Samstag, 31. Dezember 2016
Stiller Siegeszug
Zu meiner Studienzeit, in den 1980er Jahren, war in der Geschichtswissenschaft die Alltagsgeschichte Steckenpferd notorischer Außenseiterinnen und Special-Interest-Thema linker Gruppen. Damals spielte sich eine allgemeine battle of minds ab um die gesellschaftliche Deutung von Geschichte. Es war die Zeit des Historikerstreits, der autonomen Frauenseminare, die ERSTMALS feministische Forschungsinhalte gegen den massiven Widerstand der Lehrstuhlinhaber in den Wissenschaftsbetrieb einbrachten, der autonomen Seminare überhaupt, mit denen wir linken Studis so eine Art Gegenveranstaltungen gegen den offiziellen Lehrbetrieb auf die Beine stellten. Wissenschaftskritik konnte damals sehr konkret werden, wie das Lemma "anschlagsrelevante Themen" deutlich macht: Eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Gentech zu organisieren konnte bedeuten, vom Staatsschutz ins RZ-Umfeld eingeordnet zu werden und auf eine Fahndungsliste zu kommen. Vom damaligen Bundespräsidenten - Richard von Weizsäcker - und Kanzler - Helmut Kohl - bis hin zur autonomen Kleingruppe, die ganze Republik diskutierte kontrovers zu historischen Themen, diese Diskussion war Teil einer gesellschaftlichen Gesamtauseinandersetzung. Innerhalb der Geschichtswissenschaft setzte sich damals gerade die Sozialhistorie der Bielefelder Schule gegen die Traditionslinie der Historischen Schule durch. Das bedeutete, jetzt etwas grob vereinfacht, Technik-Wirtschafts- und Strukturgeschichte verbunden mit Geschichte der Arbeiterbewegung und einem auf Max Weber basierendem entwicklungssoziologischen Geschichtsmodell im Hintergrund. Alltags- Umwelt- und Frauengeschichte waren hingegen nicht anerkannte Ansätze, die von undogmatischen Linken, Feministinnen und Grünen ins Feld geführt wurden und von der großen Mehrheit der Zunft ignoriert wurden - mit Ausnahme ihrer absoluten Elite, nämlich dem Max-Planck-Institut für Geschichte. Als eine besondere Form der Alltagsgeschichte entstand die sogenannte Andere Arbeitergeschichte, eine Verbindung aus marxistischer englischer Arbeiterbewegungsgeschichte, der französischen Alltagsgeschichte des Annales-Ansatzes, Geschlechtergeschichte und Foucault-Anwendungen, vor allem rund um die Schriftenreihen Mittelweg 36 und Autonomie Neue Folge - Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Wir waren damals noch so avandgardistisch, dass wir um Quartier für unsere Teilnahme am Hamburger Geschichtsfest 1985 zu machen dort eigens ein Haus besetzten.


Und heute? Die Alltagsgeschichte ist absolut etabliert, die Historische Schule, ja die gesamte politische Geschichte/Ereignisgeschichte ist selber Historie. Sogar das wehrhistorische Museum der Bundeswehr arbeitet strikt alltagshistorisch. Die Schlachten Napoleons werden nicht mehr dahingehend analysiert wer wen wie taktisch ausmanövriert hat, sondern es wird veranschaulicht wie sich das für den kleinen Soldaten angefühlt hat, und Aspekte beackert an die man früher im Traum nicht gedacht hätte: Etwa die Tatsache, dass nach dem großen Sterben Massen an Zahnärzten über die Schlachtfelder strichen, um den Gefallenen die Zähne zu ziehen, als Rohmaterial für Prothesen. Alltagsgeschichte rules, feministische Geschichtswissenschaft auch. Pardon, wir haben gewonnen. Aber nur in der Theorie; die Theorie als Theorie des politischen Handelns hat sich unendlich von den damaligen Debatten entfernt, und wir sind weiter als je zuvor von der Durchsetzung klassenkämpferischer Forderungen entfernt.

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ja. Das ist jetzt mal ne schöne, bündige Zusammenfassung, die sich gut eignet, Deine verstreuten Bemerkungen zu Deiner wissenschaftlichen Karriere zu kontextualisieren - zumal für jemanden wie mich, der ich darauf angewiesen bin, mich auf die besseren populärwissenschaftlichen Darstellungen, wenn´s um Geschichte geht, zu verlassen (oder zu faul, oder zu lesehedonistisch eingestellt). Und unter diesen Voraussetzungen kann ich bestätigen: Hörte eins i. d. 90 fleißig die betreffenden populärwissenschaftlichen Sendungen auf dlf, konnte der selben Person nicht entgehen, dass Alltagsgeschichte, Oral-History das Rennen gemacht hatte oder gerade machte.

Wie Du weißt, beruhte meine Erziehung, in geschichtlichen Sachen, eben genau auf einer solchen Vermittlung. Daher ist es für mich interessant, zu erfahren, welche Kämpfe dem "Pardon, wir haben gewonnen" vorangingen. Hatte ich natürlich so gar nicht auf dem Schirm.

Obwohl ich mich wenig hatte begeistern können für die Werke zur "Arbeiterliteratur", die ich häuslich in Bücherschränken vorfand - wirkten auf mich wie DDR-Pflichtübungen, was sie ja möglw. auch waren -, hatte ich mich so ab ´95 rum auf die Suche begeben nach lesbarer "historischer" Literatur "von unten" (da mag "Ritter-Rülps von ... Stein" eine Rolle gespielt haben ...).

Doch ich fand nichts - lesbares - vor ! Damals war das Libertäre Zentrum Hamburg bei mir direkte Nachbarschaft, den einzigen, den ich fand, und den ich als lesbar erachtete, war Jules Vallés. - Immer noch lesbar, würde ich meinen. - Habe ich aber verschenkt (an nen Typen, inzwischen verstorben).

https://de.wikipedia.org/wiki/Jules_Vall%C3%A8s

So blieb ich auf Orwells, ich glaube, man kann schon sagen, etwas halbherzigem, "Down and Out in Paris and London" und Genet sitzen, wobei letzterer letztlich asoziale und Kriminelle beschreibt, das ganze weghyperventilisiert von Sartre. Als Ertrag bei Genet blieb, dass die Penner, die er, glaube ich, in Spanien traf, "die Sprache der Klassiker" gesprochen hätten. Ähnliche Phänomene durfte ich dann in der Pennerszene vor Ort beobachten. In einer Art urtümlich anmutendem Norddeutsch, oder Gaunersprache, glaubte ich seltene , woanders völlig vergessene Ausdrücke wiederzufinden. - Was dann manchmal fast wie gewählte Ausdrucksweise ´rüberkam. Vielleicht eine sozialromantisch angefeuerte Idee. Etwas wie "Bauernschlauheit", eine Art traditionalisierte Obrigkeitsfeindlichkeit, die sich irgendwie sprachlich sedimentiert hätte.

Ironischerweise ist es dann Prousts z.T. wirklich sehr witzig zu lesende Darstellung der absoluten Oberschicht des Endes der "Belle Epoche" gewesen, die mich angefixt hatte für Literatur, weshalb es für mich auch unerlässlich erscheinen musste, endlich auch mal den Grimmelshausen mir vorzunehmen (und dann gleich 2 - bis 3-mal).

Grimmelshausen eben gerade auch, um einfach, im Vertrauen auf Wirkmächtigkeit von Literatur, ein vages Gefühl für die "Leute da unten" in Zeiten des 30-jährigen Krieges zu gewinnen.

Eigentlich doch eine lustige Koinzidenz, was die Lektüreinteressen angeht. Einerseits eine ernsthaft-gewissenhaft ausgetragene Debatte unter Historikern (Alltagsgeschichte!?); andererseits klein ziggev, dem es einfach nach gehaltvollem Lesestoff verlangte, ...

Anderes Thema, Historikerstreit. Für mich eine unmögliche Frage. Würden wirklich ernstzunehmende Historiker es unternehmen, die Wehrmacht als irgendwie "nur ehrenhaft, vaterländisch" reinzuwaschen, und damit die meisten unserer Großväter, indem der Beweis ernsthaft durchzuführen versucht wurde, dass sie an den SS-Morden, den Massenliquidierungen ud dergl. mehr so gar nicht beteiligt gewesen sei, während das genaue Gegenteil so plausibel sein musste wie nur sonst irgendetwas?

(PS: alles zur Schriftenreihe Mittelweg 36 wurde von Freunden/Kollegen meines Vaters weggegriffen, anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass ich nichts davon im angetretenen Erbe vorfinde. Ich wurde nicht nur von einem Pastorensohn bewusst atheistisch großgezogen, er unternahm auch kaum Versuche, mich an weltlichen Themen, die ihn umtrieben, teilzunehmen zu lassen.)

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"Gustave Lefrançais (1825-1901) ist sicher einer der bemerkenswertesten und eigentümlichsten französischen Revolutionäre der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Lefrançais erlebte 1848, das Exil in England, die Vorbereitung der Kommune, die Erste Internationale und die Kommune, die anti-autoritäre Internationale in der Schweiz usw., ohne je in den politischen Sümpfen auf dieser Strecke den Boden unter den Füssen zu verlieren.
„Unser Leben ist eine Reise
Durch den Winter und die Nacht.
Wir suchen, was den Weg uns weise,
Am Himmel, wo kein Stern uns lacht.“
(Lied der Schweizer Garden, 1793, das Céline seinem Buch Reise ans Ende der Nacht vorangestellt hat.)
Er stellt das seltene Beispiel eines Mannes dar, der den Kommunismus durch zwei Konterrevolutionen hindurch repräsentierte und der trotz seiner Epoche und gegen sie Kommunist blieb.
Lefrançais ist laizistischer, atheistischer und sozialistischer Lehrer, wird 1847 entlassen und wird Kanzleischreiber; er beteiligt sich an der Revolution 1848; 1849 beteiligt er sich am Brüderlichen Verein der sozialistischen Lehrer, Lehrerinnen und Professoren und an der Niederschrift seines Unterrichtsprogramms, aus diesem Grund findet im April 1850 ein Strafprozess gegen ihn statt und er wird zu Hausarrest in Dijon verurteilt.
Im Mai 1852 gelingt ihm die Ausreise nach London; dort lebt er im Elend und muss sich gegen die durchaus lebendige politische Erpressung verteidigen; Lefrançais, der seine Situation mit seinen Freunden wie Joseph Déjacques teilt, macht sich Gedanken und nach eineinhalb Jahren in London kehrt ein kommunistischer Revolutionär nach Paris zurück, der die Kritik des Proudhonismus, des Mutualismus, des Blanquismus gemacht und v.a. verstanden hat, dass das Proletariat mit den kleinbürgerlichen Demokraten oder Jakobinern wie Ledru-Rollin nichts zu tun hat. Zwischen 1853 und 1868 trifft er sowohl alle revolutionären als auch die anderen Oppositionellen.
Während der Periode zwischen 1868 und 1871, die gleichbedeutend mit dem Erstarken des revolutionären Prozesses ist, bringt die noch unsichere Klasse Leute wie Pindy, Lefrançais, Leverdays, Vermorel usw. hervor, die sie, ohne „Theoretiker“ oder „Zauberer“ zu sein, über ihre eigene geschichtliche Bewegung aufklären. Lefrançais wird schnell zu einem der populärsten Redner in all den öffentlichen, in der Vauxhall, im Pré-aux-Clercs, in der Redoute abgehaltenen revolutionären Versammlungen, wo sich all die sich wirklich in Bewegung befindenden Randgruppen auf der Suche nach sich selbst hineindrängen; Lefrançais ist dort einer der wichtigsten Vertreter und Verteidiger des Kommunismus, der freien Vereinigung usw. Er ist Mitglied des Komitees der Wachsamkeit im vierten Kreis, dann des Zentralkomitees der 20 Kreise, fordert vergeblich dringende Massnahmen. Nachdem er im Gefängnis Mazas gewesen ist, wird er als Mitglied der Kommune, dann der Exekutivkommission gewählt; er ist Teil der „Minderheit“ gegen den Wohlfahrtsausschuss.
Nachdem er nach Genf geflüchtet ist, gründet er mit Mâlon und Ostyn die Revolutionäre Genfer Propaganda- und Aktionssektion, deren führender Kopf er ist, und nimmt an den internationalen Kongressen der anti-autoritären IAA teil.
Er arbeitet bis etwa 1878 bei vielen „anti-autoritären“ Zeitungen seiner Zeit mit; er veröffentlicht auch Broschüren (République et révolution, De l’attitude à prendre par le prolétariat en présence des partis politiques, De la dictature usw.), in welchen er versucht, den autonomen Kampf des Proletariats und die Verweigerung der Politik zu theoretisieren. Er will nicht mit den Anarchisten verbunden oder identifiziert werden: Er gehört keiner Partei, keiner Sekte an.
Der „Kommunalismus“ ist, mit Ausnahme des in ihm enthaltenen Fourierismus, ein Versuch, den Inhalt der proletarischen Bewegung der Epoche zu studieren und zu verstehen, er ist auf die von der Bewegung angenommene Form „Kommune“ fixiert, genau wie der „Rätekommunismus“ später die Bewegung auf ihre Form „Rat“ reduzierte, natürlich nach ihrer Niederlage.
Nachdem er die Lausanner Sektion neu organisiert hat und sich mit Vermeerch duellierte, kommt Lefrançais 1887 nach Paris zurück; am Ende seines Leben hielt er sich fern – fern zwar, doch fern von der Politik.
„Ich sterbe immer überzeugter, dass die sozialen Ideen, welche ich mein ganzes Leben kundgetan und für welche ich, so gut ich konnte, gekämpft habe, richtig und rein sind.
Ich sterbe immer überzeugter, dass die Gesellschaft, inmitten welcher ich gelebt habe, nur die zynischste und ungeheuerlichste aller Räubereien ist.
Ich sterbe, während ich die tiefste Verachtung aller politischen Parteien kundtue, mögen sie sozialistisch sein, ich habe diese Parteien immer nur als Gruppierungen einfacher Naiver betrachtet, welche von scham- und skrupellosen Karrieristen angeführt werden.“ (Testament von Lefrançais.)
„Ihr Verrückten seid noch jene Menschen, welche ich am meisten liebe. Mit Euch kann man arbeiten und sich selber bleiben.“ (An Kropotkin.)"

http://kommunisierung.net/Revolutionare-Theorie-und#nh25

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ziggev, lacommune, danke für diese starken Kommentare. Zu ersterem sind allerdings einige Anmerkungen angesagt. Um Arbeiterliteratur ging es bei dem was uns da so inspirierte gerade nicht, sondern um, platt gesagt, Geschichtsbücher bzw. wissenschaftliche Studien zur Arbeitergeschichte. Standardwerk war da E.P. Thompsons "The Making of the english working class", die Autorinnen an denen wir uns so abarbeiteten eben jener Thompson, Hobsbawm, Mason, Kershaw, Abelshauser, Adelheid von Saldern, Maria Mies, Karin Hausen.


@" Für mich eine unmögliche Frage. Würden wirklich ernstzunehmende Historiker es unternehmen, die Wehrmacht als irgendwie "nur ehrenhaft, vaterländisch" reinzuwaschen, und damit die meisten unserer Großväter, indem der Beweis ernsthaft durchzuführen versucht wurde, dass sie an den SS-Morden, den Massenliquidierungen ud dergl. mehr so gar nicht beteiligt gewesen sei, während das genaue Gegenteil so plausibel sein musste wie nur sonst irgendetwas?" ------ Auch darum ging es beim Historikerstreit so gar nicht. Vielmehr hatte Ernst Nolte, dieser eigentlich kein Historiker sondern Philosoph, aber Verfasser eines historischen Standardwerkes ("Der Faschismus in seiner Epoche") die Verbrechen des Nationalsozialismus als aus der deutschen Kultur und Tradition nicht herleitbares Verbrechen bezeichnet, als "asiatische Tat", die lediglich als Reaktion der Nazis auf die Verbrechen der Sowjetmacht verstanden werden könne. Das knüpft im Grunde in sehr eigentümlicher Weise an Spenglers "Der Untergang des Abendlandes" an und verbindet dies mit Antikommunismus.

Konservative Historiker wie Andreas Hillgruber und Michael Stürmer schlossen daran an, insbesondere mit der These, dass die Zukunft gewinnen werde wer die Vergangenheit zu deuten verstehe, es ginge bei Geschichtsschreibung um politische Sinngebung für Gegenwart und Zukunft. Habermas wies dies dann brüsk zurück und erklärte, das sei nicht mehr Wissenschaft, sondern apologetische Geschichtsschreibung als Waffe im Kalten Krieg. So würde ich grob die damaligen Positionierungen zusammenfassen. Ach ja, und ich gehörte zu den Autorinnen einer umfangreichen Kompilation zu diesem Thema mit dem Titel "Unsere Sorge entgiften."


Lacommune, superspannend was Du da über eines der bewegtesten Kapitel der französischen ArbeiterInnengeschichte schreibst, das kannte ich tatsächlich sooooo noch nicht.

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Der zitierte Teil ist für mich vor allem ein Hinweis darauf, dass es schon früh einen Gegensatz zwischen autoritären "Kommunisten" und antiautoritären "Kommunisten" gab. Und schreiben bzw. übersetzen tu das ich nicht, sondern die Betreiber von Kommunisierung.net. https://en.wikipedia.org/wiki/Communization

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oh-ja-nun-wieder, vielen Dank, natürlich, che, für diese nach meinem Kommentar notwendig gewordenen Korrekturen !

ich hätte beim Schreiben meines Kommentars die Distanz meiner bescheidenen Wahrnehmungen zu einer wissenschaftlicheren Arbeitsweise natürlich besser Reflektieren müssen, weil ich es ja wahrscheinlich gekonnt hätte. Das hätte allerdings Deine Korrekturen ja nicht überflüssig gemacht ...

vielleicht, aber bedenke das vielleicht auch einmal!, ist es die Entfernung des sog. Historikerstreits vom rein akademischen Diskurs, was vielleicht ja hier kennzeichnend gewesen ist, also die Mutation eines solchen zu einem politischen Topos, was mich dazu bewegt hat, faktenwissensbefreit, jedenfalls weitgehend, zu einer eigenen "Einstellung" zu beiden zu gelangen, was mich dazu bewegte, zuerst die "Wehrmachtsausstellung" vorm Hintergrund des unzulänglich mir bekannten Historikerstreits zu sehen und die Kausal-Wirkungs-Beziehung teilweise durcheinanderbrindend ersteren als maßgeblich für die Debatten um die Wehrmachtsausstellung anzusehen.

ich bezog mich also, sofern treffende Bemerkungen, auf die Wehrmachtsausstellung und die sie bezüglichen gesellschaftlichen Diskussionen, etwas verwechselt mit dem sog. Historikerstreit.

Also nochmal: es musste doch nur zu durchschaubar erscheinen, dass bei Nolte, oder dergl., zuerst die These feststand, und dass dann die Argumentation nachgeliefert wurde. Ein ganz übelriechender "Konservativismus" (besser wohl: Revanchismus), der dann die Wehrmachtsaussteluung notwendig gemacht hatte.

Spätestens wenn dann auch noch der eigene Fehlschluss explizit und zum Prinzip gemacht wurde, dass "die Zukunft gewinnen werde, wer die Vergangenheit zu deuten verstehe, es ginge bei Geschichtsschreibung um politische Sinngebung für Gegenwart und Zukunft", so war doch klar, dass es sich um eine perfekt zirkuläre Argumentation handelte. Oder kurz: um Propaganda.

Meine Argumentation geht aufs richtige Ziel, also ist sie auch richtig. any comment? Heute würden wir von Trumpisums reden ...

Nebenbeibemerkung: Damals gab es wenigstens etwas wie einer Hegemonie heute sog, (linksliberalen) "Qualitätsmedien". Die Idee, dass eine öffentliche Diskussion noch aufklärerische Absichten repräsentierte, schien noch nicht völlig lachhaft.

Als Schluss also, als Frage: Was können wir als Erkenntnissen aus all diesen, wie es sonst scheinen könnte, völlig bedeutungslos gewordenen Debatten noch lernen?

So verdienstvoll es ja gewesen ist, dass Du und Deinesgleichen sich mit "straight-to-the-facts-Argumenten" gegen die revisionistischen Angriffe zur Wehr setzten, sowenig brauchbar erscheinen sie mir, um diese Angriffe auf den common sense als solche zu demaskieren.

Bitte erlaube mir also die Forderung an kenntnisreich-beflissene wie Dich, sich nicht nur mit Namedropping zu begnügen, als Verweise, wo wissenschaftlich interessante Diskurse stattfinden/ - fanden.

Daher, eine weitere Frage erscheint mir nun, ob wir nicht - ganz jedwedem Realismus verpflichtet -, nachfragen sollten, inwiefern wir nicht nachfragen sollten, wie nicht narrative Elemente nicht schon je Geschichtsschreibung determinieren. Gerade dieses "narrativen Relativismus" wegen erscheint mir nun die Beschäftigung mit den - seltenen - literarischen Hervorbringungen "von Unten" umso wichtiger.

Ganz lax fomuliert: Lass doch mal die Leute selber erzählen, bevor wir deren Erzählungen vorwegnehmend einkategorisieren!

Grundüberlegung dabei: Geschichtsschreibung hat immer ein narratives Element - das immer notwendig jeweils Fakten ausklammert. Notwendige Folge aus dieser Erkenntnis: Wir müssen uns wirklich alle Geschichten anhören.

Deshalb würde ich mir von Dir, che, wünschen, dass Du es weniger mit Namedropping halten würdest, welches für innerlinke Vorgebildete aussagefähig sein mag. Wir müssen doch unbedingt herausfinden, inwiefern explizit linke Argumentationen auch noch für die linksintern weniger Vorgebildeten noch aussagekräftig sein können!

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@"Meine Argumentation geht aufs richtige Ziel, also ist sie auch richtig. any comment? Heute würden wir von Trumpisums reden ...

Nebenbeibemerkung: Damals gab es wenigstens etwas wie einer Hegemonie heute sog, (linksliberalen) "Qualitätsmedien". Die Idee, dass eine öffentliche Diskussion noch aufklärerische Absichten repräsentierte, schien noch nicht völlig lachhaft."

EXACTAMENTE! Nolte und Konsorten handelten postfaktisch, die linken/linksliberalen Opponenten hardly back to the Facts.


@"Lass doch mal die Leute selber erzählen, bevor wir deren Erzählungen vorwegnehmend einkategorisieren!
" Genau das haben wir doch gemacht. Ist ein eigener methodischer Ansatz in der Alltagsgeschichte, diese oral history, sozusagen Geschichte aus der Perspektive von Lieschen Müller.

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Dieser Beitrag (das Ursprungsposting) sei auch mal den jungschen Leuten ins Stammbuch geschrieben, die über "bürgerliche Geschichtsschreibung" ablästern, aber schon mal gar nicht mehr wissen, was das war.

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