Sonntag, 5. Oktober 2008
Das ungleichzeitige Lebensgefühl der Achtziger
Im Spiegel-Online-Magazin “eines tages. Wie wir wurden, was wir sind” beschreibt der ehemalige Tempo!-Redakteur Thomas Huetlin das Lebensgefühl junger Leute in den 1980ern und wie er diese Zeit wahrgenommen hat. Ich muss sagen, dass es mich etwas erstaunt und befremdet. “Nicht Rainer Langhans und John Lennon gingen uns auf die Nerven, sondern deren Epigonen. Gestalten, die ihre K-Gruppen-Dogmen über die oft funkelnden Gedanken der sechziger Jahre betonierten. Die mit mantrahaft wiederholten Theorien die Welt totdiskutierten - wohlig resigniert ahnend, dass jenes System, das ihnen den Rotwein und den muffigen Parka finanzierte, am Ende doch nicht zu besiegen sein würde. die reale Welt der Achtziger erschien erstarrt. … War es da nicht viel interessanter, die Wirklichkeit als spiel zu betrachten, das sich immer neu kombinieren ließ? War es nicht inspirierender, die Realität als eine Möglichkeit von vielen zu deuten? War der Baukasten des “Anything goes” nicht die beste Waffe gegen den erstarrten Mainstream?”

Ich habe den Eindruck, wir lebten in verschiedenen Welten. Denn ich bin wenige Jahre jünger als Huetlin, aber ich hatte diese Zeit ganz anders erlebt. Für uns waren die 68er erst unerreichtes Vorbild, dann Leute, die uns nicht konsequent genug waren, die wir überholen und übertreffen wollten. In meiner unmittelbaren Umgebung gab es davon nicht allzuviele. Unsere Lehrer waren überwiegend im Muff der Adenauer-Ära aufgewachsen und bemüht, uns zu “westlichen Werten” zu erziehen, zu denen auch Starfighter, Kommunistenhatz und Elitedünkel gehörten (”Als Gymnasiasten müsse Sie nicht Maschine schreiben können, sondern sie werden später eine Sekretärin haben. Wenn das nicht der Fall sein wird, sind sie auf der falschen Schule”.). Das, was ich von den Linken mitbekam, waren Spontis, Autonome, Feministinnen, Ökos und Punks, K-Grüppler gab es schon 1977 nicht mehr. Die trugen auch keinen Parka, sondern schwarze Lederjacken, Afghan-Kammgarn (”Teppichjacken”) oder Selbstgehäkeltes. Ich empfand die Zeit auch nicht als erstarrt, sondern als extrem dynamisch: Revolutionen im Iran und in Nicaragua, Bürgerkriege im Libanon und El Salvador, Hausbesetzungen und “Swinging Cities” mit Dauerpartystimmung in den Kiezen (wenn die Staatsmacht nicht gerade räumte), Lockerbie, Bomben über Libyen, Vernichtungskrieg in Kurdistan-Irak, Wackersdorf, Faschoaufmärsche, Kampagnen gegen Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnheimen und Einkaufsgutscheine, Umsonst&Draußen-Konzerte, viel guter Sex, darunter viele One-Night-Stands, ständige peinliche Entgleisungen Kohls, Medien wie Titanic, Tempo, Hier&Jetzt die sich genau daran abarbeiteten und eine Anti-Establishment-Haltung als Frage des guten Tons kultivierten. Für mich waren die 80er eine Art Fortsetzung der Woodstock-bis-Ölkrise-Zeit mit anderen (und teils weitaus schrilleren) Mitteln.

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Adorno! Wir Asos!
Vor langen Jahren waren wir mal mit ein paar Leuten auf dem soundsovielten Geburtstag des IFE (Institut für Erwachsenenbildung). Wir hatten ein paar Sielwall-Punks mitgebracht, was wir als Experiment verstanden; wie würde The Bildungsbürgertum auf diese Leute reagieren, wie die Punks auf The Bildungsbürgertum?

- Es ging gründlich schief. Mit dem Schlachtruf “Adorno!” auf den Lippen, was für sie so viel bedeutete wie für Fallschirmjäger “Geronimo!” stürmten sie das Büfett und schmissen es um. Wir flogen alle miteinander raus, und auf der Rückfahrt mit dem LT 28 fragte mich eine Punkerin, ob ich Radfahrer sähe, sie hätte zu viel LSD intus, um das beurteilen zu können. Immeerhin hatte sie bei anderer Gelegenheit mal auf blumige Weise ihren Klassenstandpunkt zum Ausdruck gebracht : “Wir Asos stehen Seite an Seite mit den Kanaken gegen Bonzen und Faschos!”

Nein, das saufende und drogende Subproletariat war gar nicht schön, aber heute fehlen mir solche Erlebnisse dann manchmal doch ;-)

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