Dienstag, 24. Februar 2026
Hol den Punk aus dem Schrank!
Bersarin hat einen äußerst umfangreichen und sehr lesenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte des Punk verfasst und operationalisiert inwiefern dieser mit Protestbewegungen in der Vergangenheit verknüpft gewesen ist; daraus werden Schlussfolgerungen für Gegenwart und Zukunft abgeleitet denen ich nicht zustimme, wobei ich auch einigen anderen Aspekten dieses Beitrags widerspreche.

https://bersarin.wordpress.com/2026/02/14/punk-is-dead-punk-is-not-dead-zwischen-avantgarde-und-museum

Es beginnt schon einmal mit Definitionsfragen über den Gegenstand selber. Sowohl was den Punk angeht als auch die Hippies als subkulturelle Bewegung fasst er diese Begrifflichkeiten viel weiter als ich das tue. Die Gesamtheit der bunt gekleideten, langhaarig und im Falle der Männer meist auch langbärtig auftretenden Angehörigen einer durch Sex and drugs and rock´n roll geprägten Jugend- und Junge-Erwachsenen-Subkultur in zeitlicher Abfolge vor den Punks als Hippies zu bezeichnen, das geht nicht. Neben den Hippies gab es die Yippies und die Freaks, die keineswegs mit den Hippies gleichgesetzt werden können. Jim Morison, der Leadsänger der Doors, machte sich in einem Song über die Hippies lustig, deren Lebensstil er verachtete.

„Your ballroom days are over, baby
Night is drawing near
Shadows of the evening
Crawl across the year

Ya walk across the floor with a flower in your hand
Trying to tell me what no one understands
Trading your hours for a handful of dimes
Gonna′ make it, baby, in our prime

Come together one more time
Get together one more time.“


Hippie-Musik -das war aus dem Verständnis der eigenen Zeit heraus Greatful Dead, Jefferson Airplane, The Mamas and the Papas, Melanie, Scott McKenzie, Janis Joplin, schon Jimi Hendrix nicht mehr – erst recht nicht die Doors. Die Ära der Hippies war im Übrigen auch schon vorbei, als ab 1975 die Punks zu einer dominierenden Subkultur wurden.

Ich würde auch die Einstürzenden Neubauten und Palais Schaumburg nicht unter Punk subsummieren. Palais Schaumburg ist New Wave oder auch Neue Deutsche Welle, die Einstürzenden Neubauten sind ebenso wie Kraftwerk, Eloy, Tangerine Dream, Amon Düül oder 3Mustafa3 sehr schwer zu kategorisieren, mir fiele allenfalls Experimental oder Avantgarde dazu ein.

Ich kann mich erinnern, dass wir ägyptischen Freunden, gläubigen Muslimen, in Kairo und noch dazu im Ramadan diesen Song vorspielten und simultan auf Englisch übersetzten:

Erstes Geschoss:
Hier leben die Blinden
Die glauben was sie sehen
Und die Tauben
Die glauben was sie hören
Festgebunden auf einem Küchenhocker
Sitzt ein Irrer, der glaubt
Alles was er anfassen kann
(seine Hände liegen im Schoss)
Auf ins nächste Geschoss:
Welches, oh Wunder! nie fertiggestellt
Nur über die Treppe erreicht werden kann
Hier lagern Irrtümer, die gehören der Firma
Damit kacheln sie die Böden
An die darf keiner ran

Viertes Geschoss:
Hier wohnt der Architekt
Er geht auf in seinem Plan
Dieses Gebäude steckt voller Ideen
Es reicht von Funda- bis Firmament
Und vom Fundament bis zur Firma
Im Erdgeschoss:
Befinden sich vier Türen
Die führen
Direkt ins Freie
Oder besser gesagt. in den Grundstein
Da kann warten wer will
Um zwölf kommt Beton
Grundsteinlegung!
Gedankengänge sind gestrichen
In Kopfhöhe braun
Infam oder katholisch violett
Zur besseren Orientierung

Dachgeschoss:
Es hat einen Schaden
Im Dachstuhl sitzt ein alter Mann
Auf dem Boden tote Engel verstreut
(deren Gesichter sehen ihm ähnlich)
Zwischen den Knien hält er ein Gewehr
Er zielt auf seinen Mund
Und in den Schädel
Durch den Schädel
Und aus dem Schädel heraus
In den Dachfirst
Dringt das Geschoss

Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Lüge, Lüge
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut

EPILOG

Untergeschoss:
Dies ist ein Keller
Hier lebe ich
Dies hier ist dunkel
Feucht und angenehm
Dies hier ist ein Schoss.

Darüber diskutierten wir dann ganz entspannt miteinander, und unsere ägyptischen Freunde fragten uns, wenn wir an keinen Gott glaubten was denn für uns die universelle Antwort auf die großen Fragen wäre, und wir erwiderten: 42. Später schenkten wir Mohamed eine Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“ und hatten viel Spaß miteinander.
Was waren das für Zeiten, was haben wir seither verloren!

Über die Weltuntergangsstimmung von damals schreibt Bersarin Dinge, die wahr und zugleich falsch sind. Es ist richtig, dass unsere heutige Situation in Europa im Gegensatz zu den späten Siebzigern und frühen Achtzigern tatsächlich bedroht ist und die damalige Sicherheitslage vergleichsweise idyllisch war, was die Weltuntergangsstimmung von damals absurd erscheinen lässt. Das ist faktisch völlig richtig und erklärt vor allem nicht, dass damals Risiken wie Atomkrieg, Super-Gau, Waldsterben und despotischer Computerstaat bis hin zur Somatisierung verinnerlicht wurden.

Und andererseits ist diese Wahrnehmung sozial blind. Während heute in sehr vielen Branchen ein Jobüberangebot herrscht und wir einen durchwegs entspannten Arbeitsmarkt haben zogen damals die geburtenstarken Jahrgänge in einen Arbeitsmarkt der am Kollabieren war. In den späten Siebzigern herrschte im gesamten Westen Stagflation, die Gleichzeitigkeit von Stagnation und Inflation, und in der BRD in den Jahren 1979 – 1982 Nullwachstum. Es gab erheblich weniger freie Arbeitsplätze als Arbeitsuchende. Angesichts der Lebenssituation „Mit 16 arbeitslos“ erschien no future als realitätsnahe Beschreibung der eigenen Berufsperspektive. DAS war die Matrix der mit Atomkriegsängsten und Ähnlichem aufgeladenen Endzeitstimmung. Man schaue sich nur einmal die Biographie eines Klaus Jürgen Rattay an um dafür ein Gefühl zu bekommen.
Nun weiß ich aus Gesprächen und Mails mit Bersarin von ihm dass er einen Zugang zur Realität hat der sich von meinem grundsätzlich unterscheidet, da für ihn keine Objektivität und keine feststehende Wahrheit im Zentrum, sondern Haltungen, Relationen und Stile eher im Vordergrund stehen. Obwohl ich das weiß erscheint mir seine Conclusio vollends absurd.

„Rebellion und Widerstand heute sind konservativ. Freilich nicht in der Weise, daß sie etwas Altes wiederherstellen oder etwas Vergangenes bewahren wollte, sondern als Protest gegen die bestehende Gesellschaft und gegen einen linken Zeitgeist, so wie dies Teile des Punk in den 80er Jahren und davor auch der 1968er-Bewegung gegen den Zeitgeist ihrer Jahre praktizierten – gegen eine deutlich konservativere Gesellschaft. Heute geht es darum, gegen einen progressivem Mainstream im Kulturbetrieb und als politischer Überbau mitsamt seinem Journalismus zu rebelllieren.“ - Abgesehen davon, dass das Überbauphänomene sind die mit dem, was eine Gesellschaft ausmacht, nämlich dem Klassenwiderspruch und wie Klassenherrschaft umgesetzt wird nichts zu tun haben erscheint mir eine solch apodiktische Setzung monströs. Hätte er geschrieben „Ich war mal links und verstehe mich heute aus bestimmten, für mich sehr dezidiert begründbaren Motiven als konservativ“ wäre das plausibel. Hier aber wird die eigene biographische Entwicklung nebst ihren Begründungen als quasi historische Tatsache der ganzen Gesellschaft übergestülpt – eine Kombination aus verkürzter politischer Analyse, Narzissmus und Egozentrik, so, wie das auch schon Momorulez betrieben hatte. Eine Art Polit-Autismus.

Es erscheint mir auch äußerst fragwürdig, wie sich denn Kritik an Mietwucher, Wohnungsnot, Billigjobs und Behördenschikanen konservativ begründen ließe – oder gar Kritik an entfremdeter Arbeit.

In einer Zeit, in der durch internationale Abkommen festgelegt ist, dass deutsche Kommunalbetriebe ihre Aufträge für Onlineportale international ausschreiben müssen und dann indische Billigpixler den Auftrag bekommen statt deutscher Werbeagenturen ist das neoliberale Regime vollendet. Kritische linke Journalisten haben hier die Hofnarrenrolle. Wobei das, was in den öffentlich-rechtlichen Medien oder der Massenpresse so als kritisch und links firmiert dies gar nicht ist.

Für mich bedeutet Kritik stets Kritik am Kapitalismus. Schlüsselerlebnis war für mich ein Treffen linker Gruppen in Bremen im Herbst 1990, am Vorabend der Zweiten Golfkriegs, wo es darum ging, was für Widerstandsperspektiven für die Linke es noch gäbe.

Das Impulsreferat hielt Frank Borris von der Redaktion der Materialien für einen Neuen Antiimperialismus. Er begann mit einem Überblick der Praxis linker Proteste in der BRD seit der „Kampf dem Atomtod“ – Bewegung in den 1950ern bis (zum damaligen) heute, um dann am Beispiel von Verena Stephans Roman „Häutungen“ zu erläutern, wie linke Belletristik sich von einer ursprünglich auf politische Kämpfe bezogenen Ausrichtung sich mehr und mehr zu Innerlichkeit und Nabelschau entwickelt hätte und eine „Rückkehr zum Konkreten“ forderte. Zum Schluss kam er zu der These, dass es anders als in den Sechzigern und Siebzigern nur noch wenig Möglichkeiten zu einem widerständigen Aussteigertum gäbe und wir alle irgendwie in der kapitalistischen Gesellschaft mitmachen müssten, die Korruption habe aber ihre Grenzen. Sehr viele Jobs seien für Linke ein No Go.

Nun begannen wir für uns selber eine Art kategorischen Imperativ der Jobwahl im Kapitalismus zu entwickeln, Borris-Line genannt. Für die Meisten gehörte dazu, dass akzeptable Jobs Tätigkeiten für NGOs, Alternativjobs in mitarbeitergeführten Kollektivbetrieben, als InvestigativjournalistInnen, in Forschung und Lehre, im pädagogischen und heilenden und pflegenden Bereich und als GenossInnen vertretende RechtsanwältInnen seien, sicher nicht als Angestellte in der „freien Wirtschaft“. Als ich nach Promotion und Weiterbildung zum Mediengestalter Marketingmanager für eine Softwarefirma wurde musste ich mich als „Verräter“ bezeichnen lassen. Ich möchte lieber nicht wissen, was die Leute von damals zu meiner heutigen Tätigkeit in der Finanzbranche sagen würden. Dabei sehe ich es durchaus als eine soziale Aufgabe an, kleinen Leuten zu ihrem Eigenheim zu verhelfen oder durch Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherungen gegen Schicksalsschläge abzusichern. Dennoch gilt für mich auch immer noch: Identifizieren darf ich mich mit einer Arbeit im Kapitalismus nicht. Irgendwie fühle ich mich über die 25 Jahre, die ich in der Wirtschaft arbeite, immer noch wie ein Agent auf feindlichem Territorium. Für viele meiner alten Mitstreiter bin ich ein Opportunist.

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Das feindliche Territorium ist ausgedehnter als Du denkst. Mich würde interessieren, wie man in Deiner Branche in Hinkunft gedenkt, kleine Leute gegen derartige Schicksalsschläge abzusichern.
"Dem von der Verwirklichung eines Risikos Betroffenen wird ein im Sinne des Gesetzes vertretbares Opfer zum Nutzen der Gesamtheit abverlangt."

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Impfschäden, auch tödliche, sind Vertragsgegenstand und ein Leistungsfall bei einigen der besseren unter den privaten Unfallversicherungen. Seit Corona mehr als zuvor. Hier leisten Hanse Merkur, VHV, Generali, Haftpflichtkasse Darmstadt und Signal Iduna. Andere möglicherweise auch, ich kenne nicht alle Tarife aller Versicherer. Aber von den Genannten weiß ich es.

Bei Impfschäden finden zudem die Bestimmungen des sozialen Entschädigungsrechts (Bundesversorgungsgesetz) Anwendung. Nach Paragraph 60 des Infektionsschutzgesetzes haben betroffene Personen einen Anspruch auf Entschädigung, wenn es sich um eine öffentlich empfohlene Schutzimpfung wie die COVID-19-Impfung handelt. Während die Bundesländer haften, wenn bekannte Nebenwirkungen auftreten, kommt der Bund im Falle unerwarteter Nebenwirkungen auf. Der Staat muss dann nicht nur die Behandlungs- und Pflegekosten tragen, sondern mitunter auch den Berufsschaden, tritt also nicht nur als Unfallversicherung sondern auch als Berufsunfähigkeitsversicherung auf. Ob ein nach einer Schutzimpfung auftauchender Gesundheitsschaden auf die Impfung zurückgeht, entscheiden die Versorgungsämter der Bundesländer. Falls sich Impfschäden auf Produktfehler zurückführen lassen, ist das Pharmaunternehmen in der Verantwortung. Diese Haftungsfrage regeln Paragraph 84 und die folgenden Paragraphen des Arzneimittelgesetzes (AMG). Das medizinische Personal haftet dagegen dafür, dass die Impfung korrekt verabreicht wird.

Der von Dir zitierte Satz da ist natürlich ein Hammer, ich müsste dazu aber schon näher mit dem Fall mich befasst haben um mich da umfassender zu äußern. Das alles hat inhaltlich übrigens nichts mit meinem Posting zu tun.

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Punk De Luxe
Ich habe zwar schon Themen verfehlt, als Tangerine Dream noch Kirchen unsicher machten, aber in diesem Fall wäre ich mir nicht so sicher.
Bersarin ( https://che2001.blogger.de/STORIES/2858132/#2858429 ) und Du könntet doch bei der gemeinsamen Bearbeitung dieses "Hammers" einfürallemal klarstellen, wer den härteren Punk hat und avantgarde ( https://che2001.blogger.de/STORIES/2858132/#2858434 ) sicher auch noch sein spöttisches Scherflein dazu beitragen. Neue Fakten und Wissenschaft ( https://che2001.blogger.de/STORIES/2858132/#2858439 ) zu erfassen, sollte ja für keinen von euch einer besonderen Anstrengung bedürfen. Lurchige Grüße
https://www.youtube.com/watch?v=MTV9SdUNoB4
Normschöner https://www.youtube.com/watch?v=Jh-v2B9cPxY Meine Güte, die jungen Leute heute..

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Che, ich vermute mal, dass für jemanden vom Schlage eines Bersarin eine solche politisch-moralisch-lebensweltliche Selbstverortung wie von Dir hier beschrieben überhaupt nicht nachvollziehbar ist - und für Solche wie Dich, mich, Workingclasshero und Entdinglichung im gleichen Maße selbstverständlich und alternativlos.

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Wer das Kapital als Subjekt der Geschichte ignoriert, steckt mit den Kopf tief im Sand eines humanistischen Ponyhofs.

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Es gab seinerzeit 1974 von "Waterloo & Robinson" einen Schlager, der hieß "Das war Hollywood von gestern". Und es ging eine Zeile dort: "Aber gestern ist vorbei." Und so verhält es sich auch mit manchen Begrifflichkeiten. Wenn schon, dann bitte mehr Hegel wagen. Da steckt in der Analyse zur bürgerlichen Gesellschaft immer noch mehr Sprengkraft. Man kann es auch mit Wolfgang Pohrts ironischem Buchtitel schreiben: "Kapitalismus for ever!"

Das Wort "Kapital" ist eine abstrakte Chiffre. Und selbst da, wo es zur Analyse taugt, reicht es in den Komplexitätsfeldern lange nicht mehr aus, derart unterschiedliche Phänomene auf einen Begriff und damit in eine sinnvolle Analyse zu bringen. Außer eben, daß es das Geklappere einer Mühle wird, die in der immergleichen Weise die immergleichen Begriffe durchgekliniert. Ein wenig ermüdend und auch nicht zielführend, wie ich finde. Da ist mir Luhmanns Systemtheorie näher und sie liefert für die unterschiedlichen Gesellschaftsformationen ein deutlich besseres Analyseinstrument. Und auch Du willst sicherlich nicht hinter Adorno, Zizek, Lacan und Luhmann zurückfallen. Von Hegels Konzept der bürgerlichen Gesellschaft ganz zu schweigen. Wobei ich mich inzwischen und angesichts der erheblichen Krisen der westlichen Demokratien viel mehr schon an einem neuen Aristotelismus orientieren würde. (Aber daran arbeite ich philosophisch im Augenblick noch.)

@Netbitch: Lebenswelten sind sehr unterschiedlich. So wie ich eure Wut von damals gegen den Staat gut nachvollziehen kann, hege auch ich heute eine solche Wut. Aber aus anderen Gründen. Und es gibt für solche wie mich keine Bündnispartner. Und da sind wir dann wieder beim freien Denken.

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Na ja, bei mir ist es eben der Neue Antiimperialismus, oder mit Autorennamen gesagt Karl-Heinz Roth, Detlef Hartmann, Angelika Ebbinghaus, Susanne Heim, Götz Aly und Gerald Geppert, die einen pure, vom ideologisch durch die Arbeiterbewegung und linke Parteien geprägten Marxismus unabhängige Marx-Anwendung mit der Kritischen Theorie, der Dependenztheorie, der englischen Schule der Sozialgeschichte und Foucault verbinden.

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Ein paar kleine Korrekturen: Von Hippies en détail schreibe ich nicht, sondern vielmehr vom Generationsbruch zwischen den diversen und vielfältigen Positionen der „68“er (also der in den 1940er Jahren Geborenen) und dem Punk um 1976 bis in die 1980er Jahre (also jener Generation zwischen den späten 1950er Jahren und bis in die Mittleren 1970er Jahre hinein.) Die Ära der sogenannten Hippies umfaßt natürlich weit mehr als Love and Peace. Aber es herrschte in dieser Phase, die im allgemeinen Kontext als Hippie-Ära bezeichnet wird, zu großen Teilen und hin zu Woodstock noch ein geschichtsphilosophischer Optimismus. (Zu unterscheiden sind hier sicherlich auch nochmal die USA und die BRD.)

Zugleich gab es in dieser Phase ebenfalls einen deutlich destruktiven Gestus, wie bei den Doors, die Du richtigerweise nennst, und ebenso bei Bob Dylan, der sich niemals für diese Bewegung vereinnahmen ließ und vor allem auch als Bruch, wenn man an Velvet Underground denkt, wo bereits musikalisch Elemente des Punk angelegt waren, wie im Grunde schon bei den Yardbirds in London - siehe nur den Film „Blow up“. Und in dieser Phase der 1960er war ebenso im Blick auf Warholes Factory New York bereits die für den Punk prägende Ironie und das Spiel mit Positionen angelegt.

Die Neubauten sind eine klar aus dem Punk hervorgegangene Band, die ohne Punk in Berlin samt den damit korrespondierenden Szenen so nicht möglich gewesen wäre, die aber eine andere Richtung einschlug, zwischen Punk und Industrial, wenngleich auch in ihren Platten der späteren 1980er immer noch Punk-Elemente prägend waren, so in „Haus der Lüge“.

"Palais Schaumburg" ist eine Mischung verschiedener Stile. Sie als Wave-Band zu charakterisieren, greift deutlich zu kurz. Zumal ja auch bestimmte Strömungen des Punks teils auf den Dadaismus rekurrierten. Solche (teils harten, teils zynischen, teils sarkastischen) Texte wie Palais Schaumburg sie sangen, gab es in der Neuen Deutschen Welle nicht. Punk ist ein Phänomen mit vielen verschiedenen Ausprägungen, darunter so unterschiedliche Bands wie Slime, Die Ärzte, Einstürzende Neubauten, Die Krupps, S.Y.P.H., Die Mimmies und auch Fehlfarben fallen, auch wenn bei all diesen Bands noch andere Musikeinflüsse zum Tragen kommen, so daß wir von musikalischen Interferenzen sprechen können.

Was das Politische bzw. die gesellschaftliche Lage der 1980 betrifft, samt den Apokalypse-Phantasien: Richtig ist im Blick auf viele Biographien auf alle Fälle, daß über der in den 1980er Jahren groß- bzw. erwachsen gewordenen Generation die Arbeitslosigkeit schwebte. Als Lehrer hatte man allenfalls in naturwissenschaftlichen Fächern eine Chance. Dennoch gab es vielfach einen ironischen Optimismus, teile auch zynisch-gebrochen, nach dem Motto „Du hast keine Chance, also nutze sie“. Das erzeugte eine hohe Kreativität und einen ironischen Witz, an den auch solche damals noch guten Magazine wie Titanic und die aus den 1968ern stammende Neue Frankfurter Schule andocken konnten.

Wahrheit ist in meiner Diktion vor allem ein philosophischer Begriff. Er ist mit Haltungen und politischen Überzeugungen nur schwer kompatibel. Mit Begriffen wie Klasse, Klassenwiderspruch und ähnlichem an Marx orientiertem Vokabular operiere ich im Blick auf die Gesellschaft der BRD nicht. Hier scheint mir ein Schichten- oder Milieu-Modell zielführender, weil deutlich besser das Fluide dieser Gesellschaft abbildet, als Marxsche Modelle, die aus dem 19. Jahrhundert stammen. Und was das Gesamtgesellschaftliche betrifft, sind mir neben Adorno Luhmann und auch Gehlen recht nahe.

Zeiten wandeln sich. Und andere Zeiten bedeuten auch andere politische Ausrichtungen. In meinen Ausführungen zu Punk und Konservatismus geht es mir vor allem um eine Rebellion gegen den in weiten teilen inzwischen progressiven, linksliberalen und auch linken Zeitgeist. Punk ist eine Weise des rebellischen Ausdrucks, damals vorwiegend links. Darin sicherlich auch mit den „68ern“ kompatibel.

Auch Du wirst sicherlich nicht die These aufstellen, daß von den politischen Ausprägungen und Präponderanzen her die Gesellschaft der 1970er und die Kohl-Zeit der 1980er Jahre derart strukturiert ist wie die heutige Zeit. Dezidiert konservative Positionen sind in den ÖRR-Medien kaum zu finden. Es hat sich im Blick auf die kulturelle Hegemonie ein Linksliberalismus etabliert. Und um genau diesen subversiven und subtilen Widerstand gegen solchen Zeitgeist geht es mir. Es ist eine Rebellion. Und dieser Aspekt hat auch eine Verschiebung bei den Bündnissystemen bewirkt und neue Koalitionen hervorgebracht.

Der Wandel der Gesellschaft hin zu linksliberalen Positionen in vielen Fragen schließt nicht aus, daß es immer noch erhebliche soziale Probleme gibt, etwa wenn man sich den Mietmarkt anguckt. Aber wenn heutzutage links denkende Medienmenschen Besitzer von Mietobjekten geworden sind und also selber an genau dem System teilhaben, das sie vorher (vorgeblich) bekämpft haben, dann habe wir einen erhebliche Paradigmenwechsel.

Meine These ist hier vielmehr die: Es geht auch bei links um die Futtertröge! Und um das, was bei Gramsci kulturelle Hegemonie heißt. (Dieses Spiel haben die verschiedenen linken Positionen gegenüber den Konservativen deutlich gewonnen. Nicht Deine Linke vielleicht, che, die Du imaginierst und die als Splittergruppe sicherlich auch existiert, aber doch die Linke im allgemeinen.)

Diese teils kulturalistische, teils identitätspolitische, teils woke Linke wollte die Gesellschaft nicht grundsätzlich ändern, sondern lediglich die Verteilungsschlüssel zu den eigenen Gunsten umschlossern. Und insofern erinnert mich das ganze eher an Animal Farm. Nur eben nicht mehr mit derart brutalen Konsequenzen. Hier geht es „lediglich“ um die Tröge und um den Zugang zum Machtpool und zu den Medien wie auch zum Kulturbetrieb. Ein Bieder-Milieu zwischen Grünen, Böhmermann, Claudia Roth, Heidi Reichinek und Konsorten hat sich etabiert und bestimmt vielfach die Diskurse. Und das reicht bis in die bürgerliche Presse und hin zu bürgerlich-linken Positionen, vom Lehrer bis zum Universitätsdozenten und dem Kulturredakteur, der gerne in Schöneberg wohnt und Migranten allenfalls als Lieferdienstpersonal fürs Essen kennt. Ulf Poschardt spricht sehr treffend vom Shitbürgertum. Daß auch Du diese Linke kritisierst, weiß ich. Aber es ist dies eben doch die Mehrheitslinke. Deine und meine Position, so unterschiedlich sie auch in Fragen des Nationalstaates und der Massenmigration sein mögen, sind marginal.

Wenn fast ¾ der Journalisten parteipolitisch auf der Linie rot-grün liegen, dann macht sich das auch in der Medienlandschaft bemerkbar und das bestimmt erheblich auch diese neue Öffentlichkeit. Genau dagegen richtet sich auch diese Rebellion der Waldgänger. Es haben sich die Bezüge und die Achsen des Widerstands verkehrt. Linksliberal bzw. links ist Mainstream geworden. Dazu eine neue Form linken Antisemitismus, wie man jetzt wieder auf der Berlinale beobachten konnte.

Und ich stülpe in dieser Beschreibung auch nichts einer ganzen Gesellschaft über, sondern dieser mediale Wandel und dieser Wandel im „Überbau“ ist als Faktum zu nehmen. In der BRD unterscheiden sich die 1960er und 1970er Jahre doch erheblich von den späten 190er und den 2000er Jahren. Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Verschiebung, die vor allem qua Kultur und Popmusik wie auch durch den politischen Aufstieg der Grünen und der sie unterstützenden Milieus einen erheblichen Anteil an diesem Paradigmenwechsel hin zum Linksliberalen hatte.

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Ich danke Dir für diese ausführliche und auf jeden Fall redliche Antwort, die an Deiner Argumentation einiges für mich klar macht, das im Ursprung sooo für mich nicht ersichtlich war - was natürlich immer auch im Auge des Betrachters liegt.

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@" Aber wenn heutzutage links denkende Medienmenschen Besitzer von Mietobjekten geworden sind und also selber an genau dem System teilhaben, das sie vorher (vorgeblich) bekämpft haben, dann habe wir einen erhebliche Paradigmenwechsel." ----- Da hat eine mir sehr nahestehende Frau, die Du in meiner Gesellschaft vor Jahren kennengelernt hattest einstmals sehr Richtiges gesagt.

https://che2001.blogger.de/stories/2278719/

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@"Solche (teils harten, teils zynischen, teils sarkastischen) Texte wie Palais Schaumburg sie sangen" ----> Das ist überhaupt ein Phänomen dieser Zeit. Die meist zu den New Romantics gerechnete und gerne von Yuppies und Poppern gehörte Band Spandau Ballet leitete ihren Namen von den toten englischen Soldaten ab, deren im Stacheldraht verhakten Körper in der Somme-Schlacht im Rhythmus der einschlagenden Salven aus Spandau-MGs auf- und ab tanzten.

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@" Nicht Deine Linke vielleicht, che, die Du imaginierst und die als Splittergruppe sicherlich auch existiert" ---- Das ist ein in sich geschlossenes Lebensmillieu gewesen, in das vollständig eingebettet ich so etwa 20 Jahre meines Lebens verbracht habe. Mag sein, dass das heute nur noch eine Splittergruppe ist, noch in den 1990ern war sie in Städten wie Bremen und Göttingen prägend für die Alltagskultur der Innenstädte.

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So ist es, was Spandau Ballet betrifft. Das wurde teils gar nicht richtig wahrgenommen. "Palais Schaumburg" wurden in Hamburg ausgebuht und hart angegangen.

Diese Zeit der frühen 1980er ist mir vor allem durch eine große Offentheit noch in Erinnerung und es war leicht, mit halbwegs gutem Gewissen irgendwie links zu sein, obgleich es die Dogmatiker auch damals schon gab. Samt den Politsekten. Eigentlich bin ich dann aber doch wieder sehr froh, daß ich nicht in den Politdingen, sondern in der Ästhetik vor allem und in der Philosophie auch hängengeblieben bin. Punk war eben auch Kunst. Selbst die Demos betrachtete ich irgendwann als ästhetisches Phänomen, wenn da immer mal wieder eruptiv die Gewalt ausbrach: Das in Bilder zu bringen, so wie etwa 1998 in dem Film "23", relativ zum Anfang die Szenen von den Kämpfen dieser Zeit: Brockdorf, Wackersdorf und dazu Deep Purples "Sweet child in time". Oder auch der Film "Die Träumer" von Bernardo Bertolucci über den Pariser Mai bzw. über die Leidenschaft für Film und Frauen und das Politische.

Daß diese Linke damals keine bloße Minderheit war, vermute ich ebenfalls. Wenngleich sie auch vor dem Mauerfall schon immer zersplittet auftrat und jeder für sich meinte, den roten Stein der Weisen gefunden zu haben.

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In solch spezifischen Szenestädten wie Göttingen, Bremen, Kassel und Gießen reichten subkulturell die frühen Achtziger bis zum 11.09.2001.

In einem Vorort von Göttingen, in Adelebsen, gab es eine Disco, die Papiermühle, da tanzten sie 1995 noch barfuß mit Silberkettchen um die Knöchel und Blumen in den Haaren. Als dort ein Festival stattfand fragten auswärtig Angereiste "Wo geht es hier zum Hartelesben?".

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Unsere Rede ging damals in den mittleren 1980ern, daß die Slime-Hörer im Grunde doch nur Hippies waren.

Die Mischung der Szenen war in Hamburg nochmal etwas anders. Punk und Hippies bzw. Alternative und Ökos waren schon ziemlich konträr. Aber im Blick auf Punk mischte sich diese Szene über Wave und solche Bands wie Nick Cave und auch Sisters of Mercy und ähnliches, aber auch Coil auf der anderen Seite und Throbbing Gristle und auch Laibach und SPK doch gut. Ausgehen auf dem Kiez, also der Reeperbahn, und verschollen im Bermuda-Dreieck irgendwo zwischen Subito, Kir und Trinity. Und von dort heraus entwickelte sich eine zwar irgendwie polititsche, aber doch nie ganz politisch bewußte Szene des Independent: das gefühlte Linkssein entstand. Mit Marx und anderen Autoren hatten sich die wenigsten beschäftigt, man war für die Hafenstraße irgendwie, weil es sich so gehörte: im Grunde auch nicht anders als irgendwelche bürgerlichen Konventionen. Ich war es nur bedingt, im Grunde war diese Hafenstraße mir völlig egal und es war mir dort vor allem zu versifft. Bei einer ihrer Verteidigungsabende, weil HSV-Hooligans anrückten und es eine Schlacht geben sollte, war ich im Grunde nur dabei, weil eine hübsche blonde Soziologiestudentin dort mitmachte. Genützt hat es mir am Ende nichts, weil ich schnell als ideologisch nicht glaubhaft eingestuft wurde. Und auch der Geruch von Zino-Eau-de-Toilette ließ mich eher als Schnösel erscheinen, obgleich ich doch relativ konsequent damals noch schwarz trug und nur vereinzelt weiße Hosen mit Ray Ban-Sonnenbrille. (Unser Punk-Ding war damals in der Tat Ray Ban und Rolex.)

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Ein Großteil der Punks die ich so kannte kam aus dem Ahi- und Sozibereich und knackte nachts Autos, um die Radios zu verhökern - nicht ohne den Bestohlenen "Behönkeltenquittungen" zur Vorlage bei der Versicherung zu hinterlegen. Manchmal wurden die Karren auch kurzgeschlossen und Joyriding damit veranstaltet. Und die Härtesten redeten so: "Wir Asos kämpfen Seite an Seite mit den Kanaken gegen Bonzen und Faschos." In St. Pauli gingen wir zum Dope kaufen in die "Ritze", und zwar hinter den Vorhang.

Zum Thema versypht: Gegen unseren Treffpunkt, das JUZI, waren die Häuser in der Hafenstraße sauber. Als ich 1993 mit einem Notebook zu einem subversiven Plenum kam sagte Phänotypus, ein Freund und Mitbewohner von Workingclasshero "Das lass hier aber nicht liegen, sonst verhökern wir das oder machens kaputt."

Für die Benutzung von Rasierwasser wurde ich offen, sogar schriftlich kritisiert ("Sooooo machohaft"), und noch 2000 musste ich mich für den Besitz eines Handys rechtfertigen ("Yuppietum"). Als ich mich nach dem Magister für eine Redakteursausbildung beim Handelsblatt bewarb wurde ich wg. "Arbeit beim Klassenfeind" dazu bewegt, die Bewerbung zurückzuziehen, was ich auch tat. Hätte jemand damals eine Rolex getragen wäre die ihm womöglich abgenommen und zur Finanzierung der Roten Hilfe verscherbelt worden.

Als ich bei einer NGO arbeitete und zur Arbeit nicht mit einem Fjäll-Räven-Rucksack sondern einem Edelstahl-Aktenkoffer mit silbriger Aufmachung fuhr waren meine Mitbewohner moralisch erschüttert, und man nannte mich McWichtig.

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Als in Vor-Wende-Zeiten ein Spartakist sich damit rühmte dass seine Gruppe im Verfassungsschutzbericht stehe kam von einem der Unsrigen: "Wir auch. Nur in einer anderen Rubrik. Da, wo auf einer Landkarte Blitze eingezeichnet sind."

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Better late to the party than never
@Rasierwasser
Gruppendruck ist auch nicht mehr das, was es gestern war.

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In meiner Schulzeit hatten wir den Fasching noch qua Schulstreik erzwungen und die Lehrer im Lehrerzimmer eingeschlossen - zum Karneval/Fasching lief ab Klasse 7 normaler Unterricht, nur in den unteren Klassen wurde das in der Schule während der Unterrichtszeit gefeiert.

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Che, warst Du denn Punk, oder wart Ihr (to whom it may belong) Punks?

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Die Rechten nannten uns ja Anarchorocker
Wenn sie uns nicht grad als Zecken bezeichneten. Aber der Begriff trifft es von der Optik her ganz gut.

Es gab viele Punks bei den Autonomen, aber die Kerngruppe der Autonomen kleidete sich etwas anders. Klassisch war die schwarze Motorradlederjacke, meist von Hein Gericke mit einem Palituch (oder Kurden- oder Beduinentuch, das ist nämlich nichts speziell palästinensisches), Jeans oder Lederjeans oder schwarzroten Streifenhosen und Militärstiefeln. Auch der Che lief so rum, oder in einer schwarzen Bellstaffjacke mit Antifa- und PKK-Aufnähern. Netbitch hingegen sehr sexy in einer schwarzen Latexjacke (auf Demos auch Hein-Gericke-Jacke), Leder-Minirock, Reizstrümpfe mit Spitzenbanderole und 12-Loch-DcMartens. Der erwähnte Phänotypus und ich in Jeansanzügen und Arbeitsschuhen mit Stahlkappen. Ansonsten gingen das Hippie/Sponti/Öko-Outfit, punkiges Erscheinungsbild und Headbangertum nahtlos ineinander über, da gab es keinerlei Abgrenzungen.

Etwas später, so ab Ende der Achtziger, überwogen eher Rastafrisuren kombiniert mit englischen Wachsjacken oder auch Bomberjacken und Bundeswehrhosen. Die Autonome Antifa (M) und ihre Proxis kleideten sich eher in Adidas-Traningsanzüge, und zwar so dass die Hosen nicht zu den Jacken passten. Schaut Euch die frühen Tocotronic an, dann habt Ihr sie.

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Genau so war das. Später, so um 2000, kamen dann schwarze Hoodies, Carharrt-Klamotten und Ray-Ban-Sonnenbrillen, und wir Älteren witzelten "Links sein heißt Marke tragen."

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Und jetzt werden so oder so ähnlich Gartenfeste gefeiert?

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Aber nur in Frankreich und in der Franco-Karibik!

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@Bersarin ----> Mit Begriffen wie Klasse, Klassenwiderspruch und ähnlichem an Marx orientiertem Vokabular operiere ich im Blick auf die Gesellschaft der BRD nicht. Hier scheint mir ein Schichten- oder Milieu-Modell zielführender, weil deutlich besser das Fluide dieser Gesellschaft abbildet, als Marxsche Modelle, die aus dem 19. Jahrhundert stammen.


Das ist eine typische Mittlelschichtler-Argumentation. Wer einer klassischen Arbeiterfamilie entstammt (wie ich) würde so nicht schreiben und kann mit Begriffen wie Klasse und Klassenwiderspruch nach wie vor viel anfangen.

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Ich kann mit diesen Begriffen durchaus etwas anfangen. Ich frage mich aber nur, ob sie zur Beschreibung dieser Gesellschaft für die Theorie noch taugen und welche Relevanz sie für politische Praxis haben sollen.

Deine Sicht mag dem Blick auf die eigene Klassenlage geschuldet sein, was ich in bestimmten Parametern nachvollziehen kann, aber es bildet solcher Klassenbegriff nicht mehr die BRD der Gegenwart und auch nicht die der 1960er Jahre ab. Sicherlich gab es damals noch Arbeitermilieus, die heute teils nicht mehr existieren, etwa den Bergmann, die alten Schauerleute im Hamburger Hafen, die Fabrikarbeiter, der Briefträger, der Handelsvertreter für eine große Schreibwarenfirma, die Verkäuferin, die Werftarbeiter. Aber schon die Müllwerker waren irgendwann Angestellte des öffentlichen Dienstes und verdienten gutes Geld. Diese unterschiedlichen und in manchen Hinsichten doch auch wieder ähnlichen Milieus waren die kleinen Leute. Aber ob diese sich überhaupt noch als ArbeiterKLASSE sahen? Als Arbeiter ja. Aber auch als Klasse? Wer und wieviele mochten das sein?

Für die alte BRD könnte man spätestens mit den 1960er Jahren die These aufstellen, daß mit Marx gesprochen, materiell die Arbeiterklasse alles das erreicht hat, was sie im Sinne von Wohlstand, Bildung, Essen, Wohnung und sozialer Teilhabe erreichen kann. Nur eben nicht die Macht über die Produktionsmittel. (Was aber vielleicht ganz gut auch wieder ist, wenn wir in den Osten schauen.) Die Schauerleute gingen in Rente und aus Hafenarbeitern wurden irgendwann hochbezahlte Facharbeiter, die Van Carrier steuerten, aus dem Arbeiter bei Sunkist-Reinbek wurde der Reihenhaus- und Ford-Taunus-Besitzer.

Ich bin in Hamburg in einer Gegend aufgewachsen, die stark von einem bestimmten Milieu geprägt war: eine untere Mittelschicht, zu der auch die Arbeiter gehörten, Bauarbeiter, sogenannte „einfache Leute“, wo der Mann auf Maloche ging und die Frau zu Hause die Wohnung putzte und die Kinder großzog, dazu Angestellte als mittlere Mittelschicht und einige wenige Kinder von Kleinunternehmern, also solchen die etwa eine Bäckerei besaßen. Ein Spruch ging damals so: Wer Häuser baut und seine Frau verhaut, der trinkt auch das, was Astra braut.

Hamburg war eine SPD-Stadt. Damals einte die SPD die verschiedenen Milieus: vom Lehrer bis zum Hafenarbeiter, vom Müllwerker bis zum kaufmännischen Angestellten oder denen im öffentlichen Dienst. (Ich staunte schon damals als Kind, was für prächtige Autos jene Arbeiter und Angestellten in unserer Hochhaussiedlung fuhren, während wir „nur“ einen piefigen VW-Käfer besaßen. Wäre denen jemand mit „Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront“ gekommen, hätten der eins auf die Mütze bekommen.)


Richtig ist allenfalls, daß diese Gesellschaft immer noch eine Arbeitsgesellschaft ist, auch wenn sich die Arbeit mehr und mehr anders verteilt. Und zugleich denke ich, daß auch Marx bereits große Anstrengungen unternehmen mußte, um die seinerzeit doch sehr heterogen arbeitenden Menschen mit dem Klassenbegriff unter einen Hut zu bekommen. Ich denke insofern zugleich, daß es sich beim Klassenbegriff eben auch um ein politisch motiviertes Narrativ handelt, das es zu installieren galt, um jenen Kampf gegen Fabrikbesitzer (mit teils ausbeuterischsten Methoden) sinnvoll zu organisieren.

Und selbst wenn wir einmal annähmen, es gäbe heute noch diese Klassenlage und diese Klassenwidersprüche – wenngleich lange nicht mehr in dieser dualen Weise: Was wäre damit gewonnen? Ich sage es mal mit Wolfgang Pohrt in „Kapitalismus forever“: „Überhaupt kann man den Kapitalismus nur bewundern, je länger man sich mit ihm befasst. Marx ging es wohl ganz ähnlich, er hat am Ende auch nicht mehr gewusst, durch was man ihn ersetzen könne. Das Kapitel über den Kommunismus am Ende vom dritten Band des Kapitals ist ganz kurz. Und bestimmt nicht deshalb, weil Marx zu früh gestorben ist, um das Werk zu vollenden. Auch wenn er noch weitere 100 Jahre gelebt hätte, wäre ihm das nicht gelungen.“

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Das sehe ich grundsätzlich anders. Ich orientiere mich hier an Karl-Heinz-Roths Konzept der permanenten Neuzusammensetzung der Klasse. Natürlich sind die heutigen elektronische Steuerungsgeräte bedienenden Facharbeiter mit ihren Eigenheimen kein Proletariat mehr. So wie die Freigelassenen im alten Rom keine Sklaven mehr waren, dann aber eben andere als Sklaven an ihre Stelle traten. Es gibt sehr wohl noch ein Proletariat, eine Schicht von Deklassierten unterhalb der tariflichen Arbeiterschaft, das sehr differenziert und heterogen zusammengesetzt ist und sich selber nicht als Klasse wahrnimmt. Die Ein-Euro-Jobber, die Dauerpraktikanten in den IT-Firmen und Werbeagenturen, die Leiharbeitskräfte, die Erntehelferinnen und Mietsklaven in den Schlachthöfen, sie sind genauso Bestandteil des neuen Proletariats wie die scheinselbstständigen Handelsvertreter und auch die Textilarbeiterinnen in den Sweatshops von Bangla Desh. Dieser weltweit fluktuierenden Unterschicht ein gemeinsames Klassenbewusstsein zu geben, das wäre die wichtigste Aufgabe der heutigen Linken.

https://www.econbiz.de/Record/arbeiterbewegung-entwicklung-kapitalistischen-repression-1880-gegenwart-beitrag-neuverst%C3%A4ndnis-klassengeschichte-deutschland-ausf%C3%BChrlicher/10004446901

https://www.stiftung-sozialgeschichte.de/index.php/de/beitraege/79-stiftung/102-aktuelles/285-karl-heinz-roth-zum-80-geburtstag

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Was die subjektive Ebene angeht: Als Teilzeitautoschrauber und Teilzeitdruckereiwartungstechniker ohne Festanstellung sehe ich auch mich als Teil dieses dispersen Proletariats, und meine Herkunft spüre ich auch daran wie die bürgerlich Sozialisierten auf mich herabsehen, spüre die feinen Unterschiede von denen Bourdieu schrieb tagtäglich.

https://soztheo.de/soziologie/theorien/theorie-der-praxis/

https://www.youtube.com/watch?v=G3ZcE5vOPyE

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Workingclasshero, was Roth angeht: 100 % ACK!

Was die subjektive Sache betrifft habe ich da eine Anekdote. Auf einer Historikerparty fragte Historikerin H., Lehrertochter, den Historiker A., Arbeiterkind woran er gerade forsche. Er erwiderte, sein aktuelles Projekt beschäftige sich mit der Frage, inwieweit Klassensozialisation das individuelle Bewusstsein präge. Er kenne einen Psychologen, der, u.a. an Lacan anknüpfend, die These vertrete psychische Erkrankungen seien in der Häufigkeit ihres Auftretens mit der sozialen Schichtung korreliert. So seien Perversionen überdurchschnittlich häufig bei Managern, Zwangsneurosen in der Mittelschicht, Depressionen in der Arbeiterschaft und Schizophrenie in der ausgesprochenen Unterschicht und der bildungsfernen Landbevölkerung vertreten. Er forsche im alltagshistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Bereich daran, ob sich da außerpsychologische Entsprechungen zu finden lassen und ob die Theorie Bourdieus hierfür Erklärungsansätze biete.

Die H. entgegnete: "Klasse? Sein, das das Bewusstsein präge? Sind das nicht völlig veraltete und überholte Ansätze und Kategorien?", worauf der A. antwortete: "Ja, dass eine Mittelschichtstusse wie Du das denkt wundert mich nicht."

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