Sonntag, 13. Mai 2007
Labor Dritte Welt
Unter der Überschrift "Big Pharma forscht im Slum" berichtet die aktuelle Ausgabe von Le Monde Diplomatique darüber, dass immer weniger Menschen in den Industrieländern bereit sind, sich als Probanden für Testreihen mit Medikamenten zur Verfügung zu stellen. Infolgedessen findet pharmazeutische Forschung am lebenden Patienten hauptsächlich in Schwellen-und Entwicklungsländern statt, bevorzugt in Indien und Südafrika, oft ohne Einwilligung oder auch nur Kenntnis der Patienten. Sind Testreihen erfolgreich, werden ihre Ergebnisse publiziert, sind sie es nicht, haben sie nie stattgefunden. Mittlerweile gibt es schon Unternehmen, die das Format von Weltkonzernen erreichen, die darauf spezialisiert sind, Pharmaversuche am Menschen auf Krankenhäuser in den drei Kontinenten outzusourcen, wie Quintiles und Covance (letztere mit einem "Angebot" von 25 000 Kliniken in mehr als einem Dutzend Länder). Letztendlich ist der Trikont für die Pharmaindustrie der westlichen Welt nichts Anderes, als das was im NS die KZs waren: Ein Reservoir für billiges Menschenmaterial, an dem man sich beliebig bedienen kann.

http://www.monde-diplomatique.de/pm/.home

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Che, ich vermute, dass unsere rechtslibertären Sektierer derartige Problemstellungen entweder ignorieren (darin sind sie ganz groß!) oder irgendwie als notwendiges Ergebnis des "freien" Marktes schönreden.

Doch sie werden schweigen - tipp ich mal.

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Und genau das ist der Grund, warum Antiimperialisten vom "faschistischen Imperialismus" reden. Nicht aus Verbalradikalismus, nicht als Parolengebrüll, sondern weil westliches Kapital sich in den armen Ländern des Südens bis heute so aufführt, wie die deutsche Industrie es 1941-44 in Osteuropa gemacht hat.

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Tja, das ist dann der zivilisatorische Fortschritt des Westens, an dem die Welt genesen soll. Im gezeigten Beispiel genest sie tatsächlich, nämlich die Westeuropäer und Nordamerikaner. Im Grunde ist das eine weltweite Apartheid, nur nicht durch Rassengesetze gemacht, sondern durch ökonomische Zwänge und les petites distinctions. Ein iranischer Bekannter sagte einmal: Schon, wenn Du Schuhe anziehst, beutest Du Menschen im Trikont aus, z.B. die Malocher auf einer Kautschukplantage.

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Grundsätzlich halte ich es aber die Perspektive für problematisch und auch bestreitenswert [was mit wenigen Worten schwer ist und eine genauere Erörterung nötig hätte], dass "unser" Wohlstand vor allem auf Ausbeutung der Dritten Welt beruhe.

Ich meine: Aus der zweifellos bestehenden Ausbeutungsverhältnissen, oft auch ekelhaftester Art (siehe Ches Beitrag), ergibt sich noch nicht, dass der überwiegende Teil unseres Wohlstands fremdgemacht ist. Ein Beispiel: Zirka 2/3 aller Rohstoffe, die in Industriestaaten eingesetzt und verbraucht werden, stammen aus Industriestaaten.

Indes: Das macht es aber nicht gerade appetitlicher, wenn gegenüber ökonomisch Schwachen brutalste Praktiken und Verhältnisse durchgesetzt werden.

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Man kann das nicht summarisch verrechnen. Ohne Ausbeutung von Armut und Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung im Weltmaßstab würde das System nicht so funktionieren, wie es funktioniert. Welche Länder da im einzelnen von wem wie ausgebeutet werden ist eine interessante Frage, aber dann auch nur en detail zu beantworten und für die Gesamtfeststellung, dass die bestehende Weltordnung neoimperialistisch ist, zweitrangig.

Und: Dritte Welt, da ohne eigene industrielle Produktion und mit feudalen Gesellschaftsstrukturen, sind auch Saudi-Arabien und die Reiche der öligen Emire.

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It takes two to tango.
Ohne die örtlichen hands-on ausbeuterischen Eliten würde die Ausbeutung nicht mal halb so gut funktionieren. Was es nicht besser macht. Die tödliche Arschkarte hat immer der Arbeitssklave.

König Gezo von Dahome ist in dieser Beziehung mein Favorit.

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Tja, auch im globalisierten postmodernen Spätkapitalismus hat bodenständiger Despotismus noch immer seinen festen Platz. Lange Ärmel oder kurze?

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Despotismus ist immer gross in Mode, egal was gerade für ein Gesinnungstalmi für die Ideologieidioten zeitgeistig davor gehängt wird. Ein Evergreen, halt.

Ärmel? Für die Arbeitssklaven langte eigentlich immer ein Lendenschurz. Heute müsste er aus Gewebe aus klimaneutralem Anbau sein, dann würde mancher sich schon wohler fühlen. Zwar nicht der ihn tragen muss, aber man kann es ja nicht jedem recht machen.

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Nein nein, "lange Ärmel oder kurze?" war die Frage, die man in afrikanischen Bürgerkriegen noch vor wenigen Jahren den Besiegten stellte. Sie bezog sich auf den Gebrauch der Axt am Gefangenen.

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Aha !

Aus der Abteilung Folklore und Brauchtumspflege, also.

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And the band played on ...
... and on and on and on.

Ich korrigire mich : es braucht nicht nur two to tango, die UN spielt auch die Musik dazu:

http://www.welt.de/politik/ausland/article872554/Vereinte_Nationen_machen_den__Bock_zum_Gaertner.html

Das hätte doch glatt von mir kommen können oder ?

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Wieso, das ist echtes Expertentum. Die Armutskommission wird natürlich von denen geleitet, die von Armut etwas verstehen, weil sie im arm sein selber Spitze sind. Wenn man stattdessen z.B. Karnevalisten damit beauftragen würde, machten die wahrscheinlich eine Polonäse, sängen "Hunger, Hunger, täterä!" und gründeten ein Ernst-Neger-Gedächtniszentrum.

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So wie Du das sagst macht das auf einmal viel Sinn.

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alles - leider - zutreffend...
...nur sind derlei praktiken längst nicht mehr auf den trikont beschränkt - und sollten irgendwelche schönredner der a-sozialen verhältnisse es mittels gedanklicher verdrehungen/konstruktionen um zehn ecken herum es noch versuchen wollen, medikamententests mittels menschenversuchen an ökonomisch und sozial verelendeten irgendwie als "berechtigt" hinzustellen, stellt sich dann die frage: besitzen solche leute auch die gleiche frechheit bei tests von *pestiziden* an menschen?

"Menschenversuche werden nach Recherchen von Frontal21 bei Pestizidherstellern immer beliebter. Im Auftrag von Bayer etwa wurde Versuchspersonen in Holland ein radioaktiv versetztes Insektizid auf die Haut aufgetragen. Andere Versuchspersonen inhalierten das Insektizid Cyfluthrin - es findet sich etwa in dem Insektenspray Blattanex von Bayer."

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21389/1.html

schottland und holland würde ich nun größtenteils noch nicht unter trikontbedingungen sehen.

*

was hingegen für die kinder aus armen und schwarzen familien in den usa wieder zutrifft - damit zurück zur pharmaindustrie und speziell ihren aids-medikamenten:

http://autismuskritik.twoday.net/stories/907061/

siehe auch:

http://news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/this_world/4038375.stm

will sagen, dass es nötig und richtig ist, die mörderischen aktionen seitens westlicher konzerne im trikont zu benennen - allerdings habe ich manchmal das gefühl, dass gerade von "links" die existenz solcher praktiken quasi unmittelbar vor der ganz eigenen haustür irgendwie seltsam entschärfend dargestellt wird - okay, das mag einerseits der begründeten abneigung gegen die gleichsetzung von elend in den wohlstandszonen mit dem elend in den *aufgebenen* planetaren regionen geschuldet sein.

andererseits werde ich den verdacht nicht los, dass damit auch noch vorhandene letzte illusionen über den charakter der verhältnisse hier gerettet werden sollen - was dann letztlich den offenen, aber meiner meinung nach unvermeidbar anstehenden, bruch mit dem system hier verhindert bzw. zumindest aufschiebt - und dieser aufschub könnte fatal sein.

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@andererseits werde ich den verdacht nicht los, dass damit auch noch vorhandene letzte illusionen über den charakter der verhältnisse hier gerettet werden sollen - grundsätzlich kann das sein, nur kannst Du das der Le Monde Diplomatique wohl kaum vorwerfen, da diese Zeitung sich nun mal qua Programm mit internationaler Politik und speziell den Verhältnissen in ehemaligen Kolonien beschäftigt.

Dass der Bruch nicht stattfindet, nun, darüber klage ich auch.

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Tja,
was wäre ein Bruch - RAF-Modus oder ginge es auch eine Nummer kleiner?

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Massiv ausgeprägte Zivilcourage?!

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