Sonntag, 22. April 2007
Distinktionslinke
Rebellische politische Bewegungen hatten zu jeder Zeit den Anspruch und die Gewohnheit, ihre Haltung durch einen besonderen Habitus oder das Tragen spezieller Kleidung zum Ausdruck zu bringen, die Beinkleider der Sansculotten gehören da ebenso zu wie die Barttracht von Marx, Engels und Bakunin, und das besondere der 68er Revolte war das Zusammenfallen politischer Insurgenz mit einer kompletten Umwälzung von Hörgewohnheiten, akzeptierten Verhaltensmustern, Mode und Alltagskultur im Rahmen der popkulturellen Revolution. Seither ist in der westlichen Welt, und in besonderer Weise noch einmal in Westdeutschland, die Linke auf vielfältige Weise mit Subkulturen vorwiegend junger Menschen verbunden gewesen, oft so weit, dass auf den ersten Blick an der Kleidung erkennbar war, ob jemand sich als links definiert. Als ich anfing, mich in der radikalen Linken zu engagieren, war das übliche Outfit auf Demos, das häufig, aber auch nicht immer in der „normalen“ Freizeit getragen wurde (die „Berufskleidung der Anarchisten“, wie ein Mitbewohner das damals sarkastisch nannte) gerade am Umkipen von NATO-Parka oder Friesennerz auf Motorradlederjacken, die zusammen mit der Hassi oder den damals noch weit verbreiteten schwarzen Helmen dem Schwarzen Block seinen Namen gaben. Diverse Modewechsel sollten folgen, die oft, wenn auch nicht allzu eng, auch mit Veränderungen im politischen Bewusstsein einhergingen, so trugen zeitweise etwa sich sehr stark als antipatriarchal definierende, zumeist in Männergruppen aktive Männer weite Schlabberhosen, Dreadlocks wurden als linke Gegenbewegung zu Skinheadglatzen modern, nachdem die langen Haarmähnen, die in den 1970ern noch das Bild der linksradikalen Männer dominiert hatten, schon lange out waren und sich inzwischen fast nur noch bei Bikern und Headbangern fanden. Jede Generation hat natürlich ihr Recht auf das Ausprobieren der eigenen Lebensentwürfe, und dazu gehört Distinktion durch Kleidung. Seit 1990 und vor allem während des letzten Jahrzehnts hat sich diese Entwicklung allerdings verschärft, und man hat den Eindruck, dass die westdeutsche linke Szene oder was davon noch da ist sich umso mehr um Symbole herum gruppiert, je weiter sie von der Beeinflussung realer gesellschaftlicher Prozesse entfernt ist. So scheint es fast so zu sein, dass die Zusammensetzung der ersten Reihen eines Demo-Blocks heute weniger davon abhängt, wie erfahren, tough und zuverlässig die Leute sind, sondern primär dadurch, wie hip ihr äußeres Erscheinungsbild ist. Ohne Ray- Ban- oder Matrix-Sonnenbrillen, Carhartt-Klamotten, schwarze englische Wachsjacken, Outdoorkleidung von teuren Markenherstellern wie The North Face oder die auch bei Türkengangs beliebten Helly-Hansen-Daunenjacken kommt kaum noch eine Demospitze aus. Damit wird etwas sichtbar, das ich als Dialektik der Popkultur bezeichnen möchte. War die Popkultur aus der autonomen Revolte einer rebellischen Jugend gegen nahezu sämtliche politische, ästhetische und lebenspraktische Wertvorstellungen des Establishments hervorgegangen, aber sehr schnell kommerzialisiert und damit in das System integriert worden, greift diese kommerzielle Popkultur, die längst eine Industrie geworden ist, jetzt nach denen, die sich heute als junge Rebellen definieren. Wenn man sich vor Augen hält, dass es noch in den 1980ern in der linken Szene eine durchaus verbreitete Haltung war, Kleidung im Second-Hand-Laden nach Gewicht zu kaufen (Kilo 10 Mark), um so die Verachtung für die Konsumgesellschaft zum Ausdruck zu bringen, so ist das in der Tat ein epochaler Wandel. Dabei ist auch zu beachten, dass es eine Poplinke gibt, die getrennt der politischen Bewegungslinken existiert, bis hin zu mit linker symbolik kokettierenden Musikbands oder Künstlerkreisen. Parallel dazu ist zu beobachten, dass die politischen Inhalte ebenfalls einem modischen Wandel unterliegen. Wurden die Diskussionsstränge von Marxisten, Anarchos, Feministinnen, Ökos, Antiimperialisten, Anhängern der Kritischen Theorie oder des französischen Spät- und Poststrukturalismus in Kontinuitäten über Jahrzehnte geführt, tauchten in den letzten 15-20 Jahren mit den Generationswechseln von Szene-Neuzugängen geradezu schubweise neue politische Sichtweisen und Weltbilder auf, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie in keiner unmittelbaren Kontinuitätslinie zu den oben beschriebenen „großen Erzählungen“ der Linken stehen und sich auch nicht primär aus einer internen Kritik an diesen herleiten lassen. PC-Linke, Vegane, ein Großteil der Antideutschen, die modischen Poplinken, sie alle knüpfen weder an soziale Kämpfe in diesem Lande noch an revolutionäre Bewegungen im Trikont an, sie alle sind um Abgrenzung von Anderen bemüht (eigentlich sollte wohl Solidarität mit allen Unterdrückten und Ausgebeuteten principum movens jeder linken Grundhaltung sein, ein Linker, der Prolls verachtet, steht damit außerhalb der Linken, wenn auch der frühere Proletkult der MLer nicht minder lächerlich wirkte) und sie alle definieren sich in höchstem Maße über subkulturelle Codes. Vielleicht müsste noch das Vorhandensein einer repressiven Moral und einer ausgeprägten Freund-Feind-Sichtweise dazugerechnet werden, aber das haben sie zumindest teilweise mit älteren linken Strömungen gemeinsam. Nun unterliegen auch linke Bewegungen, gerade wenn die in ihnen Aktiven überwiegend sehr junge Menschen sind, soziografischen Wandlungsprozessen. Die alte autonome Szene, in die ich Anfang der 1980er hineinwuchs, bestand fast fifty-fifty aus Studis und sozial Prekären, viele aus dem AHi- und Sozi-Bereich; umgekehrt waren von den studentischen Linken mehr Leute aus Arbeiterfamilien bei den Autonomen engagiert als bei anderen Gruppierungen (das DKP-MSB-Millieu nehme ich aus dieser Betrachtung heraus). Heutzutage haben wir es mit einer praktisch rein bürgerlichen Mittelschichts- Bewegung zu tun mit einem hohen Anteil von Lehrer-Professoren- und Pastorenkindern unter den Opinionleaders. Und dann stellt sich allerdings die Frage, ob die politischen Inhalte und die mit ihnen verbundene Zeitgeist-Mode denn nichts Anderes sind als Adoleszenz-Verhaltensmuster plus soziale Distinktionen in dem Sinne, wie Bourdieu sie in „Die feinen Unterschiede“ beschreibt: Die sprachlichen und soziokulturellen Hierachiereproduktionen einer gesellschaftlichen Elite. Linkssein als Jugendtripp von Leuten, die ihr Rückfahrtticket in die bürgerliche Gesellschaft in der Tasche haben und fest entschlossen sind, es auch einzulösen. Es würde erklären, wieso ein Großteil der deutschen Junglinken sich wenig für soziale Brennpunkte interessiert und wieso aus der Neuen Linken in Deutschland, anders als z.B. in Spanien, Portugal oder Griechenland, nie eine direkt mit Kämpfen des Proletariats oder der Unterschichten verbundene Massenbewegung hervorgegangen ist.

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Die Kommerzialisierung der Linken? ;)

Ich denke, dass es in einem solchen Klima relativ schwer sein dürfte, zu ernsthafen politischen Diskussionen oder gar politischer Basisarbeit zu gelangen; wenn man schon davon ausgehen muss, dass der Großteil der Mitstreiter sich nur noch mal austoben will, bevor er in der Sparkasse verschwindet... Hm.

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Ein bißchen mehr als nur Austoben ist das schon. Schließlich funktionieren ja auch die Netzwerke der Alten KB- und BWK-Genossen genauso gut als Karriereleitern wie die der alten Herren, und es gibt auch schon autonome Seilschaften in Werbeagenturen und Punk-Connections in der Kunstszene.

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Ich bewege mich eher oberflächlich in verschiedenen jungen, linken Kreisen und kann deiner Analyse zustimmen. Besonders der Begriff Poplinke gefällt mir sehr, viel wichtiger ist aber wohl, dass sie alle tatsächlich das Rückfahrticket in die bürgerliche Gesellschaft im Geldsackel haben wollen.

Trotzdem stellt sich mir vor allem die Frage nach den Gründen und die kann ich nur in den ökonomischen Bedingungen sehen. Damals, so wurde es zumindest kommuniziert, waren die wirtschaftlichen Bedingungen so, dass Aussteigen eher möglich war. Wie wir heute ja sehen, ist der Ausstieg von den meisten ja auch rückgängig gemacht worden und sie sitzen in bürgerlichen Positionen. Steige ich aber heute konsequent aus, gibt es keine Rückkehr mehr bzw. wird es so kommuniziert. Und diese Angst, zumal gepaart mit dem Wissen von den Poplinken, die irgendwann keinen Halt mehr in den ohne hin schon kleinen und wenigen Gruppen bieten, sorgt dafür, dass das Rückfahrticket bereit gehalten wird.

Die Frage, die sich mir darüber hinaus stellt, ist allerdings, ob nicht auch schon damals die Poplinken dominat waren. Sehen wir doch nur die 68er. Wo waren sehr viele ein paar Jahre später, nachdem das ganze nicht mehr hip war?

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68 links gewesen sein erscheint vor allem im Nachhinein hip. Damals, auch noch 77 oder 81 konnte konsequent für linke Ziele eintreten lebensgefährlich sein. Sehr viele Schüler und Lehrlinge mochten die linken Studis als Vorbilder betrachteten, Otto Normal sagte denen "Ihr seid nicht unsere Kinder, Ihr gehört ins Lager." Noch 1981 empfahl die BZ angesichts der Kreuzberger Hausbesetzungen der Berliner Polizei: "Nehmt doch einfach ne MPi!" Der Anpassungsprozess der 68er vollzog sich langsam, schleichend, über Jahrzehnte, während es heute eher "switch" macht, wenn jemand den ersten Job mit Festanstellung antritt. Und es lebt zwar die Mehrheit der 68er heute in bürgerlicher Sicherheit, aber doch auch nicht alle. Neben RAF und 2.Juni gehört auch die erste Generation der Drogentoten dazu und die Hippies, die bis heute in den Höhlen von Matala oder in Ashrams in Poona leben. Was Du zu den ökonomischen Bedingungen schreibst ist einerseits richtig, andererseits kurzsichtig. In der Alternativökonomie (Biobauern, Fahrradwerkstätten, Kulturzentren usw.), aber auch der Software- und Agenturbranche wurden primär aus dem Willen, unentfremdet zu arbeiten, aber gerade auch wegen der Berufsverbote Altlinke zu Gründern. Etwas mehr Mut steht allen gut zu Gesicht!

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Sach mal, kann's nicht sein, daß Du hier in Abgrenzung zur "Poplinken" (finde den Begriff auch nicht wirklich, na, so und in dieser Form analytisch brauchbar, Diedrichsen ist ja auch 'n "Poplinker" gewesen) selber Distinktionsgewinnmaximierung betreibst?

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Nö.

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Die Alternativen zum herrschenden ökonomischen Zwang mögen zwar existieren, sind von der junglinken Gegenwart eher weit entfernt, zumindest hier erlebe -- und dieses Erleben ist wichig, weil es sonst eine Idee bleibt, auf der niemand seine Zukunft aufbauen will -- ich davon nichts. Warum? Weil es eine unglaublich starke rechte Hegemonie gibt, die vor allem durch die Ökonomisierung bis tief in die Kinderzimmer Einzug gehalten hat und ihre Denkmuster dort reproduziert. Im Übrigen finde ich, dass diese Kurzsichtigigkeit auch sehr gut zu Poplinken passt.

Die Frage ist natürlich, wie das zum Beispiel 68 war. Du hast schon Recht, dass ich das ganze verkläre und wenig Wissen davon habe. Ich war aber nicht dabei und habe auch keine Ahnung wo ich dazu echte, gute Informationen finde; 68er-LehrerInnen oder so sind da recht unzureichend, Augenzeugen sind ja fast die schlechteste Quelle... und in vielen bürgerlichen Geschichtsbüchern, so mein Eindruck, wird das Thema ausgespart.

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Lesenswert: Che, Shah, Shit und Klammheimlich und Freunde aus der Edition Elefantenpress, Heißer Sommer von Uwe Timm und Bernd Cailloux - Das Geschäftsjahr 1968/69.

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aus
welchen direkten und längerfristigen aktionen besteht eigentlich das tun der linken noch?
ich habe den eindruck, man ist mehr damit beschäftigt wie die eigene struktur zu sein hat, das sich darstellen der linken an sich, pflegen und hegen der antifaschistischen einstellung usw. usw. usw....
also mehr beschäftigung mit dem eigenen erscheinungsbild und was charakteristisch für die linke sein sollte als beschäftigung mit direkter und praktischer gesellschaftkritik...

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Das Tun der Linken... Es gibt nicht DIE Linke. Was es gibt sind Parteilinke, Theorielinke und Bewegungslinke und alle möglichen Übergänge. Viele sind in BIs aktiv, solche Protestbewegungen wie Stuttgart 21 gibt es anderswo auch, und regional sind die oft dezidiert links, aktive Antifa-Gruppen, die Gegendemos gegen Naziaufmärsche veranstalten, Gedenkstättenarbeit machen und auf den Schulhöfen und in Betrieben Aufklärungsarbeit gegen Neonazis, die Anti-AKW-Bewegung und schließlich den Bereich, wo ich herkomme: Solidarität mit Flüchtlingen und Asylsuchenden, das geht bis hin zu von Abschiebungen Bedrohte zu verstecken oder ehrenamtlicher Sozialarbeit.

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zunächst
vielen dank für deinen comment...
wie ich, wenn nicht falsch, gelesen habe studiertest du philosophie...
mich würde (und ich hoffe dich mit dieser frage, die sehr allgemein gehalten ist nicht zu nerven) interessieren, in welchem maß diese an deiner meinungsbildung beteiligt ist..
daß die grenzen, wo fängt philosophie an und wo hört sie auf und die definition derselbigen sehr unterschiedlich ausfallen können ist mir klar...

ps. daß es 'die linke' nicht gibt ist mir klar, vielleicht habe ich versäumt etwas zu differenzieren, was ich mit diesem begriff, mit dieser bezeichnung verbinde

lg

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Nein, ich habe keine Philosophie studiert, sondern Geschichte, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaften. Meine politische Meinung formte sich unter den Bedingungen politischer Auseinandersetzungen (ursprünglich mal die Antinachrüstungs-Friedensbewegung der späten Siebziger und die gleichzeitige Anti-AKW-Bewegung, immer die Auseinandersetzung mit Rassismus und Fremdenfeidlichkeit), durch die Lektüre bestimmter AutorInnen (Erich Fromm, Alexander und Margarethe Mitscherlich, Wilhelm Reich, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Emma Goldman, Michail Bakunin, Peter Kropotkin, Pierre Bourdieu und Jean Baudrillard viel später erst Marx und Engels und Luxemburg, noch später Michel Foucault sowie Bertrand Russell und Michael Walzer und durch die Debatten, die in linken Zuxsammenhängen über die Werke dieser AutorInnen geführt wurden.

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