Montag, 18. Mai 2020
Der 2. Juni 1967, Neue Linke, Antiimperialismus und der ganze Rest
Es nährt sich demnächst der Tag der Ermordung Benno Ohnesorgs durch den Bullen und Stasi-Agenten Kurras, und um eine Aufarbeitung des gesamten Themenkomplexes in die Wege zu leiten haben Bersarin und ich ein gemeinsames Projekt gestartet: In zwei parallelen Themensträngen auf unseren jeweiligen Blogs behandeln wir diese Materie aus unterschiedlichen Perspektiven, um eine synoptische Betrachtungsweise zu ermöglichen. Hier ist der Anfang:


https://bersarin.wordpress.com/2020/05/14/der-schah-am-2-juni-1967-in-berlin/


Die Gründung der RAF stellte nicht nur hinsichtlich der militanten Praxis einen radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte der deutschen Linken dar, sondern auch in theoretischer Hinsicht. Die politische Theorie – oder Ideologie – der RAF, von ihnen selbst als Antiimperialismus bezeichnet, wobei es noch viele andere Antiimperialismen gibt, wir sprechen heute vom klassischen Antiimperialismus, da der Neue Antiimperialismus, aus einem radikalen Bruch mit Guerrillaorganisationen wie der RAF entstanden, völlig andere Inhalte hat, beinhaltet wiederum einen radikalen Bruch mit der Geschichte der Arbeiterbewegung. Nicht Proletariat und Bouergoisie stehen sich in diesem Modell mehr in den einzelnen Ländern als Klassenantagonisten gegenüber, sondern der Klassenwiderspruch hat eine geopolitische Dimension angenommen. Die Arbeiterschaft in den Industriestaaten ist kein objektives Proletariat mehr, sondern ein neues Kleinbürgertum, weil es einen hohen materiellen Lebensstandard hat, der von der Ausbeutung der Werktätigen in den drei Kontinenten des Südens subventioniert wird. Selbst der letzte Obdachlose profitiert noch von der Ausbeutung der Dritten Welt. Der Klassenwiderspruch stellt sich dar zwischen der Metropole – USA, Westeuropa, Japan, Australien, Neuseeland – und dem Trikont – Südamerika, Afrika, Asien südlich der Sowjetunion und Chinas.

Demzufolge kann es die Aufgabe der Revolutionäre in den Metropolen nur sein, die Aufstandsbekämpfungsmaschinerie des Westens zu bekämpfen, um einen vom Trikont ausgehenden Befreiungskampf, der irgendwann zur Weltrevolution führen kann zu ermöglichen. Dieser Kampf kann vom Engagement in der Friedensbewegung bis zum Kampf in der RAF reichen, letzterer wurde von den Antiimperialisten – Antiimps, wie sie im linken Szenejargon gennant wurden und die in den 70ern bis 90ern eine Szene in der Szene bildeten – als höchste Entwicklungsstufe betrachtet, wie eine Einweihung in einer Loge, und als „zur Front kommen“ bezeichnet. Die RAF war in Deutschland nicht die einzige antimperialistische Stadtguerrilla, und sie war regional hauptsächlich in NRW, Baden-Württemberg und Hessen aktiv. Hingegen war die Bewegung 2. Juni, die mit ihrem Namen deutlich machte, dass der Staat mit dem Totschießen angefangen hat, hauptsächlich in Berlin aktiv. Drittens gab es noch die Revolutionären Zellen, auf die aus Platzgründen ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte.

Das Ganze war auch nicht nur auf Deutschland beschränkt. Bei den Antiimperialisten handelte es sich um eine internationale Bewegung, die von den südamerikanischen Tupamaros ihren Ausgang genommen hatte. Als zum ersten Mal ein palästinensisches Kommando einen Kibbuz angriff stand in der Kommandoerklärung: „Meldet Che Guevara, dass wir die dritte Front gegen den Imperialismus eröffnet haben!“

Bei dieser problematischen Fixierung von Revolution aufs Militärische spielen Faktoren eine Rolle, die nur vor dem Hintergrund jener Zeit, im Spannungsfeld zwischen Vietnamkrieg, Nahostkonflikt und Kaltem Krieg verständlich werden. Die USA legitimierten ihren Vernichtungskrieg in Vietnam mit der „Dominotheorie“: Fällt ein Staat an den Kommunismus, breitet dieser sich in die Nachbarstaaten aus, nach Vietnam, Kambodscha und Laos dann Thailand, Malaysia, Indonesien, Philippinen. Die Weltrevolution schien möglich als eine Art Lauffeuer im Trikont, das irgendwann auf die Metropolen übergreift. Das wurde von den Antiimperialisten genauso gesehen, und Che Guevara forderte: „Schafft drei, vier, viele Vietnams!“. Seinerseits formulierte er die Focustheorie: Außerhalb des Dominoeffekts antikolonialer Befreiungskämpfe könne die Avantgarde, die sich selber schaffe auch in anderen Ländern des Trikonts durch entschlossene Aktionen weitere revolutionäre Brennpunkte schaffen und den weltrevolutionären Flächenbrand vergrößern – ein Irrtum, der ihn das Leben kostete.

Ich selbst hatte mit den FreundInnen des bewaffneten Kampfes nur sehr peripher zu tun, allerdings zum Teil in prägender Weise. Von den ProtagonistInnen habe ich nur Inge Viett kennengelernt, allerdings hat ein Anhänger des 2. Juni für mich die Rolle des politischen Lehrmeisters gespielt. Ich nenne ihn Victor, natürlich lautet sein wirklicher Name anders.

Er war sehr viel härter als die Autonomen, die ich kannte und deren "Härte" oft nur einen zelebrierten Militanzfetisch darstellte. Zum Beispiel ging er einmal mit zwei Genossen als veremeintliche "interessierte Zuhörer" in eine geschlossene NPD- Veranstaltung hinein, und als die anfangen sollte, nahmen sie die ihnen zugewiesenen Stühle, brachen die Stuhlbeine an der Tischkante ab und eröffneten mit den Worten: "So, ihr Nazischweine, jetzt gibts Senge!" die Saalschlacht, schlugen mehere Nazis krankenhausreif und entkamen dann unbeschadet nach einem ausbaldowerten Plan über die Feuerleiter. Baldowern konnte er, denn er kam aus der Kriminellenszene.

Neben seinem Studium arbeitete er als Dealer, und wie ein Dealer machte er auch Politik: Er schaffte geheime Dokumente, die es in sich hatten in die linke Szene.


Top Act war 1988 der aus dem NATO_Hauptquartier beschaffte Abschlussbericht der Kommission für eine integrierte Langzeitstrategie des Pentagon, ein Konvolut von teils klassifizierten Dokumenten, mit so illustren Autorennamen wie Henry Kissinger, Samuel Huntington, Andrew Goodpaster https://de.wikipedia.org/wiki/Andrew_J._Goodpaster,
William Claytor jr. und Zbigniew Brezinski, in dem die US-Militärstrategie für die Zeit nach dem OST-West-Konflikt definiert wurde - davon war auf diesem Blog ja schon die Rede.

Er hatte auch ein Dokument beschafft aus dem hervorging, dass bei der Göttinger Scherbennacht Bullenspitzel mitgelaufen waren, die Polizei das Geschehen also bewusst hingenommen hatte, um eine Handhabe für eine spätere Großrazzia zu haben, deren Illegalität dann im Nachhinein festgestellt wurde.

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13520690.html

Bei der Scherbennacht waren etwa 100 vermummte Leute durch die Göttinger Innenstadt gestürmt und hatten sehr gezielt die Scheiben von etwa 15 Geschäften zertrümmert. Sehr gezielt heißt, es wurden Banken angegriffen, Unternehmen, die für ausbeuterische Praxen bekannt waren und US-Firmen bzw. solche die vor allem US-Produkte führten (dies muss vor dem Hintergrund der damals aktuellen Bombardierung Libyens durch die USA gesehen werden).

Die TeilnehmerInnen der Scherbendemo konnten in einer Großparty des Studentenwerks untertauchen, wo sie von der Bühne freundlich begrüßt wurden.

Eine Komminlitonin von mir, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, wurden hingegen auf dem Campus von der Polizei verfolgt, weil die sie mit der Aktion in Zusammenhang brachte, und floh an ihren Arbeitsplatz, in den Blauen Turm. Dort stellte sich der Polizei der Hausherr, Professor Rudolf von Thadden, entgegen. "Lassen Sie meine Mitarbeitern in Frieden!", herrschte er die Beamten an. "Sie steht aber im Verdacht, an einem Landfriedensbruch beteiligt zu sein." "Und Sie haben sich bereits des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht. Wenn Polizei dieses Institut betritt, dann nur, wenn ich sie angefordert habe." Er gab ganz den preußischen Rittmeister, Adel verpflichtet, und es wirkte: Die Ordnungshüter zogen unverrichteter Dinge ab.


In der Szene kamen die Papiere meines Freundes nicht so gut an, die Zeit von Wikileaks war noch nicht gekommen. Aus der Tatsache, dass der Staatsschutz bei einer Scherbenaktion mitgemischt hatte wurden keine Konsequenzen gezogen, und aus der Retrospektive bin ich mal so böse zu sagen, dass allzuviele Militante, auch solche die mit Zwillen Stahlmuttern und Schlimmeres auf Staatsdiener schossen, genau wussten dass sie auf einem Studententripp waren und in wenigen Jahren ein spießiges Leben führen würden, warum dann über Perspektiven diskutieren?


Da waren wir aus anderem Holz geschnitzt. Victor beabsichtigte mit seinen Pentagon-Papieren einen Diskussionsprozess in Gang zu bringen, der auf Thematisierung der deutschen Wiedervereinigung von links abzielen sollte. Er hielt es damals noch für möglich, die gesamte Mobilisierungsstärke der nach Stationierung der Atomraketen themenlosen Friendensbewegung auf dieses Ziel auszurichten. Aus den ihm vorliegenden Informationen wusste er, dass die DDR dabei war zu implodieren, sein Ziel war es, die Bewegung dahin zu bringen, für eine deutsche Wiedervereinigung im Zeichen der Neutralität oder Blockfreiheit zu kämpfen, raus aus der NATO, rein ins Vergnügen, und somit der US-Militärmaschinerie in Europa eines ihrer wichtigsten Standbeine wegzuhauen.


Kaum jemand in der Szene verstand ihn oder nahm ihn ernst. Die Schlapphüte wohl dann umso mehr. Als er viele Jahre später, nach erfolgter Wiedervereinigung, seine Stasi-Akte einsehen wollte wurde ihm mitgeteilt, dass die nicht greifbar sei, weil sie sich in Moskau, in der Lubjanka, befinde.

Ein letztes Mal bekam ich mit den Themensträngen, um die es hier geht auf empfindsame Weise zu tun, als ich zusammen mit einem sehr guten Freund, nicht Victor, der da schon nicht mehr in Göttingen weilte, bei einer nächtlich-vermummten Aktion festgenommen wurde, die der Staatsschutz mit dem damals laufenden Hungerstreik der RAF in Zusammenhang brachte. Da wir die Aussage verweigerten übernahm das LKA die Ermittlungen, und in der Folgezeit wurde es echt lustig: Ein gelbes Einsatzfahrzeug der Post begleitete eine Mitbewohnerin im Schríttempo zum Müllcontainer und zurück. Briefe für mich kamen eine Stunde später an als bei den übrigen Hausbewohnern, und zwar geöffnet. Unser Telefon wurde abgehört, meinem Auto folgten anderen Fahrzeuge, die einander ablösten, nachdem man sich über Funk verständigt hatte. Als ich Freunde besuchen war notierte sich ein Uniformierter alle Namen auf dem Klingelschild des Hauses. Ein Vertreter einer Messer- und Scherenschleiferfirma die es in Wirklichkeit gar nicht gab klingelte an der Wohnungstür, bot uns seine Dienste an und fragte, ob es Waffen im Haus gäbe. Ich übergab alle verdächtigen Gegenstände in meinem Besitz - Adresslisten, RAF-Texte, meine Gaspistole, die wie ein scharfer Colt 44 aussah - der Freundin eines Mitbewohners, die sie an einem mir unbekannten Ort aufbewahrte.

Im Gegensatz zu ihr und ihrem Lover reagierten Teile der Szene hysterisch, und binnen kürzestem wusste ein Kreis von 300 Leuten von unserer Festnahme, über die unterhaltsame Versionen kursierten. So hieß es, die Bullen hätten mich gefoltert, oder unter Drogen gesetzt, ich hätte Szeneinterna ausgeplaudert, und sie hätten bei mir eine kommentierte Adressenliste der gesamten autonomen Szene gefunden. Die eigene Subkultur bereitete mir zu dem Zeitpunkt mehr Ärger als der Staatsschutz.

Das Verfahren endete dann mehr als glimpfllich. Für eine von uns begangene Sachbeschädigung hatten wir privat Schadenersatz geleistet, und mittlerweile war die Justiz dazu übergegangen, RAF-Gefangene zusammenzulegen, die Forderung nach Zusammenlegung konnte daher nicht mehr als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verfolgt werden. Gegen Zahlung eines Ordnungsgeldes wurde das Verfahren eingestellt. Dieses entsprach in seiner Höhe genau dem Schmerzensgeld, das ich für meine Misshandlung im Zusammenhang mit der JUZI-Razzia erhielt. Der Staat und ich waren in dieser Runde miteinander quitt.

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Schöne Geschichte, zumindest schön erzählt. Den letzten Abschnitt, auch bekannt als "Geschichte der Zelle Paul", kenne ich ja, wobei Du unerwähnt lässt dass Ihr dem Gericht den größten Bullshit seit der Austreibung Fritz Teufels erzählt habt und der Richter sich schlapp gelacht hat. Alles auf Deine Biografie bezogene davor - also bis einschließlich "Lubjanka" - lese ich zum ersten Mal und kannte ich auch damals nicht aus Euren Erzählungen.

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Wann bist Du denn überhaupt genau dazugestoßen?

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Mein Ereignishorizont war der Tod von Conny.

http://goest.de/conny.htm

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Gut, die geschilderten Ereignisse begaben sich von 1984 bis unmittelbar davor.

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Ein interessanter Bericht, was das Privat und die Lebensumstände angeht. Solche Szene-Zusammenhänge sind mir eher fremd oder ich kenne sie nur sehr vom Rande. Mein Interesse an der RAF resultiert aus anderen Umständen, was unter anderem auch mit der Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis zu tun hat und zudem auch mit jenem erheblichen Wandel der BRD von den 1950er und 1960er Jahren, über die 70er, 80er Jahre und vor allem dann der Übergang zu den 2000er und 2010er Jahren, die nochmal eine ganz andere und deutlich komplexere politische Perspektivierung zeigten. Die eigene Zeit auf den Begriff zu bringen, ist ja nicht ganz leicht, und wie wir von Hegel aus seiner Vorrede der Rechtsphilosophie wissen:

"Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte, daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfaßt, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."


Um freilich jene Aktionen der frühen 1970er Jahre bis hin zum Deutschen Herbst zu verstehen (im Sinne von intellektuell zu erfassen und nicht: zu goutieren), muß man eben jene 1960er Jahre und die ja auch von Dir genannten weltpolitischen und geopolitischen Aspekte mit im Blick haben: und vor allem die Schüsse auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke, was eben zu jener aufgesteigerten Atmosphäre führte. Jemand wie Gudrun Ensslin etwa war eine im Grunde sehr bürgerliche und zunächst brave Studentin, die in Tübingen zusammen mit ihrem Freund Bernward Vesper (mit dem sie 1968 einen Sohn zeugte, nämlich Felix Ensslin) Anfang der 1960er Jahr in bürgerlicher Naivität noch beim Verlegen der Bellestristik des Dichters Will Vesper mit aushalf. (Die gestörte Beziehung zwischen Sohn und Vater, der ein schrecklicher Antisemit und Nazi war, und insbesondere die Vita von Ensslin kann man in Ingeborg Gleichaufs Biographie "Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin" (2017) nachlesen. Auch um einen Blick zu erhalten, wie das was dann geschah, wurde. Und um jene seltsam-wilden Jahre, die Neue Innerlichkeit und die Neue Subjektivität zu begreifen, die nicht nur in der Literatur dann blühte, nachdem es mit dem Tod der Literatur und der Aufhebung der Kunst im Leben nichts wurde, sondern auch in all jene Landkommunen und Aussteigerbewegungen und auch in die Splitter-K-Gruppen der 1970er führte, läßt sich gut in Bernward Vespers "Die Reise" nachlesen.

Auch diese ganzen Umstände gehören zur Vorgeschichte der RAF dazu. Ebenso wie die blutigen Taten der RAF zu Geschichte der BRD gehören.

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Von Vespers "Die Reise" gibt es auch eine tolle Fimlassung, in meiner Mediathek auf eine DVD gebrannt mit "Vermisst".

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Vereinzelt springen Terroristen über Wiesen
sang einst Konstantin Wecker. Für mich hatte sich das Thema schon in frühen Jugendjahren erledigt, als die Palästinenser mir "mein Olympia" in München zerstörten.

Ich wäre zur Zeit des Deutschen Herbsts wohl als undogmatischer Linker einzustufen gewesen, dessen Überzeugung von Gewaltfreiheit allerdings absolut war.

Ideologisch fand ich die RAF ohnehin extrem wirr, und meine einzige echte Debatte mit einem "harten" Sympathisanten endete damit, dass der mir entnervt an den Kopf warf: "Solche wie dich würden wir als erste an die Wand stellen." Worauf ich nur noch antwortete: "Das würden die Nazis ganz genauso sehen."

Die Auseinandersetzung mit dem reaktionären bayrischen Staat der Strauß-Zeit, das ist wieder eine ganz andere Angelegenheit. Wackersdorf vereinte vieles eigentlich Unvereinbare.

Ansonsten hab ich mich eher auf die Nazis konzentriert. Und das ging dann sehr nahe. 1977 sang Konstantin Wecker den "Willy", und drei Jahre später das Attentat auf dem Oktoberfest, bei dem ich - Zivildienst im Rettungsdienst - als einer der ersten vor Ort war. Und deshalb schon Stunden später, völlig erschöpft in der Wohnung, Besuch vom Staatsschutz bekam.

Terrorismus von allen Seiten war ein No Go. Die Reaktion des Staats darauf eine ganz andere Sache.

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@"Terrorismus von allen Seiten war ein No Go. Die Reaktion des Staats darauf eine ganz andere Sache. "


https://www.youtube.com/watch?v=KkHKnkbBJPU

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Wirr war die RAF ideologisch allerdings nicht, ich finde das oben dargestellte Theoriegerüst eigentlich extrem geradlining und konsequent, wenn auch nicht realitätsgerecht, extrem abstrakt in seiner Adlerperspektive und in den Konsequenzen menschenverachtend. Aber unter wirr verstehe ich etwas, das durcheinander ist. Das war die Antiimp-Ideologie gerade nicht.

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Wirr würde auch ich es nicht nennen. Es war hochgradig reflektiert. Aber leider auch von einer Reflektiertheit, wie es Wahngebilde und totalitäre Systeme an sich haben.

Der Terrorakt von München kam bei vielen Linken nicht gut an. Für die RAF war es der antimperialistische Kampf. Für die Nazis, die diese Aktion ebenfalls bejubelten und unterstützten, war es die Ausrottung der Juden.

Was diese Zeit zeigt: wie von 1968 (mal als Chiffre genommen, ich halte diese Jahreszahl ansonsten für eine doxographisch verkürzende Sicht) und den dort entwickelten Protesten völlig falsche politische Organisationsformen ausgingen. Die Anschläge in Heidelberg leuchteten mir noch irgendwie ein. Alles übrige und vor allem das damit verbundene Politische war ein Wahnsinn. Davon ab, daß man bereits im Jahr 1960 sehen konnte, daß in Deutschland eine proletarische Weltrevolution ausfallen muß. Es war also viel Rhetorik und Klimbim dabei. Insofern eine ambivalente Sache. Und eine begabte Journalistin wie Meinhof warf mit ihrem Sprung aus dem Fenster ihr Talent weg. Von der Idee nachvollziehbar, aber spätestens mit der Bombe bei Springer in Hamburg und mit der Solidarität mit Antisemiten, mit denen sich auch die Rechtsextremisten der NPD gemein machten, unverständlich. Da wurden die Kinder plötzlich ihren Vätern sehr ähnlich.

Und dies hier sind dann die erschreckensten Verquickungen:

"Die Terroristen erhielten bei der Vorbereitung des Anschlags und dem Aufbau der notwendigen Infrastruktur in Europa Unterstützung durch deutsche Neonazis. Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), die auf Antrag des Spiegel im Juni 2012 freigegeben wurden, belegen diese schon 1972 gehegte Vermutung. Danach hat der Rechtsextremist Udo Albrecht bereits 1970 Kontakte zwischen der PLO und Neonazis vermittelt, die auf eine gegenseitige Unterstützung abzielten. Der ehemalige Neonazi und spätere Autor Willi Pohl schrieb: „Wir erhielten die Erlaubnis, auf von der Fatah kontrolliertem jordanischen Gebiet einen Stützpunkt zu errichten, als Gegenleistung boten wir Unterstützung im Kampf gegen Israel an.“ Im Vorfeld des Olympia-Attentats traf Pohl nach eigenen Angaben den als Drahtzieher geltenden Palästinenser Abu Daoud im Juli 1972 in Dortmund, besorgte Fahrzeuge für die Organisation und fuhr Daoud zu konspirativen Treffen in Frankfurt und Köln. Aus den Akten des Verfassungsschutzes geht hervor, dass die Dortmunder Kriminalpolizei bereits im Juli 1972 Hinweise auf die konspirativen Treffen zwischen Pohl und Daoud erhalten und diese umgehend an die Landeskriminalämter, das Bundeskriminalamt und den Verfassungsschutz weitergegeben hatte.

Pohl stellte zudem eine Verbindung zu dem Passfälscher Wolfgang Abramowski her, der, wie auch er selbst, enge Kontakte zur Nationalsozialistischen Kampfgruppe Großdeutschland gehabt haben soll. In Kairo gab der Fatah-Vertreter Abu Ijad Pohl eine Botschaft für einen Mann in Paris mit, den er im Nachhinein als den Anführer der München-Attentäter Issa erkannt haben will.

Vom Ziel der Anschläge will Pohl nichts gewusst haben. Dennoch arbeitete er bei Folgeaktionen weiterhin mit der PLO-Organisation zusammen. Ende Oktober 1972 wurden er und Abramowski festgenommen. Bei ihnen fand man Waffen, die baugleich mit denen waren, die bei der Geiselnahme benutzten worden waren, sowie einen Drohbrief des Schwarzen September an den Richter, der gegen die drei überlebenden Attentäter ermittelte. Im Haftbefehl warf man Pohl vor, dass er gemeinsam mit Abu Daoud die gewaltsame Befreiung des damals inhaftierten Udo Albrecht geplant habe. Trotz dieser Zusammenhänge „wurde Pohl 1974 nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt.“"

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Ich empfand die Ideologie schon als wirr, wobei das in eine Zeit fällt, in der ich mich vor allem mit der NS-Vergangenheit beschäftigte und von Marx noch wenig gelesen hatte. Da war ich diskussionstechnisch im Nachteil.

Im Prinzip sollte es doch darum gehen, das "Schweinesystem" solange zu provozieren, bis es zu wirklich brutalen Unterdrückungsmethoden greifen würde, die dem "antiimperalistischen Kampf" die Massen zutreiben würden.

Welchen Staat die RAF dann errichten wollte, war mir nicht klar, und was dazu auch immer kam, klang sehr totalitär.

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"Als zum ersten Mal ein palästinensisches Kommando einen Kibbuz angriff stand in der Kommandoerklärung: „Meldet Che Guevara, dass wir die dritte Front gegen den Imperialismus eröffnet haben!“

Der echte Che hätte denen was gehustet.

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avantgarde, ich hatte nur die ursprünglichen Texte der RAF gelesen und kannte dann die ideologisch geschulten Antiimps der Achtziger Jahre, was dazwischen war habe ich nicht kennenglernt.


Und ich bin mir nicht sicher, ob Che Guevara nicht begeistert gewesen wäre, wenn ihn diese Nachricht noch erreicht hätte.

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Tja möglich. Kenne die Umstände dieses Angriffs nicht.

Aber der echte Che war ohnehin keine Lichtgestalt. Der richtete auch Arbeitslager für Leute ein, die nicht genügend „revolutionäre Moral“ zeigten, ließ Homosexuelle und Dissidenten inhaftieren und Zwangsarbeit leisten. Gelegentlich wurde auch gefoltert.

Und die Atomraketen hätte er gerne benutzt, rein aus Prinzip.

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Was die Inhaftierung von Schwulen an´geht war dies meines Wissens zu einem Zeitpunkt, als Che sich schon nicht mehr auf Cuba aufhielt. Die Leute, die in La Cabana und Guacanohabibes inhaftiert und misshandelt, z.T. erschossen wurden, waren ehemalige Mitglieder von Batistas Geheimpolizei und ähnliche Leute, die unter dem alten Regime regelmäßig Oppositionelle verschwinden ließen, um sie dann, zu Tode gefoltert und körperlich entstellt, im Straßenverkehr von der Ladefläche ihrer Pickups zu schmeißen. Dass rein zivile Regimegegner und "Arbeitsverweigerer" in Lager gesperrt wurden geschah, abgesehen von Huber Matos, soweit mir bekannt erst als Che keine politischen Ämter mehr innehatte - aber er hat die Struktur, unter der dies geschah, in verantwortlicher Funktion miterrrichtet.

Das mit den Raketen stimmt.

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Che ließ schon in der Sierra Maestra und in Santa Clara eigene Leute hinrichten (teilweise erschoss er sie selbst), die er des "Verrats" verdächtigte. Prozesse, geschweige denn faire, gab es nicht.

Die Hinrichtungsorgie 1959 in La Cabana betraf zweifellos viele Schergen Batistas, aber eben nicht nur. Die Prozesse waren eine Farce. Es traf auch eigene Leute, die mit der zunehmend kommunistischen Ausrichtung der Revolution nicht einverstanden waren.

Ja, und Huber Matos war ein spezieller Fall.

1960 wurde Che dann Präsident der Nationalbank. Ich habe noch einen Geldschein mit seiner Unterschrift.

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Es kommt der Tag, da will die Säge sägen
Bin jetzt kurzzeitig auch Sozialrevolutionär.
Unten auf der Seite ein Video wie Leute des Arme Leute Stadtviertels El Bosque/Santiago de Chile einen gekaperten Fleischtransporter ausplündern.
https://www.eldesconcierto.cl/2020/05/19/video-saquean-un-camion-de-carne-a-cuadras-de-las-protestas-en-el-bosque/
Meinen Segen haben sie.
Ein Lockdown ohne Ernährungshilfszahlungen an die Ärmsten ist ein lockdown "maestro chaschilla".
"Maestro chasquilla" ist ein typisch chilenischer Ausdruck für Handwerker mit wenig Ahnung, aber mit viel Enthusiasmus diesen Mangel zu überspielen. Die Ergebnisse sind oft eher katastrophal bis lebensgefährlich.
Neue Ansteckungsherde in Deutschland sind Schlachthöfe. Da wurden seit Jahren die Löhne nicht erhöht, weil es genug Osteuropäer gibt, für die es eine Alternative ist, den miesen Lohn durch Bescheidenheit bzgl. der Unterkunft - mehrere Leute schlafen in einem Zimmer - auszugleichen.
Wer mit 50 noch glaubt, die freie Marktwirtschaft würde wirklich funktionieren, hat halt leider auch keinen Verstand.

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Muchas gracias por este video!

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Habe ähnliche Infos aus Bolivien, wo ein brutaler Lockdown herrscht, bei dem die Armen verhungern.

Das wird in Lateinamerika noch richtig knallen. In Brasilien wütet das Virus jetzt in den Favelas.

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Die Leute vom Oktoberaufstand benutzen ein bestimmtes Hochhaus in Santiago Centro oder Providencia als Projektionsfläche für Texte.
Gestern Nacht stand dort "Hambre" -> Hunger.
https://twitter.com/LaMakaSegovia/status/1262558699421405184/photo/1
Täglich 2000 neue Fälle seit Ende letzter Woche. Gute Statistik Animationen von einem chilenischen Amazon-Programmierer.
https://twitter.com/Covid19StatsVid
In der Provinz sieht es gut aus. Der 7 Mio Ballungsraum Santiago im 18,5 Mio Land ist das Problem. Hier verschob sich das Zentrum der Pandemie von reichen (Europa-Reise) zu armen (lockdown unmöglich, weil sonst kein Essen) Stadtvierteln. Alles in den Statistiken gut dokumentiert, wenn einem die Orte etwas sagen.
Chile -> 40.000 Fälle auf 18,5 Mio Einwohner
Bolivien-> 4.000 Fälle auf 11,5 Mio Einwohner. Konzentriert eher im weniger armen und konservativeren östlichen Tiefland.
Chile hätte sich die Unterstützung von vielleicht 2,5 bis 3 Mio echt Bedürftigen in Santiago locker leisten können. Die haben seit 2 Wochen eine 28 Mrd US$ standby-Kreditlinie beim IWF. Die Regierung ruft das Geld aus ideologischen Gründen nicht ab.
Wenn das so weiter geht, wirds das Modell weiter in die Defensive drängen.

Heute neuer Rekord mit 3.500 Fällen. Regierung beschuldigt Opposition, die Situation propagandistisch auszuschlachten. Offensichtlich hat die Regierung selbst aber über Wochen die relativ niedrigen Zunahmen, die recht vielen Tests und v.a. die - wie letzte Woche offensichtlich wurde - frisierten Todesraten propagandistisch bis zum geht nicht mehr ausgeweidet.

Persönliches Befinden:
Und wenn dann der Kopf fällt sage ich: Hoppla.

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In Bolivien gibt es pro Kopf weniger Fälle als in Chile. Die Regierung setzt aber einen besonders harten Lockdown durch. Man darf (oder durfte) nur einmal pro Woche kurz zum Einkaufen raus, die Zeiten werden anhand der Ausweisnummer festgelegt.

In Bolivien ist die informelle Wirtschaft besonders wichtig. Straßenhändler haben aber keine Chance mehr, etwas zu verdienen. Und jetzt knallt es, besonders bei den Anhängern von Evo Morales, die ohnehin die Legitimität der jetzigen Regierung bezweifeln (durchaus mit Recht).

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make antiimperialism great again
Die anti-imperialismus Diskurse bei uns kranken sehr leicht daran, dass nicht genau genug geschaut wird, was in diesen Ländern wirklich geschieht. Da wird sehr schnell vereinfacht, über- und unterzeichnet. Heraus kommt dann ein groteskes manichäisches Bild, das sich ganz gut eignen kann, um Personen emotional zu erreichen. Mich hat es genau deshalb immer angewidert.
Schaut man genauer, stellen sich sehr leicht Widerprüche ein. Historische Entwicklungen sind komplex, langfristig und lassen sich nicht in ein einfaches gut-böse Schema pressen.
Ohne jeden Zweifel sind viele Aktivitäten der begünstigteren Nationen in der Dritten Welt moralisch zu verurteilten und hatten negative Auswirkungen.

Der US-amerikanische Auslandskorrespondent Vincent Bevin hat nun ein Buch geschrieben, in dem er den alten Geschichten des Kalten Krieges noch einmal nachgeht. Ich followe dem seit einiger Zeit auf twitter. Er arbeitete lange für die Los Angeles Times in Brasilien und später dann ein paar Jahre in Indonesien für die Washington Post. Für das Buch hat er über Jahre viele Interviews mit den noch lebenden Protagonisten in den Kämpfen in den Ländern selbst geführt. Außerdem profitiert er von den inzwischen vielen freigegebenen Geheimdokumenten zu diesen 50 Jahre vergangenen Ereignissen.
Ich bin erst bei Kapitel 3 angekommen, aber bisher ist es interessant und ich vertraue Bevin.

Vincent Bevins, The Jakarta Method. Washington's Anticommunist Crusade & The Mass Murder Program that Shaped our World.

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Danke dafür mein Lieber,


bei Gelegenheit werde ich das mal lesen.

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