Montag, 6. August 2007
Ein paar einfache Dinge zum Thema Freud, Marx und deren Rezeption
Was mich ab und an Staunen macht, ist die Tatsache, wie die Kritische Theorie bei manchen Leuten verarbeitet wird. Ihren Mißbrauch als Schlagworthalde für Antideutsche meine ich damit nicht, sondern durchaus seriöseres. Speziell bei bei schwulen Linken und solchen, die in Bereich Antipsychiatrie engagiert sind taucht häufiger ein distanziertes Verhältnis zur KT auf, das mit Freuds Neurosenlehre begründet wird, in der männliche Homosexualität als Krankheit bzw. "Devianz" (tendenziell pathologische Abweichung von einem als gegeben angenommenen biologischen Normalzustand) bewertet wird. Da der olle Sigi also abwertend über Schwule dachte, distanziert man sich von der politisch-philosophischen Umsetzung eines Teils seiner Überlegungen durch eine spätere Generation von Theoretikern und sucht sich als Theoriegebäude eher die Werke Foucaults, der als Selbst-Schwuler und Kritiker der psychopathologischen Denkschemata auch ganz gut als Identifikationsfigur taugt.


Und genau hier wird es problematisch: Einer Theorie wird der Nutzwert abgesprochen oder dieser nicht in Anspruch genommen, weil einer der Großväter ihrer Urheber der eigenen Identität feindliches Gedankengut vertreten hat und ein anderer Theoretiker gut ins eigene Identitätskonzept passt. Wunderbar das Territorium mit der Landkarte verwechselt, sage ich jetzt mal dreist als vom betreffenden Konzept unbetroffener Hetero. Und so unnötig. Wer glaubt denn heute noch an Freuds Neurosenlehre? Jedes Werk hat seine zeitgebundene und seine zeitübergreifende Komponente, und dazu gehören bei Freud seine im Geist der Zeit wurzelnden Vorurteile gegenüber Homosexualität (die sich auch umdrehen lassen: Für Linke aus meiner Umgebung gilt die Parole "Der polymorph-perverse Charakter als positives Ideal", der bisexuelle Mensch mit möglichst großer Varianzbreite an sexuellen Verhaltensweisen als Ideal des neuen Menschen), während das dialektische Modell des menschlichen Charakters mit Es, Über-Ich und Ich, das Konzept des Unbewussten, die psychoanalytische Symbolsprache und grundlegende kulturanthropologische Werke wie Totem und Tabu und das Unbehagen in der Kultur über Freuds eigenen Lebens- und Zeithorizont hinausreichen. Und genau diese Komponenten des Freud´schen Werkes sind es, die in der Kritischen Theorie zur Anwendung kommen. Umgekehrt ist Foucault für mich ein Philosoph, der mit seiner Geschichte des Strafens, Disziplinierens und Heilens wesentliche Ansätze der Körpergeschichte als historischer Hilfswissenschaft geliefert hat und dem große Verdienste als Diskurstheoretiker zukommen - da kann es mir aber persönlich egal sein, was er wiederum persönlich über die Psychoanalyse oder die Kritische Theorie gedacht hat - verwendbar sind Horkdornos und Foucaults Ansätze auch in Kombination, wenn man sie als Arbeitsmethoden und Materialsammlungen und nicht als dogmatische Behauptungen einer alleingültigen Wahrheit betrachtet. Ich dachte eigentlich, das sei arschklar.


Das ist es aber offensichtlich nicht für jeden, wie mich kürzlich auch der Standpunkt eines Freundes überraschte, der die marx´sche Lehre deswegen für überholt hielt, weil die neuere ur-und frühgeschichtliche Forschung einige der Grundannahmen im Geschichtsmodell des Historischen Materialismus nicht so gut aussehen lässt. Was aber sagen Engels´ Interpretationen des Völkerkundlers Lewis Henry Morgan, befangen im Wissenshorizont des 19. Jahrhunderts, über die Richtigkeit des Wertgesetzes oder die Akkumulation des Kapitals aus? Genau gar nichts.

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Guter Beitrag
Spricht mir quasi aus der Seele. Diese "reine Lehre"-Dogmatiker nehme ich immer als ziemlich religiöse Menschen wahr.

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Tatsächlich ist es eine Fortsetzung scholastischer Theologie, Exegese politischer Theorie zu betreiben, statt sie als Arbeitsansatz zu begreifen, der sowohl empirisch überprüfbar als auch mit anderen Ansätzen rekombinierbar sein muss.

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Theorie ist vielmehr stets Fragment und kein abgeschlossener Prozeß.

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Es ist trotzdem Blödsinn, die mögliche Kritik an der Kritischen Theorie und an Freud erst recht aus Foucaultscher Perspektive mit "Scholastik"-Rhetorik unterbinden zu wollen.

Das ist dann eine Immunisierungsstrategie und gerade kein Forschungsansatz, auch dann nicht, wenn man ihn mit Weisheiten wie dem fragmentarischen Charakter der Theorie garniert.

Und Foucault nur mal eben so als Verlängerung Hordornos zu lesen, weil einem das gerade in den Kram paßt, wie vielfach geschehen, heißt nun nicht gerade nicht, von Foucault lernen zu wollen.

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"Tatsächlich ist es eine Fortsetzung scholastischer Theologie, Exegese politischer Theorie zu betreiben, statt sie als Arbeitsansatz zu begreifen" bezieht sich nicht auf Foucault´sche Kritik an der Kritischen Theorie, sondern auf die Grundhaltung sektiererischer Gruppierungen, aus dem Werk einzelner Theoretiker Lehrsätze lediglich zu zitieren und als Totschlagargument gegen andere Theoretiker zu gebrauchen, so, wie es alle MLer mit Marx, Lenin, Mao gemacht haben, aber auch manche antitautoritären 68er und später die MRI mit Reich, die Ca-Ira-Leute mit Horkdorno, und Baudrillard wurde in solcher Weise schon als Modephilosoph von schnöseligen Zeitgeist-Yuppies verwurstet. Auf der gleichen Linie liegt es, wenn dann plötzlich alle traditionell linken Ansätze in einem platten Vulgäradornismus als "strukturell antisemitisch", die linke Szene zum "Identischen" oder Anhänger der Psychoanalyse pauschal zu Sexisten oder autoritären Persönlichkeiten erklärt werden. Alles schon erlebt, und nicht nur einmal. Sorry, Du verstehst nicht nur mein Statement miss, sondern unterstellst mir zudem eine Absicht, die ich überhaupt nicht habe. Ich habe absolut nichts nichts gegen Kritik an der Kritischen Theorie oder Freud (wenn auch Kritik an Letzterem mir aus heutiger Sicht recht verschnarcht anmutet, ich würde mich dann eher an Janow, Maslow oder Fromm abarbeiten) aus Foucault´scher Perspektive. Und dass ich Foucault nur fragmentarisch kenne hängt wohl damit zusammen, dass ich kein Philosoph bin, sondern Historiker. Ich kenne von ihm nur Der Staub und die Wolke, Überwachen und Strafen, Dispositive der Macht, Sexualität und Wahrheit I, Die Sorge um sich, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte und habe all diese Schriften unter dem Aspekt gelesen, dass sie den Begriff der Bio-Macht als historische Kategorie thematisieren, was wiederum für die Geschichtswissenschaft entscheidend ist. Von einer grundsätzlichen Kritik Foucaults an Horkdorno und Freud habe ich bei der Lektüre dieser Werke selber nichts wahrgenommen.

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Siehste, so habe ich Dir doch nur Gelegenheit gegeben, das noch mal klarzustellen ;-) ...

Von Foucault selbst gibt's ja auch nur ganze wenige Stellungnahmen zu Horkdorno, und die sind sogar eher positiv. Gegen Marcuse und Reich ist allerdings "Der Wille zum Wissen" recht deutlich, gegen Reich ja sogar namentlich, gerichtet (was ungewöhnlich für Foucault ist). Und gegen Freud ja eh, zumindest gegen eine bestimmte Lesart dessen.

Focault verstand sich übrigens durchaus auch als Historiker, sein Lehrstuhl war ja einer zur "Geschichte der Denksysteme".

Ansonsten halte ich ja schon "Die Ordnung der Dinge" für's Gesamtverständnis ganz hilfreich, das ist allerdings auch kaum lesbar. Da kommt die Psychoanalyse Lacanscher Prägung allerdings ganz gut weg.

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An Lacan musste ich in diesem Zusammenhang gerade denken. Adorno mit Lacan - das ergibt eine Perspektive der Psychoanalyse, die nicht, wie bei Freud, aufs Individuum reduziert ist, sondern im Gegenteil primär Gesellschaftsanalyse ist.

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Und das sagt jetzt wer?

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Was der Ziwo da meint, habe ich auch nicht verstanden ...

Lacan kenne ich viel zu wenig, aber das, was Du da im Bezug auf ihn schreibst, war ja ursprünglich, in den 30er Jahren, auch Hauptanliegen der Kritischen Theorie.

Gibt ja nicht wenige, die sagen und schreiben, daß sie genau das dann ab der DdA nicht mehr eingelöst hätten ... Kritikpunkt an den "Studien zum autoritären Charakter" ist dann, daß im Grunde genommen Personen pathologisiert worden seien, anstatt weiterhin auch ökonomische Strukturen wirklich zu analysieren. Und dann braucht man im Gegenzug einen Begriff von Gesundheit und jemanden, der für diese sorgt, und da setzt dann Foucault an ...

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Lacan hat vor allem den Faktor der Selbstkritik in die Psychoanalyse eingebracht und diese mit dem Behaviorismus zu versöhnen versucht (der Mensch ein Spiegel seiner Umwelt, das Sein bestimmt das Bewustsein, ohne dass die Freudschen Annahmen über frühkindliche Traumata dadurch ungültig werden). Dazu kommt dann aktiver antifaschistischer Kampf und orgiastisch-surrealistisch-satanistisch-sadomasochistische Initiationsrituale als "Gegenmythos" zur Mythologie der Nazis. Diese waren durchaus emanzipativ gedacht als Metaprogrammierung des menschlichen Bewusstseins, eine art Weiterentwicklung der Aufnahmerituale von Freimaurern und Illuminaten. Außerdem begründete Lacan die Vorstellung der elementaren Semantik als Voraussetzung der Konstruktion von Realität. Er hat damit Butler teilweise schon vorweggenommen, Leary sicherlich auch, und schuf die Kerngedanken des späteren Situationismus ---> Mesrine, Debord.

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Ich gestehe, von Lacan kenne ich nichts und ein bißchen OT:

"... orgiastisch-surrealistisch-satanistisch-sadomasochistische Initiationsrituale als "Gegenmythos" zur Mythologie der Nazis."

Das verstehe ich nicht.

Ich sitze gerade vor mehr als obskuren Quellen zu Himmler, Schwarze Sonne, SS, Okkultismus und weiterem Schwachsinn. Und dann schreibst Du Gegenmythos? Emanzipativ?

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Schon mal was von Bataille gehört oder die Initiationsrituale bei lluminatus gelesen?

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Was würden die Genannten beweisen in diesem Zusammenhang?

Mir scheint, das Themenfeld Okkultismus ist zu komplex, um es auf der Achse rechts-links oder Nazi/Antinazi abzuhandeln.

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Gehört ja, gelesen aber weder noch.

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@cut: Über den ganzen Himmler-Komplex rund um die schwarze Sonne, den Kultplatz Wewelsburg und die diversen Expeditionen unter dem Stichwort Ahnenerbe haben auch öffentlich-rechtliche Spartensender in den letzten Jahren einiges gesendet, es sollten sich also auch seriöse Quellen finden lassen. Bin da aber schon länger nicht mehr drin in der Thematik.

Im Übrigen schließt das alles nichts von dem aus, was Che anführt. Die Unterteilung in schwarze Magie/weiße Magie triffts nicht wirklich, aber man kann davon ausgehen, dass es bei den Adepten dieser Grenzwissenschaften (wie auch sonst im Leben) solche und solche gibt.

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Stimmt. Es gibt einige ganz gescheite Untersuchungen. Bis heute aber auch sehr obskures Zeug von neuheidnischen/satanistischen Spinnern (wobei die ganze Thematik ja schon überaus dubios ist, das habe ich eigentlich auch gemeint).

Wie gesagt, mit den angeführten Autoren kenne ich mich nicht aus. Mir schien das Wort Emanzipativ in dem Zusammenhang nur irgendwie merkwürdig.

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Also, Freunde, die Surrealisten hatten die Vorstellung, durch assoziatives Spielen mit der Freud´schen Symbolik und synthetischer Neuzusammensetzung der Wahrnehmungsmuster des Unbewussten eine Emanzipation des Menschen dadurch zu erreichen, dass er die Symbolsprache des Unbewussten in der bewussten Ich-Welt wahrnimmt und quasi zu sprechen lernt. Lacan und Bataille gingen dabei so weit, dass sie schwarze Messen feierten, garniert auch mit dem Jubelo-Jubela-Jubelum-Ritus gewisser Logen und rituellen Orgien in der Art wie bei Eyes wide shut und dies mit definitiv anarchistischen Inhalten verbanden. Die zugrundeliegende Vorstellung war, dass es ein mythisch-irrationales Potenzial beim Menschen gibt, das sich durch ratio nicht ersetzen lässt, dass dieses Potenzial von den Rechten okkupiert ist und dass man es ihnen wegnehmen, und, wie die Freimaurer es mit ihren Aufnahmeritualen machten, mit aufklärerischen Inhalten verbinden muss.

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Ich sympathisiere mit diesem Ansatz durchaus. Allerdings bin ich nach ein wenig eigener Beschäftigung mit dieser Thematik nicht mehr so sicher, ob Leben nach der Maxime "tu was Du willst soll sein das ganze Gesetz" und auf Dauer wirklich zu einer besseren Daseins- und Gesellschaftsform bringt.

So wie ich die Dinge sehe, ist dieses orgiastische Satanistenzeug eine wertvolle und notwendige Lockerungsübung - aber es besteht bei vielen die Tendenz, genau an diesem Punkt stehenzubleiben und den weiteren Weg aus den Augen zu verlieren. Spätestens da verkehren sich die potenziell guten Wirkungen in ihr Gegenteil.

Und dann ist da auch noch der Kontakt mit der dunklen Seite der Macht - viel banaler als man sich das gemeinhin vorstellt: Es fängt schon mit der (irrigen) Vorstellung an, mit dem bruchstückhaften Halbwissen und den paar rituellen Verrenkungen wäre man schon erhaben über den einfachen Pöbel derer, die von diesen Dingen nicht wissen und wissen wollen.

Insofern ist es eine Aufgabe, die durchaus den Schweiß der Edlen lohnt, das alles dauerhaft und wirkungsvoll mit aufklärerischen Inhalten zu verbinden...

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Satan und die Libertären
Die Zwischenüberschrift brauchte ich jetzt ;-) ...

Denn als mir neulich indirekt erstmals die "Church of Satan" oder so aus New York, Spätfolge der Hippie-Bewegung, über den Weg lief, da war ich verblüfft über die Nähe bis Identität dessen, was die so sagen, zu der Denke von Leuten wie dem Hoppe und was so alles in die Richtung denkt. Also nicht die sympathische Arnarcho-Schiene, sondern die sozialdarwinistischen Schweine aus der Ecke. Paßt jetzt nur indirekt, ist aber ja vielleicht interessant.

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Ich hoffe, im Zuge der Emanzipation des Menschen stellen wir solche Dinge irgendwann endgültig ins Raritätenkabinett und gruseln uns beim Sonntagsausflug mit der Familie davor.

Und ich bin immer noch verwirrt. Oh mein Gott, ja, der große Verwirrer. Hier im Blog!

Nein, im Ernst, dieses Ineinanderlaufen von weltanschaulichen Positionen, Politik, Okkultismus, Satanismus usw. kannte ich nur im rechtsextremen Spektrum.

Aber der genannte Ansatz ist ja ein anderer.

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Wie gesagt,
nur mit dem rechts-links-Lineal ist dieser Themenkomplex nicht zu messen. An sich gibt ein okkultes Weltbild nicht zwingend vor, dass man sich die wirtschaftspolitischen Extrempositionen aus dem Ayn-Rand-Umfeld zu eigen macht oder andernfalls die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien für eine gute Idee hält.

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