Donnerstag, 18. März 2010
Über Normalität
Die Normalität der Mitte ist Normalität im engsten, wortunmittelbarsten Sinn: Das wahnhafte, mindestens aber zwanghafte Bedürfnis, alles in ein Korsett von Normen zu quetschen und das Mittelmaß durch die normative Kraft des Faktischen zum einzigen Maß zu machen. Als ein einziges Mal in der Geschichte die Kleinbürger im ganz engen Sinn des Wortes nicht nur an der Macht waren, sondern auch Geschichte machten sah man das auf den Augenblick kristallisiert: Man erfand metrisches System und Kilogramm, führte einen Kalender mit einer 10-Tage-Woche ein (weil dann mehr gearbeitet wurde), erfand eine dezimale Uhr und enthauptete jene, die "verdächtig waren, verdächtig zu sein". In der Vendée hätte die Guillotine zu lange gebraucht, also führte man die "senkrechte Deportation" durch: Man versenkte Lastkähne voller Menschen in der Loire. Dabei band man Männer und Frauen aneinander und nannte das "republikanische Hochzeit".


Darauf läuft das Ansinnen der Norm-alen im Endeffekt immer hinaus.

Du bist nicht normal? Na hoffentlich!

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Hm,
ich weiß nicht. Das impliziert ja, das Tafelsilber des Menschengeschlechtes wäre immer nur in den Minderheiten und bei den Nicht-Normalos zu finden. Dabei haben die dann nur nicht den Beweis antreten brauchen, dass sie es in der Mehrheitssituation besser machen würden.

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Darum geht es nun gerade nicht, sondern darum, dass Humanität sich immer daran misst, wie mit jenen umgegangen wird, die nicht Mehrheit, nicht Durchschnitt und nicht Standard sind. Und der Versuch, Menschen standardisieren zu wollen ist dann im Umkehrschluss - na was wohl?

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Ja,
das scheint mir auch der entscheidendere Punkt. Aus dem obigen Eintrag ging das aber so klar nicht hervor, daher meine Nachfrage.

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Ein paar Blogs weiter wird seit Monaten versucht, Leute scharenweise für irrelevant zu erklären, weil sie nicht der Auffassung sind, die Linke als Solche, in welthistorischer Dimension, sei mit dem Leninismus/Stalinismus identisch. Und da schwingt eine gewaltige Normalisierungskeule mit.

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Kann ich jetzt,
da ich die besagte Debatte nicht verfolgt habe, natürlich nicht beurteilen, ob dieser Aspekt der Normalität tatsächlich ein tragendes Element der Argumentationen ist (oder nur ein rhetorischer Versuch, dem eigenen Standpunkt mehr Gewicht zu verleihen und den gegnerischen zu marginalisieren). Das scheint mir aber schon noch mal was anderes (oder genauer gesagt eine etwas andere Ebene) zu sein als das, was Du hier weiter oben ansprichst und gewissermaßen als Struktuproblem von Normalität identifizierst.

Wie auch immer: Ich denke ja eher nicht, dass Normalität etwas ist, was man sich im politischen Diskurs groß auf die Fahnen schreiben sollte. In der Nazizeit war es normal, dass man für kritische Äußerungen in den Knast oder ins KZ wanderte...

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Exactamente.

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