Donnerstag, 8. Oktober 2020
Ist Trump ein Opfer des VIP-Syndroms? „Er hat Therapien erhalten, die Sie nicht bekommen würden – und das ist besser für Sie!“
che2001, 12:09h
Dr. F. Perry Wilson
Übersetztes Transkript des englischen Videos-Kommentars von Dr. F. Perry Wilson:
Willkommen bei Impact Factor, dem wöchentlichen Kommentar zu einer medizinischen Neuigkeit auf Medscape.com . Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnung, am 5. Oktober, befand sich der Präsident der Vereinigten Staaten wegen COVID-19 noch immer im Krankenhaus des Walter Reed Medical Center. Pressemitteilungen zufolge geht es ihm trotz einer vorübergehenden Hypoxämie relativ gut.
Dennoch hat er nach Angaben seines Hausarztes folgende Medikamente erhalten:
Remdesivir
Melatonin
Zink
Famotidin
Aspirin
Vitamin D
Einen monoklonalen Antikörper-Cocktail von Regeneron als Compassionate Use
Und, ganz aktuell, Dexamethason
Wenn Sie sich dieses Behandlungsschema ansehen, ohne den Patienten zu kennen, würden Sie annehmen, dass es sich um jemanden handelt, der an der Schwelle des Todes steht und beatmet wird. Zeit für einen letzten verzweifelten Therapieversuch.
Wenn Sie sich dieses Behandlungsschema ansehen, ohne den Patienten zu kennen, würden Sie annehmen, dass es sich um jemanden handelt, der an der Schwelle des Todes steht und beatmet wird. Dr. F. Perry Wilson
Sicherlich scheint der Präsident nicht besonders krank zu sein. Seien wir doch ehrlich: Wenn Sie oder ich COVID hätten und so krank wären wie der Präsident, würden wir auf keinen Fall diese Art von Behandlung bekommen. Und Fakt ist: Wir sind damit wahrscheinlich besser dran.
Im Augenblick könnte der Präsident Opfer eines gut beschriebenen medizinischen Phänomens sein, das als `VIP-Syndrom´ bezeichnet wird.
Als ich noch am Anfang meiner Ausbildung war, wurde eine „sehr wichtige Person" in unser Krankenhaus eingeliefert. Ich kann Ihnen den Namen dieser Person nicht nennen, aber vertrauen Sie mir, es war ein VIP.
Irgendwann während der Behandlung musste ihm eine Thoraxdrainage gezogen werden. Der Chef der Herz-Thorax-Chirurgie kam, um ihm die Ehre zu erweisen. Bevor wir eintraten, wandte er sich an uns und sagte: „Das letzte Mal, dass ich eine Thoraxdrainage gezogen habe, ist 15 Jahre her".
Sehen Sie, die Person, von der Sie die Thoraxdrainage gezogen bekommen möchten, ist der Assistenzarzt im 3. Jahr, denn der macht das 10 Mal am Tag. Aber für den VIP kommt dafür den Chef der Abteilung. Ironischerweise werden VIPs oft schlechter versorgt.
Das erstmals 1964 von Walter Weintraub beschriebene VIP-Syndrom ist nichts Neues. Unser 1. Präsident mag tatsächlich ein Opfer davon geworden sein.
Am 13. Dezember 1799 wurde George Washington im Alter von 67 Jahren von einer Art bakterieller Epiglottitis befallen. Über einen Zeitraum von 12 Stunden wurde er 4-mal Aderlass-Prozeduren mit insgesamt 80 Unzen Blut unterzogen. Das war damals Stand der Medizin, entspricht aber einem Blutverlust von 2,5 Litern. Er erlag der Krankheit am 14. Dezember, kurz nachdem er seinen Ärzten für ihren außergewöhnlichen Einsatz gedankt hatte.
Fairerweise muss man sagen, dass das VIP-Syndrom in Wirklichkeit eine Anekdote ist. Nur wenige schlüssige Studien haben versucht, das Phänomen zu bewerten.
Nichtsdestotrotz erscheinen Fallberichte und Fallserien in einer Vielzahl von medizinischen Fachzeitschriften. Selbst das gepriesene New England Journal of Medicine streifte 1988 die Aspekte der Notfallversorgung für VIP-Patienten.
Die Ärzte, die sich um den Präsidenten kümmern, beneide ich nicht. Dr. F. Perry Wilson
Die Ärzte, die sich um den Präsidenten kümmern, beneide ich nicht. Was sollen sie machen? Wir kennen nicht alle Einzelheiten seines Zustands, aber nehmen wir an, dass er nur leicht erkrankt ist, dann bestünde die Standardbehandlung in der Linderung der Symptome.
Wenn er hypoxämisch wäre, könnten Sie wahrscheinlich auf der Grundlage der RECOVERY-Studie ein Argument für Steroide finden. Für die Gabe von Remdesivir ebenfalls – vorausgesetzt, es gäbe einige Hinweise auf eine Beteiligung der unteren Atemwege.
Doch der Antikörper-Cocktail? Ein Medikament, das Sie nur im Rahmen des Compassionate Use erhalten können? Das gehört nicht zur Standardbehandlung.
Wir haben noch nicht einmal eine Phase-2-Publikation zu diesem Cocktail, geschweige denn eine Phase-3-Studie. Es gibt diese eine veröffentlichte Studie an Makaken, die vielversprechend zu sein scheint.
Doch was auch immer Sie vom Präsidenten halten – er ist kein Makake. Dr. F. Perry Wilson
Doch was auch immer Sie vom Präsidenten halten – er ist kein Makake.
Was wir im Moment über den Regeneron-Cocktail wissen, stammt aus einer Pressemitteilung, die über die Ergebnisse bei knapp 300 Patienten berichtet und zeigt, dass – zumindest bei denjenigen mit schwachen nativen Antikörperreaktionen – die Viruslast mit dem Cocktail schneller abnahm. In Ordnung.
Doch verstehen wir mit diesen wenigen Probanden wirklich die Risiken? Monoklonale Antikörper haben eine lange Geschichte. Doch es können seltsame Reaktionen auftreten: Allergien gegen das Produkt, unbeabsichtigte Nebeneffekte. Sie wissen, wie das läuft.
Schauen Sie, ich setze hier nicht auf knallharte Gleichmacherei. Hätten wir eine magische Pille, die COVID-19 ohne Nebenwirkungen heilen könnte, aber 10 Millionen Dollar kosten würde, dann geben sie diese sicherlich dem Präsidenten, auch wenn der Rest von uns sie nicht bekommen kann. Beim VIP-Syndrom geht es nicht wirklich um den Aspekt Ungerechtigkeit.
Das Risiko ist vielmehr, dass die VIPs Medikamente und Kombinationen von Medikamenten erhalten, über die wir nicht genug Kenntnisse haben. Die Ärzte wissen, dass die Standardversorgung die beste Versorgung ist. Deshalb ist sie Standard.
Der Hail Mary Pass (das ist im American Football ein sehr langer Vorwärtspass mit nur geringer Aussicht auf Erfolg) ist dem 4. Viertel vorbehalten, also wenn Ihre Mannschaft kurz vor der Niederlage steht. Er ist nicht der Auftakt. Aber bei VIPs werden solche wesentlichen Tatsachen vergessen.
Ich kann mir aber vorstellen, was in diesen Ärzten vorgeht.
Was wäre, wenn sich der Zustand des Präsidenten verschlechtern würde? Was wäre, wenn der Präsident sterben würde? Würden Sie als Mediziner dann nicht sagen wollen, dass Sie absolut alles getan haben, was Sie hätten tun können?
Hier zeigt sich ein kognitiver Bias in der Medizin, der oft mehr schadet als nützt: die Notwendigkeit zu handeln, oder in diesem Fall, alles zu tun, auch wenn die Daten dies noch nicht unterstützen. Weil man nicht für ein schlechtes Ergebnis verantwortlich sein will.
Aufgrund der aggressiven Behandlung kann es aber zu schlechten Ergebnissen kommen. Etwa, wenn der Präsident eine seltene Reaktion auf den Antikörper-Cocktail zeigt. Sagen wir, er entwickelt eine Autoimmunreaktion, dann könnten die Ärzte, die ihn behandelt haben, zu Recht kritisiert werden.
Aber wissen Sie was? Ich bezweifle, dass das passieren wird. Unsere Voreingenommenheit ist so stark zugunsten der Behandlung ausgerichtet, dass wir – träfe dieses seltene Ereignis tatsächlich ein – es als ein Risiko abtun würden, das es wert gewesen war, einzugehen. Um dieses besondere Leben zu retten.
Natürlich verdient am Ende jeder die bestmögliche Versorgung. Die Ironie dabei ist, dass Donald Trump, weil er Präsident ist, möglicherweise schlechter medizinisch versorgt wird als Sie oder ich. Manchmal ist es gut, ein Niemand zu sein.
Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert
Übersetztes Transkript des englischen Videos-Kommentars von Dr. F. Perry Wilson:
Willkommen bei Impact Factor, dem wöchentlichen Kommentar zu einer medizinischen Neuigkeit auf Medscape.com . Ich bin Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine.
Zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnung, am 5. Oktober, befand sich der Präsident der Vereinigten Staaten wegen COVID-19 noch immer im Krankenhaus des Walter Reed Medical Center. Pressemitteilungen zufolge geht es ihm trotz einer vorübergehenden Hypoxämie relativ gut.
Dennoch hat er nach Angaben seines Hausarztes folgende Medikamente erhalten:
Remdesivir
Melatonin
Zink
Famotidin
Aspirin
Vitamin D
Einen monoklonalen Antikörper-Cocktail von Regeneron als Compassionate Use
Und, ganz aktuell, Dexamethason
Wenn Sie sich dieses Behandlungsschema ansehen, ohne den Patienten zu kennen, würden Sie annehmen, dass es sich um jemanden handelt, der an der Schwelle des Todes steht und beatmet wird. Zeit für einen letzten verzweifelten Therapieversuch.
Wenn Sie sich dieses Behandlungsschema ansehen, ohne den Patienten zu kennen, würden Sie annehmen, dass es sich um jemanden handelt, der an der Schwelle des Todes steht und beatmet wird. Dr. F. Perry Wilson
Sicherlich scheint der Präsident nicht besonders krank zu sein. Seien wir doch ehrlich: Wenn Sie oder ich COVID hätten und so krank wären wie der Präsident, würden wir auf keinen Fall diese Art von Behandlung bekommen. Und Fakt ist: Wir sind damit wahrscheinlich besser dran.
Im Augenblick könnte der Präsident Opfer eines gut beschriebenen medizinischen Phänomens sein, das als `VIP-Syndrom´ bezeichnet wird.
Als ich noch am Anfang meiner Ausbildung war, wurde eine „sehr wichtige Person" in unser Krankenhaus eingeliefert. Ich kann Ihnen den Namen dieser Person nicht nennen, aber vertrauen Sie mir, es war ein VIP.
Irgendwann während der Behandlung musste ihm eine Thoraxdrainage gezogen werden. Der Chef der Herz-Thorax-Chirurgie kam, um ihm die Ehre zu erweisen. Bevor wir eintraten, wandte er sich an uns und sagte: „Das letzte Mal, dass ich eine Thoraxdrainage gezogen habe, ist 15 Jahre her".
Sehen Sie, die Person, von der Sie die Thoraxdrainage gezogen bekommen möchten, ist der Assistenzarzt im 3. Jahr, denn der macht das 10 Mal am Tag. Aber für den VIP kommt dafür den Chef der Abteilung. Ironischerweise werden VIPs oft schlechter versorgt.
Das erstmals 1964 von Walter Weintraub beschriebene VIP-Syndrom ist nichts Neues. Unser 1. Präsident mag tatsächlich ein Opfer davon geworden sein.
Am 13. Dezember 1799 wurde George Washington im Alter von 67 Jahren von einer Art bakterieller Epiglottitis befallen. Über einen Zeitraum von 12 Stunden wurde er 4-mal Aderlass-Prozeduren mit insgesamt 80 Unzen Blut unterzogen. Das war damals Stand der Medizin, entspricht aber einem Blutverlust von 2,5 Litern. Er erlag der Krankheit am 14. Dezember, kurz nachdem er seinen Ärzten für ihren außergewöhnlichen Einsatz gedankt hatte.
Fairerweise muss man sagen, dass das VIP-Syndrom in Wirklichkeit eine Anekdote ist. Nur wenige schlüssige Studien haben versucht, das Phänomen zu bewerten.
Nichtsdestotrotz erscheinen Fallberichte und Fallserien in einer Vielzahl von medizinischen Fachzeitschriften. Selbst das gepriesene New England Journal of Medicine streifte 1988 die Aspekte der Notfallversorgung für VIP-Patienten.
Die Ärzte, die sich um den Präsidenten kümmern, beneide ich nicht. Dr. F. Perry Wilson
Die Ärzte, die sich um den Präsidenten kümmern, beneide ich nicht. Was sollen sie machen? Wir kennen nicht alle Einzelheiten seines Zustands, aber nehmen wir an, dass er nur leicht erkrankt ist, dann bestünde die Standardbehandlung in der Linderung der Symptome.
Wenn er hypoxämisch wäre, könnten Sie wahrscheinlich auf der Grundlage der RECOVERY-Studie ein Argument für Steroide finden. Für die Gabe von Remdesivir ebenfalls – vorausgesetzt, es gäbe einige Hinweise auf eine Beteiligung der unteren Atemwege.
Doch der Antikörper-Cocktail? Ein Medikament, das Sie nur im Rahmen des Compassionate Use erhalten können? Das gehört nicht zur Standardbehandlung.
Wir haben noch nicht einmal eine Phase-2-Publikation zu diesem Cocktail, geschweige denn eine Phase-3-Studie. Es gibt diese eine veröffentlichte Studie an Makaken, die vielversprechend zu sein scheint.
Doch was auch immer Sie vom Präsidenten halten – er ist kein Makake. Dr. F. Perry Wilson
Doch was auch immer Sie vom Präsidenten halten – er ist kein Makake.
Was wir im Moment über den Regeneron-Cocktail wissen, stammt aus einer Pressemitteilung, die über die Ergebnisse bei knapp 300 Patienten berichtet und zeigt, dass – zumindest bei denjenigen mit schwachen nativen Antikörperreaktionen – die Viruslast mit dem Cocktail schneller abnahm. In Ordnung.
Doch verstehen wir mit diesen wenigen Probanden wirklich die Risiken? Monoklonale Antikörper haben eine lange Geschichte. Doch es können seltsame Reaktionen auftreten: Allergien gegen das Produkt, unbeabsichtigte Nebeneffekte. Sie wissen, wie das läuft.
Schauen Sie, ich setze hier nicht auf knallharte Gleichmacherei. Hätten wir eine magische Pille, die COVID-19 ohne Nebenwirkungen heilen könnte, aber 10 Millionen Dollar kosten würde, dann geben sie diese sicherlich dem Präsidenten, auch wenn der Rest von uns sie nicht bekommen kann. Beim VIP-Syndrom geht es nicht wirklich um den Aspekt Ungerechtigkeit.
Das Risiko ist vielmehr, dass die VIPs Medikamente und Kombinationen von Medikamenten erhalten, über die wir nicht genug Kenntnisse haben. Die Ärzte wissen, dass die Standardversorgung die beste Versorgung ist. Deshalb ist sie Standard.
Der Hail Mary Pass (das ist im American Football ein sehr langer Vorwärtspass mit nur geringer Aussicht auf Erfolg) ist dem 4. Viertel vorbehalten, also wenn Ihre Mannschaft kurz vor der Niederlage steht. Er ist nicht der Auftakt. Aber bei VIPs werden solche wesentlichen Tatsachen vergessen.
Ich kann mir aber vorstellen, was in diesen Ärzten vorgeht.
Was wäre, wenn sich der Zustand des Präsidenten verschlechtern würde? Was wäre, wenn der Präsident sterben würde? Würden Sie als Mediziner dann nicht sagen wollen, dass Sie absolut alles getan haben, was Sie hätten tun können?
Hier zeigt sich ein kognitiver Bias in der Medizin, der oft mehr schadet als nützt: die Notwendigkeit zu handeln, oder in diesem Fall, alles zu tun, auch wenn die Daten dies noch nicht unterstützen. Weil man nicht für ein schlechtes Ergebnis verantwortlich sein will.
Aufgrund der aggressiven Behandlung kann es aber zu schlechten Ergebnissen kommen. Etwa, wenn der Präsident eine seltene Reaktion auf den Antikörper-Cocktail zeigt. Sagen wir, er entwickelt eine Autoimmunreaktion, dann könnten die Ärzte, die ihn behandelt haben, zu Recht kritisiert werden.
Aber wissen Sie was? Ich bezweifle, dass das passieren wird. Unsere Voreingenommenheit ist so stark zugunsten der Behandlung ausgerichtet, dass wir – träfe dieses seltene Ereignis tatsächlich ein – es als ein Risiko abtun würden, das es wert gewesen war, einzugehen. Um dieses besondere Leben zu retten.
Natürlich verdient am Ende jeder die bestmögliche Versorgung. Die Ironie dabei ist, dass Donald Trump, weil er Präsident ist, möglicherweise schlechter medizinisch versorgt wird als Sie oder ich. Manchmal ist es gut, ein Niemand zu sein.
Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert
... link (0 Kommentare) ... comment
Bis zu 18-fache Unterschiede beim Schweregrad von COVID-19: Ein Risikorechner soll Ärzten bei der Bewertung helfen
che2001, 12:06h
Marcia Frellick, Medscape
Ein neues Vorhersagemodell könnte Ärzten helfen, zu erkennen, bei welchen Patienten sich COVID-19 wahrscheinlich verschlimmert und wie schnell daraus eine schwere Erkrankung wird. Das berichten Prof. Dr. Brian Garibaldi von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, Maryland, und Kollegen in den Annals of Internal Medicine[1].
Sie entwickelten einen Risikorechner für COVID-19 mit 24 Variablen, von denen bekannt ist, dass sie mit der Erkrankung assoziiert sind. Dazu gehören u.a. das Alter, der Body-Mass-Index (BMI), Grunderkrankungen, Vitalparameter und die Schwere der Symptome zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme.
Die Daten wurden bei der Betreuung von 832 Patienten mit COVID-19 zwischen dem 4. März und dem 24. April in 5 Krankenhäusern in Maryland und Washington, DC, erhoben.
Modell zeigt Risikoextreme auf
Die Autoren sagen, dass ihr Modell die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung (definiert als hoher Bedarf an Sauerstoff zur Unterstützung oder als maschinelle Beatmung) oder des Todes zwischen 5 % bis 90 % prognostizieren kann. Sie geben zu bedenken, dass sich der Schweregrad von COVID-19 um den Faktor 18 unterscheiden kann.
In ihrer Veröffentlichung nennen sie Beispiele:
Bei einer 81-jährigen schwarzen Frau mit Diabetes und Bluthochdruck, einem BMI von 35 kg/m2, Fieber, einer Atemfrequenz von 32 Atemzügen/min, einem hohen CRP-Wert und einem D-Dimer-Wert von über 1 mg/l hat liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich COVID-19 bis hin zum Tod verschlechtert, bei 80% (Tag 2 nach der Aufnahme), 92% (Tag 4) bzw. 96% (Tag 7).
Im Gegensatz dazu hat ein 39-jähriger männlicher Latino mit einem BMI von 23 kg/m2, ohne Komorbiditäten oder Fieber eine Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe von 3% (Tag 2), 5% (Tag 4) und 5% (Tag 7).
Garibaldi sagte gegenüber Medscape, das Modell habe zu verschiedenen Zeitpunkten nach der Aufnahme unterschiedliche Genauigkeiten. „An den ersten beiden Tagen ist es zu 85 Prozent genau, und dann in der ersten Woche liegt die Genauigkeit bei etwa 80 Prozent.“
An den ersten beiden Tagen ist es zu 85 Prozent genau, und dann in der ersten Woche liegt die Genauigkeit bei etwa 80 Prozent. Prof. Dr. Brian Garibaldi
Familien informieren, Behandlungsziele festlegen
Informationen aus dem Modell könnten Ärzten helfen, Patienten und Familien über den wahrscheinlichsten Krankheitsverlauf zu informieren und Behandlungsziele zu definieren, sagte Garibaldi.
Für Gesundheitssysteme sei es hilfreich zu verstehen, wie wahrscheinlich es bei Patienten auf der Intensivstation zu einem Aufwärtstrend komme beziehungsweise ob Krankenhäuser über die richtigen Medikamente und Räumlichkeiten verfügten.
Auch zum Zeitfaktor sind Aussagen möglich. „Der Median der Zeit bis zur Entwicklung einer schweren Erkrankung oder bis zum Tod in unserer Kohorte betrug nur etwas mehr als ein Tag. Das deutet darauf hin, dass es für diese Patienten ein sehr begrenztes Zeitfenster gibt, in dem wir etwas tun können“, sagte Garibaldi.
Wie funktioniert der Algorithmus?
Garibaldis Team arbeitete mit einer Präzisionsmedizin-Analytikplattform (PMAP), die nicht nur Alter, Komorbiditäten und demografische Daten, sondern auch Labordaten, Medikamente und Patientenverläufe berücksichtigte.
Es gebe viele Modelle, die veröffentlicht worden seien oder sich in der Entwicklung befänden, aber „dies ist ein methodisch wirklich gut gemachtes Modell“, erklärte Dr. Michael Kattan gegenüber Medscape. Er ist Leiter des Department of Quantitative Health Sciences an der Cleveland Clinic Ohio und hat das prognostische Modell mitentwickelt.
Dies ist ein methodisch wirklich gut gemachtes Modell. Dr. Michael Kattan
Kattan wies auf die Verwendung der Fläche unter der kumulativ-dynamischen ROC-Kurve (Receiver Operating Characteristic) hin, um die Fähigkeit des Modells zur Unterscheidung von Patienten mit höherem und niedrigerem Risiko zu bewerten. „Das ist eine elegante Art und Weise, die Leistung zu beurteilen, und das trennt sie von der Masse [ähnlicher Anwendungen]“, sagte er.
Darüber hinaus „wird ein sehr moderner Ansatz zur Auswahl der Prädiktoren sowie zur Abschwächung ihrer Auswirkungen verwendet“, um die Verallgemeinerbarkeit zu erhöhen, sagte er. Die Verallgemeinerbarkeit der Daten wird in der Publikation als eine Einschränkung genannt, da die Forschung an einer einzigen Institution durchgeführt wurde.
Wenn das Modell systematisch validiert werde und sich zeige, dass sich die Versorgung verbessere, könnten es Anbieter in elektronische Gesundheitsakten einfließen lassen, sagte Garibaldi.
Kattan merkte an, dass die Kreuzvalidierung nach Standorten dazu beitrage, mehr Vertrauen in die Ergebnisse aufzubauen. Hierbei entfernten die Forscher randomisiert Daten zu einem von 5 Krankenhäusern und testeten dann das Modell aus den 4 verbliebenen Standorten an dem einen (aus dem Modell entfernten) Standort, um die Ergebnisse zu vergleichen. Sie wiederholten diese Prüfung für jedes Zentrum. „Nach der Interpretation funktionierte es in jedem Krankenhaus gut, wenn sie es so machten“, sagte Kattan.
Gefahr der Fehleinschätzung?
Das Einzige, was Kattan fehlte, war „die Kalibrierungsleistung des Risikorechners“ oder die Übereinstimmung zwischen einer prognostizierten Wahrscheinlichkeit und dem Anteil der Menschen, die ein bestimmtes Ergebnis tatsächlich hatten.
Garibaldi zufolge bestehe generell die Gefahr, dass das Vertrauen in einen Algorithmus zu Fehleinschätzungen führen könne. Aus diesem Grund betonen die Autoren, dass das Modell nicht dazu gedacht sei, die Expertise eines Arztes zu ersetzen, sondern vielmehr in Verbindung mit ihm verwendet werden sollte.
Seitdem Daten zu Beginn der Pandemie gesammelt worden wären, habe man viel über Interventionen, Symptome und Verbreitung gelernt, so Garibaldi. Johns Hopkins-Klinken hätten inzwischen mehr als 3.000 COVID-19-Patienten betreut.
Längsschnittdaten, das gesammelte Wissen über die Anwendung der mechanischen Beatmung und den Einsatz von Therapien würden zur Verfeinerung des Modells beitragen, sagte er.
Ein neues Vorhersagemodell könnte Ärzten helfen, zu erkennen, bei welchen Patienten sich COVID-19 wahrscheinlich verschlimmert und wie schnell daraus eine schwere Erkrankung wird. Das berichten Prof. Dr. Brian Garibaldi von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, Maryland, und Kollegen in den Annals of Internal Medicine[1].
Sie entwickelten einen Risikorechner für COVID-19 mit 24 Variablen, von denen bekannt ist, dass sie mit der Erkrankung assoziiert sind. Dazu gehören u.a. das Alter, der Body-Mass-Index (BMI), Grunderkrankungen, Vitalparameter und die Schwere der Symptome zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme.
Die Daten wurden bei der Betreuung von 832 Patienten mit COVID-19 zwischen dem 4. März und dem 24. April in 5 Krankenhäusern in Maryland und Washington, DC, erhoben.
Modell zeigt Risikoextreme auf
Die Autoren sagen, dass ihr Modell die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung (definiert als hoher Bedarf an Sauerstoff zur Unterstützung oder als maschinelle Beatmung) oder des Todes zwischen 5 % bis 90 % prognostizieren kann. Sie geben zu bedenken, dass sich der Schweregrad von COVID-19 um den Faktor 18 unterscheiden kann.
In ihrer Veröffentlichung nennen sie Beispiele:
Bei einer 81-jährigen schwarzen Frau mit Diabetes und Bluthochdruck, einem BMI von 35 kg/m2, Fieber, einer Atemfrequenz von 32 Atemzügen/min, einem hohen CRP-Wert und einem D-Dimer-Wert von über 1 mg/l hat liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich COVID-19 bis hin zum Tod verschlechtert, bei 80% (Tag 2 nach der Aufnahme), 92% (Tag 4) bzw. 96% (Tag 7).
Im Gegensatz dazu hat ein 39-jähriger männlicher Latino mit einem BMI von 23 kg/m2, ohne Komorbiditäten oder Fieber eine Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe von 3% (Tag 2), 5% (Tag 4) und 5% (Tag 7).
Garibaldi sagte gegenüber Medscape, das Modell habe zu verschiedenen Zeitpunkten nach der Aufnahme unterschiedliche Genauigkeiten. „An den ersten beiden Tagen ist es zu 85 Prozent genau, und dann in der ersten Woche liegt die Genauigkeit bei etwa 80 Prozent.“
An den ersten beiden Tagen ist es zu 85 Prozent genau, und dann in der ersten Woche liegt die Genauigkeit bei etwa 80 Prozent. Prof. Dr. Brian Garibaldi
Familien informieren, Behandlungsziele festlegen
Informationen aus dem Modell könnten Ärzten helfen, Patienten und Familien über den wahrscheinlichsten Krankheitsverlauf zu informieren und Behandlungsziele zu definieren, sagte Garibaldi.
Für Gesundheitssysteme sei es hilfreich zu verstehen, wie wahrscheinlich es bei Patienten auf der Intensivstation zu einem Aufwärtstrend komme beziehungsweise ob Krankenhäuser über die richtigen Medikamente und Räumlichkeiten verfügten.
Auch zum Zeitfaktor sind Aussagen möglich. „Der Median der Zeit bis zur Entwicklung einer schweren Erkrankung oder bis zum Tod in unserer Kohorte betrug nur etwas mehr als ein Tag. Das deutet darauf hin, dass es für diese Patienten ein sehr begrenztes Zeitfenster gibt, in dem wir etwas tun können“, sagte Garibaldi.
Wie funktioniert der Algorithmus?
Garibaldis Team arbeitete mit einer Präzisionsmedizin-Analytikplattform (PMAP), die nicht nur Alter, Komorbiditäten und demografische Daten, sondern auch Labordaten, Medikamente und Patientenverläufe berücksichtigte.
Es gebe viele Modelle, die veröffentlicht worden seien oder sich in der Entwicklung befänden, aber „dies ist ein methodisch wirklich gut gemachtes Modell“, erklärte Dr. Michael Kattan gegenüber Medscape. Er ist Leiter des Department of Quantitative Health Sciences an der Cleveland Clinic Ohio und hat das prognostische Modell mitentwickelt.
Dies ist ein methodisch wirklich gut gemachtes Modell. Dr. Michael Kattan
Kattan wies auf die Verwendung der Fläche unter der kumulativ-dynamischen ROC-Kurve (Receiver Operating Characteristic) hin, um die Fähigkeit des Modells zur Unterscheidung von Patienten mit höherem und niedrigerem Risiko zu bewerten. „Das ist eine elegante Art und Weise, die Leistung zu beurteilen, und das trennt sie von der Masse [ähnlicher Anwendungen]“, sagte er.
Darüber hinaus „wird ein sehr moderner Ansatz zur Auswahl der Prädiktoren sowie zur Abschwächung ihrer Auswirkungen verwendet“, um die Verallgemeinerbarkeit zu erhöhen, sagte er. Die Verallgemeinerbarkeit der Daten wird in der Publikation als eine Einschränkung genannt, da die Forschung an einer einzigen Institution durchgeführt wurde.
Wenn das Modell systematisch validiert werde und sich zeige, dass sich die Versorgung verbessere, könnten es Anbieter in elektronische Gesundheitsakten einfließen lassen, sagte Garibaldi.
Kattan merkte an, dass die Kreuzvalidierung nach Standorten dazu beitrage, mehr Vertrauen in die Ergebnisse aufzubauen. Hierbei entfernten die Forscher randomisiert Daten zu einem von 5 Krankenhäusern und testeten dann das Modell aus den 4 verbliebenen Standorten an dem einen (aus dem Modell entfernten) Standort, um die Ergebnisse zu vergleichen. Sie wiederholten diese Prüfung für jedes Zentrum. „Nach der Interpretation funktionierte es in jedem Krankenhaus gut, wenn sie es so machten“, sagte Kattan.
Gefahr der Fehleinschätzung?
Das Einzige, was Kattan fehlte, war „die Kalibrierungsleistung des Risikorechners“ oder die Übereinstimmung zwischen einer prognostizierten Wahrscheinlichkeit und dem Anteil der Menschen, die ein bestimmtes Ergebnis tatsächlich hatten.
Garibaldi zufolge bestehe generell die Gefahr, dass das Vertrauen in einen Algorithmus zu Fehleinschätzungen führen könne. Aus diesem Grund betonen die Autoren, dass das Modell nicht dazu gedacht sei, die Expertise eines Arztes zu ersetzen, sondern vielmehr in Verbindung mit ihm verwendet werden sollte.
Seitdem Daten zu Beginn der Pandemie gesammelt worden wären, habe man viel über Interventionen, Symptome und Verbreitung gelernt, so Garibaldi. Johns Hopkins-Klinken hätten inzwischen mehr als 3.000 COVID-19-Patienten betreut.
Längsschnittdaten, das gesammelte Wissen über die Anwendung der mechanischen Beatmung und den Einsatz von Therapien würden zur Verfeinerung des Modells beitragen, sagte er.
... link (0 Kommentare) ... comment
Mittwoch, 7. Oktober 2020
Virologe Streeck plädiert für Rücknahme von Corona-Schutzmaßnahmen
che2001, 12:45h
... link (0 Kommentare) ... comment
Montag, 5. Oktober 2020
Die Waffen meiner Kindheit
che2001, 18:52h
Wenn wir früher Indianer, Piraten oder Krieg spielten hatte ich ein Gewehr mit stählernem Lauf und Schaft und Kolben aus Eichenholz und einen silbernen Colt aus Weißmetall. Beide schossen mit achtteiligen Zündringen und knallten ordentlich.
Heute gibt es nur Plastikkram.
Dafür verletzten die echten Pfeile mit denen wir schossen wirklich, und von einem habe ich bis heute eine Narbe.
Heute gibt es nur Plastikkram.
Dafür verletzten die echten Pfeile mit denen wir schossen wirklich, und von einem habe ich bis heute eine Narbe.
... link (1 Kommentar) ... comment
Triplemix
che2001, 02:26h
Diesmal eine Mischung aus Karate, Capoera und Muay Thai. Als ich vor zwei Jahren mit diesem Mixed-Martial-Arts-Training begonnen hatte war ich nach jeder Trainingseinheit vollkommen fertig, heute denke ich: Warum nicht noch eine Stunde mehr? Fühle mich königlich.
... link (0 Kommentare) ... comment
Samstag, 3. Oktober 2020
Fitnessstatus
che2001, 21:23h
Habe einen Fitnesscheck gemacht. Resultat: Einstufung "Athlet". Wow. Denke, das können wenige Mittfünfziger von sich sagen.
... link (0 Kommentare) ... comment
Donnerstag, 1. Oktober 2020
Die neuen schnellen Antigen-Tests bei COVID-19: Wie in der Praxis einsetzen? Was bringen sie? Für wen eignen sie sich?
che2001, 18:46h
Kurt-Martin Mayer
Antigen-Schnelltests auf SARS-CoV-2 sieht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als Teil der deutschen Strategie für Herbst und Winter. In Europa und Nordamerika sind im Wesentlichen 3 derartige Produkte bereits auf dem Markt. Die Tests reagieren auf typische Virus-Proteine im Nasen-Rachen-Raum.
Auch wenn sie etwas häufiger eine Infektion übersehen als das auf das Viruserbgut ausgerichtete PCR-Verfahren, begrüßen Virologen wie Prof. Dr. Uwe Dittmer, Universitätsmedizin Mainz, die Antigentests. Schon nach einer Viertelstunde liege ein Ergebnis vor, „während es bei den schnellsten PCR-Tests mindestens 50 Minuten dauert“, vergleicht Dittmer.
Wegen der höheren Fehlerquote dämpft der Institutsleiter allerdings die Hoffnung, mithilfe von Antigentests ließen sich Stadien, Konzertsäle und Clubs wieder ähnlich dicht mit Besuchern füllen wie vor der Pandemie. Weil Antigentests umso sicherer anschlügen, je höher die Virenmenge im Körper sei, empfiehlt Dittmer, sie vorrangig zur Überprüfung von Personen mit Symptomen einzusetzen.
Allerdings sei es auch denkbar, „dass jene Infizierten, die wir mittels Antigentest nicht entdecken, für andere ungefährlich sind“. Natürlich gebe es dabei Ausnahmen.
Der Ct-Wert, das Maß für die Menge der Virus-RNA in einer Probe (je mehr davon vorhanden ist, desto geringer ist der Ct-Wert) endet beim Antigentest etwa beim Wert 27. Asymptomatische Patienten haben meist einen Ct-Wert von über 30.
Sensitivität und Spezifität der 3 Tests
Unter den Herstellern wirbt vor allem die nal von minden GmbH aus Moers mit einer Massentauglichkeit ihres „Nadal“ genannten Tests. Mit ihm habe man nach Unternehmensangaben in einem Probelauf in Wien 3.000 Studenten vor einer Vorlesung überprüft. Eine Person mit einem negativen Testergebnis ist nach Firmenmangaben zu mehr als 99,9% wirklich negativ. Von 100 positiven Proben werden 97,56 auch richtig als positiv erkannt.
Nal von minden gibt an, bereits Millionen Antigentests hergestellt zu haben, die ab sofort verfügbar seien. Die Produktionskapazität liege bei 20 Millionen Tests pro Monat, könne aber auch weiter „hochgefahren“ werden.
Vorläufige Ergebnisse einer von Abbott durchgeführten klinischen Studie mit 241 Proben zeigten, dass das „Panbio COVID-19 Ag-Test“ genannte Produkt des US-amerikanischen Herstellers eine Sensitivität von 93,3% und eine Spezifität von 99,4% aufweise.
Das Unternehmen Roche gibt für seinen „SARS-CoV-2 Rapid Antigen Test“ eine Sensitivität von 96,52% und eine Spezifizität von 99,68% an.
Weder das Produkt aus Moers noch die Konkurrenztests der Hersteller Roche und Abbott sind für den privaten Hausgebrauch zugelassen. Auch wenn sie über Apotheken abgegeben werden, geht das nur über die Praxisversorgung.
Und die Kosten?
Zwar halten sich die Firmen beim Punkt „Kosten“ mit konkreten Angaben zurück, doch nach Dittmers Erfahrungen dürften die Preise nicht das entscheidende Argument werden. Antigen-Schnelltests kosteten ebenso wie Standard-PCR-Tests (Ergebnis nach mindestens 2 Stunden) rund 20 Euro. Teurer, nämlich etwa doppelt so teuer seien schnelle PCR-Tests, bei denen man nur etwa 50 Minuten auf das Ergebnis warten muss.
Auch bei den Antigentests ist die Infrastruktur und die Sorgfalt der Arbeitsweise wichtig. So komme es auch bei ihnen auf einen guten Abstrich an, mahnt Dittmer. Für den Fall positiver Ergebnisse dürfe es auch nicht an Schutzkleidung fehlen und an einer räumlichen Möglichkeit, Menschen zu isolieren. In der derzeitigen Praxis scheinen Materialmängel nach wie vor ein Problem bei Tests zu sein.
Als einen der Gründe für seine positive Erwartungshaltung gegenüber den Antigentests nennt Dittmer die Tatsache, dass es bei den PCR-TEsts immer wieder Lieferschwierigkeiten gebe – weiterhin komme es vor, dass Plastikteile oder bestimmte Chemikalien nicht lieferbar seien.
Akkreditierte Labore in der Medizin noch abwartend
Abwartend beurteilen die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM e.V.) die Antigentests. „Zur Sicherheit der Menschen… gilt es hier, zunächst die Qualität der Herstellerangaben in der Versorgung zu überprüfen und die Tests dann sinnvoll in die Nationale Teststrategie zu integrieren“, mahnt der ALM-Vorsitzende Dr. Michael Müller.
Zur Sicherheit der Menschen… gilt es hier, zunächst die Qualität der Herstellerangaben in der Versorgung zu überprüfen und die Tests dann sinnvoll in die Nationale Teststrategie zu integrieren. Dr. Michael Müller
Weil man um die etwas niedrigere Sensitivität wisse, „bedarf es vergleichender Untersuchungen und Bewertungen von PCR- und Antigentests“. Diese Zeit sollte man sich nehmen und klären, welches Maß an geringerer Sensitivität der Antigentests im Vergleich zum „Goldstandard“ PCR-Test akzeptierbar sei.
Antikörpertests – unverzichtbar erst bei Massenimpfungen?
Wenig Chancen gibt der Essener Virologe Dittmer dem LAMP-Verfahren („loop-mediated isothermal amplification“), das hauptsächlich im Vereinigten Königreich bereits im breiten Einsatz stehen soll. Es biete weder hinsichtlich Spezifität noch Sensitivität einen Vorteil gegenüber Antigentests, dauere aber mit ungefähr einer halben Stunde deutlich länger.
Anders als Antigentests zeigen Antikörpertests eine bereits durchgemachte Infektion an. Wirklich wichtig werden Antikörpertests nach Dittmers Einschätzung allerdings „wohl erst, wenn wir über einen Impfstoff verfügen“. Dann könnten sie verraten, ob sich ein Infektionsschutz aufbaue und vielleicht auch, wie lange dieser anhalte.
Antigen-Schnelltests auf SARS-CoV-2 sieht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als Teil der deutschen Strategie für Herbst und Winter. In Europa und Nordamerika sind im Wesentlichen 3 derartige Produkte bereits auf dem Markt. Die Tests reagieren auf typische Virus-Proteine im Nasen-Rachen-Raum.
Auch wenn sie etwas häufiger eine Infektion übersehen als das auf das Viruserbgut ausgerichtete PCR-Verfahren, begrüßen Virologen wie Prof. Dr. Uwe Dittmer, Universitätsmedizin Mainz, die Antigentests. Schon nach einer Viertelstunde liege ein Ergebnis vor, „während es bei den schnellsten PCR-Tests mindestens 50 Minuten dauert“, vergleicht Dittmer.
Wegen der höheren Fehlerquote dämpft der Institutsleiter allerdings die Hoffnung, mithilfe von Antigentests ließen sich Stadien, Konzertsäle und Clubs wieder ähnlich dicht mit Besuchern füllen wie vor der Pandemie. Weil Antigentests umso sicherer anschlügen, je höher die Virenmenge im Körper sei, empfiehlt Dittmer, sie vorrangig zur Überprüfung von Personen mit Symptomen einzusetzen.
Allerdings sei es auch denkbar, „dass jene Infizierten, die wir mittels Antigentest nicht entdecken, für andere ungefährlich sind“. Natürlich gebe es dabei Ausnahmen.
Der Ct-Wert, das Maß für die Menge der Virus-RNA in einer Probe (je mehr davon vorhanden ist, desto geringer ist der Ct-Wert) endet beim Antigentest etwa beim Wert 27. Asymptomatische Patienten haben meist einen Ct-Wert von über 30.
Sensitivität und Spezifität der 3 Tests
Unter den Herstellern wirbt vor allem die nal von minden GmbH aus Moers mit einer Massentauglichkeit ihres „Nadal“ genannten Tests. Mit ihm habe man nach Unternehmensangaben in einem Probelauf in Wien 3.000 Studenten vor einer Vorlesung überprüft. Eine Person mit einem negativen Testergebnis ist nach Firmenmangaben zu mehr als 99,9% wirklich negativ. Von 100 positiven Proben werden 97,56 auch richtig als positiv erkannt.
Nal von minden gibt an, bereits Millionen Antigentests hergestellt zu haben, die ab sofort verfügbar seien. Die Produktionskapazität liege bei 20 Millionen Tests pro Monat, könne aber auch weiter „hochgefahren“ werden.
Vorläufige Ergebnisse einer von Abbott durchgeführten klinischen Studie mit 241 Proben zeigten, dass das „Panbio COVID-19 Ag-Test“ genannte Produkt des US-amerikanischen Herstellers eine Sensitivität von 93,3% und eine Spezifität von 99,4% aufweise.
Das Unternehmen Roche gibt für seinen „SARS-CoV-2 Rapid Antigen Test“ eine Sensitivität von 96,52% und eine Spezifizität von 99,68% an.
Weder das Produkt aus Moers noch die Konkurrenztests der Hersteller Roche und Abbott sind für den privaten Hausgebrauch zugelassen. Auch wenn sie über Apotheken abgegeben werden, geht das nur über die Praxisversorgung.
Und die Kosten?
Zwar halten sich die Firmen beim Punkt „Kosten“ mit konkreten Angaben zurück, doch nach Dittmers Erfahrungen dürften die Preise nicht das entscheidende Argument werden. Antigen-Schnelltests kosteten ebenso wie Standard-PCR-Tests (Ergebnis nach mindestens 2 Stunden) rund 20 Euro. Teurer, nämlich etwa doppelt so teuer seien schnelle PCR-Tests, bei denen man nur etwa 50 Minuten auf das Ergebnis warten muss.
Auch bei den Antigentests ist die Infrastruktur und die Sorgfalt der Arbeitsweise wichtig. So komme es auch bei ihnen auf einen guten Abstrich an, mahnt Dittmer. Für den Fall positiver Ergebnisse dürfe es auch nicht an Schutzkleidung fehlen und an einer räumlichen Möglichkeit, Menschen zu isolieren. In der derzeitigen Praxis scheinen Materialmängel nach wie vor ein Problem bei Tests zu sein.
Als einen der Gründe für seine positive Erwartungshaltung gegenüber den Antigentests nennt Dittmer die Tatsache, dass es bei den PCR-TEsts immer wieder Lieferschwierigkeiten gebe – weiterhin komme es vor, dass Plastikteile oder bestimmte Chemikalien nicht lieferbar seien.
Akkreditierte Labore in der Medizin noch abwartend
Abwartend beurteilen die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM e.V.) die Antigentests. „Zur Sicherheit der Menschen… gilt es hier, zunächst die Qualität der Herstellerangaben in der Versorgung zu überprüfen und die Tests dann sinnvoll in die Nationale Teststrategie zu integrieren“, mahnt der ALM-Vorsitzende Dr. Michael Müller.
Zur Sicherheit der Menschen… gilt es hier, zunächst die Qualität der Herstellerangaben in der Versorgung zu überprüfen und die Tests dann sinnvoll in die Nationale Teststrategie zu integrieren. Dr. Michael Müller
Weil man um die etwas niedrigere Sensitivität wisse, „bedarf es vergleichender Untersuchungen und Bewertungen von PCR- und Antigentests“. Diese Zeit sollte man sich nehmen und klären, welches Maß an geringerer Sensitivität der Antigentests im Vergleich zum „Goldstandard“ PCR-Test akzeptierbar sei.
Antikörpertests – unverzichtbar erst bei Massenimpfungen?
Wenig Chancen gibt der Essener Virologe Dittmer dem LAMP-Verfahren („loop-mediated isothermal amplification“), das hauptsächlich im Vereinigten Königreich bereits im breiten Einsatz stehen soll. Es biete weder hinsichtlich Spezifität noch Sensitivität einen Vorteil gegenüber Antigentests, dauere aber mit ungefähr einer halben Stunde deutlich länger.
Anders als Antigentests zeigen Antikörpertests eine bereits durchgemachte Infektion an. Wirklich wichtig werden Antikörpertests nach Dittmers Einschätzung allerdings „wohl erst, wenn wir über einen Impfstoff verfügen“. Dann könnten sie verraten, ob sich ein Infektionsschutz aufbaue und vielleicht auch, wie lange dieser anhalte.
... link (13 Kommentare) ... comment
Mittwoch, 30. September 2020
Corona: Neandertaler besondere Risikogruppe
che2001, 19:49h
... link (4 Kommentare) ... comment
10 Mal tödlicher als die Grippe! Epidemiologe benennt 3 Fehler, durch die wir die Corona-Gefahr unterschätzen
che2001, 18:12h
Heike Dierbach, Medscape
Eine wichtige Frage bei COVID-19 ist, wie tödlich die Krankheit wirklich ist – nicht zuletzt, weil dies die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung rechtfertigt. Doch der Anteil Verstorbener schwankt zwischen den Ländern erheblich, oft auch über die Zeit.
Der international renommierte Epidemiologe Prof. Dr. Rod Jackson von der School of Population Health an der University of Auckland, Neuseeland, hat 3 Hauptprobleme bei der Berechnung der Sterblichkeit ausgemacht. In einem Artikel für den New Zealand Herald liefert er auch gleich die Lösungen, wie diese zu beheben sind [1]. Dadurch lässt sich nach seinen Angaben unter anderem zeigen, dass COVID-19 rund 10 Mal so tödlich ist wie eine Virusgrippe.
So werden die Berechnungen präziser
Lösung für Problem 1: Um die Zahl der Infizierten zu bestimmen, braucht man reihenhafte Testungen auf Antikörper (und auf das Virus) bei vielen tausenden Personen in einer Stadt. Solche Erhebungen gibt es in den USA und Europa. Kleinere Länder wie Island sind hier im Nachteil, sagt Jackson: „Die Studien von dort sind gut gemacht, aber die Zahl der Personen und der Todesfälle ist einfach zu klein.“
Die Zahl der an COVID-19 Verstorbenen lässt sich über die zusätzlichen Todesfälle ermitteln. „Man schaut also, wie viele Menschen innerhalb von sechs Monaten mehr gestorben sind als im Durchschnitt der letzten Jahre über denselben Zeitraum.“ In den USA gab beispielsweise zwischen März und August 2020 insgesamt 248.400 mehr Todesfälle, verglichen mit diesem Zeitraum in den 5 Jahren zuvor. Zugleich wurden aber nur 176.247 Todesfälle wegen COVID-19 gemeldet. „Das legt nahe, dass die wahre Zahl der Todesfälle bis zu 40 Prozent höher liegt“, sagt Jackson.
Problem 2 lässt sich ebenfalls relativ leicht lösen: Nur die Zahl aller Infizierten darf in die Berechnung des Infizierten-Verstorbenen-Anteils eingehen. Die der Diagnostizierten ist dafür ungeeignet.
Problem 3 lässt sich durch Masse lösen: Gruppen mit sehr vielen Personen – am besten ein paar Millionen – sind weniger anfällig für Verzerrungen durch Einzelmerkmale, weil sie eher gemischt sind. Die untersuchte Todeszahl sollte möglichst mehrere Tausend betragen. „Eine Studie mit weniger als ein paar Hundert Todesfällen lohnt sich gar nicht anzusehen“, sagt Jackson. Zu Beginn der Pandemie ließen sich geringe Zahlen nicht vermeiden, aber nun sei dies nicht mehr tolerabel.
Medien sind oft zu unkritisch
Berücksichtigt man diese 3 Punkte, wird es einfacher, den Infizierten-Verstorbenen-Anteil zu berechnen, sagt Jackson. Er kritisiert, dass die Medien oft über Studien berichten, die von vielen Epidemiologen verworfen werden. „Das ist einer der Gründe, warum die Debatte so kontrovers wirkt.“
COVID-19 ist demnach mindestens 10 Mal so tödlich wie die Grippe. Prof. Dr. Rod Jackson
Doch selbst wenn man bessere Zahlen für Zähler und Nenner habe, so enthielten auch diese oft noch Unsicherheiten, sagt Jackson. Aber mit diesen könne man umgehen und zumindest eine Spanne für den Infizierten-Verstorbenen-Anteil berechnen.
Umfangreiche Daten lägen beispielsweise für Spanien vor. Nach diesen Daten starben 0,5 bis 2 von 100 Infizierten. Für den besonders betroffenen Bundesstaat Victoria in Australien kommt Jackson auf höchstens einen von 100. „Zum Vergleich: Bei der Grippe beträgt diese Quote weniger als eins zu tausend. COVID-19 ist demnach mindestens 10 Mal so tödlich wie die Grippe.“
Einen Blick in den Original-Artikel auf der Webseite des New Zealand Herald zu werfen, lohnt auch wegen der zusätzlichen Elemente. Unter anderem werden die aktuellen Infektionszahlen für Neuseeland angegeben, Stand 25. September: Aktive Fälle von COVID-19: 60. Patienten im Krankenhaus: 3. Auf der Intensivstation: 0.
Die Zahl der Diagnostizierten ist als Grundlage ungeeignet
Eigentlich lässt sich die Tödlichkeit einer Krankheit leicht berechnen: Man teilt die Anzahl der Todesfälle (Zähler) durch die Anzahl der Infizierten (Nenner), und erhält so den Infizierten-Verstorbenen-Anteil (Infection Fatality Proportion). Dieser ist nicht identisch mit der Mortalität oder Sterblichkeit, denn diese bezieht sich in der Regel auch auf einen bestimmten Zeitraum.
Jackson nennt 3 Gründe, warum bei COVID 19 die Berechnung des Infizierten-Verstorbenen-Anteils schwierig ist:
1. Wir kennen weder den genauen Wert für den Zähler noch für den Nenner. Nicht alle Verstorbenen sind nur aufgrund von COVID-19 gestorben. Und nicht alle Infizierte werden getestet und erfasst.
2. Es ist uneinheitlich, welche Zahl für den Nenner genommen wird: Manche Forscher stützen sich auch nur auf die Zahl der Diagnostizierten. Doch diese ist eben nicht die Zahl der Infizierten.
3. Die Berechnung bezieht sich immer auf eine bestimmte Gruppe von Personen. Bei COVID-19 spielen aber persönliche Merkmale wie Alter oder Vorerkrankungen eine entscheidende Rolle für die Gefahr durch das Virus. Insofern sind die Zahlen aus einer Gruppe streng genommen nur auf eine Gruppe mit ähnlichen Merkmalen übertragbar. „Wenn die Berechnung von einer Gruppe stammt, die nicht ähnlich ist zur Altersverteilung in Ihrer Stadt oder Ihrem Land, sagt der Infizierten-Verstorbenen-Anteil nicht viel aus“, warnt Jackson.
Und dann spiele natürlich auch noch die Gesundheitsversorgung vor Ort eine wichtige Rolle.
Wenn die Berechnung von einer Gruppe stammt, die nicht ähnlich ist zur Altersverteilung in Ihrer Stadt oder Ihrem Land, sagt der Infizierten-Verstorbenen-Anteil nicht viel aus. Prof. Dr. Rod Jackson
Diese Phänomene seien aber kein Grund, sich mit inkorrekten Berechnungen zufrieden zu geben. Denn je länger die Pandemie dauere, desto bessere Daten seien vorhanden, mit denen man arbeiten könne.
Eine wichtige Frage bei COVID-19 ist, wie tödlich die Krankheit wirklich ist – nicht zuletzt, weil dies die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung rechtfertigt. Doch der Anteil Verstorbener schwankt zwischen den Ländern erheblich, oft auch über die Zeit.
Der international renommierte Epidemiologe Prof. Dr. Rod Jackson von der School of Population Health an der University of Auckland, Neuseeland, hat 3 Hauptprobleme bei der Berechnung der Sterblichkeit ausgemacht. In einem Artikel für den New Zealand Herald liefert er auch gleich die Lösungen, wie diese zu beheben sind [1]. Dadurch lässt sich nach seinen Angaben unter anderem zeigen, dass COVID-19 rund 10 Mal so tödlich ist wie eine Virusgrippe.
So werden die Berechnungen präziser
Lösung für Problem 1: Um die Zahl der Infizierten zu bestimmen, braucht man reihenhafte Testungen auf Antikörper (und auf das Virus) bei vielen tausenden Personen in einer Stadt. Solche Erhebungen gibt es in den USA und Europa. Kleinere Länder wie Island sind hier im Nachteil, sagt Jackson: „Die Studien von dort sind gut gemacht, aber die Zahl der Personen und der Todesfälle ist einfach zu klein.“
Die Zahl der an COVID-19 Verstorbenen lässt sich über die zusätzlichen Todesfälle ermitteln. „Man schaut also, wie viele Menschen innerhalb von sechs Monaten mehr gestorben sind als im Durchschnitt der letzten Jahre über denselben Zeitraum.“ In den USA gab beispielsweise zwischen März und August 2020 insgesamt 248.400 mehr Todesfälle, verglichen mit diesem Zeitraum in den 5 Jahren zuvor. Zugleich wurden aber nur 176.247 Todesfälle wegen COVID-19 gemeldet. „Das legt nahe, dass die wahre Zahl der Todesfälle bis zu 40 Prozent höher liegt“, sagt Jackson.
Problem 2 lässt sich ebenfalls relativ leicht lösen: Nur die Zahl aller Infizierten darf in die Berechnung des Infizierten-Verstorbenen-Anteils eingehen. Die der Diagnostizierten ist dafür ungeeignet.
Problem 3 lässt sich durch Masse lösen: Gruppen mit sehr vielen Personen – am besten ein paar Millionen – sind weniger anfällig für Verzerrungen durch Einzelmerkmale, weil sie eher gemischt sind. Die untersuchte Todeszahl sollte möglichst mehrere Tausend betragen. „Eine Studie mit weniger als ein paar Hundert Todesfällen lohnt sich gar nicht anzusehen“, sagt Jackson. Zu Beginn der Pandemie ließen sich geringe Zahlen nicht vermeiden, aber nun sei dies nicht mehr tolerabel.
Medien sind oft zu unkritisch
Berücksichtigt man diese 3 Punkte, wird es einfacher, den Infizierten-Verstorbenen-Anteil zu berechnen, sagt Jackson. Er kritisiert, dass die Medien oft über Studien berichten, die von vielen Epidemiologen verworfen werden. „Das ist einer der Gründe, warum die Debatte so kontrovers wirkt.“
COVID-19 ist demnach mindestens 10 Mal so tödlich wie die Grippe. Prof. Dr. Rod Jackson
Doch selbst wenn man bessere Zahlen für Zähler und Nenner habe, so enthielten auch diese oft noch Unsicherheiten, sagt Jackson. Aber mit diesen könne man umgehen und zumindest eine Spanne für den Infizierten-Verstorbenen-Anteil berechnen.
Umfangreiche Daten lägen beispielsweise für Spanien vor. Nach diesen Daten starben 0,5 bis 2 von 100 Infizierten. Für den besonders betroffenen Bundesstaat Victoria in Australien kommt Jackson auf höchstens einen von 100. „Zum Vergleich: Bei der Grippe beträgt diese Quote weniger als eins zu tausend. COVID-19 ist demnach mindestens 10 Mal so tödlich wie die Grippe.“
Einen Blick in den Original-Artikel auf der Webseite des New Zealand Herald zu werfen, lohnt auch wegen der zusätzlichen Elemente. Unter anderem werden die aktuellen Infektionszahlen für Neuseeland angegeben, Stand 25. September: Aktive Fälle von COVID-19: 60. Patienten im Krankenhaus: 3. Auf der Intensivstation: 0.
Die Zahl der Diagnostizierten ist als Grundlage ungeeignet
Eigentlich lässt sich die Tödlichkeit einer Krankheit leicht berechnen: Man teilt die Anzahl der Todesfälle (Zähler) durch die Anzahl der Infizierten (Nenner), und erhält so den Infizierten-Verstorbenen-Anteil (Infection Fatality Proportion). Dieser ist nicht identisch mit der Mortalität oder Sterblichkeit, denn diese bezieht sich in der Regel auch auf einen bestimmten Zeitraum.
Jackson nennt 3 Gründe, warum bei COVID 19 die Berechnung des Infizierten-Verstorbenen-Anteils schwierig ist:
1. Wir kennen weder den genauen Wert für den Zähler noch für den Nenner. Nicht alle Verstorbenen sind nur aufgrund von COVID-19 gestorben. Und nicht alle Infizierte werden getestet und erfasst.
2. Es ist uneinheitlich, welche Zahl für den Nenner genommen wird: Manche Forscher stützen sich auch nur auf die Zahl der Diagnostizierten. Doch diese ist eben nicht die Zahl der Infizierten.
3. Die Berechnung bezieht sich immer auf eine bestimmte Gruppe von Personen. Bei COVID-19 spielen aber persönliche Merkmale wie Alter oder Vorerkrankungen eine entscheidende Rolle für die Gefahr durch das Virus. Insofern sind die Zahlen aus einer Gruppe streng genommen nur auf eine Gruppe mit ähnlichen Merkmalen übertragbar. „Wenn die Berechnung von einer Gruppe stammt, die nicht ähnlich ist zur Altersverteilung in Ihrer Stadt oder Ihrem Land, sagt der Infizierten-Verstorbenen-Anteil nicht viel aus“, warnt Jackson.
Und dann spiele natürlich auch noch die Gesundheitsversorgung vor Ort eine wichtige Rolle.
Wenn die Berechnung von einer Gruppe stammt, die nicht ähnlich ist zur Altersverteilung in Ihrer Stadt oder Ihrem Land, sagt der Infizierten-Verstorbenen-Anteil nicht viel aus. Prof. Dr. Rod Jackson
Diese Phänomene seien aber kein Grund, sich mit inkorrekten Berechnungen zufrieden zu geben. Denn je länger die Pandemie dauere, desto bessere Daten seien vorhanden, mit denen man arbeiten könne.
... link (2 Kommentare) ... comment
Dienstag, 29. September 2020
Die Leopoldina fordert für den Corona-Herbst einheitliche Regeln, konsequente Umsetzung sowie mehr Tests und Kommunikation
che2001, 13:18h
Michael van den Heuvel, Medscape
Der Herbst naht, und damit auch die Angst vor deutlich mehr Neuinfektionen mit SARS-CoV-2. Bereits jetzt gehen die Zahlen deutlich nach oben; etwa ein Drittel des Frühjahrsmaximalwerts wurde erreicht. „Die Dynamik nimmt zu“, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. „Wir alle haben es in der Hand, ob sich Infektionen wieder unkontrolliert ausbreiten – durch eigenes Verhalten, Rücksichtnahme, Verzicht auf weitere Öffnungsschritte und durch politische Maßnahmen.“
Solche recht vagen Formulierungen hat die Leopoldina jetzt mit einer Handlungsempfehlung konkretisiert [1]. Von der Politik fordern die Experten, nicht nur verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln für Vorsorgemaßnahmen aufzustellen, sondern diese konsequenter und einheitlicher als bisher umzusetzen. Die Empfehlungen im Detail:
Keine größeren Menschenansammlungen
Bereits zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie haben Epidemiologen und Virologen zahlreiche Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung erarbeitet, allen voran die AHA-Regel (Abstandhalten, Hygiene, Alltagsmaske/Mund-Nasen-Schutz) und regelmäßiges Lüften der Innenräume.
„Aus dem bisherigen Kenntnisstand folgt, dass größere Menschenansammlungen, bei denen das Einhalten der Abstandsregel, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und ein entsprechender Luftaustausch nicht ausreichend gewährleistet werden können, weiterhin nicht stattfinden sollten“, heißt es im Dokument.
„Insbesondere Gruppenaktivitäten in geschlossenen Räumen, die zu einer vermehrten Übertragung durch Tröpfchen und Aerosole führen, wie Sport, Singen oder lautes Sprechen, sollten nicht oder nur mit besonderen Schutzmaßnahmen stattfinden.“ Alle Regeln sollten einheitlich sein, um Wirkung zu zeigen.
Neue Test- und Quarantäne-Strategien
Darüber hinaus fordern Leopoldina-Experten „leicht zugängliche, verständliche und verlässliche Abläufe für Testung, Ergebnismitteilung und -interpretation“. An Kritik sparen sie nicht: „Dringend notwendig sind die weitere Digitalisierung der Datenerfassung und eine barrierefreie und schnelle Mitteilung von Ergebnissen und deren Konsequenzen.“
Engpässe bei PCR-Tests halten die Experten in nächster Zeit für wahrscheinlich. Deshalb plädieren sie im Rahmen der gesetzlichen Regelungen für den Einsatz von Antigen-Schnelltests, obwohl deren „Sensitivität und Spezifität gegenüber PCR-Tests deutlich verringert sind“.
Ziel einer neuen Teststrategie müsse sein, die Zeit zwischen Test und Ergebnis weiter zu verkürzen und insbesondere die Infektiosität zu erfassen:
Im Mittel lassen sich SARS-CoV-2-Infektionen nach 2 Tagen detektieren.
Nach 5 Tagen treten meist die ersten Symptome auf.
Die infektiöse Phase beginnt 2 bis 3 Tage vor Symptombeginn und endet etwa 7 Tage danach.
Gelinge es, Patienten rasch zu testen, lasse sich die Isolationszeit im Normalfall auf eine Woche verkürzen, bei Hochrisiko-Kontakten nennen Experten 10 Tage.
Verantwortungsvolles Verhalten der Bevölkerung
Ob es gelingen wird, die Pandemie zu kontrollieren, hänge nicht nur von Ärzten, Wissenschaftlern oder Politikern ab, sondern in großem Maße von der Bevölkerung: Befolgen Bürger alle Regeln oder werden Corona-Leugner oder selbsternannte „Skeptiker“ zum Problem? Eine mögliche Antwort: „Um es Bürgerinnen und Bürgern zu erleichtern, Schutzmaßnahmen weiterhin – und konsequenter als bislang – einzuhalten, benötigen sie Wissen, Motivation und die Möglichkeit, sich entsprechend zu verhalten, sowie klare Regeln“, schreiben die Autoren.
Im Detail raten sie:
Bei jeder Entscheidung müssen die Grundlagen, aber auch mögliche Unsicherheitsfaktoren, in die Kommunikation einbezogen werden.
Verfahren oder Kriterien, die zu Entscheidungen geführt haben, sind transparent offenzulegen.
Generell sollten Politiker auch ökonomische und soziale Folgen der Maßnahmen berücksichtigen, verglichen mit möglichen Alternativen.
Zur Umsetzung eignen sich „gut sichtbare, motivierende und ansprechende Erinnerungen an Verhaltensregeln im öffentlichen Raum“ und Vorbilder mit entsprechendem Verhalten. Wichtig sei, zu betonen, dass ein Großteil aller Bürger solche Regeln befürworte.
Um es Bürgerinnen und Bürgern zu erleichtern, Schutzmaßnahmen weiterhin … einzuhalten, benötigen sie Wissen, Motivation und die Möglichkeit, sich entsprechend zu verhalten, sowie klare Regeln. Leopoldina
Die Leopoldina empfiehlt, Kinder und Jugendliche als spezielle Zielgruppe zu betrachten. Sie werden durch moderne Formate und Kommunikatoren wie Influencer eher erreicht als über klassische Kanäle.
Soziale und psychische Folgen berücksichtigen
Nicht zuletzt ziehen die Autoren eine Lehre aus dem 1. Lockdown: „Psychische Belastungen haben in der Pandemie zugenommen, mit potenziell langfristigen Folgen für die Gesundheit vieler.“ Viele Folgen würden sich in nächster Zeit noch stärker bemerkbar machen, so die Befürchtung. Daraus leiten die Experten mehrere Empfehlungen ab:
Bei der Planung von Maßnahmen ist es wichtig, neben Effekten auf die Pandemie soziale oder psychische Folgen für Bürger ins Kalkül zu ziehen.
Deutschland braucht in den nächsten Monaten spezielle Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz, etwa durch Bewegungsmöglichkeiten, Online-Angebote oder Telefon-Hotlines.
Zur Therapie oder Prävention sind mehr psychiatrische oder psychotherapeutische Angebote erforderlich.
Psychische Belastungen haben in der Pandemie zugenommen, mit potenziell langfristigen Folgen für die Gesundheit vieler. Leopoldina
Das aktuelle Dokument ist bereits die 6. Stellungnahme der Leopoldina zur Coronavirus-Pandemie in Deutschland. Grundlage sind aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Man sieht sich hier in einer beratenden Funktion. „Entscheidungen zu treffen, ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik und der zuständigen Institutionen.
Der Herbst naht, und damit auch die Angst vor deutlich mehr Neuinfektionen mit SARS-CoV-2. Bereits jetzt gehen die Zahlen deutlich nach oben; etwa ein Drittel des Frühjahrsmaximalwerts wurde erreicht. „Die Dynamik nimmt zu“, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. „Wir alle haben es in der Hand, ob sich Infektionen wieder unkontrolliert ausbreiten – durch eigenes Verhalten, Rücksichtnahme, Verzicht auf weitere Öffnungsschritte und durch politische Maßnahmen.“
Solche recht vagen Formulierungen hat die Leopoldina jetzt mit einer Handlungsempfehlung konkretisiert [1]. Von der Politik fordern die Experten, nicht nur verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln für Vorsorgemaßnahmen aufzustellen, sondern diese konsequenter und einheitlicher als bisher umzusetzen. Die Empfehlungen im Detail:
Keine größeren Menschenansammlungen
Bereits zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie haben Epidemiologen und Virologen zahlreiche Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung erarbeitet, allen voran die AHA-Regel (Abstandhalten, Hygiene, Alltagsmaske/Mund-Nasen-Schutz) und regelmäßiges Lüften der Innenräume.
„Aus dem bisherigen Kenntnisstand folgt, dass größere Menschenansammlungen, bei denen das Einhalten der Abstandsregel, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und ein entsprechender Luftaustausch nicht ausreichend gewährleistet werden können, weiterhin nicht stattfinden sollten“, heißt es im Dokument.
„Insbesondere Gruppenaktivitäten in geschlossenen Räumen, die zu einer vermehrten Übertragung durch Tröpfchen und Aerosole führen, wie Sport, Singen oder lautes Sprechen, sollten nicht oder nur mit besonderen Schutzmaßnahmen stattfinden.“ Alle Regeln sollten einheitlich sein, um Wirkung zu zeigen.
Neue Test- und Quarantäne-Strategien
Darüber hinaus fordern Leopoldina-Experten „leicht zugängliche, verständliche und verlässliche Abläufe für Testung, Ergebnismitteilung und -interpretation“. An Kritik sparen sie nicht: „Dringend notwendig sind die weitere Digitalisierung der Datenerfassung und eine barrierefreie und schnelle Mitteilung von Ergebnissen und deren Konsequenzen.“
Engpässe bei PCR-Tests halten die Experten in nächster Zeit für wahrscheinlich. Deshalb plädieren sie im Rahmen der gesetzlichen Regelungen für den Einsatz von Antigen-Schnelltests, obwohl deren „Sensitivität und Spezifität gegenüber PCR-Tests deutlich verringert sind“.
Ziel einer neuen Teststrategie müsse sein, die Zeit zwischen Test und Ergebnis weiter zu verkürzen und insbesondere die Infektiosität zu erfassen:
Im Mittel lassen sich SARS-CoV-2-Infektionen nach 2 Tagen detektieren.
Nach 5 Tagen treten meist die ersten Symptome auf.
Die infektiöse Phase beginnt 2 bis 3 Tage vor Symptombeginn und endet etwa 7 Tage danach.
Gelinge es, Patienten rasch zu testen, lasse sich die Isolationszeit im Normalfall auf eine Woche verkürzen, bei Hochrisiko-Kontakten nennen Experten 10 Tage.
Verantwortungsvolles Verhalten der Bevölkerung
Ob es gelingen wird, die Pandemie zu kontrollieren, hänge nicht nur von Ärzten, Wissenschaftlern oder Politikern ab, sondern in großem Maße von der Bevölkerung: Befolgen Bürger alle Regeln oder werden Corona-Leugner oder selbsternannte „Skeptiker“ zum Problem? Eine mögliche Antwort: „Um es Bürgerinnen und Bürgern zu erleichtern, Schutzmaßnahmen weiterhin – und konsequenter als bislang – einzuhalten, benötigen sie Wissen, Motivation und die Möglichkeit, sich entsprechend zu verhalten, sowie klare Regeln“, schreiben die Autoren.
Im Detail raten sie:
Bei jeder Entscheidung müssen die Grundlagen, aber auch mögliche Unsicherheitsfaktoren, in die Kommunikation einbezogen werden.
Verfahren oder Kriterien, die zu Entscheidungen geführt haben, sind transparent offenzulegen.
Generell sollten Politiker auch ökonomische und soziale Folgen der Maßnahmen berücksichtigen, verglichen mit möglichen Alternativen.
Zur Umsetzung eignen sich „gut sichtbare, motivierende und ansprechende Erinnerungen an Verhaltensregeln im öffentlichen Raum“ und Vorbilder mit entsprechendem Verhalten. Wichtig sei, zu betonen, dass ein Großteil aller Bürger solche Regeln befürworte.
Um es Bürgerinnen und Bürgern zu erleichtern, Schutzmaßnahmen weiterhin … einzuhalten, benötigen sie Wissen, Motivation und die Möglichkeit, sich entsprechend zu verhalten, sowie klare Regeln. Leopoldina
Die Leopoldina empfiehlt, Kinder und Jugendliche als spezielle Zielgruppe zu betrachten. Sie werden durch moderne Formate und Kommunikatoren wie Influencer eher erreicht als über klassische Kanäle.
Soziale und psychische Folgen berücksichtigen
Nicht zuletzt ziehen die Autoren eine Lehre aus dem 1. Lockdown: „Psychische Belastungen haben in der Pandemie zugenommen, mit potenziell langfristigen Folgen für die Gesundheit vieler.“ Viele Folgen würden sich in nächster Zeit noch stärker bemerkbar machen, so die Befürchtung. Daraus leiten die Experten mehrere Empfehlungen ab:
Bei der Planung von Maßnahmen ist es wichtig, neben Effekten auf die Pandemie soziale oder psychische Folgen für Bürger ins Kalkül zu ziehen.
Deutschland braucht in den nächsten Monaten spezielle Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz, etwa durch Bewegungsmöglichkeiten, Online-Angebote oder Telefon-Hotlines.
Zur Therapie oder Prävention sind mehr psychiatrische oder psychotherapeutische Angebote erforderlich.
Psychische Belastungen haben in der Pandemie zugenommen, mit potenziell langfristigen Folgen für die Gesundheit vieler. Leopoldina
Das aktuelle Dokument ist bereits die 6. Stellungnahme der Leopoldina zur Coronavirus-Pandemie in Deutschland. Grundlage sind aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Man sieht sich hier in einer beratenden Funktion. „Entscheidungen zu treffen, ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik und der zuständigen Institutionen.
... link (0 Kommentare) ... comment
... nächste Seite
