Sonntag, 28. August 2005
Frauen in Zügen
Neulich war ich in Berlin unterwegs, um mich mit der Frau Modeste zu treffen. In Friedrichshain stieg ich ineinen Zug der Metrotram und setzte mich auf den ersten freien Platz. Mir gegenüber saßen zwei junge Frauen, beide vielleicht 20, die ich vom Äußeren her der autonomen Szene zuordnen würde. Die Eine war eine blonde Schönheit mit endlos langen, weitgehend nackten Beinen, die in den für die vegane Szene typischen Plastikstiefeln steckten. Während diese recht entspannt wirkte, machte die Andere, rothaarig (bzw. rot gefärbt, eigentlich schwarz), in Jeansklamotten und Chucks, einen extrem aggressiven Eindruck. Sie sagte zwar nichts, blitzte mich während der Fahrt aber wiederholt mit den Augen aber an wie einen Erzfeind. Da ich keine der beiden kannte, vermutete ich, dass sie entweder kürzlich erst schwere Scheiße mit einem Mann erlebt haben dürfte, oder dass da gerade ein Feindbild durchgerattert wurde: Ich trug ein teures Markenjackett, Hawaiihemd, vergoldete Schweizer Uhr und handgenähte Markenschuhe. Ein wenig amüsiert dachte ich an das Outfit, das ich trug, als ich im Alter dieser Mädels war - Springer-Stiefel mit neongrünen Bändseln, schwarzrote Streifenjeans, ein T-Shirt, das Vermummte zeigt, die ein Kriegerdenkmal zerlegen. Irgendwo verstreut habe ich den größten Teil der Klamotten noch. Vielleicht lohnte es sich ja, sich umzukleiden und die Szene zu wiederholen. Auf die Reaktion wäre ich jedenfalls gespannt :-)

Etliche Stunden später komme ich mit der S-Bahn durch den Lehrter Bahnhof, dessen riesiges Glasdach mich etwas befremdet. Die Frau, die mit diesmal gegenübersitzt, ist vielleicht Mitte 40 und wirkt sehr spanisch. Sie erklärt, dass der Lehrter Bahnhof erste vorige Woche dieses Dach bekommen habe und fragt mich, ob ich nicht aus Berlin sei. "Nein, bin ich nicht", erwidere ich , und sie sagt "Ich auch nicht, ich bin aus Argentinien." Und sie erzählt, dass sie dort den Zusammenbruch der ganzen Ökonomie erlebt habe und daher zum Arbeiten nach Spanien emigriert sei und von da weiter nach Deutschland. Seit einem Jahtr lebe sie hier und habe festgestellt, dass es den Deutschen schlechter gehe als den Spaniern. Eine große Unruhe und Angst herrsche unter den Berlinern, genau wie in Buenos Aires vor dem großen Crash.

Später, im ICE, sitzt neben mir im Abteil dann eine deutsch-polnische Oma, die über eine halbe Stunde mit der Zugbegleiterin über die 5,5 Euro ICE-Zuschlag debattiert und der Meinung ist, sie habe den schon in Warschau gezahlt (wo es keinen ICE gibt). Nachdem sie schließlich gezahlt hat, entspinnt sich ein Gespräch über Deutschland, Polen, Preise, die Weltwirtschaft, Marx, Gott und die Welt, das die ganze Zugfahrt ausfüllt.


Der Pathologe hat schon recht: Bahnfaahn macht Laune!

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Sag ich doch :-)
Genieße das Leben in vollen Zügen.

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JAU :-)))

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Und wie!
Wo bleiben nun die interessanten Details der Unterhaltungen? Aller vier?

Das mit dem Bahnfahren muesste ich hier allerdings auch mal probieren...

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Mit den ersten Beiden habe ich mich überhaupt nicht unterhalten, die Eine hätte sicher nie mit einem Schwein wie mir geredet. Das Wesentliche der zweiten Unterhaltung habe ich doch schon geschildert. Und das Gespräch mit der Frau aus Polen - oh menno, das war so endlos lang und unstrukturiert, da wüsste ich nicht, wo ich beginnen und aufhören sollte.

Bahnfahren im Sudan ist tricky: Zumindest zu meiner Zeit war es gang und gäbe, sich nachts benötigtes Metall von den Schienen abzuflexen. Dann wartete man tagelang auf einen Bautrupp.

Aber mag sein, dass sich das verbessert hat, der Bürgerkrieg ist ja nicht mehr der Frischeste.

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