Sonntag, 14. Januar 2018
Noch einmal ein Blick auf die "Schneeflocken""
Auseinandersetzungen mit hypersensiblen oder leicht kränkbaren Menschen haben ja zunächst ihre eigenen Gesetze einfach dadurch, dass man die Gedanken und Empfindungen dieser Menschen teilen oder verstehen will, ohne diese verletzen zu wollen, wenn man selbst dem etwas entgegenstellt oder einfach nur antwortet. Und inzwischen habe ich bei all den leidigen Debattenschlachten die so mit Leuten aus dem Spektrum, das auf Safe Places und Triggerwarnungen Wert legt geführt wurden den Eindruck gewonnen dass diese Grundproblematik viel wichtiger ist als als die Maßstäbe für eigentliche politische Debatten. Bei der Lektüre von Blogs wie der Tofutastischen, Lena Schimmel, selbstverständlich Momorulez, Tugendfurie and so on entwickelte und verfestigte sich bei mir über Jahre hinweg der Eindruck, daß es sich dabei um eine Versammlung exorbitant psychisch gestörter Menschen handelt. Ganz wohlwollend und ohne jegliche Überheblichkeit oder abwertend kann ich sagen dass diese Leute mir zunächst einmal Leid tun. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie da überhaupt noch politische Debatten möglich sind. Politische Debatte heißt für mich, wenn es sein muss hart und kontrovers auf einer Sachebene um Inhalte zu ringen, Argument und Gegenargument, These, Antithese Synthese oder auch Unvereinbarkeit und Intransigenz, möglichst sine ira et studio. In dem Queer-Feminismus- Critical-Whiteness und Privililegienchecking-Mikrokosmos habe ich aber das Gefühl, bei Zugrundelegung rationaler Kriterien politischer Debattenkultur inklusive des gelegentlichen Polemisierens gegen abgelehnte Standpunkte und des sich ironisch-lustigmachens über Übertreibungen und Entgleisungen des Gegenübers, kurz, bei dem, was ich als politische Debatte so gewohnt bin, extrem labile und gefährdete Persönlichkeiten auf einer Ebene anzugreifen, auf der sie überhaupt nicht in der Lage sind, zu reagieren. Denn wer andere Meinungen in Sachfragen bereits als Angriffe auf die eigene Persönlichkeit erlebt, und zwar auf einer existenziellen Ebene ist zu einer Diskussion unter den genannten Prämissen bereits nicht mehr in der Lage. Von den genannten Leuten könnte ich mir niemand in einem politischen Plenum im real life wie ich es kenne vorstellen, die würden wohl alle nach einer Stunde schreiend hinauslaufen - wobei ich da Plena kenne die sich über Tage hinziehen, in Form von Klausurtagungen mit gemeinsamer Übernachtung.

Auf der einen Seite sollten Personen die dazu nicht in der Lage sind trotzdem die Möglichkeit haben sich in politische Diskussionen einzubringen und dabei ernstgenommen zu werden. Andererseits entwickeln ebendiese Personenkreise Diskussionsverhaltensweisen, sich solchen Diskursen dadurch zu entziehen, indem sie alles verteufeln was nicht dem eigenen Binnenhorizont entspringt und eben sachliche Meinungsunterschiede in Angriffe auf die eigene Persönlichkeit oder am besten noch auf alle Schwulen, alle Frauen, alle Schwarzen usw. umzumünzen, um den Riesenbalken im eigenen Auge nicht mehr zu sehen. Lässt sich in der Geschichte dieses Blogs über die Jahre nur zu genau verfolgen. Und je länger ich das mitbekomme umso ratloser werde ich.

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http://www.zeit.de/2018/03/mark-lilla-identitaetspolitik-interview/komplettansicht

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Prima! Jetzt linkt jemand trotzdem
https://blog.fefe.de/?ts=a4a57650
Identitätspolitik (ist) nichts anderes als amerikanischer Evangelikalismus, angewendet auf die kulturelle Sphäre. (…) Wenn linke amerikanische Gruppen sich radikalisieren, werden sie zu evangelikalen Sekten. Sie bekämpfen nicht den Staat – die wollen deine Seele. Die wollen, dass du niederkniest und deine Sünden beichtest. Das ist, was Identitätspolitik letztlich will. Nicht eine Änderung der Machtverhältnisse." "Die sind gar nicht daran interessiert, irgendwen zu überzeugen. Es geht ihnen nur darum, jemandem "eine Stimme zu geben", "Narrative" zu schaffen und Urteile zu fällen über andere.
Diesen elenden Protestantismus wird Amerika nie mehr los. Kann man nix machen.

BTW.: Ich glaube eher, Protestanten sind gesund. D.h. sie sind Simulanten. Das ist einfach deren Masche. Die wissen doch selbst, wie bescheuert das ist, was sie unters Volk bringen wollen. Deshalb ist deren Argumentationstaktik darauf gerichtet, dafuer zu sorgen, dass der andere die Fresse haelt.

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Das ist wie vieles bei Fefe stark reduktionistisch und von einer, nun sagen wir sozialen Minderkompetenz geprägt. Dennoch ist da auch etwas Wahrheit drin. Jenseits der wissenschaftlichen und politischen Ebenen gibt es da auch eine kommunikationstechnische, diese Ebenen können durchaus als verschiedene Stränge verfolgt werden. Jenseits der Debatte hier vermute ich dass Geheimdienste wie der CIA bei der Stärkung mancher solcher Strömungen eine Rolle gespielt haben. Bei critical whiteness in GB konnte ich das belegen, hatte ich hier ja schon gepostet. Ich habe einen Grundsatzbeitrag über Counterinsurgency Intelligence Programs - Cointelpro - in der Vorbereitung, dauert aber noch ein wenig.

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Du bist nicht erste mit dieser Vermutung
du alter Verschwoerungstheoretiker!

https://che2001.blogger.de/stories/2369250/#2371628

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Sektenbunker - Bunkerfeminismus! Diese Vokabeln fielen bereits vor drei Jahren. Sieh an! Auf der Metaebene zunaechst jegliche Grundlage eines akademischen Disputs zerstoeren, und damit Recht behalten. Diskussionen im Bunker brauchen prinzipiell kein Thema. Ein Thema wissenschaftlich zu behandeln, waere wohl fuer die meisten Bunkerinsassen zu viel verlangt! Themen wie "Vereinbarkeit von Beruf und Familie", "Die Stellung der Frau im Hochmittelalter" bringen diese Feministinnen nicht in Verlegenheit. Auch wenn sie nichts von diesen Themen verstehen, so behalten sie doch in jedem Falle recht! Einfach den geregelten akademischen Disput verhindern und moralisch im Recht sein! Wie bei protestantisch-pfaeffisch-gehaessigen Weibern halt.

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Wir meinen etwas ganz und gar verschiedenes
Meine Bezugnahme ist eher die auf Bullen- und V-Schutz-Spitzel in linksradikalen Gruppen und das Outen von Vergewaltigern die keine waren. Mit einem sehr sehr weitläufigen Bezug auf aktuelles "Schneeflockentum." Kommt alles später in erinem größeren Beitrag.

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Solches Konzept mag ja für Förderschulen gut sein, wo Menschen irgendwie nicht zu Wort kommen. Für die öffentlichen Diskurse können solchen absurden Regularien natürlich keineswegs gelten. Sprechen darf jeder. Jeder darf Einwände machen. Diese haben sich freilich auf die Sache und auf die Argumente zu beziehen und nicht auf die Person oder auf die Sprecherrolle. „Opfer“-Sein ist kein Privileg, davon ab, daß es mittlerweile geradezu eine Opferindustrie gibt und die potentiellen Opfergruppen natürlich unendlich sind.

Insofern kann ich Dir da nur recht geben, che. Insbesondere bei dem Aspekt, daß Sachfragen von Personenfragen zu trennen sind. Andere Meinungen sind kein Angriff auf die Person, sondern es sind Sätzen, Aussagen, Thesen, die gültig sind, die nicht gültig sind oder wo eine Teilwahrheit darin steckt.

Wer als Erwachsener in öffentlichen Debatten einen Safer Place braucht, sollte sich zunächst überlegen, ob er nicht vielleicht eher einen Therapieplatz benötigt. Da lernt man dann auch freies Sprechen und man lernt, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen und sie vor allem auch auszuhalten.
Etwas anderes wiederum sind Podiumsdiskussionen, wo Betroffene zu Wort kommen. Dort sollten natürlich die Vertreter dieser Gruppen, die ja meist auch sehr heterogen sind, zu Wort kommen. Was nicht angehen kann, ist, daß die Noah Sows dieser Welt meinen, sie hätten privilegierte Sprecherpositionen. Was ja zudem noch ein Selbstwiderspruch ist: zum Privilegiencheck auffordern und selber bei Bertelsmann ein dickes Verlagsprivileg zu haben.

Es ist in Diskussionen im Grunde wie mit dem Baggerfahren: nicht jeder kann es von Anfang an, aber jeder oder fast jeder kann es lernen.
Das Interview mit Mark Lilla ist unbedingt lesenswert.

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ZEIT: Sie schreiben, der Slogan "Das Private ist politisch" sei pervertiert worden: Inzwischen ist alles Politische bloß ein Teil meiner privaten Identität.

Lilla: Und deswegen ist unser Blick für politische Fragen so eng geworden. Aus der Perspektive der Identitätspolitik lässt sich zum Beispiel Solidarität überhaupt nicht begründen.

...

ZEIT: Warum führt Identitätspolitik überhaupt zu dieser Stärkung des Identitätsbegriffes? Lief die Ursprungsidee nicht auf das Gegenteil hinaus – auf die Dekonstruktion von Identität?

Lilla: Man findet beides. Wobei "Dekonstruktion" natürlich nur was für reiche Kinder aus der Bourgeoisie ist, die an wahnsinnig teuren Eliteuniversitäten studieren. Die sind die Einzigen auf der Welt, die sich für Dekonstruktion interessieren – und sie gehören zu den privilegiertesten Menschen auf Gottes grüner Erde.


In der Tat, warum vermögen die Kinder dieser Erde es nicht, solidarisch zu sein?

Im Übrigen ist ja interessant, dass wir "Identitäspolitik" sagen u. nicht "Identitätspolitiken", was ja das englische "idenity politics" immerhin ermöglichen würde. Und wie Lillo auch beipflichtet, ist Identitätspolitik völlig unstrategisch. Worin sich die Identitätspolitiken alleinig geeinigt zu haben scheinen, das ist ein bornierter, selbstgerechter Habitus (siehe ganz unten das Zitat). Identität ist da einfach verlockend, meine Identität verleiht meinen Selbstauskünften die uneinnehmbare Festung dieser ihrer Autorität.

Da hat man wohl vergessen, Butler - und hier eine gewisse Wendy Brown - zu lesen (meine Hervorh.):

Against the claim that feminist politics is necessarily an identity politics, Butler suggests that: 'If identities were no longer fixed as the premises of a political syllogism, and politics no longer understood as a set of practices derived from the alleged interests that belong to a set of ready-made subjects, a new configuration of politics would surely emerge from the ruins of the old' (Butler 1990: 149). Butler envisages this new configuration of politics as an anti-foundational coalition politics that would accept the need to act within the tensions produced by contradiction, fragmentation and diversity. While Butler's political vision emphasises strategies for resisting and subverting identity, Wendy Brown argues that contemporary feminism should be wary of both identity politics and the 'politics of resistance' associated with the work of Foucault and Butler. Brown argues that identity politics entails a commitment to the authenticity of women's experiences which functions to secure political authority. At the same time, however, most feminists wish to acknowledge that feminine identity and experience are constructed under patriarchal conditions. Brown suggests that this inconsistency in feminist political thought - acknowledging social construction on the one hand and attempting to preserve a realm of authentic experience free from construction on the other - might be explained by the fact that feminists are reluctant to give up the claim to moral authority that the appeal to the truth and innocence of woman's experience secures. By appealing to the silenced truth of women’s experience, feminists have been able to condemn the repressive effects of patriarchal power. For Brown the attempt to establish moral authority by asserting the hidden truth of women's experience and identity represents a rejection of politics. She argues that this kind of move in feminism: '… betrays a preference for extrapolitical terms and practices: for Truth (unchanging and incontestable) over politics (flux, contest, instability); for certainty and security (safety; immutability, privacy) over freedom (vulnerability, publicity); for discoveries (science) over decisions (judgments); for separable subjects armed with established rights over unwieldy and shifting pluralities adjudicating for themselves and their future on the basis of nothing more than their own habits and arguments' (Brown 1995: 37).

Quelle: http://www.iep.utm.edu/foucfem/#H4

(Strg + f + 'identity politics' zum Auffinden der Stelle)

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@sozi ohne Partei

Lilla spricht durchaus vom amerikanischen Evangelikalismus, das meint m.E. schon etwas anderes als Protestantismus.

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@"Wobei "Dekonstruktion" natürlich nur was für reiche Kinder aus der Bourgeoisie ist, die an wahnsinnig teuren Eliteuniversitäten studieren. Die sind die Einzigen auf der Welt, die sich für Dekonstruktion interessieren" ---- Der Begriff meinte ursprünglich mal etwas völlig anderes, nämlich eine Methode in der Völkerkunde und Geschichtswissenschaft um eurozentrische, klassenprivilegierte und sexistische Sichtweisen aufzulösen. In dem Rahmen in dem der Poststrukturalismus zu einer Art akademischem Modesujet wurde hat das alles seine ursprüngliche Bedeutung völlig verloren.

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"Obwohl Vertreterin des dekonstruktivistischen Ansatzes, der Identitäten als konstruiert kennzeichnet, sieht Spivak die Notwendigkeit eines „strategischen Essentialismus“. Sie betont, dass es politisch notwendig sei, sich in Identitäten hineinzudenken – wenn auch nur zeitweise und aus einem strategischen Gesichtspunkt heraus –, um diese Identitäten als notwendig falsch zu entlarven." https://de.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Chakravorty_Spivak Davon will der crypto-Linke Neocon Lilla nichts wissen. So jetzt muss ich aber mein Geld vom CIA abholen.

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Und damit hat Spivak vollkommen Recht. Natürlich ist das auch ein für die Genderforschung wichtiger Ansatz, und durchaus für politische Diskussionen und Richtungsbestimmungen in der Linken. Der Dreh den das mancherorts inzwischen bekommen hat lässt sich aber aus der Theorie selber nicht erklären. Was ich da über Counterinsurgency am Überlegen und Recherchieren bin und wofür ich noch eine Zeit brauche bewegt sich noch einmal auf einer ganz anderen Ebene, es gilt mir um Himmelswillen nicht um eine Denunziation des Dekonstruktivismus. Primär steht vielmehr der Aufbau des Islams als Feindbild im Vordergrund. Was Bestrebungen angeht Genderdebatten einen bestimmten Kick in eine bestimmte Richtung zu geben sind meine Überlegungen eher vage und vorsichtig.


Das geht eher in diese Richtung hier:

https://shiftingreality.wordpress.com/category/alte-manner-plaudern-von-fruher/

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Um nochmal zurück auf Lilla zu kommen: Aus dem Zeit-Interview geht das nicht deutlich genug hervor, dass die Kritik an Identitätspolitik vor allem im Kontext der US-Präsidentschaftswahlen, der Mehrheitverhältnisse im Kongress und im Wahlverhalten auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen zu verstehen ist. Keinesfalls geht es darum, Minderheitenvertretern den Mund zu verbieten, aber wenn die Demokraten wieder Wahlen gewinnen wollen, müssen sie Mehrheiten auf ihre Seite bringen, nicht nur Minderheiten, wieder mehr das gemeinsame Interesse betonen als das Trennende.

Und weil Momo ja so auf den Women's march abhebt: Lilla erzählt im New Yorker, dass der mit einigen Geburtswehen zu kämpfen hatte. Die Initiatorin wurde von schwarzen Gruppen angegriffen, die sich nicht ausreichend repräsentiert und eingebunden fühlten...

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@Che: "The relationship between philosophers Michel Foucault and Gilles Deleuze also cooled due to Deleuze's support for Palestinian terror attacks." https://www.haaretz.com/1.4983004

"Why have the Palestinians received so little sympathy from prominent leftist intellectuals such as Jean- Paul Sartre and Michel Foucault or only contingent sympathy from others like Jacques Derrida, Pierre Bourdieu, Etienne Balibar, and Slavoj Zizek? Edward Said wrote once about his encounters with Sartre and Foucault (who were anti-Palestinian) and with Gilles Deleuze (who was anti-Zionist) in this regard."
https://electronicintifada.net/content/sartre-european-intellectuals-and-zionism/4384

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Okay, das wusste ich tatsächlich nicht. Echt etwas dazugelernt. Danke für die Links!


Insofern erscheint einiges das wir diskutiert haben jetzt in einem etwas anderen Licht. Da habe ich hinsichtlich alter/neuer Antiimperialismus wohl einen Tunnelblick gehabt.

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@ che (Dekonstruktivismus): "---- Der Begriff meinte ursprünglich mal etwas völlig anderes, nämlich eine Methode in der Völkerkunde und Geschichtswissenschaft um eurozentrische, klassenprivilegierte und sexistische Sichtweisen aufzulösen. In dem Rahmen in dem der Poststrukturalismus zu einer Art akademischem Modesujet wurde hat das alles seine ursprüngliche Bedeutung völlig verloren."

Ein akademisches Modesujet wurde ja vielleicht der sog. Dekonstruktivismus eher in "philosophischen" (möchtegern) Sphären, ich denke hier an den nahezu unverständlichen Derrida. - Aber ich versuche immer, nach kräften eine nicht endenwollende Neugier mir zu erhalten. (vorläufiges) Ergebnis meiner Recherchen also: Wir müssten hier zu Heideggers Destruktion bzw. auch Dekonstruktion zurückgehen, welche wir dann wiederum im Kontext Husserls "phänomenologischer Reduktion" lesen müssten. (Ich bin ja immer für "Reduktion" oder "Reduktionismus" ... dazu vielleicht unten noch eine Bemerkung oder Link) Ich vermute, hierauf bezog sich Lilla mit seinem "was für reiche Kinder aus der Bourgeoisie". - Die sich vielleicht gar nicht die Mühe gemacht haben, den Weg von der Dekonstruktion zur Reduktion bei Husserls nachzuverfolgen ... heraus kommt vielleicht ein Artikel von Jonathan Franzen im New Yorker

https://www.newyorker.com/magazine/2017/10/23/scared-of-the-city

Bei Perlentaucher ne Teilübersetzung,

https://www.perlentaucher.de/magazinrundschau/2017-10-17.html?highlight=Jonathan+Franzen#highlight

... aber der Verweis, dass er sich 1981 ein Buch von Derrida als New Yorker Newbie kaufte, durfte natürlich nicht fehlen ...

Wie auch immer, zurück zu meinen mehr als lückenhaften Recherchen zu Heidegger:

https://www.academia.edu/people/search?utf8=%E2%9C%93&q=ontologische+Wende+Hermeneutik

- lohnt manchmal, sich da einzuloggen
Ich möchte es, um den Status meines Verständnisses damit mitzukennzeichnen, etwas lax ausdrücken, was ich bei Wei-Ding Tsai, Autor der Doktorarbeit (der Link eben), glaube, gelernt zu haben: Heidegger hat schon sehr früh die Fixierung der abendländischen Philosophie auf Weisheit (=also auf Wahrheit, Wissen, wofür Platon steht) genervt, dergegenüber er für die Phronesis (Klugkeit, Aristoteles) optierte.

H. wollte schon immer weg von diesen statischen Wahrheitsbegriffen; Phronesis kann immer nur zeit- und situationsbedingt verstanden werden. Sein dürfe nicht als statisch verstanden werden, "Seinsvergessenheit", ganz grob im Verständnis ziggevs, der hier immer nur überfliegt, eben weil "Seyn" nicht als 'in der Zeit' gesehen werde. "Überwindung der Metaphysik" als Überwindung einer Metaphysik des statischen (platonischen) Wissens.

Von diesem holzschnittarigem Verständnis her verstehe ich einigermaßen, wie "Dekonstruktion" einmal "etwas völlig anderes, nämlich eine Methode in der Völkerkunde und Geschichtswissenschaft um eurozentrische, klassenprivilegierte und sexistische Sichtweisen aufzulösen" meinte (Zitat, che).

Denn warum sollte nicht eine Methode, die für eine Kritique der abendländischen Metaphysik der Rechthaberei gedacht war, nicht für eine Kritik von 'eurozentrischen, klassenprivilegierten und sexistischen Sichtweisen' sich (mit ein paar Modifikationen - Derrida) als tauglich erweisen?

Auf der anderen Seite hat Lilla hier natürlich die Geschichte nicht zuende erzählt, wenn er den Dekonstruktivismus so abgeißelt. Denn, deswegen oben von mir das lange Zitat aus

www.iep.utm.edu

einerseits die soziale Konstruktion (hier des Geschlechts) anzuerkennen, aber andererseits einen Bereich authentischer Erfahrung frei von Konstruktion zu behaupten, wo Minderheiten sich mit unhinterfragbarer Autorität zu Wort melden, legt natürlich eine gewisse Inkonsistenz bloß.

Ich beziehe mich immer noch auf obigens Zitat (iep.ut.ede), das Argument, wie ich es lese, besagt, dass (in diesem Fall) Feministinnen davor zurückschrecken, die Behauptung moralischer Autorität aufzugeben, die den Verweis auf die wahrhaftigkeit und die unverdorbenheit weiblicher Erfahrung sicherstellt.

Zugleich ist aber Weiblichkeit ein Konstrukt?

Und warum jetzt diese Rechthaberei? Die Frage von Die Zeit war ja berechtigt !


Das jetzt nur als mein bescheidener Versuch (einer Rekonstruktion) einer immanenten Kritik (aus den 90ern!).

Mir scheint, wir sind hier in der Anwendung der Phronesis (im Gegensatz zu Platons Sophia), also der Klugheit, nicht nur in der Befreiungstheologie, sondern auch in der sog. "Befreiungsphilosophie", südamerikanischer Provinienz, schon einmal wesentlich weiter gewesen, es wurde, man denke nur, zuerst im Kollektiv gedacht!

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aber mal abgesehen von mangelnder Weisheit - was wir mangelnde Klugheit nennen, das, und nur das, nennen wir Dummheit.

Und hier hat Lilla ja so recht: mangelnde Klugheit, mangelnde Solidarität, ist Rechthaberei und politisch so unklug !!

Es gibt sogar einen

https://plato.stanford.edu/entries/social-construction-naturalistic/index.html#note-8

naturalitischen Ansatz für "Soziale Konstruktion" -

also nichts, was es nicht gibt. Oh, ihr wisst gar nicht, wie mir sehr diese reduktionistischen Ansätze, neben denen Husserls, selbstverständlich, gefallen!

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Es geht Lilla in diesem Artikel nicht um die Dekonstruktion als Theorie, sondern um eine modische Dekonstruktion, gleichsam eine Vulgärvariante, wie man dies auch beim Umgang mit Marx und bei der Ideologiekritik schon kennt oder eben bei der Psychoanalyse, die ja nicht dafür gemacht wurde, das Gegenüber zu entlarven und des falschen Bewußtseins zu bezichtigen, sondern in der Kur geht es um etwas viel weitreichenderes. Lillas Kritik richtet sich also weniger gegen Derrida als gegen einen Reduktionismus in der Theorie, wo es Studenten sich bequem machen, weil sie glauben, ein Werkzeug gefunden zu haben, das sie auf jedes Gegenüber – nur nicht auf sich selbst versteht sich – anwenden können. Also genau das Gegenteil eigentlich von kritischem und dialektischem Denken.

Was die Dekonstruktion betrifft, so muß man ganz verschiedene Stränge unterscheiden. Einmal explizit Jacques Derridas Denken, eine weitere Variante ist die Yale-Dekonstruktion aus den USA und die Texttheorie von Paul de Man. Was Derridas Dekonstruktion betrifft, so gehen darin verschiedene Einflüsse und Theorien zusammen, die Derrida dann zu einer ganz eigenen Mischung von Denken verbindet – ob hier überhaupt noch der Begriff Theorie greift, wäre eine weitere Frage. Im Grunde macht Derrida einen, mit Hegel gesprochen, sich vollbringenden Skeptizismus, der Essenzialität und gesetzte Begriffe auf ihren Grund befragt. Dabei von einer Methode zu sprechen, ist problematisch, weil man, im Sinne der Selbstanwendung von Dekonstruktion natürlich auch den Begriff der Methode dekonstruieren muß. Insofern Derridas Nähe zur Literatur, wenngleich er explizit niemals dafür plädiert hat, die Gattungsgrenzen unvermittelt und undialektisch einzuziehen, wie ihm dies Habermas in „Der philosophische Diskurs der Moderne“ unterstellt.

Das Denken Derridas speist sich dabei aus zahlreichen Einflüssen: Hegel, vor allem aber Nietzsche und Freud, wie auch Husserl und Heidegger. Über all diese Philosophen schrieb Derrida zahlreiche Aufsätze. Hinzu kommt die Sprachphilosophie Wittgensteins. Man könnte, wenn Zusammenfassungen nicht um den Preis der Reduktion erkauft wären, Derrida derart paraphrasieren, daß in der abendländischen Philosophie der Text durch die Stimme und durch ein Denken der Präsenz verdrängt wurde. (Darin schwingt übrigens auch eine stark theologisch-jüdische Dimension mit. Talmud als unendliche Umschrift und Kritik wie auch Auslegung der Tora. Oder man lese Kafkas Türhütter-Parabel und das Domkapitel im Prozeß. Im Grunde finden wir hier in der Literatur angewandte Dekonstruktion. Womit wir indirekt auch noch bei der dekonstruktiven Kritik der Hermeneutik wären, die es bei Derrida ebenso gibt,) Diese Präsenz, als Präsens, als unverstellte Gegenwart, als Ousia, als Substanz und Subjectum kritisiert Derrida in seinem grundlegenden Différance-Aufsatz, den ich jedem, der sich mit Dekonstruktion beschäftigen will, dringend anrate. Darin greift er zugleich das Denken Heideggers auf und kritisiert es zugleich. Derrida ist wohl der dialektischste der poststrukturalistischen Philosophen und in diesem Sinne, auch aufgrund seiner Hermetik, der interessanteste, wie ich finde.

Derrida mit jenen Gendersensiblen und Schneeflocken in Verbindung zu bringen, ist in etwa so, als brächte man die Theorie Marxens mit Harry Tisch zusammen. Oder mit anderen Worten: es paßt nicht. Die Dekonstruktion ist keine einfache „Methode“, die man dann über etwas stülpt und es würde Derrida grausen, wenn man Begriffe wie Eurozentrismus einfach wie eine Monstranz vor sich herträgt. Denn es eben nicht so: Je öfter ich solche Begriffe gebrauche, desto kritischer werde ich. Daß etwas zum System gerinnt, ist übrigens genau das, was Derrida kritisiert. Auch bei jenen „Linken“, damals zu Lebzeiten. Die Position von Derrida ist die Ortlosigkeit, freilich nicht im Sinne einer (adornoschen) U-topie gedacht, sondern als die auf Dauer gestellte Skepsis, die sich des Hegelschen Einwandes durchaus bewußt ist. Schließlich müssen wir rückhaltlose Hegelianer sein, wie Derrida in einem dialektisch-antidialektischen Dreh es in seinem Bataille-Aufsatz formulierte.

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so far
ja, das war jetzt interessant. der seltene Fall, wo sich bei mir kein Widerspruch regt. natürlich: wie auch - denn da kenne ich mich einfach nicht aus.

Aber dennoch schnurrt das Ganze irgendwie auf Derrida zusammen. In einem Kommentar, das zu leisten, also überhaupt einmal ungefähr - um das Wort "verorten" zu vermeiden - klarzumachen, wie Derridas 'Dekonstruktion' aufzufassen ist (oder wie sie aufzufassen zu vermeiden wäre), reicht ja im Prinzip schon aus.

Der Ausblick fehlt mir aber. Nicht ohne Grund habe ich es immer, soweit möglich, vermieden, Wörter wie "Dekonstruktion" in den Mund zu nehmen, und ich verspreche, in diesem Zusammenhang, "Methode" weiterhin in Anführungszeichen zu setzen.

Für eine immanente Kritik scheint mir aber zukünftig ein hinreichend aufgeklärter Begriff von 'Dekonstruktion' erforderlich.

Meine wenigkeit hat das Getue um 'Dekonstruktion' immer nur als bestenfalls Modephänomen abgeschreckt. Für eine immanente Kritik heutiger Phänomene müssen wir aber, so scheint mir, noch genauer hinschauen. so far.

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