Donnerstag, 16. November 2017
Die sogenannten Klans
Immer wieder wird gesagt, die Rückständigkeit schwarzafrikanischer Gesellschaften läge unter anderem darinbegründet, dass deren Angehörige sich als Mitglieder von Klans oder Stämmen, nicht als Staatsbürger definieren würden. Im hiesigen Teil der Bloggosphäre wurden solche Positionen beispielsweise von Willy und Bersarin vertreten. Nun, bezogen auf Territorien wie den Tschad oder Lesotho mag das zutreffen. Doch wenn sich Menschen als Ashanti, Fulbe, Haussa oder Songhai bezeichnen und nicht als Bürger von Senegal, Gambia, Ghana oder Nigeria, dann tun sie das, weil sie Nationen ohne Nationalstaat angehören, deren Territorien durch in kolonialer Willkür gezogene Grenzen zerteilt wurden. Diese nationalen Zugehörigkeiten als Klans oder Stämme abzuqualifizieren zeugt von einer implizit rassistischen eurozentrischen Sichtweise, die auch von sich fortschrittlich denkend Wähnenden aus Unwissenheit vertreten wird.

Machen wir ein Gedankenexperiment:

Stellen wir uns vor, die Bretagne, die Normandie, das Pas-de-Calais, Flandern, die Niederlande, Ostfriresland, Oldenburg und Bremen bildeten einen Staat namens Gugan, dessen offizielle Amtssprache Finnisch ist. Nehmen wir weiter an, die Auvergne, die Ile de France, der östliche Teil Frankreichs, Luxemburg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Thüringen bildeten einen weiteren Staat namens Tschingbäng mit Russisch als Amtssprache.

Schließlich würden Aquitanien, das Languedoc, die Schweiz, Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Tschechien im Staat Arelat mit der Amtssprache Arabisch zusammengefasst.

In Nordamerika würde sich alle Welt aufregen und amüsieren über diese archaischen Franzosen, die sich als Angehörige ihres Klans und nicht als Bürger ihrer Staaten betrachten würden. So etwa sind die afrikanischen Verhältnisse.

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Wäre sicher besser gewesen, wenn die Kolonialmächte die Staatsgrenzen den Stammesgebieten angepasst hätten. Was natürlich nichts daran ändert, dass ein Nationalstaat im europäischen Sinne etwas ganz anderes ist, als ein afrikanisches Stammeskönigreich.

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Das ist richtig, aber Ashanti, Fulbe oder Haussa sind keine Stämme. Und natürlich waren den Kolonialmächten Stammesgrenzen egal, die Kolonialgrenzen wurden nach dem Recht des Stärkeren und dem Verhandlungsproporz gezogen. Da war man etwa so rücksichtsvoll wie das Imperium Romanum gegenüber den "Barbaren".

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Jetzt neu beim che! Erleben Sie völkische Ideologie...!
Schafft parlamentarische Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Sozialstaat ab! All diese nationalstaatlichen Einrichtungen sind doch vollkommen künstlich, von Menschen ersonnen, und mit roher Gewalt eingeführt und aufrechterhalten worden.

Stoppt diese Gewalt!

Jetzt!

Lasst die Menschen doch endlich in Frieden! Mit Eurem Nationalstaat! Schafft Euch stattdessen lieber Identitäten, seid schwul, Jude, Ukrainer, Palästinenser oder sonstwas. Stellt jetzt nun, die Anwesenheit der jeweiligen Identität nicht angehörenden Menschen als Problem vor, und schlagt den betreffenden mit aller Kraft in die Fresse! Jeder Drecks-Identität einen eigenen Staat und immer schön die bürgerlichen Rechte und Freiheiten der Nichtzugehörigen beseitigen! Die stellen ja ein Problem dar! Die Beseitigung genau diesen Problems ist doch das Einzige, wofür sich zu kämpfen lohnt! Die Fremdstämmigen, Andersartigen, Zigeuner etc. können sich jetzt ihre eigene Identität ausdenken, und sich einen eigenen Staat suchen.

Yo, Separatismus, Prügelorgien um Identität und ausschließenden Besitz um Territorium sind der Naturzustand der Menschheit. Kehren wir zu ihm zurück! Reiht Euch in eine Phalanx ein! Davon gibt es mehrere: macronistische EU-Verfassungsbrecherei, Clinton-Gender, Martin Sellner, ...

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Plem plem.

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Abgesehen davon dass Du seltsame Feindbilder hegst unterstellst Du mir Intentionen an die ich im Traum nicht denken würde. Du bist aber bestimmt schon dazu ausgebildet worden einen Torpedo quer zur Realität abzufeuern, oder?

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@sozi, es geht hier um eine Diskussion der historischen Voraussetzungen der afrikanischen Misere, nicht um Separatismus irgendwelcher ethnischer Gruppen und schon gar nicht um Genderfeminismus oder Die Identitären. @"Clinton-Gender": Hillary Clinton hat im Wahlkampf auf die Mobilisierung der Rainbow-Coalition gesetzt, also Leute die im Zweifelsfall für die Demokraten mobilisierbar, ihr im Grunde aber scheißegal sind. Eigentlich nur eine Fußnote, wenn die Proteste gegen Trump nicht weiterhin u.a. von diesem Spektrum getragen würden. Ich meine, da ist ein Rechtspopulist, Rassist, Sexist und Klimaleugner Präsident geworden, und wenn der nicht zu einer Gefahr für den Weltfrieden wird so nur, weil die checks und balances immer noch funktionieren und seine eigene Sprunghaftigkeit und Eitelkeit ihn ausbremst. Wieso nicht dieser Präsident sondern der women´s march für Dich das eigentliche Problem darstellt verstehe wer will, ich kann mir nichts absurderes vorstellen.

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Was für den Nazi der Ariernachweis ist für den Linken der des Rassismus. Es wird bequem eine Phrase auf unliebsames Denken gepreßt, statt über Geschriebenes nachzudenken. Das enthebt von der Auseinandersetzung und man hat ein Etikett zur Hand. Paradefall des identifizierenden Denkens und nach Hegel die klassische Form des abstrakten Denkens – abgezogen nämlich von den inhaltlichen Bestimmungen. Dies wie auch das Wort „rassistisch“ sind Hülsen, frei nach dem Mephisto im Faust: „Denn eben wo Begriffe fehlen,/ Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Und dieses Wort feiert Inflation, bis es am Ende gar nichts mehr besagt. Die echten Rassisten freut es, denn das normalisiert ihren Diskurs, wenn sie plötzlich mit Safranski, Baberowski oder Sloterdijk in einem Salon sitzen und in der bürgerlichen Mitte angekommen sind. Herzlichen Glückwünsch für dieses dekonstruktive Meisterglanzstück der Linken. Die Mädchenmannschafterisierung des Denkens ist in vollem Gange. Und wenn wir dann schon bei der ideologischen Entlarvung sind, muß man also konstatieren, daß die Linke das rassistische Narrativ wieder salonfähig machte. (Nebenbei: Den echten Rassisten stört es nicht, wenn man ihn Rassist nennt, denn er ist gerne Rassist.)

Was den Eurozentrismus betrifft, so ist das schon eine lustige Sache: Du gebrauchst allen Ernstes den Begriff der Nation, che, und beschwerst Dich dann über Eurozentrismus? Insbesondere wenn man die kulturellen Gegebenheiten Afrikas ernst nimmt und mit anderen Begriffen als dem der Nation versucht heranzugehen? Was anders als rassistisch und vor allem eurozentristisch ist der Begriff Nation? Bei der Dekonstruktion von Begriffen und dem Diskursgegenüber muß man immer gut aufpassen. Denn der Spieß läßt sich umdrehen.

Von solchen Detailfragen des Begriffs einmal ab: Es gingen wesentliche Teile der Geschichte samt den Analyse-Modellen der Philosophie, Politik und Ökonomie von Europa aus. Aristoteles war Grieche, kein Ashanti. Er schrieb eine „Politik“, der Athener Plato brachte eine „Politeia“ und den „Politikos“. Wenn es ähnliche Texte und Analysen aus dem Afrika dieser Zeit gibt, dann nur her damit: ich fände es gut, wenn vergleichend gelesen wird und schöner noch fände ich es, wenn man das Spezifische des Kontinents Afrika entdeckte, auch als Gegengewicht zu Europa, ohne daß man Begriffe wie Nation überstülpt. Was aber nichts daran ändert, daß wir als Europäer auf die Geschichte blicken. (In diesem Sinne ist in der Tat der Gegenblick spannend.)

Das Afrika im 15., 16., 17. Jhd. bestand zu einem nur kleinen Teil aus Königreichen (die Du Nationen nennst). Im modernen Sinne waren das keine Nationen, so wie das (frühe) römische Reich und die griechischen Staaten oder das Perserreich ebenfalls keine Nationen waren – zumindest nicht in der Art, wie wir den Begriff im heutigen normalen Sprachgebrauch verstehen. Ansonsten waren auf dem Kontinent ab südlich der Sahara viele kleine, unabhängige Herrschaftsgebiete verteilt, deren Durchmesser meist nicht mehr als 50 km betrug. In solchen Kleinstgebilden lebten ca. 70 % der Einwohner. Die Grenzen dieser Gebilde blieben über die Jahrhunderte hinweg weitgehend unverändert, die Herrscher wurden durch Erbfolge, Wahl oder aber durch lokales Brauchtum festgesetzt. Ob man diese Reiche nun tribalistisch organisiert nennt oder eher Clan-mäßig oder im Sinne von Ethnien ist eine Frage der Definition. Nimmt man den Begriff „Nation“ im etymologischen Sinne und nicht im heutigen politischen, dann hätte man folgende Bestimmung: „Nation eine Ableitung von 1. Nasci (natus sum) ‚geboren werden‘ …“ (Kluge, Etymologisches Wörterbuch.) Aber da wären wir, qua Latein wieder beim Eurozentrismus, nicht wahr? Und wiederum bei völkischen Begrifflichkeiten – denn nichts anderes heißt ja Ethnie. Größere Reiche wie Mali und Songhay erstreckten sich in die sehr dünn besiedelten Gebiete der Sahelzone. Gradmesser des Reichtums in Songhay war der Besitz von Sklaven. Die Grenzen, die dann die neuen Kolonialherren zogen, waren nicht identisch mit den Stammes- oder Reichsgrenzen.

Was die Aschanti betrifft, so waren diese intensiv am Sklavenhandel beteiligt. Insofern ist die Frage der Sklaverei kein rein europäisches Problem. Der aufkommende Kapitalismus kennt keine Hautfarbe. Allerdings muß man natürlich festhalten, daß der europäische Kolonialismus eine Ursache für die Ausbeutung Afrikas war. Insofern kann es hier nicht um ein Ausspielen des einen gegen das andere gehen, damit sich Europäer reinwaschen können.

Was die heutige Rückständigkeit bzw. die Ausbeutung vieler afrikanischer Regionen betrifft, so existieren da eine Menge Ursachen. Vornehmlich hat der Rückstand Ursachen in der globalen Ökonomie und sekundär als Nachwirkungseffekt auch in der Kolonialstruktur. Doch die liegt inzwischen über 50 Jahre zurück und bei einigen Einwänden habe ich den Eindruck, daß dieser Begriff als nettes Ruhekissen benutzt wird, um komplexe Ursachen, mit denen auch die Afrikaner selbst zu schaffen haben, wegzudrücken. Die tribalistische Struktur ist ganz gewiß keine primäre Ursache für das komplexe ökonomische und politische System, sehr sicher aber die Korruption lokaler Eliten, die dann wiederum mit Ethnien zu tun haben. Und bei kollabierenden Staaten, wo ethnische Konflikte ausbrechen, hat das natürlich etwas mit völkischem Denken zu tun. (Nicht anders als in Europa, etwa in Jugoslawien, wobei man sich hier wieder über den Begriff der Ethnie streiten kann.)

Ich habe leider den Namen vergessen, aber es gibt da einen afrikanischen Theoretiker, der hier auch die eigene Community schwer aufs Korn nimmt, ohne Europa zu schonen. Die Dinge sind in bezug auf Afrika nicht so einfach, wie es in simplen Trikont-Modellen gerne erklärt wird. Da böses weißes Kapital, da guter schwarzer Mann.

Dazu auch ein schöner Bericht aus der „Zeit“ von Angela Köckritz:

„Die afrikanischen Oligarchen sind auch deshalb so korrupt und kriminell, weil niemand sie daran hindert. Die Kontrollmechanismen in vielen Ländern sind zu schwach, den Parlamenten, Gerichten, Medien gelingt es oft nicht, die big men zu stoppen, zudem sind große Teile der Bevölkerung vom politischen Leben ausgeschlossen. Es sind jene Bürger, die meist nur kurz vor den Wahlen als Stimmvieh aktiviert werden, die armen und benachteiligten, die über keine oder nur wenig Bildung verfügen, von der Hand in den Mund leben und gelernt haben, dass sie vom Staat eigentlich nichts zu erwarten haben.
Den großen Raubzug der Eliten, es gibt ihn, aber nicht, weil "Afrika nun mal einfach so ist". Sondern weil die Macht der Oligarchen in den betroffenen Ländern so überwältigend groß ist.“

Und da haben wir es wieder: Staatenbildung ist wichtig, die Ausbildung eines Rechtsstaates. Gehen wir also mal wieder zurück zu Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ und zu Marx‘ „Kapital“: So ganz eurozentristisch gedacht. Was ich natürlich als Lob nehme für die Hochleistungsarbeit europäischer Theorie.
http://www.zeit.de/2017/44/afrika-regierungen-geldwaesche-steuerhinterziehung-bestechung

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Nein, ich nenne afrikanische Stämme nicht Nationen, und ich bestreite nicht den europäischen Beitrag zur Geistesgeschichte der Menschheit, die Tatsache, dass modernes philosophisches und politisches Denken sehr stark auf die Traditionslinien seit Kant und Hegel sich zurückführen lässt und Rechtsstaatlichkeit in Europa und Nordamerika geschrieben wurde. Ethnizität und Klans meinen aber verschiedene Begrifflichkeiten, die willkürlichen Grenzziehungen die Kommunikationsräume zerstört haben sind eine historische Bürde unfd Altlast die bis heute fortwirkt und "Mädchenmannschaftisierung" und "da böses weißes Kapital, da guter schwarzer Mann" das findest Du in meinem Text nirgends. Meine Grundlage ist immer noch eine marxbasierte Auseinandersetzung mit der sogenannten "Entwicklungspolitik".

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Der Punkt ist, ich sehe einen Grund für die desaströsen Zustände in afrikanischen Gesellschaften darin dass diese niemals die Phase der Nationalstaaten durchgemacht haben sondern nach der Dekolonisierung in das Stadium vor-absolutistischer Personenverbandsstaaten zurückgefallen sind, und das hat etwas mit den kolonialistischen Grenzziehungen zu tun.

Und sich gegen völkisch begründete Staatsbegriffe zu wenden ist nicht identisch damit dieses Problem nicht zu sehen.

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Ein paar Basics zu den Begrifflichkeiten Klan, Ethnie und Nation
Der Begriff Klan meint einen Zusammenhang von Menschen der durch unmittelbare Verwandtschaftsbeziehungen hergestellt wird. Für den Angehörigen eines Klans ist etwa der Vetter dritten Grades ein näherer Mensch als die nicht verwandte Nachbarin oder der nicht verwandte Hausmitbewohner. Im Ursprungsbereich des Begriffs, etwa den schottischen Highlands, bedeutet Klanstruktur dass Dörfer komplett mit Angehörigen verwandter Sippen besiedelt sind, dass Endogamie stattfindet und die entsprechenden Siedlungsräume klein sind, flächenmäßig etwa Landkreisen vergleichbar. Bei migrantischen Gruppen in der Diaspora (z.B. Libanesen- Kurden- oder Vietnamesen-Klans in Deutschland) halten Klanstrukturen raumübergreifend zusammen und schaffen Netzwerke gegenseitiger Hilfeleistung, die aber auch mit allen Zwängen und Problemen quasi-inzestuöser, zumeist patriarchal dominierter Strukturen verbunden sind. Der Klan bezeichnet einen Zusammenhang oberhalb der Sippe und unterhalb des Stammes.

Ethnie meint etwas vollkommen anderes als diese enge Abstammungsgemeinschaft, nämlich eine Gruppe mit gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Kultur und zumeist auch gemeinsamem Siedlungsraum, die sich gegen benachbarte Gruppen abgrenzen lässt.

Nation bezeichnet eine Wertegemeinschaft, die einerseits über einen ethnischen Zusammenhang definiert sein kann und dies in der Vergangenheit meist war, aber auch multiethnisch zusammengesetzt sein kann und sich über eine gemeinsame Verfassung, ein gemeinsames Rechtssystem und bestimmte Grundwerte konstituiert. Etwa die USA, Frankreich oder Deutschland, China oder Japan.

In Europa ist es meist üblich, afrikanische Gesellschaften ohne nähere Kenntnis der Strukturen als Klans oder Stämme zu bezeichnen. Überträge man diese Logik auf Europa hätten wir jetzt aktuell einen Stammeskonflikt in Katalonien und in den Neunzigern Stammesunruhen in Jugoslawien gehabt. Das würde im Gegensatz zu Afrika hier niemand sagen, und genau diese Perspektive bezeichne ich als eurozentrisch und implizit rassistisch.

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Implizit rassistisch
ist es dann wahrscheinlich auch, zu sagen, in Afrika verhungern Kinder. Oder überhaupt Afrika...

Davon abgesehen ist es natürlich richtig, dass die hier oftmals verwendten Begrifflichkeiten den Gegebenheiten vor Ort nicht wirklich Rechnung tragen. Andererseits kriegen Korrespondenten ja auch genau dafür das Mikro in die Hand gedrückt, um dem Gebührenzahler zuhause die Welt so zu verklickern, dass er meint, sie zu verstehen.

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Dass dort Menschen verhungern ist eine objektive Tatsache. Es spricht aber auch niemand vom Stamm der Bayern. Selbst eine Stadt wie Suleymania in Kurdistan-Irak wurde noch vor nicht langer Zeit im Radio als Ortschaft bezeichnet. Über das gleich große Hannover würde das niemand sagen. Und genau das meine ich mit implizit rassistisch: Die Nichteuropäer werden auf so etwas reduziert.

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Besingen sich die Niedersachen nicht als von Widukinds Stamm? Oder andersrum gefragt: Wann war es denn hierzulande vorbei mit den Stämmen? Schon zur Zeit Karls des Großen? Wir reden heute ja immer noch von Schwaben und Alemannen, Bayern und Franken, wenn auch nicht primär im Sinn von Stämmen, sondern eher von Landsmannschaften und Sprecherguppen von bestimmten Dialekten. Wären das auch geeignete Kategorien für afrikanische Verhältnisse?

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Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Bambuti, Massai, Zulu oder Himba sind ja auch heute noch tatsächlich Stämme im Sinne von Stammesgesellschaften, die anderen oben genannten afrikanischen Ethnien überwiegend nicht mehr. Bis in die Kaiserzeit waren die Sachsen, Bajuwaren und sw. in Europa mit Sicherheit Stämme.

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Natürlich hat alles mit allem was zu tun und Ursachen für das Desaster gibt es viele. Aber alles Übel in Afrika auf den Kolonialismus zu schieben, wird den Problemen nicht gerecht und vor allem führt es innerhalb der verschiedenen afrikanischen Länder und auch in vielen politischen Diskursen hier zu einer Haltung der Bequemlichkeit. Die Grenzziehungen sind ein hartes Erbe und sie machten es schwer, daß sich ein Nationalstaat in seiner pluralen Variante unter Einbeziehung verschiedener Volksgruppen hätte bilden können. Daran trägt der Kolonialismus, der ethnische Konflikte teils auch schürte, seine Schuld.

Nicht kleinzureden ist jedoch genauso eine über Clans organisierte Korruption. (Die gibt es übrigens auch in Italien, da heißt das ganze Mafia und in Berlin, da heißt das Abou-Chaker.) Dieser Artikel in der „Zeit“ bringt das, was ich meine, gut auf den Punkt. Und da muß man dann halt schauen, wieweit diese Clan-Strukturen auch etwas mit Ethnien zu tun haben. In diesem Sinne ist Deine Unterscheidung in der Tat hilfreich und Konflikte wie in Ruanda haben genau damit etwas zu tun, daß bestimmte Ethnien aufeinander losgehen bzw. eine die andere abschlachtet.
Hier also der Zeit-Artikel über Kleptokraten in Afrika.
http://www.zeit.de/2009/45/Afrikas-Parasiten/komplettansicht

Und damit es nicht wieder aus dem Baukasten der Schlagwörter heißt: Oh White Supremacy“ – obwohl diese Phrase kein Argument ist, sondern nur eine ideologische Unterstellung, die nichts besagt – hier auch ein Artikel von Aaron Akinyemi:
„Im Laufrad der Korruption. Afrika Kolonialismus und Neokolonialismus sind oft bequeme Ausreden, um von einer Ursache abzulenken, die große Teile Afrikas weiter in die Armutsfalle geraten lässt“

https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/im-laufrad-der-korruption

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@"Aber alles Übel in Afrika auf den Kolonialismus zu schieben, wird den Problemen nicht gerecht und vor allem führt es innerhalb der verschiedenen afrikanischen Länder und auch in vielen politischen Diskursen hier zu einer Haltung der Bequemlichkeit." ----- Das wird so pauschal gar nicht sehr häufig gemacht. In dem unlängst zitierten afrikanischen Geschichtsbuch auf das Dr. Dean so genial daneben reagiert wird zum Beispiel ausdrücklich darauf Bezug genommen dass afrikanische Königreiche ihren Aufstieg ihrer Rolle im Sklavenhandel zu verdanken haben. Man unterstelle diesem Blog also keine Positionen die ich selber gar nicht vertrete.

https://che2001.blogger.de/stories/2654927/

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Denke das bestaerkt die Idee von der Rueckstaendigkeit.

In Italien hat nur eine Minderheit ueberhaupt italienisch gesprochen bevor das Koenigreich sein Staatsgebiet dort erfolgreich etablieren und seine Bevoelkerung gleichschalten konnte. Bloss die Haelfte der Franzosen sprach franzoesisch noch zu Zeiten der Franzoesischen Revolution.

Weite Teile Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens sind entsprechend immer noch ultraheterodox.

Dass das zu Konflikten fuehrt moechte ich gar nicht bestreiten. Und das Zeitalter der Nationalstaaten in Europa brachte immerhin die barbarischsten Kriege der Meschheitsgeschichte hervor.

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Ich weiß nicht ob Rückständigkeit der passende Ausdruck ist, auch nicht ob denn überhaupt zu Europa lineare Entwicklungen wünschenswert oder der einzige Weg sind. Mein Neffe ist zur Zeit in Afrika, bin gespannt was der berichtet.

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Die Nation stellt den Rahmen bürgerlicher Herrschaft dar. Innerhalb dieses Rahmens werden die Voraussetzungen für kapitalistisches Wirtschaften geschaffen und aufrechterhalten. In dessen Interesse wird ein nationales Bildungssystem etabliert, das der kapitalistischen Wirtschaft die notwendigen Qualifikationen verschafft, eine Öffentlichkeit geschaffen, Sprache und Kultur genormt. Maße und Gewichte standardisiert etc.etc. Recht und Ordnung geschaffen und aufrechterhalten, damit Verträge Gewicht erhalten und kapitalistishe Arbeitsteilung möglich wird Alles also im Interesse kapitalistischen Wirtschaftens.

In vorkapitalistischen Zeiten gab es das alles nicht:

Kein Bildungssystem: Wozu braucht denn ein Bauer lesen und schreiben können? Früher waren die Leute Analphabeten.

Keine Öffentlichkeit: Der Horizont der meisten Leute endete hinter dem Schatten des Kirchturms. Es war auch vollkommen gleichgültig, in welcher Sprache sich der Bauer unterhält. ementsprechend viele Sprachen gab es früher.

Recht und Ordnung: Wurde vom jeweiligen Stärksten organisiert. von irgendeiner Ritterburg aus. Die waren ziemlich ungemütlich. Dementsprechend viel Lärm und Geschrei gab es besonders in Gesellschaft ohne starke Zentralgewalt, ohne einem Allerstärkstem.

Solche Zustände wurden in Europa glücklich überwunden. Denn in Mitten der Zeit, in dem Stärkste und Allerstärksten sich gegenseitig die Fresse polierten, entwickelte sich das Bürgertum, das eine Wirtschaftsweise hervorbrachte, die viel produktiver ist als die althergebrachte und sich zum Kern der geellschaftlichen Produktion entwickelte, so daß die europäischen Staaten bürgerlich, also kapitalistische Nationen wurden. Deren Übermacht überwand nicht nur die Ritter und Könige, sondern zwang auch die armen Afrikaner nieder.

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Das Clanwesen wird von der alten Wirtschaftsweise hervorgebracht. Von eben jener Wirtschaftsweise, die durch die kapitalistische Weltwirtschaft gnadenlose ausgeknockt wird. Das verstehen auch die armen Afrkaner. Deshalb versuchen sie, es Europa gleichzutun, und Nationen zu simulieren. Ein Bildungssystem zu schaffen, Nationalkultur zu heben und zu vereinheitlichen, die Wirtschaft produktiver zu machen, um damit die Menschen reicher, zufriedener und glücklicher zu machen, und ihren Scheinnation international mehr politisches Gewicht zu verleihen. Jedoch das will nicht so recht gelingen. Denn im Ggs. zu Europa, in dem sich in 1000 Jahren das Bürgertum entwickelte, hat es das Bürgertum in Afrika nie gegeben. Das, was sich in Europa zwanglos entwickelte, versuchen die afrikanischen Staaten selbst in die Hand zu nehmen. Irgendwann einmal werden sie vielleicht einmal Erfolg haben, in 1000 Jahren vielleicht. Das Clanwesen wird dann aber nur noch eine Erinnerung sein, wie in Europa die Ritter und Könige.

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Es gab in so einigen schwarzafrikanischen Staatén schon einmal so etwas wie eigene nationale Bourgeoisien und Mittelschichten. Diese wurden teils durch Bürgerkriege und Wirtschaftskrisen und nicht zuletzt durch Aids geradezu physisch liquidiert.

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