Donnerstag, 23. November 2006
200 Tote in Nasr City
sind erneut ein schrecklicher Beweis für das völlige Versagen der Streitkräfte der US of A und ihres Krisenmanagements. Man muss sich ja wirklich nicht wundern: Erst wurden alle staatlichen Organisationen des Irak zerschlagen, nicht etwa nur der zugebenerweise äußerst aufgeblähte Terrorapparat, sondern auch alle möglichen Einrichtungen der Zivilverwaltung bis hin zum Bagdader Nationalmuseum, dessen unermesslich kostbare Antiken, darunter die Ältesten der Menschheitsgeschichte, man Plünderern überließ. Der Wiederaufbau der irakischen Polizei erfolgte nach der vollständigen Entlassung der alten Polizei, anstelle einer mühseligen, aber notwendigen Entfaschisierung der vorhandenen Kräfte. Dazu kam ein fast völliges Fehlen von Aufbauhilfen - mit der sehr bedeutenden Ausnahme der sozialbürokratischen Verteilungsapparate für Nahrungsmittel, die von der Baath-Partei unter der Embargowirtschaft entwickelt wurden und als Infrastruktur der elementarsten Grundversorgung, aber auch der Zwangsverwaltung und Erfassung der Unterschichten für die Nachkriegsordnung beibehalten werden sollen. Hätten die Westalliierten, die 1945 in diesem Sinne alles richtig gemacht hatten, sich ebenso verhalten, so hätte das bedeutet, nicht nur Wehrmacht und NS-Organisationen aufzulösen, sondern nahezu die gesamte öffentliche Verwaltung (ach ja, und Plünderer auf der Berliner Museumsinsel), auf den Wiederaufbau dank Marschallgeldern zu verzichten und auch 1948 noch keine funktionierende Strom- und Wasserversorgung zu haben. Ich wage zu vermuten, dass es unter diesen Voraussetzungen auch in Deutschland noch Nazis gegeben hätte, die Wehrwolfaktionen gegen die Aliierten durchgeführt hätten. Ein Erhalt funktionierender Institutionen unter neuer Führung und sehr viel Geld für einen schnellen Wiederaufbau und rasch steigendes Konsumvermögen des Normalverbrauchers waren Voraussetzungen der Demokratie in Westdeutschland. Die US of A blamieren sich vor den Leistungen ihrer eigenen Geschichte.

Kurdische Genossen von mir, die in das Land zurückgekehrt sind, um es wiederaufzubauen, sind inzwischen wieder in Deutschland und sehen keine Perspektive für den Irak. Was haben wir uns abgemüht vor 15, 12, 10 Jahren. Genossinen haben in Deutschland gesammeltes Geld in der Unterwäsche nach Kurdistan-Irak geschmuggelt, mit dem wir eine Schule und eine zerbombte Brücke wieder aufgerbaut haben. Wir haben eine Genossin aus dem Folterknast herausgeholt. Unsere irakischen Freunde sind vor deutschem Giftgas nach Deutschland geflohen, das von deutschen, französischen uns sowjetischen Hubschraubern abgeworfen wurde, während die tolle Streitmacht der USA in der Region präsent war und ungerührt zu sah, wie Saddam 165 000 Menschen vergasen, erschießen oder lebendig mit Bulldozern in de Boden pflügen ließ. 1991 hätte das irajkische Volk die Möglichkeit gehabt, sich selbst zu befreien. Hierzu schreiben Detlef Hartmann und Dirk Vogelskamp in "Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg": "Der Aufstand war simultan und erschien unkoordiniert. Das heißt nur, dass die Organisationsprozesse ihren Grund in sozialen Zusammenhängen und Vernetzungen hatten, die unserem Organisationsverständnis unzugänglich blieben und das Widerstandspotential zum Ausdruck brachten, das sich in den vorausgegangenen Konfrontationen aus der tradierten Gesellschaftlichkeit entwickelt hatte. Er griff bald auf Basra und dann weitere große Städte im gesamten Irak über. Auch die Stämme aus den ländlichen Regionen griffen ein. Ein offenbares Zusammenspiel zwischen den Strategien Saddams und der USA erstickten den Volksaufstand blutig. Saddam brachte vor allem seine Garden und Geheimdiensteinheiten in Sicherheit und überließ die Armee, in der große Teile der Aufständischen aus dem städtischen Proletariat und den bäuerlichen Unterklassen rekrutiert waren, dem amerikanischen Bombardement. Wenn es den USA au die Durchsetzung des Aufstandes gegen Saddam und das Baath-Terrorregime angekommen wäre, so wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, den Aufstand zu unterstützen und Saddam Hussein und seine entwicklungsdiktatorischen Apparate hinwegzufegen. Dies geschah nicht. Sie überließen den Aufstand den saddamtreuen hochgerüsteten und gut ausgebildeten Garden, die ihr Terrorregime in öffentlichkeitswirksam durchgeführten Massenexekutionen wieder herstellten und den Widerstand in Blut ertränkten."

Kein Wunder, denn nichts fürchten die Herrschenden im Westen so sehr wie eine soziale Revolution am Golf.

Hier ein paar Stimmen, die dazu gehört werden sollten:




http://che2001.blogger.de/stories/468568/#468914

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Globalisierung/williams.html

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Che, als alter Hartmannianer, der immer so gerne Autonomie 14 zitiert, ist Dir eigentlich aufgefallen, dass die National Security Strategy sich NSS abkürzt? Was fällt einem zu diesen Buchstaben denn ein?

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Ich mach hier nicht den Michael Moore. Obwohl, mir fällt da eine Aktion der US-Friedensbewegung aus den frühen 80ern ein. Sie tauften ein strategisches Atomuboot, dessen Sprengköpfe Millionen von Menschen hätten töten können, im Dock von "USS Florida" auf "USS Auschwitz" um.

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Ach, die Anti-Atomraketen-Friedensbewegung, das war echt eine völlig andere - und aus heutiger Sicht eine in vielem bessere - Welt. Nein, den Osteuropäern gegenüber wäre das ungerecht, aber auf den Westen bezogen schon. Das ist jetzt etwas über zwanzig Jahre her, aber von dem, was heute abgeht, ebenso weit entfernt wie die Sechziger.

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Guter Text! Kompliment...

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