Montag, 21. November 2011
Eine Geschichte vom überwundenen Trauma
Es ist etliche Jahre her, da knallte ich mit meinem damaligen flotten Sportwagen, von einem fahrerflüchtenden Fahrzeug abgedrängt mit 160 in eine Leitplanke, drei andere Fahrzeuge auf mich drauf. Ich stieg aus meinem Fahrzeugwrack aus und fühlte mich unter dem Eindruck meines allgemeinen Adrenalin- Dopamin- und Endorphinrausches subjektiv gesund. So sagte ich dann auch zu den Sanis im Rettungswagen, den ich per Handy verständigt hatte, mir fehle nichts, sie sollten sich um die Anderen kümmern - was sie dann auch taten. Ich machte im Streifenwagen meine Aussage, bestellte eine Abschleppbühne, verschrottete mein Auto - bei dessen Anblick ich weinte, dieser tolle Sportwagen mit Ledersitzen und edlem Design - nahm mir einen Leihwagen und fuhr nach Hause.

Erst viel später stellte ich fest, dass da was nicht stimmte. Ich hatte mir bis dahin unbekannte Schmerzen und war in meiner Beweglichkeit eingeschränkt. Meine liebe Mutter, die instinktiv wusste, was da nicht stimmte, schickte mir zum Trost meine beiden alten Teddys aus der Kindheit.

Ich ließ mir einen Termin beim Chirurgen geben, aber dazu kam es nicht mehr. Auf offener Straße brach ich zusammen und hatte dann einen ausgekugelten Arm. Ich bestellte mit dem Handy einen Rettungswagen und ließ mich saudummerweise stehend - nicht liegend - ins Klinikum einliefern. Da wartete ich dann vier Stunden in der Notaufnahme vor Schmerzen brüllend auf die OP. Die Aufsichtsfrau meinte, ich sollte leiser schreien, mein Gebrüll verunsichere die Kinder. Leute, die sich das Knie aufgeschlagen hatten wurden vor mir rangenommen, weil sie vor mir eingetroffen waren, eine alte Frau, die sehr schwer verletzt war und bei der ich fürchtete, dass sie sterben könnte wartete hinter mir. Neben mir unterhielt sich eine Kurdin mit ihrem ebenfalls schwer verletzten Sohn auf Kurdisch und ich fragte sie, ob sie Sorani oder Kirmanschih sprechen würde, sie erwiderte: „Sorani! Woher kennen sie diese Unterschiede, und wieso kennt ein Deutscher Kurdisch?“, und ich erläuterte ihr meine eigene Kurdistan-Solidaritätsgeschichte, bis ich vor Schmerzen nicht mehr sprechen konnte.


Als ich endlich in den OP kam wurde ich gefragt, ob man mir den Arm sofort ohne Betäubung einrenken solle, und ich sagte, am ganzen Körper zitternd, nee, gebt mir erstmal eine Spritze Ketanest. Sehr viel später wachte ich auf, zwei Zivis brachten mich vom OP auf die Intensivstation, und als ich denen erzählte, ich sei ein Bergsteiger und Klettersteiggeher meinte Einer, das könnte ich nie wieder machen.


Von der Intensiv auf die Normal gebracht erfuhr ich dann, dass ich einen vierfachen Trümmerbruch und anderthalb Liter Blut verloren hatte. Auf der Normalstation war ich der schwerstverletzte Patient, aber jammern taten Andere. Ich glaube, dass meine Verachtung für die Jammerlappen meinen Heilungsprozess wesentlich voranbrachte. Und dabei meinte telefonisch mein damaliger Chef, ich sei ja stimmlich und vom rechten Arm her nicht beeinträchtigt, da könne ich vom Krankenbett ja telefontechnisch arbeiten. Da steckten noch zwei Schläuche in mir drin. Es folgten weitere OPs, mir wurden eine Titanplatte und ein Knochentransplantat eingebaut, das von meinem Körper abgestoßen wurde. Die Schrauben, mit denen die Platte befestigt war schabten schmerzhaft in meiner Gelenkpfanne. Schließlich war es so weit, dass ich eine Totalprothese bekommen sollte. Ich fragte meinen Chefoperateur, ob ich damit noch klettern könnte, und er meinte, das wäre völlig unmöglich. Da erwiderte ich, dass es dann gut wäre, wenn ich aus der Narkose nicht wieder aufwachte, Klettern sei mein Lebensinhalt. Man setzte mir keine Prothese ein, sondern entfernte nur das implantierte Material. Ein halbes Jahr nach dieser OP war ich bei der öffentlichen Erstbegehung eines neuen Klettersteigs in den Alpen dabei. Ein Jahr nach der OP sagte mein Chirurg: „Wir operieren keine Befunde, keine interessanten Fälle und keine Diagnosen, wir operieren Menschen mit Interessen und Bedürfnissen."


Inzwischen hat sich, nach jahrelangem hartem Training und guter Physiotherapie, meine Schulter weitgehend selbst repariert, mein Röntgenbild war als medizinisches Wunder auf diversen Orthopädenkongressen, mein Arzt, der sich an einer Prothese eine goldene Nase verdienen könnte, verschreibt mir bis zum Lebensende Physiotherapie, und ich bin Sportkletterer. So geht es auch.


Das möchte ich als Sieg bezeichnen. Und bin da sehr stolz auf mich.

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Zurecht (ich erinnere mich noch vage an das Drama). Toll, dass Du wieder fit bist.

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Ja, allerdings, es zeigt auch, wozu Willenskraft so in der Lage ist. Und gibt meinem Selbstwertgefühl einen ungeheuren Auftrieb.

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I get knocked down
But I get up again
You're never going to keep me down!

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Hi!

Was ich nicht so ganz verstehe, was ist da eigentlich genau passiert? Wenn ich es richtig rate, hattest du nach dem Unfall einen komplizierten Bruch im Oberarm bzw. dem Schultergelenk, den du wg. Schock und den diversen Andrenalinen (usw.) nicht gespürt hast.

Der Bruch verschlimmerte sich dann in den Stunden, Tagen und Wochen danach, und irgendwann fiel dir sozusagen das voreilig belastete und nicht rechtzeitig als gebrochen diagnostizierte Schultergelenk auseinander. Mit entsprechenden OPs hinterher.

So in etwa?


(ganz schöne Scheiße sowas - und dann in der Tat ein halbes Wunder und unfassbar viel Willenskraft, denn das Gelenk wird die ersten Monate nach Entnahme der Schraube ziemlich "ordentlich" weh getan haben)

Andererseits, was Schmerzen betrifft, kann ich da wohl mithalten - bei mir ist es jedenfalls so, dass ich höllisch schlimme Schmerzen aushalten kann, bei denen andere bereits zentimeterdick unter Morphium gesetzt werden - und ich "gewöhne" mich dann daran: Auf diese Weise konnte ich bei einer großflächigen Verbrennung völlig (!) schmerzmittelfrei die Verbrennung (einige Monate lang...) im Krankenhaus auskurieren - und das endete mit einem von Medizinern nicht für möglich gehaltenen positiven Resultat, unter anderem, dass meine Hände nicht verkrüppelten, wie es mir angekündigt war - das hatte allerdings noch einen Haufen anderer Gründe, und das bereitwillige Ertragen von Schmerz bei der Physiotherapie gehörte dazu.

Nur, ich bin niemals zum Anschauungsmaterial bei Medizinerkongressen geworden. War vielleicht doch nicht so spannend. Für mich aber schon....

Was ich aber völlig bei dir bewundere, das ist diese eiserne Energie am Berg, und auch das Ertragen von einem eben nicht-kontinuierlichem Schmerz. Kontinuierlicher Schmerz lässt sich mental wegdämmen (bei mir geht das), aber diskontinuierlicher Schmerz, den du ja auch gezielt in Kauf genommen hast, um trainieren zu können, das ist noch einmal eine ganz andere Ebene.

Heftig.

Gutes Heilfleisch scheinst du auch zu haben.
:D

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Ich weiß das nicht so genau, vermute aber, dass beim Unfall selber nur Fissuren, d.h. Risse im Submillimeterbereich am Oberarmkopf aufgetreten sind und der eigentliche Bruch erst nach dem Sturz. Oder noch später - der Funkverkehr der Sanitäter wusste davon zu berichten, dass bei meiner ersten OP etwas schiefgegangen sei. Kann ja ein Kunstfehler beim Einkugeln gewesen sein. Jedenfalls kam der Bericht über die Not-OP nicht von den ÄrztInnen, die mich notfallmäßig versorgt haben, als ich noch bei Sinnen war, sondern vom Chefarzt.

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Ächz!

Das ergibt Sinn, imho. So eine Schultergelenkseinrenkung, wenn sie nicht mit einer besonderen (ziemlich schwierigen) Technik und bei vollem Bewusstsein gemacht wird, ist ein irrsinnig belastender Vorgang für das Gelenk. Tja, wenn da ein schlecht verheilter komplexer Bruch bzw. entsprechende Fissuren vorhanden sind, dann bricht das Gelenk.

Aber, hat man denn nicht vor dem Einrenken eine Röntgenaufnahme gemacht?? Ich mein, das ist nun wirklich Stand der Medizin - zumal in Verbindung mit dem vorherigen Unfall, und dauert kaum 3 Minuten, wenn das Krankenhaus fähig organisiert ist (d.h. kleines ergänzendes Röntgenstudio direkt neben den OP-Räumen u.ä.).

Außerdem verstehe ich nicht so recht, warum das Gelenk überhaupt ausgerenkt ist. Sportunfall? Aber das hättest du dann geschrieben. Und einfach "so", das ist ja nun wirklich sehr selten, zumal bei einem Sportkletterer, bei dem die Muskulatur rund um das Schultergelenk sehr fest und fast undurchdringbar ist.

Das könnte übrigens auch das Problem beim Einrenken gewesen sein. Wenn da nicht der absolute Superprofi von Arzt am Werk war, dann werden die - wegen (!) dem superguten muskulären Zustand rund um das Schultergelenk enorm viel Gewalt aufzuwenden haben. Dabei geht standardmäßig (wie gesagt: beim Durchschnittspfuscher...) dann die Gelenkkapsel kaputt sowie evtl. ein paar Sehnen/Muskelstränge.

(witzigerweise lässt sich eine durchschnittliche Schulterluxation mit einer raffinierten Schlenkerbewegung bei angewinkeltem Arm in Verbindung mit dosiertem Druck von oben verhältnismäßig schmerzarm und vor allem ohne Gefahren einrenken - diese Technik sollte UNBEDINGT vor anderen Methoden zur Anwendung kommen)

Und warum in aller Welt hast du 1 1/2 Liter Blut verloren?? Haben die Ärzte versucht, dir den Arm auszureißen und bei der Gelegenheit wichtige Arterien zerstört??

Falls ja: Kunstfehler! Und zwar ganz übler.

(dann haben diese "Ärzte" nämlich bei ihrer Gewalt-Einrenkung das Gelenk zunächst grob falsch eingerenkt - und dabei ziemlich viel zerstört, inklusive Gelenk - sorry, wenn ich das so sage, aber in einem durchschnittlichen Schlachtbetrieb geht es zartfühlender zu)

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Also, die Schulter war die Gurtschulter, und der Airbag links, wo ich in die Leidplanke geknallt war hatte als Einziger nicht ausgelöst. Insofern dürfte die Schulter vorgeschädigt gewesen sein. Ich hatte auch eine leichtere Verletzung an der Wirbelsäule (schleudertrauma). Das Röntgenbild im OP, als ich noch bei Bewusstsein war hatte laut Aussage der diensthabenden Ärztin nur eine Luxation gezeigt, das Röntgenbild am nächsten Tag zeigte laut Stationsärztin so schwere Verletzungen, wie sie die noch nie gesehen hatte. Außer Luxation Vier-Segment-Trümmerbruch und eine Arterienruptur.

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@Cut: Das ist wieder so ein Oma-fiel-ins Klo und Der-weiße-Neger-Wumbaba-Fall: Ich verstand bei diesem Song bisher immer "I had no doubt" und "kissin the night away.";-)

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Leichtere Verletzung
Das hatte ich bei meinem Motorradsturz ja auch, und eine Wirbelsäulenverstauchung sollte nicht auf die leichte Schulter (oho, wie passend-unpassend ist das, Deine Schulter war ja nach Verschwinden von Knochenmasse sehr viel leichter) genommen werden. Ich denke, kenne ja die ganze Geschichte, dass sich da viel Glück mit wirklich tollen Ärzten und einem unheimlich starken Willen gepaart hat. Du hast das Zeug zum Helden-Schulterzerschmetterter, der NACH deer Verletzung die ernsten Klettertouren angeht, das hat was.

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Wumbaba? Bawamba! Und zwar mit viel Chumba!

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Nicht mit deiner wirklich schwerwiegenden Verletzung zu Vergleichen, aber ich hatte auch so ein Schulter-Ding. Übrigens als ich in Hannover gearbeitet hab. Bei diesigen Wetter bin ich vor der Post in der Podbielski-Straße in eine Paket-Plastik Schlinge geraten. Das Ding hat sich zugezogen, meine Hände waren in den Taschen von der Jacke und ich bin mit Schulter und Kinn auf dem Asphalt aufgeschlagen. Erstmal hab ich 2 Minute nur weißes Rauschen gesehen. Dann viel Adrenalin. Bin mit der Bahn zur Consulting, für die ich projektweise gearbeitet hab. Der Chef hat mich direkt in ein Krankenhaus gefahren. Die meinten: Ach das renken wir wieder ein. Ok. Zur Sicherheit machen wir mal einen Röntgen-Check. Da wurden die nervös und haben mich direkt in ein anderes Krankenhaus überwiesen, die es richtig drauf hatten. Und ich lief als BG-Fall. Die Zivis im Überführungs-Bus meinten, dass man mit einem Bruch in der Schulter 5 Monate nicht arbeiten kann. 2 Wochen später saß ich aber wieder im Büro. Danach hab ich ungefähr 40 Physio-Therapie Sitzungen gemacht. Heute spür ich das, wenn ich mich drauf konzentriere, stört aber sonst weiter nicht.
Die Chirurgen meinten, dass das mit diesen Plastik-Schlingen öfters mal passiert. Die schrägen Freaks, die da teilweise in mein 2 Bett-Zimmer geschoben wurden, haben mich an meine Zivi-Zeit erinnert.

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