Montag, 22. Juni 2026
Dramatischer Gewichtsverlust bis zu 30 Prozent: Retatrutid setzt in Phase-3-Studien neue Maßstäbe
Miriam E. Tucker

22. Juni 2026

New Orleans – Der experimentelle Triple-Agonist Retatrutid hat in der Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 bei Menschen mit Typ-2-Diabetes (T2D) zu einer signifikanten Senkung des HbA1c-Werts und zu einer ausgeprägten Gewichtsreduktion geführt.

Auch bei Menschen mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes erwies sich das Medikament als wirksam. In der TRIUMPH-1-Studie führte Retatrutid nicht nur zu einem erheblichen Gewichtsverlust, sondern verbesserte auch Kniegelenkschmerzen bei Arthrose sowie Symptome einer obstruktiven Schlafapnoe. Darüber hinaus wurden in beiden Studien günstige Veränderungen kardiovaskulärer Risikofaktoren beobachtet.

Beide Studien wurden auf den wissenschaftlichen Tagungen der American Diabetes Association (ADA) 2026 vorgestellt [1]. Die Ergebnisse von TRANSCEND-T2D-1 sind gleichzeitig in The Lancet veröffentlicht erschienen [2]. Die Daten von TRIUMPH-1 wurden kurz vor der ADA-Tagung erhoben und noch nicht publiziert.


Wie wirkt Retatrutid?
Retatrutid ist ein sogenannter Dreifach-Agonist. Er aktiviert gleichzeitig die Rezeptoren für die Hormone GLP-1, GIP und Glukagon. Dadurch werden Appetit und Nahrungsaufnahme verringert, die Insulinausschüttung verbessert und der Energieverbrauch erhöht. Diese Kombination führt zu einer deutlichen Gewichtsabnahme und einer verbesserten Blutzuckerkontrolle. Retatrutid wird einmal wöchentlich als Injektion verabreicht.

Übergewicht sei die Ursache von mehr als 200 Erkrankungen, betonte Ania Jastreboff, leitende Prüfärztin der TRIUMPH-1-Studie, Professorin für Medizin und Pädiatrie an der Yale School of Medicine sowie Direktorin des Yale Obesity Research Center in New Haven. Bislang würden diese Folgeerkrankungen jedoch meist isoliert behandelt. Die nun vorgestellten Ergebnisse zeigten, welches Potenzial in einer gezielten Behandlung der Adipositas liege. Eine wirksame Gewichtsreduktion könne die Gesundheit in vielen Bereichen gleichzeitig verbessern und Menschen mit Adipositas sowie ihren Begleiterkrankungen neue Perspektiven eröffnen, erklärte Jastreboff.

TRANSCEND-T2D-1: „Verblüffender“ Gewichtsverlust
An der 40-wöchigen, randomisierten, doppelblinden Phase-3-Studie TRANSCEND-T2D-1 nahmen 537 Patienten mit unzureichend kontrolliertem Typ-2-Diabetes teil. Sie hatten einen HbA1c-Wert zwischen 7,0% und 9,5% und wiesen einen BMI von mindestens 23 kg/m² auf. Alle Teilnehmer erhielten nur Lebensstil-Interventionen, sprich Empfehlungen zur Ernährung und zur Bewegung. Sie wurden im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid in Dosierungen von 4 mg, 9 mg oder 12 mg beziehungsweise auf Placebo randomisiert.

Die wichtigsten Ergebnisse hatte Hersteller Eli Lilly bereits im März 2026 bekannt gegeben.


Die mittlere Veränderung des HbA1c-Werts gegenüber dem Ausgangswert betrug unter Retatrutid 4 mg -1,69% (n = 134), unter 9 mg -1,86% (n = 133) und unter 12 mg -1,94% (n = 136). In der Placebogruppe (n = 134) lag die entsprechende Reduktion bei -0,81%. Zudem erreichten unter Retatrutid deutlich mehr Patienten HbA1c-Zielwerte von < 7,0%, ≤ 6,5% und < 5,7% als unter Placebo.

Auch beim Körpergewicht zeigte sich ein deutlicher Effekt. Ausgehend von einem mittleren Ausgangsgewicht von 96,9 kg sank das Gewicht unter Retatrutid um 11,5% bei 4 mg, um 13,9% bei 9 mg und um 15,3% bei 12 mg. In der Placebogruppe betrug die Gewichtsabnahme lediglich 2,6%. Unter der höchsten Dosierung entsprach dies einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 16,6 kg, der bis zum Ende des Behandlungszeitraums anhielt.

„Das ist geradezu verblüffend“, sagte Harpreet Singh Bajaj, leitender Prüfarzt der Studie und Leiter der Abteilung für endokrine und metabolische Forschung bei Centricity in Brampton, Kanada. „Ein derart ausgeprägter Gewichtsverlust bei Patienten mit Typ-2-Diabetes wurde in einer Phase-3-Studie bislang mit keinem anderen Medikament beobachtet. Wir wissen, dass Menschen mit Diabetes im Durchschnitt weniger Gewicht verlieren als Menschen ohne Diabetes.“



Auch Naveed Sattar, Professor für kardiometabolische Medizin an der Universität Glasgow, zeigte sich beeindruckt: „Uns wird zunehmend klar, dass wir Adipositas bei Typ-2-Diabetes wesentlich konsequenter behandeln müssen. Retatrutid könnte hier neben Semaglutid und Tirzepatid ein weiteres wichtiges Instrument darstellen.“

TRIUMPH-1: Gewichtsverlust von bis zu 30%
In die Phase-3-Studie TRIUMPH-1 wurden 2.339 Erwachsene eingeschlossen, die ebenfalls im Verhältnis 1:1:1:1 auf Retatrutid (4 mg, 9 mg oder 12 mg) oder Placebo randomisiert wurden.

Zusätzlich umfasste die Studie 2 Basket-Studien: eine mit 574 Teilnehmern mit Kniearthrose sowie eine weitere mit 243 Personen mit mittelschwerer bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe. Eine Basket-Studie untersucht die Wirkung eines Medikaments gleichzeitig in mehreren Patientengruppen mit unterschiedlichen Begleiterkrankungen oder klinischen Merkmalen innerhalb eines gemeinsamen Studienprotokolls.


Bereits veröffentlichte Ergebnisse nach 80 Wochen zeigten, dass Teilnehmer der 12-mg-Gruppe durchschnittlich 28,3% ihres Körpergewichts beziehungsweise rund 32 kg verloren. In der Placebogruppe lag die Gewichtsabnahme bei lediglich 2,2 %. Insgesamt erreichten 45,3 % der Teilnehmer einen Gewichtsverlust von mindestens 30 %.

2 Drittel der Patienten (65,3%) unter der höchsten Dosierung erreichten einen BMI von unter 30 kg/m² und lagen damit nicht mehr im Adipositas-Bereich. Darunter befand sich auch mehr als ein Drittel der Teilnehmer mit schwerer Adipositas zu Studienbeginn (BMI ≥ 40 kg/m²). Unter der 9-mg-Dosis verloren die Teilnehmer durchschnittlich knapp 26% ihres Körpergewichts, absolut etwa 29 kg.

In der 104-wöchigen Verlängerungsphase reichte der Gewichtsverlust von 19,2% unter 4 mg bis zu 30,3% unter 12 mg Retatrutid, was etwa rund 38,6 kg entspricht. Fast alle Teilnehmer verloren mindestens 5% ihres Körpergewichts, mehr als 85% verloren mindestens 15%, und mehr als ein Viertel erreichte sogar eine Gewichtsabnahme von mindestens 35%, berichtete Jastreboff.

Die Analysen zu Arthrose und Schlafapnoe ergaben ebenfalls deutliche Verbesserungen. So reduzierte Retatrutid die Schmerzwerte auf der WOMAC-Schmerzskala bei Patienten mit Kniearthrose um bis zu 4,3 Punkte beziehungsweise 73,1% gegenüber einem Ausgangswert von 6,0 Punkten. Gleichzeitig sank der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe um bis zu 36,1 Ereignisse pro Stunde (-60,6%) gegenüber einem Ausgangswert von 58,6 Ereignissen pro Stunde.


Verbesserungen kardiovaskulärer Risikofaktoren
Auch bei den kardiovaskulären Risikofaktoren zeigte Retatrutid in beiden Studien günstige Effekte. In der TRIUMPH-1-Studie sanken nach 80 Wochen die Triglyceridwerte um bis zu 41,0%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 24,2%, der systolische Blutdruck um 12,3 mmHg und der Taillenumfang um 24,1 cm.

Ähnliche Verbesserungen wurden in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bereits nach 40 Wochen beobachtet: Hier gingen die Triglyceride um bis zu 39,6%, das Nicht-HDL-Cholesterin um 19,8%, der systolische Blutdruck um 6,4 mmHg und der Taillenumfang um 12,4 cm zurück.

Neues Sicherheitssignal: Harnwegsinfektionen
Das Nebenwirkungsprofil entsprach insgesamt dem anderer Inkretin-basierter Therapien. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen gehörte Übelkeit, die in der TRIUMPH-1-Studie bei bis zu 42,4% der Patienten unter 12 mg und in der TRANSCEND-T2D-1-Studie bei bis zu 26,5% der Patienten unter derselben Dosierung auftrat.


Weitere häufige Nebenwirkungen waren Durchfall, Verstopfung und Harnwegsinfektionen. Die meisten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer ausgeprägt und gingen im Verlauf der Behandlung zurück.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Auftreten von Harnwegsinfektionen. Diese wurden in der TRIUMPH-1-Studie bei 7,5-8,8% der mit Retatrutid behandelten Frauen beobachtet, verglichen mit 5,3% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 lagen die entsprechenden Raten bei 0,7-2,9% gegenüber 0,0% unter Placebo.

„Wir wissen noch nicht, woran das liegt, aber möglicherweise spielt der Hydratationsstatus eine Rolle“, sagte Jastreboff „Frauen sind grundsätzlich anfälliger für Harnwegsinfektionen. Denkbar wäre auch ein Zusammenhang mit häufigerem Geschlechtsverkehr infolge des Gewichtsverlusts. Da es sich um einen neuen Befund handelt, werden wir dies genauer untersuchen, sobald weitere Daten vorliegen.“


Die Abbruchraten aufgrund von Nebenwirkungen lagen in TRIUMPH-1 bei 4,1%, 6,9% beziehungsweise 11,3% unter Retatrutid 4 mg, 9 mg und 12 mg gegenüber 4,9% unter Placebo. In TRANSCEND-T2D-1 betrugen die entsprechenden Raten 2,2%, 4,5% und 5,1% gegenüber 0,0% unter Placebo.

Ist mehr Gewichtsverlust immer besser?
Sattar mahnte trotz der beeindruckenden Ergebnisse zur Vorsicht. „Wir müssen lernen, behutsam vorzugehen. Die Frage ist, ob wir bei einzelnen Menschen Schaden anrichten, wenn die Gewichtsreduktion zu rasch erfolgt.“ Möglicherweise, so Sattar, könnte auch das neue Signal hinsichtlich der Harnwegsinfektionen mit einer ausgeprägten Diurese zusammenhängen. „Wir benötigen weitere Daten, um die Sicherheit vollständig beurteilen zu können.“

Auch die unabhängige Kommentatorin Alice Y.Y. Cheng von Trillium Health Partners und der Universität Toronto zeigte sich beeindruckt vom Ausmaß der Gewichtsreduktion: „Ein Gewichtsverlust von 30% ist eine außerordentlich beeindruckende Zahl, wie wir sie mit einer medikamentösen Therapie bislang noch nie gesehen haben.“

Gleichzeitig warnte sie vor einer einseitigen Fokussierung auf die Höhe der Gewichtsreduktion: „Ist mehr immer besser? Ist mehr immer notwendig? Ist mehr immer richtig? Die Antwort lautet 3-mal nein. Nicht jeder Mensch benötigt oder wünscht eine Gewichtsabnahme in diesem Ausmaß. Die entscheidende Frage sollte vielmehr sein: Geht es um Gewichtsverlust oder um gesundheitliche Vorteile?“


Zugleich verwies Cheng auf die praktische Umsetzung: „Wir können hervorragende Therapien entwickeln. Entscheidend ist jedoch, dass sie die Menschen erreichen, die sie benötigen.“ Und weiter: „Patienten müssen Zugang zu dem Medikament haben, es anwenden können, es vertragen und langfristig bei der Therapie bleiben. Dafür tragen wir alle Verantwortung.“

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.

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