Dienstag, 7. Oktober 2008
Pop-Linke, MCAntifa und antideutscher Chic
Ich hatte mich an anderer Stelle ja schon mal über "Distinktionslinke"

http://che2001.blogger.de/stories/764866

lustig gemacht, die eigentlich das genaue Gegenteil von links sind, weil sie sich nicht über Solidarität, sondern über Abgrenzung definieren und den Fetischcharakter der Ware auch noch so richtig kulten. Nun, dieser Test legt endgültig nahe, dass Adornos Feststellung der absoluten Austauschbarkeit von Inhalten in der Kulturindustrie längst auch politische Jugendsubkulturen betrifft (was DAF mit "tanz den Mussolini natürlich" auch schon vor 26 Jahren wussten).

Also, ob antideutsch, antiimperialistisch oder sonstwas ist einfach nur eine Frage der Hipness, demzufolge.

http://www.testedich.de/quiz25/quizpu.php?testid=1216564770


Ich schneide mit 70% da ja gar nicht so schlecht ab; sollte ich mir Sorgen machen, selber zum Antideutschen zu mutieren?


Gehört die gesamte Literatur zur Geschichte der westdeutschen Linken ins Altpapier? Von Baader bis Klar, die waren einfach nur uncool? Vielleicht reicht ja die Sichtweise der HSV-Stadionpost aus - Die Antiimps der Fanclub der RAF, die Autonomen der Fanclub der RZ, nachdem beide Vereine in die Insolvenz gingen, suchten sich die Konkursmassen der Fanclubs mit den IDF oder Chavez neue starke Vereine? Politik, das heißt Posen auf dem Schulhof, was sonst!

Was für eine gesellschaftliche Realität, Papa?

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der Test ist genauso eindimensional wie das Gros der Anti-Deutschen und Anti-Imps ... und es gibt (wie ich als "undogmatischer Trotzkist" meine) immer eine vierte Möglichkeit ... ;-)

P.S.: irgendwie haben alle 70:30-Ergebnisse ... erinnert mich an Maos Verdikt zu Stalin bzw. die heutige Bewertung Maos in der VR China: 70% gut, 30% schlecht

P.P.S.: sind Pop-Linke die PopperInnen von heute?

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Zumal es Antiimps, jedenfalls in dieser Schreibweise, eigentlich seit 15 Jahren nicht mehr gibt. Aber solange Frau Mohnhaupt keine Urheberrechte geltend macht....

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naja, che, ich empfinde den autoren dieses "tests", der lediglich zur bestätigung dessen dient, wofür die leute sich ohnehin halten, als eine menschgewordene bankrotterklärung. ich verstehe wirklich nicht, warum man sich mit solchen trotteln ernsthaft auseinandersetzen muss.

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Ich nehme das ja nicht ernst, sondern mache mich drüber lustig. Einen gewissen Ernst hat nur der obere Link.

Ach ja, einen habe ich noch. Fakultativ schlagend und Farben tragend sind die ja auch ;-)

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mit 50/50 und 0%anitdeutsch durch den wertmullah-gesinnungstest zu kommen ist gar nicht so schwer, dafür bin ich dann eben nicht hip (*schaaaaaaaaaaade*).
(schlagend, farben tragend und nationalistisch (nicht zu vergessen)...)

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Finde den Originalbeitrag nicht mehr, deshalb poste ich das einfach mal hier:

[In der schleswig-holsteinischen Linkspartei geht es drunter und drüber. Gestern forderte der Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann (42) den Lübecker Kreischef Ragnar Lüttke (42) auf, seine Ämter niederzulegen. Grund ist ein altes Foto, das Lüttke bei einer schrägen "Geburtstagsfeier" für den Sowjet-Diktator Josef Stalin zeigt.

"Das war eine satirische Feier", versicherte Lüttke, der seit Mai in der Bürgerschaft sitzt. "Ich war nie Stalinist, sondern Punkrocker und Anarchist." Vor vier Jahren habe er mit alten Freunden auf einer Privatfeier in Lübeck den "Jahrhundertverbrecher" durch den Kakao gezogen. "Dabei ist das missverständliche Foto entstanden." Heilmann ließ das nicht gelten. "Egal, ob Satire oder nicht - Lüttke hat mit seinem Verhalten der Partei geschadet."]

Beim Lesen musste ich unweigerlich an eure "Proletarischen Abende" denken.
Herrlich :D

Quelle:
http://www.abendblatt.de/daten/2008/10/07/948532.html

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Keine Bankrotterklärung, sondern...
...Satire der Bankrotterklärung.

Das Quiz macht sich ja grade über die identitären Zuschreibungen lustig, um die Verdrängung von Inhalten durch Lifestyle zu entlarven.

Und: ich glaube nicht, dass das früher so groß anders war. Der Wert mag damals weniger auf Klamotten oder Äußeres gelegt worden sein, aber sicherlich auf Habitus oder bestimmte Verhaltensformen. War zwar zu der Zeit zwar lediglich das vielzitierte Flimmern in den Augen meines Vaters beim Anblick meiner Mutter, aber ich denke, dass oftmal die zeitaltergerechte Umsetzung von "Schießen und Ficken" dazugeführt hat, dass sich Adoleszenten bspw für die RAF begeistert haben, ohne dass diese eine sonderlich große Vorstellung von ML oder Klassenkampf hatten.

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Das ist selbstverständlich richtig....
...z.B., wenn jemand während eines Unistreiks gegen Studiengebühren etwas von "für den Aufbau einer antiimperialistischen Front" erzählt. Aber ich traue Herrn Wertmüller, wie er sich heute gibt, nicht mehr allzuviel augenzwinkernde Ironie und Selbstdistanz zu, dem Bozic schon noch.

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Unsere proletarischen Abende waren zwar anders, aber natürlich, die Einladungsschreiben kamen von der Proletarische Front/Sektion internationaler Befreiungskampf/Untersektion Proletarischer Abend/Gruppe Pongi-Pongi im ZK-Verlautbarungsstil.

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kurz gezögert, ob ich wirklich an etwas teilnehmen soll, wo der wertmullah seine finger drin hat, aber:

oh wow! 70%gemäßigt/10%antiimp/10%antid
Dieses Profil hatten 63.37 % der 3380 Quizteilnehmer!

ich bin ....durchschnitt! juchhu! und zehn prozente gar nix! (das ist eigentlich das beste von allem!)

es grüßt: der strukturelle antifashionist

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Wunderschöner Beitrag auf Deinem Blog, der ja ALLES bestätigt.

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"Standarts"
Kann man diesen Analphabeten mal an die Öffentlichkeit zerren? Ich wüsste schon gerne, ob der Typ eher wie Atze Schröder oder wie Lou van Burg aussieht....

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Gehört die gesamte Literatur zur Geschichte der westdeutschen Linken ins Altpapier?

nein. wäre doch schade drum.

und wieso nur der die westdeutschen linken? war da nicht noch mehr, viel mehr?

aber wen, ausser ein paar spezialisten und aficionados interessiert heute die kirchengeschichte der arbeiterbewegung und dort speziell die abteilung, ketzer, abweichler, apostaten?

das ist, für den, den es interessiert, ein weites feld, ein durchaus spannendes feld, gibt ja auch gewisse aktuelle bezüge (z. b. die geschichte der kpd von liebknecht bis lafontaine unter besonderer berücksichtigung des unteren funktionärskörpers) und manche wollen aus der geschichte ja auch etwas lernen, zumindest erfahren, woher sie kommen.

für andere mag es brotberuf sein. geisteswissenschaften zählen nicht mehr viel, aber die eine oder andere wissenschaftliche karriere wird sich dadrauf auch noch bauen lassen. so wie es sicher noch einige professores (professor, lat., bekenner, wer hätte das gedacht) der gottesgelahrtheit gibt, die da trefflich über die mainstreams und seitenlinien der geschichte der kirchen, der dogmen und ihrer beförderer und widersacher und bekämpfer bescheid wissen.

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Es wird Dich jetzt sicher nicht sehr erstaunen, wenn ich schreibe, dass ich, wenn auch noch sehr im Vorfeld, danach strebe, mir selber eine späte professorale Existenz als Chronist der Nach-68er Linken aufzubauen. Zum anderen interessiert mich diese Thematik natürlich alleine schon deshalb, weil ich nach wie vor einer der ketzerischen Bewegungen der Neuen Linken eng verbunden bin. Wenn aber heutzutage, wie es sowohl der Wertmullah als auch eine ganze Reihe überwiegend sehr junger Linker heute tun, alles, was links kreucht und fleucht, dualistisch auf die Schablonen "antideutsch" und "antiimperialistisch" reduziert wird, so zerstört das nur Trennschärfe, hindert daran, wichtige aktuelle politische Fragen zu stellen oder aus der sozialen Frage abgeleitete Positionierungen vorzunehmen und verkommt am Schluss, wie obiges Beispiel zeigt, zur bloßen Mode.


So, und was mich richtig fuchtig macht, ist die Verwendung des Kürzels "Antiimp" für wie auch immer geartete internationalistische oder globalisierungskritische Linke heutzutage. Antiimps (in dieser Schreibweise) waren eigentlich Leute, die die "antiimperialistische Front aufbauen" wollten, d.h., ein Bündnis aus Guerrillabewegungen, nicht-bewaffneten militanten Linken, z.B. Autonomen und legalen Linken, das weltweit koordiniert agieren und eine vorrevolutionäre Organisation herbeiführen oder doch zumindest die militärische Infrastruktur der NATO lahmlegen sollte. Der harte Kern der Antiimps verstand unter der Front meist ein Bündnis aus RAF, Roten Brigaden, der Action Directe, der ETA, der IRA, der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), den belgischen Kämpfenden Kommunistischen Zellen (CCC) und der japanischen Roten Armee (Zengakura).
Auch für Antiimps, die nicht zur RAF-Unterstützerszene gehörten war es zumeist Ziel der eigenen Entwicklung, irgendwann so weit zu sein, bewaffnet zu kämpfen. Es gab für dieses Entwicklungsziel sogar einen festen Begriff: "Zur Front kommen".

Die Antiimps als politische Strömung lösten sich Anfang der 90er Jahre auf. Wenn heute irgendwo irgendwie antiimperialistische Feld-Wald- und Wiesenlinke als Antiimps bezeichnet werden ist das so, als nenne man jeden sein Elend als soziale Ungerechtigkeit beklagenden HartzIVer einen KPD-Kader.

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Mancherlei Antiimperialismus
Und dann gab und gibt es natürlich noch andere Erscheinungsformen von Antiimperialismus, die mit den Antiimps nichts zu tun hatten und haben, die aber auf die heutige Situation ebenfalls, nun sagen wir, unzeitgemäß übertragen werden. Das sowjetisch geführte sozialistische Lager verstand unter Antiimperialismus die eigene globalpolitische Doktrin, also die Frontstellung gegen die USA, die NATO, Israel und Südafrika, und unter antiimperialistischen Staaten solche, die zwar nicht sozialistisch im Sinne der Sowjetunion waren, wohl aber die gleichen Gegner hatten. China und die Maoisten wiederum kritisierten den "Antiimperialismus" der UDSSR als "Sowjetimperialismus", "Sowjetrevisionismus", "Sozialimperialismus" und "Sozialfaschismus" und sich selber zu den wahren Antiimperialisten. Dann gab es in der Linken der 1970er, 80er und 90er Jahre einen diffusen Vulgärantiimperialismus, der die Grundzüge dieser antiimperialistischen Weltbilder im Groben mitdachte, ohne dies mit einem geschlossenen marxistisch-leninistischen Weltbild zu verbinden bzw., ohne deswegen prosowjetisch oder prochinesisch sein zu wollen. Vom KB bis zu den Autonomen, von den Falken bis zum linken Flügel der Grünen war ein Basis-Antiimperialismus vorhanden, der die bestehende Weltordnung als imperialistisch im Sinne von auf der Ausbeutung der Armut in Entwicklungs- und Schwellenländern basierend verstand, die USA als Führungsmacht des Imperialismus und NATO und EU als imperialistische Herrschaftsapparate verstand und auch die Frontstellung pro Cuba und pro Palästina mitmachte.

Dann gibt es den Neuen Antiimperialismus, zu dessen Vertretern ich selber gehöre. Der hat mit diesen Antiimperialismusbegriffen nichts zu tun, sondern formuliert eine Haltung der Solidarität mit sozial Entrechteten im Weltmaßstab aus einer Kritik an der betriebenen Industrialisierungs- und Entwicklungspolitik heraus, die den Begriff der industriellen Moderne und den Positivismus insgesamt in Frage stellt (und damit natürlich auch die marxistisch-leninistischen Weltbilder, die noch als radikalisierter Anhang westlich-bürgerlichen Denkens betrachtet werden). Vereinfacht könnte man sagen, dass der Neue Antiimperialismus zentrale Fragen der marx´schen Kapitalismuskritik, wie sie in den Grundrissen und der Kritik der Politischen Ökonomie formuliert sind, mit den Dependenztheorien

http://de.wikipedia.org/wiki/Dependenztheorie

und der poststrukturalistischen Wissenschaftskritik sowie der Alltagsgeschichte

http://de.wikipedia.org/wiki/Alltagsgeschichte

verbindet und bemüht ist, daraus eine eigene antikapitalistische Entwicklungstheorie

http://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungstheorie


abzuleiten.

Den Vulgär-Antiimperialismus und den Neuen Antiimperialismus gibt es heute noch, den Sowjet- und ML-Antiimperialismus bakuninlob nicht mehr. IM Umfeld der Linkspartei, aber auch im No-Global-Spetrum gibt es Versuche, so etwas wiederzubeleben bzw. aktuellen antiimperialistischen Ansätzen zu verbinden, die ich äußerst skeptisch sehe. Und die wiederum werden im antideutschen Spektrum oftmals zu einem Riesenfeindbild aufgeblasen, an dem schablonenhaft die ganze Linke außerhalb der eigenen Reihen festgemacht wird. Wie gesagt: Projektionsverhalten, das niemandem hilft.

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Es wird Dich jetzt sicher nicht sehr erstaunen, wenn ich schreibe, dass ich, wenn auch noch sehr im Vorfeld, danach strebe, mir selber eine späte professorale Existenz als Chronist der Nach-68er Linken aufzubauen.

gute sache. bleibe dran.

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Differenz
Das ist ja alles sehr richtig und wunderbar differenziert. Zu differenziert für Poplinke und McAntifa. Für Hurra-Antideutsche, Neokonservative und manche Liberale ist der Antiimperialismus nichts weiter als ein verkappter Antisemitismus, der so etwas wie die jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung in das Gewand marxistisch-leninistischer Terminologie kleidet und eine Frontstellung gegen Israel unter dem Vorwand internationaler Solidarität vornimmt. Dass das alles abenteuerlich konstruiert und vollkommen haltlos ist, wird beim Lesen Deiner Definitionen deutlich. Aber der Grigat-Fanclub, der Grigat nicht mal liest (und wahrscheinlich rein semantisch gar nicht verstehen würde) will nunmal einfache Schablonen. Und bei manchen Libertären habe ich ja den Eindruck, die denken selber in Kategorien wie Verschwörungen und "Geldjudentum", nur ist bei denen der Jude gut, weil der Kapitalismus gut ist. Das ist dann Antisemitismus reinsten Wassers, der einfach um 180 Grad umgedreht wird. Pseudo-antiimperialistische "Palästinafreunde", die an die bestimmten Palästinenserorganisationen geltende Solidarität der alten Antiimps anknüpfen und die heute auf islamistische Gruppen übertragen (die auf die alten Freunde der alten Antiimps schießen) arbeiten diesen Ideen auch noch entgegen. Dummheit kennt keine Grenzen.

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Schön gesagt, das fasst Tatbestände zusammen, für deren Analyse und deren Ausformulierung ich meistens sehr viel mehr Raum brauche.

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wer eigentlich

sind die bei der ju und den julis?

und was wollen die dort?

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Ich fürchte, ich verstehe die Frage nicht richtig?!

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wer die sind wäre von daher interessant, weil politik hier und jetzt von den anderen in dieser altersgruppe als eher uncool empfunden wird. wer da trotzdem mitmacht, setzt sich so weit vom mainstream ab, dass das auffällt. deshalb die frage danach, wer die sind.

aus dem schatz meiner reichen vorurteile:
die jungunionisten halte ich zum einen teil für söhne, die gern gute schwiegersöhne sein wollen. ansonsten in der masse eher für unbedarft und gerade deshalb für mancherlei zwecke brauchbar.

anders der nachwuchs der fdp. die sind schon etwas älter und arbeiten an ihrer karriere. so wie auch die führungskader bei der ju, die sich auf diese weise die notwendigen erfahrungen im schleimen, kriechen, anpassen, wegducken, absägen, lügen, aber nur wenn es hilft und nützt, kurz und gut, all den eigenschaften, auf die es in der praktischen politik ankommt, erarbeiten, einüben, vertiefen.

warum die das machen? weil sie an die macht wollen, weil sie posten haben wollen, die ihnen erstrebenswert scheinen und die das oft auch sind.

sonderbarerweise wird in der erörterung der praktischen politik genau diese frage ausgelassen:
wer will welchen posten haben und wie kommt er dorthin. einem hannoveraner wird ja nachgesagt, diese frage schon früh beantwortet zu haben.

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Sorry, die Frage war für mich missverständlich, weil sie so klang, was denn Antideutsche bei JU und Julis machten. Ich kann sie Dir auch nicht beantworten, ich kann da nur etwas zum Nachwuchs bei den Grünen, den Jusos und der Linkspartei sagen, was die CDU angeht auch zum RCDS. Wenn das gewünscht ist....

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ja freilich ist das gewünscht.

das eigentlich interessante beim parteinachwuchs ist doch der übergang in die praktische politik, es lässt sich das doch mit einer berufsausbildung vergleichen.

oder besser einem studium neben den studium, ohne wenigstens bachelor kommt man gerade noch in den gemeinderat.

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Interessant finde ich ja, wer heute so bei den Grünen einsteigt, z.B. bei der Böll-Stiftung und wer das früher so machte. Ich hatte ja bei Veranstaltungen der Böll-Stiftung teilweise das Gefühl, von lauter Yuppies umgeben zu sein, teilweise aber auch von Altlinken meines Zuschnitts. Wer bei den Grünen Karriere machen will und unter 25 ist, sieht meist zu, bei der Böll-Stiftung ein Stipendium zu bekommen, um dann als PostgraduierteR in die Grüne Akademie reinzukommen, an einem Trendthema zu forschen (Genderstudies, Nachhaltigkeit, gerne auch Eso-Geschichten aus dem Umfeld der Anthroposophie) und lässt sich dann zu Kommunalwahlen aufstellen. Hier dienen wissenschaftliche Inhalte, die ich inhaltlich in vielen Fällen nachvollziehe oder auch lebensweltliche Irrationalismen in beiden Fällen als Insignien der richtigen Lebenshaltung und inhaltlichen Fachkompetenz, um an die Töpfe zu kommen. Gut erinnere ich mich an einen antirassistischen Betroffenheitspolitiker, der auf dem Höhepunkt der rassistischen Pogrome nach Hoyerswerda mit dem Juden-Ticket Karriere in der Partei machte und, nachdem er erst im Landtag saß, seinen Gammel-Look gegen Versace-Klamotten austauschte, seinen Einzug in die Landtagsfraktion mit Moet&Chadon feierte (die Preisschilder ließ er bewusst auf den Flaschen) und sein bisheriges fundigrünes soziales Umfeld tunlichst mied.


Eine teilweise gegenläufigeEntwicklung gibt es bei den Jusos. In meiner Studienzeit waren das weit überwiegend die ganz stromlinienförmigen Parteisoldaten, was sich unter anderem daran zeigte, dass in Göttingen jeder linke ASTA kurz vor den StuPa-Wahlen platzte, weil die Jusos auf Distanzierung zu den Linksradikalen gingen, mit denen sie nach der Wahl und zähen Verhandlungen dann doch wieder koalierten. Reines Machtspiel, den Blick fest auf die politische Karriere gerichtet. Anständige Sozis organisierten sich damals eher beim SHB, bei den Falken, in unabhängigen Bündnislisten oder in Basisgruppen, in denen oft Sozis, Grüne, Feministinnen und Autonome pragmatisch und gedeihlich zusammenarbeiteten. Heute hingegen bekomme ich mit, dass es zunächst mal viel weniger Jusos und auch viel weniger SPD-Ortsvereinsmitglieder gibt als früher. Die ganze traditionelle Arbeiterkultur mit Taubenzüchterverein, Gartenkolonie, Mitgliedschaft bei den Naturfreunden und in der Wohnungsbaugenossenschaft scheint dahin, eine solche Milieubindung findet sich viel ausgeprägter noch bei den (kleinbürgerlich akademischen) Grünen mit ihren Naturkostläden, Fahrradwerkstätten, Foodcoops, Alpenverein und BUND. Während die Partei und ihre Nachwuchsorganisation aber kleiner, pragmatischer und stromlinienförmiger geworden sind, kommen doch neue Leute mit anderen Motivationen, z.B. viele Deutsch-Türken, die raus aus dem Ghetto und Politik für die eigene Community machen wollen. Das ist nicht alles schlecht, was da nachwächst. Aber kritisches Potenzial mit radikalen Gedanken und geistiger Beheimatung in großen politischen Theorien gibt es da nicht.

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danke, che.

Die ganze traditionelle Arbeiterkultur mit Taubenzüchterverein, Gartenkolonie, Mitgliedschaft bei den Naturfreunden und in der Wohnungsbaugenossenschaft scheint dahin, ...

ganz genau.
der spd ist die sozialdemokratie in gleicher weise abhandengekommen, wie der cdu das christentum. nur, dass die cdu das vor lauter kanzler wählen noch nicht einmal gemerkt hat.

die spd hat es gemerkt, weiss aber nicht, was sie mit dieser erkenntnis anfangen soll. eigentlich muss sich die spd neu erfinden, ist aber keiner zu sehen, der das könnte. vielleicht in ostdeutschland, platzeck und bullerjahn.

das was du als traditionelle arbeiterkultur bezeichnest, war der sache nach zu kaisers und auch noch zu weimars zu zeiten gegenkultur. die bürger wollten mit denen (den proleten, wie die sagten, bloss dass das damals zum grossen teil aufstiegsorientierte facharbeiter waren - die sozialdemokratie war für die aufstiegsorientierten facharbeiter, diejenigen, die sich mit ihrer misere abgefunden haben, sind für eine partei keine klientel - und das eben, mangels anderen möglichkeiten, über partei und gewerkschaft angingen) eben nichts zu tun haben. so entstand eine sozialdemokratische gegenwelt.

all das gibt es, weil die facharbeiter ein ähnliches, du würdest es klassenschicksal nennen, mit fällt kein passendes wort ein, wie die landwirte hatten - die produzieren immer mehr und werden dabei immer weniger, in letzter zeit nicht mehr. da gab es mal ein funkkolleg sozialer wandel, aber wer hätte gedacht, dass es so weit kommt, oder besser, in diese richtung geht. eigentlich hätte die sozialdemokratie doch gewinnen müssen.

hat sie auch, in der csu ist ein sozialdemokrat dran, und frau dr. bundeskanzler streitet es noch immer ab, macht aber sozialdemokratische politik, weil sie kanzlerin bleiben will. aber ser spd nutzt es nix.

und all dies was man als sozialdemokratische gegenkultur kennt, gibt es auch bei den grünen, und auch die geschichte mit dem generationenkonflikt, als der akademischen nachwuchs in die spd drang, einerseits wegen der echtheit, dem stallgeruch, andererseits, weil adenauer eben tot war, und jetzt was anders kommen musste und mit ihm die eigene karriere, all das jetzt reloaded und in green?

sonderbar. die geschichte wiederholt sich doch nicht. oder doch? hier die alten bewegten veteranen von leipzig-einundleipzig, nein, bonn-rheinauen 1981, dort die fixen jungeinsteiger, bilderbuchkarriere, heinrich-böll-stipendiat, promotion, nanu, genderstudies und nachhaltigkeit, eigentlich wäre da ein jura-revival angesagt, solange die noch nicht auf bachelor/master umgestellt haben. das also sind die, die uns in zukunft mitregieren. da ging ja seinerzeit die karriere bei den fdp-isten schnelelr. vielleicht wächst da doch noch zusammen, was zusammengehört.


dass die jungen deutsch-türken die politik als mittel zum aufstieg entdeckt haben, nun, diesmal bemühe ich das zentrum um eine parallele. immerhin, eine für mich nicht unerfreuliche beobachtung.

die zeiten für kritisches potential sind nicht so danach. eben verabschiedet sich der kapitalismus und er fängt schon an, uns zu fehlen. wer hätte das gedacht! sogar die linke ist auf einmal, in wien sagt man schmähstad. das ist, wenn einem kein cooler spruch mehr einfällt.

das andere: wie leben in säkularen zeiten. religion, noch schlimmer, amtskirche mit bischöflich geprüftem dogma, kommt nicht gut, nicht einmal mehr bei den schäfchen.
genauso eine theorie mit unfehlbarbarkeitsanspruch, am besten so eine wissesnchaftliche, die auch noch die zukunft kennt. daran glauben vielleicht noch einige alte sed-bonzen, aber auch nur aus altersstarrsinn.

müssten eigentlich gute zeiten sein für ein revival der antiken philosophie: da ging es auch mehr um praktischen lebenshilfe als um theoriebildung. der skeptizismus dürfte gute karten haben, und auch die stoa hat einiges zu bieten.

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Meiner Meinung nach hat sich die Situation bei den JuSos in letzter Zeit deutlich ins progressivere verschoben. Erklärte Linke, die überzeugt Karl Marx lesen und sich auf Demos schwarz anziehen (kein Indikator für Radikalität, aber dafür, dass diese Leute scheinbar keine Berührungsängste mit - im gesellschaftlichen Diskurs - als gewalttätig verschrienen Aktionsformen haben.

Lustigerweise versammeln sich auch mehr und mehr Antideutsche bei den Jusos, so bin ich am 1.Mai diesen Jahres in der Flora mit einigen Leuten ins Gespräch gekommen, die während der Demo in der Kette hinter mir standen und vorallem durch fanatische "Allez Kommunismus Allez"-Rufe in mein Bewußtsein gedrungen sind (Plus DIY-Redflag). Deren Coming-out, dass sie "Jungsozialisten" sind, hat mich dann auch etwas überrascht, ebenso wie die Wahl Franziska Drohsels zum Bundesvorsitzenden (letztes Jahr?). Diese habe ich beim G8 im Camp Reddelich kennengelernt (du warst doch sicherlich auch in Rostock, wie bewertest du als alter Hase eigentlich den ominösen schwarzen Block? Schneidet vermutlich sehr viel schlechter ab als das 'Original', leider ;-) ) und muss sagen, dass ich sie nie im Leben der SPD zugeordnet hätte (sie kam ja wegen ihrer Mitgliedschaft in der Roten Hilfe auch bundesweit in die Medien).

Eventuell ist das alles aber auch keine neuere Entwicklung, sondern vereinzelte Personen und Plattformen, die den bürgerlichen Rahmen sprengen, immer auch den Jusos inhärent gewesen. Das müsst ihr beantworten.

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Zum Schwarzen Block in Rostock
schrieb ich das hier:

http://che2001.blogger.de/stories/833504/


Bitte auch die lang verästelte Debatte beachten!

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nanu, was ist denn mit den jusos los?

Erklärte Linke, die überzeugt Karl Marx lesen und sich auf Demos schwarz anziehen (kein Indikator für Radikalität, aber dafür, dass diese Leute scheinbar keine Berührungsängste mit - im gesellschaftlichen Diskurs - als gewalttätig verschrienen Aktionsformen haben.

das gibt dann besonders scharfe ministerpräsidenten, ich erinnere an einen gewissen ***fritz (ja, der landete dann bei der cdu, aber wenn es nur der wirtschaft nützt. mit dem thema links hat der wenig zu tun, der soll hier ja auch nur als abschreckendes beispiel dienen, das kann er am besten) der heute noch stolz darauf ist, seine jugend als mofarocker zugebracht zu haben.

man sollte einmal nach frankreich schauen, da sollen einige in leitungsfunktionen im halbstaatlichen wirtschaftsbereich unten links angefangen haben, aber nur ganz am anfang.

meine kritik richtet sich nicht gegen das freizeitverhalten, die lektüre, die wahl der bekleidung von mitgliedern der jugendorganisation der spd.

politik ist ein ernsthaftes geschäft, wenn sie professionell betrieben wird. bei denen, die ernsthaft in einer partei arbeiten, geht es um eine politische karriere. zur praktischen ausübung der politik gehören nicht nur überzeugungen und absichten, die edelsten absichten verkehren sich am schnellsten in ihr gegenteil, die ulmer wussten schon, warum sie ihren bürgermeister bis heute jedes jahr schwören lassen, arm und reich ein gemeiner mann zu sein.

ich erinnere mich noch mit schrecken an die kandidatur eines herrn eppler in ba-wü.

ich halte herrn eppler für einen aufrechten und integren mann von untadeligem charakter und edler denkungsart, obwohl er pietist ist. leider aber für die praktische politik unbrauchbar, weil ihm der wille zur macht fehlt. so einer gehört an die uni oder ein institut, aber eigentlich ist so einer schon im gemeinderat eher eine fehlbesetzung, weil er in dieser zeit anderes, besseres zustande bringen kann.

trotzdem kandidierte er bei einer landtagswahl mit dem anspruch, ministerpräsident von ba-wü werden zu wollen. wobei er dann allerhand dahersirmelte, was ihn leider nicht übermässig zum ministerpräsident qualifizierte. wem es in der küche zu heiss ist, soll nicht koch werden, sagt der volksmund. herr eppler wählte dann auch eine wissenschaftliche karriere, in der er seinen inneren pietisten reichlich betätigen konnte. aber von so einem wird heute noch geglaubt, er hätte etwas zu sagen.

etwas zu sagen haben uns andere sozialdemokraten. peter glotz und hans-jochen vogel, beispielsweise, der erste ist leider schon tot, sehr zum schaden für die spd und andere.

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