Mittwoch, 3. Juni 2026
„Etwas in mir ist zerbrochen“: Engagierte Ärzte kehren der Medizin den Rücken – nur warum?
che2001, 17:00h
Von Cassie Shortsleeve
03. Juni 2026
Der Arztberuf gilt als immer noch Berufung – doch viele Mediziner kehren der direkten Patientenversorgung den Rücken. 3 Ärzte berichten von Demütigungen, Burnout, Bürokratie und moralischen Konflikten. Sie erklären, warum sie die Medizin verlassen haben und was sich ändern müsste, um dem Trend entgegenzuwirken.
Demütigungen und Schikanen im OP
Zunächst waren es die ständigen persönlichen Beleidigungen. Dann folgte eine Phase, in der nahezu der gesamte Jahrgang ihres 2. Weiterbildungsjahres entweder entlassen oder zurückgestuft wurde.
Frances Mei Hardin
Die Folge: Statt wie üblich jede 5. Nacht Bereitschaftsdienst zu haben, musste Frances Mei Hardin nun jede 3. Nacht arbeiten – ohne Aussicht auf Entlastung. Hinzu kam ein Chefarzt, der einen jungen Assistenzarzt in einem überfüllten Aufzug anschrie, er sei „verdammt hässlich“ und solle sich zur Wand drehen. Der Assistenzarzt gehorchte.
Im 4. Jahr ihrer Facharztausbildung war für sie der Punkt erreicht, an dem sie jede Begeisterung für die Chirurgie verloren hatte. „Mir wurde jede Liebe zur Arbeit als Chirurgin ausgetrieben“, erinnert sie sich.
Besonders prägend war ein Vorfall während einer Neck-Dissection (Halslymphknotenausräumung). Ein Oberarzt begann, sie wegen ihrer vermeintlich mangelnden Erfahrung vor dem versammelten Team zu kritisieren. Er warf ihr vor, nicht ausreichend gelernt zu haben, und machte sich über ihre Antworten lustig. Nach rund 20 Minuten der Schikane, die Hardin als das in Operationssälen weit verbreitete Zusammenspiel aus Ausfragen, Demütigen und Schikanieren beschreibt, verließ sie die 8-stündige Operation. „An diesem Tag ist etwas in mir zerbrochen“, sagt sie rückblickend.
Weinend zog sich Hardin auf die Toilette zurück und rief eine gute Freundin an, die ebenfalls in der Facharztausbildung war. Deren Reaktion überraschte sie nicht: Solche Situationen hatte sie selbst schon mehrfach erlebt. Ihr Rat lautete, sich zu sammeln und wieder in den OP zurückzukehren. Doch Hardin tat das nicht.
PTBS in der Facharztausbildung
Hardin entwickelte eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und litt unter Suizidgedanken. „In der Kultur der chirurgischen Weiterbildung ist es praktisch unmöglich, über solche Erfahrungen offen zu sprechen“, sagt sie. „Wenn so etwas einem von uns passiert, fühlt es sich katastrophal an. Es fühlt sich an, als hätte man versagt. Aber nichts davon trifft zu.“
Im vergangenen Jahr gab Hardin ihren Beruf als Chirurgin auf. Zuvor hatte sie ihre Facharztausbildung abgeschlossen und mehrere Jahre in einer privaten Praxis im ländlichen Süden der USA gearbeitet. Damit gehört sie zu den geschätzten 86.000 Ärztinnen und Ärzten, die bis zum Jahr 2036 der Medizin US-weit den Rücken kehren werden.
Zahlen aus Deutschland
Statistiken zur Situation in Deutschland gibt es zwar nicht, eine Abschätzung ist aber möglich.
Ende des Jahres 2024 waren bei der Bundesärztekammer rund 581.000 Ärzte registriert. Von ihnen gingen etwa 437.000 einer ärztlichen Tätigkeit nach, während rund 140.000 ihren Beruf nicht aktiv ausgeübt haben. Der überwiegende Teil war sich im Ruhestand. So entfielen etwa 104.000 Personen beziehungsweise 72% dieser Gruppe auf Ruheständler. Weitere rund 2.700 Ärzte galten krankheitsbedingt als berufsunfähig.
Zieht man diese beiden Gruppen ab, verbleiben schätzungsweise 33.000 bis 37.000 approbierte Ärzte, die weder ärztlich tätig noch im Ruhestand oder berufsunfähig sind. Viele von ihnen arbeiten weiterhin im Gesundheitswesen, allerdings außerhalb der direkten Patientenversorgung.
Wissenschaftliche Arbeiten bestätigen den Trend
Die Diskussion über Ärzte, die ihren Beruf verlassen, ist nicht neu. Verschiedene Daten deuten jedoch darauf hin, dass sich dieser Trend keineswegs abschwächt. Eine im Jahr 2025 in den Annals of Internal Medicineveröffentlichte Studie, die mehr als 700.000 Ärzte erfasste, zeigte, dass der Anteil aller Mediziner, die nicht mehr in der direkten Patientenversorgung tätig sind, zwischen den Jahren 2013 und 2019 von 3,5% auf 4,9% angestiegen ist. Und das noch vor Beginn der COVID-19-Pandemie.
Zu dieser Entwicklung dürften auch die hohen Burnout-Raten unter Ärzten beitragen. Eine im März 2026 in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung hat ergeben, dass Ärzte mit Burnout nahezu eineinhalbmal häufiger die klinische Tätigkeit verlassen als ihre Kollegen ohne entsprechende Belastung.
Jeder betroffene Arzt hat seine eigene Geschichte – und der Begriff „Burnout“ dient oft als Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Erfahrungen. Spricht man jedoch mit einigen der Betroffenen, treten immer wieder ähnliche Muster zutage.
Akademische Karriere oder Privatpraxis: Alternativen sind rar
Anthony Chin-Quee
Anthony Chin-Quee, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, hat die Medizin im Jahr 2019 verlassen. Im Gespräch mit Medscape erzählt er, dass ihn das gesamte System bereits während seiner Ausbildung eingeengt hat. In seinen Augen schien es nur 2 akzeptierte Karrierewege zu geben: eine akademische Laufbahn oder die Tätigkeit in einer Privatpraxis.
Für Chin-Quee waren die Einschränkungen jedoch nicht nur beruflicher Natur, sondern auch zutiefst persönlich. „Ich bin schwarz, und das spielt eine große Rolle – besonders in der Medizin. Wenn man dann noch in die Chirurgie und anschließend in eine chirurgische Subspezialisierung geht, gibt es dort nur sehr wenige Menschen wie mich. Da ist man schnell isoliert“, sagt er.
Außerdem hatte Chin-Quee das Gefühl, dass für ihn andere Maßstäbe galten als für viele seiner Kollegen. Fehler, die bei anderen toleriert wurden, schienen bei ihm deutlich kritischer bewertet zu werden.
Auch die eigene Persönlichkeit passte aus seiner Sicht nicht in das Bild des typischen, stets kontrollierten und formellen Chirurgen. „Ich habe gerne Spaß, ich mache Witze, ich singe gerne und ich gehe locker und herzlich mit meinen Patienten um“, sagt er. Genau diese Eigenschaften haben ihn jedoch häufig zum Außenseiter gemacht.
Kollegen verbreiten Gerüchte
Doch damit nicht genug: Als ein Oberarzt erfuhr, dass Chin-Quee in seiner Freizeit den Roman The Hunger Games las, verbreitete sich hinter vorgehaltener Hand das Gerücht, er nehme die Chirurgie nicht ernst genug. Nach seiner Wahrnehmung änderte sich daraufhin auch die Haltung seiner Vorgesetzten ihm gegenüber – eine Entwicklung, die er direkt mit diesen Gerüchten in Verbindung bringt.
Mit der Zeit gewann Chin-Quee den Eindruck, dass er sein offenes Wesen verstecken müsse, um in der Medizin zu bestehen. In seiner schwierigsten Phase litt er an Depressionen und begann, berufliche Probleme zunehmend zu verinnerlichen. „Und wenn die Leistung nicht stimmt, hat man irgendwann das Gefühl, selbst nichts wert zu sein“, erinnert er sich.
Im Jahr 2019 zog Chin-Quee schließlich die Konsequenzen. Er gab seine Tätigkeit als Chirurg in Los Angeles auf – zunächst ohne eine neue berufliche Perspektive.
Die moralischen Zweifel wachsen
Mel Thacker
Medscape hat auch mit Mel Thacker gesprochen. Sie war lange davon überzeugt, bis zu ihrem Ruhestand in der von ihr mitgeführten Gemeinschaftspraxis in Massachusetts zu arbeiten. In der ausschließlich von Frauen geführte Praxis waren 3 Partnerinnen. Thacker gehörte zu den treibenden Kräften des Teams. „Ich wollte seit meinem 13. Lebensjahr Ärztin werden, und ich habe mir diesen Traum erfüllt. Aber es ist eben nicht wie im Märchen“, sagt sie.
Obwohl Thacker über ein Maß an beruflicher Selbstbestimmung verfügte, von dem viele Ärzte nur träumen können, nagten moralische Zweifel immer stärker an ihr. Das lag an finanziellen Anreize im US-Gesundheitssystem, die sie nicht länger ignorieren wollte.
Als HNO-Fachärztin mit Schwerpunkt Nasennebenhöhlenchirurgie wusste sie, dass ein bestimmter Eingriff in ihrer eigenen Praxis mit rund 15.000 US-Dollar vergütet wurde. Wurde derselbe Eingriff in einem ambulanten Operationszentrum durchgeführt, lag die Erstattung lediglich bei etwa 3.000 US-Dollar. „Dadurch entsteht unweigerlich die Gefahr, Patienten unbewusst eher zu dem Eingriff in der Praxis zu bewegen“, sagt sie. „Allein der Gedanke daran hat bei mir ein zutiefst unangenehmes Gefühl ausgelöst.“
Thacker beobachtete, wie einige Kollegen diese Unterschiede gezielt ausgenutzt haben. Sie sah Ärzte, die „Millionen verdient haben, berühmte Sänger zu ihren Geburtstagsfeiern einfliegen ließen und Lamborghinis fuhren – finanziert durch Geld, das sie mit medizinisch fragwürdigen Eingriffen an Patienten verdient haben.“
Gleichzeitig erlebte sie, wie das System Ärzten geschadet hat. Ein Kollege musste nach jahrelanger Betreuung eines totkranken Krebspatienten 40.000 Dollar an dessen Versicherung zurückzahlen. Thacker selbst sah sich regelmäßig gezwungen, bürokratische Hürden zu überwinden, um Patienten günstige bzw. rasch verfügbare Medikamente zu verschreiben.
Die Scham und Selbstverachtung, die sie dabei empfand, machten sich auch körperlich bemerkbar. Im OP erlitt sie Panikattacken. Anfang des Jahres 2021 nahm sie sich eine Auszeit, suchte einen Psychiater auf und entdeckte Coaching als neue berufliche Perspektive. Im Jahr 2024 verließ sie ihre Praxis.
Wie viele andere Ärzte beschreibt Thacker den Ausstieg aus der Medizin nicht als ein einzelnes einschneidendes Ereignis, sondern mit „der stete Tropfen höhlt den Stein“. Gemeint sind die vielen kleinen Belastungen und Hindernisse, die sich über Jahre ansammeln. Besonders die administrativen Anforderungen hätten das Gesundheitswesen ihrer Ansicht nach zunehmend im Griff.
Bürokratie statt Patientenkontakt
In einem Beitrag für KevinMD.com beschrieb die Endokrinologin Corina Fratila den ärztlichen Alltag als den eines „überbezahlten Affen zur Datenerfassung in einem kafkaesken Versicherungslabyrinth“. Dieser Affe sei rechtlich dazu verpflichtet, mehr Zeit mit dem Anklicken von Feldern in Dokumentationssystemen zu verbringen als mit direktem Blickkontakt zu anderen Menschen.
Fratila, die sich kürzlich aus der klassischen medizinischen Versorgung zurückgezogen hat, kritisierte in einem Essay insbesondere das System der Vorabgenehmigungen durch Krankenversicherungen. „Kein Wunder, dass Patienten unser Gesundheitssystem verabscheuen und Ärzte die Medizin in Scharen verlassen“, lautet ihr Fazit.
Was müsste sich ändern, damit Ärzte bleiben?
So unterschiedlich die Gründe für den Ausstieg aus der Patientenversorgung sind, so verschieden fallen auch die Vorstellungen eines besseren Systems aus. Dennoch gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Ärzte wünschen sich ein Gesundheitswesen, das inklusiver und weniger bürokratisch ist, das vielmehr die Beziehung zwischen Arzt und Patient in den Mittelpunkt stellt.
Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass Veränderungen schon in der Ausbildung beginnen müssen. Chin-Quee fordert, die vielen informellen und unausgesprochenen Regeln der medizinischen Kultur im Medizinstudium offen anzusprechen.
Hardin erinnert sich, dass sie zeitweise gegen den Impuls ankämpfen musste, junge Ärzte genauso zu behandeln, wie sie selbst behandelt worden war. Aus ihrer Sicht ist ein Kulturwandel die Voraussetzung für Fortschritte in allen anderen Bereichen – und dieser Wandel müsse eben früh in der Ausbildung beginnen.
Als Beispiel nennt Hardin die vom Accreditation Council for Graduate Medical Education festgelegte Obergrenze von 80 Arbeitsstunden pro Woche. In manchen Ausbildungsprogrammen würden Assistenzärzte schlicht angewiesen, keine höheren Stundenzahlen zu dokumentieren – selbst wenn sie tatsächlich deutlich länger gearbeitet haben. „Wir können den ganzen Tag neue Regeln beschließen“, sagt sie. „Aber sie funktionieren nicht, wenn sie nicht auf jeder institutionellen und organisatorischen Ebene tatsächlich umgesetzt werden.“
Ist Medizin doch nur ein Beruf, aber keine Berufung?
Chin-Quee stellt auch die weitverbreitete Vorstellung infrage, Medizin sei eine „Berufung“. Dieses Bild vermittle, dass Ärzte moralisch besonders hochstehende Menschen seien.
„Die Medizin sollte sich nicht fragen: ,Wie kann ich diesen Menschen zu dem Arzt machen, den ich sehen möchte?‘“, sagt er. „Die entscheidende Frage lautet vielmehr: ,Wie kann dieser Mensch zu dem Arzt werden, der er selbst sein möchte? Wie können wir unterschiedliche Herkunft, Kulturen und Perspektiven wertschätzen und erkennen, dass genau diese Vielfalt Ärzte besser macht?‘“
Freunde, die mit dem Gedanken spielten, die Medizin zu verlassen, riefen ihn häufig an, erzählt Chin-Quee. Dabei gehe es weniger um Karrierefragen als um Grundsätzliches. „Sie fragen, ob es in Ordnung ist, zu gehen.“ Seine Antwort laute meist: ja.
Quee hat mittlerweile eine berufliche Tätigkeit, die zu ihm passt. Freunde und Kollegen ermutigt er, den Ort zu finden, an dem sie morgens aufwachen und sich auf den kommenden Tag freuen.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis wieder ins Zentrum rücken
Für Thacker liegt die Lösung vor allem in strukturellen Reformen. „Die Beziehung zwischen Arzt und Patient muss wieder das schlagende Herz unseres Gesundheitswesens werden“, sagt sie. „Ich kann einen OP betreten, und niemand weiß genau, was dort passiert. Mir wird das Leben eines Menschen anvertraut. Doch sobald ich den Saal verlasse, muss ich jede einzelne Entscheidung exakt mit den Formulierungen rechtfertigen, die Versicherungen verlangen.“
Auch wenn diese nicht immer praktikabel sind, sieht sie sogenannte Direct-Care-Modelle – also Versorgungsmodelle mit direkter finanzieller Beziehung zwischen Arzt und Patient – als einen möglichen Weg in die Zukunft.
Fratila formulierte ihre Kritik noch schärfer: „Dieses System funktioniert exakt so, wie es entworfen wurde. Für Profit. Nicht für Menschen.“ Genau das müsse sich ändern.
Wie es nach dem Ausstieg weitergeht
Ärzte, die ihren Kittel an den Nagel hängen, schlagen ganz unterschiedliche Wege ein. Kurz nachdem Chin-Quee seine Tätigkeit als Chirurg aufgegeben hatte, erhielt er eine Stelle im Autorenteam der Fernsehserie Grey’s Anatomy und später bei The Resident. Heute berät er ein Start-up, das einen KI-gestützten Coach für Ärzte und Medizinstudierende entwickelt. Außerdem veröffentlichte er im Jahr 2023 seine Memoiren unter dem Titel I Can’t Save You: A Memoir.
Thacker arbeitet inzwischen hauptberuflich als Coach für Chirurgen und moderiert den Podcast Surgeons with Purpose. Zusätzlich übernimmt sie eine Woche pro Monat Vertretungen als Ärztin. Diese Tätigkeit beschreibt sie als „direkt, unkompliziert und auf eine Weise erfüllend, wie es meine eigene Praxis nie war“.
Hardin veröffentlichte in diesem Jahr ihre eigenen Memoiren mit dem Titel Surgeon on the Edge und gründete gemeinsam mit Thacker das von Ärzten geführte Medienunternehmen The Hippocratic Collective. Sie hofft, dass die nächste Generation von Ärzten eine bessere Balance zwischen Beruf und persönlichem Leben finden wird.
Nach ihrer Einschätzung beschleunigt sich die Abwanderung aus der Medizin auch deshalb, weil jüngere Ärzte höhere Ansprüche haben, wie sie behandelt werden wollen. Diese veränderte Haltung könnte den notwendigen Druck erzeugen, um das System zu verändern.
Für Ärzte steht einiges auf dem Spiel. „Wenn eine Belegschaft nicht unter Bedingungen arbeitet, unter denen sie ihr Bestes geben kann, leidet zwangsläufig die Arbeit“, sagt Chin-Quee. „Und in diesem Fall geht es um die Gesundheit von uns allen.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
03. Juni 2026
Der Arztberuf gilt als immer noch Berufung – doch viele Mediziner kehren der direkten Patientenversorgung den Rücken. 3 Ärzte berichten von Demütigungen, Burnout, Bürokratie und moralischen Konflikten. Sie erklären, warum sie die Medizin verlassen haben und was sich ändern müsste, um dem Trend entgegenzuwirken.
Demütigungen und Schikanen im OP
Zunächst waren es die ständigen persönlichen Beleidigungen. Dann folgte eine Phase, in der nahezu der gesamte Jahrgang ihres 2. Weiterbildungsjahres entweder entlassen oder zurückgestuft wurde.
Frances Mei Hardin
Die Folge: Statt wie üblich jede 5. Nacht Bereitschaftsdienst zu haben, musste Frances Mei Hardin nun jede 3. Nacht arbeiten – ohne Aussicht auf Entlastung. Hinzu kam ein Chefarzt, der einen jungen Assistenzarzt in einem überfüllten Aufzug anschrie, er sei „verdammt hässlich“ und solle sich zur Wand drehen. Der Assistenzarzt gehorchte.
Im 4. Jahr ihrer Facharztausbildung war für sie der Punkt erreicht, an dem sie jede Begeisterung für die Chirurgie verloren hatte. „Mir wurde jede Liebe zur Arbeit als Chirurgin ausgetrieben“, erinnert sie sich.
Besonders prägend war ein Vorfall während einer Neck-Dissection (Halslymphknotenausräumung). Ein Oberarzt begann, sie wegen ihrer vermeintlich mangelnden Erfahrung vor dem versammelten Team zu kritisieren. Er warf ihr vor, nicht ausreichend gelernt zu haben, und machte sich über ihre Antworten lustig. Nach rund 20 Minuten der Schikane, die Hardin als das in Operationssälen weit verbreitete Zusammenspiel aus Ausfragen, Demütigen und Schikanieren beschreibt, verließ sie die 8-stündige Operation. „An diesem Tag ist etwas in mir zerbrochen“, sagt sie rückblickend.
Weinend zog sich Hardin auf die Toilette zurück und rief eine gute Freundin an, die ebenfalls in der Facharztausbildung war. Deren Reaktion überraschte sie nicht: Solche Situationen hatte sie selbst schon mehrfach erlebt. Ihr Rat lautete, sich zu sammeln und wieder in den OP zurückzukehren. Doch Hardin tat das nicht.
PTBS in der Facharztausbildung
Hardin entwickelte eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und litt unter Suizidgedanken. „In der Kultur der chirurgischen Weiterbildung ist es praktisch unmöglich, über solche Erfahrungen offen zu sprechen“, sagt sie. „Wenn so etwas einem von uns passiert, fühlt es sich katastrophal an. Es fühlt sich an, als hätte man versagt. Aber nichts davon trifft zu.“
Im vergangenen Jahr gab Hardin ihren Beruf als Chirurgin auf. Zuvor hatte sie ihre Facharztausbildung abgeschlossen und mehrere Jahre in einer privaten Praxis im ländlichen Süden der USA gearbeitet. Damit gehört sie zu den geschätzten 86.000 Ärztinnen und Ärzten, die bis zum Jahr 2036 der Medizin US-weit den Rücken kehren werden.
Zahlen aus Deutschland
Statistiken zur Situation in Deutschland gibt es zwar nicht, eine Abschätzung ist aber möglich.
Ende des Jahres 2024 waren bei der Bundesärztekammer rund 581.000 Ärzte registriert. Von ihnen gingen etwa 437.000 einer ärztlichen Tätigkeit nach, während rund 140.000 ihren Beruf nicht aktiv ausgeübt haben. Der überwiegende Teil war sich im Ruhestand. So entfielen etwa 104.000 Personen beziehungsweise 72% dieser Gruppe auf Ruheständler. Weitere rund 2.700 Ärzte galten krankheitsbedingt als berufsunfähig.
Zieht man diese beiden Gruppen ab, verbleiben schätzungsweise 33.000 bis 37.000 approbierte Ärzte, die weder ärztlich tätig noch im Ruhestand oder berufsunfähig sind. Viele von ihnen arbeiten weiterhin im Gesundheitswesen, allerdings außerhalb der direkten Patientenversorgung.
Wissenschaftliche Arbeiten bestätigen den Trend
Die Diskussion über Ärzte, die ihren Beruf verlassen, ist nicht neu. Verschiedene Daten deuten jedoch darauf hin, dass sich dieser Trend keineswegs abschwächt. Eine im Jahr 2025 in den Annals of Internal Medicineveröffentlichte Studie, die mehr als 700.000 Ärzte erfasste, zeigte, dass der Anteil aller Mediziner, die nicht mehr in der direkten Patientenversorgung tätig sind, zwischen den Jahren 2013 und 2019 von 3,5% auf 4,9% angestiegen ist. Und das noch vor Beginn der COVID-19-Pandemie.
Zu dieser Entwicklung dürften auch die hohen Burnout-Raten unter Ärzten beitragen. Eine im März 2026 in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung hat ergeben, dass Ärzte mit Burnout nahezu eineinhalbmal häufiger die klinische Tätigkeit verlassen als ihre Kollegen ohne entsprechende Belastung.
Jeder betroffene Arzt hat seine eigene Geschichte – und der Begriff „Burnout“ dient oft als Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Erfahrungen. Spricht man jedoch mit einigen der Betroffenen, treten immer wieder ähnliche Muster zutage.
Akademische Karriere oder Privatpraxis: Alternativen sind rar
Anthony Chin-Quee
Anthony Chin-Quee, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, hat die Medizin im Jahr 2019 verlassen. Im Gespräch mit Medscape erzählt er, dass ihn das gesamte System bereits während seiner Ausbildung eingeengt hat. In seinen Augen schien es nur 2 akzeptierte Karrierewege zu geben: eine akademische Laufbahn oder die Tätigkeit in einer Privatpraxis.
Für Chin-Quee waren die Einschränkungen jedoch nicht nur beruflicher Natur, sondern auch zutiefst persönlich. „Ich bin schwarz, und das spielt eine große Rolle – besonders in der Medizin. Wenn man dann noch in die Chirurgie und anschließend in eine chirurgische Subspezialisierung geht, gibt es dort nur sehr wenige Menschen wie mich. Da ist man schnell isoliert“, sagt er.
Außerdem hatte Chin-Quee das Gefühl, dass für ihn andere Maßstäbe galten als für viele seiner Kollegen. Fehler, die bei anderen toleriert wurden, schienen bei ihm deutlich kritischer bewertet zu werden.
Auch die eigene Persönlichkeit passte aus seiner Sicht nicht in das Bild des typischen, stets kontrollierten und formellen Chirurgen. „Ich habe gerne Spaß, ich mache Witze, ich singe gerne und ich gehe locker und herzlich mit meinen Patienten um“, sagt er. Genau diese Eigenschaften haben ihn jedoch häufig zum Außenseiter gemacht.
Kollegen verbreiten Gerüchte
Doch damit nicht genug: Als ein Oberarzt erfuhr, dass Chin-Quee in seiner Freizeit den Roman The Hunger Games las, verbreitete sich hinter vorgehaltener Hand das Gerücht, er nehme die Chirurgie nicht ernst genug. Nach seiner Wahrnehmung änderte sich daraufhin auch die Haltung seiner Vorgesetzten ihm gegenüber – eine Entwicklung, die er direkt mit diesen Gerüchten in Verbindung bringt.
Mit der Zeit gewann Chin-Quee den Eindruck, dass er sein offenes Wesen verstecken müsse, um in der Medizin zu bestehen. In seiner schwierigsten Phase litt er an Depressionen und begann, berufliche Probleme zunehmend zu verinnerlichen. „Und wenn die Leistung nicht stimmt, hat man irgendwann das Gefühl, selbst nichts wert zu sein“, erinnert er sich.
Im Jahr 2019 zog Chin-Quee schließlich die Konsequenzen. Er gab seine Tätigkeit als Chirurg in Los Angeles auf – zunächst ohne eine neue berufliche Perspektive.
Die moralischen Zweifel wachsen
Mel Thacker
Medscape hat auch mit Mel Thacker gesprochen. Sie war lange davon überzeugt, bis zu ihrem Ruhestand in der von ihr mitgeführten Gemeinschaftspraxis in Massachusetts zu arbeiten. In der ausschließlich von Frauen geführte Praxis waren 3 Partnerinnen. Thacker gehörte zu den treibenden Kräften des Teams. „Ich wollte seit meinem 13. Lebensjahr Ärztin werden, und ich habe mir diesen Traum erfüllt. Aber es ist eben nicht wie im Märchen“, sagt sie.
Obwohl Thacker über ein Maß an beruflicher Selbstbestimmung verfügte, von dem viele Ärzte nur träumen können, nagten moralische Zweifel immer stärker an ihr. Das lag an finanziellen Anreize im US-Gesundheitssystem, die sie nicht länger ignorieren wollte.
Als HNO-Fachärztin mit Schwerpunkt Nasennebenhöhlenchirurgie wusste sie, dass ein bestimmter Eingriff in ihrer eigenen Praxis mit rund 15.000 US-Dollar vergütet wurde. Wurde derselbe Eingriff in einem ambulanten Operationszentrum durchgeführt, lag die Erstattung lediglich bei etwa 3.000 US-Dollar. „Dadurch entsteht unweigerlich die Gefahr, Patienten unbewusst eher zu dem Eingriff in der Praxis zu bewegen“, sagt sie. „Allein der Gedanke daran hat bei mir ein zutiefst unangenehmes Gefühl ausgelöst.“
Thacker beobachtete, wie einige Kollegen diese Unterschiede gezielt ausgenutzt haben. Sie sah Ärzte, die „Millionen verdient haben, berühmte Sänger zu ihren Geburtstagsfeiern einfliegen ließen und Lamborghinis fuhren – finanziert durch Geld, das sie mit medizinisch fragwürdigen Eingriffen an Patienten verdient haben.“
Gleichzeitig erlebte sie, wie das System Ärzten geschadet hat. Ein Kollege musste nach jahrelanger Betreuung eines totkranken Krebspatienten 40.000 Dollar an dessen Versicherung zurückzahlen. Thacker selbst sah sich regelmäßig gezwungen, bürokratische Hürden zu überwinden, um Patienten günstige bzw. rasch verfügbare Medikamente zu verschreiben.
Die Scham und Selbstverachtung, die sie dabei empfand, machten sich auch körperlich bemerkbar. Im OP erlitt sie Panikattacken. Anfang des Jahres 2021 nahm sie sich eine Auszeit, suchte einen Psychiater auf und entdeckte Coaching als neue berufliche Perspektive. Im Jahr 2024 verließ sie ihre Praxis.
Wie viele andere Ärzte beschreibt Thacker den Ausstieg aus der Medizin nicht als ein einzelnes einschneidendes Ereignis, sondern mit „der stete Tropfen höhlt den Stein“. Gemeint sind die vielen kleinen Belastungen und Hindernisse, die sich über Jahre ansammeln. Besonders die administrativen Anforderungen hätten das Gesundheitswesen ihrer Ansicht nach zunehmend im Griff.
Bürokratie statt Patientenkontakt
In einem Beitrag für KevinMD.com beschrieb die Endokrinologin Corina Fratila den ärztlichen Alltag als den eines „überbezahlten Affen zur Datenerfassung in einem kafkaesken Versicherungslabyrinth“. Dieser Affe sei rechtlich dazu verpflichtet, mehr Zeit mit dem Anklicken von Feldern in Dokumentationssystemen zu verbringen als mit direktem Blickkontakt zu anderen Menschen.
Fratila, die sich kürzlich aus der klassischen medizinischen Versorgung zurückgezogen hat, kritisierte in einem Essay insbesondere das System der Vorabgenehmigungen durch Krankenversicherungen. „Kein Wunder, dass Patienten unser Gesundheitssystem verabscheuen und Ärzte die Medizin in Scharen verlassen“, lautet ihr Fazit.
Was müsste sich ändern, damit Ärzte bleiben?
So unterschiedlich die Gründe für den Ausstieg aus der Patientenversorgung sind, so verschieden fallen auch die Vorstellungen eines besseren Systems aus. Dennoch gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Ärzte wünschen sich ein Gesundheitswesen, das inklusiver und weniger bürokratisch ist, das vielmehr die Beziehung zwischen Arzt und Patient in den Mittelpunkt stellt.
Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass Veränderungen schon in der Ausbildung beginnen müssen. Chin-Quee fordert, die vielen informellen und unausgesprochenen Regeln der medizinischen Kultur im Medizinstudium offen anzusprechen.
Hardin erinnert sich, dass sie zeitweise gegen den Impuls ankämpfen musste, junge Ärzte genauso zu behandeln, wie sie selbst behandelt worden war. Aus ihrer Sicht ist ein Kulturwandel die Voraussetzung für Fortschritte in allen anderen Bereichen – und dieser Wandel müsse eben früh in der Ausbildung beginnen.
Als Beispiel nennt Hardin die vom Accreditation Council for Graduate Medical Education festgelegte Obergrenze von 80 Arbeitsstunden pro Woche. In manchen Ausbildungsprogrammen würden Assistenzärzte schlicht angewiesen, keine höheren Stundenzahlen zu dokumentieren – selbst wenn sie tatsächlich deutlich länger gearbeitet haben. „Wir können den ganzen Tag neue Regeln beschließen“, sagt sie. „Aber sie funktionieren nicht, wenn sie nicht auf jeder institutionellen und organisatorischen Ebene tatsächlich umgesetzt werden.“
Ist Medizin doch nur ein Beruf, aber keine Berufung?
Chin-Quee stellt auch die weitverbreitete Vorstellung infrage, Medizin sei eine „Berufung“. Dieses Bild vermittle, dass Ärzte moralisch besonders hochstehende Menschen seien.
„Die Medizin sollte sich nicht fragen: ,Wie kann ich diesen Menschen zu dem Arzt machen, den ich sehen möchte?‘“, sagt er. „Die entscheidende Frage lautet vielmehr: ,Wie kann dieser Mensch zu dem Arzt werden, der er selbst sein möchte? Wie können wir unterschiedliche Herkunft, Kulturen und Perspektiven wertschätzen und erkennen, dass genau diese Vielfalt Ärzte besser macht?‘“
Freunde, die mit dem Gedanken spielten, die Medizin zu verlassen, riefen ihn häufig an, erzählt Chin-Quee. Dabei gehe es weniger um Karrierefragen als um Grundsätzliches. „Sie fragen, ob es in Ordnung ist, zu gehen.“ Seine Antwort laute meist: ja.
Quee hat mittlerweile eine berufliche Tätigkeit, die zu ihm passt. Freunde und Kollegen ermutigt er, den Ort zu finden, an dem sie morgens aufwachen und sich auf den kommenden Tag freuen.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis wieder ins Zentrum rücken
Für Thacker liegt die Lösung vor allem in strukturellen Reformen. „Die Beziehung zwischen Arzt und Patient muss wieder das schlagende Herz unseres Gesundheitswesens werden“, sagt sie. „Ich kann einen OP betreten, und niemand weiß genau, was dort passiert. Mir wird das Leben eines Menschen anvertraut. Doch sobald ich den Saal verlasse, muss ich jede einzelne Entscheidung exakt mit den Formulierungen rechtfertigen, die Versicherungen verlangen.“
Auch wenn diese nicht immer praktikabel sind, sieht sie sogenannte Direct-Care-Modelle – also Versorgungsmodelle mit direkter finanzieller Beziehung zwischen Arzt und Patient – als einen möglichen Weg in die Zukunft.
Fratila formulierte ihre Kritik noch schärfer: „Dieses System funktioniert exakt so, wie es entworfen wurde. Für Profit. Nicht für Menschen.“ Genau das müsse sich ändern.
Wie es nach dem Ausstieg weitergeht
Ärzte, die ihren Kittel an den Nagel hängen, schlagen ganz unterschiedliche Wege ein. Kurz nachdem Chin-Quee seine Tätigkeit als Chirurg aufgegeben hatte, erhielt er eine Stelle im Autorenteam der Fernsehserie Grey’s Anatomy und später bei The Resident. Heute berät er ein Start-up, das einen KI-gestützten Coach für Ärzte und Medizinstudierende entwickelt. Außerdem veröffentlichte er im Jahr 2023 seine Memoiren unter dem Titel I Can’t Save You: A Memoir.
Thacker arbeitet inzwischen hauptberuflich als Coach für Chirurgen und moderiert den Podcast Surgeons with Purpose. Zusätzlich übernimmt sie eine Woche pro Monat Vertretungen als Ärztin. Diese Tätigkeit beschreibt sie als „direkt, unkompliziert und auf eine Weise erfüllend, wie es meine eigene Praxis nie war“.
Hardin veröffentlichte in diesem Jahr ihre eigenen Memoiren mit dem Titel Surgeon on the Edge und gründete gemeinsam mit Thacker das von Ärzten geführte Medienunternehmen The Hippocratic Collective. Sie hofft, dass die nächste Generation von Ärzten eine bessere Balance zwischen Beruf und persönlichem Leben finden wird.
Nach ihrer Einschätzung beschleunigt sich die Abwanderung aus der Medizin auch deshalb, weil jüngere Ärzte höhere Ansprüche haben, wie sie behandelt werden wollen. Diese veränderte Haltung könnte den notwendigen Druck erzeugen, um das System zu verändern.
Für Ärzte steht einiges auf dem Spiel. „Wenn eine Belegschaft nicht unter Bedingungen arbeitet, unter denen sie ihr Bestes geben kann, leidet zwangsläufig die Arbeit“, sagt Chin-Quee. „Und in diesem Fall geht es um die Gesundheit von uns allen.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.
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Dienstag, 7. April 2026
Massenmörder Musk
che2001, 16:44h
Durch die Schließung von US Aid ist davon auszugehen, dass 14 Millionen Menschen, darunter 5 Millionen Kinder, an Hunger und Seuchen sterben werden.
Nun zum Sport....
Nun zum Sport....
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Dienstag, 24. März 2026
Internationale Heimatkunde - die USA im Umbruch
che2001, 18:27h
Vor kurzer Zeit – vor Ausbruch des Iran-Krieges- fand per Videoschalte eine Vorstandskonferenz der Heinrich-Böll-Stiftung zur internationalen Situation mit besonderer Berücksichtigung der USA statt. Ich nahm an dieser Veranstaltung teil und fand sie in jeder Beziehung interessanter und informativer als alle Talkshows und internationalen Frühschoppen zusammengenommen. Insbesondere, da die AuslandsrepräsentantInnen der Stiftung aus den Ländern in denen sie aktiv waren anschauliche Stimmungsbilder und faktenreiche Lageberichte vermittelten. Da wurde berichtet, wie in Mexiko, Kanada, Brasilien und von US-Linken die westlichen PolitikerInnen wahrgenommen werden. Carney, Lula, Rasmussen und Macron stark und selbstbewusst, Sanchez sehr aufrecht, Merz als Trumps Hampelmann.
Ich möchte jetzt nicht die ganze Veranstaltung wiedergeben sondern mich darauf beschränken was auf meine Fragen geantwortet wurde. Was hier in wörtliche Rede gesetzt ist entspricht meiner eigenen Mitschrift und wurde nicht ganz wörtlich aber sinngemäß so gesagt.
„Was ich nicht ganz verstehe ist die Schwäche und Passivität der Demokraten. Welche Rolle spielen Gavin Newsom, Gretchen Widmer, Abigail Spanberger und Tim Walz aktuell? Was ist mit MAGA-kritischen Kräften bei den Republikanern, mit den Bushs und Cheneys, Mitch McConnell und Mitt Romney? Wie ist die Basisbewegung in Minnesota einzuschätzen?“
Antwort Hannah Winnick u.a.
„Es gibt einen Unterschied zwischen der Administration und dem Kongress. Da Trump nur über Erlasse regiert und kaum Gesetzesvorlagen einbringt geht das Regierungshandeln am Parlament vorbei. Die Demokraten sind streng legalistisch ausgerichtet und auf der Ebene des praktischen Handelns, der unmittelbaren politischen Aktionen weit von der Bürgerrechtsbewegung entfernt und damit im Augenblick kaltgestellt. Ihre Stunde wird erst mit den Midterms kommen.
Von den Republikanern steht nur etwa ein Drittel hinter Trump. Das ist die MAGA-Bewegung im engeren Sinne, also America-first-Leute, dann weiße Rassisten bis hin zu Alt Right und Ku Klux Klan und die High-Tech Leute (nicht nur die IT-Milliardäre), denen es um freie Bahn für Investitionen in ihr Business geht. Die Mehrheit der Republikaner ist in einer Art Schockstarre. Viele Abgeordnete ziehen sich ins Privatleben zurück, nehmen ihre Mandate nicht wahr oder gehen vorzeitig in den Ruhestand. Die fürchten tatsächlich ermordet zu werden wenn sie sich gegen Trump wenden.
Die Basisbewegung, von Minneapolis und überhaupt Minnesota ausgehend, verbreitet sich inzwischen über die ganzen Staaten. Es handelt sich um eine furchtlose, sehr rasch wachsende Bürger- und Menschenrechtsbewegung und auch Fundamentalopposition wie es sie seit den 68ern nicht mehr gegeben hat. Die demonstrieren inzwischen auch wenn geschossen wird.“
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass ein Teil der Bewegung in Minnesota mit Sezessionsplänen liebäugelt: Dem Austritt aus den USA und dem Eintritt in Kanada, was vom Gouverneur der kanadischen Provinz Ontario auch befürwortet wurde. Von „Minnetoba“ wurde in diesem Zusammenhang schon geredet.
Ich möchte jetzt nicht die ganze Veranstaltung wiedergeben sondern mich darauf beschränken was auf meine Fragen geantwortet wurde. Was hier in wörtliche Rede gesetzt ist entspricht meiner eigenen Mitschrift und wurde nicht ganz wörtlich aber sinngemäß so gesagt.
„Was ich nicht ganz verstehe ist die Schwäche und Passivität der Demokraten. Welche Rolle spielen Gavin Newsom, Gretchen Widmer, Abigail Spanberger und Tim Walz aktuell? Was ist mit MAGA-kritischen Kräften bei den Republikanern, mit den Bushs und Cheneys, Mitch McConnell und Mitt Romney? Wie ist die Basisbewegung in Minnesota einzuschätzen?“
Antwort Hannah Winnick u.a.
„Es gibt einen Unterschied zwischen der Administration und dem Kongress. Da Trump nur über Erlasse regiert und kaum Gesetzesvorlagen einbringt geht das Regierungshandeln am Parlament vorbei. Die Demokraten sind streng legalistisch ausgerichtet und auf der Ebene des praktischen Handelns, der unmittelbaren politischen Aktionen weit von der Bürgerrechtsbewegung entfernt und damit im Augenblick kaltgestellt. Ihre Stunde wird erst mit den Midterms kommen.
Von den Republikanern steht nur etwa ein Drittel hinter Trump. Das ist die MAGA-Bewegung im engeren Sinne, also America-first-Leute, dann weiße Rassisten bis hin zu Alt Right und Ku Klux Klan und die High-Tech Leute (nicht nur die IT-Milliardäre), denen es um freie Bahn für Investitionen in ihr Business geht. Die Mehrheit der Republikaner ist in einer Art Schockstarre. Viele Abgeordnete ziehen sich ins Privatleben zurück, nehmen ihre Mandate nicht wahr oder gehen vorzeitig in den Ruhestand. Die fürchten tatsächlich ermordet zu werden wenn sie sich gegen Trump wenden.
Die Basisbewegung, von Minneapolis und überhaupt Minnesota ausgehend, verbreitet sich inzwischen über die ganzen Staaten. Es handelt sich um eine furchtlose, sehr rasch wachsende Bürger- und Menschenrechtsbewegung und auch Fundamentalopposition wie es sie seit den 68ern nicht mehr gegeben hat. Die demonstrieren inzwischen auch wenn geschossen wird.“
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass ein Teil der Bewegung in Minnesota mit Sezessionsplänen liebäugelt: Dem Austritt aus den USA und dem Eintritt in Kanada, was vom Gouverneur der kanadischen Provinz Ontario auch befürwortet wurde. Von „Minnetoba“ wurde in diesem Zusammenhang schon geredet.
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Donnerstag, 5. März 2026
Gesinnungsschnüffelei in linken Buchläden
che2001, 16:34h
Da hat es dann auch mal meine eigene Homebase erwischt, den Buchladen Rote Straße in Göttingen. Zugegeben, da wohne ich seit 25 Jahren nicht mehr, trotzdem sind da meine roots. Von den beiden anderen Buchläden weiß ich nichts, aber der Buchladen Rote Straße ist in Göttingen eine Institution. Und die BetreiberInnen alte Freunde von mir.
Die Rechtsanwälte der Buchläden zum Thema:
"Die drei Buchläden wurden von einer sachverständigen Jury für den Preis bestimmt, weil sie ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren“, heißt es von den Juristen. Die Buchhandlungen haben aus Sicht der Rechtsanwälte den Preis verdient. „Wir bereiten daher Klagen gegen den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Vergabe des Preises wie von der Jury gewollt vor“, heißt es weiter.
https://taz.de/Deutscher-Buchhandlungspreis/!6159761/
https://www.hna.de/lokales/goettingen/es-hagelt-kritik-kulturstaatsminister-schloss-goettinger-buchhandlung-von-preis-aus-genauer-grund-unklar-94199719.html#google_vignette
Die Rechtsanwälte der Buchläden zum Thema:
"Die drei Buchläden wurden von einer sachverständigen Jury für den Preis bestimmt, weil sie ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren“, heißt es von den Juristen. Die Buchhandlungen haben aus Sicht der Rechtsanwälte den Preis verdient. „Wir bereiten daher Klagen gegen den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Vergabe des Preises wie von der Jury gewollt vor“, heißt es weiter.
https://taz.de/Deutscher-Buchhandlungspreis/!6159761/
https://www.hna.de/lokales/goettingen/es-hagelt-kritik-kulturstaatsminister-schloss-goettinger-buchhandlung-von-preis-aus-genauer-grund-unklar-94199719.html#google_vignette
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Mittwoch, 4. Februar 2026
Der CDU-Wirtschaftsrat
che2001, 00:14h
Ich hatte mit dieser aggressiven Lobbyorganisation des Sozialabbaus schon in meiner Zeit als Journalist zu tun, damals war die Agenda die Abschaffung des Kündigungsschutzes. Ziel dieser Organisation ist eigentlich die Erhöhung der Profitrate - oder das Entgegenwirken gegenüber dem tendenziellen Fall der Profitrate - durch Verschärfung oder Erhöhung der unmittelbaren Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft. Und solange das im öffentlichen Diskurs nicht gesagt wird haben wir auch keine linksgrünen öffentlichen Medien. Jetzt also Auskopplung der Zahnarztbehandlung aus den Kassen. Wer Solches vorschlägt dem gehören die Zähne mit einem Vierkantholz ausgeschlagen. Wahrscheinlich denken die auch noch, all die ArbeitnehmerInnen und Arbeitslosen könnten sich ja auch privat versichern. Oder sich mit Winkelspiegel und Dremel selbst behandeln.
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Dienstag, 27. Januar 2026
Heute vor 81 Jahren: Auschwitz wurde von der Roten Armee befreit
che2001, 18:55h
Und die sehr hartgesottenen Sowjetsoldaten sahen ein Grauen vor sich, dass ihnen bis dahin nicht vorstellbar war.
Zu dem ganzen Komplex hier einige Fragmente:
Shlomo, der Goldschmied von Sobibor und sein schlimmster Peiniger:
https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Shlomo-Szmajzner-und-Gustav-Wagner-Der-Goldschmied-und-sein-Peiniger,shlomo102.html
Aus: "Die Glocke" Nr. 229-Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis e.V.)
"Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung! Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel! Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig."
Aus dem Schwur von Buchenwald
Werner von Braun, Konstrukteur der V2-Raketen die im KZ Mittelbau-Dora in unterirdischen Stollen unter menschenverschleissenden Bedingungen in Sklavenarbeit gefertigt wurden begrüßte die US-Truppen, eine Zigarre im Mund, bot ihnen seine Dienste an und erklärte, er wollte schon immer auf der Seite der Sieger stehen. Es sollte ihm problemlos gelingen.
"Der Kapitalismus muss weg": Interview mit Kurt-Julius Goldstein
https://www.hagalil.com/archiv/2004/11/goldstein.htm
und, hieran anknüpfend:
Gibt es eine Ökonomie der Endlösung?
Als Vertreter der Hamburger Schule der Sozialgeschichte wie auch des Neuen Antiimperialismus sage ich ganz klar "Ja". Wobei viele die diesen Ansatz verwerfen weit davon entfernt sind ihn zu begreifen. Ein wohlfeiles Beispiel dafür liefert Stephan Grigat, der gleich mit einer Reihe haarsträubender Irrtümer bzw. geballtem Nichtwissen aufwartet. Generell kann ja gesagt werden dass antideutsche Kritik an Ansätzen des Neuen Antiimperialismus bzw. Postoperaismus sich zumeist dadurch auszeichnet dass sie die Theorien die sie zu kritisieren vorgibt gar nicht kennt.
Im Mittelpunkt steht seine These, dass Götz Aly und Susanne Heim als marxistisch-leninistisch geprägte HistorikerInnen den Rassismus des Holocaust unter einer Ökonomisierung begraben würden, um den latenten Antisemitismus marxistischer Ansätze zu verschleiern.
Weder sind Heim und Aly marxistisch-leninistisch geprägt (sie stehen in einer Tradition die der Nörgler "marxologisch" nennen würde, von zentraler Bedeutung ist hier Detlef Hartmanns Text "Warum Marx kein Marxist war und kein Leninist geworden wäre" aus seiner programmatischen Schrift "Leben als Sabotage"), noch geht es in ihrer Analyse nicht um Rassismus - der Rassismus wird nur selber als treibende Kraft für den entwickelten Kapitalismus betrachtet der selber im Sinne einer Verwertungslogik seine Funktion erfüllt. In diesem Sinne ist das KZ die extremste Form der kapitalistischen Fabrik mit der Verwertung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen.
Knut Mellenthin hingegen reflektierte im AK seinerzeit schon weitaus treffender, stellt den Ansatz allerdings etwas verkürzt dar.
http://www.holocaust-chronologie.de/artikel/oekonomie-und-politik-der-endloesung.html
Grundsätzlich beginnt die Analyse der NS-Vernichtungspolitik wie Heim und Aly sie betrieben hatten (Aly fiel später dahinter zurück) mit der Analyse des Sozialdarwinismus, der Eugenik und der "Euthanasie". Die Shoah und die Ermordung der Sinti und Roma sind hierbei eine Fortsetzung der vorherigen "klinischen Hinrichtung der Unbrauchbaren", im Mittelpunkt stand eine negative Bevölkerungspolitik verbunden mit der beabsichtigten Züchtung einer neuen "Herrenrasse". Dem lagen irrige, heute biologisch widerlegte Vorstellungen von "Menschenrassen" zugrunde, das war zum damaligen Zeitpunkt aber noch anerkannte Wissenschaft, ein wissenschaftlicher Rassismus, der von der Züchtung einer idealen Menschheit und der Ausrottung von als "Ballastexistenzen" angesehenen Angehörigen sozialer und ethnischer Minderheiten träumte - und damit in der Praxis dann ja auch ziemlich weit gelangte. Die Brisanz liegt hierbei darin, dass, wie Karl Heinz Roth festgestellt hatte, dieses Verbrechen sich eben nicht isoliert nur für die NS-Herrschaft nachweisen lässt. Die Behandlung ganzer Bevöllkerungen nach der Triage, d.h. der ursprünglich aus der Militärmedizin abgeleiteten Ungleichbehandlung von frontfähig zu Machenden Verletzten, solchen die Behinderungen davontragen werden und solchen die man nur noch sterben lässt fand nicht nur im Vernichtungskrieg der Nazis statt sondern prägte später die Entwicklungspolitik von IWF und Weltbank und die Kriegführung im Irak-Iran- und im Jugoslawischen Bürgerkrieg wie in den jüngsten Bürgerkriegen in Ruanda und Kongo. Bei all diesen Ereignissen spielt die Schöpferische Zerstörung zur Ankurbelung neuer Wertschöpfungsprozesse und die Vernichtung der überflüssigen Esser eine Rolle. Man hat Heim und Aly mal vorgeworfen damit die NS-Verbrechen zu verharmlosen, doch eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Es wird festgestellt dass der Imperialismus der Nachkriegszeit ebenso wie die Modernisierungsdiktaturen der "Dritten Welt" im Grunde dem NS-Regime an Brutalität nicht nachstehen, sondern sich Völkermord als Teil eines weltökonomischen Modernisierungsmodells seit dem NS etabliert hat. Die Nazis waren gewissermaßen die Avantgarde, die mit ihrem Vernichtungskrieg die Grundlagen künftiger Bevölkerungspolitik im Weltmaßstab geschaffen hatten.
In den 1980ern, so zwischen Tübinger Internationalismustagen und dem gemeinsamen IWF- und Weltbankgipfel in Westberlin war die Kenntnis dieses Zusammenhangs mal linker Diskussionsstand.
Zu dem ganzen Komplex hier einige Fragmente:
Shlomo, der Goldschmied von Sobibor und sein schlimmster Peiniger:
https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Shlomo-Szmajzner-und-Gustav-Wagner-Der-Goldschmied-und-sein-Peiniger,shlomo102.html
Aus: "Die Glocke" Nr. 229-Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis e.V.)
"Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung! Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel! Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig."
Aus dem Schwur von Buchenwald
Werner von Braun, Konstrukteur der V2-Raketen die im KZ Mittelbau-Dora in unterirdischen Stollen unter menschenverschleissenden Bedingungen in Sklavenarbeit gefertigt wurden begrüßte die US-Truppen, eine Zigarre im Mund, bot ihnen seine Dienste an und erklärte, er wollte schon immer auf der Seite der Sieger stehen. Es sollte ihm problemlos gelingen.
"Der Kapitalismus muss weg": Interview mit Kurt-Julius Goldstein
https://www.hagalil.com/archiv/2004/11/goldstein.htm
und, hieran anknüpfend:
Gibt es eine Ökonomie der Endlösung?
Als Vertreter der Hamburger Schule der Sozialgeschichte wie auch des Neuen Antiimperialismus sage ich ganz klar "Ja". Wobei viele die diesen Ansatz verwerfen weit davon entfernt sind ihn zu begreifen. Ein wohlfeiles Beispiel dafür liefert Stephan Grigat, der gleich mit einer Reihe haarsträubender Irrtümer bzw. geballtem Nichtwissen aufwartet. Generell kann ja gesagt werden dass antideutsche Kritik an Ansätzen des Neuen Antiimperialismus bzw. Postoperaismus sich zumeist dadurch auszeichnet dass sie die Theorien die sie zu kritisieren vorgibt gar nicht kennt.
Im Mittelpunkt steht seine These, dass Götz Aly und Susanne Heim als marxistisch-leninistisch geprägte HistorikerInnen den Rassismus des Holocaust unter einer Ökonomisierung begraben würden, um den latenten Antisemitismus marxistischer Ansätze zu verschleiern.
Weder sind Heim und Aly marxistisch-leninistisch geprägt (sie stehen in einer Tradition die der Nörgler "marxologisch" nennen würde, von zentraler Bedeutung ist hier Detlef Hartmanns Text "Warum Marx kein Marxist war und kein Leninist geworden wäre" aus seiner programmatischen Schrift "Leben als Sabotage"), noch geht es in ihrer Analyse nicht um Rassismus - der Rassismus wird nur selber als treibende Kraft für den entwickelten Kapitalismus betrachtet der selber im Sinne einer Verwertungslogik seine Funktion erfüllt. In diesem Sinne ist das KZ die extremste Form der kapitalistischen Fabrik mit der Verwertung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen.
Knut Mellenthin hingegen reflektierte im AK seinerzeit schon weitaus treffender, stellt den Ansatz allerdings etwas verkürzt dar.
http://www.holocaust-chronologie.de/artikel/oekonomie-und-politik-der-endloesung.html
Grundsätzlich beginnt die Analyse der NS-Vernichtungspolitik wie Heim und Aly sie betrieben hatten (Aly fiel später dahinter zurück) mit der Analyse des Sozialdarwinismus, der Eugenik und der "Euthanasie". Die Shoah und die Ermordung der Sinti und Roma sind hierbei eine Fortsetzung der vorherigen "klinischen Hinrichtung der Unbrauchbaren", im Mittelpunkt stand eine negative Bevölkerungspolitik verbunden mit der beabsichtigten Züchtung einer neuen "Herrenrasse". Dem lagen irrige, heute biologisch widerlegte Vorstellungen von "Menschenrassen" zugrunde, das war zum damaligen Zeitpunkt aber noch anerkannte Wissenschaft, ein wissenschaftlicher Rassismus, der von der Züchtung einer idealen Menschheit und der Ausrottung von als "Ballastexistenzen" angesehenen Angehörigen sozialer und ethnischer Minderheiten träumte - und damit in der Praxis dann ja auch ziemlich weit gelangte. Die Brisanz liegt hierbei darin, dass, wie Karl Heinz Roth festgestellt hatte, dieses Verbrechen sich eben nicht isoliert nur für die NS-Herrschaft nachweisen lässt. Die Behandlung ganzer Bevöllkerungen nach der Triage, d.h. der ursprünglich aus der Militärmedizin abgeleiteten Ungleichbehandlung von frontfähig zu Machenden Verletzten, solchen die Behinderungen davontragen werden und solchen die man nur noch sterben lässt fand nicht nur im Vernichtungskrieg der Nazis statt sondern prägte später die Entwicklungspolitik von IWF und Weltbank und die Kriegführung im Irak-Iran- und im Jugoslawischen Bürgerkrieg wie in den jüngsten Bürgerkriegen in Ruanda und Kongo. Bei all diesen Ereignissen spielt die Schöpferische Zerstörung zur Ankurbelung neuer Wertschöpfungsprozesse und die Vernichtung der überflüssigen Esser eine Rolle. Man hat Heim und Aly mal vorgeworfen damit die NS-Verbrechen zu verharmlosen, doch eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Es wird festgestellt dass der Imperialismus der Nachkriegszeit ebenso wie die Modernisierungsdiktaturen der "Dritten Welt" im Grunde dem NS-Regime an Brutalität nicht nachstehen, sondern sich Völkermord als Teil eines weltökonomischen Modernisierungsmodells seit dem NS etabliert hat. Die Nazis waren gewissermaßen die Avantgarde, die mit ihrem Vernichtungskrieg die Grundlagen künftiger Bevölkerungspolitik im Weltmaßstab geschaffen hatten.
In den 1980ern, so zwischen Tübinger Internationalismustagen und dem gemeinsamen IWF- und Weltbankgipfel in Westberlin war die Kenntnis dieses Zusammenhangs mal linker Diskussionsstand.
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Montag, 26. Januar 2026
Zur Einordnung von dem, was in Minnesota und anderswo geschieht
che2001, 17:51h
Es ist Faschismus!
Nichts Anderes.
Es handelt sich bei der aktuellen Entwicklung in den USA um keinen Ausrutscher. Kein Ausrasten einzelner Beamter oder einzelner Organe. Kein„überzogenes Durchgreifen“.
ICE agiert wie eine paramilitärische Todesschwadron:
bewaffnet, vermummt, entmenschlicht.
Menschen werden gejagt, entführt, mundtot gemacht, ja in KZs verschleppt. Es gibt sie bereits: Konzentrationslager auf Militärbasen und Truppenübungsplätzen bzw. "Areas". Wir erleben den Anfang eines faschistischen Regimes.
Nichts Anderes.
Es handelt sich bei der aktuellen Entwicklung in den USA um keinen Ausrutscher. Kein Ausrasten einzelner Beamter oder einzelner Organe. Kein„überzogenes Durchgreifen“.
ICE agiert wie eine paramilitärische Todesschwadron:
bewaffnet, vermummt, entmenschlicht.
Menschen werden gejagt, entführt, mundtot gemacht, ja in KZs verschleppt. Es gibt sie bereits: Konzentrationslager auf Militärbasen und Truppenübungsplätzen bzw. "Areas". Wir erleben den Anfang eines faschistischen Regimes.
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Freitag, 5. Dezember 2025
Die Freiburger Uniklinik streicht in den kommenden drei Jahren bis zu 350 Stellen
che2001, 16:59h
Südbadens größter Arbeitgeber streicht Jobs:
Wegen hoher Verluste plant Freiburgs Uniklinikum, in den kommenden drei Jahren bis zu 350 der 11.000 Stellen und damit 3,2 Prozent seines Personals abzubauen. Das sagte die neue kaufmännische Direktorin Franziska Broer, die allerdings auch angab, ein Konzept zu haben, dem auf mittlerweile 56 Millionen Euro angewachsenen Defizit entgegenzusteuern.
Noch im Mai 2025, als die frühere Geschäftsführerin der Helmholtz-Gemeinschaft ihr neues Amt antrat hieß es, sie "teile den Anspruch, die qualitätszentrierte universitäre Spitzenmedizin weiter auszubauen."
Mal wieder wohltönendes Neusprech. Spitzenmedizin weiter ausbauen=massenhaft Stellen abbauen. Schade, dass es DCT nicht mehr gibt.
Wegen hoher Verluste plant Freiburgs Uniklinikum, in den kommenden drei Jahren bis zu 350 der 11.000 Stellen und damit 3,2 Prozent seines Personals abzubauen. Das sagte die neue kaufmännische Direktorin Franziska Broer, die allerdings auch angab, ein Konzept zu haben, dem auf mittlerweile 56 Millionen Euro angewachsenen Defizit entgegenzusteuern.
Noch im Mai 2025, als die frühere Geschäftsführerin der Helmholtz-Gemeinschaft ihr neues Amt antrat hieß es, sie "teile den Anspruch, die qualitätszentrierte universitäre Spitzenmedizin weiter auszubauen."
Mal wieder wohltönendes Neusprech. Spitzenmedizin weiter ausbauen=massenhaft Stellen abbauen. Schade, dass es DCT nicht mehr gibt.
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Dienstag, 17. Juni 2025
Servicewüste - ein Microsoft-Boo
che2001, 17:12h
Kürzlich konnte ich mein Dienstnotebook nicht starten, weil der Bitlocker es aufgrund irgendeiner Fehlfunktion blockiert hatte. Der Bitlocker wird bei Kompetenzverletzungen ausgelöst, etwa wenn ich im Adminmodus Useraufgaben ausführe oder bei unvollständiger Installation von Updates oder wenn beides zusammenkommt. Oder auch, wenn der Rechner während eines laufenden Geschäftsvorgangs, etwa einem Vertragsabschluss, überraschend abstürzt oder ohne Abschluss des Vorgangs heruntergefahren wird. In solchen Fällen wird der Zugang zur Festplatte komplett gesperrt. Selbst bei einer Beschlagnahme des Notebooks durch die Polizei ist bei einem Bitlock kein Fremdzugriff mehr möglich.
Ich rufe also beim User Help Desk meiner Firma an um mir helfen zu lassen, bekomme aber dort die Auskunft, dass man dort nur Firmensoftware supported aber nicht Windows, ich müsste mich an Microsoft wenden.
Bei Kleinstweich habe ich zunächst nur gebrochen deutsch sprechende MitarbeiterInnen an der Strippe die versuchen, das Problem an eine andere Abteilung zu delegieren. In einem Fall sagt man mir, ich solle einen Computershop konsultieren. Schließlich erwische ich doch einen Techniker der zunächst Bereitschaft äußert mir zu helfen, mich aber wegdrückt, als ich ihm das Problem schildere, was etwas länger dauert.
Schließlich mailt mir ein Freund einen Artikel aus der ct zu, in dem beschrieben wird, wie man das Problem löst. Hierzu muss ich mich auf meinem Microsoft-Konto auf dem Host von MS einloggen. Da ich Kummer gewohnt bin habe ich ein 1 zu 1 Double all meiner Systeme auf dem Notebook auf einem anderen Rechner installiert und schaffe es so tatsächlich, mein Windows wieder freizuschalten.
Tolle Wurst: Der größte Softwarekonzern der Welt ist weder bereit noch fähig, ein Routineproblem eines Lizenzgebühren zahlenden Users zu lösen und der erfährt die Lösungsmöglichkeit aus der Fachpresse.
Wofür haben die eigentlich einen Kundendienst?
Muss jeder User so viel drauf haben wie ein Systemtechniker?
Ich rufe also beim User Help Desk meiner Firma an um mir helfen zu lassen, bekomme aber dort die Auskunft, dass man dort nur Firmensoftware supported aber nicht Windows, ich müsste mich an Microsoft wenden.
Bei Kleinstweich habe ich zunächst nur gebrochen deutsch sprechende MitarbeiterInnen an der Strippe die versuchen, das Problem an eine andere Abteilung zu delegieren. In einem Fall sagt man mir, ich solle einen Computershop konsultieren. Schließlich erwische ich doch einen Techniker der zunächst Bereitschaft äußert mir zu helfen, mich aber wegdrückt, als ich ihm das Problem schildere, was etwas länger dauert.
Schließlich mailt mir ein Freund einen Artikel aus der ct zu, in dem beschrieben wird, wie man das Problem löst. Hierzu muss ich mich auf meinem Microsoft-Konto auf dem Host von MS einloggen. Da ich Kummer gewohnt bin habe ich ein 1 zu 1 Double all meiner Systeme auf dem Notebook auf einem anderen Rechner installiert und schaffe es so tatsächlich, mein Windows wieder freizuschalten.
Tolle Wurst: Der größte Softwarekonzern der Welt ist weder bereit noch fähig, ein Routineproblem eines Lizenzgebühren zahlenden Users zu lösen und der erfährt die Lösungsmöglichkeit aus der Fachpresse.
Wofür haben die eigentlich einen Kundendienst?
Muss jeder User so viel drauf haben wie ein Systemtechniker?
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Sonntag, 8. Juni 2025
Zwischen Militärputsch und Riot
che2001, 23:52h
Szenen wie aus einer Militärdiktatur: Die Division, Bundesbeamte ohne Namensschild und Dienstmarke in Fahrzeugen ohne Nummernschild und Paramilitärs in Tarnanzügen, Panzerwesten, Stahlhelmen und mit AR 15 Sturmgewehren fahren in gepanzerten Fahrzeugen vor, dringen in Fabriken ein und verhaften Leute vom Arbeitsplatz (man könnte auch kidnappen dazu sagen) um sie außerhalb des Rechtswegs unverzüglich abzuschieben. Dagegen formiert sich Protest, auch militanter Widerstand, und Trump schickt die Nationalgarde. Es ist nicht lange her dass ich genau so ein Szenario vorausgesehen hatte. Erinnerungen an den Preußenschlag drängen sich auf. Es bleibt festzustellen, dass die Wirtschaftsleistung Kaliforniens für eine Eigenstaatlichkeit ausreichen würde. Es muss nicht bei den VEREINIGTEN Staaten von Amerika bleiben. Eine Sezession gab es schon einmal.
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