Donnerstag, 24. Juni 2021
Neue Virus-Varianten, unklare Wirksamkeit der Impfstoffe: Welche Schritte jetzt erforderlich sind
che2001, 19:01h
Michael van den Heuvel, Medscape
Die Zahl an besorgniserregenden SARS-CoV-2-Varianten (variants of concern, VOC) steigt seit Beginn der Pandemie stetig an. Derzeit sorgt vor allem die Delta-Variante für Schlagzeilen. Im NEJM gehen Dr. Philip R. Krause von der US Food and Drug Administration und Kollegen der Frage nach, welche Strategien bei Impfstoffen weltweit erforderlich sind, sollte es zum Immune Escape kommen
Sie fordern, nicht nur mutierte Erreger zu überwachen, sondern rechtzeitig modifizierte Vakzine zu entwickeln. Internationale Forschungsprojekte sollten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) koordiniert werden. Einfachere Studiendesigns seien aber möglich, verglichen mit den Erstzulassungen.
Unklare Daten zu SARS-CoV-2-Varianten
Zum Hintergrund: Besorgniserregende Varianten des neuartigen Coronavirus machen womöglich Erfolge von Impfkampagnen in vielen Ländern zunichte:
B.1.1.7 (Alpha) hat eine höhere Übertragbarkeit und tritt zunehmend als häufigste Mutation auf.
P.1 (Gamma) kann selbst bei Personen, die infiziert waren, eine schwere Erkrankung auslösen, obwohl abschließende Bewertungen fehlen.
Bei B.1.351 (Beta) weiß man, dass Rekonvaleszenzplasma von Patienten, die mit früher zirkulierenden Varianten infiziert waren, eine schlechtere Wirksamkeit hat.
Vorläufige Daten auf der Basis von Post-hoc-Analysen zeigen, dass Impfstoffe ? abhängig vom Typ ? weniger Schutz aufbauen. Das gilt vor allem für leichtes oder mittelschweres COVID-19, jeweils im Vergleich zum Wildtyp.
Für andere Varianten wie B.1.617.2 (Delta) fehlen noch Daten, um die Bedeutung zu bewerten. Immerhin gibt es Hinweise, dass die zugelassenen Impfstoffe wirksam bleiben. Auch das kann sich ändern, sollten weitere Mutationen auftreten. Wie können sich Gesundheitssysteme oder pharmazeutische Hersteller darauf vorbereiten? Dieser Frage ging Krause zusammen mit seinen Koautoren jetzt nach.
Die Zeit ist reif für neue Impfstoffe
Obwohl Tiermodelle und In-vitro-Studien wichtige Informationen liefern, werden klinische Daten benötigt, um festzustellen, ob zugelassene Impfstoffe ihre Wirksamkeit gegen Varianten eventuell verlieren.
Randomisierte, Placebo-kontrollierte Studien kosten Zeit ? und sind bei zugelassenen Impfstoffen auch nicht erforderlich. Die Autoren empfehlen, in Gebieten mit hoher Prävalenz einer Variante die Bevölkerung randomisiert zeitversetzt zu impfen. So könne man Personen mit oder ohne Schutz vergleichen. Harte Endpunkte wie Krankenhausaufenthalte oder schweres COVID-19 ließen sich durchaus erfassen.
Sorgfältig konzipierte Beobachtungsstudien könnten recht zuverlässige Schätzungen der relativen Impfstoffwirksamkeit gegen verschiedene Varianten liefern. Dr. Philip R. Krause und Koautoren
Solche Studien sind bekanntlich anfällig für Verzerrungen. ?Dennoch könnten in Gebieten, in denen mehrere Varianten zirkulieren und ein Teil der Bevölkerung, aber nicht die gesamte Bevölkerung geimpft wurde, sorgfältig konzipierte Beobachtungsstudien ? recht zuverlässige Schätzungen der relativen Impfstoffwirksamkeit gegen verschiedene Varianten liefern?, so Krause und Kollegen. ?Sie könnten auch den Verlust des Schutzes gegen bedenkliche Varianten bei zuvor infizierten Personen aufdecken.? Bei niedrigen Impfquoten oder niedriger Prävalenz einer Variante sei das Design aber zu ungenau, geben die Experten zu bedenken.
Modifizierte Vakzine: Nicht zu lange abwarten?
Im schlimmsten Fall zeigen solche Studien, dass zugelassene Wirkstoffe keinen ausreichenden Schutz bieten. Krause und Kollegen schreiben: ?Jetzt ist es an der Zeit, die Entwicklung modifizierter Impfstoffe zu planen, die vor resistenten Varianten schützen könnten, da solche Mutationen durchaus auftreten können.? Wer dies hinauszögere, verzögere auch die Bekämpfung von SARS-CoV-2.
Studien sollten nicht nur Geimpfte, sondern auch Personen einschließen, die bislang keinerlei Schutz hatten ? weder durch Vakzine noch durch COVID-19. ?Die Bewertung der neutralisierenden Reaktionen gegen mehrere bedenkliche Varianten und gegen das Wildtyp-Virus kann helfen, zu bestimmen, ob mehr als ein Impfstoff ? benötigt wird.? Studien, in denen ein Impfstoff mit einer späteren Dosis eines anderen Impfstoffs geboostet wird, seien ebenfalls wertvoll. Und bei Durchbruchsinfektionen mache eine Genotypisierung Sinn, die zeige, mit welcher Mutation sich Menschen infiziert hätten.
Jetzt ist es an der Zeit, die Entwicklung modifizierter Impfstoffe zu planen, die vor resistenten Varianten schützen könnten. Dr. Philip R. Krause und Koautoren
Die Hürden zur Zulassung modifizierter Impfstoffe sind jedenfalls geringer als bei der 1. Runde ab Ende 2020. ?In den jüngsten regulatorischen Diskussionen und in Leitlinien der WHO besteht Konsens darüber, dass konventionelle, große, klinische Endpunktstudien wahrscheinlich nicht notwendig sind ??, konstatieren die Autoren. Die US Food and Drug Administration (FDA), aber nicht die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) schlägt vor, auf Tiermodelle zurückzugreifen.
Nach der Einführung modifizierter oder neuer Impfstoffe, die Varianten adressieren, beginnt der Kreislauf aus Überwachung und Forschung erneut. Dabei gilt es, zu bedenken, dass in manchen Gebieten vielleicht mehrere Varianten nebeneinander persistieren.
Welche Faktoren könnten Mutationen fördern?
Impfstoffe scheinen das Auftreten veränderter Erreger jedenfalls nicht zu befeuern. ?In Anbetracht des Auftretens von Varianten, die Immunität umgehen, noch bevor Impfstoffe auf breiter Basis eingesetzt wurden, ist es schwierig, Impfstoffe oder Strategien zur Einführung von Impfstoffen als Haupttreiber der Immunevasion zu betrachten?, merken die Autoren an.
Eine verlängerte Virusreplikation bei partieller Immunität in immungeschwächten Patienten oder Umstände, unter denen hohe Viruslasten auftreten, etwa bei beengten Wohnverhältnissen, könnten jedoch zur rascheren Veränderung beitragen. Ähnliche Gefahren sehen Krause und Kollegen beim Einsatz antikörperbasierter Therapien: ?Teilweise wirksame Interventionen können die virale Evolution fördern.?
Teilweise wirksame Interventionen können die virale Evolution fördern. Dr. Philip R. Krause und Koautoren
Außerdem gilt: Je größer die Zahl an Infizierten ist, desto größer ist auch die Chance, dass neue, bedenkliche Varianten entstehen. ?Daher können wirksame Strategien ? wie soziale Distanzierung, die Verwendung von Masken und der gezielte Einsatz effektiver Impfstoffe, die sowohl die Infektion als auch die Übertragung reduzieren, dazu beitragen, die virale Evolution zu begrenzen?, heißt es im Artikel. ?Die Abwägung zwischen dem Einsatz von Impfstoffen zum Schutz vulnerabler Personen vor einer Erkrankung oder zur gezielten Verhinderung der Ausbreitung ist eine strategische Entscheidung, die auf zuverlässigen epidemiologischen Informationen beruhen sollte.?
Weltweite Koordinierung der Maßnahmen
Doch die Herausforderungen sind noch lange nicht zu Ende. Neue VOC können in jedem Winkel der Erde entstehen. Krause und Kollegen sehen die Entwicklung neuer oder modifizierter Vakzine auf internationaler Ebene, mit Federführung der WHO.
?Die Koordinierung ist von entscheidender Bedeutung bei der Beurteilung des Bedarfs an neuen oder modifizierten Impfstoffen, bei der Bewertung dieser Impfstoffe und beim Verständnis für das Risiko?, so ihre Einschätzung. ?Eine offene und wissenschaftliche Diskussion ist notwendig, um festzustellen, welche Varianten, die Anlass zur Sorge geben, Aufmerksamkeit erfordern.?
Das bedeutet: Die internationale Staatengemeinschaft braucht allgemeingültige Kriterien, um Vakzine bei neu auftretenden Varianten zu bewerten und ? falls erforderlich ? angemessen darauf zu reagieren. Als Blaupause eigne sich die Auswahl von Antigenen in Grippeimpfstoffen durch die WHO, schreiben die Experten. In die Entscheidung müssten epidemiologische Daten, Daten aus der Evolutionsbiologie sowie klinische, tierexperimentelle und In-vitro-Daten einbezogen werden.
?Durch die gemeinsame, offene Diskussion der Ergebnisse wird dieser Datenaustausch dazu beitragen, eine konsistente und durchdachte öffentliche Kommunikation über neue Varianten und ein angemessenes Vertrauen in Impfstoffe und in deren Entwicklung, Prüfung und Anwendung zu fördern?, hoffen Krause und seine Koautoren.
Die Zahl an besorgniserregenden SARS-CoV-2-Varianten (variants of concern, VOC) steigt seit Beginn der Pandemie stetig an. Derzeit sorgt vor allem die Delta-Variante für Schlagzeilen. Im NEJM gehen Dr. Philip R. Krause von der US Food and Drug Administration und Kollegen der Frage nach, welche Strategien bei Impfstoffen weltweit erforderlich sind, sollte es zum Immune Escape kommen
Sie fordern, nicht nur mutierte Erreger zu überwachen, sondern rechtzeitig modifizierte Vakzine zu entwickeln. Internationale Forschungsprojekte sollten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) koordiniert werden. Einfachere Studiendesigns seien aber möglich, verglichen mit den Erstzulassungen.
Unklare Daten zu SARS-CoV-2-Varianten
Zum Hintergrund: Besorgniserregende Varianten des neuartigen Coronavirus machen womöglich Erfolge von Impfkampagnen in vielen Ländern zunichte:
B.1.1.7 (Alpha) hat eine höhere Übertragbarkeit und tritt zunehmend als häufigste Mutation auf.
P.1 (Gamma) kann selbst bei Personen, die infiziert waren, eine schwere Erkrankung auslösen, obwohl abschließende Bewertungen fehlen.
Bei B.1.351 (Beta) weiß man, dass Rekonvaleszenzplasma von Patienten, die mit früher zirkulierenden Varianten infiziert waren, eine schlechtere Wirksamkeit hat.
Vorläufige Daten auf der Basis von Post-hoc-Analysen zeigen, dass Impfstoffe ? abhängig vom Typ ? weniger Schutz aufbauen. Das gilt vor allem für leichtes oder mittelschweres COVID-19, jeweils im Vergleich zum Wildtyp.
Für andere Varianten wie B.1.617.2 (Delta) fehlen noch Daten, um die Bedeutung zu bewerten. Immerhin gibt es Hinweise, dass die zugelassenen Impfstoffe wirksam bleiben. Auch das kann sich ändern, sollten weitere Mutationen auftreten. Wie können sich Gesundheitssysteme oder pharmazeutische Hersteller darauf vorbereiten? Dieser Frage ging Krause zusammen mit seinen Koautoren jetzt nach.
Die Zeit ist reif für neue Impfstoffe
Obwohl Tiermodelle und In-vitro-Studien wichtige Informationen liefern, werden klinische Daten benötigt, um festzustellen, ob zugelassene Impfstoffe ihre Wirksamkeit gegen Varianten eventuell verlieren.
Randomisierte, Placebo-kontrollierte Studien kosten Zeit ? und sind bei zugelassenen Impfstoffen auch nicht erforderlich. Die Autoren empfehlen, in Gebieten mit hoher Prävalenz einer Variante die Bevölkerung randomisiert zeitversetzt zu impfen. So könne man Personen mit oder ohne Schutz vergleichen. Harte Endpunkte wie Krankenhausaufenthalte oder schweres COVID-19 ließen sich durchaus erfassen.
Sorgfältig konzipierte Beobachtungsstudien könnten recht zuverlässige Schätzungen der relativen Impfstoffwirksamkeit gegen verschiedene Varianten liefern. Dr. Philip R. Krause und Koautoren
Solche Studien sind bekanntlich anfällig für Verzerrungen. ?Dennoch könnten in Gebieten, in denen mehrere Varianten zirkulieren und ein Teil der Bevölkerung, aber nicht die gesamte Bevölkerung geimpft wurde, sorgfältig konzipierte Beobachtungsstudien ? recht zuverlässige Schätzungen der relativen Impfstoffwirksamkeit gegen verschiedene Varianten liefern?, so Krause und Kollegen. ?Sie könnten auch den Verlust des Schutzes gegen bedenkliche Varianten bei zuvor infizierten Personen aufdecken.? Bei niedrigen Impfquoten oder niedriger Prävalenz einer Variante sei das Design aber zu ungenau, geben die Experten zu bedenken.
Modifizierte Vakzine: Nicht zu lange abwarten?
Im schlimmsten Fall zeigen solche Studien, dass zugelassene Wirkstoffe keinen ausreichenden Schutz bieten. Krause und Kollegen schreiben: ?Jetzt ist es an der Zeit, die Entwicklung modifizierter Impfstoffe zu planen, die vor resistenten Varianten schützen könnten, da solche Mutationen durchaus auftreten können.? Wer dies hinauszögere, verzögere auch die Bekämpfung von SARS-CoV-2.
Studien sollten nicht nur Geimpfte, sondern auch Personen einschließen, die bislang keinerlei Schutz hatten ? weder durch Vakzine noch durch COVID-19. ?Die Bewertung der neutralisierenden Reaktionen gegen mehrere bedenkliche Varianten und gegen das Wildtyp-Virus kann helfen, zu bestimmen, ob mehr als ein Impfstoff ? benötigt wird.? Studien, in denen ein Impfstoff mit einer späteren Dosis eines anderen Impfstoffs geboostet wird, seien ebenfalls wertvoll. Und bei Durchbruchsinfektionen mache eine Genotypisierung Sinn, die zeige, mit welcher Mutation sich Menschen infiziert hätten.
Jetzt ist es an der Zeit, die Entwicklung modifizierter Impfstoffe zu planen, die vor resistenten Varianten schützen könnten. Dr. Philip R. Krause und Koautoren
Die Hürden zur Zulassung modifizierter Impfstoffe sind jedenfalls geringer als bei der 1. Runde ab Ende 2020. ?In den jüngsten regulatorischen Diskussionen und in Leitlinien der WHO besteht Konsens darüber, dass konventionelle, große, klinische Endpunktstudien wahrscheinlich nicht notwendig sind ??, konstatieren die Autoren. Die US Food and Drug Administration (FDA), aber nicht die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) schlägt vor, auf Tiermodelle zurückzugreifen.
Nach der Einführung modifizierter oder neuer Impfstoffe, die Varianten adressieren, beginnt der Kreislauf aus Überwachung und Forschung erneut. Dabei gilt es, zu bedenken, dass in manchen Gebieten vielleicht mehrere Varianten nebeneinander persistieren.
Welche Faktoren könnten Mutationen fördern?
Impfstoffe scheinen das Auftreten veränderter Erreger jedenfalls nicht zu befeuern. ?In Anbetracht des Auftretens von Varianten, die Immunität umgehen, noch bevor Impfstoffe auf breiter Basis eingesetzt wurden, ist es schwierig, Impfstoffe oder Strategien zur Einführung von Impfstoffen als Haupttreiber der Immunevasion zu betrachten?, merken die Autoren an.
Eine verlängerte Virusreplikation bei partieller Immunität in immungeschwächten Patienten oder Umstände, unter denen hohe Viruslasten auftreten, etwa bei beengten Wohnverhältnissen, könnten jedoch zur rascheren Veränderung beitragen. Ähnliche Gefahren sehen Krause und Kollegen beim Einsatz antikörperbasierter Therapien: ?Teilweise wirksame Interventionen können die virale Evolution fördern.?
Teilweise wirksame Interventionen können die virale Evolution fördern. Dr. Philip R. Krause und Koautoren
Außerdem gilt: Je größer die Zahl an Infizierten ist, desto größer ist auch die Chance, dass neue, bedenkliche Varianten entstehen. ?Daher können wirksame Strategien ? wie soziale Distanzierung, die Verwendung von Masken und der gezielte Einsatz effektiver Impfstoffe, die sowohl die Infektion als auch die Übertragung reduzieren, dazu beitragen, die virale Evolution zu begrenzen?, heißt es im Artikel. ?Die Abwägung zwischen dem Einsatz von Impfstoffen zum Schutz vulnerabler Personen vor einer Erkrankung oder zur gezielten Verhinderung der Ausbreitung ist eine strategische Entscheidung, die auf zuverlässigen epidemiologischen Informationen beruhen sollte.?
Weltweite Koordinierung der Maßnahmen
Doch die Herausforderungen sind noch lange nicht zu Ende. Neue VOC können in jedem Winkel der Erde entstehen. Krause und Kollegen sehen die Entwicklung neuer oder modifizierter Vakzine auf internationaler Ebene, mit Federführung der WHO.
?Die Koordinierung ist von entscheidender Bedeutung bei der Beurteilung des Bedarfs an neuen oder modifizierten Impfstoffen, bei der Bewertung dieser Impfstoffe und beim Verständnis für das Risiko?, so ihre Einschätzung. ?Eine offene und wissenschaftliche Diskussion ist notwendig, um festzustellen, welche Varianten, die Anlass zur Sorge geben, Aufmerksamkeit erfordern.?
Das bedeutet: Die internationale Staatengemeinschaft braucht allgemeingültige Kriterien, um Vakzine bei neu auftretenden Varianten zu bewerten und ? falls erforderlich ? angemessen darauf zu reagieren. Als Blaupause eigne sich die Auswahl von Antigenen in Grippeimpfstoffen durch die WHO, schreiben die Experten. In die Entscheidung müssten epidemiologische Daten, Daten aus der Evolutionsbiologie sowie klinische, tierexperimentelle und In-vitro-Daten einbezogen werden.
?Durch die gemeinsame, offene Diskussion der Ergebnisse wird dieser Datenaustausch dazu beitragen, eine konsistente und durchdachte öffentliche Kommunikation über neue Varianten und ein angemessenes Vertrauen in Impfstoffe und in deren Entwicklung, Prüfung und Anwendung zu fördern?, hoffen Krause und seine Koautoren.
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Dienstag, 22. Juni 2021
Leitlinie zur Akuttherapie des Schlaganfalls aktualisiert: Neues zum Post-Stroke-Delir und zu Geschlechtsunterschieden
che2001, 12:55h
Andrea Hertlein
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DGS) haben die S2e-Leitlinie zur Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls zusammen mit zahlreichen weiteren Fachgesellschaften aktualisiert und erweitert [1]. Neu sind unter anderem Aspekte des Post-Stroke-Delirs und der kardiovaskulären Diagnostik sowie ein Kapitel zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Schlaganfall-Patienten.
Die bisherige S1-Leitlinie stammt aus dem Jahr 2012; 2015 kam eine Ergänzung zu den Rekanalisationstherapien hinzu. Nun wurde eine komplette Überarbeitung und Aktualisierung der bisherigen Leitlinie publiziert, heißt es in einer Mitteilung der DGN.
Sprecher der Leitliniensteuergruppe sind Prof. Dr. Martin Köhrmann, Universitätsklinikum Essen, und Prof. Dr. Peter Ringleb, Universitätsklinikum Heidelberg. Viele Empfehlungen hätten sich aufgrund neuer Studiendaten verändert, so die Fachgesellschaft. Außerdem wurden verschiedene Aspekte neu in die Empfehlungen aufgenommen.
Gefäßdiagnostik vor mechanischer Thrombektomie
Alle akuttherapeutischen Maßnahmen wirken besser, je früher und zielgerichteter sie angewendet werden. Neuerungen betreffen daher auch die zerebrale Diagnostik, die sofort mit CT oder MRT erfolgen sollte, um zwischen Ischämie und Blutung zu unterscheiden und somit das therapeutische Prozedere festlegen zu können.
Wenn eine mechanische Thrombektomie in Frage kommt, müsse der Leitlinie zufolge immer auch eine Gefäßdiagnostik (vom Aortenbogen aufwärts) stattfinden.
Falls bei Ankunft in der Klinik das Zeitintervall von 4,5 Stunden überschritten sei, sollte eine erweiterte Bildgebung, etwa eine Perfusionsuntersuchung mit MRT oder CT erfolgen, lautet die Empfehlung.
Tenecteplase nur in Einzelfällen
Die Standardtherapie für die systemische Thrombolyse erfolgt in der Regel mit Alteplase. Tenecteplase könnte jedoch als modifiziertes Molekül eine noch bessere Wirksamkeit haben, heißt es in der aktualisierten Fassung.
In der EU ist diese Substanz bisher allerdings nur zur Behandlung des Herzinfarktes zugelassen. Dagegen ist die Studienlage beim Schlaganfall bislang nicht einheitlich. Gemäß der neuen Leitlinie soll Tenecteplase außerhalb klinischer Studien nur in Einzelfällen eingesetzt werden.
Post-Stroke-Delir: Screening mit etablierten Scores
Neuerungen betreffen auch das sogenannte Post-Stroke-Delir, welches bei bis zu 48% der Patienten auftritt. Ein solches Delir gehe einher mit einer fast fünffach erhöhten Sterblichkeit, längeren Klinikaufenthalten und häufigeren Entlassungen in Pflegeeinrichtungen, betonen die Autoren.
Die Leitlinien empfehlen daher das gezielte Screening mit etablierten Scores. Neben der Behandlung mit speziellen Medikamenten sei es außerdem besonders wichtig, frühzeitig die Reorientierung der Patienten zu stimulieren (Kommunikation, Mobilisation, Brille, Hörgeräte, Tag-Nacht-Rhythmus).
Eine duale antithrombotische Sekundärprophylaxe (ASS plus Clopidogrel oder Ticagrelor) sollte nicht routinemäßig erfolgen, heißt es in der aktualisierten Fassung. Sie könne bei ausgewählten Patienten nach TIA oder leichten Schlaganfällen über einen Zeitraum von 21 bis 30 Tagen Vorteile haben, möglicherweise jedoch zu Lasten des Blutungsrisikos bei insgesamt unveränderter Mortalität und nur geringem Einfluss auf bleibende Behinderung und Lebensqualität. Bei erhöhtem Blutungsrisiko sollte laut Leitlinie keine duale Plättchenhemmung erfolgen.
Frauen seltener auf Stroke Units behandelt
Die überarbeitete Leitlinie betont außerdem, dass die systematische Suche in Datenbanken keinen Anhalt dafür brachte, dass Frauen mit einem Schlaganfall anders behandelt werden sollten als Männer. Es zeigten sich jedoch je nach Studie variable epidemiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern: So waren weniger Frauen von Schlaganfällen betroffen als Männer.
Frauen waren jedoch durchschnittlich etwa 5 Jahre älter als Männer, hatten häufiger Bluthochdruck und Vorhofflimmern.
Alkohol- oder Nikotinkonsum sowie Hyperlipidämie und Diabetes mellitus waren indes bei Männern häufiger.
Bei uneinheitlicher Datenlage gebe es laut Leitlinie Hinweise darauf, dass Frauen seltener auf Stroke Units behandelt wurden, eine erhöhte Krankenhaussterblichkeit hatten (2017 starben 8,8% der Frauen und 5,8% der Männer) sowie ein schlechteres funktionelles Ergebnis.
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DGS) haben die S2e-Leitlinie zur Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls zusammen mit zahlreichen weiteren Fachgesellschaften aktualisiert und erweitert [1]. Neu sind unter anderem Aspekte des Post-Stroke-Delirs und der kardiovaskulären Diagnostik sowie ein Kapitel zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Schlaganfall-Patienten.
Die bisherige S1-Leitlinie stammt aus dem Jahr 2012; 2015 kam eine Ergänzung zu den Rekanalisationstherapien hinzu. Nun wurde eine komplette Überarbeitung und Aktualisierung der bisherigen Leitlinie publiziert, heißt es in einer Mitteilung der DGN.
Sprecher der Leitliniensteuergruppe sind Prof. Dr. Martin Köhrmann, Universitätsklinikum Essen, und Prof. Dr. Peter Ringleb, Universitätsklinikum Heidelberg. Viele Empfehlungen hätten sich aufgrund neuer Studiendaten verändert, so die Fachgesellschaft. Außerdem wurden verschiedene Aspekte neu in die Empfehlungen aufgenommen.
Gefäßdiagnostik vor mechanischer Thrombektomie
Alle akuttherapeutischen Maßnahmen wirken besser, je früher und zielgerichteter sie angewendet werden. Neuerungen betreffen daher auch die zerebrale Diagnostik, die sofort mit CT oder MRT erfolgen sollte, um zwischen Ischämie und Blutung zu unterscheiden und somit das therapeutische Prozedere festlegen zu können.
Wenn eine mechanische Thrombektomie in Frage kommt, müsse der Leitlinie zufolge immer auch eine Gefäßdiagnostik (vom Aortenbogen aufwärts) stattfinden.
Falls bei Ankunft in der Klinik das Zeitintervall von 4,5 Stunden überschritten sei, sollte eine erweiterte Bildgebung, etwa eine Perfusionsuntersuchung mit MRT oder CT erfolgen, lautet die Empfehlung.
Tenecteplase nur in Einzelfällen
Die Standardtherapie für die systemische Thrombolyse erfolgt in der Regel mit Alteplase. Tenecteplase könnte jedoch als modifiziertes Molekül eine noch bessere Wirksamkeit haben, heißt es in der aktualisierten Fassung.
In der EU ist diese Substanz bisher allerdings nur zur Behandlung des Herzinfarktes zugelassen. Dagegen ist die Studienlage beim Schlaganfall bislang nicht einheitlich. Gemäß der neuen Leitlinie soll Tenecteplase außerhalb klinischer Studien nur in Einzelfällen eingesetzt werden.
Post-Stroke-Delir: Screening mit etablierten Scores
Neuerungen betreffen auch das sogenannte Post-Stroke-Delir, welches bei bis zu 48% der Patienten auftritt. Ein solches Delir gehe einher mit einer fast fünffach erhöhten Sterblichkeit, längeren Klinikaufenthalten und häufigeren Entlassungen in Pflegeeinrichtungen, betonen die Autoren.
Die Leitlinien empfehlen daher das gezielte Screening mit etablierten Scores. Neben der Behandlung mit speziellen Medikamenten sei es außerdem besonders wichtig, frühzeitig die Reorientierung der Patienten zu stimulieren (Kommunikation, Mobilisation, Brille, Hörgeräte, Tag-Nacht-Rhythmus).
Eine duale antithrombotische Sekundärprophylaxe (ASS plus Clopidogrel oder Ticagrelor) sollte nicht routinemäßig erfolgen, heißt es in der aktualisierten Fassung. Sie könne bei ausgewählten Patienten nach TIA oder leichten Schlaganfällen über einen Zeitraum von 21 bis 30 Tagen Vorteile haben, möglicherweise jedoch zu Lasten des Blutungsrisikos bei insgesamt unveränderter Mortalität und nur geringem Einfluss auf bleibende Behinderung und Lebensqualität. Bei erhöhtem Blutungsrisiko sollte laut Leitlinie keine duale Plättchenhemmung erfolgen.
Frauen seltener auf Stroke Units behandelt
Die überarbeitete Leitlinie betont außerdem, dass die systematische Suche in Datenbanken keinen Anhalt dafür brachte, dass Frauen mit einem Schlaganfall anders behandelt werden sollten als Männer. Es zeigten sich jedoch je nach Studie variable epidemiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern: So waren weniger Frauen von Schlaganfällen betroffen als Männer.
Frauen waren jedoch durchschnittlich etwa 5 Jahre älter als Männer, hatten häufiger Bluthochdruck und Vorhofflimmern.
Alkohol- oder Nikotinkonsum sowie Hyperlipidämie und Diabetes mellitus waren indes bei Männern häufiger.
Bei uneinheitlicher Datenlage gebe es laut Leitlinie Hinweise darauf, dass Frauen seltener auf Stroke Units behandelt wurden, eine erhöhte Krankenhaussterblichkeit hatten (2017 starben 8,8% der Frauen und 5,8% der Männer) sowie ein schlechteres funktionelles Ergebnis.
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
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Starke Hautirritationen nach mRNA-Corona-Impfung beobachtet: Ausschläge, Erytheme, Frostbeulen ? und Aktivierung von Herpes?
che2001, 12:51h
PD Dr. Martin Hartmann
Manchmal bleibt es nicht bei einer Lokalreaktion: PD Dr. Martin Hartmann berichtet von Fällen an der Hautklinik Heidelberg mit dermatologischen Irritationen nach Moderna- und BioNTech-Injektionen.
Transkript des Videos von PD Dr. Martin Hartmann, Heidelberg:
Schönen guten Tag,
hier ist Martin Hartmann aus der Hautklinik Heidelberg. Es geht heute um kutane Nebenwirkungen der mRNA-Impfstoffe gegen SARS-CoV2-Infektionen.
Während beim Vektor-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria®) in den letzten Wochen viel über die thromboembolischen Komplikationen berichtet worden ist und deshalb der Impfstoff nun vorwiegend bei Älteren eingesetzt wird, gibt es jetzt immer mehr Erkenntnisse zu den Impfreaktionen bzw. Nebenwirkungen nach einer Injektion mit den mRNA-Impfstoffen.
Quelle: PD M. Hartmann
Häufig lokale Schmerzen, Schwellungen und Rötungen
Esther Freeman von der Harvard Medical School hat auf dem diesjährigen Jahrestreffen der American Academy of Dermatology Association (AAD) einen Überblick zu den Nebenwirkungen bei mRNA-Impfungen gegeben.
Bei bis zu 90% der Geimpften treten direkt nach der Impfung Schmerzen auf, seltener sind Schwellungen und Rötungen. Die Symptome flauen nach 1 bis 2 Tagen ab [5,6]. Allergische Reaktionen auf die Impfstoffe sind selten [3]
Ausschläge und verzögerte Lokalreaktionen
Es wird immer wieder beobachtet, dass auch urtikarielle Ausschläge, eine Urtikaria oder eine morbilliformer Rash, also ein masern-ähnlicher Ausschlag, im Anschluss an die Impfung auftreten. Sie flauen unter einer Therapie mit Antihistaminika oder lokalen Kortikoiden rasch wieder ab.
Interessant sind verzögerte Lokalreaktionen, die 5 bis 6 Tage nach der Injektion an der Injektionsstelle als ausgedehnte Rötung mit Schwellung und Juckreiz auftreten. Sie persistieren für einige Tage. Das wird häufig nach der 1. Impfung beobachtet, nach der 2. Impfung wiederholt sich das in weniger als 50% der Fälle und tritt dann auch nicht ausgeprägt auf [2].
Multiforme Erytheme
Dann gibt es Berichte von selteneren Nebenwirkungen wie multiforme Erytheme, pernio-artige Nebenwirkungen oder Reaktivierung von Infektionen [8].
Ich möchte von einigen Fällen hier aus der Hautklinik, Heidelberg, berichten.
Vor wenigen Wochen kamen 2 Patienten am gleichen Tag zur stationären Überwachung nach jeweils einer Impfung mit dem Impfstoff von Moderna und BioNTech, die am ganzen Körper multiforme Erytheme hatten.
Sie hatten also eine Art von Ausschlag, der multiform, teilweise wie ein Erythema exsudativum multiforme aussah. Die Schleimhäute waren bei beiden Patienten nicht betroffen. Wenige Tage nach einer Therapie mit Steroiden konnten die Patienten die Klinik auch wieder verlassen.
Multiformes Exanthem nach mRNA-Impfung (Copyright: PD M. Hartmann)
Frostbeulen-ähnliche Reaktionen
Interessant sind die Perniones-artigen Nebenwirkungen, die auch bei COVID-19 beobachtet wurden. Bei uns wurde eine Patientin aufgenommen, die eine bläulich-livide Verfärbung der Zehen und auch der Hände hatte, also Frostbeulen-artige Veränderungen direkt im Anschluss an eine mRNA-Impfung aufwies. Die Histologie zeigte eine Vaskulitis. Auch diese Veränderungen flauten unter einer Steroidtherapie sehr schnell wieder ab [7].
Dann hatten wir noch einen jungen Patienten aufgenommen mit einer akuten generalisierten ekzematischen Pustulose, also mit disseminiertem Auftreten von Pusteln am ganzen Körper. Ebenso wie die Frostbeulen-artigen Veränderungen werden diese Pusteln auch bei COVID-19-Patienten beschrieben.
Reaktivierung von Herpes-Viren
Interessant sind auch die Berichte über die Reaktivierung von Herpesviren. Wenige Tage nach einer Impfung tritt entweder erstmals oder wieder sehr ausgeprägt eine Herpes-simplex-Reaktivierung auf. Wir haben einen jungen Mann aufgenommen, der erstmals eine HSV-Reaktivierung hatte, die weit über den normalen Herpes labialis hinausging.
Zudem haben wir gehäuft Patienten beobachtet, die direkt nach der mRNA-Impfung einen Herpes Zoster hatten. Das sind Patienten mit Risikoprofil, aber auch junge Menschen, z. B. eine 29jährige Frau, die bei uns nach der 2. Impfung mit einem Zoster ophthalmicus aufgenommen wurde. Das ist in diesem Alter relativ selten.
Es gibt Berichte aus Israel, aber auch aus der Schweiz, dass der Zoster gehäuft im Anschluss an die Infektion auftritt.
Inwieweit das nur ein zufälliger Zusammenhang mit der inzwischen häufig durchgeführten Impfung ist, oder wirklich seine Ursache in der Impfung hat bleibt im Moment noch unklar.
Das war es zu den Impfungen.
Vielen Dank, auf Wiedersehen
Manchmal bleibt es nicht bei einer Lokalreaktion: PD Dr. Martin Hartmann berichtet von Fällen an der Hautklinik Heidelberg mit dermatologischen Irritationen nach Moderna- und BioNTech-Injektionen.
Transkript des Videos von PD Dr. Martin Hartmann, Heidelberg:
Schönen guten Tag,
hier ist Martin Hartmann aus der Hautklinik Heidelberg. Es geht heute um kutane Nebenwirkungen der mRNA-Impfstoffe gegen SARS-CoV2-Infektionen.
Während beim Vektor-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria®) in den letzten Wochen viel über die thromboembolischen Komplikationen berichtet worden ist und deshalb der Impfstoff nun vorwiegend bei Älteren eingesetzt wird, gibt es jetzt immer mehr Erkenntnisse zu den Impfreaktionen bzw. Nebenwirkungen nach einer Injektion mit den mRNA-Impfstoffen.
Quelle: PD M. Hartmann
Häufig lokale Schmerzen, Schwellungen und Rötungen
Esther Freeman von der Harvard Medical School hat auf dem diesjährigen Jahrestreffen der American Academy of Dermatology Association (AAD) einen Überblick zu den Nebenwirkungen bei mRNA-Impfungen gegeben.
Bei bis zu 90% der Geimpften treten direkt nach der Impfung Schmerzen auf, seltener sind Schwellungen und Rötungen. Die Symptome flauen nach 1 bis 2 Tagen ab [5,6]. Allergische Reaktionen auf die Impfstoffe sind selten [3]
Ausschläge und verzögerte Lokalreaktionen
Es wird immer wieder beobachtet, dass auch urtikarielle Ausschläge, eine Urtikaria oder eine morbilliformer Rash, also ein masern-ähnlicher Ausschlag, im Anschluss an die Impfung auftreten. Sie flauen unter einer Therapie mit Antihistaminika oder lokalen Kortikoiden rasch wieder ab.
Interessant sind verzögerte Lokalreaktionen, die 5 bis 6 Tage nach der Injektion an der Injektionsstelle als ausgedehnte Rötung mit Schwellung und Juckreiz auftreten. Sie persistieren für einige Tage. Das wird häufig nach der 1. Impfung beobachtet, nach der 2. Impfung wiederholt sich das in weniger als 50% der Fälle und tritt dann auch nicht ausgeprägt auf [2].
Multiforme Erytheme
Dann gibt es Berichte von selteneren Nebenwirkungen wie multiforme Erytheme, pernio-artige Nebenwirkungen oder Reaktivierung von Infektionen [8].
Ich möchte von einigen Fällen hier aus der Hautklinik, Heidelberg, berichten.
Vor wenigen Wochen kamen 2 Patienten am gleichen Tag zur stationären Überwachung nach jeweils einer Impfung mit dem Impfstoff von Moderna und BioNTech, die am ganzen Körper multiforme Erytheme hatten.
Sie hatten also eine Art von Ausschlag, der multiform, teilweise wie ein Erythema exsudativum multiforme aussah. Die Schleimhäute waren bei beiden Patienten nicht betroffen. Wenige Tage nach einer Therapie mit Steroiden konnten die Patienten die Klinik auch wieder verlassen.
Multiformes Exanthem nach mRNA-Impfung (Copyright: PD M. Hartmann)
Frostbeulen-ähnliche Reaktionen
Interessant sind die Perniones-artigen Nebenwirkungen, die auch bei COVID-19 beobachtet wurden. Bei uns wurde eine Patientin aufgenommen, die eine bläulich-livide Verfärbung der Zehen und auch der Hände hatte, also Frostbeulen-artige Veränderungen direkt im Anschluss an eine mRNA-Impfung aufwies. Die Histologie zeigte eine Vaskulitis. Auch diese Veränderungen flauten unter einer Steroidtherapie sehr schnell wieder ab [7].
Dann hatten wir noch einen jungen Patienten aufgenommen mit einer akuten generalisierten ekzematischen Pustulose, also mit disseminiertem Auftreten von Pusteln am ganzen Körper. Ebenso wie die Frostbeulen-artigen Veränderungen werden diese Pusteln auch bei COVID-19-Patienten beschrieben.
Reaktivierung von Herpes-Viren
Interessant sind auch die Berichte über die Reaktivierung von Herpesviren. Wenige Tage nach einer Impfung tritt entweder erstmals oder wieder sehr ausgeprägt eine Herpes-simplex-Reaktivierung auf. Wir haben einen jungen Mann aufgenommen, der erstmals eine HSV-Reaktivierung hatte, die weit über den normalen Herpes labialis hinausging.
Zudem haben wir gehäuft Patienten beobachtet, die direkt nach der mRNA-Impfung einen Herpes Zoster hatten. Das sind Patienten mit Risikoprofil, aber auch junge Menschen, z. B. eine 29jährige Frau, die bei uns nach der 2. Impfung mit einem Zoster ophthalmicus aufgenommen wurde. Das ist in diesem Alter relativ selten.
Es gibt Berichte aus Israel, aber auch aus der Schweiz, dass der Zoster gehäuft im Anschluss an die Infektion auftritt.
Inwieweit das nur ein zufälliger Zusammenhang mit der inzwischen häufig durchgeführten Impfung ist, oder wirklich seine Ursache in der Impfung hat bleibt im Moment noch unklar.
Das war es zu den Impfungen.
Vielen Dank, auf Wiedersehen
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Durchbruch bei Impfstoffen aus Kuba
che2001, 12:35h
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Donnerstag, 17. Juni 2021
SARS-CoV-2 als neues "Forever Virus": Wie sich Wissenschaftler auf die Zukunft mit dem Erreger vorbereiten
che2001, 13:18h
Michael van den Heuvel, Medscape
Zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie hofften Forscher noch, das Virus könnte vielleicht eines Tages wieder verschwinden ? spätestens nach Abschluss flächendeckender Impfkampagnen zum Aufbau einer Herdenimmunität. Diese Hoffnung schwindet mehr und mehr, denn SARS-CoV-2 reagiert auf den evolutionären Druck mit immer wieder neuen Mutationen. Das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, nennt aktuell 4 Variants of Concern (VOC, besorgniserregende Varianten). Und ?Foreign Affairs?, ein Online-Magazin, schreibt bereits vom nächsten ?Forever Virus?.
Für die Wissenschaft bleibt als Herausforderung, neuartige Coronaviren flächendeckend zu überwachen und daraus ? falls erforderlich ? entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Wie dies funktionieren könnte, erklärten Experten gegenüber dem Science Media CenterGermany (SMC) [1].
Lehren aus Influenza
Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Aufgabe, pathogene Viren dauerhaft zu erfassen, nicht neu. Beim Influenzavirus gibt es schon lange entsprechende Strukturen. So bietet das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS) der WHO eine flächendeckende Überwachung. Es arbeitet mit einzelnen Zentren in allen 123 WHO-Mitgliedsstaaten.
Das Influenza-Überwachungssystem kann tatsächlich ein Vorbild sein. Prof. Dr. Richard Neher
?Das Influenza-Überwachungssystem kann tatsächlich ein Vorbild sein?, erklärte Prof. Dr. Richard Neher von der Universität Basel. Viren würden seit Jahren weltweit gesammelt und bei der WHO charakterisiert. Übertragen auf das neuartige Coronavirus heißt das: ?Die genomische Surveillance von SARS-CoV-2 funktioniert mittlerweile in Europa sehr gut, aber bei der Charakterisierung der Varianten und der Risikobewertung wäre mehr internationale Koordination sinnvoll?, so Nehers Einschätzung.
Die genomische Surveillance von SARS-CoV-2 funktioniert mittlerweile in Europa sehr gut, aber bei der Charakterisierung der Varianten und der Risikobewertung wäre mehr internationale Koordination sinnvoll. Prof. Dr. Richard Neher
Prof. Dr. Isabella Eckerle von der Universität Genf befürwortet auch, Strukturen und Netzwerke, die bereits zur Influenza-Surveillance bestehen, für SARS-CoV-2 zu nutzen. Probleme erwartet die Expertin in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Pro-Kopf-Einkommen. Denn sie hätten nicht nur geringe Durchimpfungsraten, sondern auch niedrige Laborkapazitäten.
?Welche Faktoren bei der Zirkulation von SARS-CoV-2 eine Rolle spielen, ist noch sehr viel weniger gut verstanden als bei der Influenza, sodass man viel breiter und umfassender überwachen muss?, lautet ihre Empfehlung. ?Ein weiterer wichtiger Punkt ist in meinen Augen der Hergang in Tierpopulationen, der überwacht und sofort erkannt werden muss, wie es bereits mehrfach etwa auf Nerzfarmen geschehen ist.?
Wie könnte die Surveillance bei SARS-CoV-2 aussehen?
Wenig überraschend besteht bei Experten Einigkeit darin, SARS-CoV-2 engmaschig zu überwachen. ?Inzidenzen werden ein wichtiger Parameter bleiben; sie sind ein guter Indikator für das Infektionsgeschehen?, ist sich Neher sicher. ?Wir sollten den Fokus aber ebenso weiterhin auf die Genomsequenzierungen legen.?
Eckerle bestätigt: ?Eine Surveillance mittels Vollgenom-Sequenzierung kann den besten Überblick über zirkulierende Varianten geben, allerdings ist die Auswahl der Proben hier sehr wichtig und nicht trivial.? Wichtig sei eine repräsentative, flächendeckende Probennahme. Methodisch nennt sie entweder Sentinel-Untersuchungen, also repräsentative Stichproben, oder eine symptomatische Surveillance für respiratorische Infektionen, etwa über Hausarztpraxen. ?Neben der technisch aufwendigen und teuren Vollgenom-Sequenzierung, die gerade in ressourcenarmen Regionen ein Problem darstellen kann, können mutationsspezifische PCRs auf Marker-Mutationen einen Überblick verschaffen?, weiß die Expertin.
?Ein wichtiger Punkt ist, dass Surveillance allein noch keine Infektionskontrolle darstellt?, schränkt Eckerle ein. Ein Monitoring sei wichtig, um neue Varianten möglichst früh zu erkennen und ihre Dynamik zu beschreiben. ?Die Vorstellung jedoch, dass man sich durch massive Vollgenom-Sequenzierung vor der Verbreitung von Varianten schützen kann, ist in meinen Augen ein Trugschluss.?
Wichtig sei, dass sich das Infektionsgeschehen in sehr niedrigen Inzidenzen bewege, sodass die Nachverfolgung von Kontakten umfassend möglich sei, inklusive geeigneter Maßnahmen zur Eindämmung. Auf globaler Ebene sei die möglichst schnelle und breite Durchimpfung jetzt besonders wichtig.
Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig wünscht sich außerdem, dass die im Jahr 2020 initiierten großen, repräsentativen Antikörper-Studien weitergeführt werden. ?Anhand einer solche Kohorte kann man die Veränderungen des Immunstatus in der Bevölkerung überwachen?, lautet seine Einschätzung. Mittlerweile gebe es Methoden, um Antikörper, die nach Impfung gebildet werden, von denjenigen Antikörpern nach Infektion zu unterscheiden. Auch nach Virusvarianten könne man bei dem Verfahren differenzieren.
Unklare Rolle von Hotspots
Eine Besonderheit bei der Surveillance: ?Regionale Hotspots werden dort eine Rolle spielen, wo geringe Impfraten vorliegen und das Virus weiterhin in einer teil-immunen Bevölkerung zirkuliert?, so Eckerle. ?Dies kann ganze Länder umfassen, die benachteiligten Zugang zu Impfstoff haben, oder aber bestimmte Bevölkerungsgruppen, die die Impfung aus den verschiedensten Gründen ablehnen.?
Krause spekuliert ebenfalls, das lokale Geschehen werde an Bedeutung zunehmen und damit auch die Rolle der Gesundheitsämter. Doch Vorsicht: ?Deren aktuelle Personalunterstützung von außen wird gerade wieder abgebaut und kann auch nicht nachhaltig in dem Maße wie im vergangenen Jahr aufrechterhalten werden.? Somit komme der Digitalisierung der Arbeitsprozesse weiterhin eine große Bedeutung zu.
Regionale Hotspots werden dort eine Rolle spielen, wo geringe Impfraten vorliegen und das Virus weiterhin in einer teil-immunen Bevölkerung zirkuliert. Prof. Dr. Isabella Eckerle
?Ich glaube, regionale Hotspots werden keine große Rolle spielen?, widerspricht Neher. ?Mit zunehmender Impfrate wird das Infektionsgeschehen an Dynamik weiter verlieren und eher nach dem Muster der Grippe oder Erkältungswellen ablaufen.? Es werde also voraussichtlich nicht mehr zu einer Karnevalsfeier kommen, bei der die Zahl der Ansteckungen durch die Decke gehe. ?Regionale Unterschiede bleiben aber bei der Nachverfolgung neuer Varianten wichtig?, so seine Einschätzung.
Szenarien für Impfungen
Auch zur Zukunft von Vakzinen äußerten sich die Experten. Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith von der London School of Hygiene and Tropical Medicine nannte 4 hypothetisch denkbare Szenarien:
COVID-19-Impfstoffe führen zur starken T-Zell-Antwort und zusätzlich zur humoralen Antwort. Innerhalb der nächsten 1 bis 3 Jahre ist keine Auffrischung erforderlich.
Patienten benötigen eine Auffrischungsimpfung mit dem gleichen Vakzin wie bei der Grundimmunisierung. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass diese Strategie zu höheren Antikörper-Titern und zu einem besseren Schutz gegen COVID-19 führt.
Eine Auffrischungsimpfung wird mit einem angepassten Impfstoff, der sich gegen eine bestimmte, zirkulierende Variante richtet, durchgeführt.
Patienten erhalten eine multivalente Auffrischungsimpfung, die neben dem Wildtyp diverse VOC als Antigen oder als Nukleinsäure enthält.
Die beste Strategie, um die Entwicklung von bedenklichen Varianten zu reduzieren, ist ganz klar die schnelle Immunisierung eines großen Teils der Bevölkerung. Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith
Wilder-Smith´ Fazit: ?Die beste Strategie, um die Entwicklung von bedenklichen Varianten zu reduzieren, ist ganz klar die schnelle Immunisierung eines großen Teils der Bevölkerung.? Doch dann müssten prospektive Studien zeigen, welche der 4 Optionen die effektivste sei.
Zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie hofften Forscher noch, das Virus könnte vielleicht eines Tages wieder verschwinden ? spätestens nach Abschluss flächendeckender Impfkampagnen zum Aufbau einer Herdenimmunität. Diese Hoffnung schwindet mehr und mehr, denn SARS-CoV-2 reagiert auf den evolutionären Druck mit immer wieder neuen Mutationen. Das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, nennt aktuell 4 Variants of Concern (VOC, besorgniserregende Varianten). Und ?Foreign Affairs?, ein Online-Magazin, schreibt bereits vom nächsten ?Forever Virus?.
Für die Wissenschaft bleibt als Herausforderung, neuartige Coronaviren flächendeckend zu überwachen und daraus ? falls erforderlich ? entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Wie dies funktionieren könnte, erklärten Experten gegenüber dem Science Media CenterGermany (SMC) [1].
Lehren aus Influenza
Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Aufgabe, pathogene Viren dauerhaft zu erfassen, nicht neu. Beim Influenzavirus gibt es schon lange entsprechende Strukturen. So bietet das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS) der WHO eine flächendeckende Überwachung. Es arbeitet mit einzelnen Zentren in allen 123 WHO-Mitgliedsstaaten.
Das Influenza-Überwachungssystem kann tatsächlich ein Vorbild sein. Prof. Dr. Richard Neher
?Das Influenza-Überwachungssystem kann tatsächlich ein Vorbild sein?, erklärte Prof. Dr. Richard Neher von der Universität Basel. Viren würden seit Jahren weltweit gesammelt und bei der WHO charakterisiert. Übertragen auf das neuartige Coronavirus heißt das: ?Die genomische Surveillance von SARS-CoV-2 funktioniert mittlerweile in Europa sehr gut, aber bei der Charakterisierung der Varianten und der Risikobewertung wäre mehr internationale Koordination sinnvoll?, so Nehers Einschätzung.
Die genomische Surveillance von SARS-CoV-2 funktioniert mittlerweile in Europa sehr gut, aber bei der Charakterisierung der Varianten und der Risikobewertung wäre mehr internationale Koordination sinnvoll. Prof. Dr. Richard Neher
Prof. Dr. Isabella Eckerle von der Universität Genf befürwortet auch, Strukturen und Netzwerke, die bereits zur Influenza-Surveillance bestehen, für SARS-CoV-2 zu nutzen. Probleme erwartet die Expertin in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Pro-Kopf-Einkommen. Denn sie hätten nicht nur geringe Durchimpfungsraten, sondern auch niedrige Laborkapazitäten.
?Welche Faktoren bei der Zirkulation von SARS-CoV-2 eine Rolle spielen, ist noch sehr viel weniger gut verstanden als bei der Influenza, sodass man viel breiter und umfassender überwachen muss?, lautet ihre Empfehlung. ?Ein weiterer wichtiger Punkt ist in meinen Augen der Hergang in Tierpopulationen, der überwacht und sofort erkannt werden muss, wie es bereits mehrfach etwa auf Nerzfarmen geschehen ist.?
Wie könnte die Surveillance bei SARS-CoV-2 aussehen?
Wenig überraschend besteht bei Experten Einigkeit darin, SARS-CoV-2 engmaschig zu überwachen. ?Inzidenzen werden ein wichtiger Parameter bleiben; sie sind ein guter Indikator für das Infektionsgeschehen?, ist sich Neher sicher. ?Wir sollten den Fokus aber ebenso weiterhin auf die Genomsequenzierungen legen.?
Eckerle bestätigt: ?Eine Surveillance mittels Vollgenom-Sequenzierung kann den besten Überblick über zirkulierende Varianten geben, allerdings ist die Auswahl der Proben hier sehr wichtig und nicht trivial.? Wichtig sei eine repräsentative, flächendeckende Probennahme. Methodisch nennt sie entweder Sentinel-Untersuchungen, also repräsentative Stichproben, oder eine symptomatische Surveillance für respiratorische Infektionen, etwa über Hausarztpraxen. ?Neben der technisch aufwendigen und teuren Vollgenom-Sequenzierung, die gerade in ressourcenarmen Regionen ein Problem darstellen kann, können mutationsspezifische PCRs auf Marker-Mutationen einen Überblick verschaffen?, weiß die Expertin.
?Ein wichtiger Punkt ist, dass Surveillance allein noch keine Infektionskontrolle darstellt?, schränkt Eckerle ein. Ein Monitoring sei wichtig, um neue Varianten möglichst früh zu erkennen und ihre Dynamik zu beschreiben. ?Die Vorstellung jedoch, dass man sich durch massive Vollgenom-Sequenzierung vor der Verbreitung von Varianten schützen kann, ist in meinen Augen ein Trugschluss.?
Wichtig sei, dass sich das Infektionsgeschehen in sehr niedrigen Inzidenzen bewege, sodass die Nachverfolgung von Kontakten umfassend möglich sei, inklusive geeigneter Maßnahmen zur Eindämmung. Auf globaler Ebene sei die möglichst schnelle und breite Durchimpfung jetzt besonders wichtig.
Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig wünscht sich außerdem, dass die im Jahr 2020 initiierten großen, repräsentativen Antikörper-Studien weitergeführt werden. ?Anhand einer solche Kohorte kann man die Veränderungen des Immunstatus in der Bevölkerung überwachen?, lautet seine Einschätzung. Mittlerweile gebe es Methoden, um Antikörper, die nach Impfung gebildet werden, von denjenigen Antikörpern nach Infektion zu unterscheiden. Auch nach Virusvarianten könne man bei dem Verfahren differenzieren.
Unklare Rolle von Hotspots
Eine Besonderheit bei der Surveillance: ?Regionale Hotspots werden dort eine Rolle spielen, wo geringe Impfraten vorliegen und das Virus weiterhin in einer teil-immunen Bevölkerung zirkuliert?, so Eckerle. ?Dies kann ganze Länder umfassen, die benachteiligten Zugang zu Impfstoff haben, oder aber bestimmte Bevölkerungsgruppen, die die Impfung aus den verschiedensten Gründen ablehnen.?
Krause spekuliert ebenfalls, das lokale Geschehen werde an Bedeutung zunehmen und damit auch die Rolle der Gesundheitsämter. Doch Vorsicht: ?Deren aktuelle Personalunterstützung von außen wird gerade wieder abgebaut und kann auch nicht nachhaltig in dem Maße wie im vergangenen Jahr aufrechterhalten werden.? Somit komme der Digitalisierung der Arbeitsprozesse weiterhin eine große Bedeutung zu.
Regionale Hotspots werden dort eine Rolle spielen, wo geringe Impfraten vorliegen und das Virus weiterhin in einer teil-immunen Bevölkerung zirkuliert. Prof. Dr. Isabella Eckerle
?Ich glaube, regionale Hotspots werden keine große Rolle spielen?, widerspricht Neher. ?Mit zunehmender Impfrate wird das Infektionsgeschehen an Dynamik weiter verlieren und eher nach dem Muster der Grippe oder Erkältungswellen ablaufen.? Es werde also voraussichtlich nicht mehr zu einer Karnevalsfeier kommen, bei der die Zahl der Ansteckungen durch die Decke gehe. ?Regionale Unterschiede bleiben aber bei der Nachverfolgung neuer Varianten wichtig?, so seine Einschätzung.
Szenarien für Impfungen
Auch zur Zukunft von Vakzinen äußerten sich die Experten. Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith von der London School of Hygiene and Tropical Medicine nannte 4 hypothetisch denkbare Szenarien:
COVID-19-Impfstoffe führen zur starken T-Zell-Antwort und zusätzlich zur humoralen Antwort. Innerhalb der nächsten 1 bis 3 Jahre ist keine Auffrischung erforderlich.
Patienten benötigen eine Auffrischungsimpfung mit dem gleichen Vakzin wie bei der Grundimmunisierung. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass diese Strategie zu höheren Antikörper-Titern und zu einem besseren Schutz gegen COVID-19 führt.
Eine Auffrischungsimpfung wird mit einem angepassten Impfstoff, der sich gegen eine bestimmte, zirkulierende Variante richtet, durchgeführt.
Patienten erhalten eine multivalente Auffrischungsimpfung, die neben dem Wildtyp diverse VOC als Antigen oder als Nukleinsäure enthält.
Die beste Strategie, um die Entwicklung von bedenklichen Varianten zu reduzieren, ist ganz klar die schnelle Immunisierung eines großen Teils der Bevölkerung. Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith
Wilder-Smith´ Fazit: ?Die beste Strategie, um die Entwicklung von bedenklichen Varianten zu reduzieren, ist ganz klar die schnelle Immunisierung eines großen Teils der Bevölkerung.? Doch dann müssten prospektive Studien zeigen, welche der 4 Optionen die effektivste sei.
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Impfstoff falsch verteilt? ?Man hätte sozial Schwache eher impfen müssen? ? ein Medizinethiker über Gerechtigkeit und Impfneid
che2001, 13:04h
Christian Beneker, Medscape
Sind Sie privilegiert und können schon mit dem digitalen Impfausweis in den Urlaub starten? Wie gerecht wird und wurde der SARS-CoV2-Impfstoff verteilt? Medscape sprach mit Prof. Dr. Georg Marckmann, an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, über die Fragen von Impfneid und Impfgerechtigkeit.
Prof. Dr. Georg Marckmann
Medscape: Am 7. Juni wurde die Priorisierung aufgehoben - prompt sind die Hausarztpraxen überlaufen von Impfwilligen. Erwarten Sie jetzt eine Art Verteilungskampf, wo jeder nur noch sich selbst der Nächste ist?
Marckmann: Ich mahne zur Gelassenheit. Die Frage der Impfpriorisierung ist etwas dramatisiert worden, als ginge es um den Zugang zu lebensnotwendigen Maßnahmen. Das Infektionsrisiko ist inzwischen sehr niedrig und auch derjenige, der noch keine Impfung bekommen hat, kann sich weiter mit den üblichen Maßnahmen wie Mund-Nase-Schutz oder Abstand halten schützen.
Der Impfneid ist im Übrigen vor allem deshalb entstanden, weil wir so intensiv über die Rücknahme von Freiheitsbeschränkungen für Geimpfte diskutiert haben. Das ist für mich die falsche Frage gewesen.
Wir hätten eher diskutieren müssen, ob es noch gerechtfertigt ist, die Freiheiten der Menschen insgesamt weiter einzuschränken angesichts einer zunehmenden Durchimpfung der Hochrisikogruppen, angesichts sinkender Inzidenzzahlen, angesichts möglicher Alternativen zum Impfen, wie zum Beispiel Schelltests. Es war nicht mehr gut nachvollziehbar, warum die Geimpften bestimmte Freiheiten bekommen, aber die Ungeimpften nicht.
Medscape: Sie kritisieren, dass man bei der Impfpriorisierung mehr soziale Aspekte mitberücksichtigen hätte sollen. Hat man Arme, Obdachlose und Migranten vergessen?
Prof. Marckmann: Es ist ethisch geboten, schlechter Gestellte und sozial Schwache eher zu impfen. Dafür sehe ich 3 gute Gründe: Sie haben aufgrund ihrer oft beengten Lebenssituation ein erhöhtes Infektionsrisiko, sie können zum Beispiel oft nicht im Homeoffice arbeiten. Außerdem ist erwiesen, dass zum Beispiel Langzeitarbeitslose ein höheres Risiko für schwere Verläufe einer Corona-Infektion haben.
Sozial Schwache, die ohnehin schlechtere Gesundheitschancen haben, haben zudem auch noch einen schlechteren Zugang zu den Impfungen. Man hätte arme, benachteiligte Bevölkerungsgruppen eher impfen müssen.
Medscape: Ist so etwas wie Impfgerechtigkeit überhaupt möglich?
Prof. Marckmann: Ja, aber es bleibt ein Ideal, das wir nie vollkommen erreichen. Impfstoffe sollen so eingesetzt werden, dass möglichst viel gesundheitlicher und sozio-ökonomischer Schaden abgewendet wird. Wesentliche Aspekte wurden bisher bei der Priorisierung ja auch berücksichtig. Die Anwendung der Kriterien führt zwar zu einer Ungleichverteilung, aber zu einer ethisch gerechtfertigten Ungleichverteilung. Mein Ziel wäre eine ?ausreichende Gerechtigkeit.?
Es liegt übrigens im Interesse aller, dass Menschen, die in armen Verhältnissen enger zusammenleben und ein höheres Infektionsrisiko haben, schnell geimpft werden. Denn dies verhindert Infektionsausbrüche, die sich weiter auf andere Bevölkerungsgruppen ausbreiten können.
Medscape: Inzwischen sind ja Impfteams etwa in Hochhaus-Siedlungen unterwegs.
Marckmann: Ja, das ist ein wichtiger erster Schritt. Allerdings: Saisonarbeiter, Migranten oder Obdachlose sind oft nicht leicht zu identifizieren, um ihnen ein Impfangebot zu unterbreiten. Wir wissen nicht genau, wo sie leben.
In den USA gibt es Indizes, die systematisch erfassen, welche Regionen und Stadtbezirke am meisten benachteiligt sind. Den dort lebenden Menschen kann man dann gezielt Impfangebote machen. Meines Wissens werden solche Instrumente bei uns bislang nicht angewendet.
Medscape: Jetzt werden verschiedentlich auch Kinder geimpft ?
Prof. Marckmann: Ob es richtig ist, Kinder und Jugendliche jetzt zu impfen, finde ich fraglich. Das wäre eine egalitäre Gerechtigkeit, die alle gleich behandelt, aber insgesamt wenig hilft, da sie die individuelle Bedürftigkeit nicht berücksichtigt. Kinder und Jugendliche haben nun einmal ein sehr geringes Risiko für schwerwiegende COVID-19-Verläufe.
Ob es richtig ist, Kinder und Jugendliche jetzt zu impfen, finde ich fraglich. Prof. Dr. Georg Marckmann
Zudem gibt es bislang nur wenig wissenschaftliche Evidenz zur Corona-Impfung bei Kindern. Insofern sollten wir nicht alle Kinder impfen, sondern nur diejenigen, die beispielsweise aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben. Dies wäre wieder eine eher bedürfnisorientierte Gerechtigkeit.
Medscape: Bei der internationalen Verteilung der Impfstoffe werden ebenfalls die armen Länder benachteiligt. Da wiederholt sich auf internationaler Ebene, was schon national nicht funktionierte.
Prof. Marckmann: Die internationale Verteilung der Impfstoffe ist bislang noch unzureichend geregelt. Dabei ist die Pandemie eine internationale Herausforderung, wir müssen entsprechend global agieren.
Doch es haben sich Länder, die nur etwa 16% der Weltbevölkerung ausmachen, über 70% der im Jahr 2021 weltweit verfügbaren Impfstoffe gesichert. Hier haben die reichen Länder eine moralische Pflicht entsprechend gegenzusteuern. Auch die ärmeren Länder müssen unbedingt ausreichenden Zugang zu den SARS-CoV-2-Impfungen erhalten.
Medscape: Auch zu Ungunsten der reichen Länder?
Prof. Marckmann: Wir stehen nicht unter Druck, sehr schnell 70% oder 80% der Gesamtbevölkerung zu impfen. Vor allem müssen die Risikogruppen geschützt werden, und das ist ja auch weitgehend erfolgt. Die Impfung der verbleibenden vor allem jüngeren Menschen hat keine so hohe Priorität mehr. Von den knapp 90.000 Menschen, die in Deutschland im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben sind, waren nur knapp 1.000 unter 50 Jahre alt.
Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus vertretbar, der internationalen Verteilung der Impfstoffe eine höhere Priorität einzuräumen. Es wäre ethisch gerechtfertigt, global zu denken und den ärmeren Ländern mehr Impfstoffe zukommen zu lassen.
Natürlich muss dann auch über globale Verteilungskriterien nachgedacht werden: Vorrang sollte die Vermeidung von vorzeitigen Todesfällen durch COVID-19 haben, dann wären schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zu berücksichtigen und schließlich die Rückkehr zu einem normalen gesellschaftlichen Leben.
Medscape: Ist das in Deutschland vermittelbar?
Marckmann: Zumindest sollte man versuchen, dafür zu werben. Dies muss ja nicht notwendig bedeuten, dass wir viel weniger Impfstoffe für die eigene Bevölkerung zur Verfügung haben. Vielleicht sollten wir sogar vorrangig versuchen, ausreichende Produktionskapazitäten in ärmeren Ländern zu schaffen. Astra Zeneca produziert zum Beispiel Impfstoffe in Brasilien.
Aber so lange die Impfstoffe global noch knapp sind, wäre es ratsam, in den reichen Ländern zunächst nur die Risikogruppen zu impfen, um international mehr Impfstoff zur Verfügung stellen zu können.
Sind Sie privilegiert und können schon mit dem digitalen Impfausweis in den Urlaub starten? Wie gerecht wird und wurde der SARS-CoV2-Impfstoff verteilt? Medscape sprach mit Prof. Dr. Georg Marckmann, an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, über die Fragen von Impfneid und Impfgerechtigkeit.
Prof. Dr. Georg Marckmann
Medscape: Am 7. Juni wurde die Priorisierung aufgehoben - prompt sind die Hausarztpraxen überlaufen von Impfwilligen. Erwarten Sie jetzt eine Art Verteilungskampf, wo jeder nur noch sich selbst der Nächste ist?
Marckmann: Ich mahne zur Gelassenheit. Die Frage der Impfpriorisierung ist etwas dramatisiert worden, als ginge es um den Zugang zu lebensnotwendigen Maßnahmen. Das Infektionsrisiko ist inzwischen sehr niedrig und auch derjenige, der noch keine Impfung bekommen hat, kann sich weiter mit den üblichen Maßnahmen wie Mund-Nase-Schutz oder Abstand halten schützen.
Der Impfneid ist im Übrigen vor allem deshalb entstanden, weil wir so intensiv über die Rücknahme von Freiheitsbeschränkungen für Geimpfte diskutiert haben. Das ist für mich die falsche Frage gewesen.
Wir hätten eher diskutieren müssen, ob es noch gerechtfertigt ist, die Freiheiten der Menschen insgesamt weiter einzuschränken angesichts einer zunehmenden Durchimpfung der Hochrisikogruppen, angesichts sinkender Inzidenzzahlen, angesichts möglicher Alternativen zum Impfen, wie zum Beispiel Schelltests. Es war nicht mehr gut nachvollziehbar, warum die Geimpften bestimmte Freiheiten bekommen, aber die Ungeimpften nicht.
Medscape: Sie kritisieren, dass man bei der Impfpriorisierung mehr soziale Aspekte mitberücksichtigen hätte sollen. Hat man Arme, Obdachlose und Migranten vergessen?
Prof. Marckmann: Es ist ethisch geboten, schlechter Gestellte und sozial Schwache eher zu impfen. Dafür sehe ich 3 gute Gründe: Sie haben aufgrund ihrer oft beengten Lebenssituation ein erhöhtes Infektionsrisiko, sie können zum Beispiel oft nicht im Homeoffice arbeiten. Außerdem ist erwiesen, dass zum Beispiel Langzeitarbeitslose ein höheres Risiko für schwere Verläufe einer Corona-Infektion haben.
Sozial Schwache, die ohnehin schlechtere Gesundheitschancen haben, haben zudem auch noch einen schlechteren Zugang zu den Impfungen. Man hätte arme, benachteiligte Bevölkerungsgruppen eher impfen müssen.
Medscape: Ist so etwas wie Impfgerechtigkeit überhaupt möglich?
Prof. Marckmann: Ja, aber es bleibt ein Ideal, das wir nie vollkommen erreichen. Impfstoffe sollen so eingesetzt werden, dass möglichst viel gesundheitlicher und sozio-ökonomischer Schaden abgewendet wird. Wesentliche Aspekte wurden bisher bei der Priorisierung ja auch berücksichtig. Die Anwendung der Kriterien führt zwar zu einer Ungleichverteilung, aber zu einer ethisch gerechtfertigten Ungleichverteilung. Mein Ziel wäre eine ?ausreichende Gerechtigkeit.?
Es liegt übrigens im Interesse aller, dass Menschen, die in armen Verhältnissen enger zusammenleben und ein höheres Infektionsrisiko haben, schnell geimpft werden. Denn dies verhindert Infektionsausbrüche, die sich weiter auf andere Bevölkerungsgruppen ausbreiten können.
Medscape: Inzwischen sind ja Impfteams etwa in Hochhaus-Siedlungen unterwegs.
Marckmann: Ja, das ist ein wichtiger erster Schritt. Allerdings: Saisonarbeiter, Migranten oder Obdachlose sind oft nicht leicht zu identifizieren, um ihnen ein Impfangebot zu unterbreiten. Wir wissen nicht genau, wo sie leben.
In den USA gibt es Indizes, die systematisch erfassen, welche Regionen und Stadtbezirke am meisten benachteiligt sind. Den dort lebenden Menschen kann man dann gezielt Impfangebote machen. Meines Wissens werden solche Instrumente bei uns bislang nicht angewendet.
Medscape: Jetzt werden verschiedentlich auch Kinder geimpft ?
Prof. Marckmann: Ob es richtig ist, Kinder und Jugendliche jetzt zu impfen, finde ich fraglich. Das wäre eine egalitäre Gerechtigkeit, die alle gleich behandelt, aber insgesamt wenig hilft, da sie die individuelle Bedürftigkeit nicht berücksichtigt. Kinder und Jugendliche haben nun einmal ein sehr geringes Risiko für schwerwiegende COVID-19-Verläufe.
Ob es richtig ist, Kinder und Jugendliche jetzt zu impfen, finde ich fraglich. Prof. Dr. Georg Marckmann
Zudem gibt es bislang nur wenig wissenschaftliche Evidenz zur Corona-Impfung bei Kindern. Insofern sollten wir nicht alle Kinder impfen, sondern nur diejenigen, die beispielsweise aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben. Dies wäre wieder eine eher bedürfnisorientierte Gerechtigkeit.
Medscape: Bei der internationalen Verteilung der Impfstoffe werden ebenfalls die armen Länder benachteiligt. Da wiederholt sich auf internationaler Ebene, was schon national nicht funktionierte.
Prof. Marckmann: Die internationale Verteilung der Impfstoffe ist bislang noch unzureichend geregelt. Dabei ist die Pandemie eine internationale Herausforderung, wir müssen entsprechend global agieren.
Doch es haben sich Länder, die nur etwa 16% der Weltbevölkerung ausmachen, über 70% der im Jahr 2021 weltweit verfügbaren Impfstoffe gesichert. Hier haben die reichen Länder eine moralische Pflicht entsprechend gegenzusteuern. Auch die ärmeren Länder müssen unbedingt ausreichenden Zugang zu den SARS-CoV-2-Impfungen erhalten.
Medscape: Auch zu Ungunsten der reichen Länder?
Prof. Marckmann: Wir stehen nicht unter Druck, sehr schnell 70% oder 80% der Gesamtbevölkerung zu impfen. Vor allem müssen die Risikogruppen geschützt werden, und das ist ja auch weitgehend erfolgt. Die Impfung der verbleibenden vor allem jüngeren Menschen hat keine so hohe Priorität mehr. Von den knapp 90.000 Menschen, die in Deutschland im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben sind, waren nur knapp 1.000 unter 50 Jahre alt.
Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus vertretbar, der internationalen Verteilung der Impfstoffe eine höhere Priorität einzuräumen. Es wäre ethisch gerechtfertigt, global zu denken und den ärmeren Ländern mehr Impfstoffe zukommen zu lassen.
Natürlich muss dann auch über globale Verteilungskriterien nachgedacht werden: Vorrang sollte die Vermeidung von vorzeitigen Todesfällen durch COVID-19 haben, dann wären schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zu berücksichtigen und schließlich die Rückkehr zu einem normalen gesellschaftlichen Leben.
Medscape: Ist das in Deutschland vermittelbar?
Marckmann: Zumindest sollte man versuchen, dafür zu werben. Dies muss ja nicht notwendig bedeuten, dass wir viel weniger Impfstoffe für die eigene Bevölkerung zur Verfügung haben. Vielleicht sollten wir sogar vorrangig versuchen, ausreichende Produktionskapazitäten in ärmeren Ländern zu schaffen. Astra Zeneca produziert zum Beispiel Impfstoffe in Brasilien.
Aber so lange die Impfstoffe global noch knapp sind, wäre es ratsam, in den reichen Ländern zunächst nur die Risikogruppen zu impfen, um international mehr Impfstoff zur Verfügung stellen zu können.
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Montag, 14. Juni 2021
"Epidemische Notlage" verlängert; Bundesnotbremse läuft Ende Juni aus
che2001, 19:25h
Michael van den Heuvel, Sonja Boehm, Dr. Thomas Kron
Produktionsmängel: 60 Millionen J&J-Impfdosen für den Müll
Ausbrüche bei geimpften Heimbewohnern: Schlechtere Immunantwort
USA prüfen Fälle von Myokarditis bei jungen Menschen nach Impfung
Schwere Hirnentzündung als mögliche Folge einer COVID-19-Erkrankung
Ungeimpfte Kinder als "Virus-Reservoir" und "Brutstätte" neuer Varianten?
Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind bis Montagmorgen zum 1. Mal seit 8 Monaten weniger als 1.000 Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden gemeldet worden, die Gesundheitsämter meldeten nur 549 (Vorwoche 1117) Neuinfektionen mit COVID-19. Die 7-Tage-Inzidenz ist damit bundesweit auf 16,6 gefallen (Vortag: 17,3). Es gab nur 10 neue Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 deutschlandweit (Vorwoche 22).
"Epidemische Notlage" verlängert; Bundesnotbremse läuft Ende Juni aus
Der Bundestag hatte am Freitag trotz dieser niedrigen Zahlen auf Antrag der Fraktionen von Union und SPD die epidemische Notlage bis Ende September verlängert. Die erstmals im März 2020 vom Bundestag festgestellte ?epidemische Notlage von nationaler Tragweite" ermöglicht es, weitreichende Verordnungen gegen die Pandemie zu erlassen. Ohne Verlängerung wären die aktuellen Regelungen zum 30. Juni ausgelaufen.
Von den Abgeordneten stimmten 375 für die Verlängerung, 218 dagegen, 6 Abgeordnete enthielten sich. Die Fraktionen von FDP und AfD hatten sich gegen die Vorlage ausgesprochen. Durch die Verlängerung sollen rund 20 Verordnungen, die direkt von der festgestellten Notlage abhängen, fortgeführt werden; dazu gehören z.B. Regelungen zu Testangeboten. Im Gegensatz zur "epidemischen Notlage" soll die "Bundesnotbremse" am 30. Juni auslaufen. Mit dieser hatte der Bund im April verfügt, dass es möglich ist, einheitliche Corona-Schutzmaßnahmen in Gebieten mit hoher Inzidenz durchzusetzen.
Produktionsmängel: 60 Millionen J&J-Impfdosen für den Müll
In den USA ist nach Angaben der New York Times das Unternehmen Johnson & Johnson von den Behörden verpflichtet worden, fast 60 Millionen Impfdosen zu vernichten. Hintergrund sind festgestellte Produktionsmängel in einem Werk in Baltimore. Auch Deutschland wird von dieser Maßnahme betroffen: Das BGM erwartet, dass bis Ende Juni dadurch etwa 6,5 Millionen J&J-Impfdosen ausfallen, die nach Deutschland geliefert werden sollten.
Ausbrüche bei geimpften Heimbewohnern: Schlechtere Immunantwort
Wissenschaftler der Charité haben untersucht, warum es in Pflegeheimen " auch bei vollständiger Immunisierung der Bewohner " immer wieder zu größeren Coronavirus-Ausbrüchen kommt. Hauptgründe sind danach neben dem Auftreten neuerer Virusvarianten, eine verzögerte und geringere humorale und zelluläre Immunreaktion der Senioren auf die SARS-CoV-2-Impfung.
Basis der Analyse, die gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Gesundheitsbehörden erfolgte, waren Längsschnittstudien bei Personal und Bewohnern eines Pflegeheims in Berlin, in dem zwischen Februar und März 2021 bei 11 ungeimpften Pflegekräften und 20 Bewohnerinnen und Bewohnern eine SARS-CoV-2-Infektion festgestellt worden war. 16 der 20 infizierten Bewohner waren vollständig mit der BioNTech/Pfizer-Vakzine geimpft.
Der Ausbruch wurde von der Virusvariante B.1.1.7 (Alpha-Variante) ausgelöst, die mit einer höheren Virusmenge im Rachen und einer größeren Übertragbarkeit einhergeht. Alle 4 ungeimpften erkrankten Heimbewohner mussten stationär behandelt werden, außerdem 2 von den 16 geimpften Senioren. Allgemein verliefen die Erkrankungen bei den Ungeimpften schwerer als bei den Geimpften. Geimpfte hatten zudem tendenziell weniger Virus im Rachen und dies über einen kürzeren Zeitraum, nämlich im Schnitt für 8 Tage vs. 31 Tage bei Ungeimpften.
3 Wochen nach der 1. Impfdosis hatten 87% der im Schnitt 34jährigen Mitarbeiter Antikörper gegen SARS-CoV-2, aber nur 31% der geimpften Heimbewohner (> 70 Jahre). 4 Wochen nach der 2. Dosis hatten 99% der jungen Impflinge SARS-CoV-2-spezifische Antikörper gebildet und circa 91% der Senioren. Die Avidität der Antikörper war bei den Älteren geringer als bei Jüngeren und die T-Zellantworten fielen schwächer aus.
Fazit der Autoren: Die Immunantworten erreichten bei den Älteren nicht das Niveau von jungen Impflingen, daher bleibe die Immunisierung von deren Kontaktpersonen sehr wichtig ? ebenso wie die Beachtung von Hygienemaßnahmen und regelmäßige Tests der Betreuer und Besucher.
USA prüfen Fälle von Myokarditis bei jungen Menschen nach Impfung
Am Freitag den 18. Juni treten Experten des CDC's Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP) in den USA zusammen, um Fälle von Myokarditis zu überprüfen, die bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach der Gabe von mRNA-Impfstoffen gegen COVID-19 gemeldet wurden. Wie berichtet, scheint es eine Häufung von Fällen von Myokarditis vor allem bei jungen Männern, meist nach der 2. Dosis der Impfstoffe von Pfizer-BioNTech oder Moderna zu geben. Dabei treten die Symptome, typischerweise innerhalb von 3 Tagen nach der 2. Impfung auf.
Bei entsprechenden Symptomen solle ein Kardiologe hinzugezogen werden, raten die CDC. Trotzdem fordern sowohl die CDC als auch die American Heart Association/American Stroke Association (AHA/ASA), weiterhin alle Erwachsenen und Kinder ab 12 Jahren in den USA auf, sich so schnell wie möglich gegen COVID-19 impfen zu lassen.
Mit Stand vom 11. Juni 2021 berichten die CDC, dass seit dem 14. Dezember 2020 mehr als 306 Millionen Dosen des COVID-19-Impfstoffs in den USA verabreicht wurden und fast 43% der US-Amerikaner, mehr als 142 Millionen, vollständig geimpft sind. Laut CDC wurden bis zum 31. Mai 2021 dabei 789 Fälle von vermuteter Myokarditis gemeldet, davon 475 bei Personen unter 30 Jahren. 79 Fälle von vermuteter Myokarditis/Perikarditis betrafen Jugendliche im Alter von 16 oder 17 Jahren.
81% der 270 Patienten unter 30 Jahren mit Verdacht auf Myokarditis im Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung haben sich vollständig erholt, die restlichen 19% berichten über anhaltende Symptome oder es fehlen vollständige Daten.
196 Fälle von vermuteter Myokarditis nach COVID-19-Impfung wurden bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren gemeldet. Diese Inzidenz ist höher als für diese Altersgruppe zu erwarten ist. Nur etwa 9% der verabreichten COVID-19-Impfstoffdosen entfielen auf die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen.
Wie AHA/ASA mitteilen, sind sie ?weiterhin zuversichtlich?, dass der Nutzen der Impfung die möglichen Risiken bei weitem übersteigt?. Dabei seien auch für junge Menschen mögliche langfristige gesundheitliche Auswirkungen der Infektion und Spätfolgen auf das Herz, das Gehirn, das Gefäßsystem und andere Organe zu berücksichtigen. Die Experten verweisen darauf, dass eine Myokarditis auch die Folge einer kürzlich erfolgten Virusinfektion sein kann und der Zusammenhang mit dem Erhalt eines COVID-19-Impfstoffs nicht zweifelsfrei erwiesen sei, zumal die in den USA zugelassenen COVID-19-Impfstoffe kein lebendes Virus enthielten.
Junge Impfligen werden ermutigt, einen Arzt aufzusuchen, wenn sie in den Wochen nach der COVID-19-Impfung eines der folgenden Symptome haben: Brustschmerzen (v.a. wenn diesee plötzlich, scharf und stechend sind), Atembeschwerden/Atemnot; abnormaler Herzschlag; starke Kopfschmerzen; verschwommenes Sehen; Ohnmacht oder Verlust des Bewusstseins; Schwäche oder sensorische Veränderungen; Verwirrung oder Schwierigkeiten beim Sprechen; Krampfanfälle; unerklärliche Bauchschmerzen; oder neue Beinschmerzen oder Schwellungen.
Schwere Hirnentzündung als mögliche Folge einer COVID-19-Erkrankung
Ein Team von Forschenden des Universitätsklinikum Freiburg und des Exzellenzcluster CIBSS ? Centre for Integrative Biological Signalling Studies ? der Universität Freiburg um Prof. Dr. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor am Institut für Neuropathologie, und Prof. Dr. Dr. Bertram Bengsch, Sektionsleiter für Translationale Systemimmunologie in der Hepatogastroenterologie der Klinik für Innere Medizin II des Universitätsklinikums Freiburg, konnte jetzt nachweisen, dass sich bei COVID-19 eine schwere Entzündungsreaktion durch unterschiedliche Immunzellen um das Gefäßsystem und im zentralen Hirngewebe entwickeln kann. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe von Immunity veröffentlicht.
?Auch wenn es bereits Hinweise auf eine Beteiligung des Zentralen Nervensystems bei COVID-19 gab, hat uns das Ausmaß der Entzündung im Hirn überrascht?, kommentiert Erstautorin Henrike Salié die Studie. ?Gerade die vielen sogenannten Mikrogliaknötchen lassen sich im gesunden Hirn sonst nicht finden?, so Erstautor Dr. Marius Schwabenland. Durch die Anwendung einer neuartigen Messmethode, die bildgebende Massenzytometrie, konnten unterschiedliche Zelltypen des Immunsystems, sowie Virus-infizierte Zellen und deren räumliches Zusammenwirken in bisher unbekanntem Detail untersucht werden.
?Bisher war das Entzündungsmuster bei COVID-19 wenig verstanden. Auch im Vergleich zu anderen Hirnentzündungen sind die durch COVID-19 ausgelösten Entzündungsreaktionen einzigartig und weisen auf eine schwerste Störung der hirneigenen Immunantwort hin. Insbesondere die wesentlichen Abwehrzellen im Gehirn, sogenannte Mikrogliazellen, werden besonders stark aktiviert und es kommt zur Einwanderung von T-Killerzellen in das Hirngewebe und Entwicklung einer ausgeprägten Neuroinflammation im Hirnstamm?, erläutert Prinz.
?Die Immunveränderungen sind besonders in der Nähe kleiner Hirngefäße nachweisbar. In diesen Bereichen wird der Virus-Rezeptor ACE2 exprimiert, an den das Coronavirus andocken kann und dort war das Virus auch direkt nachweisbar?, ergänzt Bengsch. ?Es erscheint plausibel, dass die Immunantwort dort infizierte Zellen erkennt und sich die Entzündung dann auf das Nervengewebe ausbreitet und so für Beschwerden sorgt. Möglicherweise könnte eine frühzeitige immunmodulierende oder immunsuppressive Therapie die Entzündung reduzieren.?
Prof. Dr. Robert Thimme, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg, ergänzt: ?Während wir schon wussten, dass eine starke Immunantwort für eine Ausheilung der Coronavirus-Infektion benötigt wird, kann offensichtlich auch eine fehlgeleitete Immunantwort schwere Schädigungen hervorrufen.?
Ungeimpfte Kinder als ?Virus-Reservoir? und ?Brutstätte? neuer Varianten?
Zur Diskussion, ob auch Kinder (vorrangig) gegen COVID-19 geimpft werden sollten, nimmt ein Artikel in Nature Stellung. In vielen Teilen der Welt seien auch die Infektionen bei Kindern als Folge der Massenimpfungen von Erwachsenen zurückgegangen. Doch es herrsche unter Experten Uneinigkeit darüber, heißt es, ob ungeimpfte Kinder nicht zu einem ?Reservoir" für die Infektion werden können ? und damit zu einer potenziellen Brutstätte für das Auftreten neuer Varianten.
Dem scheint nach den Daten einer brasilianischen Studie aus der kleinen Stadt Serrana im brasilianischen Bundesstaat São Paulo nicht so zu sein. In der Stadt sind im Rahmen eines Projektes 98% der Erwachsenen geimpft worden ? allerdings mit der chinesischen Vakzine von Sinovac, der eine geringere Wirksamkeit von nur rund 50% gegen symptomatische Infektionen bescheinigt wird.
Wie Forscher des Butantan-Instituts in São Paulo auf einer Pressekonferenz letzte Woche berichtet haben, sanken nach dem Impfprogramm jedoch die symptomatischen Fälle von COVID-19 um 80% und die Todesfälle um 95%. Obwohl 62% der 45.000 Einwohner von Serrana Erwachsene sind, gab es einen ähnlichen Rückgang der symptomatischen Infektionen auch bei ungeimpften Kindern.
?Es war eine unserer Befürchtungen dass, wenn man alle anderen impft, sich die Krankheit wahrscheinlich bei den Kindern und Jugendlichen konzentrieren wird", so die Untersucher. ?Aber das haben wir nicht gesehen."
Ähnlich sind die Erfahrungen in anderen Ländern mit hohen Impfraten. So sind z.B. in USA die Fälle bei Kindern und Jugendlichen zwischen Januar und Mai um 84% zurückgegangen. Dies obwohl erst etwas mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung ? überwiegend Erwachsene ? mindestens eine Impfdosis erhalten hat.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass Kinder das Virus mit geringerer Wahrscheinlichkeit übertragen als Erwachsene ? ein weiterer Grund, warum die Befürchtungen sie könnten als Virus-Reservoir fungieren, vielleicht nicht zutreffen.
In Israel sind die Infektionsraten bei denjenigen, die für eine Impfung in Frage kommen, ebenfalls stark gesunken, von 559/100.000 bei den über 16-Jährigen Mitte Januar auf nur noch 1,5/100.000. Die meisten Schulen sind seit März wieder geöffnet, doch auch bei den ungeimpften Kindern sank die Inzidenz in ähnlichem Ausmaß von 546 auf 1,5 bei den unter 11-Jährigen.
Dies deute darauf hin, dass Kinder am häufigsten von Erwachsenen angesteckt werden, kommentiert Dr. Eric Haas, ein Kinderarzt für Infektionskrankheiten und Epidemiologe am israelischen Gesundheitsministerium in Jerusalem. ?Sonst würde man erwarten, dass sich die Kinder, wenn sie wieder in die Schule gehen, massenhaft gegenseitig anstecken."
Es gibt aber auch andere Interpretationen. So zeichnen britische Daten, wo die Impfrate bei 60 % liegt, ein komplizierteres Bild: Bis Ende Mai waren dort die Infektionen bei Schülern der Sekundarstufe von einem Höchststand von etwa 600/100.000 im Januar auf weniger als 100/100.000 gesunken. Bei jüngeren Schulkindern sind die Zahlen noch niedriger.
Doch deuten nun jüngste Daten darauf hin, dass ungeimpfte Kinder immer noch wichtige Überträger des Virus sein könnten. Im Mai gab es fast 100 Ausbrüche ? definiert als 2 oder mehr Fälle ? in Grund- und weiterführenden Schulen in England. Dies allerdings bei insgesamt rund 25.000 Schulen in England. Auch hat sich die Gesamtinfektionsrate bei Kindern im Schulalter in den 6 Wochen nach der Wiedereröffnung der Schulen kaum verändert.
Das Ausmaß, in dem ungeimpfte Kinder als Überträger fungieren, hat Auswirkungen darauf, ob sie geimpft werden sollten, sobald die erwachsene Bevölkerung geimpft wurde ? eine Frage, die heiß diskutiert wird. In den USA, wo die FDA bereits am 10. Mai den BioNTech-Impfstoff für Kinder ab einem Alter von 12 Jahren zugelassen hat, haben inzwischen mehr als 7 Millionen Kinder mindestens eine Dosis erhalten.
Allerdings argumentiert die WHO, dass aufgrund des geringen Risikos für einen schweren Verlauf bei Kindern deren Impfung keine Priorität hat, da die Impfstoffmengen weltweit noch bei weitem nicht ausreichen, um alle Erwachsenen zu immunisieren.
Manche Experten sehen allerdings die Impfung von Kindern als entscheidend für die Kontrolle der Pandemie an. Dadurch würden sie als potenzielles Reservoir für asymptomatische Infektionen ausgeschaltet und das Auftreten neuer Varianten werde besser verhindert, argumentieren diese.
Update vom 10. Juni 2021
STIKO: Keine allgemeine Empfehlung zur Impfung ab 12 Jahren
Startschuss für den digitalen Impfnachweis ? CovPass ab nächste Woche
?Angemessene? Vergütung für Nachtragungen
CovPass in allen EU-Ländern anerkannt
Infektion trotz Zweifach-Impfung ? AHA-Regeln behalten Bedeutung
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen nimmt weiter ab, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler haben Details zum neuen digitalen Impfnachweis vorgestellt und der STIKO-Chef Prof. Dr. Thomas Mertens äußert sich zu Fällen von schlechtem Impfschutz nach vollständiger Impfung bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem.
STIKO: Keine allgemeine Empfehlung zur Impfung ab 12 Jahren
Wie erwartet hat die STIKO sich gegen eine allgemeine Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen COVID-19 ausgesprochen. Wie es im Epidemiologischen Bulletin 23/2021 heißt, empfiehlt sie lediglich ?für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen aufgrund eines anzunehmenden erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung eine Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty® (BioNTech/Pfizer)?. Und weiter: ?Der Einsatz von Comirnaty® bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12-17 Jahren ohne Vorerkrankungen wird derzeit nicht allgemein empfohlen, ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich.?
In den vergangenen 24 Stunden wurden dem RKI 3.187 Corona-Neuinfektionen gemeldet (vor einer Woche 4.640). Die 7-Tage-Inzidenz lag laut RKI am Donnerstag erstmals unter 20 (bundesweit 19,3; Vortag: 20,8; Vorwoche: 34,1). Allerdings, so gab Wieler zu bedenken, seien die Fallzahlen immer noch etwa 10 Mal so hoch wie zur gleichen Zeit vor einem Jahr.
Zudem sind bundesweit in den letzten 24 Stunden 94 neue Todesfälle in Verbindung mit COVID-19 gemeldet worden ? vor einer Woche waren es noch 166 Tote gewesen. 47% der deutschen Bevölkerung sind laut Spahn nun mindestens einmal gegen SARS-CoV-2 geimpft.
Produktionsmängel: 60 Millionen J&J-Impfdosen für den Müll
Ausbrüche bei geimpften Heimbewohnern: Schlechtere Immunantwort
USA prüfen Fälle von Myokarditis bei jungen Menschen nach Impfung
Schwere Hirnentzündung als mögliche Folge einer COVID-19-Erkrankung
Ungeimpfte Kinder als "Virus-Reservoir" und "Brutstätte" neuer Varianten?
Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind bis Montagmorgen zum 1. Mal seit 8 Monaten weniger als 1.000 Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden gemeldet worden, die Gesundheitsämter meldeten nur 549 (Vorwoche 1117) Neuinfektionen mit COVID-19. Die 7-Tage-Inzidenz ist damit bundesweit auf 16,6 gefallen (Vortag: 17,3). Es gab nur 10 neue Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 deutschlandweit (Vorwoche 22).
"Epidemische Notlage" verlängert; Bundesnotbremse läuft Ende Juni aus
Der Bundestag hatte am Freitag trotz dieser niedrigen Zahlen auf Antrag der Fraktionen von Union und SPD die epidemische Notlage bis Ende September verlängert. Die erstmals im März 2020 vom Bundestag festgestellte ?epidemische Notlage von nationaler Tragweite" ermöglicht es, weitreichende Verordnungen gegen die Pandemie zu erlassen. Ohne Verlängerung wären die aktuellen Regelungen zum 30. Juni ausgelaufen.
Von den Abgeordneten stimmten 375 für die Verlängerung, 218 dagegen, 6 Abgeordnete enthielten sich. Die Fraktionen von FDP und AfD hatten sich gegen die Vorlage ausgesprochen. Durch die Verlängerung sollen rund 20 Verordnungen, die direkt von der festgestellten Notlage abhängen, fortgeführt werden; dazu gehören z.B. Regelungen zu Testangeboten. Im Gegensatz zur "epidemischen Notlage" soll die "Bundesnotbremse" am 30. Juni auslaufen. Mit dieser hatte der Bund im April verfügt, dass es möglich ist, einheitliche Corona-Schutzmaßnahmen in Gebieten mit hoher Inzidenz durchzusetzen.
Produktionsmängel: 60 Millionen J&J-Impfdosen für den Müll
In den USA ist nach Angaben der New York Times das Unternehmen Johnson & Johnson von den Behörden verpflichtet worden, fast 60 Millionen Impfdosen zu vernichten. Hintergrund sind festgestellte Produktionsmängel in einem Werk in Baltimore. Auch Deutschland wird von dieser Maßnahme betroffen: Das BGM erwartet, dass bis Ende Juni dadurch etwa 6,5 Millionen J&J-Impfdosen ausfallen, die nach Deutschland geliefert werden sollten.
Ausbrüche bei geimpften Heimbewohnern: Schlechtere Immunantwort
Wissenschaftler der Charité haben untersucht, warum es in Pflegeheimen " auch bei vollständiger Immunisierung der Bewohner " immer wieder zu größeren Coronavirus-Ausbrüchen kommt. Hauptgründe sind danach neben dem Auftreten neuerer Virusvarianten, eine verzögerte und geringere humorale und zelluläre Immunreaktion der Senioren auf die SARS-CoV-2-Impfung.
Basis der Analyse, die gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Gesundheitsbehörden erfolgte, waren Längsschnittstudien bei Personal und Bewohnern eines Pflegeheims in Berlin, in dem zwischen Februar und März 2021 bei 11 ungeimpften Pflegekräften und 20 Bewohnerinnen und Bewohnern eine SARS-CoV-2-Infektion festgestellt worden war. 16 der 20 infizierten Bewohner waren vollständig mit der BioNTech/Pfizer-Vakzine geimpft.
Der Ausbruch wurde von der Virusvariante B.1.1.7 (Alpha-Variante) ausgelöst, die mit einer höheren Virusmenge im Rachen und einer größeren Übertragbarkeit einhergeht. Alle 4 ungeimpften erkrankten Heimbewohner mussten stationär behandelt werden, außerdem 2 von den 16 geimpften Senioren. Allgemein verliefen die Erkrankungen bei den Ungeimpften schwerer als bei den Geimpften. Geimpfte hatten zudem tendenziell weniger Virus im Rachen und dies über einen kürzeren Zeitraum, nämlich im Schnitt für 8 Tage vs. 31 Tage bei Ungeimpften.
3 Wochen nach der 1. Impfdosis hatten 87% der im Schnitt 34jährigen Mitarbeiter Antikörper gegen SARS-CoV-2, aber nur 31% der geimpften Heimbewohner (> 70 Jahre). 4 Wochen nach der 2. Dosis hatten 99% der jungen Impflinge SARS-CoV-2-spezifische Antikörper gebildet und circa 91% der Senioren. Die Avidität der Antikörper war bei den Älteren geringer als bei Jüngeren und die T-Zellantworten fielen schwächer aus.
Fazit der Autoren: Die Immunantworten erreichten bei den Älteren nicht das Niveau von jungen Impflingen, daher bleibe die Immunisierung von deren Kontaktpersonen sehr wichtig ? ebenso wie die Beachtung von Hygienemaßnahmen und regelmäßige Tests der Betreuer und Besucher.
USA prüfen Fälle von Myokarditis bei jungen Menschen nach Impfung
Am Freitag den 18. Juni treten Experten des CDC's Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP) in den USA zusammen, um Fälle von Myokarditis zu überprüfen, die bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach der Gabe von mRNA-Impfstoffen gegen COVID-19 gemeldet wurden. Wie berichtet, scheint es eine Häufung von Fällen von Myokarditis vor allem bei jungen Männern, meist nach der 2. Dosis der Impfstoffe von Pfizer-BioNTech oder Moderna zu geben. Dabei treten die Symptome, typischerweise innerhalb von 3 Tagen nach der 2. Impfung auf.
Bei entsprechenden Symptomen solle ein Kardiologe hinzugezogen werden, raten die CDC. Trotzdem fordern sowohl die CDC als auch die American Heart Association/American Stroke Association (AHA/ASA), weiterhin alle Erwachsenen und Kinder ab 12 Jahren in den USA auf, sich so schnell wie möglich gegen COVID-19 impfen zu lassen.
Mit Stand vom 11. Juni 2021 berichten die CDC, dass seit dem 14. Dezember 2020 mehr als 306 Millionen Dosen des COVID-19-Impfstoffs in den USA verabreicht wurden und fast 43% der US-Amerikaner, mehr als 142 Millionen, vollständig geimpft sind. Laut CDC wurden bis zum 31. Mai 2021 dabei 789 Fälle von vermuteter Myokarditis gemeldet, davon 475 bei Personen unter 30 Jahren. 79 Fälle von vermuteter Myokarditis/Perikarditis betrafen Jugendliche im Alter von 16 oder 17 Jahren.
81% der 270 Patienten unter 30 Jahren mit Verdacht auf Myokarditis im Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung haben sich vollständig erholt, die restlichen 19% berichten über anhaltende Symptome oder es fehlen vollständige Daten.
196 Fälle von vermuteter Myokarditis nach COVID-19-Impfung wurden bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren gemeldet. Diese Inzidenz ist höher als für diese Altersgruppe zu erwarten ist. Nur etwa 9% der verabreichten COVID-19-Impfstoffdosen entfielen auf die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen.
Wie AHA/ASA mitteilen, sind sie ?weiterhin zuversichtlich?, dass der Nutzen der Impfung die möglichen Risiken bei weitem übersteigt?. Dabei seien auch für junge Menschen mögliche langfristige gesundheitliche Auswirkungen der Infektion und Spätfolgen auf das Herz, das Gehirn, das Gefäßsystem und andere Organe zu berücksichtigen. Die Experten verweisen darauf, dass eine Myokarditis auch die Folge einer kürzlich erfolgten Virusinfektion sein kann und der Zusammenhang mit dem Erhalt eines COVID-19-Impfstoffs nicht zweifelsfrei erwiesen sei, zumal die in den USA zugelassenen COVID-19-Impfstoffe kein lebendes Virus enthielten.
Junge Impfligen werden ermutigt, einen Arzt aufzusuchen, wenn sie in den Wochen nach der COVID-19-Impfung eines der folgenden Symptome haben: Brustschmerzen (v.a. wenn diesee plötzlich, scharf und stechend sind), Atembeschwerden/Atemnot; abnormaler Herzschlag; starke Kopfschmerzen; verschwommenes Sehen; Ohnmacht oder Verlust des Bewusstseins; Schwäche oder sensorische Veränderungen; Verwirrung oder Schwierigkeiten beim Sprechen; Krampfanfälle; unerklärliche Bauchschmerzen; oder neue Beinschmerzen oder Schwellungen.
Schwere Hirnentzündung als mögliche Folge einer COVID-19-Erkrankung
Ein Team von Forschenden des Universitätsklinikum Freiburg und des Exzellenzcluster CIBSS ? Centre for Integrative Biological Signalling Studies ? der Universität Freiburg um Prof. Dr. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor am Institut für Neuropathologie, und Prof. Dr. Dr. Bertram Bengsch, Sektionsleiter für Translationale Systemimmunologie in der Hepatogastroenterologie der Klinik für Innere Medizin II des Universitätsklinikums Freiburg, konnte jetzt nachweisen, dass sich bei COVID-19 eine schwere Entzündungsreaktion durch unterschiedliche Immunzellen um das Gefäßsystem und im zentralen Hirngewebe entwickeln kann. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe von Immunity veröffentlicht.
?Auch wenn es bereits Hinweise auf eine Beteiligung des Zentralen Nervensystems bei COVID-19 gab, hat uns das Ausmaß der Entzündung im Hirn überrascht?, kommentiert Erstautorin Henrike Salié die Studie. ?Gerade die vielen sogenannten Mikrogliaknötchen lassen sich im gesunden Hirn sonst nicht finden?, so Erstautor Dr. Marius Schwabenland. Durch die Anwendung einer neuartigen Messmethode, die bildgebende Massenzytometrie, konnten unterschiedliche Zelltypen des Immunsystems, sowie Virus-infizierte Zellen und deren räumliches Zusammenwirken in bisher unbekanntem Detail untersucht werden.
?Bisher war das Entzündungsmuster bei COVID-19 wenig verstanden. Auch im Vergleich zu anderen Hirnentzündungen sind die durch COVID-19 ausgelösten Entzündungsreaktionen einzigartig und weisen auf eine schwerste Störung der hirneigenen Immunantwort hin. Insbesondere die wesentlichen Abwehrzellen im Gehirn, sogenannte Mikrogliazellen, werden besonders stark aktiviert und es kommt zur Einwanderung von T-Killerzellen in das Hirngewebe und Entwicklung einer ausgeprägten Neuroinflammation im Hirnstamm?, erläutert Prinz.
?Die Immunveränderungen sind besonders in der Nähe kleiner Hirngefäße nachweisbar. In diesen Bereichen wird der Virus-Rezeptor ACE2 exprimiert, an den das Coronavirus andocken kann und dort war das Virus auch direkt nachweisbar?, ergänzt Bengsch. ?Es erscheint plausibel, dass die Immunantwort dort infizierte Zellen erkennt und sich die Entzündung dann auf das Nervengewebe ausbreitet und so für Beschwerden sorgt. Möglicherweise könnte eine frühzeitige immunmodulierende oder immunsuppressive Therapie die Entzündung reduzieren.?
Prof. Dr. Robert Thimme, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg, ergänzt: ?Während wir schon wussten, dass eine starke Immunantwort für eine Ausheilung der Coronavirus-Infektion benötigt wird, kann offensichtlich auch eine fehlgeleitete Immunantwort schwere Schädigungen hervorrufen.?
Ungeimpfte Kinder als ?Virus-Reservoir? und ?Brutstätte? neuer Varianten?
Zur Diskussion, ob auch Kinder (vorrangig) gegen COVID-19 geimpft werden sollten, nimmt ein Artikel in Nature Stellung. In vielen Teilen der Welt seien auch die Infektionen bei Kindern als Folge der Massenimpfungen von Erwachsenen zurückgegangen. Doch es herrsche unter Experten Uneinigkeit darüber, heißt es, ob ungeimpfte Kinder nicht zu einem ?Reservoir" für die Infektion werden können ? und damit zu einer potenziellen Brutstätte für das Auftreten neuer Varianten.
Dem scheint nach den Daten einer brasilianischen Studie aus der kleinen Stadt Serrana im brasilianischen Bundesstaat São Paulo nicht so zu sein. In der Stadt sind im Rahmen eines Projektes 98% der Erwachsenen geimpft worden ? allerdings mit der chinesischen Vakzine von Sinovac, der eine geringere Wirksamkeit von nur rund 50% gegen symptomatische Infektionen bescheinigt wird.
Wie Forscher des Butantan-Instituts in São Paulo auf einer Pressekonferenz letzte Woche berichtet haben, sanken nach dem Impfprogramm jedoch die symptomatischen Fälle von COVID-19 um 80% und die Todesfälle um 95%. Obwohl 62% der 45.000 Einwohner von Serrana Erwachsene sind, gab es einen ähnlichen Rückgang der symptomatischen Infektionen auch bei ungeimpften Kindern.
?Es war eine unserer Befürchtungen dass, wenn man alle anderen impft, sich die Krankheit wahrscheinlich bei den Kindern und Jugendlichen konzentrieren wird", so die Untersucher. ?Aber das haben wir nicht gesehen."
Ähnlich sind die Erfahrungen in anderen Ländern mit hohen Impfraten. So sind z.B. in USA die Fälle bei Kindern und Jugendlichen zwischen Januar und Mai um 84% zurückgegangen. Dies obwohl erst etwas mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung ? überwiegend Erwachsene ? mindestens eine Impfdosis erhalten hat.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass Kinder das Virus mit geringerer Wahrscheinlichkeit übertragen als Erwachsene ? ein weiterer Grund, warum die Befürchtungen sie könnten als Virus-Reservoir fungieren, vielleicht nicht zutreffen.
In Israel sind die Infektionsraten bei denjenigen, die für eine Impfung in Frage kommen, ebenfalls stark gesunken, von 559/100.000 bei den über 16-Jährigen Mitte Januar auf nur noch 1,5/100.000. Die meisten Schulen sind seit März wieder geöffnet, doch auch bei den ungeimpften Kindern sank die Inzidenz in ähnlichem Ausmaß von 546 auf 1,5 bei den unter 11-Jährigen.
Dies deute darauf hin, dass Kinder am häufigsten von Erwachsenen angesteckt werden, kommentiert Dr. Eric Haas, ein Kinderarzt für Infektionskrankheiten und Epidemiologe am israelischen Gesundheitsministerium in Jerusalem. ?Sonst würde man erwarten, dass sich die Kinder, wenn sie wieder in die Schule gehen, massenhaft gegenseitig anstecken."
Es gibt aber auch andere Interpretationen. So zeichnen britische Daten, wo die Impfrate bei 60 % liegt, ein komplizierteres Bild: Bis Ende Mai waren dort die Infektionen bei Schülern der Sekundarstufe von einem Höchststand von etwa 600/100.000 im Januar auf weniger als 100/100.000 gesunken. Bei jüngeren Schulkindern sind die Zahlen noch niedriger.
Doch deuten nun jüngste Daten darauf hin, dass ungeimpfte Kinder immer noch wichtige Überträger des Virus sein könnten. Im Mai gab es fast 100 Ausbrüche ? definiert als 2 oder mehr Fälle ? in Grund- und weiterführenden Schulen in England. Dies allerdings bei insgesamt rund 25.000 Schulen in England. Auch hat sich die Gesamtinfektionsrate bei Kindern im Schulalter in den 6 Wochen nach der Wiedereröffnung der Schulen kaum verändert.
Das Ausmaß, in dem ungeimpfte Kinder als Überträger fungieren, hat Auswirkungen darauf, ob sie geimpft werden sollten, sobald die erwachsene Bevölkerung geimpft wurde ? eine Frage, die heiß diskutiert wird. In den USA, wo die FDA bereits am 10. Mai den BioNTech-Impfstoff für Kinder ab einem Alter von 12 Jahren zugelassen hat, haben inzwischen mehr als 7 Millionen Kinder mindestens eine Dosis erhalten.
Allerdings argumentiert die WHO, dass aufgrund des geringen Risikos für einen schweren Verlauf bei Kindern deren Impfung keine Priorität hat, da die Impfstoffmengen weltweit noch bei weitem nicht ausreichen, um alle Erwachsenen zu immunisieren.
Manche Experten sehen allerdings die Impfung von Kindern als entscheidend für die Kontrolle der Pandemie an. Dadurch würden sie als potenzielles Reservoir für asymptomatische Infektionen ausgeschaltet und das Auftreten neuer Varianten werde besser verhindert, argumentieren diese.
Update vom 10. Juni 2021
STIKO: Keine allgemeine Empfehlung zur Impfung ab 12 Jahren
Startschuss für den digitalen Impfnachweis ? CovPass ab nächste Woche
?Angemessene? Vergütung für Nachtragungen
CovPass in allen EU-Ländern anerkannt
Infektion trotz Zweifach-Impfung ? AHA-Regeln behalten Bedeutung
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen nimmt weiter ab, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler haben Details zum neuen digitalen Impfnachweis vorgestellt und der STIKO-Chef Prof. Dr. Thomas Mertens äußert sich zu Fällen von schlechtem Impfschutz nach vollständiger Impfung bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem.
STIKO: Keine allgemeine Empfehlung zur Impfung ab 12 Jahren
Wie erwartet hat die STIKO sich gegen eine allgemeine Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen COVID-19 ausgesprochen. Wie es im Epidemiologischen Bulletin 23/2021 heißt, empfiehlt sie lediglich ?für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen aufgrund eines anzunehmenden erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung eine Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty® (BioNTech/Pfizer)?. Und weiter: ?Der Einsatz von Comirnaty® bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12-17 Jahren ohne Vorerkrankungen wird derzeit nicht allgemein empfohlen, ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich.?
In den vergangenen 24 Stunden wurden dem RKI 3.187 Corona-Neuinfektionen gemeldet (vor einer Woche 4.640). Die 7-Tage-Inzidenz lag laut RKI am Donnerstag erstmals unter 20 (bundesweit 19,3; Vortag: 20,8; Vorwoche: 34,1). Allerdings, so gab Wieler zu bedenken, seien die Fallzahlen immer noch etwa 10 Mal so hoch wie zur gleichen Zeit vor einem Jahr.
Zudem sind bundesweit in den letzten 24 Stunden 94 neue Todesfälle in Verbindung mit COVID-19 gemeldet worden ? vor einer Woche waren es noch 166 Tote gewesen. 47% der deutschen Bevölkerung sind laut Spahn nun mindestens einmal gegen SARS-CoV-2 geimpft.
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Mal ganz ehrlich
che2001, 13:09h
Das Paul-Ehrlich-Institut zum Thema ADE bei Covid19-Impfungen:
https://www.pei.de/SharedDocs/FAQs/DE/coronavirus/coronavirus-infektionsverstaerkende-antikoerper-ade.html
Wann werden die Verschwörungsschwurbler mal dahin kommen, festzustellen, dass es den großen Corona-Betrug gar nicht gibt?
https://www.pei.de/SharedDocs/FAQs/DE/coronavirus/coronavirus-infektionsverstaerkende-antikoerper-ade.html
Wann werden die Verschwörungsschwurbler mal dahin kommen, festzustellen, dass es den großen Corona-Betrug gar nicht gibt?
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Donnerstag, 10. Juni 2021
Optogenetische Therapie bewirkt kleines "Wunder": Funktionell Erblindeter kann nach 40 Jahren wieder rudimentär sehen
che2001, 20:05h
Dr. Bianca Bach
Erstmals ist es mit einer optogenetischen Therapie mithilfe einer signalverstärkenden Brille gelungen, einem durch eine Retinitis pigmentosa (RP) funktionell erblindeten Menschen wieder zu einem rudimentären Sehvermögen zu verhelfen. Prof. Dr. José-Alain Sahel vom Institut de la Vision an der Universität Sorbonne, Paris, stellte die Fallstudie jetzt in Nature Medicine vor.
Die neue Studie ist ein sehr bedeutender Schritt auf dem langen und schwierigen Weg, eine visuelle Prothese zu entwickeln. Prof. Dr. Michael Schmid
40 Jahre zuvor war die erbliche, neurodegenerative Augenerkrankung bei dem inzwischen 58-jährigen Patienten diagnostiziert worden. Zu Studienbeginn nahm er gerade noch Licht wahr, erkannte aber nichts. Nach Therapie konnte er im Verlauf des Follow-ups über 84 Wochen wieder verschiedene Objekte wahrnehmen und sie auch lokalisieren, zählen und gezielt berühren. Zugleich ließ sich im Mehrkanal-Elektroenzephalogramm (EEG) eine objektbezogene Hirnaktivität über dem visuellen Kortex ableiten.
?Sehr ermutigend? findet Prof. Dr. Michael Schmid vom Departement für Neuro- und Bewegungswissenschaften der Universität im schweizerischen Freiburg die berichteten Sehleistungen des Patienten. ?Die neue Studie ist ein sehr bedeutender Schritt auf dem langen und schwierigen Weg, eine visuelle Prothese zu entwickeln.? Ansätze dafür würden schon seit Jahrzehnten mit wechselndem Erfolg erprobt. ?Neu und spannend ist der Weg über die Optogenetik.?
Dies ist ein wichtiger Fallbericht und zugleich die erste in einer Fachzeitschrift veröffentlichte Studie über eine optogenetische Therapie zur Wiederherstellung des Sehvermögens. Prof. Dr. Zuho-Hua Pan
?Dies ist ein wichtiger Fallbericht und zugleich die erste in einer Fachzeitschrift veröffentlichte Studie über eine optogenetische Therapie zur Wiederherstellung des Sehvermögens?, betont auch Prof. Dr. Zuho-Hua Pan vom Kresge Eye Institute an der Wayne State University School of Medicine in den USA. Er ist einer der Pioniere der Technologie. ?Leider konnte die Studie nur einen behandelten Patienten mit der niedrigsten Dosis trainieren und testen. Das wiederhergestellte Sehvermögen scheint zudem stark begrenzt zu sein.?
Designerproteine mit Lichtpulsen stimulieren
Optogenetische Technologien ermöglichen es, die Aktivität von Zellen mit Licht zu kontrollieren. Mit einer Gentherapie schleust man dabei zunächst Fremd-Gene in Zielzellen ein, die anhand der genetischen Information lichtempfindliche Ionenkanäle, Transportproteine oder Enzyme produzieren. Diese Designerproteine wiederum können mit Lichtpulsen stimuliert werden und dann beispielsweise, wie im aktuellen Fallbericht, Ganglienzellen in der Netzhaut erregen. Diese leiten dann idealerweise elektrische Signale an höhere Hirnzentren weiter.
Mithilfe eines adeno-assoziierten Virus als Genfähre wurden dem Patienten einmalig 5 x 1010 Vektorgenome für das Protein ChrimsonR zusammen mit dem Fusionsprotein tdTomato in den Glaskörper des stärker betroffenen Auges injiziert ? nahe an die Fovea centralis, die Stelle des schärfsten Sehens.
Das Kanalrhodopsin ChrimsonR ist ein lichtempfindlicher Ionenkanal. Die Kombination mit dem rot-fluoreszierenden tdTomato erhöht die Expression von ChrimsonR auf der Zellmembran. ChrimsonR-tdTomato ist besonders empfindlich für Licht auf Wellenlängen um 590 nm. Das entspricht der Farbe von Bernstein an der Grenze von Gelb zu Orange. Solches Licht sei, so Sahel, sicherer und veranlasse die Pupille weniger, sich zu verengen, als blaues Licht, wie es für viele andere Sensoren verwendet werde.
Neuromorphe Kamera als Spezialbrille
In die verwendete Spezialbrille ist eine sogenannte neuromorphe Kamera eingebaut. Sie registriert Pixel für Pixel Unterschiede in der Lichtintensität in der Umgebung. Das transformiert sie in monochromatische Bilder und projiziert diese in Echtzeit mit 595 nm-Lichtpulsen auf die Netzhaut.
Diese Brille müsse vor allem verwenden werden, weil Kanalrhodopsin-exprimierende Netzhautneuronen im Allgemeinen nur eine geringe Lichtempfindlichkeit aufweisen, so dass man sehr helles Licht über die Brille projizieren müsste, um die transduzierten Neuronen in der Netzhaut zu aktivieren, erläuterte Pan.
Für die Aktivierung der ChrimsonR-tdTomato-transduzierten Netzhautneurone waren Lichtintensitäten von mindestens 1015 Photonen pro Quadratzentimeter und Sekunde erforderlich.
Verbesserung des Sehvermögens nach 7 Monaten
Vor der Injektion änderte die Brille nichts an der visuellen Wahrnehmung des Patienten. Nach 4,5 Monaten begannen die Forscher, ihn regelmäßig damit trainieren zu lassen. Ab dem 7. Monat bemerkte er bei Nutzung der Spezialbrille eine allmähliche Verbesserung seines Sehvermögens. Dies testeten die Wissenschaftler, in dem sie ihm in einem Abstand von 60 cm zu seinem Auge in einer zufälligen Reihenfolge und auch einmal 20 cm zur Seite verschoben, Objekte verschiedener Größe und in 3 Grauabstufungen auf einem weißen Tisch vorlegten. Es handelte sich um einen großen Gegenstand ? ein Notebook ? und um eine kleine Schachtel mit Heftklammern.
Das größere Objekt vermochte der Patient bei 36 von 39 Versuchen und damit in 92% der Fälle zu erkennen, zu lokalisieren und auch zu berühren. Das gelang signifikant besser als bei dem kleinen Objekt, bei dem nur 36% von 45 Versuchen erfolgreich waren. Die Graustufen machten keinen relevanten Unterschied.
In einem zweiten Test musste der Patient 2 oder 3 Becher, die an je einer von 6 möglichen Positionen in 60 bis 80cm Entfernung vom Patientenauge aufgestellt wurden, erkennen, zählen und darauf zeigen. Dafür hatte er je 15 Sekunden Zeit. Erkennen und Zählen gelang in 63% der Versuche, das Lokalisieren in 58%.
5 Monate später, in Woche 72, sollte der Patient in einem dritten Test jeweils entscheiden, ob ein Becher an einer fixen Position aufgestellt war oder nicht. Dabei erfolgten EEG-Ableitungen. Die Objekt-getriggerte optogenetische Stimulation führte dazu, dass die okzipital über der visuellen Hirnrinde abgeleiteten 14-Hertz-Alphawellen signifikant desynchronisierten ? ein Hinweis darauf, dass das teilweise Wiedererlangen der Sehkraft auch mit einer entsprechenden neuronalen Aktivität verbunden war.
Nach Protokoll erfolgten alle Tests in Innenräumen. Doch die Forscher interessierte auch, wie der Patient bei Bewegung im Freien zurechtkam. Tatsächlich konnte er Zebrastreifen erkennen und die weißen Streifen zählen. Im Verlauf berichtete er auch, im Alltag Teller, Tasse und Telefon zu erkennen, sowie Möbelstücke und Türen in einem Gang.
Vor und nach dem Eingriff wurde der Patient regelmäßig augenärztlich untersucht. Mit besonderem Augenmerk auf die Netzhautanatomie: Sie wurde mittels optischer Kohärenz-Tomographie (OCT), sowie anhand von Farbfotographien und Autofluoreszenzbildern des Augenhintergrunds begutachtet. Es wurden keine Veränderungen beobachtet. Intraokuläre Entzündungen oder andere unerwünschte Wirkungen am Auge oder allgemein traten nicht in Erscheinung.
?Eine Expression von Fotorezeptoren in Sekundärzellen der Retina wird nie die volle Sehfähigkeit zurückbringen können?, räumte Hegemann ein. ?Allerdings ist die Tatsache, dass ein optogenetisch behandelter Patient sich in seiner Umgebung visuell orientieren und die Zebrastreifen auf der Straße zählen kann, sicherlich ein toller Erfolg und ein Gewinn an Lebensqualität.?
Noch zahlreiche Verbesserungen nötig
Es sei derzeit noch unklar, wie lange nach der Erblindung das Gehirn noch die Fähigkeit habe, neue optogenetischen Signale zu verstehen und damit, wie lange nach Erblindung eine Therapie möglich sei?, erläutert Prof. Dr. Peter Hegemann von der Humboldt-Universität in Berlin.
?Interessanterweise?, so Pan, ?musste der Patient während der Sehtests eine Head-Scanning-Strategie anwenden.? Um Objekte aufzufinden, bewegte er den Kopf. ?Es ist nicht klar, ob der Patient überhaupt Sehschärfe gewonnen hat.?
Die Studienautoren vermuten, dass das optogenetisch aktivierte Netzhautareal insgesamt relativ klein ist. Objekte können daher nicht erkannt werden, wenn sie nicht in einer Linie mit dem Kamerazentrum liegen. Vom Primaten-Tiermodell her sei beim Menschen eine optogenetische Expression in einem Netzhautbereich von 2,5 mm Durchmesser zu erwarten.
?Die Expression wird in Zukunft noch gleichmäßiger über die Retina erfolgen müssen, es werden sicherlich weitere Kanalrhodopsine mit höheren Leitfähigkeiten eingesetzt werden und die Virustechnologie der Gentherapie wird sich sicherlich weiter verbessern müssen?, so Neurowissenschaftler Hegemann.
Schmid betont, dass es sich erst um ?einen allerersten Schritt beim Menschen? handelt. Um Therapieempfehlungen abzuleiten, sei es zu früh. ?Dafür werden Untersuchungen über einen längeren Zeitraum und an einer größeren Stichprobe von Patienten benötigt.?
Weitere Studienteilnehmer, alternative Verfahren
Der Patient, über den Sahel und Kollegen berichten, ist einer von geplant insgesamt 15 Teilnehmern der offenen Phase I/II-Studie PIONEER mit dem Gentherapievektor GS030-DP der Pariser Firma GeneSight Biologics. Andere Unternehmen arbeiten ebenfalls an optogenetischen Therapien für RP-Betroffene.
Pan berichtete beispielsweise von eigenen Modellversuchen mit einem lichtempfindlicheren Kanalrhodopsin. Es habe bei blinden Mäusen schon bei 1013-1015 Photonen/cm2/s Lichtintensität das funktionelle Sehvermögen wiederhergestellt ? was in etwa dem Übergang von Straßenbeleuchtung zur Helligkeit in einem Operationssaal entspreche. ?Wenn sich dies auf den Menschen übertragen ließe, bräuchten die behandelten Patienten bei den meisten normal vorkommenden Lichtverhältnissen keine Brille mehr zu tragen?, sagt der Biophysiker.
Weitere alternative Verfahren, die bei RP erforscht werden, sind etwa Stammzellbehandlungen und elektrische Retina-Chips. Und Gentherapien, die das jeweils defekte Gen ersetzen. Eine solche ist bereits zugelassen, aber bislang nur für RP-Patienten mit Mutationen im Gen RPE65, die noch über ausreichend lebensfähige Netzhautzellen verfügen. Insgesamt sind mehr als 71 verschiedene Genmutationen als Ursache einer RP bekannt. Weltweit leiden über 2 Millionen Menschen daran.
Erstmals ist es mit einer optogenetischen Therapie mithilfe einer signalverstärkenden Brille gelungen, einem durch eine Retinitis pigmentosa (RP) funktionell erblindeten Menschen wieder zu einem rudimentären Sehvermögen zu verhelfen. Prof. Dr. José-Alain Sahel vom Institut de la Vision an der Universität Sorbonne, Paris, stellte die Fallstudie jetzt in Nature Medicine vor.
Die neue Studie ist ein sehr bedeutender Schritt auf dem langen und schwierigen Weg, eine visuelle Prothese zu entwickeln. Prof. Dr. Michael Schmid
40 Jahre zuvor war die erbliche, neurodegenerative Augenerkrankung bei dem inzwischen 58-jährigen Patienten diagnostiziert worden. Zu Studienbeginn nahm er gerade noch Licht wahr, erkannte aber nichts. Nach Therapie konnte er im Verlauf des Follow-ups über 84 Wochen wieder verschiedene Objekte wahrnehmen und sie auch lokalisieren, zählen und gezielt berühren. Zugleich ließ sich im Mehrkanal-Elektroenzephalogramm (EEG) eine objektbezogene Hirnaktivität über dem visuellen Kortex ableiten.
?Sehr ermutigend? findet Prof. Dr. Michael Schmid vom Departement für Neuro- und Bewegungswissenschaften der Universität im schweizerischen Freiburg die berichteten Sehleistungen des Patienten. ?Die neue Studie ist ein sehr bedeutender Schritt auf dem langen und schwierigen Weg, eine visuelle Prothese zu entwickeln.? Ansätze dafür würden schon seit Jahrzehnten mit wechselndem Erfolg erprobt. ?Neu und spannend ist der Weg über die Optogenetik.?
Dies ist ein wichtiger Fallbericht und zugleich die erste in einer Fachzeitschrift veröffentlichte Studie über eine optogenetische Therapie zur Wiederherstellung des Sehvermögens. Prof. Dr. Zuho-Hua Pan
?Dies ist ein wichtiger Fallbericht und zugleich die erste in einer Fachzeitschrift veröffentlichte Studie über eine optogenetische Therapie zur Wiederherstellung des Sehvermögens?, betont auch Prof. Dr. Zuho-Hua Pan vom Kresge Eye Institute an der Wayne State University School of Medicine in den USA. Er ist einer der Pioniere der Technologie. ?Leider konnte die Studie nur einen behandelten Patienten mit der niedrigsten Dosis trainieren und testen. Das wiederhergestellte Sehvermögen scheint zudem stark begrenzt zu sein.?
Designerproteine mit Lichtpulsen stimulieren
Optogenetische Technologien ermöglichen es, die Aktivität von Zellen mit Licht zu kontrollieren. Mit einer Gentherapie schleust man dabei zunächst Fremd-Gene in Zielzellen ein, die anhand der genetischen Information lichtempfindliche Ionenkanäle, Transportproteine oder Enzyme produzieren. Diese Designerproteine wiederum können mit Lichtpulsen stimuliert werden und dann beispielsweise, wie im aktuellen Fallbericht, Ganglienzellen in der Netzhaut erregen. Diese leiten dann idealerweise elektrische Signale an höhere Hirnzentren weiter.
Mithilfe eines adeno-assoziierten Virus als Genfähre wurden dem Patienten einmalig 5 x 1010 Vektorgenome für das Protein ChrimsonR zusammen mit dem Fusionsprotein tdTomato in den Glaskörper des stärker betroffenen Auges injiziert ? nahe an die Fovea centralis, die Stelle des schärfsten Sehens.
Das Kanalrhodopsin ChrimsonR ist ein lichtempfindlicher Ionenkanal. Die Kombination mit dem rot-fluoreszierenden tdTomato erhöht die Expression von ChrimsonR auf der Zellmembran. ChrimsonR-tdTomato ist besonders empfindlich für Licht auf Wellenlängen um 590 nm. Das entspricht der Farbe von Bernstein an der Grenze von Gelb zu Orange. Solches Licht sei, so Sahel, sicherer und veranlasse die Pupille weniger, sich zu verengen, als blaues Licht, wie es für viele andere Sensoren verwendet werde.
Neuromorphe Kamera als Spezialbrille
In die verwendete Spezialbrille ist eine sogenannte neuromorphe Kamera eingebaut. Sie registriert Pixel für Pixel Unterschiede in der Lichtintensität in der Umgebung. Das transformiert sie in monochromatische Bilder und projiziert diese in Echtzeit mit 595 nm-Lichtpulsen auf die Netzhaut.
Diese Brille müsse vor allem verwenden werden, weil Kanalrhodopsin-exprimierende Netzhautneuronen im Allgemeinen nur eine geringe Lichtempfindlichkeit aufweisen, so dass man sehr helles Licht über die Brille projizieren müsste, um die transduzierten Neuronen in der Netzhaut zu aktivieren, erläuterte Pan.
Für die Aktivierung der ChrimsonR-tdTomato-transduzierten Netzhautneurone waren Lichtintensitäten von mindestens 1015 Photonen pro Quadratzentimeter und Sekunde erforderlich.
Verbesserung des Sehvermögens nach 7 Monaten
Vor der Injektion änderte die Brille nichts an der visuellen Wahrnehmung des Patienten. Nach 4,5 Monaten begannen die Forscher, ihn regelmäßig damit trainieren zu lassen. Ab dem 7. Monat bemerkte er bei Nutzung der Spezialbrille eine allmähliche Verbesserung seines Sehvermögens. Dies testeten die Wissenschaftler, in dem sie ihm in einem Abstand von 60 cm zu seinem Auge in einer zufälligen Reihenfolge und auch einmal 20 cm zur Seite verschoben, Objekte verschiedener Größe und in 3 Grauabstufungen auf einem weißen Tisch vorlegten. Es handelte sich um einen großen Gegenstand ? ein Notebook ? und um eine kleine Schachtel mit Heftklammern.
Das größere Objekt vermochte der Patient bei 36 von 39 Versuchen und damit in 92% der Fälle zu erkennen, zu lokalisieren und auch zu berühren. Das gelang signifikant besser als bei dem kleinen Objekt, bei dem nur 36% von 45 Versuchen erfolgreich waren. Die Graustufen machten keinen relevanten Unterschied.
In einem zweiten Test musste der Patient 2 oder 3 Becher, die an je einer von 6 möglichen Positionen in 60 bis 80cm Entfernung vom Patientenauge aufgestellt wurden, erkennen, zählen und darauf zeigen. Dafür hatte er je 15 Sekunden Zeit. Erkennen und Zählen gelang in 63% der Versuche, das Lokalisieren in 58%.
5 Monate später, in Woche 72, sollte der Patient in einem dritten Test jeweils entscheiden, ob ein Becher an einer fixen Position aufgestellt war oder nicht. Dabei erfolgten EEG-Ableitungen. Die Objekt-getriggerte optogenetische Stimulation führte dazu, dass die okzipital über der visuellen Hirnrinde abgeleiteten 14-Hertz-Alphawellen signifikant desynchronisierten ? ein Hinweis darauf, dass das teilweise Wiedererlangen der Sehkraft auch mit einer entsprechenden neuronalen Aktivität verbunden war.
Nach Protokoll erfolgten alle Tests in Innenräumen. Doch die Forscher interessierte auch, wie der Patient bei Bewegung im Freien zurechtkam. Tatsächlich konnte er Zebrastreifen erkennen und die weißen Streifen zählen. Im Verlauf berichtete er auch, im Alltag Teller, Tasse und Telefon zu erkennen, sowie Möbelstücke und Türen in einem Gang.
Vor und nach dem Eingriff wurde der Patient regelmäßig augenärztlich untersucht. Mit besonderem Augenmerk auf die Netzhautanatomie: Sie wurde mittels optischer Kohärenz-Tomographie (OCT), sowie anhand von Farbfotographien und Autofluoreszenzbildern des Augenhintergrunds begutachtet. Es wurden keine Veränderungen beobachtet. Intraokuläre Entzündungen oder andere unerwünschte Wirkungen am Auge oder allgemein traten nicht in Erscheinung.
?Eine Expression von Fotorezeptoren in Sekundärzellen der Retina wird nie die volle Sehfähigkeit zurückbringen können?, räumte Hegemann ein. ?Allerdings ist die Tatsache, dass ein optogenetisch behandelter Patient sich in seiner Umgebung visuell orientieren und die Zebrastreifen auf der Straße zählen kann, sicherlich ein toller Erfolg und ein Gewinn an Lebensqualität.?
Noch zahlreiche Verbesserungen nötig
Es sei derzeit noch unklar, wie lange nach der Erblindung das Gehirn noch die Fähigkeit habe, neue optogenetischen Signale zu verstehen und damit, wie lange nach Erblindung eine Therapie möglich sei?, erläutert Prof. Dr. Peter Hegemann von der Humboldt-Universität in Berlin.
?Interessanterweise?, so Pan, ?musste der Patient während der Sehtests eine Head-Scanning-Strategie anwenden.? Um Objekte aufzufinden, bewegte er den Kopf. ?Es ist nicht klar, ob der Patient überhaupt Sehschärfe gewonnen hat.?
Die Studienautoren vermuten, dass das optogenetisch aktivierte Netzhautareal insgesamt relativ klein ist. Objekte können daher nicht erkannt werden, wenn sie nicht in einer Linie mit dem Kamerazentrum liegen. Vom Primaten-Tiermodell her sei beim Menschen eine optogenetische Expression in einem Netzhautbereich von 2,5 mm Durchmesser zu erwarten.
?Die Expression wird in Zukunft noch gleichmäßiger über die Retina erfolgen müssen, es werden sicherlich weitere Kanalrhodopsine mit höheren Leitfähigkeiten eingesetzt werden und die Virustechnologie der Gentherapie wird sich sicherlich weiter verbessern müssen?, so Neurowissenschaftler Hegemann.
Schmid betont, dass es sich erst um ?einen allerersten Schritt beim Menschen? handelt. Um Therapieempfehlungen abzuleiten, sei es zu früh. ?Dafür werden Untersuchungen über einen längeren Zeitraum und an einer größeren Stichprobe von Patienten benötigt.?
Weitere Studienteilnehmer, alternative Verfahren
Der Patient, über den Sahel und Kollegen berichten, ist einer von geplant insgesamt 15 Teilnehmern der offenen Phase I/II-Studie PIONEER mit dem Gentherapievektor GS030-DP der Pariser Firma GeneSight Biologics. Andere Unternehmen arbeiten ebenfalls an optogenetischen Therapien für RP-Betroffene.
Pan berichtete beispielsweise von eigenen Modellversuchen mit einem lichtempfindlicheren Kanalrhodopsin. Es habe bei blinden Mäusen schon bei 1013-1015 Photonen/cm2/s Lichtintensität das funktionelle Sehvermögen wiederhergestellt ? was in etwa dem Übergang von Straßenbeleuchtung zur Helligkeit in einem Operationssaal entspreche. ?Wenn sich dies auf den Menschen übertragen ließe, bräuchten die behandelten Patienten bei den meisten normal vorkommenden Lichtverhältnissen keine Brille mehr zu tragen?, sagt der Biophysiker.
Weitere alternative Verfahren, die bei RP erforscht werden, sind etwa Stammzellbehandlungen und elektrische Retina-Chips. Und Gentherapien, die das jeweils defekte Gen ersetzen. Eine solche ist bereits zugelassen, aber bislang nur für RP-Patienten mit Mutationen im Gen RPE65, die noch über ausreichend lebensfähige Netzhautzellen verfügen. Insgesamt sind mehr als 71 verschiedene Genmutationen als Ursache einer RP bekannt. Weltweit leiden über 2 Millionen Menschen daran.
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Startschuss für den digitalen Impfpass; Neuinfektionen trotz zweiter Impfung
che2001, 20:02h
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen nimmt weiter ab, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler haben Details zum neuen digitalen Impfnachweis vorgestellt und der STIKO-Chef Prof. Dr. Thomas Mertens äußert sich zu Fällen von schlechtem Impfschutz nach vollständiger Impfung bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem.
In den vergangenen 24 Stunden wurden dem RKI 3.187 Corona-Neuinfektionen gemeldet (vor einer Woche 4.640). Die 7-Tage-Inzidenz lag laut RKI am Donnerstag erstmals unter 20 (bundesweit 19,3; Vortag: 20,8; Vorwoche: 34,1). Allerdings, so gab Wieler zu bedenken, seien die Fallzahlen immer noch etwa 10 Mal so hoch wie zur gleichen Zeit vor einem Jahr.
Zudem sind bundesweit in den letzten 24 Stunden 94 neue Todesfälle in Verbindung mit COVID-19 gemeldet worden ? vor einer Woche waren es noch 166 Tote gewesen. 47% der deutschen Bevölkerung sind laut Spahn nun mindestens einmal gegen SARS-CoV-2 geimpft.
Startschuss für den digitalen Impfnachweis ? CovPass ab nächste Woche
?Zufrieden? äußerte sich Spahn bei der heutigen Pressekonferenz mit den derzeitigen Entwicklungen: Sinkende Infektionszahlen und weniger COVID-Patienten in den Intensivstationen, immer mehr Impfungen und Lockerungen zählte er zu seiner Erfolgsliste. Und ab jetzt komme auch noch der digitale Impfpass hinzu.
Noch in diesem Monat soll dieser in Deutschland verfügbar sein. Dafür gibt es zum einen eine neue App mit Namen CovPass, die man sich in den nächsten Tagen in den App-Stores herunterladen kann. Zum anderen erhält auch die Corona-Warn-App des Bundes in den nächsten Tagen eine entsprechende Aktualisierung. Ärzte und Impfzentren sollen die Impfzertifikate dann ausstellen können.
Was die nachträgliche Zertifizierung für die bereits vollständig Geimpften angeht, bremste Spahn allzu hohe Erwartungen an das Tempo: ?Es geht jetzt los, Schritt für Schritt", sagte er. Geimpfte bekämen den entsprechenden QR-Code für die Übertragung auf das Mobiltelefon entweder von den Impfzentren zugeschickt oder ab kommender Woche unter Vorlage des gelben Papier-Impfpasses in Apotheken. Auch der Apothekerverband hat sich bereits geäußert, dass es noch einige Zeit dauern könne, bis dieser Service in den Apotheken flächendeckend verfügbar sei.
Auch der Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Gassen warnt vor zu hohen Erwartungen: ?Nicht sofort flächendeckend, sondern zunächst nur im Rahmen einer begrenzten Testphase wird der digitale Impfnachweis in Deutschland starten?, schreibt er in einer gemeinsamen Erklärung mit seinen Vorstandskollegen Dr. Stephan Hofmeister und Dr. Thomas Kriedel. Bislang könnten niedergelassenen Hausärzte und Fachärzte digitale Impfzertifikate noch nicht ausstellen, außer, wenn sie in Modellvorhaben eingebunden seien.
?Noch sind die technischen Voraussetzungen und Klarheit über genaue technische Abläufe in den Praxen nicht gegeben. Für eine flächendeckende Anwendung wird das die Voraussetzung sein?, erklärte Hofmeister. ?Der digitale Nachweis ist eine freiwillige Ergänzung des weiter gültigen gelben Impfheftes aus Papier?, so Kriedel.
Deutschland setze damit ein Vorhaben der Europäischen Union um. ?Urlaubsreisen scheitern ohne das digitale Impfzertifikat aber nicht?, betonte er. ?Der gelbe Impfausweis ist die internationale Bescheinigung über Impfungen und bei Auslandsreisen das Nachweisdokument erster Wahl.?
?Angemessene? Vergütung für Nachtragungen
Die Apotheken sollen eine ?angemessene Vergütung? erhalten, sagte Spahn. ?Hätten wir einen Preis genommen, der den Aufwand nicht angemessen berücksichtigt, dann würden viele Apotheken nicht mitmachen." Er betonte das ?hohe Interesse, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Nacheintragungen machen können?.
Nach Angaben der Ärztezeitung erhalten Ärzte und Apotheker für nachträgliche Zertifikate für Impflinge, die im Impfzentrum oder bei anderen Ärzten, geimpft wurden, 18 Euro ? für Impflinge der eigenen Praxis allerdings nur 6 bzw. 2 Euro.
CovPass in allen EU-Ländern anerkannt
Ronald Fritz, CovPass-Projektmanager von IBM, gab Auskunft zu den Funktionalitäten der CovPass-App für den digitalen Impfnachweis. Es würden nur Impfzertifikate akzeptiert, die EU-konform sind und von autorisierten Stellen in Deutschland ausgestellt wurden. Dokumentiert weder der ?volle Impfschutz? mit in der EU zugelassenen Vakzinen (2 Wochen nach der letzten Impfung) oder der ?Genesenen-Status? mittels PCR-Testergebnis. Spahn ergänzte später auf Nachfrage, dass auch heterologe Impfungen, also solche, bei denen der Erst- und Zweitimpfstoff variierten, dabei als voller Impfschutz gültig seien.
Mittels dem CovPass-Check ließen sich die QR-Codes einlesen, sagte Fritz. Der CovPass könne dann etwa bei Reisen oder bei der Teilnahme an Veranstaltungen vorgezeigt werden, ohne dass man den gelben Impfausweis immer dabeihaben müsse. Er wird in allen EU-Mitgliedstaaten anerkannt. Die EU-Länder und das EU-Parlament hatten sich kürzlich auf ein europaweites Zertifikat geeinigt, mit dem man Impfungen, Tests und überstandene Covid-19-Erkrankungen nachweisen kann, um z.B. Reisen zu erleichtern.
CovPass und CovPass-Check seien inzwischen verfügbar, hieß bei der Pressekonferenz. Beide Apps laufen auf allen aktuellen Android- und iOS-Smartphones (Betriebssysteme ab iOS12 oder Android 6). Die Apps speichern den Nachweis lokal auf dem Telefon.
Infektion trotz Zweifach-Impfung ? AHA-Regeln behalten Bedeutung
Spahn und Wieler warnten auf der Pressekonferenz auch vor der indischen Varianten (Delta), die sich etwa in Großbritannien derzeit rasant ausbreite. Um es der Variante möglichst schwer zu machen, sich auch hier zu verbreiten, gelte es, die Inzidenz möglichst niedrig zu halten. ?Das Virus ergreift jede noch so kleine Chance?, sagte Wieler und verwies auch auf immer mehr Meldungen, nach denen sich selbst zweifach Geimpfte noch mit dem Coronavirus infizieren können. ?Bewährte Werkzeuge? wie Abstand halten, Quarantäne bei Infektion und die Hygieneregeln seien nach wie vor wichtig.
Wieler nahm damit Bezug auf aktuelle Warnungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), dass anscheinend etliche Menschen trotz vollständiger Impfung keinen effektiven Infektionsschutz gegen SARS-CoV-2 haben. Der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens sagte kürzlich gegenüber der Funke-Mediengruppe: ?Es gibt inzwischen mehrere Studien, die zeigen, dass die Impfung gegen COVID-19 bei Menschen, deren Immunsystem medikamentös gebremst wird, nicht so gut wirkt wie bei anderen.?
Dies gelte etwa für manche Krebspatienten oder Menschen nach einer Organtransplantation oder Patienten, die wegen anderer Erkrankungen immunsuppressive Medikamente erhalten. Diese Menschen müssten zusätzlich über einen ?Kokonstrategie? geschützt werden, indem sich ihr Umfeld so weit wie möglich immunisieren lasse. Derzeit lasse sich zwar noch nicht schätzen, wie groß die Gruppe solcher Personen sei, die trotz vollständiger Impfung keinen ausreichenden COVID-19-Schutz aufbauen, ?wir müssen aber davon ausgehen, dass es nicht nur Einzelfälle sind?, sagte Mertens.
In den vergangenen 24 Stunden wurden dem RKI 3.187 Corona-Neuinfektionen gemeldet (vor einer Woche 4.640). Die 7-Tage-Inzidenz lag laut RKI am Donnerstag erstmals unter 20 (bundesweit 19,3; Vortag: 20,8; Vorwoche: 34,1). Allerdings, so gab Wieler zu bedenken, seien die Fallzahlen immer noch etwa 10 Mal so hoch wie zur gleichen Zeit vor einem Jahr.
Zudem sind bundesweit in den letzten 24 Stunden 94 neue Todesfälle in Verbindung mit COVID-19 gemeldet worden ? vor einer Woche waren es noch 166 Tote gewesen. 47% der deutschen Bevölkerung sind laut Spahn nun mindestens einmal gegen SARS-CoV-2 geimpft.
Startschuss für den digitalen Impfnachweis ? CovPass ab nächste Woche
?Zufrieden? äußerte sich Spahn bei der heutigen Pressekonferenz mit den derzeitigen Entwicklungen: Sinkende Infektionszahlen und weniger COVID-Patienten in den Intensivstationen, immer mehr Impfungen und Lockerungen zählte er zu seiner Erfolgsliste. Und ab jetzt komme auch noch der digitale Impfpass hinzu.
Noch in diesem Monat soll dieser in Deutschland verfügbar sein. Dafür gibt es zum einen eine neue App mit Namen CovPass, die man sich in den nächsten Tagen in den App-Stores herunterladen kann. Zum anderen erhält auch die Corona-Warn-App des Bundes in den nächsten Tagen eine entsprechende Aktualisierung. Ärzte und Impfzentren sollen die Impfzertifikate dann ausstellen können.
Was die nachträgliche Zertifizierung für die bereits vollständig Geimpften angeht, bremste Spahn allzu hohe Erwartungen an das Tempo: ?Es geht jetzt los, Schritt für Schritt", sagte er. Geimpfte bekämen den entsprechenden QR-Code für die Übertragung auf das Mobiltelefon entweder von den Impfzentren zugeschickt oder ab kommender Woche unter Vorlage des gelben Papier-Impfpasses in Apotheken. Auch der Apothekerverband hat sich bereits geäußert, dass es noch einige Zeit dauern könne, bis dieser Service in den Apotheken flächendeckend verfügbar sei.
Auch der Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Gassen warnt vor zu hohen Erwartungen: ?Nicht sofort flächendeckend, sondern zunächst nur im Rahmen einer begrenzten Testphase wird der digitale Impfnachweis in Deutschland starten?, schreibt er in einer gemeinsamen Erklärung mit seinen Vorstandskollegen Dr. Stephan Hofmeister und Dr. Thomas Kriedel. Bislang könnten niedergelassenen Hausärzte und Fachärzte digitale Impfzertifikate noch nicht ausstellen, außer, wenn sie in Modellvorhaben eingebunden seien.
?Noch sind die technischen Voraussetzungen und Klarheit über genaue technische Abläufe in den Praxen nicht gegeben. Für eine flächendeckende Anwendung wird das die Voraussetzung sein?, erklärte Hofmeister. ?Der digitale Nachweis ist eine freiwillige Ergänzung des weiter gültigen gelben Impfheftes aus Papier?, so Kriedel.
Deutschland setze damit ein Vorhaben der Europäischen Union um. ?Urlaubsreisen scheitern ohne das digitale Impfzertifikat aber nicht?, betonte er. ?Der gelbe Impfausweis ist die internationale Bescheinigung über Impfungen und bei Auslandsreisen das Nachweisdokument erster Wahl.?
?Angemessene? Vergütung für Nachtragungen
Die Apotheken sollen eine ?angemessene Vergütung? erhalten, sagte Spahn. ?Hätten wir einen Preis genommen, der den Aufwand nicht angemessen berücksichtigt, dann würden viele Apotheken nicht mitmachen." Er betonte das ?hohe Interesse, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Nacheintragungen machen können?.
Nach Angaben der Ärztezeitung erhalten Ärzte und Apotheker für nachträgliche Zertifikate für Impflinge, die im Impfzentrum oder bei anderen Ärzten, geimpft wurden, 18 Euro ? für Impflinge der eigenen Praxis allerdings nur 6 bzw. 2 Euro.
CovPass in allen EU-Ländern anerkannt
Ronald Fritz, CovPass-Projektmanager von IBM, gab Auskunft zu den Funktionalitäten der CovPass-App für den digitalen Impfnachweis. Es würden nur Impfzertifikate akzeptiert, die EU-konform sind und von autorisierten Stellen in Deutschland ausgestellt wurden. Dokumentiert weder der ?volle Impfschutz? mit in der EU zugelassenen Vakzinen (2 Wochen nach der letzten Impfung) oder der ?Genesenen-Status? mittels PCR-Testergebnis. Spahn ergänzte später auf Nachfrage, dass auch heterologe Impfungen, also solche, bei denen der Erst- und Zweitimpfstoff variierten, dabei als voller Impfschutz gültig seien.
Mittels dem CovPass-Check ließen sich die QR-Codes einlesen, sagte Fritz. Der CovPass könne dann etwa bei Reisen oder bei der Teilnahme an Veranstaltungen vorgezeigt werden, ohne dass man den gelben Impfausweis immer dabeihaben müsse. Er wird in allen EU-Mitgliedstaaten anerkannt. Die EU-Länder und das EU-Parlament hatten sich kürzlich auf ein europaweites Zertifikat geeinigt, mit dem man Impfungen, Tests und überstandene Covid-19-Erkrankungen nachweisen kann, um z.B. Reisen zu erleichtern.
CovPass und CovPass-Check seien inzwischen verfügbar, hieß bei der Pressekonferenz. Beide Apps laufen auf allen aktuellen Android- und iOS-Smartphones (Betriebssysteme ab iOS12 oder Android 6). Die Apps speichern den Nachweis lokal auf dem Telefon.
Infektion trotz Zweifach-Impfung ? AHA-Regeln behalten Bedeutung
Spahn und Wieler warnten auf der Pressekonferenz auch vor der indischen Varianten (Delta), die sich etwa in Großbritannien derzeit rasant ausbreite. Um es der Variante möglichst schwer zu machen, sich auch hier zu verbreiten, gelte es, die Inzidenz möglichst niedrig zu halten. ?Das Virus ergreift jede noch so kleine Chance?, sagte Wieler und verwies auch auf immer mehr Meldungen, nach denen sich selbst zweifach Geimpfte noch mit dem Coronavirus infizieren können. ?Bewährte Werkzeuge? wie Abstand halten, Quarantäne bei Infektion und die Hygieneregeln seien nach wie vor wichtig.
Wieler nahm damit Bezug auf aktuelle Warnungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), dass anscheinend etliche Menschen trotz vollständiger Impfung keinen effektiven Infektionsschutz gegen SARS-CoV-2 haben. Der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens sagte kürzlich gegenüber der Funke-Mediengruppe: ?Es gibt inzwischen mehrere Studien, die zeigen, dass die Impfung gegen COVID-19 bei Menschen, deren Immunsystem medikamentös gebremst wird, nicht so gut wirkt wie bei anderen.?
Dies gelte etwa für manche Krebspatienten oder Menschen nach einer Organtransplantation oder Patienten, die wegen anderer Erkrankungen immunsuppressive Medikamente erhalten. Diese Menschen müssten zusätzlich über einen ?Kokonstrategie? geschützt werden, indem sich ihr Umfeld so weit wie möglich immunisieren lasse. Derzeit lasse sich zwar noch nicht schätzen, wie groß die Gruppe solcher Personen sei, die trotz vollständiger Impfung keinen ausreichenden COVID-19-Schutz aufbauen, ?wir müssen aber davon ausgehen, dass es nicht nur Einzelfälle sind?, sagte Mertens.
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