Donnerstag, 16. Juli 2020
Riskanter Fokus auf Corona-Impfung: Erfolge, Hürden und warum der Schutz gegen Influenza, Pneumokokken & Co. wichtig ist 
Original bei Medscape


Derzeit befinden sich laut „COVID-19 Vaccine Tracker“ 194 Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 in der Entwicklung und 17 in der klinischen Testung und die ersten ermutigenden Ergebnisse von Phase 1 Studien werden veröffentlicht (siehe Kasten unten).

Beim Online-Webinar „Hoffnungsträger Impfen: Chancen nutzen“ der WISA S.E. Consulting GmbH berichteten Experten über Herausforderungen bei der Impfstoffentwicklung. Sie warnten aber auch, sich auf das neuartige Coronavirus zu fokussieren und andere Infektionserkrankungen, etwa Influenza oder Pneumokokken, zu vernachlässigen .

SARS-COV-2 hat die Sichtweise auf Impfungen verändert
Prof. Dr. Markus Rose, Ärztlicher Leiter des Bereichs Pädiatrische Pneumologie und Allergologie am Klinikum Stuttgart ging der Frage nach, ob man in SARS-CoV-2-Zeiten wieder mehr Indikationsimpfungen benötige. Darunter versteht man bekanntlich Impfungen für bestimmte Personengruppen. Doch welche möglichen Zielgruppen gibt es?

Quarantänemaßnahmen und Lockdowns hätten laut Rose zu einem „Paradigmenwechsel in der Gesellschaft“ geführt: „Vor wenigen Monaten wurde noch gestritten, ob wir für Teile der Bevölkerung eine Masern-Impfpflicht wollen oder ob das ein zu starker Eingriff in die Freiheit mancher Mitbürger wäre.“ Jetzt würde der Wunsch nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 immer lauter, um einen Weg zurück in die Normalität zu finden. „Rund 9.000 Tote durch SARS-CoV-2 haben die Gesellschaft massiv verändert“, resümiert der Experte.

„Unabhängig von Corona gibt es immer mehr Menschen mit einer Abwehrschwäche, etwa aufgrund eines angeborenen Immundefekts, einer HIV-Infektion oder einer Immunsuppression“, weiß Rose. Bei ihnen sei das Pneumonie-Risiko 4 Mal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. „Diese Patienten müssen auch gut versorgt werden“, sagt Rose. Sie seien wichtige Zielgruppen für Indikationsimpfungen.

Gleichzeitig betont der Pädiater: „Seit Anfang der Pandemie wissen wir, dass wir medizinisch keine Probleme mit Kindern haben.“ Insgesamt mussten nur 180 behandelt werden. „Die Isolation schädigt sie mehr, als sie davon als Schutzmaßnahme profitieren würden.“

Die Hürden auf dem Weg zum SARS-CoV-2-Impfstoff
Mittelfristig würden Milliarden an Dosen benötigt, so Dr. Jens Vollmar. Er ist Head Therapeutic Area Vaccines, GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG. Vom Modell der natürlichen Herdenimmunität hält er nichts; dies würde mehrere Jahre dauern, bis man Effekte sehe.


Doch die Impfstoff-Entwicklung schreitet voran. „Normalerweise liegt die Entwicklungszeit bei 10 Jahren; wir wollen auf 1,5 Jahre kommen“, sagt Vollmar. „Das ist eine extreme Herkules-Aufgabe, aber dennoch realistisch, weil viele Forscher daran arbeiten und es viele Kooperationen gibt.“

Neben der Forschung selbst nennt der Experte Herausforderungen bei der Herstellung. Denn ab der Phase 3 soll jede Vakzin-Dosis aus der Produktionsanlage kommen, und nicht mehr aus dem Labor. Das heißt, Produktion und klinische Entwicklung laufen parallel.

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