem Zucker und Salz, zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Demgegenüber verdichten sich die Belege, dass die Mittelmeerdiät weit mehr als nur ein gesunder Lebensstil ist. Sie trägt maßgeblich dazu bei, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen, vorzeitiges Altern zu verlangsamen und den kognitiven Abbau zu bremsen. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert die CORDIOPREV-Studie, eine klinische Untersuchung am Universitätsklinikum Reina Sofía im spanischen Córdoba, deren aktuelle Ergebnisse im European Journal of Internal Medicine veröffentlicht worden sind [1].
7 Jahre Forschung: CORDIOPREV liefert harte Zahlen
Die ursprünglich in The Lancet publizierte CORDIOPREV-Studie [2]ist eine randomisierte klinische Untersuchung mit 1.002 Teilnehmern, darunter 827 Männer (82,5%). Alle Teilnehmer litten an einer stabilen koronaren Herzkrankheit. Sie waren zwischen 20 und 75 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 59,5 Jahren. Über einen Zeitraum von 7 Jahren wurden sie engmaschig begleitet.
Forscher haben die Probanden in 2 Gruppen eingeteilt: 502 Personen ernährten sich mediterran mit viel nativem Olivenöl, während 500 Teilnehmer eine fettarme, ebenfalls gesunde Kost zu sich nahmen. „Auch die Vergleichsdiät musste aus ethischen Gründen gesund sein – es wäre nicht vertretbar gewesen, den Teilnehmern eine ungesunde Ernährung vorzugeben“, erklärt Dr. Pablo Pérez Martínez. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Instituto Maimónides für biomedizinische Forschung (IMIBIC), Professor für Medizin an der Universität Córdoba sowie Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Reina Sofía, Córdoba.
Ziel war es, das Auftreten schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse zu vergleichen, darunter Herzinfarkt, Revaskularisation, ischämischer Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder kardiovaskulär bedingter Tod.
Im Verlauf der Studie trat ein solches Ereignis bei insgesamt 198 Personen auf: 87 in der Gruppe mit mediterraner Ernährung und 111 in der Kontrollgruppe. Besonders deutlich war der Unterschied bei Männern. Hier kam es bei 16,2% in der Mittelmeerdiät-Gruppe zu einem Ereignis, verglichen mit 22,8% in der Gruppe mit fettarmer Ernährung. Bei den Frauen zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
Diese Ergebnisse machen deutlich: „Die Mittelmeerdiät verringert signifikant das Wiederauftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse und ist damit eine besonders wirksame Strategie in der Sekundärprävention“, so Pérez Martínez.
Warum die Mittelmeerdiät mehr leisten kann
Die Studie belegt nicht nur einen statistischen Vorteil, sondern liefert auch Hinweise auf die zugrunde liegenden Mechanismen. Die mediterrane Ernährung scheint das Fortschreiten einer Atherosklerose zu verlangsamen, die Funktion des Endothels zu verbessern und entzündliche Prozesse zu modulieren, die an der Entstehung und am Aufbrechen von Plaques beteiligt sind. Dazu zählt unter anderem die Aktivität von Neutrophilen, die eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen spielen.
Diese Erkenntnisse haben inzwischen Eingang in europäische Leitlinien gefunden. Dort wird die Mittelmeerdiät ausdrücklich als empfohlene Ernährungsweise für Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko genannt.
Ein Studiendesign mit besonderer Aussagekraft
Was CORDIOPREV besonders macht, ist der Fokus auf Risikopatienten mit koronarer Herzkrankheit. Dadurch konnten Forscher erstmals belastbar untersuchen, welche Rolle die Ernährung in der Sekundärprävention spielt.
Hinzu kommt die lange Nachbeobachtungszeit von 7 Jahren sowie der direkte Vergleich mit einer ebenfalls gesunden, fettarmen Ernährung. „Die Studie wurde gezielt so konzipiert, dass wir prüfen können, ob eine mediterrane Ernährung mit viel Olivenöl den klinischen Verlauf stärker verbessert als eine fettarme Diät“, erläutert Pérez Martínez.
Besonders bemerkenswert sei, dass sich die Überlegenheit der Mittelmeerdiät gerade unter diesen anspruchsvollen Bedingungen gezeigt habe, so Pérez Martínez. „Sie wurde nicht mit einer eindeutig ungesunden Ernährung verglichen, sondern mit einer ebenfalls empfohlenen Diät. Das verleiht den Ergebnissen eine besonders hohe klinische Relevanz.“
Vom Wissen zum Verhalten: Die größte Herausforderung
Dich trotz jahrzehntelanger Forschung bleibt ein Problem bestehen: Erkenntnisse aus der Wissenschaft erreichen die Bevölkerung oft nicht in Form konkreter Verhaltensänderungen. Viele Menschen treffen ihre Entscheidungen, was auf dem Speiseplan steht, weiterhin nach Bequemlichkeit, Geschmack oder Gewohnheit. Gesundheitliche Effekte spielen oft nur eine untergeordnete Rolle.
Um diese Lücke zu schließen, haben Ärzte aus Córdoba das Programm E-DUCASS ins Leben gerufen. Es handelt sich um eine 24-monatige Bildungsintervention für sozial benachteiligte Familien mit erhöhtem Risiko, sich ungesund zu ernähren. Teilnehmer erhielten zunächst eine Präsenzschulung und wurden anschließend zufällig 2 Interventionsformen zugeteilt: einer klassischen persönlichen Betreuung oder einer digitalen Begleitung.
Damit wollten Ärzte herausfinden, ob digitale Strategien effektiver sein könnten als traditionelle Ansätze. Unterstützt wurde das Programm durch kostengünstige Workshops, passgenaue Informationsmaterialien sowie leicht zugängliche Kanäle wie YouTube, WhatsApp und SMS. Hinzu kamen gesunde, preiswerte Speisepläne mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln.
4 Jahre nach Start des Projekts zeigen vorläufige Ergebnisse eine klare Tendenz: „Die digitale Intervention verbessert die kardiovaskuläre Gesundheit effektiver als herkömmliche Methoden – insbesondere in vulnerablen Bevölkerungsgruppen“, sagt Pérez Martínez.
Skalierung auf internationaler Ebene geplant
Jetzt sollen die Ansätze weiterentwickelt und international erprobt werden. Mit den Projekten E2-DUCASS und E-DUCASS Advance stehen die nächsten Schritte fest.
E2-DUCASS untersucht die Übertragbarkeit des Modells auf andere Länder, darunter Portugal und Taiwan. E-DUCASS Advance wiederum analysiert, inwiefern der sozioökonomische Status den Erfolg der Intervention beeinflusst, indem Forscher Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichem Einkommen in die Studie aufnehmen und begleiten.
Ziel beider Projekte ist, die Anwendbarkeit, Skalierbarkeit und Wirksamkeit der Maßnahmen in unterschiedlichen sozialen und geografischen Kontexten zu überprüfen. Während E2-DUCASS bereits in der Interventionsphase ist, läuft für E-DUCASS Advance derzeit die Rekrutierung der Teilnehmer.
Mediterrane Diät als moderne Präventionsstrategie
Damit wird deutlich: Die Mittelmeerdiät ist längst mehr als ein kulturelles Ernährungsmuster – sie entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Baustein moderner Präventionsstrategien im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt geht es darum, sie in den Alltag der Menschen zu bringen.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.es.
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Donnerstag, 16. April 2026
Verlangsamen Multivitamine das Altern? Wohl kaum...
che2001, 16:43h
F. Perry Wilson, MD, MSCE
16. April 2026
Eine neue Studie sorgt für Schlagzeilen: Tägliche Multivitamine sollen die biologische Alterung verlangsamen. Doch Prof. Dr. F. Perry Wilsons kritischer Blick auf die Daten zeigt: Der Effekt ist minimal – und existiert möglicherweise gar nicht. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert.
"Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Momentan sorgt eine neue Studie für Schlagzeilen – immerhin handelt es sich um eine randomisierte Studie. Ihr Ergebnis: Die tägliche Einnahme eines Multivitamins soll die biologische Alterung deutlich verlangsamen.
Doch es gibt ein Problem. Wer die Studie tatsächlich im Detail liest, erkennt schnell: Diese Multivitamine bewirken im Grunde so gut wie nichts.
Beobachtungsstudien mit Bias; randomisierte Arbeiten ohne Effekt
Ich stehe Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln seit Jahren eher kritisch gegenüber. Meiner Ansicht nach ist ein Großteil der Beobachtungsstudien durch den sogenannten Healthy-User-Effekt verzerrt: Menschen, die regelmäßig Vitamine einnehmen, haben häufig auch in anderen Bereichen einen gesünderen Lebensstil. Auch zeigen randomisierte Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln überwiegend keine überzeugenden Effekte.
Allerdings leben wir in einer Zeit schneller persönlicher Angriffe. Bevor mir also jemand vorwirft, ich würde im Interesse der Pharmaindustrie argumentieren, sei erwähnt: Bei der Studie, über die ich heute sprechen werde, untersuchten Forscher das Präparat Centrum Silver – damals produziert von einem Joint Venture zwischen Pfizer und GlaxoSmithKline.
Die COSMOS-Studie: Kakao, Vitamine und hohe Erwartungen
Die betreffende Arbeit erschien im renommierten Fachjournal Nature Medicine. Sie ist eine Subanalyse der COSMOS-Studie, der „Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study“.
Wer in dem Bereich arbeitet, kennt diesen Namen vermutlich. COSMOS sollte ursprünglich klären, ob Kakao – oder ein Bestandteil davon – vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Finanziert wurde die Studie unter anderem vom Süßwarenhersteller Mars. Der primäre Endpunkt fiel jedoch negativ aus. In einigen sekundären Analysen fanden sich zwar Hinweise auf mögliche kardiovaskuläre Vorteile von Kakao. Doch ein klarer Effekt ließ sich nicht belegen.
Die Studie umfasste auch einen Multivitamin-Arm. Genauer gesagt handelte es sich um ein 2×2-faktorielles Studiendesign: Ein Teil der Teilnehmenden erhielt ein Multivitamin plus Placebo, ein anderer ein Kakao-Supplement plus Placebo. Eine 3. Gruppe bekam sowohl Multivitamin als auch Kakao, während eine 4. Gruppe 2 Placebos erhielt. Solche faktoriellen Designs gelten als elegante Methode, um gewissermaßen 2 Studien zum Preis von anderthalb durchzuführen.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Die COSMOS-Studie hat inzwischen eine ganze Reihe weiterer Analysen hervorgebracht. Dazu gehört auch die COSMOS-Mind-Studie, die darauf hindeutete, dass die Einnahme eines Multivitamins möglicherweise positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zeigen könnte. Der Kardiologe Dr. Chris Labos hat zu dieser Arbeit allerdings einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, der diese Ergebnisse deutlich relativiert.
Untersuchung der Alterung anhand epigenetischer Marker
In der aktuellen Auswertung wird die Studie nun genutzt, um einen anderen Aspekt zu untersuchen: das Altern selbst – genauer gesagt das Altern, gemessen anhand epigenetischer Alterungsuhren. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Im Grunde verändert sich unsere DNA im Laufe des Lebens ein wenig. Dabei geht es weniger um Variationen im eigentlichen genetischen Code – auch wenn sich im Laufe der Zeit durchaus einige Mutationen ansammeln können.
Entscheidend sind vielmehr kleine chemische Gruppen, die sich an DNA-Strang anlagern, insbesondere Methylgruppen. Man kann sie sich ein wenig wie Staub vorstellen, der sich im Laufe der Jahre langsam auf einem Kaminsims absetzt. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese Markierungen an – und mehrere Forschungsgruppen konnten zeigen, dass ihr Muster erstaunlich gut mit dem tatsächlichen Lebensalter eines Menschen korreliert.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Natürlich ist diese Korrelation nicht perfekt. Manche Menschen haben gewissermaßen mehr „Staub auf dem Kaminsims“ ihrer DNA, als es ihr tatsächliches Alter vermuten ließe, andere weniger. Mehrere Studien zeigen jedoch, dass die Differenz zwischen chronologischem und biologischem Alter klinische Bedeutung haben kann, etwa in Hinblick auf ein erhöhtes Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.
Das Problem: Während es für das kalendarische Alter nur eine einzige Referenz gibt – schließlich sind sich alle einig, wie viele Tage ein Jahr hat –, existieren verschiedene epigenetische Uhren. Im Grunde handelt es sich dabei um Algorithmen, die auf unterschiedliche Weise trainiert wurden. Sie verarbeiten ähnliche, aber nicht identische Datensätze und liefern am Ende eine Zahl. Diese Ergebnisse stimmen nicht immer überein. Wie stark sie voneinander abweichen können, wird gleich noch deutlich. Doch zunächst ein Blick auf die Grundlagen der Studie.
Von den rund 21.000 Teilnehmenden der ursprünglichen COSMOS-Studie wurden 958 Personen zufällig ausgewählt, bei denen DNA-Methylierungsanalysen durchgeführt wurden und die die Qualitätskontrollen bestanden. Durch die Randomisierung der Gesamtstudie verteilten sich auch in dieser Teilgruppe die vier Behandlungsarme relativ gleichmäßig.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Die untersuchte Gruppe ähnelt stark der Gesamtpopulation der großen COSMOS-Studie: überwiegend ältere Menschen mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 70 Jahren, rund die Hälfte davon Frauen. Eine Besonderheit dieser Analyse ist allerdings, dass Personen ausgeschlossen wurden, die innerhalb des 2-jährigen Studienzeitraums Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs als neue Diagnose erhalten haben.
Damit sollte sichergestellt werden, dass die Ergebnisse tatsächlich „gesundes Altern“ widerspiegeln und nicht durch den Einfluss einer neu auftretenden Krankheit verzerrt werden. Allerdings widerspricht dieses Vorgehen einem meiner epidemiologischen Grundsätze: „Du sollst deine Analyse nicht von Informationen abhängig machen, die erst in der Zukunft entstehen.“ In diesem Fall wollen wir darüber hinwegsehen.
Zu 3 Zeitpunkten, zu Beginn der Studie sowie nach einem und nach 2 Jahren, wurde bei allen Teilnehmenden das biologische Alter bestimmt. Dafür nutzten die Forscher gleich 5 verschiedene Algorithmen, die auf DNA-Methylierungsdaten basieren.
Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Daten. Denn während man bei einer „Uhr“ normalerweise eine sehr präzise Messung erwartet, trifft das auf epigenetische Alterungsuhren nur eingeschränkt zu.
Das zeigt sich etwa in Streudiagrammen, in denen die Ergebnisse verschiedener epigenetischer Uhren miteinander verglichen werden. Betrachtet man zum Beispiel das biologische Alter nach der Horvath-Methode im Vergleich zur GrimAge-Methode, entsteht eine große Punktwolke. Ein solches Muster deutet darauf hin, dass diese Verfahren trotz des Begriffs „Uhr“ offenbar nicht exakt dasselbe biologische Phänomen messen.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
20 verschiedene Hypothesen im Fokus
Betrachtet man die neue Analyse im klassischen Schema von Exposition und Ergebnis, wird die Struktur der Studie klarer. Es gibt 2 Expositionen: zum einen ein Kakao-Extrakt (finanziert von Mars), zum anderen das Multivitaminpräparat Centrum Silver (damals von Pfizer und GlaxoSmithKline produziert). Beide Interventionen wurden den Teilnehmern zufällig zugewiesen. Methodisch ist das Design zunächst einmal sauber.
Auf der Ergebnis-Seite stehen 5 verschiedene epigenetische Alterungsuhren. Allerdings wurden diese nicht nur einmal gemessen, sondern zu 2 Zeitpunkten – nach einem Jahr und nach 2 Jahren. Eine einfache Rechnung zeigt daher, dass insgesamt 2 × 5 × 2, also 20 verschiedene Hypothesen, getestet werden. Eine klar definierte primäre Hypothese oder ein einzelner primärer Endpunkt wird jedoch nicht angegeben.
Wer sich durch das Supplement der Studie arbeitet, findet tatsächlich alle diese 20 Analysen im Detail aufgelistet. Genau dort tauchen sie auf – sämtliche getesteten Kombinationen.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Von diesen zwanzig Tests überschreiten nur 2 die übliche Schwelle für statistische Signifikanz, also mit einem p-Wert von unter 0,05. Diese Grenze bedeutet: Wenn man 20 statistische Tests durchführt, ist es durchaus zu erwarten, dass mindestens einer davon allein durch Zufall „signifikant“ ausfällt. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, dass 2 oder mehr solcher scheinbar positiven Ergebnisse rein zufällig auftreten, bei rund 26%.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
In der Studie zeigten sich 2 statistisch positive Zusammenhänge zugunsten der Multivitamin-Gruppe. Teilnehmer, die zufällig der Einnahme eines Multivitamins zugeteilt wurden, wiesen nach 2 Jahren eine geringere Veränderung der epigenetischen Alterungsmarker „PhenoAge“ und „GrimAge“ auf als die Placebogruppe. Konkret stieg der PhenoAge-Wert in der Multivitamin-Gruppe im Durchschnitt um etwa 0,4 Jahre weniger als bei den Personen ohne Supplement.
Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren. Die Daten weisen eine erhebliche Streuung auf, sodass der Unterschied von 0,4 Jahren statistisch lediglich einem Effekt von 0,08 Standardabweichungen entspricht. In der wissenschaftlichen Forschung gelten Effekte unterhalb von 0,2 Standardabweichungen als sehr klein. Zudem ist nicht sicher, ob der beobachtete Unterschied tatsächlich real ist oder lediglich durch multiple Vergleiche entstanden sein könnte – also dadurch, dass viele statistische Tests gleichzeitig durchgeführt worden sind.
Das Problem der multiplen Vergleiche
Die Autoren der Studie geben selbst an, ihre Analysen nicht für multiple Vergleiche korrigiert zu haben. Ihre Begründung lautet, dass die verschiedenen epigenetischen Uhren miteinander korreliert seien und daher nicht wie vollständig unabhängige Messungen behandelt werden sollten.
Dieses Argument ist jedoch wissenschaftlich umstritten. Zum einen sind diese Marker nicht so stark miteinander korreliert, wie häufig angenommen wird. Zum anderen existieren in der Statistik verschiedene etablierte Methoden, um auch bei korrelierten Endpunkten das Risiko von Fehlentdeckungen zu verringern. Ohne eine solche Korrektur steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein scheinbar signifikanter Effekt lediglich zufällig zustande gekommen ist.
Epigenetische Marker sind nur Ersatzgrößen
Selbst wenn man annimmt, dass der beobachtete Effekt real ist, bleibt eine grundlegende Frage offen: Bedeutet eine Veränderung der DNA-Methylierung tatsächlich, dass sich der Alterungsprozess verlangsamt?
Die epigenetischen Uhren sind klassische Surrogatmarker. Dabei handelt es sich um Messgrößen, die mit wichtigen gesundheitlichen Ergebnissen korrelieren, aber nicht identisch mit diesen sind. Manchmal führt eine Veränderung eines solchen Markers tatsächlich zu einer Verbesserung klinischer Endpunkte – manchmal jedoch nicht.
Ein Beispiel für einen funktionierenden Surrogatmarker ist der Blutdruck. Ein erhöhter Blutdruck ist mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden, und eine Behandlung, die den Blutdruck senkt, reduziert nachweislich auch das Risiko für Schlaganfälle.
Doch nicht jeder Marker funktioniert auf diese Weise. Griffkraft etwa ist ein guter Indikator für Gebrechlichkeit im Alter. Wenn ältere Menschen jedoch ihre Griffkraft durch regelmäßiges Training mit einem Stressball verbessern, führt das nicht automatisch zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen.
Wir wollen aber wissen: Selbst wenn Multivitamine bestimmte epigenetische Marker beeinflussen sollten – bedeutet das tatsächlich, dass Menschen dadurch langsamer altern oder länger gesund bleiben? Genau diese Frage bleibt durch die vorliegenden Daten weiterhin unbeantwortet.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Ist die DNA-Methylierung also tatsächlich der Mechanismus des Alterns – oder lediglich ein Marker dafür?
Falls sie nur ein Indikator des Alterungsprozesses ist, stellt sich die Frage, wie relevant es überhaupt wäre, wenn Multivitamine diese Werte verändern. Genau diesem Punkt gehen die Autoren der Studie nach. Sie argumentieren, dass ein wichtiger Endpunkt in diesem Zusammenhang die kognitive Leistungsfähigkeit ist.
In einer früheren Untersuchung derselben Forschungsgruppe zeigte sich ein kleiner positiver Effekt von Multivitaminen auf die kognitive Funktion. Daher wollten die Autoren wissen, ob diese Verbesserung durch die in der aktuellen Studie beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung erklärt werden kann.
Die Antwort lautet jedoch: nein. Es zeigte sich keine signifikante Vermittlung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch Veränderungen der epigenetischen Uhren. Wenn Vitamine tatsächlich das Denken verbessern, dann geschieht dies offenbar nicht über diesen Mechanismus.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Mittlerweile liegen einige Publikationen aus dieser randomisierten Untersuchung vor, die verschiedene gesundheitliche Bereiche betrachten. Insgesamt sind die Ergebnisse jedoch – offen gesagt – wenig beeindruckend. Es zeigen sich lediglich kleine Effekte in sehr spezifischen Analysen, die sich innerhalb desselben Datensatzes nicht breiter bestätigen lassen und auch durch andere Studien zu Vitamintherapien nicht gestützt werden.
Wir alle altern – das gehört definitionsgemäß zum Leben. Und natürlich möchte ich diesen Prozess ebenso gern verlangsamen wie jeder andere. Mikronährstoffe und Vitamine könnten dabei durchaus eine Rolle spielen. Dennoch bin ich überzeugt, dass der Nutzen einer vielfältigen, ausgewogenen Ernährung als Quelle für diese Nährstoffe deutlich größer ist als der mögliche Vorteil – falls es ihn überhaupt gibt – von Vitaminen in Tablettenform."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
16. April 2026
Eine neue Studie sorgt für Schlagzeilen: Tägliche Multivitamine sollen die biologische Alterung verlangsamen. Doch Prof. Dr. F. Perry Wilsons kritischer Blick auf die Daten zeigt: Der Effekt ist minimal – und existiert möglicherweise gar nicht. Wilson ist außerordentlicher Professor für Medizin und Public Health, Direktor des Clinical and Translational Research Accelerator in Yale und regelmäßiger Kommentator auf Medscape.com. Das Transkript wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit redigiert.
"Willkommen bei Impact Factor, Ihrer wöchentlichen Einordnung einer neuen medizinischen Studie. Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Momentan sorgt eine neue Studie für Schlagzeilen – immerhin handelt es sich um eine randomisierte Studie. Ihr Ergebnis: Die tägliche Einnahme eines Multivitamins soll die biologische Alterung deutlich verlangsamen.
Doch es gibt ein Problem. Wer die Studie tatsächlich im Detail liest, erkennt schnell: Diese Multivitamine bewirken im Grunde so gut wie nichts.
Beobachtungsstudien mit Bias; randomisierte Arbeiten ohne Effekt
Ich stehe Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln seit Jahren eher kritisch gegenüber. Meiner Ansicht nach ist ein Großteil der Beobachtungsstudien durch den sogenannten Healthy-User-Effekt verzerrt: Menschen, die regelmäßig Vitamine einnehmen, haben häufig auch in anderen Bereichen einen gesünderen Lebensstil. Auch zeigen randomisierte Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln überwiegend keine überzeugenden Effekte.
Allerdings leben wir in einer Zeit schneller persönlicher Angriffe. Bevor mir also jemand vorwirft, ich würde im Interesse der Pharmaindustrie argumentieren, sei erwähnt: Bei der Studie, über die ich heute sprechen werde, untersuchten Forscher das Präparat Centrum Silver – damals produziert von einem Joint Venture zwischen Pfizer und GlaxoSmithKline.
Die COSMOS-Studie: Kakao, Vitamine und hohe Erwartungen
Die betreffende Arbeit erschien im renommierten Fachjournal Nature Medicine. Sie ist eine Subanalyse der COSMOS-Studie, der „Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study“.
Wer in dem Bereich arbeitet, kennt diesen Namen vermutlich. COSMOS sollte ursprünglich klären, ob Kakao – oder ein Bestandteil davon – vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Finanziert wurde die Studie unter anderem vom Süßwarenhersteller Mars. Der primäre Endpunkt fiel jedoch negativ aus. In einigen sekundären Analysen fanden sich zwar Hinweise auf mögliche kardiovaskuläre Vorteile von Kakao. Doch ein klarer Effekt ließ sich nicht belegen.
Die Studie umfasste auch einen Multivitamin-Arm. Genauer gesagt handelte es sich um ein 2×2-faktorielles Studiendesign: Ein Teil der Teilnehmenden erhielt ein Multivitamin plus Placebo, ein anderer ein Kakao-Supplement plus Placebo. Eine 3. Gruppe bekam sowohl Multivitamin als auch Kakao, während eine 4. Gruppe 2 Placebos erhielt. Solche faktoriellen Designs gelten als elegante Methode, um gewissermaßen 2 Studien zum Preis von anderthalb durchzuführen.
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Die COSMOS-Studie hat inzwischen eine ganze Reihe weiterer Analysen hervorgebracht. Dazu gehört auch die COSMOS-Mind-Studie, die darauf hindeutete, dass die Einnahme eines Multivitamins möglicherweise positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zeigen könnte. Der Kardiologe Dr. Chris Labos hat zu dieser Arbeit allerdings einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, der diese Ergebnisse deutlich relativiert.
Untersuchung der Alterung anhand epigenetischer Marker
In der aktuellen Auswertung wird die Studie nun genutzt, um einen anderen Aspekt zu untersuchen: das Altern selbst – genauer gesagt das Altern, gemessen anhand epigenetischer Alterungsuhren. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Im Grunde verändert sich unsere DNA im Laufe des Lebens ein wenig. Dabei geht es weniger um Variationen im eigentlichen genetischen Code – auch wenn sich im Laufe der Zeit durchaus einige Mutationen ansammeln können.
Entscheidend sind vielmehr kleine chemische Gruppen, die sich an DNA-Strang anlagern, insbesondere Methylgruppen. Man kann sie sich ein wenig wie Staub vorstellen, der sich im Laufe der Jahre langsam auf einem Kaminsims absetzt. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese Markierungen an – und mehrere Forschungsgruppen konnten zeigen, dass ihr Muster erstaunlich gut mit dem tatsächlichen Lebensalter eines Menschen korreliert.
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Natürlich ist diese Korrelation nicht perfekt. Manche Menschen haben gewissermaßen mehr „Staub auf dem Kaminsims“ ihrer DNA, als es ihr tatsächliches Alter vermuten ließe, andere weniger. Mehrere Studien zeigen jedoch, dass die Differenz zwischen chronologischem und biologischem Alter klinische Bedeutung haben kann, etwa in Hinblick auf ein erhöhtes Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.
Das Problem: Während es für das kalendarische Alter nur eine einzige Referenz gibt – schließlich sind sich alle einig, wie viele Tage ein Jahr hat –, existieren verschiedene epigenetische Uhren. Im Grunde handelt es sich dabei um Algorithmen, die auf unterschiedliche Weise trainiert wurden. Sie verarbeiten ähnliche, aber nicht identische Datensätze und liefern am Ende eine Zahl. Diese Ergebnisse stimmen nicht immer überein. Wie stark sie voneinander abweichen können, wird gleich noch deutlich. Doch zunächst ein Blick auf die Grundlagen der Studie.
Von den rund 21.000 Teilnehmenden der ursprünglichen COSMOS-Studie wurden 958 Personen zufällig ausgewählt, bei denen DNA-Methylierungsanalysen durchgeführt wurden und die die Qualitätskontrollen bestanden. Durch die Randomisierung der Gesamtstudie verteilten sich auch in dieser Teilgruppe die vier Behandlungsarme relativ gleichmäßig.
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Die untersuchte Gruppe ähnelt stark der Gesamtpopulation der großen COSMOS-Studie: überwiegend ältere Menschen mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 70 Jahren, rund die Hälfte davon Frauen. Eine Besonderheit dieser Analyse ist allerdings, dass Personen ausgeschlossen wurden, die innerhalb des 2-jährigen Studienzeitraums Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs als neue Diagnose erhalten haben.
Damit sollte sichergestellt werden, dass die Ergebnisse tatsächlich „gesundes Altern“ widerspiegeln und nicht durch den Einfluss einer neu auftretenden Krankheit verzerrt werden. Allerdings widerspricht dieses Vorgehen einem meiner epidemiologischen Grundsätze: „Du sollst deine Analyse nicht von Informationen abhängig machen, die erst in der Zukunft entstehen.“ In diesem Fall wollen wir darüber hinwegsehen.
Zu 3 Zeitpunkten, zu Beginn der Studie sowie nach einem und nach 2 Jahren, wurde bei allen Teilnehmenden das biologische Alter bestimmt. Dafür nutzten die Forscher gleich 5 verschiedene Algorithmen, die auf DNA-Methylierungsdaten basieren.
Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Daten. Denn während man bei einer „Uhr“ normalerweise eine sehr präzise Messung erwartet, trifft das auf epigenetische Alterungsuhren nur eingeschränkt zu.
Das zeigt sich etwa in Streudiagrammen, in denen die Ergebnisse verschiedener epigenetischer Uhren miteinander verglichen werden. Betrachtet man zum Beispiel das biologische Alter nach der Horvath-Methode im Vergleich zur GrimAge-Methode, entsteht eine große Punktwolke. Ein solches Muster deutet darauf hin, dass diese Verfahren trotz des Begriffs „Uhr“ offenbar nicht exakt dasselbe biologische Phänomen messen.
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20 verschiedene Hypothesen im Fokus
Betrachtet man die neue Analyse im klassischen Schema von Exposition und Ergebnis, wird die Struktur der Studie klarer. Es gibt 2 Expositionen: zum einen ein Kakao-Extrakt (finanziert von Mars), zum anderen das Multivitaminpräparat Centrum Silver (damals von Pfizer und GlaxoSmithKline produziert). Beide Interventionen wurden den Teilnehmern zufällig zugewiesen. Methodisch ist das Design zunächst einmal sauber.
Auf der Ergebnis-Seite stehen 5 verschiedene epigenetische Alterungsuhren. Allerdings wurden diese nicht nur einmal gemessen, sondern zu 2 Zeitpunkten – nach einem Jahr und nach 2 Jahren. Eine einfache Rechnung zeigt daher, dass insgesamt 2 × 5 × 2, also 20 verschiedene Hypothesen, getestet werden. Eine klar definierte primäre Hypothese oder ein einzelner primärer Endpunkt wird jedoch nicht angegeben.
Wer sich durch das Supplement der Studie arbeitet, findet tatsächlich alle diese 20 Analysen im Detail aufgelistet. Genau dort tauchen sie auf – sämtliche getesteten Kombinationen.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Von diesen zwanzig Tests überschreiten nur 2 die übliche Schwelle für statistische Signifikanz, also mit einem p-Wert von unter 0,05. Diese Grenze bedeutet: Wenn man 20 statistische Tests durchführt, ist es durchaus zu erwarten, dass mindestens einer davon allein durch Zufall „signifikant“ ausfällt. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, dass 2 oder mehr solcher scheinbar positiven Ergebnisse rein zufällig auftreten, bei rund 26%.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
In der Studie zeigten sich 2 statistisch positive Zusammenhänge zugunsten der Multivitamin-Gruppe. Teilnehmer, die zufällig der Einnahme eines Multivitamins zugeteilt wurden, wiesen nach 2 Jahren eine geringere Veränderung der epigenetischen Alterungsmarker „PhenoAge“ und „GrimAge“ auf als die Placebogruppe. Konkret stieg der PhenoAge-Wert in der Multivitamin-Gruppe im Durchschnitt um etwa 0,4 Jahre weniger als bei den Personen ohne Supplement.
Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren. Die Daten weisen eine erhebliche Streuung auf, sodass der Unterschied von 0,4 Jahren statistisch lediglich einem Effekt von 0,08 Standardabweichungen entspricht. In der wissenschaftlichen Forschung gelten Effekte unterhalb von 0,2 Standardabweichungen als sehr klein. Zudem ist nicht sicher, ob der beobachtete Unterschied tatsächlich real ist oder lediglich durch multiple Vergleiche entstanden sein könnte – also dadurch, dass viele statistische Tests gleichzeitig durchgeführt worden sind.
Das Problem der multiplen Vergleiche
Die Autoren der Studie geben selbst an, ihre Analysen nicht für multiple Vergleiche korrigiert zu haben. Ihre Begründung lautet, dass die verschiedenen epigenetischen Uhren miteinander korreliert seien und daher nicht wie vollständig unabhängige Messungen behandelt werden sollten.
Dieses Argument ist jedoch wissenschaftlich umstritten. Zum einen sind diese Marker nicht so stark miteinander korreliert, wie häufig angenommen wird. Zum anderen existieren in der Statistik verschiedene etablierte Methoden, um auch bei korrelierten Endpunkten das Risiko von Fehlentdeckungen zu verringern. Ohne eine solche Korrektur steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein scheinbar signifikanter Effekt lediglich zufällig zustande gekommen ist.
Epigenetische Marker sind nur Ersatzgrößen
Selbst wenn man annimmt, dass der beobachtete Effekt real ist, bleibt eine grundlegende Frage offen: Bedeutet eine Veränderung der DNA-Methylierung tatsächlich, dass sich der Alterungsprozess verlangsamt?
Die epigenetischen Uhren sind klassische Surrogatmarker. Dabei handelt es sich um Messgrößen, die mit wichtigen gesundheitlichen Ergebnissen korrelieren, aber nicht identisch mit diesen sind. Manchmal führt eine Veränderung eines solchen Markers tatsächlich zu einer Verbesserung klinischer Endpunkte – manchmal jedoch nicht.
Ein Beispiel für einen funktionierenden Surrogatmarker ist der Blutdruck. Ein erhöhter Blutdruck ist mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden, und eine Behandlung, die den Blutdruck senkt, reduziert nachweislich auch das Risiko für Schlaganfälle.
Doch nicht jeder Marker funktioniert auf diese Weise. Griffkraft etwa ist ein guter Indikator für Gebrechlichkeit im Alter. Wenn ältere Menschen jedoch ihre Griffkraft durch regelmäßiges Training mit einem Stressball verbessern, führt das nicht automatisch zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen.
Wir wollen aber wissen: Selbst wenn Multivitamine bestimmte epigenetische Marker beeinflussen sollten – bedeutet das tatsächlich, dass Menschen dadurch langsamer altern oder länger gesund bleiben? Genau diese Frage bleibt durch die vorliegenden Daten weiterhin unbeantwortet.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Ist die DNA-Methylierung also tatsächlich der Mechanismus des Alterns – oder lediglich ein Marker dafür?
Falls sie nur ein Indikator des Alterungsprozesses ist, stellt sich die Frage, wie relevant es überhaupt wäre, wenn Multivitamine diese Werte verändern. Genau diesem Punkt gehen die Autoren der Studie nach. Sie argumentieren, dass ein wichtiger Endpunkt in diesem Zusammenhang die kognitive Leistungsfähigkeit ist.
In einer früheren Untersuchung derselben Forschungsgruppe zeigte sich ein kleiner positiver Effekt von Multivitaminen auf die kognitive Funktion. Daher wollten die Autoren wissen, ob diese Verbesserung durch die in der aktuellen Studie beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung erklärt werden kann.
Die Antwort lautet jedoch: nein. Es zeigte sich keine signifikante Vermittlung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch Veränderungen der epigenetischen Uhren. Wenn Vitamine tatsächlich das Denken verbessern, dann geschieht dies offenbar nicht über diesen Mechanismus.
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photo of Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study
Mittlerweile liegen einige Publikationen aus dieser randomisierten Untersuchung vor, die verschiedene gesundheitliche Bereiche betrachten. Insgesamt sind die Ergebnisse jedoch – offen gesagt – wenig beeindruckend. Es zeigen sich lediglich kleine Effekte in sehr spezifischen Analysen, die sich innerhalb desselben Datensatzes nicht breiter bestätigen lassen und auch durch andere Studien zu Vitamintherapien nicht gestützt werden.
Wir alle altern – das gehört definitionsgemäß zum Leben. Und natürlich möchte ich diesen Prozess ebenso gern verlangsamen wie jeder andere. Mikronährstoffe und Vitamine könnten dabei durchaus eine Rolle spielen. Dennoch bin ich überzeugt, dass der Nutzen einer vielfältigen, ausgewogenen Ernährung als Quelle für diese Nährstoffe deutlich größer ist als der mögliche Vorteil – falls es ihn überhaupt gibt – von Vitaminen in Tablettenform."
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Nutzen der Grippeimpfung bei Kindern; Antidepressivum gegen Fatigue bei Long-COVID; neue Impfstoffe gegen Tuberkulose
che2001, 16:39h
Michael van den Heuvel, medscape
Infektiologie-Newsblog, Update vom 16. April 2026
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Auf der Website „Infektionsradar“ stellt das Bundesministerium für Gesundheit Trends bei akuten Atemwegserkrankungen (ARE) zusammen. Die neuesten 7-Tage-Inzidenzen (laborbestätigte Fälle je 100.000 Einwohner):
Aktuelle Woche Vorwoche
COVID-19 0,3 0,2
Influenza 0,74 1,16
Respiratorisches Synzytialvirus (RSV) 4,29 4,10
Die Erkältungssaison in Deutschland verliert laut RKI weiter an Dynamik. In der 15. Kalenderwoche 2026 ist die Aktivität akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE) in der Bevölkerung erneut zurückgegangen: Sie liegt inzwischen auf einem insgesamt niedrigen Niveau. Damit bestätigt sich der Trend der vergangenen Wochen: Die typische Winterwelle ist weitgehend abgeklungen.
Ein Blick auf virologischen Daten zeigt, welche Erreger aktuell zirkulieren: In den untersuchten Proben dominierten vor allem Rhinoviren, gefolgt von Adenoviren, Respiratorischen Synzytialviren (RSV) und humanen Metapneumoviren (hMPV). Auffällig ist, dass weder Influenza-Viren noch SARS-CoV-2 in den Sentinelproben nachgewiesen wurden – ein klares Zeichen für das Ende der klassischen Grippe- und COVID-Welle in dieser Saison.
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID wirft Jahre nach der Pandemie weiterhin einen langen Schatten auf Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften. Auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens im Jahr 2021 waren weltweit rund 75 Millionen Menschen betroffen; die direkten Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa 53 Milliarden US-Dollar. Inzwischen ist die Prävalenz stark gesunken. Doch selbst unter konservativen Annahmen werden die Behandlungskosten in OECD- und EU-Ländern weiterhin bei rund 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Darauf weist ein neuer Bericht der OECD hin.
Noch schwerer wiegen die indirekten Folgen, etwa weniger Leistungsfähigkeit bzw. häufigere Fehlzeiten im Job und ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Insgesamt könnten dadurch bis zu 0,2% der weltweiten Wirtschaftsleistung pro Jahr verloren gehen. Das sind etwa 210 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Gleichzeitig kritisiert die OECD im Report, dass viele Länder keine klaren Strategien für Diagnose, Versorgung und berufliche Wiedereingliederung etabliert haben. Einheitliche Leitlinien, strukturierte Versorgungspfade und eine bessere Koordination zwischen der Gesundheits-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gelten als entscheidend, um Betroffene zu unterstützen.
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie aus Brasilien liefert Hinweise auf eine mögliche Therapieoption bei Long-COVID: Das Antidepressivum Fluvoxamin könnte Fatigue messbar verringern, wie Forscher in den Annals of Internal Medicine berichten.
An ihrer Studie nahmen 399 Erwachsene teil, die mindestens 90 Tage nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion weiterhin unter ausgeprägter Fatigue litten. Sie erhielten über 60 Tage hinweg entweder Fluvoxamin (100 mg 2-mal täglich), Metformin (750 mg 2-mal täglich) oder Placebo. Als primären Endpunkt haben Forscher die Veränderung der Fatigue Severity Scale (FSS) herangezogen.
Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Vorteil für Fluvoxamin: Nach 60 Tagen veränderte der Fatigue-Score im Vergleich zu Placebo um durchschnittlich -0,43 Punkte. Dieser Effekt blieb auch nach 90 Tagen bestehen und verstärkte sich sogar auf -0,58 Punkte weniger. Zusätzlich verbesserten sich unter Fluvoxamin die Lebensqualität. Metformin zeigte keinen signifikanten Nutzen gegenüber Placebo.
Auch beim Sicherheitsprofil schnitt Fluvoxamin günstig ab. Nebenwirkungen traten bei 20,0% der Patienten auf, verglichen mit 28,8% unter Metformin und 29,7% unter Placebo.
Die Autoren weisen jedoch auf Limitationen ihrer Arbeit hin: Die Nachbeobachtungszeit betrug lediglich 90 Tage, sodass unklar bleibt, ob der Effekt langfristig anhält. Zudem konzentrierte sich die Studie auf Fatigue, während andere typische Long-COVID-Symptome wie kognitive Störungen oder Dyspnoe nicht untersucht worden sind.
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
Eine Grippeimpfung kann Kinder wirksam vor schweren Krankheitsverläufen schützen. Zu dem Ergebnis kommt eine umfangreiche, in Pediatrics veröffentlichte Analyse.
Für ihre Arbeit haben Forscher Daten aus 7 pädiatrischen Zentren in den USA ausgewertet, und zwar für die Saisons 2021 bis 2024. Eingeschlossen wurden 19.917 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 17 Jahren, die wegen akuter Atemwegsinfektionen ambulant behandelt oder hospitalisiert werden mussten.
Bei 2.831 Kindern (14%) haben Ärzte Influenza nachgewiesen; 17.086 (86%) waren negativ. 8.523 Kinder (43%) waren geimpft, 11.394 (57%) ungeimpft. Die Impfquote blieb über alle Saisons hinweg niedrig: Unter den Kindern ohne Influenza waren je nach Saison nur 44% bis 51% geimpft.
Die Wirksamkeit der Impfung variierte je nach Saison, lag insgesamt jedoch zwischen 34% und 60% beim Schutz vor Influenza-assoziierten Krankenhausaufenthalten und ambulanten Behandlungen. Je nach Virustyp zeigte sich ein unterschiedlicher Schutz: Gegen Influenza B betrug die Wirksamkeit 69%, gegen Influenza A/H1N1 53% und gegen Influenza A/H3N2 43%.
Damit bestätigt die Analyse, dass die Grippeimpfung das Risiko für schwere Verläufe und Arztbesuche auch bei Kindern deutlich senken kann. Eine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt es bislang nicht, trotz der Forderung von Experten.
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
Die Ergänzung einer Standardtherapie gegen Helicobacter pylori mit dem Probiotikum Saccharomyces boulardii könnte die Behandlung wirksamer und besser verträglich machen. Darauf weist eine große Analyse aus dem europäischen Register zur Behandlung von H. pylori hin, in der mehr als 41.000 Therapien ausgewertet wurden. Details sind im Journal Helicobacter nachzulesen.
Die Auswertung umfasste 41.298 Therapien zwischen den Jahren 2013 und 2023. In 2.890 Fällen erhielten Patienten zusätzlich Saccharomyces boulardii. Als Kontrolle zogen die Autoren 38.408 mit Standardtherapie ohne S. boulardii heran. Analysiert wurden die Eradikationsrate und das Auftreten von Nebenwirkungen.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei einer Begleittherapie mit Clarithromycin, Amoxicillin und Metronidazol beziehungsweise Tinidazol. Mit zusätzlichem Probiotikum lag die Eradikationsrate bei 93%, ohne Probiotikum bei 90%. Gleichzeitig sank das Risiko für Nebenwirkungen um etwa 20%.
Durchfall trat mit Probiotikum bei 5,0% der Patienten auf, ohne Zusatz bei 7,5%. Geschmacksstörungen wurden in 5,0% statt 7,0% beobachtet, Übelkeit in 4,0% statt 7,0%. Das Risiko von Bauchschmerzen halbierte sich (4,0 % vs. 2,0 %). Ähnliche Effekte zeigten sich bei Dyspepsie (2,5% vs. 3,0 %), Schwäche (2,0 % vs. 4,0 %), Sodbrennen (1,0% vs. 2,0%) und Appetitverlust (0,3% vs. 3,0%).
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
2 neue TB-Impfstoffe sind sicher, verhindern jedoch keine pulmonale Tuberkulose. Gegen extrapulmonale Verläufe zeigen sich allerdings gute Effekte. Das schreiben Forscher im BMJ.
Im Rahmen der Phase-3-Studie PreVenTB haben sie untersucht, ob die experimentellen Impfstoffe VPM1002 und Immuvac vor Tuberkulose schützen. An der randomisierten Studie nahmen 12.717 gesunde Haushaltskontakte von Patienten mit offener Tuberkulose aus Indien teil. Die Probanden erhielten entweder VPM1002, Immuvac oder Placebo. Sie wurden über 38 Monate hinweg nachbeobachtet.
Dabei erkrankten 1,68% aller Probanden im VPM1002-Arm, 2,09% im Immuvac-Arm und 2,13% in der Placebogruppe. Die Autoren fanden keinen überzeugenden Schutz vor allen TB-Formen oder vor pulmonaler Tuberkulose.
Auffällig war jedoch ein deutlicher Effekt bei extrapulmonaler Tuberkulose: Hier lag die Wirksamkeit von VPM1002 bei rund 50%, für Immuvac bei etwa 33%. Bei Teilnehmern mit positivem Tuberkulin-Hauttest erreichten beide Impfstoffe sogar Schutzraten von rund 65%. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 14 Jahren, bei denen VPM1002 die Gesamt-TB-Rate um etwa 65% verringern konnte.
Beide Impfstoffe wurden gut vertragen. Etwa 1 Drittel der Teilnehmer hatte milde lokale Reaktionen. Immunologisch führten beide Vakzine zu Mycobacterium-tuberculosis-spezifischen polyfunktionalen CD4-T-Zellen.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse: VPM1002 und Immuvac sind sicher, bieten jedoch keinen klaren Schutz vor pulmonaler Tuberkulose. Für extrapulmonale, oft schwerere TB-Verläufe deutet sich ein Nutzen an.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/nutzen-grippeimpfung-kindern-fluvoxamin-long-covid-neue-2026a1000b26?ecd=WNL_mdplsfeat_260416_mscpedit_de_etid8270065&uac=389796AZ&impID=8270065
Infektiologie-Newsblog, Update vom 16. April 2026
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
COVID-19, Influenza, RSV – die Trends in Deutschland
Auf der Website „Infektionsradar“ stellt das Bundesministerium für Gesundheit Trends bei akuten Atemwegserkrankungen (ARE) zusammen. Die neuesten 7-Tage-Inzidenzen (laborbestätigte Fälle je 100.000 Einwohner):
Aktuelle Woche Vorwoche
COVID-19 0,3 0,2
Influenza 0,74 1,16
Respiratorisches Synzytialvirus (RSV) 4,29 4,10
Die Erkältungssaison in Deutschland verliert laut RKI weiter an Dynamik. In der 15. Kalenderwoche 2026 ist die Aktivität akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE) in der Bevölkerung erneut zurückgegangen: Sie liegt inzwischen auf einem insgesamt niedrigen Niveau. Damit bestätigt sich der Trend der vergangenen Wochen: Die typische Winterwelle ist weitgehend abgeklungen.
Ein Blick auf virologischen Daten zeigt, welche Erreger aktuell zirkulieren: In den untersuchten Proben dominierten vor allem Rhinoviren, gefolgt von Adenoviren, Respiratorischen Synzytialviren (RSV) und humanen Metapneumoviren (hMPV). Auffällig ist, dass weder Influenza-Viren noch SARS-CoV-2 in den Sentinelproben nachgewiesen wurden – ein klares Zeichen für das Ende der klassischen Grippe- und COVID-Welle in dieser Saison.
Long-COVID: Nach wie vor immense gesundheitsökonomische Folgen
Long-COVID wirft Jahre nach der Pandemie weiterhin einen langen Schatten auf Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften. Auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens im Jahr 2021 waren weltweit rund 75 Millionen Menschen betroffen; die direkten Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa 53 Milliarden US-Dollar. Inzwischen ist die Prävalenz stark gesunken. Doch selbst unter konservativen Annahmen werden die Behandlungskosten in OECD- und EU-Ländern weiterhin bei rund 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Darauf weist ein neuer Bericht der OECD hin.
Noch schwerer wiegen die indirekten Folgen, etwa weniger Leistungsfähigkeit bzw. häufigere Fehlzeiten im Job und ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Insgesamt könnten dadurch bis zu 0,2% der weltweiten Wirtschaftsleistung pro Jahr verloren gehen. Das sind etwa 210 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Gleichzeitig kritisiert die OECD im Report, dass viele Länder keine klaren Strategien für Diagnose, Versorgung und berufliche Wiedereingliederung etabliert haben. Einheitliche Leitlinien, strukturierte Versorgungspfade und eine bessere Koordination zwischen der Gesundheits-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gelten als entscheidend, um Betroffene zu unterstützen.
Long-COVID: Antidepressivum Fluvoxamin lindert Fatigue
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie aus Brasilien liefert Hinweise auf eine mögliche Therapieoption bei Long-COVID: Das Antidepressivum Fluvoxamin könnte Fatigue messbar verringern, wie Forscher in den Annals of Internal Medicine berichten.
An ihrer Studie nahmen 399 Erwachsene teil, die mindestens 90 Tage nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion weiterhin unter ausgeprägter Fatigue litten. Sie erhielten über 60 Tage hinweg entweder Fluvoxamin (100 mg 2-mal täglich), Metformin (750 mg 2-mal täglich) oder Placebo. Als primären Endpunkt haben Forscher die Veränderung der Fatigue Severity Scale (FSS) herangezogen.
Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Vorteil für Fluvoxamin: Nach 60 Tagen veränderte der Fatigue-Score im Vergleich zu Placebo um durchschnittlich -0,43 Punkte. Dieser Effekt blieb auch nach 90 Tagen bestehen und verstärkte sich sogar auf -0,58 Punkte weniger. Zusätzlich verbesserten sich unter Fluvoxamin die Lebensqualität. Metformin zeigte keinen signifikanten Nutzen gegenüber Placebo.
Auch beim Sicherheitsprofil schnitt Fluvoxamin günstig ab. Nebenwirkungen traten bei 20,0% der Patienten auf, verglichen mit 28,8% unter Metformin und 29,7% unter Placebo.
Die Autoren weisen jedoch auf Limitationen ihrer Arbeit hin: Die Nachbeobachtungszeit betrug lediglich 90 Tage, sodass unklar bleibt, ob der Effekt langfristig anhält. Zudem konzentrierte sich die Studie auf Fatigue, während andere typische Long-COVID-Symptome wie kognitive Störungen oder Dyspnoe nicht untersucht worden sind.
Influenza: So effektiv ist die Grippeimpfung bei Kindern
Eine Grippeimpfung kann Kinder wirksam vor schweren Krankheitsverläufen schützen. Zu dem Ergebnis kommt eine umfangreiche, in Pediatrics veröffentlichte Analyse.
Für ihre Arbeit haben Forscher Daten aus 7 pädiatrischen Zentren in den USA ausgewertet, und zwar für die Saisons 2021 bis 2024. Eingeschlossen wurden 19.917 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 17 Jahren, die wegen akuter Atemwegsinfektionen ambulant behandelt oder hospitalisiert werden mussten.
Bei 2.831 Kindern (14%) haben Ärzte Influenza nachgewiesen; 17.086 (86%) waren negativ. 8.523 Kinder (43%) waren geimpft, 11.394 (57%) ungeimpft. Die Impfquote blieb über alle Saisons hinweg niedrig: Unter den Kindern ohne Influenza waren je nach Saison nur 44% bis 51% geimpft.
Die Wirksamkeit der Impfung variierte je nach Saison, lag insgesamt jedoch zwischen 34% und 60% beim Schutz vor Influenza-assoziierten Krankenhausaufenthalten und ambulanten Behandlungen. Je nach Virustyp zeigte sich ein unterschiedlicher Schutz: Gegen Influenza B betrug die Wirksamkeit 69%, gegen Influenza A/H1N1 53% und gegen Influenza A/H3N2 43%.
Damit bestätigt die Analyse, dass die Grippeimpfung das Risiko für schwere Verläufe und Arztbesuche auch bei Kindern deutlich senken kann. Eine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt es bislang nicht, trotz der Forderung von Experten.
H. pylori: Probiotikum kann die Eradikation verbessern
Die Ergänzung einer Standardtherapie gegen Helicobacter pylori mit dem Probiotikum Saccharomyces boulardii könnte die Behandlung wirksamer und besser verträglich machen. Darauf weist eine große Analyse aus dem europäischen Register zur Behandlung von H. pylori hin, in der mehr als 41.000 Therapien ausgewertet wurden. Details sind im Journal Helicobacter nachzulesen.
Die Auswertung umfasste 41.298 Therapien zwischen den Jahren 2013 und 2023. In 2.890 Fällen erhielten Patienten zusätzlich Saccharomyces boulardii. Als Kontrolle zogen die Autoren 38.408 mit Standardtherapie ohne S. boulardii heran. Analysiert wurden die Eradikationsrate und das Auftreten von Nebenwirkungen.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei einer Begleittherapie mit Clarithromycin, Amoxicillin und Metronidazol beziehungsweise Tinidazol. Mit zusätzlichem Probiotikum lag die Eradikationsrate bei 93%, ohne Probiotikum bei 90%. Gleichzeitig sank das Risiko für Nebenwirkungen um etwa 20%.
Durchfall trat mit Probiotikum bei 5,0% der Patienten auf, ohne Zusatz bei 7,5%. Geschmacksstörungen wurden in 5,0% statt 7,0% beobachtet, Übelkeit in 4,0% statt 7,0%. Das Risiko von Bauchschmerzen halbierte sich (4,0 % vs. 2,0 %). Ähnliche Effekte zeigten sich bei Dyspepsie (2,5% vs. 3,0 %), Schwäche (2,0 % vs. 4,0 %), Sodbrennen (1,0% vs. 2,0%) und Appetitverlust (0,3% vs. 3,0%).
TBC: Impfstoffe zeigen in Phase-3-Studien einen gewissen Schutz
2 neue TB-Impfstoffe sind sicher, verhindern jedoch keine pulmonale Tuberkulose. Gegen extrapulmonale Verläufe zeigen sich allerdings gute Effekte. Das schreiben Forscher im BMJ.
Im Rahmen der Phase-3-Studie PreVenTB haben sie untersucht, ob die experimentellen Impfstoffe VPM1002 und Immuvac vor Tuberkulose schützen. An der randomisierten Studie nahmen 12.717 gesunde Haushaltskontakte von Patienten mit offener Tuberkulose aus Indien teil. Die Probanden erhielten entweder VPM1002, Immuvac oder Placebo. Sie wurden über 38 Monate hinweg nachbeobachtet.
Dabei erkrankten 1,68% aller Probanden im VPM1002-Arm, 2,09% im Immuvac-Arm und 2,13% in der Placebogruppe. Die Autoren fanden keinen überzeugenden Schutz vor allen TB-Formen oder vor pulmonaler Tuberkulose.
Auffällig war jedoch ein deutlicher Effekt bei extrapulmonaler Tuberkulose: Hier lag die Wirksamkeit von VPM1002 bei rund 50%, für Immuvac bei etwa 33%. Bei Teilnehmern mit positivem Tuberkulin-Hauttest erreichten beide Impfstoffe sogar Schutzraten von rund 65%. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 14 Jahren, bei denen VPM1002 die Gesamt-TB-Rate um etwa 65% verringern konnte.
Beide Impfstoffe wurden gut vertragen. Etwa 1 Drittel der Teilnehmer hatte milde lokale Reaktionen. Immunologisch führten beide Vakzine zu Mycobacterium-tuberculosis-spezifischen polyfunktionalen CD4-T-Zellen.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse: VPM1002 und Immuvac sind sicher, bieten jedoch keinen klaren Schutz vor pulmonaler Tuberkulose. Für extrapulmonale, oft schwerere TB-Verläufe deutet sich ein Nutzen an.
https://deutsch.medscape.com/viewarticle/nutzen-grippeimpfung-kindern-fluvoxamin-long-covid-neue-2026a1000b26?ecd=WNL_mdplsfeat_260416_mscpedit_de_etid8270065&uac=389796AZ&impID=8270065
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