Donnerstag, 4. Januar 2007
Lexikon des Neoliberalismus
Ja, sowas gibt´s, und es lohnt sich wirklich, da mal hineinzuschauen:


http://www.neosprech.de/wiki/index.php/Hauptseite

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mit befriedigung
habe ich festgestellt dass die hofhunde des "liberalismus" fein angeschlagen haben ob deines eintrags... ;-)

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logisch
Beamtenmikado: wer sich zuerst bewegt, hat verloren.

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Ich finde das Wiki doof.

Jedenfalls zur Zeit - vielleicht bringt die Zukunft Gutes. Dass man dort z.B. die Definition von Neoliberalismus noch deutlich beschissener hinbekommen hat als in Wikipedia, ist überaus erbärmlich.

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Wenn ich sage, "es lohnt sich hineinzuschauen", dann heißt das noch nicht, dass ich es gut finde, sondern zunächst mal nur, dass es wert ist, genauer zur Kenntnis genommen zu werden. Die Trennschärfe ist gering, da hat auch Boche nicht unrecht. Wenn man das Ganze hingegen als Baustelle betrachtet, ist zumindest ein lohnenderAnfang gemacht.

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Ich bin gespannt, wer auf dieser Baustelle mitbauen darf und wie lange es dauern wird, bis das Bauwerk wegen kompletter Sprach- und Stilverwirrung einstürzt.

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Ich kann mir nicht vorstellen, dass mehr Trennschärfe dem Werk gut täte. Sie würde der Funktion des Begriffs in der politischen Auseinandersetzung nur schaden.

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Man konnte ja fast darauf warten: Boches Änderungen sind nicht lange so stehengeblieben. Ich denke, dass Dr. Deans Änderungen des Artikels offensichtlich sinnentstellend sind. Er selbst vertritt offenbar keine wirtschaftsliberale Sichtweise (was sein gutes Recht ist); dann sollte er auch nicht den Absatz eines anderen Benutzers dieser Seite auseinanderreißen und ändern. Ein eigener Absatz für seine persönliche Meinungsäußerung wäre angemessen.

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Stil und Inhalt
@Stefanolix
Du leidest unter einem schrägen Weltbild? Macht nichts - die Zeit heilt alle Wunden.

zu:
"ich denke, dass Dr. Deans Änderungen sinnentstellend sind"
Denkst Du? Du denkst falsch.

Erklär bitte, falls Du das überhaupt kannst, was Deiner Meinung nach "sinnentstellend" ist - und wie der inhaltliche (!) Unterschied von Boche demgegenüber aussieht.

Na? Genau! Da gibt es keinen inhaltlichen Unterschied.

Falls Du Dein übriges Genöle ernst meinst (blabla, Dr. Dean sollte nicht, blabla):

Mal abgesehen von der impliziten und überaus übergeschnappten Idee, man (bzw. Dr. Dean) dürfe sich nicht zu fremden Weltanschauungen und Ideen äußern, lieber Stefanolix, überlege bitte, ob Boche´s peinliche Version Deinen eben genannten Kriterien stand hält. Ich rede übrigens nicht davon, dass der Autor offenkundig schwerste Probleme mit dem Satzbau hat.

Ich rede von schlechten Stil. Und noch übleren Inhalt.*

Note 6. Setzen!

Was die Stilistik angeht: So (tatsächlich genau so!) hatte ich übrigens stalinistische und linksradikale Gruppierungen in Erinnerung. Wenn jemand deutlich machte, aus welcher Ecke bestimmte Ideen kommen, dann wurde sofort und in praktisch der gleichen Tonlage darüber rumgenölt.

Tja, Stefanolix: Es ist typisch für extremistische Ideologien, dass sie ihre Sichtweise nicht etwa als eine Sichtweise unter vielen sehen möchten, (z.B. in diesem Fall als Ausdruck eines wirtschaftsliberalen Denkens), sondern quasi als unmittelbaren Ausdruck der Wahrheit, der dann bitte weder keiner bestimmten Denkrichtung zugehörig gekennzeichnet werden darf.

Transparenz schätzen "Liberale" nicht...

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Wer sich die Änderungen ansieht, mag sich ein eigenes Bild von der Angelegenheit machen. EOD.

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Zur Zwiespältigkeit des Begriffs "Neoliberalismus"
Meiner Profession entsprechend, betrachte ich das alles primär aus der Perspektive des auf Mentaltäts- und politische Ideengeschichte spezialisierten Historikers und Politikwissenschaftlers, aber vielleicht ist das ja auch die angemessene Sichtweise. Also mal ein Versuch zur Begriffsklärung:

Neoliberalismus meint

1) Alle Strömungen liberaler politischer Philosophie, die nach 1945 entwickelt wurden, als Gattungsbegriff, also Ordoliberalismus, Sozialliberalismus, Kritischen Rationalismus (das ist die Lehre von Altopoda, also Albert, Topitsch, Popper, Dahrendorf) sowie die Lehren Hayeks und der Chicago Boys; strittig ist, ob die Zivilgesellschaftskonzepte z.B. Havels oder Theoretiker wie Rawls auch dazu gehören oder unter Postmoderne einzuordnen sind.


2) In der Entwicklungs- und Sozialpolitik und Industriesoziologie meint Neoliberalismus hingegen alle Volks- und betriebswirtschaftlichen Konzepte, bei denen strenge Sparsamkeit, Rationalisierung durch Kostensenkung und Deregulierung im Vordergrund stehen, also Monetarismus, Angebotsökonomie, Lean Management, Aufgabe von Lagerhaltung zugunsten Just-in-time-Lieferung, Outsourcing. In dem ursprünglichen Wiki wird beides miteinander vermischt bzw. nicht sauber getrennt. Für 2) gibt es noch einen anderen Begriff, nämlich Postfordismus. Wenn wir in den 1980ern über Entwicklungspolitik oder neue Armut diskutierten, war eigentlich nie von Neoliberalismus, sondern immer von Postfordismus die Rede, und in Anbetracht der historischen, epochalen Dimension des Ganzen (Fordismus meint die Hochlohnpolitik und den keynesianischen Wohlfahrtsstaat, aber auch das auf Ressourcenbündelung und Kompetenzenkonzentration (eigener Fuhrpark statt Speditionen zu beauftragen, Betriebskrankenkassen, Werkswohnungen usw.) basierenden Industrieregime der 1950er - 1970er Jahre) ist dieser Begriff wohl angebrachter.

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Was meinst Du bitte mit »Rationalisierung durch Kostensenkung und Deregulierung«?

Rationalisierung ist aus unternehmerischer Sicht im Wortsinn das »vernünftigere« Gestalten der Prozesse eines Unternehmens mit dem Ziel einer höheren Effizienz. Rationalisierung kann zu Kostensenkung führen, aber »Rationalisierung durch Kostensenkung« wäre mir neu ;-) -- Deregulierung kann die Randbedingungen der Rationalisierung bestimmen.

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"Neoliberalismus" ein "betriebswirtschaftliches Konzept"? Warum wissen die Betriebswirte dann nur nichts davon? Oder sollte gar das gute, alte Prinzip der Gewinnmaximierung plötzlich dem "Neoliberalismus" zu verdanken sein?

Ich weiß, das fällt den betroffenen Wissenschaftlern immer schwer, aber ich würde die z.T. beratergetriebenen Moden, denen in erster Linie Großkonzerne unterliegen und die vor allem der Daseinsberechtigung von Vorständen dienen, nicht gleich durch spezielle Bezeichnungen wie meinetwegen auch "Postfordismus" besonderen historischen oder soziologischen Rang verleihen wollen. Dass sich auch die Wirtschaftswelt verändert, ist zwar klar, aber um das zu beschreiben und zu klassifizieren, müsste man erstmal das gewaltige Rauschen herausfiltern und die Dynamik, mit der sich das dahinter alles abspielt, selbst zum Untersuchungsgegenstand machen.

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Es hat aber in der gesamten Organisation ökonomischer Abläufe ein tatsächlich historisch epochaler Wandel stattgefunden, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Lean_Production


http://de.wikipedia.org/wiki/Postfordismus


http://de.wikipedia.org/wiki/Regulationstheorie

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Natürlich fundieren neoliberale Diskurse auch betriebswirtschaftliches Agieren. Ich arbeite in einer Firma, in der die "Alt-Gesellschafter" noch die klassischen Unternehmer-Konzepte betrieben haben: Langfristige Bindung des Personals, einen Stamm fester Mitarbeiter pflegen, das Unternehemen perspektivisch am Markt halten, langfristig etwas aufbauen, durch Müll, den man produziert, jene Produktlinien pflegen, in die man auch auch mal investieren muß etc.

Dann kamen im Zuge des Börsesganges diese ganzen Harvard-Buisness-School-Wixer, und prompt gab es nur noch Projektgeschäft mit befristeten Verträgen, nur noch unmittelbar refinanzierbare Projekte, rein quartalsabschlußbezogenes Handeln, Outsourcing von allem und jedem, selbst wenn die einzelnen Einheiten dadurch teurer wurden - und das alles ideologisch mit Flexibiltitätswahn abgefedert. Und derheini, der all das druchsetze, hat seine Anteile dann verkauft und lebt jetzt von meiner Kohle - bzw. jener, die ich erarbeitet habe - immer ein hlabes Jahr in Südafrika ud läßt sich Sonne auf den Bauch scheinen. Während die "Alt-Gesellschafter" weiter schuften.

Diese vermeindliche "Rausfiltern von Rauschen" dient doch einzig dem Zweck, die hehre Volkswirtschaft mit ihren ganzen nichtssagenden Formalismen als reine Interessenvertretung weiterhin abzusichern. Rausgefiltert wird ja nicht zufällig immer das, was reale, menschliche Situationen betrifft. Dieses Rausfiltern ist reine Gegenstandssicherung, um wirklich relevante Fragen weiter absondern zu können und so auch weiterhin zur gesamtgesellschaftlichen Normalisierung per Flexibilitätsdruck beizutragen.

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So wie MR mir mit dem Unternehmen, in dem er arbeitet, die ganze fiese Welt des Kapitalismus erklärt, dem ich mit meiner Frechheit, eine andere Meinung zu haben, beim Knechten der Arbeitnehmer helfe (ich bin ja immer dankbar dafür, wenn mir jemand erläutert, welchen Zweck ich eigentlich verfolge), so könnte ich auch unbescheiden auf meine langjährige Erfahrung verweisen, die mich zwar nicht an die "Schaltstellen der Macht", aber doch meist in deren Seh- und Hörweite gebracht hat, und zwar in sehr verschiedenen Branchen und Unternehmenskonstellationen.

Überraschenderweise ging es da vor allem um betriebswirtschaftliche Kenngrößen wie EVA, EBITDA oder Kapitalrendite, in den kleineren Läden auch um Liquidität natürlich. Wenn das "Neoliberalismus" sein soll, taugt der Begriff keinen Pfifferling. Der technische Fortschritt vor allem in der Informationsverarbeitung hat es natürlich in den letzten Jahren möglich gemacht, viele neue Maßnahmen auszuprobieren - das ist normal, aber dahinter steckt kein grundsätzlicher Wandel des Koordinatensystems. Hinzu kommt die Teilnahme immer neuer Spieler, deren Rezepte man bei Erfolg übernehmen kann - klassisches Entdeckungsverfahren eben, wie z.B. Toyotas Idee, durch Stärkung der Entscheidungsbefugnisse des einzelnen Arbeitnehmers Qualität im Produktionsprozess selbst sicherzustellen statt auf eine relativ aufwendige Kontrolle am Ende des allmächtigen Fließbands zu setzen.

Was vielleicht vor allem als neu erscheint, ist, dass die Ausstattung eines Unternehmens mit Kapital keine gegebene Größe mehr ist, sondern sehr viel variabler als in den guten, alten Zeiten der Deutschland AG. Auch das ist im Grunde normal und trivial, aber da fielen dann doch gerade seit den 70er Jahren einige Mobilitätshemmnisse weg, so dass sich manche erst daran gewöhnen mussten. Man kann eine Renditegröße eben nicht nur dadurch beeinflussen, dass man den Zähler vergrößert, die Reduzierung des Nenners wirkt sich sogar noch stärker aus.

All das unter einen Begriff zu subsumieren, mag verführerisch sein und ist für intelligente Menschen natürlich jederzeit möglich. Ob es sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln.

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Sage mal, Rayson, hast Du Dich jemals mit Kaizen beschäftigt, wg. Toyota-Modell? Die japanische Umgangsweise mit Konkurrenzdruck und sinkenden Profitraten hat nämlich mit dem, was in Europa Usus ist sehr wenig zu tun, bzw. hatte dies bis vor kurzem nicht, und gleichzeitig wird hieran schön sichtbar, wie fundamental die Unterschiede zu bisherigen Produktionsweisen sind, die im Zusammenhang mit aktuellem Globalisierungs- und Rating-Druck jetzt zum Tragen kommen. Mal abgesehen von dem VÖLLIG ANDEREN geistigen Background.



Der imho mit "Neoliberalismus" oder betriebswirtschaftlichen Vernunftskriterien im europäischen Sinne soviel zu tun hat wie Taylor mit Bushido und Za Zen.

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Wechselwirkungen
Sicherlich gibt es Wechselwirkungen zwischen dem eigentlich volkswirtschaftlichen Ideologemen des Neoliberalismus und betriebswirtschaftlichen Denken und Moden, und zwar in beide Richtungen.

Ein paar Beispiele für diese These:

1. Die Ökonomisierung der Politik in Gefolge neoliberaler Diskurse bringt mit sich, dass betriebswirtschaftliche Argumentationen Eingang in Politik und Gesellschaft finden. Denn Neoliberalismus bedeutet - im Rahmen der eigenen Ideologie - auch die Ökonomisierung von Politik. Sehr konkret lässt sich das z.B. im Umgang mit Arbeitslosen sehen, wo man allzu stark meint, mit dem "Setzen der richtigen Anreize" könne man die Arbeitslosen und Hartzvierlinge vom (vermeintlich) bequemen Arbeitslosendasein abhalten - wobei "Anreiz" hier lediglich simpel ökonomisch verstanden wird, nämlich z.B. in Bezug auf die Regelung von Zuverdienstmöglichkeiten.

Da könnte man noch vieles zu sagen. Ich meine, dass diese betriebswirtschaftlich-ökonomische Programmprägung der Analyse (und angebotenen Lösungen) sozialer Probleme auch Ausdruck neoliberalen Denkens ist, jedenfalls im weiteren Sinne.

2. Auch umgekehrt wird ein Schuh draus: betriebswirtschaftliche Moden (z.B. allgemeines Abspecken im Namen von "Kernkompetenzen" oder reines Kostenverminderungsdenken) können den Inhalt und Richtung einzelner volkswirtschaftlich-neoliberaler Ideen prägen.

Ergo

Das, was Rayson geschrieben hat, dass man nämlich zwischen Betriebswirtschaft und (neoliberaler) Volkswirtschaft trennen muss, ist m.E. etwas zu strikt formuliert, deshalb, weil es Wechselwirkungen verkennt.

Neoliberalismus ist: nichts weiter als ein übersteigerter Wirtschaftsliberalismus. Ich denke, das ist eine einfache und brauchbare Definition.

Natürlich könnte man noch eine zweite Begriffsbedeutung anführen, nämlich die begriffliche Herkunft aus den 40´er bis 60´er Jahren - aber damit geht man am umgangsprachlichen und politologischen Inhalt etwas vorbei, - vor allem aber sollte man die beiden unterschiedlichen und jeweils richtigen Begriffsdimensionen des Begriffs "Neoliberalismus" nicht dogmatisch gegeneinander ausspielen, wie es - leider - für sogenannte "liberale" Rechtsblogger so typisch ist.

Ich meine: Beide Begriffsinhalte haben ihren Wert.

Übrigens kann ich mit dem Begriff "Postfordismus" wenig anfangen. Fast garnichts. Ich halte diesen Begriff für wenig hilfreich - und unscharf.

Aber wie es so häufig der Fall ist: Je nachdem, wie ein Begriff gefüllt wird (und in der linken Diskussion scheint er einen Wert zu haben), kann sogar ein unpräziser, unscharfer, oft sogar willkürlicher Begriff einen Wert haben.

P.S.
Es ist wenig "liberal", wenn an Stelle von Argumenten ein Stefanolix im Kommandoton mit "EOD" antwortet. Aber gut, Diskussionsverweigerung, sobald es eng wird:

Da sind sie riesig.

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Nun, manche Wirtschaftshistoriker und Industriesoziologen - und die operaiistische Linke - bezeichnen das Wirtschaftsmodell, das durch keynesianisch ausgerichtete Volkswirtschaft, hochgeradig arbeitsteilige Fließbandproduktion und Hochlohnpolitik bzw., wie in den 1960ern und 1970ern vielfach praktiziert, Beteiligung der Industriearbeiter durch Belegschaftsaktien sich auszeichnet als Fordismus, weil am Modell Ford + New Deal ausgerichtet, insofern ist der Begriff Postfordismus in sich logisch.


Mit EOD kann ich nichts anfangen.

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Ich habe die Diskussion deshalb mit EOD beendet, weil Dean in dem Wiki eine für mich inakzeptable Änderung vorgenommen hat. Dean schob den Liberalen fettgedruckt und abgesetzt folgende Sichtweise unter:
Es darf in einem liberalen Gemeinwesen an keiner Stelle Versuche geben, ein höheres Maß an Chancengleichheit herzustellen.
Das ist nicht nur Unsinn, sondern diese Vorgehensweise ist auch blanke Demagogie. Nach solchen Diskussionsbeiträgen muss ich nicht mehr weiterdiskutieren.
@Che: Aber vielleicht noch einmal zurück zum Kaizen. Diese Methode ist doch schon lange auf unsere Verhältnisse adaptiert und unter dem Namen »Kontinuierlicher Verbesserungsprozess« bekannt.

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Der kontinuierliche Verbesserungsprozess ist die europäische Adaption des Kaizen, so weit, so gut. Aber hinter dem Kaizen steht noch mehr als nur eine Verbesserung der Produktivität und Produktqualität: Die auf verschiedenen, genau festgelegten und gestaffelten Wegen zu erreichende permanente Verbesserung entstammt dem Zen und ist in der japanischen Philosophie ein Wert an sich. Das Kaizen einfach nur als Verbesserung der Produktqualität zu betrachten wäre so, wie die Katechismen auf die Basis einer Arbeitsmoral zu reduzieren. Und in der Japan-Wahrnehmung wird heftig reduziert. Ich weiß noch, wie Anfang der 1980er Wirtschaftsliberale wie Lambsdorff von Japan schwärmten wegen der hohen Arbeitsmoral und wegen des Fehlens staatlicher Sicherungssysteme. Was sie verschwiegen, war die Tatsache, dass das Ganze Teil eines gegenseitigen Vertragssystems ist, das noch auf feudalistischen Treueprinzipien basiert. Es gibt keine staatlichen sozialen Leistungen, weil es betriebliche Leistungen gibt, die Arbeitnehmer verzichten deswegen freiwillig auf Urlaub, weil die Firma ihnen auch großzügig etwas gibt.

Im Falle einer Insolvenz ist es für japanische Unternehmer bis vor Kurzem üblich gewesen, die Belegschaft bis zum persönlichen Ruin weiter auszuzahlen. Bei der Werftenkrise Ende der 1970er wurde kein Personal entlassen, sondern die Werften eröffneten Fastfoodketten und Bekleidungsmärkte und schulten das Personal entsprechend um.


Als Sony 2002 die Produktion von Röhrenmonitoren einstellte, wurden demgegenüber die entsprechenden Belegschaftsteile zwar freigesetzt, aber auf Konzernkosten in Rente geschickt (ab 29 jahren Lebensalter).

Ein Unternehmer, der aus betrieblichen Gründen, ohne unmittelbare Not wie drohende Insolvenz, Personal in die Arbeitslosigkeit entließ, galt bis in die späten 1990er als ehrlos - das heißt in der Konsequenz im Extremfall, dass die Ehre nur durch rituelles Bauchaufschneiden wiederherstellbar ist.


- Die Einstellung der Kameraproduktion bei Minolta aufgrund eines eigentlich nur geringfügigen Profitabilitätsrückstandes gegenüber dem unmittelbaren Mittbewerber Canon, erzwungen durch Forderungen von Fondsmanagern, die inzwischen bei den Aktionären das Sagen haben, und damit verbundene Kündigungen stellen demgegenüber einerseits das dar, was in Europa und den USA längst normal ist, andererseits einen epochalen Einschnitt in der japanischen Wirtschaftsgeschichte.

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@ che

die oben von Dir beschriebene Situation gilt und galt vornehmlich nur bei den Grossunternehmen.

Die Zulieferer, wie auch deren Angestellte, waren und sind unter ganz, ganz anderen Bedingungen tätig, denn dort findet sich die "atmende Reserve" der Grossunternehmen, die ja so treu sind gegenüber ihrer Belegschaft.

Insofern gilt wie immer: damit der Grosse sein gesicht wahren kann, darf der Kleine Sch*isse fressen.

Im Osten nichts Neues.

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Das sind dann wieder die gewohnten Ungerechtigkeiten, wie wir sie überall kennen - die Arbeitsbedingungen der eigenen Belegschaft von VW und BASF im Vergleich mit denen dort für prekäre Arbeiten und Wartungsdienste eingesetzten Leihkräften von Adecco und Pedus oder den kleinen GmbHs im Outsourcing-Bereich.

Same old story, less of glory.

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@Che

"Lernen" heißt ja nicht "abkupfern", sondern eher sowas wie "sinnvoll einfügen in Vorhandenes".

In dem Sinn haben dann z.B. auch die europäischen Autohersteller sehr von Kaizen gelernt, auch wenn sie nicht die ganze Philosophie mit übernommen haben. Bei Porsche ist aus dieser Erfahrung heraus übrigens eine eigene Beratungsgesellschaft entstanden, die auch jenseits der Automobilindustrie tätig ist und allen anderen Beratergesellschaften einen exquisiten Dienstwagenpark voraus hat...

Im Übrigen hat nicht nur lebemann recht, was die Situation der japanischen Zulieferer betrifft, auch die alte unbedingte Mitarbeiterbindung der Großkonzerne ist eher ein Auslaufmodell wie die Riesenkonglomerate selbst es sind.

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@ rayson

Danke für die Blumen, nur das mit dem "Auslaufmodell" ist zumindest in Japan wohl eher nicht der Fall. "Keiretsu" dominieren dort die Wirtschaft und sind mehr oder minder offene Sponsoren von Abgeordneten.

Und für ein Sogo Shosha habe wir hier erst recht keine Entsprechung.

Gott sei Dank.

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gegenseitige lobhudeleien
raider unter sich? wohl kaum. höchstens solche, die mit bewunderung auf diejenigen blicken, die das kapital ihrer shareholder rücksichtslos gegen die interessen der stakeholder durchsetzen.

homo homini lupus.

mahlzeit.

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Die Shareholder sind per Definition eine Teilmenge der Stakeholder. Und ohne einen vernüftigen Interessenausgleich zwischen den einzelnen Gruppen der Stakeholder funktioniert überhaupt nichts.

Wenn man Deinen Spruch mal zu Ende denkt, dann wären wir also alle Wölfe?

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dass die shareholder per definitionem eine teilmenge der stakeholder sind, weiß ich selber, herr neunmalklug. und wenn du dich zu den wölfen zählen willst: bitteschön. wölfe sind sehr schöne tiere ohne jegliche moral. pass auf, dass nicht mal ein rayson kommt und dich totbeißt, wenn du dich nicht mit deiner stelle als omega-wolf begnügen willst. :-)

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Deine Antwort lässt mich befürchten, dass Du den Artikel zu »homo homini lupus« nicht wirklich zu Ende gelesen hast ;-)

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was du befürchtest, interessiert mich herzlich wenig, bis gar nicht. herr vorzeigeossikapitalist.

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Natürlich, lebemann, sind die Keiretsus noch da (und das Miti) - auch die Dinosaurier sind nicht über Nacht verschwunden, und gerade in Japan neigt man nicht dazu, etwas zu überstürzen...

Aber wenn ich mich nicht ganz täusche, dann ändert sich da gerade etwas - sicher auch bedingt durch die langjährige Wachstumskrise nach Platzen der Immobilienblase. Aber es geht natürlich nicht immer so ruck-zuck, wie der Westmanager das gerne hätte: Schrempp weiß ein Liedchen davon zu pfeifen. Dazu müssen die Exkremente schon massiv den Aggregatzustand wechseln, wie bei Nissan z.B.

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OK, Jolly, ich versuche eine abschließende Betrachtung. Das vollständige Zitat heißt ja übersetzt »Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch, wenn er nicht weiß, welcher Art [sein Gegenüber] ist.« Wenn in diesem Blog zwischen Linken und Liberalen hart und fair diskutiert wird, dann ist das auch eine Lehre aus der Zeit, als wir uns als »Wölfe« zeigten. Und ich denke, der Sinnspruch kann auch auf unseren Disput angewendet werden: Du wendest Begriffe von »Hofhunde des Kapitalismus« bis »Vorzeigeossikapitalist« auf uns an, ohne von uns mehr zu kennen, als ein paar Kommentare. Welche Wahrnehmung hast Du denn von uns?

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rayson, für dich als entschiedenen verfechter des hardcorekapitalismus den namen "schrempp" überhaupt nocht unter die tasten zu nehmen, halte ich für einigermaßen frech. der mann hat dermaßen viel kapital VERNICHTET, dass er in anderen staaten wegen unfähigkeit kurzerhand an die wand gestellt worden wäre! :-)

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@stefanolix: schön bei der wahrheit bleiben: ich schrub vom "hofhund des "liberalismus'", falls du in der lage bist, das zu verstehen. liberalismus in anführungszeichen. verstehen? no? dann klappe halten.

und welche wahrnehmung ich von "euch" habe? "euch" gibt es gar nicht.

punkt.

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Uff.Gerade mit wirklich existenziellen Problemen getun gehabt habend, sage ich mal: Es gibt gar keine "Euchs" und "Wirs". Ich will keine grundsätzlichen Widersprüche wegharmonisieren wollen, trotzdem ist da eine Spannbreite: Ein desillusionierter DDR-Bürgerrechtler, der sich heute als Liberalen betrachtet und darunter Wirtschaftsliberalismus versteht, ein Hayekianischer Wirtschaftsliberaler, der gegen den Irak-Krieg ist, und ein Neocon-Freund sind nicht dasselbe, ebensowenig, wie ein Linker, der die Auswirkungen westlicher Militärinterventionen im Trikont am eigenen Leib erlebt hat und deswegen eine unheimliche Wut im Bauch hat, ein Linksliberaler, der den Linksliberalismus Richtung "realistische, nicht-utopische Linke" weiter entwickeln will oder Leute wie ich, der ich Kritische Theorie und französischen Spätstrukturalismus (also eine Verbindung aus antistalinistischer Marxinterpretation und Psychoanalyse) mit Dependenztheorie und unorthodoxem Antiimperialismus (also eine nichteurozentrische, skeptische Dritte-Welt-Solidarität) miteinander verknüpfe, und Leute wie Don (ein im Grunde wertkonservativer, aber bis in die Knochen antiautoritärer und zugleich hedonistischer Gesamtkritiker des politischen Systems der BRD) oder Netbitch (die vor allem die lustige Lebefrau heraushängen lässt, die sie ist, weltbildmäßig aber in der dekonstruktivistischen Ecke des Feminismus verankert ist) oder sich zwischen diesen Polen bewegende Leute wie The Mule, Momorules und Monoma sind noch einmal etwas Anderes. Wollen wir eigentlich voneinander lernen oder uns Heuballen an die Köpfe werfen?
Vielleicht sollte ich mal wieder was über die wirklich Bösen und die wirklich Durchgeknallten schreiben, die Serie "Elemente der Gegenaufklärung" ist ja noch nicht zu Ende und hat auch noch ein paar Knaller zu bieten.

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Zum Thema »desillusionierter DDR-Bürgerrechtler« sprechen wir uns noch. Wie kommst Du auf die Idee, ich sei desillusioniert? ;-) Aber dass Du mich auf Wirtschaftsliberalismus reduzierst, macht mir jetzt doch schwer zu schaffen, zumal ich heute schon unter den schweren Eisen in der Muckibude über Chancengleichheit und den Gleichheitsbegriff nachgedacht habe. Dann kann ich also an dieser Stelle nur noch eine gute Nacht wünschen; der Tag wird morgen für den liberalen Ossi und »Wirtschaftsliberalen« sehr lang sein ...

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Och, Stefanolix, Unrecht wollte ich Dir nicht tun, halte ich Dich doch für einer der Interessanteren unter den Diskutanten. Und Muskelkater wegen der Muckibude habe ich morgen auch, Gemeinsamkeiten sind also vorhanden ;-)

A Gut´s Nächtle!

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Und noch eine Bemerkung zu den internen Auswirkungen des Kaizen. Ein alter Bekannter von mir arbeitet zur Zeit bei Toshiba und sagt, er würde grundsätzlich nur für ein japanisches Unternehmen arbeiten wollen (es ist nicht sein erstes), weil das durch Füreinanderdasein geprägte Betriebsklima sich bei keinem deutschen Unternehmen annähernd finden lässt. Und ich würde mal sagen, um alles, was mit japanischer Unternehmenskultur und dem Kaizen zugrundeliegender Denke zusammenhängt wirklich zu durchdringen, muss man es entweder selber erlebt haben oder Buddhist bzw. Japaner sein, zumindest aber einige Jahre in einem Shaolin-orientierten Dojo verbracht haben.

Und das ist definitiv nichts, das einfach so als betriebswirtschaftliches Organisationsmodell auf Deutschland übertragbar wäre.

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Zu Sogo Shosha und Keiretsu: Nun, das haben auch in Deutschland einige Pioniere redlich versucht, sind aber am Unverständnis der deutschen Justiz gescheitert. Ich denke da an Hermann Josef Abs, Friedrich Karl Flick, Herrn von Brauchitsch und die Zeit, als sich Deutsche Bank, Daimler Benz und Allianz gegenseitig und diesen gemeinsam die halbe deutsche Rüstungsindustrie (und ein Viertel des Bundestags) gehörte.

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@Che & Muskelkater: Nach einem halben Jahr kommt das bei mir (fast) nicht mehr vor, außer wenn ich es zu schnell angehe. Und bei meiner Form von gesundheitsorientiertem Krafttraining ist Muskelkater eigentlich sowieso sehr selten, nach dem Training spürt man eher eine wohlige Wärme in den Muskeln. Das soll wohl damit zusammenhängen, dass man dort keine ruckartigen schnellen Bewegungen macht und so die Muskeln besser belastet.

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Nun ja, wenn man als jemand, der über viele Jahre intensiv Sport getrieben hat, nach einer schweren Verletzung komplett zerstörte Muskeln wieder aufgebaut hat und jetzt wieder in den Leistungsbereich vorstößt, dann hat das so seine eigene Dynamik.

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Einen Spruch zum
eigentlichen Thema habe ich in einem der »Sudelbücher« von G. C. Lichtenberg gefunden. Boche hatte sich ja auf der Neosprech-Seite mit einer besseren Beschreibung des Begriffes Chancengleichheit engagiert. Lichtenberg schreibt zum Thema Gleichheit:
Die Gleichheit, die wir verlangen, ist der erträglichste Grad von Ungleichheit. So vielerlei Arten von Gleichheit es gibt, worunter es fürchterliche gibt, ebenso gibt es verschiedene Grade der Ungleichheit und darunter welche, die ebenso fürchterlich sind. Von beiden Seiten ist Verderben.
Bei mir war es keine Verletzung, aber zehn Jahre »Zwangpause« durch Arbeit und Familie hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich merke aber mit fast 40, dass z.B. eine Prellung noch lange ihre Spuren hinterlässt. Dir und Deinen Muskeln alles Gute!

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Danke sehr! Und danke auch für den Lichtenberg-Aphorismus!

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