Mittwoch, 21. September 2011
Das Drahtseil
Ein Drahtseil, gespannt über eine Schlucht. Ein Zweites, etwas oberhalb zum Einhängen der Sicherung. Unser eigenes Seil, das uns verbindet. Ich denke "Wenn ich Angst habe, fange ich an zu zittern, dann überträgt sich das auf das Drahtseil, es fängt an zu schwingen, und ich falle." Also beschließe ich, keine Angst zu haben. Ich war schonmal von einem Drahtseil gestürzt, weil ich ins Zittern geraten war, und das Drahtseil hatte mir einen Streifen Haut vom Unterschenkel abgezogen, also nicht die ganze Haut, nur die Epidermis, und ich musste dann gerettet werden. Als ich später in der Sauna gefragt wurde, was das für eine Wunde sei meinte eine Kumpeline: "Er wurde mit einem Stahlseil gezüchtigt." Muss ich nicht wieder haben. Also habe ich keine Angst und gehe rüber. Ganz locker und sehr entspannt. Nun habe ich langjährige Bergerfahrung, ohne die hätte ich das nicht so cool gemacht, wundere mich aber hinterher dennoch: So locker geht das? Ich beschließe, keine Angst zu haben, und also habe ich sie nicht?!

Wenn nur alles im Leben so leicht wäre. Ich sollte viel mehr klettern.

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"Der Mensch ist ... ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist." Cherathustras Vorrede. Ist von 1883, da machen 10 Jahre nichts aus. :-)

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Von Zeit zu Zeit les ich den Nietzsche gern;-)

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Aber nicht den Zarathustra. Irgendwo lässt Nietzsche sich darüber aus, was es bedeutet, wenn ein Buch nach und nach zu immer jüngeren Lesern herabsinkt, bis es bei den Schulbuben angekommen ist. Zarathustra war bei mir Schullektüre, schüttel.

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So etwas gab es bei uns in der Schule überhaupt nicht. Philosophie an sich wurde bei uns nur in Form von Weischedels "Die philosophische Hintertreppe" behandelt, einige Soak-Einführungsbände - Nietzsche zur Einführung, Heidegger zur Einführung, Bakunin zuur Einführung und Althusser zur Einführung - sowie Lektüre einiger Marx-Texte.

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Philosophie in der Schule funktioniert eigentlich auch nur bedingt. Der Unterreicht kann allenfalls Appetit machen und ein paar Ausprägungen, Denkweisen und Argumentgänge aufzeigen. Bei uns gab es Kant, Hegel, Nietzsche, Adorno/Horkheimer, Heidegger und etwas Sartre. Was aber die Philosophie ist und wie man Texte angemessen liest, erfährt man meist erst auf einer Universität in jahrelangem Studium. Und auch dort leider oftmals nicht angemessen, weil doxographische Verengungen gelehrt werden oder weil Rezeptionsartefakte einfach ungeprüft und unhinterfragt mitgeschleppt werden: Sätze sie "Platons Ideenlehre" etwa oder es wird unsinnigerweise von Kants Konstruktivismus gesprochen oder es wird Hegelsche Dialektik auf Slogans heruntergebrochen, statt daß man sie konkret in Texten erfahrbar und nachvollziehbar macht. So wie Philosophie als Curriculum an den Unis gelehrt wird, ist sie vielfach unbrauchbar. Hier kann man allenfalls Glück haben, daß der Student an einen guten Lehrer gerät, der einem zeigt, wie man mit Texten umgeht und wie man es besser nicht macht. Und das eben sollte in einer Ausbildung eigentlich nicht geschehen: daß wir auf eine glückliche Fügung angewiesen sind.

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Wir veranstalteten dazu "autonome Seminare", in denen wir uns quer zur Deutungshoheit unserer Professoren die Materie selbstständig erarbeiteten. Highlights waren "Anarchisten in der Russischen Revolution", Max Weber, Dialektik der Aufklärung, Bourdieus "Die feinen Unterschiede", Baudrillards "Der symbolische Tausch und der Tod" und das Kapital, alle drei Bände. Für mich entstanden so die begrifflichen und analytischen Werkzeuge, mit denen ich mich dann an Magisterarbeit und Dissertation wagte.

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Ich bin allerdings auch kein Fan von solchen autonomen Seminaren. Eben weil da häufig die Gefahr bestehen kann, daß auch dort wieder Texte selektiv gelesen werden. Aber auch hier kommt es sicherlich auf die Leiter des Seminars und auf die Qualität der Gruppenmitglieder an. Wir haben uns damals Hegels "Wissenschaft der Logik" und seine "Phänomenologie" in Lesekreisen erschlossen. Einer davon wurde von einem hochklugen Lehrer geleitet, der eigentlich Universitätsdozent hätte werden müssen. Und da habe ich dann, so wie Du in jenen autonomen Seminaren, mehr gelernt als in manchem Uni-Seminar.

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Unser Interesse in den autonomen Seminaren war ja ein Forschungsinteresse. Das spielt in Hochschulseminaren notwendigerweise erst in Oberseminaren eine Rolle, in denen Studierende sitzen die schon scheinfrei sind. Bis dahin geht es um das Erlernen von Forschungsmethoden und das Vermitteln von prüfungsrelevantem Wissen.

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🧗‍♂️
https://hyperallergic.com/669307/why-an-italian-village-tied-itself-to-a-mountain-elena-pontiggia-maria-lai/

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Tjaha, nicht nur Christo macht solche Aktionskunst ;-)

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