Montag, 23. April 2007
Bleiberecht mitTriage
Schon interessant, die neue Bleiberechtsregelung, wie sie von der niedersächsischen Landesregierung geplant ist: Bürgerkriegsflüchtlinge mit Duldung oder sans papiers dürfen dann ein Bleiberecht bekommen, wenn die Härtefallkommision sich dafür auspricht. Voraussetzung ist ein möglichst unbefristeter Job (Arbeitgeber wie etwa Universitäten oder Krankenhäuser vergeben im Allgemeinen grundsätzlich nur befristete Stellen). Das heißt also, dass arbeitslose, kranke und behinderte Flüchtlinge von Vornherein von der Bleiberechtsregelung ausgeschlossen sind, ihre Fälle von der Härtefallkommission gar nicht erst geprüft werden, sondern die Abschiebung erfolgt. Jung, gesund, berufstätig, das ist die Voraussetzung, um ein Bleiberecht in Deutschland zu bekommen, der Rest wird ins Elend zurückgeschickt. Damit folgt die Anerkennungspraxis den gleichen Regeln wie die Selektion an der Rampe von Auschwitz. Abschiebung ist die Entsorgung überflüssiger Esser.

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Ein Traum
Ich träumte, ich wäre auf einer Landstraße mit dem Auto unterwegs, die immer schmaler wurde, so dass ich den Wagen schließlich stehen ließ und zu Fuß weiterging. Schließlich hörte der Weg aber auf, Weg zu sein und wandelte sich zu einem Klettersteig. Da wurde mir Eines klar: Es ist wieder an der Zeit!



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Distinktionslinke
Rebellische politische Bewegungen hatten zu jeder Zeit den Anspruch und die Gewohnheit, ihre Haltung durch einen besonderen Habitus oder das Tragen spezieller Kleidung zum Ausdruck zu bringen, die Beinkleider der Sansculotten gehören da ebenso zu wie die Barttracht von Marx, Engels und Bakunin, und das besondere der 68er Revolte war das Zusammenfallen politischer Insurgenz mit einer kompletten Umwälzung von Hörgewohnheiten, akzeptierten Verhaltensmustern, Mode und Alltagskultur im Rahmen der popkulturellen Revolution. Seither ist in der westlichen Welt, und in besonderer Weise noch einmal in Westdeutschland, die Linke auf vielfältige Weise mit Subkulturen vorwiegend junger Menschen verbunden gewesen, oft so weit, dass auf den ersten Blick an der Kleidung erkennbar war, ob jemand sich als links definiert. Als ich anfing, mich in der radikalen Linken zu engagieren, war das übliche Outfit auf Demos, das häufig, aber auch nicht immer in der „normalen“ Freizeit getragen wurde (die „Berufskleidung der Anarchisten“, wie ein Mitbewohner das damals sarkastisch nannte) gerade am Umkipen von NATO-Parka oder Friesennerz auf Motorradlederjacken, die zusammen mit der Hassi oder den damals noch weit verbreiteten schwarzen Helmen dem Schwarzen Block seinen Namen gaben. Diverse Modewechsel sollten folgen, die oft, wenn auch nicht allzu eng, auch mit Veränderungen im politischen Bewusstsein einhergingen, so trugen zeitweise etwa sich sehr stark als antipatriarchal definierende, zumeist in Männergruppen aktive Männer weite Schlabberhosen, Dreadlocks wurden als linke Gegenbewegung zu Skinheadglatzen modern, nachdem die langen Haarmähnen, die in den 1970ern noch das Bild der linksradikalen Männer dominiert hatten, schon lange out waren und sich inzwischen fast nur noch bei Bikern und Headbangern fanden. Jede Generation hat natürlich ihr Recht auf das Ausprobieren der eigenen Lebensentwürfe, und dazu gehört Distinktion durch Kleidung. Seit 1990 und vor allem während des letzten Jahrzehnts hat sich diese Entwicklung allerdings verschärft, und man hat den Eindruck, dass die westdeutsche linke Szene oder was davon noch da ist sich umso mehr um Symbole herum gruppiert, je weiter sie von der Beeinflussung realer gesellschaftlicher Prozesse entfernt ist. So scheint es fast so zu sein, dass die Zusammensetzung der ersten Reihen eines Demo-Blocks heute weniger davon abhängt, wie erfahren, tough und zuverlässig die Leute sind, sondern primär dadurch, wie hip ihr äußeres Erscheinungsbild ist. Ohne Ray- Ban- oder Matrix-Sonnenbrillen, Carhartt-Klamotten, schwarze englische Wachsjacken, Outdoorkleidung von teuren Markenherstellern wie The North Face oder die auch bei Türkengangs beliebten Helly-Hansen-Daunenjacken kommt kaum noch eine Demospitze aus. Damit wird etwas sichtbar, das ich als Dialektik der Popkultur bezeichnen möchte. War die Popkultur aus der autonomen Revolte einer rebellischen Jugend gegen nahezu sämtliche politische, ästhetische und lebenspraktische Wertvorstellungen des Establishments hervorgegangen, aber sehr schnell kommerzialisiert und damit in das System integriert worden, greift diese kommerzielle Popkultur, die längst eine Industrie geworden ist, jetzt nach denen, die sich heute als junge Rebellen definieren. Wenn man sich vor Augen hält, dass es noch in den 1980ern in der linken Szene eine durchaus verbreitete Haltung war, Kleidung im Second-Hand-Laden nach Gewicht zu kaufen (Kilo 10 Mark), um so die Verachtung für die Konsumgesellschaft zum Ausdruck zu bringen, so ist das in der Tat ein epochaler Wandel. Dabei ist auch zu beachten, dass es eine Poplinke gibt, die getrennt der politischen Bewegungslinken existiert, bis hin zu mit linker symbolik kokettierenden Musikbands oder Künstlerkreisen. Parallel dazu ist zu beobachten, dass die politischen Inhalte ebenfalls einem modischen Wandel unterliegen. Wurden die Diskussionsstränge von Marxisten, Anarchos, Feministinnen, Ökos, Antiimperialisten, Anhängern der Kritischen Theorie oder des französischen Spät- und Poststrukturalismus in Kontinuitäten über Jahrzehnte geführt, tauchten in den letzten 15-20 Jahren mit den Generationswechseln von Szene-Neuzugängen geradezu schubweise neue politische Sichtweisen und Weltbilder auf, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie in keiner unmittelbaren Kontinuitätslinie zu den oben beschriebenen „großen Erzählungen“ der Linken stehen und sich auch nicht primär aus einer internen Kritik an diesen herleiten lassen. PC-Linke, Vegane, ein Großteil der Antideutschen, die modischen Poplinken, sie alle knüpfen weder an soziale Kämpfe in diesem Lande noch an revolutionäre Bewegungen im Trikont an, sie alle sind um Abgrenzung von Anderen bemüht (eigentlich sollte wohl Solidarität mit allen Unterdrückten und Ausgebeuteten principum movens jeder linken Grundhaltung sein, ein Linker, der Prolls verachtet, steht damit außerhalb der Linken, wenn auch der frühere Proletkult der MLer nicht minder lächerlich wirkte) und sie alle definieren sich in höchstem Maße über subkulturelle Codes. Vielleicht müsste noch das Vorhandensein einer repressiven Moral und einer ausgeprägten Freund-Feind-Sichtweise dazugerechnet werden, aber das haben sie zumindest teilweise mit älteren linken Strömungen gemeinsam. Nun unterliegen auch linke Bewegungen, gerade wenn die in ihnen Aktiven überwiegend sehr junge Menschen sind, soziografischen Wandlungsprozessen. Die alte autonome Szene, in die ich Anfang der 1980er hineinwuchs, bestand fast fifty-fifty aus Studis und sozial Prekären, viele aus dem AHi- und Sozi-Bereich; umgekehrt waren von den studentischen Linken mehr Leute aus Arbeiterfamilien bei den Autonomen engagiert als bei anderen Gruppierungen (das DKP-MSB-Millieu nehme ich aus dieser Betrachtung heraus). Heutzutage haben wir es mit einer praktisch rein bürgerlichen Mittelschichts- Bewegung zu tun mit einem hohen Anteil von Lehrer-Professoren- und Pastorenkindern unter den Opinionleaders. Und dann stellt sich allerdings die Frage, ob die politischen Inhalte und die mit ihnen verbundene Zeitgeist-Mode denn nichts Anderes sind als Adoleszenz-Verhaltensmuster plus soziale Distinktionen in dem Sinne, wie Bourdieu sie in „Die feinen Unterschiede“ beschreibt: Die sprachlichen und soziokulturellen Hierachiereproduktionen einer gesellschaftlichen Elite. Linkssein als Jugendtripp von Leuten, die ihr Rückfahrtticket in die bürgerliche Gesellschaft in der Tasche haben und fest entschlossen sind, es auch einzulösen. Es würde erklären, wieso ein Großteil der deutschen Junglinken sich wenig für soziale Brennpunkte interessiert und wieso aus der Neuen Linken in Deutschland, anders als z.B. in Spanien, Portugal oder Griechenland, nie eine direkt mit Kämpfen des Proletariats oder der Unterschichten verbundene Massenbewegung hervorgegangen ist.

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Der Traum von Fatsa
Das war die Geschichte von Arbeiterselbstverwaltung in einem Schwellenstaat, die Geschichte eines kleinen Schneiders, der seinen politischen Traum verwirklichen und zum Sprachrohr der einfachen Leute werden wollte, die Geschichte einer direkten Demokratie, die von untern organisiert wurde und eines basisdemokratischen Sozialismus auf Kleinstadtebene. Die Mächtigen reagierten darauf, wie sie normalerweise darauf reagieren: Mit Waffengewalt. Der Putsch der Generäle veränderte dann die politischen Determinanten des Landes dermaßen, dass jeder soziale Kampf heutzutage hinter das Niveau von Fatsa zurückfällt. Die Linke veränderte sich besonders verhängnisvoll, die basisdemokratische, multiethnische Devrimci Yol zerfiel in eine Anzahl marxistisch-leninistischer und stalinistischer Splitterparteien, zu denen auch die PKK gehörte. Für mich gehörte Fatsa zu den Leitsternen meine Jugend, als ich gerade anfing, politischer Aktivist zu werden. Und so bleibt Fatsa für mich für immer unvergessen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstverwaltung_in_Fatsa

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Vom Elend des globalisierten Kaptalismus, menschlicher Würde und Widerstand im Alltag
fand ich etwas wunderschönes bei einer alten Freundin:
http://avi.antville.org/stories/1615307

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